Autor: Peter Josef Dickers

  • Beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue

    Beim Bundespräsidenten im Schloss Bellevue

    Über Bundespräsident Frank Walter Steinmeier wusste ich etwas aus Berichten über ihn, Reden von ihm, Interviews mit ihm. Politisch-gesellschaftliche Fakten in der Regel: „Der Herr Bundespräsident wünscht.“ „Der Herr Bundespräsident hat angeordnet.“

    Gelegentlich drangen auch solche Informationen an mein Ohr:

    –  Der Bundespräsident zieht sich für einige Wochen aus der Politik zurück, um seiner Frau Elke Büdenbender eine Niere zu spenden.

    –  Als er als Außenminister um Mitternacht von einer Auslandsreise heimkam und anschließend bis zwei Uhr mit seiner Tochter Ikea-Regale aufbaute, äußerte sich seine Frau: „Dieser Mann kann nur ein toller Typ sein.“

    –  „Verratet es keinem“, vertraute er Kindern an. „Wenn ich in langen Sitzungen bin, male ich gern kleine Bilder. Mal sind es Menschen und Tiere, mal sind es Pflanzen und Häuser. Am liebsten zeichne ich Elefanten.“

    Im Schloss Bellevue, seinem Berliner Amtssitz, erlebte ich ihn und seine Frau Elke Büdenbender persönlich, als sie ihre Gäste begrüßten:

    – Vertreter von Institutionen, die sich mit der Aufarbeitung der vergangenen dreißig Jahre Deutsche Geschichte beschäftigen. Viele Zeugen der friedlichen Revolution sind alt oder schon tot. Es ist wichtig, aus der Gegenwart heraus die Neugier auf das Leben davor zu wecken.

    – Bürger aus den Partnerstädten Halle und Karlsruhe. Unter­stüt­zt durch den damaligen Minis­ter­prä­si­den­ten Lothar Späth nahm Karlsruhe vor der Wende Kontakt mit Halle auf. Karlsruhe war eine der ersten westdeut­schen Städte, die eine Städte­part­ner­schaft mit einer Stadt im Osten Deutsch­lands einging.  

    – Unternehmer und Handwerker.
    – Schüler eines Oberstufenzentrums in Berlin-Kreuzberg.  

    Bei mir „ergab sich nichts anderes“. Zusätzliche Hinweise enthielt die Einladung: „Es werden Foto- und Filmaufnahmen gemacht, auf denen Sie abgebildet sein können für Öffentlichkeitsarbeiten des Bundespräsidenten.“ „Planen Sie genügend Zeit für die Sicherheitskontrolle ein.“ Als Staatsoberhaupt gilt für den Bundespräsidenten die höchste Gefahrenstufe. Für mich hieß das: Passkontrolle an der Eingangspforte Hauptwache und Sicherheitsschleuse. Wie am Flughafen.

    Ein paar „Formalitäten“ waren vorher zu erledigen. „Aus Sicherheitsgründen müssen wir im Vorfeld des Termins Vor- und Zunamen sowie Ihr Geburtsdatum und Ihren Geburtsort erheben und an die mit der Sicherheitskontrolle beauftragten Stellen weiterleiten, die diese im Rahmen ihrer Befugnisse verarbeiten und in der Regel unverzüglich löschen, soweit sich gesetzlich nichts anderes ergibt.“

    Gast im Schloss Bellevue zu sein, in dem sich Könige, Staatschefs und Gäste aus aller Welt ein Stelldichein geben, war kein alltägliches Ereignis für mich. Ich fühlte mich geehrt. Auf Wohlstandsdekor, Prunk und Pomp verzichtet das Schloss Bellevue, der frühklassizistische Bau am Berliner Tiergarten. Im Zweiten Weltkrieg brannte es fast völlig aus. Es wurde wieder aufgebaut und später mehrmals restauriert. „Prunk und Pomp“, Titel wie „Hoheit“ oder „Majestät“ würden auch nicht zu diesem Präsidenten-Ehepaar passen.  

    Schnell wurde klar, welches Präsidenten-Ehepaar uns erwarten würde. Am Ende der großen Treppe zum Aufgang in die oberen Säle, vorbei am Reitergemälde von Friedrich Wilhelm III., lernten wir einen zwanglosen und unaufgeregten Präsidenten kennen. Seine Gattin, Frau Büdenbender, nahm mit den etwa sechzig Zuhörern im Halbkreis vor dem Rednerpult Platz. Der Vorgang hatte etwas Selbstverständliches an sich und verriet im Nachhinein, warum uns vorher niemand über „Regeln und Fallstricke des Benimms“ belehrt hatte. Man schien davon auszugehen, dass Einladende und Gäste sich gegenseitig respektieren.

