Hausgemachte Persönlichkeitsstruktur

pendeluhr

Obwohl ich gewillt war mich einzuordnen, empfand ich wie auch andere Seminaristen gelegentlich Unbehagen über das, was selbstverständlich zu sein schien..

Am Sonntagmorgen marschierten wir in Soutane zum Dom, als seien wir bereits Inhaber eines öffentlichen Amtes, das sich in der Kleidung manifestierte. Wir waren uns unseres Standes würdig und bewusst. Deutete sie eine in die Zukunft weisende Prominenz an? Taten wir mit unserer Ver-Kleidung so, als seien wir schon jemand anders?

Wie beurteilten es jene, die den Kostümzauber des schwarzen Geschwaders beobachteten, das an ihnen vorbei zog? Als Maskerade? Verglichen sie uns mit den Figuren des Glockenspiels im Rathausturm, die zur vollen Stunde in feierlicher Reibungslosigkeit ihre Ehrenrunde drehten? Glichen wir Karussell-Pferden, die auf Kommando rund liefen?

Noch war es die schwarze Soutane, die wir trugen. Würde jemand eines Tages die violette eines Bischofs oder die rote eines Kardinals tragen dürfen? Man klärte uns darüber auf, welche geistlichen Würdenträger die schwarze Soutane mit violetten Knöpfen und Knopflöchern, die schwarze oder violette Soutane mit rubinroten Knöpfen und Knopflöchern, die schwarze oder rote Soutane mit hellroten Knöpfen trugen.

Dass Soutanen, auch die weiße des Papstes, mit 33 Knöpfen angefertigt werden, weil sie auf die Anzahl der Lebensjahre Jesu hinweisen sollen, verschwieg ich daheim vorsichtshalber.

„Wenn ihr wollt, dass man euch gehorcht, seht zu, dass man euch liebt.“ Dem italienischen Priester und Pädagogen Don Bosco im 19. Jahrhundert wird diese Aussage zugeordnet. Dass Kleider Leute bzw. Priester machen, wird ihm fremd gewesen sein.

Besuchsempfang war erlaubt an Sonn- und Feiertagen, jeweils nach dem Mittagessen bis 16 Uhr. Besuch wurde im Sprechzimmer empfangen. Wenn auch Mitseminaristen Besuch erwarteten, durfte sich jeder eine Zimmerecke aussuchen, um sich unterhalten zu können.

In der Regel nutzten wir die Möglichkeit, das Haus zu verlassen und mit den Besuchern in die Stadt zu gehen. Die geistliche Obrigkeit wird das arabische Sprichwort geschätzt haben, dass seltener Besuch die Freundschaft vermehrt. Ob in der arabischen Welt Besuche nur im Sprechzelt stattfinden, ist mir nicht bekannt.

Die Semesterferien, die wir meistens daheim verbrachten, galten als hinreichende Möglichkeit, der Welt draußen nicht zu entfremden. Offenbar genügte es, wenn künftigen Priestern während dieser Zeit das „Draußen“ begegnete und sie dort ihren Manövrierraum testen konnten. In einer Fabrik zählte ich Schrauben und katalogisierte, welche Schraube zu welchem Gegenstück passte. Keine kreative, berufsorientierte Beschäftigung. Sie hatte keine theologische Bedeutung, besaß aber Legitimität, weil ich ein Stück Wirklichkeit in Händen hielt.

Wie wichtig frische Luft für den Menschen sei, erkenne man, wenn man zu ersticken drohe, sagt der belgische Ordenspriester Phil Bosmans. Das meinte er nicht nur im biologischen Sinn. Man hätte ihn, den man als modernen Franziskus bezeichnete, in unser Seminar einladen sollen.

Dass man sein Leben leichter bejahen kann in einem Netz von Beziehungen, auch und vor allem zölibatäres Leben, und dass Beziehungen zugelassen und gepflegt werden wollen, war in der „Vita Communis“ primär auf hausinterne, hausgemachte Beziehungen bezogen. Über ein Pro oder Contra dazu entstanden keine lauten Diskussionen.

Das Konzil hatte im „Dekret über die Ausbildung der Priester“ betont, die Ausbildung der Alumnen im Priesterseminar hänge von sinnvollen Gesetzen ab. Es darf gefragt werden, nach welchen Kriterien deren Sinn geprüft wurde.

In einem Pressebericht über die Ansprache eines Bischofs an die Leiter von Priesterseminaren heißt es, der Bischof habe den Mitbrüdern Mut zugesprochen. Sie würden zu schnell kritisiert und zu Sündenböcken erklärt. Man mache sie fälschlicherweise verantwortlich für Fehlveranlagungen und Fehlverhalten der Seminaristen. Er empfehle ihnen, sich aus den Vorwürfen nicht zu viel zu machen.

Ich bin sicher, dass der Leiter unseres Priesterseminars Vorwürfe ernst nahm und sich nicht für unfehlbar hielt.