Reise nordwärts. Überraschungen am Nordkap

 Mehr als hundert Kreuzfahrtschiffe steuern jedes Jahr Honningsvåg an, Verwaltungssitz der Gemeinde Nordkap an der Südseite der Insel Magerøya.

Auch unser Schiff hat angelegt. Mehrere hundert Passagiere steigen in die Busse 1-7 und 11 – 16 mit Fahrtziel „Nordkap“ an der Nordseite der Insel. Für viele in Gedanken ein Höhepunkt ihrer Reise. Die Abfahrt der Busse erfolgt zwischen 22.30 Uhr und 23.00 Uhr. Am späten Abend. Man will die Mitternachtssonne erleben.

Am Zielort hat das Besucherzentrum, die Nordkaphalle, geöffnet. Hier kann man erfahren, wie ein Leben hoch im Norden verläuft. Im Keller zeigt das Kino „atemberaubende Bilder über den hohen Norden“. Außerdem darf man eine von Kindern aus verschiedenen Ländern der Erde geschaffene Skulptur „Kinder der Erde“ bestaunen. „Die Wichtigkeit von Freundschaft“ soll sie darstellen. Ein Restaurant mit integriertem Café bietet Schutz vor oft heftigen Winden der Barentssee. Nicht wenige Ausflügler verbringen dort ihre Zeit bis zur Rückfahrt der Busse. Sie hätten auch in Honningsvåg bleiben können. Der Ort bietet „Einkaufsvergnügen und aufregende Aktivitäten am Ende der Welt“. Steht jedenfalls im Reisekatalog.

Die Busse 8 und 9 starten derweil zur „Panoramafahrt Insel Magerøya“. Bus 10 befördert eine besondere Gruppe von Nordkap-Fans: Quad-Safari-Fahrer. Die Rückkehr aller Busse erfolgt unterschiedlich zwischen 01.15 Uhr und 02.30 Uhr. Ab 02.15 Uhr sind hoffentlich alle an Bord zur „Willkommen zurück – Party“. Der Kreuzfahrtdirektor spendiert eine nächtliche Gulaschsuppe. „Genießen Sie das nette Ambiente mit Live-Musik“, heißt es im Tages- bzw. Nachtprogramm. Ende offen. Einige finden es faszinierend, wie großzügig und unterschiedlich man mit seiner Zeit umgehen kann. Als vor ein paar Tagen die Bord-Uhr um eine Stunde vorgestellt und uns eine Stunde Schlaf „gestohlen“ wurde, klang das noch anders. Ich bin überrascht.

Als ich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal am Nordkap war, war etwas anderes faszinierend für mich: Die Magie dieses Ortes „am Ende der Welt“. Dann die ungewöhnlichen Lichtverhältnisse, auch wenn sich damals die Sonne hinter einem Grauschleier verbarg. Schließlich die Erfahrung, dass der Planet Erde begrenzt ist und gleichzeitig über sich hinausweist auf jenseitige Planeten, auf jenseitiges Leben, vielleicht auf ein generelles Jenseits.

Seit 1997 lebt die aus Nürnberg stammende Eva Schmutterer in einem kleinen Fischerdorf wenige Kilometer vom Nordkap entfernt. „Die Zeit, nach der wir uns am meisten sehnen, ist Ende Januar, wenn die Sonne nach der langen Polarnacht wieder über dem Horizont steht. Eine viertel Minute lang dauert das am ersten Tag. Danach geht die Sonne jeden Tag zehn Minuten früher auf und zehn Minuten später unter.“ Kostbarkeiten, die in Minuten gezählt werden. Zu lesen in einem ihrer Bücher.

Eva Schmutterer hat in ihrem kleinen Dorf die Galerie „East of the Sun“, „Östlich der Sonne“, eröffnet. Sie schreibt nicht nur. Sie malt. Eine besondere Technik hat sie entwickelt. Auf ihre Landschaftsskizzen klebt sie buntes Papier und lässt so Kollagen entstehen, angefertigt mit Messer und Leim. Die Mitternachtssonne, die steil ins Meer abstürzende Landschaft, der rote Mohn, der Leuchtturm in den Felsen bilden Grundmotive ihres Schaffens, dessen Vielfalt beeindruckt. Evas Bilder interpretieren das Leben auf der Insel Magerøya. Sie fangen die auf Menschen mystisch wirkende Landschaft ein. Das ständig sich wandelnde Licht spiegelt sich in den Bildern wider. So erlebt Eva Natur und wird ein Teil von ihr. Ich bin nicht nur überrascht, sondern sprachlos.

Gibt es Menschen, Einheimische, sogar Touristen, die sich für Evas Kunst interessieren?  Überraschende Feststellung: „Viele.“ Manche haben über das Internet von ihr erfahren. Es gebe Leute, die gezielt in die Galerie kommen, um ein Bild zu kaufen, sagt Eva. Noch erstaunlicher: Einheimische gehören zu ihren besten Kunden, nicht gelegentliche Kunst-Interessierte aus Europa und Amerika. Es gebe nicht viele Häuser auf der Insel, in denen kein Bild von ihr hänge.

Einige Bilder möchte man sofort mit nach Hause nehmen: „Der ferne Horizont“. Eine Frau in einer weiten Landschaft schaut auf das Meer. Die winterliche „Kirche in Honningsvåg“ mit einem Mond im blauen Licht. Auch das ebenfalls im Blauton gehaltene Bild „Unter dem Mond“.

Die Teilnehmer an den Nordkap-Touren kamen zurück mit vollen Einkaufstüten und ungezählten Fotos auf Kameras und Smartphone. Welche persönlichen Erinnerungen an Magerøya und das Nordkap werden sie mit heimnehmen und welche außerhalb der Nordkaphalle gesammelten Eindrücke?

In Evas Galerie, in ihren Büchern, bei ihr persönlich kann man „Kleines“ entdecken, das „Großes“ bedeuten und werden kann. Es fahren keine Touristen-Busse zur Galerie. Es gibt keine Gulaschsuppe. Man nimmt dennoch etwas mit nach Hause, das erinnerungswürdig ist an das Nordkap auf der Insel Magerøya. Diese Überraschung sollte man sich gönnen.

2 Kommentare zu "Reise nordwärts. Überraschungen am Nordkap"

  1. Peter Josef Dickers | 28. Juli 2019 um 21:50 | Antworten

    Eine erfreulich positive Erfahrung, Fam. Pralat, die man bei einer solchen Reise zu Recht erwarten darf. An diesem Anspruch sollten sich alle Reedereien orientieren.

  2. Ursula Pralat | 28. Juli 2019 um 20:20 | Antworten

    Auch wir d.h. mein Mann 82J. und ich 74J. waren im Juli mit einem Kreuzfahtschiff in den Norden gefahren u.a. Spitzbergen und Nordkap. Vor ca. 20 Jahren waren wir schon einmal mit einer Busreise am Nordkap und da wir dort sehr schlechtes Wetter hatten und nichts gesehen haben hatte mein Mann schon lange den Wunsch nocheinmal eine Reise dorthin zu machen. Sein Motto war; viel Zeit haben wir nicht mehr. So haben wir in diesem Jahr die Reise in den Norden mit einem Kreuzfahrtschiff gemacht und sind begeistert zurückgekommen. Das Wetter war gut und die Mitternachtssonne haben wir an mehreren Tagen bzw. Nächten erleben können. Für uns war es eine wunderschöne Reise und wir sind voll auf unsere Kosten gekommen. Tag und Nacht hell hat uns auch aus unserem normalen Schlafrytmus gebracht. Aber wir haben es gerne in Kauf genommen.

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*