    Elke Büdenbender,
    Ehefrau des Bundespräsidenten

    Vielleicht hatte die wohltuende Atmosphäre auch damit zu tun, dass auf Ansehen und Titel bedachte Diplomaten und Salonlöwen, „Durchlaucht“ und „Spektabilitäten“, nicht anwesend waren. Andererseits darf man diesem Bundespräsidenten zutrauen, jemandem, der ein hohes Amt bekleidet, angemessen zu begegnen.

    Darauf musste er an diesem Vormittag nicht bedacht sein. Seine kurze Begrüßungsansprache, die Wahl seiner Worte, seine gelassene Souveränität verrieten den Menschen Frank Walter Steinmeier. Der aus kleinbürgerlichem Milieu im ländlichen Kreis Lippe stammende Sohn eines Tischlers und einer heimatvertriebenen Fabrikarbeiterin hat seine persönliche Geschichte mitgenommen in die vielen Stationen, die ihn bis ins Schloss Bellevue geführt haben.

    Vergleichbares erlebte ich, als ich beim ausklingenden Empfang im Anschluss an die Veranstaltung Frau Büdenbender auf die Begrüßungsrede ihres Mannes ansprach. Sie bot spontan an, mir die Ansprache per mail zuzuschicken, um sie bei MG-heute verwenden zu können. Als sie meine Überraschung registrierte, mit der ich ihr Angebot aufnahm, bezog sie sich mit ein paar Sätzen auf ihre Lebensgeschichte: Wie ihr Mann stamme sie nicht aus hochherrschaftlichen Verhältnissen. Sie habe gelernt, auf einfache Fragen einfache Antworten zu geben.

    Sie sagte es und erkundigte sich nach meinen eigenen Lebensdaten, auf die sie mit Erstaunen reagierte.

    Dieser Vormittag im Schloss Bellevue wird in mir nachklingen – auch deshalb, weil ich einen persönlichen Beitrag einbringen durfte. Ich werde darüber berichten.

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  • Allerheiligen

    Allerheiligen

    Die Stadt Soest feiert Allerheiligen-Kirmes. Die dortige, seit der Reformation evangelische St. Petri-Kirche wurde an einem Allerheiligentag geweiht – Anlass damals, ein Fest zu feiern, „das den einfachen Leuten die Gelegenheit zur Abwechslung gab und den Betuchten die Möglichkeit, ein gutes Geschäft zu machen.“ Nachzulesen in der Brauchtums-Geschichte.

    Mehr als sechstausend Personen hat die Katholische Kirche bisher heiliggesprochen. So viele Tage hat das Jahr nicht. Daher schuf man einen Feiertag, um sie gemeinsam zu würdigen.

    Wie wird man „heilig“? Ursprünglich, indem man sein Leben für die Botschaft des Christentums opferte. Außer solchen „Märtyrern“ konnten ab dem 8. Jahrhundert „heiliggesprochen“, „zur Ehre der Altäre erhoben werden“, Menschen „die ihren Glauben still gelebt und ihr Christsein konsequent verwirklicht hatten“. An ihnen sollte man sich orientieren können, durch sie Impulse für die eigene Lebensgestaltung erhalten.

    Man muss nichts „Besonderes“, nichts „Ungewöhnliches“ leisten, um in die Schar derer aufgenommen zu werden, die  „verehrungswürdig“ sind. Wir alle haben die Chance, „heiligmäßig zu leben“, auch wenn wir in aufregender Weise ein scheinbar ereignisloses Leben führen.

    Kamillus von Lellis war so einer. Sohn eines Offiziers im 16. Jahrhundert. Leidenschaftlicher Spieler und schnell bettelarm. Er wurde in einem Krankenhaus für unheilbar Kranke in Rom als Hilfskraft angestellt, wegen seiner Streit- und Spielsucht bald gekündigt. Dann engagierte er sich beim Bau eines Kapuzinerklosters. Man nahm ihn als Laienbruder auf, entließ ihn wieder wegen einer damals nicht behandelbaren Wunde.

    Kamillus ging zurück nach Rom und wurde Krankenpfleger. Wegen seiner Zuverlässigkeit und Geduld ernannte man ihn schließlich zum Hospitalmeister. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete er 1582 die „Regular-Kleriker der Diener der Kranken“, die „Kamillianer“. Sie versprachen, auch unter Lebensgefahr Kranke zu pflegen, selbst die Pestkranken.

