Zwischen Bratpfanne und Rahmsoße

Wenn ich mit meinen Schülern die Welt nicht verstand, wenn ich ihre Welt verstehen wollte, dann lud ich sie in meine Küche ein. Zwischen Bratpfanne und Rahmsoße, zwischen Ketchup und Salatsoße erfuhr ich etwas über Probleme beim Zerlegen von Zahlen in Primfaktoren. Was zu heißen Diskussionen geführt hatte, kühlte sich ab, wenn wir überlegten, was wir kochen wollten. Das hing von meinen Vorräten ab. Eine eiserne Reserve hatte ich im Haus. Kleine Gläser mit Sellerie und Bohnen, mit Champignons und Mais standen auf dem Regal. Wenn eine Mathe-Arbeit geplant war, musste auch vorgesorgt und nicht erst während der Arbeit überlegt werden, wie man Zahlen in Primfaktoren zerlegt. Die Schüler nickten zustimmend. Während die einen Gemüsegläser öffneten, diskutierten andere über den Unterschied zwischen dem größtem gemeinsamen Teiler und dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen.

Es war nicht wichtig, was wir kochten. Entscheidender wurde, ob die Düfte von Paprika und Knoblauch, das Würfeln und Würzen kleiner Fischfilets die Zungen lösten. Wenn das Gulasch mit Rahmsoße gebunden wurde, waren auch andere Verbindungen geknüpft worden.

Ich hatte mich bereit erklärt, ein Gespräch mit dem Mathe-Lehrer einzufädeln. Der Abnabelungsversuch einer Tochter von ihrem Vater hatte zu ziemlichem Stress geführt. Beim Abschrecken der gekochten Eier einigten wir uns darauf, dass der Vater seine Tochter und die Tochter ihren Vater nicht auf gleiche Weise kalt stellen durften.

In der Küche wurden Weichen gestellt. Während in der Auflaufform Kräuterkrusten entstanden, kamen am Esstisch andere Verkrustungen zur Sprache. Nicht selten endeten schnelle Gerichte und bunte Salate in langen Diskussionen über Gott und die Welt, über Eltern und Lehrer, über das Leben schlechthin.

Die Küche ist eine segensreiche Erfindung. Sie kann  nicht groß genug sein.