Nikolaus auf der Kinder-Krebsstation

An den nackten Kopf des Elfjährigen hatte ich mich im Laufe der Zeit gewöhnt. Strahle-Jan nannte ihn die Krankenschwester, die sich rührend um ihn kümmerte. Jan war stolz, so angesprochen zu werden. Er strahlte immer, wenn ich ihn auf der Station besuchte.

Die Krankenschwester bewunderte ich. Wie schaffte sie es, fröhlich und ungezwungen mit Jan und den kranken Kindern umgehen zu können? „Die Kinder auf unserer Station brauchen keine Schwester mit Trauerrand“, sagte sie.

Die Bestrahlung, die Jan nach der Chemotherapie erhielt, sollte die verbliebenen Reste des Tumors und die restlichen Krebszellen vernichten. Jan war bestens informiert und beschrieb mir mit medizinischer Sachkenntnis, was da vor sich ging. Er wolle auch Arzt werden, sagte er. Es sei unwahrscheinlich interessant, mit welch tollen Geräten die Ärzte arbeiteten. Sein Computer daheim sei nichts dagegen. Man merke nichts von der Bestrahlung. Er müsse zwar während der Behandlung eine Maske über sein Gesicht stülpen, sehen könne er dennoch alles. Es sei halb so schlimm.

Seine positive Einstellung änderte sich, als er plötzlich von starken Fieberschüben heimgesucht wurde. Das war Anfang Dezember. Wir hatten uns über eine aus Kleinasien stammende Nikolauslegende unterhalten. In ihr wird erzählt, Nikolaus habe in drei aufeinander folgenden Nächten drei Mädchen je einen Goldklumpen durch das offene Fenster zugeworfen, um sie finanziell auszustatten.

Jan fand das cool, fragte mich aber, wie ein Bischof an so viel Gold komme. Meine Erklärungsversuche, das sei nur eine Geschichte, welche die große Hilfsbereitschaft des Bischofs beschreiben wolle, fand er nicht sehr überzeugend. Er glaube zwar nicht mehr an den Nikolaus, betonte er, wenn der aber so spendabel sei, könne er ihn gern einmal hier auf der Station besuchen.

Das Fieber warf ihn völlig aus der Bahn. Seine Immunabwehr war zusammengebrochen. Der Hirntumor war stärker als er. Ich musste das Zimmer verlassen und fuhr heim. Am nächsten Tag war ich wieder bei ihm. Die Schwester erzählte mit dürren Worten, sein Zustand sei  kritisch. Die Bestrahlung werde vorerst ausgesetzt. In der Nacht habe er seltsames Zeug erzählt. Von einem reichen Mann habe er gefaselt, der ihm Gold versprochen, es aber nicht gebracht habe. Ich schwieg.

Als ich ins Zimmer kam, lag Jan teilnahmslos im Bett. Ich setzte mich zu ihm. Irgendwann begann er leise zu reden. Ich musste angestrengt zuhören. Das Wort Nikolaus kam leise über seine Lippen. Ich meinte ein Lächeln bemerkt zu haben.

Ein paar Tage später starb er. Nikolaus war nicht gekommen. Jan brauchte nicht mehr auf ihn zu warten. Er war dort angekommen, wo er dem legendären Bischof  persönlich begegnen konnte. Vielleicht konnte er ihn auch nach den Goldklumpen fragen.

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