    Allerheiligen. Gedenktag nicht nur der Märtyrer, sondern vieler Alltagsheiliger. Papst Franziskus sprach kürzlich die Freiburger Schneiderin und Bäuerin Marguerite Bays „heilig“. Auch unsere Chancen stehen nicht schlecht, wenn wir die alltägliche Verantwortungs-Bereitschaft ernstnehmen und verwirklichen – vielleicht sogar so, dass Mitmenschen sich an uns orientieren.

    Sich des Lebens zu erfreuen, hin und wieder „gute Geschäfte zu machen“ oder in Soest die Allerheiligen-Kirmes zu feiern, stehen dazu nicht im Widerspruch.

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  • Einladung beim Bundespräsident. Deutsch-türkischer Sternekoch Ali Güngörmüş

    Einladung beim Bundespräsident. Deutsch-türkischer Sternekoch Ali Güngörmüş

    „Schau in die Sonne, schau in den Tag“. Die Übersetzung des türkischen Familiennamens „Güngörmüş“ sagt einiges aus über Ali Haydar Güngörmüş, deutsch-türkischer Michelin-Sternekoch, Buchautor, Fernseh-Preisrichter und Fernseh-Koch. Wenn es am 5. November im Schloss Bellevue beim Bundespräsident um „Erfolgsrezepte in Ost und West“ geht, will Journalist Jörg Thadeusz mit ihm und Maria Groß ins Gespräch kommen.

    In „Pageou“, ein Dorf in Ostanatolien, sprichwörtliches Hinterland im Osten der Türkei – Armenien und der Iran sind  nicht weit entfernt – verbrachte er seine Kindheit. Großfamilie. Kleiner Bauernhof mit Obstplantage und Vieh. Kein fließendes Wasser. Kein elektrischer Strom. Diese Herkunft hat ihn geprägt. Der Vater arbeitete seit Beginn der 1960er Jahre als Gastarbeiter in München. Die Familie zog 1986 zu ihm. Seitdem ist Ali Güngörmüş dort zuhause. Nicht im Nirgendwo. „Zuhause ist da, wo das Herz ist“, fügt er mit schlichten Worten hinzu.

    Die Verbundenheit mit seinem Geburtsland ist Bestandteil seiner Person geblieben. So anspruchslos, wie er aufgewachsen ist, so  selbstverständlich sagt er von sich. „Ich bin kein Star. Ich bin nur ein Koch.“ „Das sagt er nicht nur, er ist so“, wissen jene, die ihn näher kennen. Maskerade sei ihm fremd.

    Familien-Zugehörigkeit ist ihm wichtig, „weil sie Halt und Stabilität gibt“. Seine Frau Stefanie Schöner und die beiden Kinder tragen dazu bei. Als eine Mutter ihn einmal fragte, wie ihr Sohn Fernsehkoch werden könne, lautete die lapidare, aus eigener Erfahrung gewonnene Antwort, er solle daheim kochen lernen, das sei ein guter Anfang. „Eigener Herd ist Goldes wert.“

    Ali Güngörmüş deutet damit indirekt an, was zu seiner Einladung in die Gesprächsreihe„Erfolgsrezepte in Ost und West“ beigetragen haben könnte: Aus etwas Kleinem kann  Großes werden. Auf dem Weg dahin musste er sich „durchboxen“. Seine positive Lebenseinstellung half ihm dabei. Ehrgeizig, zielstrebig, sozial – so charakterisiert er sich.

    „Schau in die Sonne, schau in den Tag“. Aus Ali Güngörmüş ist „Großes“, ein „Großer“ geworden. „Chef saucier“. „Chef de Partie“. Küchenchef in anerkannten Restaurants. Seit 2005 Küchenchef des „Le Canard Nouveau“ in Hamburg – eine Fein­schme­cker-Adres­se, aber kein „Gourmettempel“, der Schwellenangst erzeugt. 2014 Eröffnung des Restaurants „Pageou“ in München, in dem Alis türkischer Geburtsort Pageou gleichsam zu neuem Leben erwacht. Ein Erfolgsrezept „hinten weit in der Türkei“ neu belebt im Westen.

    Erinnerungen hat er an die Lammgerichte seiner Mutter und an das auf dem Boden gebackene Brot seiner Großmutter. Kreativ entwickelte der Genuss-Mensch Ali Güngörmüş in seiner Erlebnisküche die alten Rezepte weiter. Er liefert keine Fertig-Bausätze. Manchmal umgibt er sie, wie Feinschmecker behaupten, mit einem „Hauch von 1001 Nacht“. Vielsagend seine Publikation „Meine Türkische Küche“, obwohl er, wie er gesteht, „nie richtig türkisch kochen gelernt habe“. Aber er spricht von „seiner“ türkischen Küche.

