Vom Kosovo nach Mönchengladbach – Eine wundersame Familiengeschichte

Manchmal esse ich im Balkan-Restaurant. Beim „Jugoslawen“ sagt man in MG-Hardt. Der Wirt machte mich mit Balkan-Spezialitäten vertraut. Ražnjići, Ćevapčići, Rakija, Šljivovica lernte ich schätzen. Von „Gastarbeitern“ sprach man damals, nicht von der West-Balkan-Route. Es gab ein Anwerbe-Abkommen mit Jugoslawien. Hunderttausende kamen, um hier zu arbeiten und anschließend nach Hause zu gehen. Viele blieben in Deutschland und wurden hier heimisch.

Das jugoslawische Modell eines Vielvölker-Staats zerfiel in die Nachfolgestaaten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Mazedonien und das Kosovo. Aus Nachbarn wurden teilweise Feinde. Isa, mit dem ich zum Gespräch verabredet bin, spricht zurückhaltend von gegenseitigem Unverständnis, das in den Jahren zwischen 1991 und 1999 zu den Balkankriegen führte.

Manche Wunden seien vernarbt. Eine persönliche Verwundung sei geblieben: „Wo ist mein Vater?“ frage er. Wenn er wieder einmal daheim im Kosovo zu Besuch sei, hoffe er, die Tür öffne sich und der Vater trete ein. Seit 1997 kenne niemand sein Schicksal – nicht Isas  Mutter, die noch dort wohnt, nicht seine Verwandten, nicht seine Freunde. Tausende starben, Tausende werden bis heute vermisst.

„Wer hatte etwas von diesem Krieg?“ Isa blickt fragend auf seine zweijährige Tochter, die auf seinem Schoß sitzt. „Sie kann es nicht wissen“, antwortet er für sie. „Niemand weiß es. Und die es wissen, sagen es nicht; auch jene nicht, die uns, wie sie sagen, befreit haben.“

Ich höre schweigend zu und will mir ein paar Notizen machen. Noa, seine Tochter, sitzt inzwischen auf meinem Schoß. Sie hat meinen Stift genommen und kritzelt etwas in mein Notizbuch. Vielleicht spürt sie, was in ihrem Vater vorgeht. 1993 hatte er seinen Schulabschluss gemacht. Wie andere sah er seine Zukunft im Kosovo. „Aber welche Zukunft?“ nimmt er den Gesprächsfaden wieder auf. Es schien keine Zukunft zu geben.

Sein Bruder war inzwischen in Hamburg. Dort hatte er Fuß gefasst und ein Restaurant eröffnet. Isa machte sich allein auf den Weg nach Hamburg. Nach dem „Wie?“frage ich nicht. Familiäre Bindungen ermöglichen vieles. Er engagierte sich bei seinem Bruder und übernahm 2007 das Restaurant, als der Bruder sich neu orientierte.

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Ich bewundere, dass es für albanisch sprechende, in Deutschland „Ausländer“ genannte Fremde „selbstverständlich“ ist, hier Wurzeln zu schlagen. „Wir schauen nicht auf jene, denen es gut geht“, nimmt Isa meine Verwunderung wahr, „sondern auf andere, denen es nicht so gut geht und daher an einem besseren Leben arbeiten.“ Seit 2012 ist er verheiratet. Auch seine Frau stammt aus dem Kosovo. Dort haben sie geheiratet in einem Ort unweit von Pristina, der Hauptstadt des Kosovo.

Anstelle einer aufwendigen, ortsüblichen Hochzeitsfeier wollte Isa seiner Frau die Welt am Persischen Golf zeigen. Enttäuscht und zugleich geläutert kamen sie zurück. Das war nicht ihre Welt. „Nicht Geld und Wohlstand brauchen wir. Wir wollen zufrieden sein.“ Was Isa sagt und wie er etwas sagt, ist vertrauenswürdig.

Zufrieden hat mit „Friede“ zu tun. In seiner Heimat herrscht offiziell Friede, obwohl Hass und Unfrieden zwischen den verschiedenen Volksgruppen immer noch groß sind. Ein Beispiel dafür ist die Fußball-Europameisterschaft 2016. Politisch brisante Partien wie z. B. „Kosovo gegen Bosnien- Herzegowina“ wurden vermieden. Der serbische Fußballverband legte beim Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne Einspruch ein gegen die Aufnahme des Kosovo in die UEFA und FIFA.

„Zufriedenheit muss man sich erarbeiten“, sagt Isa. Auch wenn die Welt Kopf steht, gibt es keinen Grund zu verzweifeln.

Zusammen mit seiner Frau hat er inzwischen das oben erwähnte Balkan-Restaurant übernommen. Die neue Speisekarte hat zwar  „Balkan“-Charakter, aber auch „Typisch Kosovo“ scheint hindurch. „Noa“ haben sie ihr Restaurant umbenannt. „Noa“? frage ich. „Ja Noa. Wie unsere Tochter.“ Mit „Noa“ und „Noa“ bauen sie an ihrer Zukunft. Nicht als „Gastarbeiter“, sondern als verantwortungsbereite Mitglieder unserer Gesellschaft.

Mit Tochter Noa sprechen sie „Deutsch“. Wenn sie mit ihren Eltern demnächst Oma im Kosovo besucht, wird sie einige Brocken „Albanisch“ beherrschen. „Aber“, sagt Isa,  „Deutschland ist unsere Heimat. Ein Zurück gibt es nicht.“ Wie viel Wehmut sich hinter diesen Worten verbirgt, lässt er offen.

Isa und seine Familie werden hier Freunde finden, auf die sie zählen können.

1 Kommentar zu "Vom Kosovo nach Mönchengladbach – Eine wundersame Familiengeschichte"

  1. Für morgen 11.12. 18zhr hätte ich gerne einen Tisch für 2 Personen. Bitte Info. Danke

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