Totenzettel.
Gedanken zum Totensonntag

Gefallene oder vermisste Väter, Söhne und Freunde gab es überall in unserer Nachbarschaft. Ich war zu jung, um mir vorstellen zu können, was das bedeutete. Schemenhaft erinnere ich mich daran, als der Briefträger kam und meiner Mutter einen Brief in die Hand drückte. Mein Vater hatte den „Heldentod fürs Vaterland“ erlitten.

Aus vagen Bruchstücken setzt sich mein Bild von jenem Tag zusammen. Nie hat Mutter darüber gesprochen.

Eines Tages habe ich begonnen, nach meinem Vater zu fragen. Viele Zeitzeugen, auch meine Mutter, waren inzwischen tot. Heute wühle ich herum in Totenzetteln und alten Zeitungsnotizen. Ich frage nach bei Verwandten und Bekannten. Ich sitze in Bibliotheken und suche nach dem, was gewesen ist.

Einen Brief habe ich gefunden. Ein Bruder meines Vaters schrieb ihn 1940 aus Frankreich an seine Schwester. „Hoffentlich kommt bald der Befehl zum Generalangriff, wir sind es nämlich leid. Wir möchten kämpfen oder nach Hause gehen. Eines wird sicher bald eintreffen, sobald es Frühling wird: Sie werden die deutschen Fäuste zu spüren bekommen.“

Vier Wochen später kritzelte er auf eine Feldpostkarte: „Hoffentlich besinnen sich unsere jetzigen Feinde noch einmal. Wir hatten diese Woche eine Übung mit scharfer Munition. Ich kann nur sagen, wenn es mal losgeht, dass es dem Feind dann sehr schlecht geht.“

Haben alle so gedacht? Ich weiß es nicht. Es steht mir kein Urteil darüber zu. Das aber ist mir bewusst: Nicht alle Seiten der Vergangenheit lassen sich aufdecken. Vielleicht ist das gut so.

Wiederum vier Wochen später stand auf dem Totenzettel für ihn: „Betet für die Seelenruhe des tapferen Soldaten, der für das Vaterland sein junges Leben opferte.“ Zwei Jahre war ich damals alt. Warum will ich das heute wissen? Ich weiß es nicht. Oder doch. Ich will es wissen, weil es mit mir zu tun hat.

Vier Jahre war ich alt, als mein Vater 1942 starb. Im gleichen Jahr diskutierte die Wannseekonferenz in Berlin über die Endlösung der Judenfrage. Der Blutrichter Roland Freisler wurde Präsident des Reichsgerichtshofes. Der Schriftsteller Stefan Zweig nahm sich in Rio de Janeiro das Leben wegen der Zerstörung des geistigen Europa.
Ich möchte wissen, was war. Was heute ist und was ich heute bin, hat mit gestern zu tun.

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