Wo ein Wille, da ein Weg

pendeluhr

Ich war enttäuscht über die Antwort aus Rom, ließ den Prälat jedoch wissen, mich mit dem ablehnenden Bescheid nicht abfinden zu wollen. Meinen Antrag verstand ich weder als Alles-oder-Nichts-Spiel noch als Glücksspiel mit ungewissem Ausgang. Ich hatte nicht vor, im Dauerkrisenmodus zu verharren.

Der Prälat zeigte sich freundlich offen wie immer und lud wieder zum Nachmittagskaffee ein, deutete aber an, sein Handlungsspielraum sei begrenzt. Charme-Offensive? Indirekte Einladung zum „Frühstück bei Tiffany“? Truman Capote beschreibt in seinem bekannten Roman etwas, das unerreichbar ist, eine Sehnsucht, die sich nicht realisieren lässt.

War der Prälat insgeheim froh über die ablehnende Mitteilung? Setzte er auf Zeitgewinn? Wartete er auf einen neuen Entschluss meinerseits? Setzte er darauf, dass ich mich in das Unvermeidliche fügte und nach dem Münchhausen-Prinzip einen Ausweg aus einer prekären Lage suchte, in die ich mich gebracht hatte? Gab er mir wie die Königstochter Ariadne einen Faden in die Hand, damit ich herausfand aus dem Labyrinth selbst verursachter Schwierigkeiten?

Es war nicht leicht zu erkennen, was in ihm vorging. Vorauseilende Schadenfreude unterstellte ich ihm nicht. Ging es ihm darum, mir den Klageweg bei der Kurie zu ersparen? Wollte er mich zwangs-beglücken?

Gegen Letzteres sprach die Art, mit der er mir die Negativ-Nachricht überbrachte. Seine Worte ließen keine distanzierten Untertöne heraushören. Sie  klangen nicht nach Ultimatum, sondern nach dem Versuch, einen Modus Vivendi zu finden – für mich und für ihn. Er lächelte auf rätselhafte Weise, als wisse er mehr, als er mitzuteilen bereit war.

Die Hürde war nicht überwunden, aber das letzte Wort schien nicht gesprochen. Manches deutete trotz des negativen Signals auf ein versöhnliches Ergebnis hin. Dazu musste kein unüberwindbares Hindernis aus dem Weg geräumt, kein unentwirrbarer gordischer Knoten gelöst werden, den einst Alexander der Große mit seinem Schwert durchschlug.

„Nil volentibus arduum“ sagt ein lateinisches Sprichwort. Die englische Übersetzung „Nothing is impossible if you really want it“ verdeutlicht, was gemeint ist: Nichts ist unmöglich, wenn man will. Bei hinreichend gutem Willen und ausreichendem Können lässt sich ein Weg finden und ein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Die scheinbare Unvereinbarkeit  gegensätzlicher Prinzipien suchte nach Harmonisierung. Ich musste keinen Widerstand organisieren. Euphorisch gestimmt war ich dennoch nicht. Mehrere Bäume ergaben noch keinen Wald. Ich fürchtete eine Marathon-Strecke vor mir zu haben, auf der erst wenige Kilometer zurückgelegt waren.

Für Freudengefühle  und Selbstzufriedenheit bestand kein Anlass. Zweifel blieben, obwohl Zuversicht keimte.