Beredtes Schweigen

pendeluhr

Fast vierzig Jahre sind vergangen, seit ich Verwandte, Bekannte und Freunde wissen ließ: „Unser Erzbischof wird mich in diesen Tagen von den Aufgaben des priesterlichen Dienstes entpflichten. Ich teile es mit, ehe es offiziell verlautet. Meine Bitte ist es, mein Ausscheiden aus dem Amt als Gewissensentscheidung zu akzeptieren.“ Ich wollte sie informieren, wenn auch nur mit ein paar Worten.

Vielen war mein bisheriger Lebens- und Berufsweg vertraut. Einige hatten Stationen zusammen mit mir erlebt. Der eine oder andere mochte geahnt haben, dass dieser Schritt kommen würde, hatte Vermutungen geäußert und Schlussfolgerungen gezogen.

Jetzt sollten sie „aus erster Hand“ erfahren, wie ich mir meine Zukunft vorstellte. Sie brauchten nicht zu spekulieren oder Getuscheltes zurecht interpretieren. Sie sollten keine Cocktails aus Halbwahrheiten und Spekulationen mixen, aus Nachrede und Gerüchten. Kollektiven Phantasien wollte ich den Nährboden entziehen. Dennoch war nicht zu verhindern, dass die Nachricht  mit etlichen Zutaten aus der Gerüchteküche angereichert wurde.

Man gewöhnt sich an alles: An Kälte und Hitze, an Sonnenschein und Regen, an die Ungereimtheiten des Lebens.“ Der Naturforscher Alexander von Humboldt schrieb das einer Freundin. Gewöhnten sich Verwandte, Bekannte, Freunde an meine Entscheidung?

Sie sprechen nicht mehr darüber, zumindest nicht in meiner Gegenwart. Wenn ich in ihren Gesichtern blättere, ist darin zu lesen, dass sie sich von meiner Entscheidung immer noch betroffen fühlen. Sie reden wenig. Desto eindringlicher schweigen sie.

Soll der Mantel des Schweigens ihre Unsicherheit bedecken? Beredtes Schweigen? Ob sie sich sorgen, dass zu viel geredet wird und dass zu viele Worte neue Empfindlichkeiten hervorrufen? Verbirgt sich hinter Gesprächsverweigerung Misstrauen oder Zustimmung? Schweigen kann tödlich sein, beunruhigender als das, was gesagt wird. Eindeutiger wäre ein Ja oder Nein.

Andererseits muss ich akzeptieren, dass aus ihrer Verwunderung nicht immer Bewunderung geworden ist. Auch Schweigen ist eine Antwort, wenn auch eine interpretationsbedürftige.

„Ich ziehe es vor zu schweigen, wo mir das Verständnis fehlt.“ Der antike griechische Dichter Sophokles hat den Satz dem König Ödipus in den Mund gelegt. Gilt  er immer noch?

Schweigen sei besser, als zur Unzeit Worte verlieren, sagen einige. Schweigen schaffe Frieden, meinen andere. Wenn jemand schweigt, der einem nahe steht, zwingt sein Schweigen zum Nachdenken. Wenn Schweigen zum Grab für bisherige Freundschaft zu werden droht und man in leere Gesichter blickt, ist es dann nicht an der Zeit zu reden und Gründe zu benennen für ein plötzliches Kommunikationsdefizit? Wie soll man sich verhalten, wenn man sich für sein Gegenüber scheinbar in Luft aufgelöst hat, obwohl man leibhaftig vor ihm steht?

Ich nötige niemanden zum Reden, sondern habe gelernt, jedem sein Schweigen zu belassen, seine Sprachlosigkeit zu respektieren. Das hilft ihm vielleicht, mit mir umzugehen. Schweigend bieten mir manche Paroli und finden so einen Weg, sich mir gegenüber zu behaupten.

Ich will ihnen diesen Weg nicht verbauen. Wir werden schweigend kommunizieren, wenn sie das möchten. Leicht fällt mir das nicht. Manchmal verlangt das Leben jedoch, sich so zu verhalten, wie man es bis dahin nicht gewollt hatte.