Die Pendeluhr – Vorwort und Spurensuche

Viele Geschehnisse in meinem Leben führten lange ein Schattendasein in fast vergessenen Ordnern. Dann machten Freunde mich neugierig: „Gibt es Ereignisse in deinem Leben, die wir nicht kennen?“

Gab es welche? Wenn ja, wen, außer mich selbst, konnten sie interessieren? Warum sollten andere erfahren, was mich betraf? Waren Außenstehende befugt, in meine Geschichte hineinzuhören? Wo sollte ich diese beginnen lassen?

Dass sie großes Erregungspotential beinhaltete, hielt ich für unwahrscheinlich. Jedenfalls rechnete ich nicht damit.

Zeilen, Seiten entstanden. In die Gegenwart geholte Erinnerungen. Erinnerungsvirtuose bin ich nicht. Dennoch gelang es mir, einzutauchen in weit zurückliegende Vorgänge.

Einiges hat sich ereignet wie beschrieben, liegt aber so lange zurück, als habe es nicht stattgefunden. Sind es Bilder, Eindrücke, Erinnerungssplitter, die ich flüchtig, aus den Augenwinkeln heraus, wahrgenommen habe? War es so? Hat es so sein können? Haften blieb vor allem das, was einen besonderen Stellenwert für mich hatte.

Was ich schreibe, schreibe ich für mich. „Sine ira et studio – ohne Zorn und falschen Eifer, ohne persönliche Emotionen und Parteilichkeit“ zu berichten, wie der römische Historiker Tacitus empfahl, ist mir wahrscheinlich nicht gelungen. Vielleicht wollte ich das auch nicht.

Niemanden klage ich an. Es ist „meine Geschichte“.

Spurensuche

Ich ging auf Spurensuche und war überrascht, an welche Details ich mich erinnerte. Wie aus dem Nebel tauchten Ereignisse im Strom der Erinnerung auf, die ich längst verschollen glaubte. Sie hatten sich eingeprägt: Personen, Geschehnisse, Erlebtes, Erlittenes. Erinnerungen schmelzen nicht dahin wie Schnee.

Etliches ging verloren in den Abgründen der Zeit, oder ich habe es nicht für erinnernswert gehalten. Es ist entglitten. Ich habe es entgleiten lassen. Ich nehme mir die Freiheit, Ereignisse für mich zu belassen – vorerst zumindest. Es gibt unbeschriebene Seiten im Buch meiner Geschichte. Meine erinnerbare Geschichte enthält Lücken. Nicht alles gebe ich preis. Auch sind Ereignisse dabei, von denen ich Abstand genommen habe oder an die ich nicht erinnert werden möchte. Wenn nur Fragmente übrig geblieben sind, weiche ich nicht in Fiktionen aus.

Ich begab mich nicht auf die Suche nach einer verlorenen Zeit, der ich nachtrauere. Erinnerungen hege und pflege ich, aber es soll keine der Vergangenheit zugewandte Erinnerungschronik entstehen. Ich transportiere mich nicht zurück in ein „Es war einmal“, sondern lebe in der Gegenwart. Dennoch weiß ich, dass aus Gegenwart schnell Vergangenheit wird. Was heute ist, gilt morgen als gewesen. Den Fluss des Lebens kann ich nicht aufhalten.

In meinen bisherigen Lebensjahren versammeln sich Nähe und Ferne, Vergangenheiten und Stationen. Die Landkarte meiner Erinnerungen weist viele Punkte auf. Ich veranstalte keine Neuinszenierung dessen, was war. Gestriges beschwöre ich nicht unnötig herauf. Dennoch gilt auch Vergangenes in meinem Leben. Nichts ist ohne ein Vorher. Ich bin nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht.

Entscheidungen, die ich getroffen habe, kamen auf den Prüfstand, wurden korrigiert. Nicht alle Wegbegleiter waren und sind damit einverstanden. Was ich getan bzw. unterlassen habe, hinterließ Spuren und Meinungen.

Von einer ehemaligen amerikanischen Außenministerin wird erzählt, sie trage eine Uhr, deren Zeiger stillstehen. Sie möchte die Zeit, vielleicht ihr Leben, anhalten. Dafür wird sie Gründe haben. Tage und Jahre vergehen oft schnell, eilen vorbei – wie im Flug. Oft möchten wir uns an etwas klammern, uns näher damit auseinandersetzen.

Auch mir geht es so. Aber weder die großen Uhrzeiger der Weltgeschichte noch die kleinen des täglichen Lebens lassen sich nach Belieben manipulieren. Das Leben und die Zeit lassen sich nicht anhalten, erst recht nicht rückgängig machen.

Erinnerungen seien das, woran man sich nicht erinnern möchte – diese Meinung teile ich nicht. Vergangenheit werde ich nicht los. Ich entkomme ihr nicht und will ihr nicht entkommen. Sie ragt hinein in meine Gegenwart, und ich möchte nicht, dass sie sich zu weit von mir entfernt.

Vieles wirkt nach. Bis heute. Es ist nicht in der Requisitenkammer gelandet, sondern hat einen Ankerplatz in meinem Leben gefunden. Es kann aber nicht mit einer Renaissance, einer Wiederkehr rechnen. Nichts soll dem, was heute ist, im Weg stehen.

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