Wohlfühl-Ambiente beim Ja-Wort

„Sexy Locations“ müssten her, wo Heiratswillige sich das Ja-Wort geben, wird gefordert. Ein Flugzeug-Hangar z. B. erfüllt nach Worten des Betreibers die  entsprechenden Voraussetzungen. Ortsüblichen bzw. Ja-Wort-üblichen Ämtern fehlt demnach die sexy Atmosphäre. Amtlicher Animier-Stuben-Charakter soll den Ja-Willigen bewusst machen, worauf sie sich miteinander einlassen.

Worin der sexy Charakter des Borussia-Parks oder eines Edel-Restaurants besteht, sei dahingestellt. Nicht nur im stillen Rathaus-Kämmerlein soll der „schönste Tag im Leben“, so der Leiter des Fachbereichs Bürgerservice, beurkundet werden, sondern an Örtlichkeiten, die „zeitgemäß“ sind. Ungewöhnliche Orte sind gefragt. An Vorschlägen mangelt es nicht. Wie wäre es mit dem Ja-Wort in der Straßenbahn, im Supermarkt, an der Autobahn-Raststätte? Es wird Paare geben, die im Wohlfühl-Ambiente eines konkreten Ortes mit seiner ausgefallenen Kulisse im siebten Himmel schweben. Zeitgemäßes, vielleicht auch publikumswirksames Zur-Schau-Stellen ihres privaten Ereignisses wäre ihnen sicher und im etwas höheren Preis inbegriffen.

Gibt es aber nicht auch das Bedürfnis, besondere Situationen und Ereignisse gerade nicht dort zu erleben und stattfinden zu lassen, wo sie „zeitgemäß“ zu sein scheinen? Kann ein „Ja-Wort“ nicht an Kraft und Bedeutung gewinnen, wenn zwei Menschen bei der Zeremonie im Mittelpunkt stehen und nicht vereinnahmt werden durch die außergewöhnliche Beschaffenheit der jeweiligen Örtlichkeit, die alle Aufmerksamkeit beansprucht? Standesamtliche Trauung muss nicht in der abgeschotteten Black Box vonstatten gehen. Ein auf das Ereignis begrenzter und dafür erprobter Raum kann aber dazu beitragen, sich in Ruhe gegenseitig Mut zu machen, von hier aus aufzubrechen in die gemeinsame Zukunft.

Wir leben in einer Gegenwart mit Gepflogenheiten und einem Lebensgefühl, das vom Event-Charakter inspiriert wird. Das muss niemand ausblenden. Gefragt werden darf jedoch, ob sich das wie in einer Endlos-Schleife in allen Lebenslagen wiederholen muss und der Einzelne so zum Treibgut angeblicher Zeitgemäßheit wird. Entscheiden muss jeder für sich.

1 Kommentar zu "Wohlfühl-Ambiente beim Ja-Wort"

  1. Frieder v. Bebber | 19. Juli 2017 um 22:12 |

    Gut gebrüllt Löwe. Muß man wirklich alles, nur weil man es kann. Allerdings, wie reizvoll mag es in unserer Eventgesellschaft sein: „Mein Boot, mein Pferd, meine Wahnsinns Hochzeitslocation.
    Hurra, wir haben ein neues Statussymbol. Wen stört es denn da schon, wenn das Brautpaar vor lauter ausgefallener Kulisse garnicht mehr ins Auge fällt. Na ja, man kann , aber muß nicht.

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