Solos Dios basta

pendeluhr

War ich von modernistischem Gedankengut infiziert? Vor der Diakonatsweihe hatte ich den von Papst Pius X. Im Jahr 1910 eingeführten Antimodernisten-Eid geschworen, der für angehende Diakone, Pfarrer und Theologen verbindlich war, die in der Seelsorge oder im Lehrfach tätig sein sollten. Ich hatte dem Irrtum abgeschworen, kirchlicher Glaube widerspreche der Geschichte, und Dogmen der Kirche ließen sich nicht in Einklang bringen mit den Quellen der christlichen Religion.

Ich hatte den „festen Glauben“ daran bezeugt, dass die Kirche Hüterin und Lehrerin des geoffenbarten Wortes sei. „Ich nehme alles und jedes Einzelne an, was vom irrtumslosen Lehramt der Kirche bestimmt, aufgestellt und erklärt ist“, schwor ich. Einmal Beschworenes gelte für immer, bis zum letzten Hauch des Lebens, hieß es im Text. Treueschwüre hatten Ewigkeits-Bedeutung.

Gehörten auch das Interesse am Politischen Nachtgebet und meine „Heilsarmee-Gottesdienste“ an den modernistischen Pranger? „Lamentabili“ ist der Name des Antimodernisten-Dekretes. Lamentieren hat mit jammern, mit wehklagen zu tun.

Während des Essener Katholikentags hörte ich die Predigt eines Geistlichen, der junge Menschen verurteilte, die den Jugendbischof durch unaufhörliches Klatschen von der Bühne vertrieben hatten. Aufrührer, Revisionisten, Protestler nannte sie der Prediger.

Sie hätten sich an der gläubigen Haltung der Theresia von Avila orientieren sollen, rügte er sie. Diese habe mit ihrem „Solos Dios basta – Gott allein genügt“ gezeigt, dass man auf den gnädigen Gott vertrauen und sich den kirchlichen Oberen überlassen könne.

Ich war überrascht. Das Gedicht der spanischen Karmeliterin verstehe ich als Loblied auf die Geduld. „Nichts soll dich verwirren, nichts dich erschrecken; alles geht vorbei. Gott bleibt stets gleich, mit Geduld erreicht man alles. Wer bei Gott ist, vermisst nichts. Gott allein genügt.“

Theresia sagt nicht, man brauche sich nur unter die Fittiche Gottes oder des geistlichen Dienstpersonals zu begeben, dann sei alles gut. Die Karmeliterin ist davon überzeugt, dass jemand, der sich auf Gott einlässt, mit Geduld und Vertrauen in den Tag geht und sich nicht von jedem Windhauch erschüttern lässt.

Hatte der Prediger den Riss nicht wahrgenommen, der sich beim Katholikentag zwischen offizieller Kirche und Laien auftat? Emotional wurde über „Humanae Vitae“ diskutiert. Der Wind der Veränderung wehte allen ins Gesicht. Die bequeme Vorliebe für Vertrautes geriet ins Wanken.

Bei einer Priesterweihe im Würzburger Kiliansdom versicherte ein Bischof den Neupriestern, sie gehörten nun nicht mehr sich selbst, sondern Gott, in dessen liebendes Handeln sie sich verlieren dürften. Der Bischof setzte bei seinen Schützlingen eine Menge Gottvertrauen voraus.

Gottes liebendes Handeln muss nicht immer identisch sein mit dem Handeln derer, die ihn auf Erden vertreten. Gott weiß das vermutlich. Wissen es auch alle auf Erden?