Verhüllt

Ich hatte von einem ägyptischen Topmodel gehört, das sich nach mehrjähriger Karriere im Modegeschäft für den Schleier entschloss und ihre Model-Karriere aufgab. Ihren exotisch-afrikanisch aussehenden Körper mit den perfekten Maßen vor aller Welt zu enthüllen, entsprach nicht mehr ihrer Lebensphilosophie.

Männliches Offenbarungsbedürfnis und weibliche Hängepartien am Swimmingpool hätten das ebenfalls beherzigen sollen. Verhüllungstextilien der marokkanischen Tuchindustrie hätten reißenden Absatz finden können. Enthüllung kann befreien von Körperfeindlichkeit und neurotischer Übersteigerung des Schamgefühls. Wollen das auch die nicht-islamischen Nackedeis für sich beanspruchen, die sich von den verschleierten Hotel-Bediensteten den Orangensaft am Pool servieren ließen?

In Agadir, der modernen Stadt an der Atlantikküste, fielen sie mir auf. Drei Viertel der marokkanischen Frauen und Mädchen, denen ich in der Stadt und am Strand begegnete, trugen ein Kopftuch, viele den Tschador, der Kopf und Körper verhüllte. Unbekümmert schlenderten sie über die Strandpromenade, liefen am Wasser entlang, saßen in den Strandcafes. Unter Kopftuch und Tschador steckten vermutlich selbstbewusste Mädchen und Frauen. Was hielten sie von den Sonnenbrand-Touristen und den Minimal-Textilern? Dürfen sie nicht unseren Respekt erwarten, wenn sie sich in ihrer Verhüllung geborgen fühlen? Was ist mit denen, die sich um ihrer selbst willen enthüllen und zur Schau stellen? Fragen, die auf Antworten warten.