    Maria Groß und Ali Haydar Güngörmüş – zwei „Erfolgsrezepte in Ost und West“. Es dürfte sich lohnen, ihnen nachzueifern.

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  • Einladung beim Bundespräsident. Maria Groß, Chef de Cuisine im Restaurant „Bachstelze“ / Erfurt

    Einladung beim Bundespräsident. Maria Groß, Chef de Cuisine im Restaurant „Bachstelze“ / Erfurt

    Um „Erfolgsrezepte in Ost und West“ geht es am 5. November im Schloss Bellevue. Ein Gespräch zwischen Maria Groß und Ali Haydar Güngörmüş, moderiert von dem Journalisten  Jörg Thadeusz, soll unterschiedliche „Erfolgsrezepte“ aufzeigen.

    Im übertragenen Sinn ist das Kochtalent Maria Groß selbst ein „Erfolgsrezept“. Als „Maria Ostzone“ charakterisiert sie sich und demonstriert ein Lebensgefühl, das Unkompliziertheit, Innovation und Qualität ausdrückt. Dieses Verständnis von Leben und Beruf verrät, warum sie der Bundespräsident zu der Thematik eingeladen hat.

    Während ihres anfänglichen Philosophie- und Germanistik-Studiums sei sie zufällig zum „Kochen“ gekommen und habe darin ihre eigentliche Passion entdeckt, sagt sie. In einem Restaurant am Berliner Gendarmenmarkt ließ sie sich zur Köchin ausbilden. Anschließend sammelte sie Berufserfahrungen in kleinen Berliner Küchen sowie in renommierten Restaurants mit Abstechern nach NRW und in die Schweiz.

    2013 wurde sie mit einem „Michelin-Stern“ ausgezeichnet. Jüngste deutsche Sterneköchin. Ihr Kommentar dazu: „Den Stern gibts nur mit Teamgeist, den muss man teilen.“ Zwei Jahre danach eröffnete sie mit Ehemann Matthias Steube in Erfurt die „Bachstelze“. Ein kulinarisches Refugium.

    Kulinarischer Genuss bedeute für sie Kultur, Kommunikation, Austausch. Dazu gehöre einfache Kost ebenso wie die „Nouvelle cuisine“. “Man kann bei uns Wohlfühl-Ambiente erleben.“ Die Bachstelze sei eine „Kombination aus Küche und Kneipe“ und sie „Kneiperin und Köchin in Personalunion“. Ein nicht alltägliches Restaurant- und Sterne-Köchin-Verständnis.

    Sie bewies Mut, „anders“ als andere zu sein, vielleicht selbstbescheidener als manche Kollegen. Ihren Michelin-Stern gab sie wieder ab. Sie wollte sich nicht unentwegt als gestresste „Köchin unter Dampf“ setzen und stetem Erfolgs-Druck von außen ausgesetzt sein. „Kreative Freiheiten“ brauche sie, sagte sie.

    Die von ihr prädestinierte „qualitative Heimatküche Thüringen“ komme ohne „Sterne“ aus. „Thüringen und seine Bewohner haben uns ein Zuhause geschenkt, auf das wir stolz sind.“ An anderer Stelle fügt sie hinzu „Wir machen kein Schicki-Micki, sondern überlegen, wie wir aus den drei Zutaten, die noch im Kühlschrank sind, ein gutes Essen zustande bringen, ohne Frau Knorr bemühen zu müssen.“ „Wir lassen uns nicht vom Markt leiten und treiben.“ Eine Sterne-Köchin, die gegen den Strom schwimmt bzw. kocht

    Bodenständige, anspruchsvolle Gerichte zaubert sie auf die Teller der Gäste. Dem widerspricht nicht, dass sie daheim „nicht so gern hinter dem Herd steht“. Manchmal gebe es nur Brot mit Käse. Stattdessen bevorzuge sie, irgendwo essen zu gehen und sich verwöhnen zu lassen. Von welchem „Starkoch“ hat man schon einmal ein solches Bekenntnis vernommen?

    Was sie von den Kochsendungen halte, die über die Bildschirme flimmern, fragte man sie. Sie besitze keinen Fernseher, antwortete sie. „Die Leute sollen weg von der Glotze kommen und selber kochen. Das lernt man nicht von Shows.“ Sympathische Maria Groß. „Erfolgsrezept Ost“. Ich freue mich, sie im „Bellevue“ kennenlernen zu dürfen.

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  • Einladung des Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue

    Einladung des Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue

    Damit hatte ich nicht gerechnet:

    Der Bundespräsident bittet Herrn Peter Josef Dickers im Rahmen der Reihe „Geteilte Geschichte(n)“ zur Veranstaltung „Von Erfolgsrezepten in Ost und West“ am Dienstag, dem 5. November 2019, ins Schloss Bellevue.

