3. Advent-Sonntag

Zum 3. Advent: Windlichter

Die Frau schien davon nichts zu bemerken. Warum war sie hier? Wofür brauchte sie Windlichter? Richtig interessiert zeigte sie sich nicht. Wo wollte sie die aufstellen? Überall funkelt und leuchtet und blinkt es in diesen Tagen. Lichterketten an Türen und Fenstern. An Dächern und Häuserfronten strahlen und glitzern sie in buntem Licht. Wir lassen Sie nicht im Dunkeln stehen, verspricht die grelle Reklame. Auch ausgefallene Wünsche werden erfüllt. Alles soll ins rechte Licht gerückt werden.

 

Ein unbekanntes Licht
Es geschah zu jener Zeit, in der das Licht ratlos geworden war. Wenn es seinen Glanz auf die Erde ausgoss und seine Strahlen den letzten Winkel taghell ausleuchteten, stöhnten die Menschen über so viel unversöhnliches Licht. Vor lauter Licht konnten sie die Sterne nicht  sehen. Nirgendwo ein Platz, wo sie sich verbergen, kein Ort, an den sie sich unbeobachtet zurückziehen konnten. Das Licht vertrieb alle Dunkelheit. Es raubte den Menschen die Sinne und den Schlaf.

Bedrohungsängste regten sich. Die Menschen ertrugen die gleißende Lichtfülle nicht. Sie schlossen Fenster und Türen, zogen die Bettdecke über den Kopf und hofften, dass es dunkler wurde. Hautärzte warnten vor dem Licht. Sonnenstudios begrenzten das Strahlenspektrum der Solarien. Frauen dachten über die Vorteile der Verschleierung nach.

Das Licht verzweifelte an seiner strahlenden Größe. Es sah sich genötigt, weniger stark zu leuchten. Glücklich war es nicht darüber, da es sich nicht vor sich selbst verstecken wollte.

Und es kam eine Zeit, in der statt Licht Dunkelheit auf der Erde herrschte. Alles Leben drohte zu ersticken. Das Leben misslang. Was groß werden wollte, blieb klein. Was sich nach Sonne und Licht sehnte, verkümmerte. Die Menschen sehnten sich nach etwas, das Licht in ihr Dunkel brachte.

Eines Tages verbreitete sich eine Nachricht auf der Erde. Ein ungewöhnliches Licht sei am Himmel gesichtet worden. Von einem unbekannten Stern war die Rede. Da man nicht wusste, was es damit auf sich hatte, ob es Segen oder Fluch bedeuten konnte, machte sich Unsicherheit breit.

Die Wetterpropheten hatten keine Erklärung für das unbekannte Licht. Wettersatelliten, welche die meteorologischen Vorgänge in der Erdatmosphäre beobachten, hatten das Licht bisher nicht registriert. Astrologen waren ratlos. Was konnte es mit einem Licht auf sich haben, von dem niemand wusste und das plötzlich da war? Ratsuchende und Ratgeber hatten Hochkonjunktur. Die Macht der Phantasie beflügelte die Gerüchte-Börse.

Unheils- und Weltuntergangs-Propheten überboten sich mit Schreckensnachrichten. Das Ende der Menschheit sei gekommen, warnten einige. Sie verbreiteten Anweisungen, was zu tun sei. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, trösteten andere. Sie setzten darauf, dass es sich um eine vorübergehende Erscheinung handelte und sich das Leben wieder normalisieren werde.

Das unbekannte Licht zog seine Bahn. Und es kam eine Zeit, dass sich die Menschen an dieses Licht gewöhnten und sich mit ihm vertraut machten, obwohl sie immer noch rätselten, woher es kam und was es für sie bedeutete. Auf den Balkonen der Häuser leuchteten vereinzelt wieder bunte Ketten. Hier und da funkelten Lichter-Netze und Lichter-Ketten in Bäumen und Sträuchern. Lichter-Schmuck erleuchtete die Vorgärten. Hinter großen und kleinen Fensterscheiben strahlten große und kleine Sterne.

Dem Licht gefiel es, von den Menschen wahrgenommen und angenommen zu werden. Es verschaffte ihnen neuen Lebensmut, ein neues Lebensgefühl. Ein Licht ging ihnen auf. Sie öffneten Türen und Fenster, um es hereinzulassen. Heller wurde es in der Welt. Die Menschen spürten, dass sie nicht in Dunkelheit und Angst zu leben brauchten.

Aber sie mussten das Licht zulassen und ihm einen Platz in ihrem Leben einräumen. Wenn sie nur im Aufmerksamkeitsschatten der täglichen Ereignisse verharrten, konnte es wieder dunkel für sie werden. Wenn sie sich dem Licht verschlossen, das behutsam seine Strahlen aussandte,  liefen sie Gefahr, die Orientierung verlieren. Dann konnte das Licht leuchten, wie es wollte – es blieb dunkel auf der Erde und im Leben der Menschen.

Hoffnung und Zuversicht, dass das Leben gelingen kann, haben eine Chance, wenn sich Menschen auf jenes Licht einlassen. Es gibt ihrem Leben einen Sinn. Weihnachten will daran erinnern.

1 Kommentar zu "3. Advent-Sonntag"

  1. Wilhelm Bärwald | 11. Dezember 2016 um 11:39 |

    Was für eine schöne Idee. Statt Politik und nationenübergreifendem Gekloppe, mal etwas anspruchsvoll unterhaltsames. Die Sprache des Schreibers ist köstlich. Verfolge auch seine anderen Geschichten mit Begeisterung und Nachdenken. Danke mg-heute für Ihre Idee und Glückwunsch zu Ihrem schreibenden Kollegen, den mit den anderen Themen.

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