Am Eisernen Tor

Eine der weltweit tiefsten Schluchten. Flussklippen-Landschaft. Ehemals höhere Wasserfälle als die Niagara-Fälle und unvorhersehbare Gefahren für Schiffe, welche die Talenge passierten. „Wir näherten uns der gefährlichsten Stelle des Stroms, dem Eisernen Tor. Wohl eine halbe Stunde vorher verkündet das Rauschen des Wassers den gefürchteten Ort. Felsenriffe durchziehen den Strom und bilden eine Menge Wirbel.“ Nachzulesen in Ida Pfeiffers Tagebuch „Reise einer Wienerin ins Heilige Land“, erschienen 1843 in Wien.

Den Strom, der am Gestein nagte, es zernagte, immer noch an ihm nagt, erlebe ich jetzt als gebändigt. Gebändigte oder vorübergehend gezähmte Wassermassen? Gezähmt wie der Fuchs, den Saint-Exupérys „Kleiner Prinz“ sich vertraut machen will? Kann ich mich ihnen überlassen, ohne dass apokalyptische Ängste mich bedrängen? Naht ein Tag, an dem der Fluss sich rächt an denen, die ihn für ihre Zwecke gebändigt oder missbraucht haben? Reift ein Verhängnis unbemerkt heran?

Die Fragen haben sich erledigt, beruhigen mich jene, die große Steinblöcke im Strom versenkt, ihn reguliert und aufgestaut, seine Fließ-geschwindigkeit reduziert, Schleusen und Dämme gebaut haben. Keine Effekthascherei, nicht Taten geltungssüchtiger Amateure, sondern berechenbare Kunst moderner Zauber-lehrlinge. Langzeitschäden seien nicht zu befürchten, warnender Worte bedürfe es nicht – beschwichtigende Kommentare. Eine neue Ära sei eingeläutet worden. Der dreißig Meter hoch gestaute Strom habe eine zeitgemäße  Daseinsberechtigung.

Die Insel Ada Kaleh ging in den Fluten unter. Mit ihr verloren sich Geschichten von Menschen, die seit Menschengedenken auf ihr heimisch gewesen waren und sie mit Leben gefüllt hatten. Die Insel war ihre Visitenkarte. Nach ihrer Daseinsberechtigung fragte niemand. Fragen nach Unrecht und Ohnmacht stellten sich nicht. Die Staudamm-Kathedrale verschlang einen Lebensraum, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für Generationen von Menschen war. Im Reiseführer wird sie nicht erwähnt. Das Schiff fährt über sie hinweg.

Was kann man? Was darf man? Fragen wurden gestellt, werden immer noch laut. Zögerliche Antworten. Schulterzucken. Es wird schon nichts passieren. Verdrängte Erinnerungen an Goethes Zauberlehrling: „Die ich rief, die Geister, werde ich nicht los.“ Sorge und Furcht sind nicht mit beruhigenden Erklärungen aus der Welt zu schaffen.

Ein römischer Feldherr setzte an dieser Stelle seine Legionen auf die andere Fluss-Seite über. Ein den Römern fremdes Volk wollte er unterwerfen, die erwartete Huldigung einholen und sich feiern lassen. Ob dieses Volk die feindliche Überlegenheit anerkannte und selbst um Unterwerfung bat, weil es nicht über seine Verhältnisse streiten wollte, wird nicht überliefert. Wir wissen nicht, was wir alles nicht wissen. Andere Völker, vor und nach den Römern, überquerten den Strom und drangen in Regionen vor, in denen aus ihrer Sicht die Sonne unterging.

Viele Jahre später zerschnitt ein „Eiserner Vorhang“ den Fluss. Keine Hoffnung auf ein Sesam-öffne-Dich. Aus Menschen, die seit Jahrhunderten friedlich zusammenlebten, wurden Feinde. Verordnete Voreingenommenheit sah im Anderen den Bösen. Der Kalte Krieg verengte die Horizonte und definierte das Zeitgeschehen in trotziger Einseitigkeit entweder aus östlicher oder westlicher Sicht. Bisher selbstverständliche Beziehungen wurden ignoriert und Konfrontationen geschürt. Statt aufeinander zuzugehen, inszenierte man die große Weltverschwörung. Das Gefühl der Vergeblichkeit erfasste die Menschen, die sich nach dem soeben beendeten Krieg nach friedlichem Miteinander sehnten. Intellektuelle Widerspenstigkeit auf beiden Seiten des Vorhangs machte sie duldsam für das, was persönliche Fehler und Irrtümer betraf.

Das Eiserne Tor dagegen erwies sich als nachgiebiger. Die Wasser des Stroms, die an den harten Kanten des Gesteins nagen, weichten mit unendlicher Beharrlichkeit die widerstrebenden Felsen der Karpaten auf, durch die sich die Wasser-Fluten zwängen. Gestein und Strom fanden zusammen und widersprachen jenen, die sagten, dass nicht zusammenfinden könne, was vorher nicht zusammengehörte. Ein kleines Kloster fand an dieser Stelle ein Stück Boden unter seinen Füßen. Zwei Mönche wohnen und beten darin. Gäste nehmen sie auf, die mit ihnen vielleicht darüber nachdenken, wie viel Platz wir brauchen, um leben und überleben zu können.

Ungeachtet dessen, was war oder sein wird, gleitet unser Schiff an einem warmen, sonnigen Frühlingsmorgen durch die Katarakten. Dass sie ihren Namen von tosenden Wasserfällen ableiten, ist ihnen nicht anzusehen. Die Wasserfälle sind Geschichte. Was aus ihnen geworden ist, schreibt andere Geschichten. Wir können aber nicht nur mit Geschichten der Gegenwart leben. Vergangenes Geschehen wirkt nach. Es ist Teil unserer Erinnerungskultur. Die alten Geschichten raunen sie uns zu. Vielleicht sind die Urgewalten am Eisernen Tor doch nur gezähmt und nicht für immer gebändigt.

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