    In dieser Gesprächsreihe, die „30 Jahre Friedliche Revolution“ ausleuchten will, „möchte der Bundespräsident der Frage nachgehen, welchen Stellenwert die Zäsur der Jahre 1989 und 1990 in der gemeinsamen Erinnerung einnimmt.“

    Es geht um „Geschichten vom Umbruch und Neuanfang, Geschichten vom Dableiben und Dazukommen ebenso wie vom Weggehen und Zurückkehren und Geschichten verschiedener Generationen.“ „Es geht darum, einander zuzuhören und auch besser zu verstehen, wie die Situation der Menschen in Ost- und Westdeutschland heute ist, was sich verändert hat, was die Menschen bewegt, wo es Enttäuschungen und neue Hoffnungen gibt, was ähnlich ist und was verschieden. So sollen fremde Lebensgeschichten erfahrbar und mehr Verständnis für andere Sichtweisen möglich werden.“

    Frank-Walter Steinmeier, am 12. Februar 2017 durch die Bundesversammlung zum zwölften Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland gewählt, ist „lebendiges Symbol“ unseres Staates.  Neben seinen „amtlichen“ Funktionen und Aufgaben der „Staatspflege“ zählen Integrieren, Moderieren, Motivieren zu den Kernpunkten seines Amtes.

    Ich werde ihn und vielleicht auch seine Gattin Frau Elke Büdenbender persönlich kennenlernen dürfen im Schloss Bellevue, die offizielle Residenz des amtierenden deutschen Bundespräsidenten. Dafür bin ich sehr dankbar.

    Natürlich war ich überrascht, als ich das Schreiben des Bundespräsidialamtes erhielt. Zu der Thematik der beschriebenen Gesprächsreihe habe ich in den vergangenen Jahren u. a. beigetragen durch Einzelbegegnungen mit Menschen aus den östlichen Bundesländern.

    Am Tag der Grenzöffnung waren meine Frau und ich zufällig in Lübeck zu Gast. Als sich eine Auto-Kolonne  Richtung Osten in Bewegung setzte, fädelten wir uns ein. Eine am Straßenrand winkende Familie bat uns anzuhalten. Es war unser erster Kontakt mit Menschen „von drüben“. Eine erfreuliche und zugleich beschämende Erfahrung: Erfreulich, wie spontan Menschen, die sich nicht kennen, aufeinander zugehen. Beschämend, dass wir vor dieser Begegnung viele Reisen in die damalige Sowjetunion unternommen, aber keinen Schritt „nach nebenan“, in den „anderen Teil Deutschlands“ gesetzt hatten.

    „Nebenan“ haben wir seitdem viele Kontakte geknüpft, gemeinsame, teilweise wunderliche Erfahrungen sind damit verbunden. Wir haben uns gegenseitig bereichert und erkannt, dass es dafür nie zu spät ist. Daher schaue ich erwartungsvoll auf die Veranstaltung im Schloss Bellevue und auf die Begegnung mit dem Bundespräsidenten. Ich werde, wenn das Forum mg-heute es zulässt, darüber berichten.

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  • Rüdiger Hagens. Neuer katholischer Pfarrer in Mönchengladbach-West

    Rüdiger Hagens.
    Neuer katholischer Pfarrer in Mönchengladbach-West

    Die Gemeinden St. Nikolaus Hardt, St. Maria Empfängnis Venn und St. Anna Waldhausen-Windberg haben geistlichen Beistand erhalten. Die Mannschaft freut sich auf neue Impulse und Motivationen, die der neue Pfarrer mit auf die Kommando-Brücke des Kirchen-Schiffs bringt.

    Pfarrer Hagens spricht durchaus Probleme auf dem Kirchenschiff an:

    Missbrauchskrise: Sexualisierte Gewalt und deren ungenügende Aufarbeitung; Strukturen, die sexuellen Missbrauch begünstigten.

    Personal-Krise: Zu wenige Priester (verursacht vor allem durch den Pflichtzölibat, der seiner Meinung nach abgeschafft gehört). Zu wenige Pastoral-Referenten/Referentinnen. Mangel an qualifizierten Facharbeitern. Generelles Nachwuchs-Problem.

    Pfarrer Hagens verweist auf sich selbst: Mit seinen fast sechzig Lebensjahren könne er nicht versprechen, langfristig Hoffnungsträger oder Jugendseelsorger zu sein, obwohl er gerade auf die junge Generation in der Gemeinde ein besonderes Augenmerk richten werde.

