Das Sittenzeugnis

Gern würde ich in dem Sittenzeugnis blättern, das erstellt wurde. Setzte das Studium mein Fromm-Sein voraus?  Würde es die Frömmigkeit fördern, wenn sie der Förderung bedurfte? Vielleicht enthält das Zeugnis Andeutungen, die zwanzig Jahre später den Abschied vom Priesteramt zur Folge hatten, weil ich doch kein Besonderer war oder meine Frömmigkeit zu wünschen übrig ließ.

Die geistige Begabung des Bewerbers war unter die Lupe zu nehmen. Ob er in seiner Klasse leistungsmäßig zu den Besten, zum Durchschnitt oder zur unteren Hälfte zählte, wurde gefragt. Mein Abiturzeugnis hatte ich nicht vorgelegt. Ich ging davon aus, dass nur die positiven Seiten meiner Fähigkeiten angekreuzt wurden.

Über geistige oder körperliche Defekte bei Eltern, Geschwistern oder sonstigen Verwandten wollte man etwas in Erfahrung bringen. Es wurden Auskünfte verlangt, die sich nicht nur auf den Geist, sondern auch auf den Leib bezogen.

Zum Glück hatte man nicht nach dem Stammbaum meiner Familie gefragt. Meine Vorfahren konnten vor gut zweihundert Jahren weder lesen noch schreiben. Die deprimierende Feststellung hatte ich der Ahnenforschung entnommen. Hätte sie das Ende meiner Theologen-Träume bedeuten können?

Ob die Familie ein Mitglied mit einem weniger guten Ruf hatte, wollte der Auftraggeber des Zeugnisses beantwortet wissen. Was war bei mir ans Tageslicht gekommen?

In welchem Ruf der Bewerber in der Gemeinde stand und ob er in der Gemeinschaft versagte. Über Eigenbrötelei, Geltungsdrang, Ichbezogenheit und Unduldsamkeit war Rechenschaft abzulegen. Meine Absicht, Theologie zu studieren, hing am seidenen Faden.

Ob ich ein Muttersöhnchen sei, musste beantwortet werden. Von meiner Mutter hielt ich viel. Sie auch von mir. Ihre Geschichte war Teil meiner Geschichte. Nach Artikel Acht der Europäischen Menschenrechts-Konvention wird jedem das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens zugestanden. Hatte sie für die Anfertigung eines Sittenzeugnisses keine Geltung, weil die deutschsprachige Fassung völkerrechtlich nicht verbindlich ist?

Die Fragen des Sittenkatalogs nahmen kein Ende.  Kritik-Sucht und Rechthaberei, Unzuverlässigkeit und Eigensinn, überhebliches oder vorlautes Wesen wurden hinterfragt. Auftreten in der Öffentlichkeit, Eitelkeit in der Kleidung, zu große Freiheit in der Wahl der Lektüre wurden überprüft. Die Chance, ein Theologie-Studium zu beginnen, schwanden dahin.

Auf Beichtspiegel hätte man zurückgreifen können, die für Beicht- und Bußwillige Sündenregister im Angebot hatten. Beichtspiegel zählten auf, was man falsch machen konnte. Sie kannten Vergehen, von denen man nie gehört, an die man nie gedacht hatte. Manche Vergehen gestanden sich Sünder ein, obwohl sie diese nicht begangen hatten. Kein Seelenstriptease konnte tiefgründiger sein.

Das Sittenzeugnis machte es dem Nachforschenden nicht leicht. Er musste Schwachstellen entdecken, wo es keine  gab.

Indirekt stellte sich die Frage nach schizophrenen Symptomen. Wie war feststellbar, ob es welche gab, ob psychische Unzulänglichkeiten oder Auffälligkeiten theologisch-beruflichen Zielen im Weg standen? Schizophrene, gemütskranke Menschen stammen häufig von schizophrenen Müttern oder Vätern ab, sagt man. Meine Mutter hätte den um Auskunft Bittenden als schizophren eingestuft, wenn sie danach befragt worden wäre. Mein Vater war tot; er konnte nicht Stellung nehmen.

Warum sollte ich mich einem Psyche-Test unterziehen? Warum gab es derartige Hürden für Priesteramt-Kandidaten?

Stutzig hätte mich die Frage nach dem Benehmen gegenüber weiblichen Personen machen müssen. „Weibliche Personen“ klang allgemein, unverbindlich, abstrakt. Weibliche Personen waren ein Neutrum, das Weibliche schlechthin. War gemeint, ob mich, den hoffnungsvollen theologischen Zögling, wie in Goethes Faust das ewig Weibliche hinan bzw. hinab zog, ob ich gegen Beziehungswahn, welcher Art auch immer, gefeit sei?

Heutige Vergehen wie Umweltverschmutzung, Einnahme von Drogen und andere neumodische Laster standen nicht im Katalog. Gegen sie konnte ich nicht verstoßen haben.

Vielleicht wusste man mehr über mich, als ich dachte. Man hätte zusätzlich in chinesischen Sternzeichen forschen können. Im Sternzeichen des Hasen hätte man Überraschendes über mich entdeckt. Hasen haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie setzen sich für Benachteiligte und Minderheiten ein.

In unseren Tagen erübrigen sich Sittenzeugnisse. Jeder kann alles über jeden erfahren. Wer wissen will, warum sein Nachbar gestern die Gardinen um neun Uhr  beiseite schob und nicht schon um acht Uhr, dem genügt ein Fingertouch auf einem unauffällig kleinen Gegenstand, der in eine Westentasche passt. Jenes unscheinbare Etwas oder auch ein elektronisches Armband erfahren und wissen alles, meistens noch mehr. Jede Art von Kommunikation wird überwacht – Telefon-Gespräche und SMS-Nachrichten, E-Mails und Suchanfragen im Internet. Immer mehr Daten werden gespeichert, die ich immer weniger verstehe.

Vielleicht hatten Sittenzeugnisse doch ihren Charme.