An der Weihnachtskrippe im Hamburger „Michel“

Sankt Michaelis. Der „Michel“. Dem Erzengel Michael geweiht. Bedeutendste norddeutsche Barockkirche. Wahrzeichen der Hansestadt Hamburg.

Weihnachten im „Michel“. Ich konnte es kaum glauben. Unübersehbar viele Kerzen. Angezündet von unübersehbar vielen Besuchern. Christvesper für Kinder und ihre Eltern. Der Pastor trug ein Jesus-Kind in die Krippe. Ein Krippenspiel schloss sich an, noch nicht der Beginn des  Gottesdienstes, aber das schien dazuzugehören. Niemand konnte sich dem Geschehen entziehen. Alle hatten offenbar darauf gewartet, stimmten in die alten weihnachtlichen Lieder ein und hörten die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium: „Es begab sich zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“

Die figürliche Darstellung dieses Ereignisses, die Krippe im Altarraum, war von Kindern und Erwachsenen umlagert. Sie wurde zwischen 1975 und 1979 von der Puppenmacherin Barbara Runschke geschaffen. In der Presse las ich, dass die Figuren vor zwei Jahren restauriert worden waren, weil sie aufgrund verschiedener Umstände gelitten hatten. Mutter Maria hatte sich den Arm gebrochen. Auch bei anderen Mitgliedern der Heiligen Familie war orthopädische Hilfe vonnöten gewesen: Arme und Beine mussten eingerenkt, Gelenke stabilisiert werden. Die Bekleidung der Personen wurde dem heilsgeschichtlichen Ereignis nicht gerecht, war ausbesserungs-  oder erneuerungsbedürftig.

Ohne diese seit Jahren überfälligen Maßnahmen konnte sich die Familie nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen, hieß es. Es wäre sogar bis Heiligabend nicht sicher gewesen, ob sich Mutter Maria wegen der genannten Handicaps in der Lage sah, im „Michel“ wieder in der Krippe aufzutreten. Sie wusste aus vergangenen Jahren, dass Leute aus aller Welt kommen und zumindest aus Neugier einen Abstecher von der Reeperbahn zu Sankt Michaelis machen würden. Darauf war Rücksicht zu nehmen. Allerdings konnte sich niemand eine Krippe vorstellen, bei der die Mutter des Kindes durch Abwesenheit glänzte.

Inzwischen hatte ich mich nach vorn gedrängt und warf aus relativer Nähe meine Blicke auf das wundersame und zugleich menschlich-alltägliche Geschehen. Als wohltuend empfand ich die gelassene Ruhe, die von den Figuren und ihrem Hintergrund ausging und die wie ein Gegensatz zur Betriebsamkeit wirkte, welche das Kircheninnere von Sankt Michaelis erfasst hatte. Himmel und Erde trafen in der Krippe aufeinander. Draußen vor der Kirchentür schien das eine undenkbare, realitätsferne Verbindung zu sein. Hier drinnen wurde das Zusammengehen von Himmel und Erde nicht nur geduldet, sondern erhofft als Verheißung einer in Wirklichkeit doch nicht so Heil-losen Welt.

Verschiedene, im Leben draußen nicht immer harmonisierende  Zugehörigkeiten offenbarten sich dem Krippen-Besucher:

Zwei irdische Menschen zusammen mit einem himmlischen Kind.
Nach Alltag und unqualifizierter Tätigkeit aussehende, nicht in die gehobene Gesellschaft passende Vieh-Hirten.
Kulturelle und migrationsbedingte Unterschiede verratende Personen aus verschiedenen Kontinenten.

Jene, die sich über ein neugeborenes Kind in der Krippe beugten, hatten draußen vor der Kirchentür von Sankt Michaelis wenig miteinander zu tun. Hier drinnen verband sie ein gemeinsames Ziel: Persönliche Befindlichkeiten außeracht lassen und sich von gegenseitiger Angststarre befreien, wenn es um neue Orientierungen geht.

Die Weihnachtskrippe im „Michel“ zwischen der als leicht anrüchig geltenden Reeperbahn und der Flaniermeile Jungfernstieg war Hinweis dafür, dass dies möglich ist. Sollte es gelingen, dürften alle gemeinsam staunen, vielleicht sogar gemeinsam zur Krippe gehen.

Heil-lose Welten muss es nicht geben. Gebrochene Arme sind reparabel, verschlissene Kleidung lässt sich ersetzen, Gegensätze in Denken und Handeln sind überwindbar, wenn man neue Orientierungen anstrebt. Mutter Maria in der Krippe würde sich dem nicht widersetzen. Auch Ochs und Esel hätten nichts dagegen. Sie würden sich vermutlich zuraunen: „Geht doch. Haben wir immer gewusst und praktiziert.“