    Solche Aussagen lassen aufhorchen. Hier redet jemand nicht um den heißen Brei herum. Diese Fähigkeit verdankt er Stationen, die er bisher durchlaufen hat:

    Der gebürtige Gladbacher verbrachte ein theologisches Studienjahr an der „Dormitio Abtei“ in Jerusalem. Seit 1973 gibt es dort ein theologisches Lehrangebot im faszinierenden Umfeld einer multikulturellen, multireligiösen Stadt: Studium der  biblischen Fächer, der Ostkirchenkunde, der Judaistik und Islamwissenschaften. Hinzu kommen ein Eindruck von Land und Leuten sowie die Teilnahme an Exkursionen zu Ausgrabungsstätten Israels/Palästinas.

    Nach der Priesterweihe1988, nach Tätigkeiten als Kaplan, Hochschulpfarrer und Pfarrer verlegte er seine priesterlichen Aktivitäten hinter „hohe Mauern“ – als Gefängnis-Seelsorger für jugendliche, männliche Straftäter im Alter von 14 bis 23 Jahren in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg.

    Viele Menschen kämen in Grenzsituationen, wie z. B. in der Haft, mit Gott und Glaube in Berührung. Der Dienst an Menschen, die am Rand stehen, sei besonders wichtig. Es gehöre zu den Aufgaben der Kirche, dort präsent zu sein.

    Seine unterschiedlichen Erfahrungen bringt Pfarrer Hagens mit in die Gemeinschaft der Gemeinden St. Peter ein. Bei seiner Einführung am 1. September 2019 ermahnte und ermunterte er alle, die sich mit ihm auf den Weg machen:

    „Wir müssen zusammen halten, miteinander emporschauen, nicht hinabschauen. Hinabschauen heißt: Sich für etwas Besseres halten, der Arroganz der Macht, der Besserwisserei und des Egoismus erliegen.

    Wir sollten stattdessen miteinander emporschauen auf den einen Herrn Christus. Wir sind gemeinsam auf dem Weg in der einen, universalen, katholischen Kirche. Unsere Gemeinden sind nicht durch Mauern abgegrenzte Bezirke, sondern aneinander grenzende Gärten.“

    Einen Aufruf des Bamberger Bischofs Ludwig Schick aufgreifend, fügte Pfarrer Hagens hinzu, in der Krisensituation der Kirche wären zwei Stichworte besonders wichtig – „gute Seelsorge“ und „wirksame Mission“. Gute Seelsorge heiße: Menschen in ihrer Situation annehmen, sie wertschätzen und ernstnehmen, ihre berechtigten Wünsche und Bedürfnisse sehen. Wirksame Mission bedeute: Menschen deutlich zu machen: Trotz aller Probleme und Krisen ist die Kirche, ist die Gemeinde ein Ort, wo es sich lohne, dabei zu sein. Wo das Leben Mehrwert und Tiefe bekomme.

    Was kann man Pfarrer Hagens und denen wünschen, die das Konzept in die Tat umsetzen wollen?

    Keine Angst haben, wenn man gewohnte Wege verlassen muss, um ans Ziel zu kommen.

    Die unbegründete Furcht vor Neuerungen aus den Herzen verbannen.

    Gegenseitige Verständnisbarrieren abbauen.

    Religiöse Deutungen des Lebens zulassen – bei sich und bei anderen.

    Sich Gehör verschaffen, wenn es gilt, Partei zu ergreifen für Menschen, die um Hilfe bitten. Wenn das in die Wege geleitet wird, werden Pfarrer Hagens und seine Gemeinden vielleicht doch gemeinsam zu Hoffnungsträgern auf dem Schiff Kirche.

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  • Der Mauerfall – Ein deprimierendes Einzel-Schicksal

    Der Mauerfall – Ein deprimierendes Einzel-Schicksal

    Für mich kam er aus der „Zone“. Ich hatte negative Assoziationen und wusste kaum, wo das war. Etliche Male war ich in die ehemalige Sowjetunion gereist. Nebenan, im anderen Teil Deutschlands, war ich nie gewesen. Er war wenige Wochen vor dem Mauerfall in den Westen gekommen, obwohl er an der Uni „drüben“ eine gute Stellung innehatte.

    Er war gekommen, weil er mit seiner Bekannten zusammen sein wollte. Bisher hatten sie sich  nur auf der polnischen Seite der „Hohen Tatra“ in den Karpaten treffen können. Er war nach hier gekommen, obwohl die DDR seit fast fünfzig Jahren seine Heimat war, in der er aufwuchs, Ansehen erworben und Erfolge erlangt hatte. Seine Mutter war in Leipzig geblieben. Heimat und Mutter, Beruf und Erfolg ließ er zurück.

