1969: Die Wanderung im Hauptquartier – Erlebnisbericht eines Zeitzeugen

OrdenEs war im Juni, als ich mit dem Fahrrad zum Hauptquartier nach Mönchengladbach fuhr. Nach einigem Suchen fand ich den Startplatz zu den großen Wanderungen.
Die ganze Organisation lag in den Händen der britischen Streitkräfte und deshalb waren auch viele kleinere und größere Truppenteile beteiligt.
Es gab Wanderstrecken von 10 – 40 km, die kürzeren wurden meist von Familien und Einzelwanderern gebucht. Ich meldete mich für die 30 Kilometerstrecke an und begab mich frohgemut auf den Weg.
Meine Ausrüstung bestand aus Wanderschuhen, Kniebundhose, einem Anorak und einem Umhängebeutel, in dem ich mir etwas Verpflegung eingepackt hatte.
Ganz im Gegensatz zu mir hatten einige Eliteeinheiten sogar schweres Marschgepäck dabei.

 

Die Strecke war sehr gut markiert und ich kam über den Knappertzbach zum Hospital. Durch den Wald ging es weiter an der Busch- und der Holtmühle vorbei.
Anschließend mußte ich den Grenzlandring überqueren.
In Wegberg mußte ich lachen, da saßen einige Sonntagswanderer am Straßenrand und kühlten ihre heißgelaufenen Füße. Sie hatten zu den normalen Straßenschuhen auch noch modische Nylonsöckchen an.
Für diese war die Wanderung schon nach ein paar Kilometern zu Ende.
Bei Buschend überquerte ich wieder die frühere Autorennstrecke und hinter der Eisenbahnbrücke erreichte ich den ersten Kontrollplatz. Dort war schon viel Betrieb und an den Tischen saßen Wanderer, die schon einen Frühschoppen angefangen hatten. Nachdem ich mir den Kontrollstempel abgeholt hatte, wanderte ich gleich weiter.
Am Waldrand vorbei kam ich nach Merbeck, wo etwas versteckt im Wald eine weitere Kontrollstelle lag.
Dort kam ich erstmals mit einer Gruppe belgischer Soldaten in Kontakt, wir trafen uns unterwegs einige Male wieder.
Über Tetelrath, und Ryth kam ich nach Niederkrüchten. Dort passierte ich ein schönes Schwimmbad, es herrschte bei diesem Wetter Hochbetrieb.
Ich wanderte wieder weiter und erreichte bei Brempt den Hariksee. Die Sonne brannte unerbittlich vom Himmel, ich war müde und legte eine größere Rast ein. An einem Armeewagen gab es kostenlos Getränke, wovon ich reichlich Gebrauch machte.

Ich blieb etwa eine halbe Stunde im Schatten der Bäume liegen, bevor ich wieder aufbrach.
Ich glaubte jetzt das Schlimmste überstanden zu haben, es kam aber ganz anders.
Der Weg führte nun durch freies Gelände weiter nach Waldniel. Vorher hatten Leute Eimer mit Wasser an die Straßen gestellt, damit die Wanderer sich abkühlen konnten.
Hier gab es aber keine Häuser und wir mußten durch die brennende Sonne.
Der Weg kam mir jetzt endlos vor. Immer wieder fuhren Rotkreuz-Wagen die Strecke ab und sammelten die Opfer der Straße ein.
Gleich vor mir brach ein in einer Kolonne marschierender Soldat zusammen.
Die Sanitäter waren gleich zur Stelle und brachten ihn ins Hospital. Auch bei mir hielt kurz ein Rettungswagen, ich winkte aber zurück, noch war ich ok.

Ich glaubte es jedenfalls und wunderte mich, als langsam ein Reisebus an mir vorbeifuhr und die Fahrgäste mit den Fingern auf mich zeigten.
Mit zitternden Knien erreichte ich Waldniel und setzte mich dort auf die Fensterbank eines Schaufensters. Als sich mein Gesicht in der Fensterscheibe spiegelte bekam ich einen riesigen Schrecken. Es war feuerrot und ich sah aus wie ein Indianer.
Jetzt wußte ich warum die Leute mich vorhin  so angestarrt hatten.
Mir blieb nichts anderes übrig, als wieder eine längere Pause einzulegen.
Nachdem ich mich wieder etwas erholt hatte setzte ich meinen Weg fort.
Jetzt ließ ich aber keine Gelegenheit mehr aus mich rechtzeitig abzukühlen.

Auch kontrollierte ich häufig meine Gesichtsfarbe. Die Wegstrecke wurde für mich noch hart, auch wenn das Ziel langsam näher rückte. Um bei meiner Ankunft etwas frischer auszusehen machte ich kurz vor dem Ziel noch eine kleine Pause.

Vor dem Ziel war ein Triumpfbogen aufgestellt und gerade als ich diesen durchschritt begann eine wohl einhundert Leute umfassende Blaskapelle an zu spielen.
Ich zuckte richtig zusammen, da wurde das Musikstück auch schon wieder abgebrochen. Jetzt bemerkte ich, daß jede Wandergruppe so empfangen wurde.
Da sie auch mir zu Ehren gespielt hatten, winkte ich ihnen ein Dankeschön zu.
Auf der Tribüne saß jede Menge Prominenz, die den Wanderern Beifall spendeten.
Viele Jahre später war diese Musikkapelle in einem sehr schlimmen Verkehrsunfall verwickelt, bei dem es auch mehrere Tote gab.
Da fiel mir wieder der Wandertag ein, wo mir die Musiker Freude bereiteten.

Mächtig stolz nahm ich am Ziel meinen Orden in Empfang.
Gerade als ich das Fahrrad bestieg, trafen die Belgier im Ziel ein. Ich winkte ihnen noch ein Lebewohl zu, und machte mich auf den Heimweg. Als ich mich abends auf die Waage stellte, hatte ich drei Kilogramm an Gewicht verloren.

1 Kommentar zu "1969: Die Wanderung im Hauptquartier – Erlebnisbericht eines Zeitzeugen"

  1. Hut ab, Herr Winzen.
    Mit Sicherheit ohne Doping. ich denke, wer zu der Zeit so eine Tour gegangen ist, der war sauber.
    Vielleicht fühlen sich auch andere Leute durch Ihren Bericht angeregt, solche Erlebnisse hier ‚ mal zu erzählen. Ich jedenfalls fand sie nett und unterhaltsam.
    Zeitzeuge eben. Haben Sie vielleicht noch mehr in Ihrer „Schatzkiste“?
    Meine Kinder haben nicht schlecht gestaunt, dass jemand so eine Tour überhaupt schafft. Da gehört schon auch sehr viel Liebe zum Wandern und der Natur dazu, eine gute Kondition nicht zu vergessen. Ich wünsche Ihnen noch eine ganze Menge Gesundheit, und vielen Dank nochmal für die Geschichte.
    Verdienter Orden!!!

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