    Ich lernte ihn kennen. Er war klug. Er hatte exzellente Noten. Wissen und Können hängen nicht vom politischen System ab, sondern vom persönlichen Engagement. Er lehrte mich vieles anders und überhaupt zu sehen.


    Der Alltag West holte ihn ein. Andere Maßstäbe. Andere Wertordnungen. An Erfolg und Konsum  orientiertes und gemessenes Wirtschaftsdenken. Folgen für ihn: Nicht erfüllte berufliche Erwartungen. Begrabene, enttäuschte  Hoffnungen. Er war der Fachmann-Ost. Hier suchten sie den Fachmann-West.

    Aber er blieb. Kein Arbeitsplatz war ihm zu weit entfernt; oft getrennt von der Bekannten, die inzwischen seine Frau geworden war. Manche behaupten, Partnerschaft funktioniere am besten, wenn man sich möglichst selten sehe und zwei Mal in der Woche essen gehe – er dienstags, sie freitags. Auf Dauer ist das frustrierend.

    Er war in den  bisher „zehn Jahren West“ kein Anderer geworden. Dennoch sollte er „anders“ als bisher gewohnt leben, denken und handeln.

    Er hatte eine unnachahmliche Art, Probleme zu lösen. Als wir an einer Straßenbahnhaltestelle warteten, fragte ich ungeduldig, wann die Bahn endlich käme. Es könnte nicht lange dauern, kommentierte er gelassen; die Schienen lägen ja schon.

    Völlig unerwartet starb er. Während einer kurzfristigen ärztlichen Untersuchung brach er zusammen. Ein Schock. Fassungslos jene, die ihn kannten und ihn schätzen gelernt hatten. Mir war er ein vertrauter, lieber Freund geworden.

    Was hatte er gelitten? Wer hatte wem nicht zugehört? Wer hatte wen nicht verstanden? Er uns? Wir ihn? Welche Mauern waren nicht abgetragen worden? Hätte er dort bleiben sollen, von wo er aufgebrochen war?

    Ich vermisse ihn. Wenigstens weiß ich, wo sein Grab ist – nicht weit von hier entfernt.

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  • 3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit. Ein Feiertag

    3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit. Ein Feiertag

    Der 3. Oktober wurde im Einigungsvertrag 1990 als gesetzlicher Feiertag der Deutschen Einheit bestimmt – als der Tag, an dem die deutsche Einheit vollzogen wurde.

    „Mut verbindet.“ Unter diesem Motto finden die diesjährigen Feierlichkeiten in Kiel statt, im Bundesland Schleswig-Holstein, in Verbindung mit einem Bürgerfest. Historische Erfahrungen und aktuelle politische Bezüge sollen eine Brücke schlagen in die Zukunft.

    Die Deutsche Einheit feiern. Nicht für alle war und ist das selbstverständlich.

    „ Zwischen der sozialistischen DDR und der imperialistischen BRD gibt es keine Einheit und wird es keine Einheit geben. Das ist so sicher und so klar wie die Tatsache, dass der Regen zur Erde fällt.“ Erich Honecker, 1981
    Foto: Bundesarchiv

    „Berlin wird leben und die Mauer wird fallen.“ Willy Brandt, 10.11.1989.

    Foto: Karl-Heinz Münker-Appel

    „Die Legitimation der DDR als sozialistischer, souveräner deutscher Staat wird erneuert. Nicht durch Beteuerung, sondern durch eine neue Realität des Lebens in der DDR wird den ebenso unrealistischen wie gefährlichen Spekulationen über eine Wiedervereinigung die klare Absage erteilt.“ Hans Modrow am 17.11.1989.
    Foto: Elke Schöps

    „Die Feier des 3. Oktober gilt vor allem einer Befreiung, der Lösung von Ketten, die einem Viertel aller Deutschen während eines halben Jahrhunderts angelegt waren. Die Feier will nicht bedeuten, dass alles dort schlecht war, wohl aber, dass elementare Rechte der Bürger missachtet wurden und dass sie an Fortschritten, an denen ihre Mitbürger im Westen sich erfreuen durften, keinen Anteil hatten.“ Golo Mann.
    Foto: Bundesarchiv

    „Die Forderung nach der Wiedervereinigung halte ich für eine gefährliche Illusion. Wir sollten das Wiedervereinigungsgebot aus der Präambel des Grundgesetzes streichen.“ Joschka Fischer, 29.7.1989.
    Foto: Alexander Blum

    „Mit der friedlichen Vereinigung setzen die Deutschen ein Zeichen in Europa.“ Staatssekretär Günther Krause.

    „Nach vierzig Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation in Deutschland nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht. “ Gerhard Schröder, 11.6.1989.

    „Wenn wir die Teilung überwinden wollen, werden wir teilen lernen müssen. Es muss sich ein gemeinsames Lebensgefühl entwickeln.“ Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker.

    „Die Ossis wollten billig davonkommen, und sowas kommt eben teuer.“ Wolf Biermann

    „Die Deutschen können würdevoll feiern. Sie haben es am Tag der deutschen Einheit eindrucksvoll bewiesen. Dieser Tag war weder verbohrt noch verweint. Man freute sich, ohne übermütig zu werden. Stille Töne wurden bevorzugt. Man feierte die eigene Nation, ohne die anderen zu vergessen. Die Botschaft der 9. Sinfonie Ludwig van Beethovens klang selten glaubwürdiger: „Seid umschlungen, Millionen, dieser Kuss der ganzen Welt.“ Michael Wolffsohn.

    Trotz aller Diskrepanz feiern wir am 3. Oktober 2019 Deutsche Einheit.

     „Mir ist nicht bange, dass Deutschland nicht eins werde. Vor allem aber sei es eins in Liebe untereinander.“ Johann Wolfgang von Goethe schrieb das in einem anderen Zusammenhang 1828 in Weimar. Er würde heute hinzufügen: „Mut verbindet.“

    So kann der 3. Oktober Feiertag werden.

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  • Das Feuer am Brennen halten – mit Video

    Das Feuer am Brennen halten – mit Video

    Die katholische Frauen-Initiative Maria 2.0 macht in unserer Stadt auf sich aufmerksam. Ihre Anliegen:

    Katholischen Frauen den Zugang zu allen Ämtern in der Kirche ermöglichen.

    Den Pflichtzölibat abschaffen.

    Die kirchliche Sexualmoral an der Lebenswirklichkeit der Menschen ausrichten.

    Kein Amt für diejenigen, die andere an Leib und Seele geschändet oder es geduldet bzw. vertuscht haben.

    Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker sucht Verständigung mit der Frauen-Initiative. Es gehe dabei  um „echte Anliegen“ eines „wichtigen Teiles der Kirche“.

    Die Deutsche Bischofskonferenz zeigt sich „gesprächsbereit“, bezeichnet Streiks als „falschen Weg“. Sie will die Frauen in den „synodalen Weg“ der deutschen Amtskirche einbinden. Das lehnen diese ab mit der Begründung: „Wir wollen frei bleiben, uns nicht vereinnahmen lassen und uns keine Struktur geben.“

    Papst Franziskus setzte eine Kommission ein, die ein „mögliches“ Diakonat für Frauen prüfen sollte. Diakone assistieren dem Priester bei der Eucharistiefeier am Altar und verkünden das Evangelium. Sie können predigen, die Taufe spenden, kirchliche Trauungen und Begräbnisfeiern leiten, Wortgottesdienste feiern.

    Die Kommission sei „zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen, weshalb es weiterer Beratungen bedürfe“, heißt es aus Rom.

    Kirchliche Instanzen pflegen in großen Zeiträumen zu denken und zu handeln. Utopien nehmen keine Konturen an, solange nicht der Himmel brennt.

    Sogenannte konservative Gruppierungen in der Kirche üben Kritik an den Vorstellungen der Frauen von Maria 2.0. Der Vatikan bekräftige das Nein zur Priesterweihe für Frauen.

    „Wir möchten das Feuer am Brennen halten“, erklären dagegen Frauen, die sich mit der bisherigen kirchlichen Praxis nicht mehr zufrieden geben.

    Sie fordern eine Amtskirche heraus, die Recht haben und Recht behalten will.

    Sie fordern eine Kirche heraus, welche die Gabe der Geschmeidigkeit demonstriert  mit „ja“,  „aber“, „vielleicht“.

    Sie fordern eine Kirche heraus, in denen Personen an oberster Stelle die Zukunft abschaffen und die Gegenwart Richtung Vergangenheit lenken wollen.

    Sie fordern eine bischöfliche Rhetorik heraus, die applaudiert, ohne etwas ändern zu wollen.

    Die Frauen-Bewegung Maria 2.0. sollte ihr Feuer nicht ausgehen lassen.

    Vor der Citykirche Mönchengladbach bildeten Frauen und Männer am Donnerstag, 26. September, das Kirchensymbol, ein Kreis mit einem aufgesetzten Kreuz.
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  • Profi-Abenteurer und Kletterer Stefan Glowacz.  Eine Begegnung im Monforts-Quartier

    Profi-Abenteurer und Kletterer Stefan Glowacz. Eine Begegnung im Monforts-Quartier

    Den Sportkletterer, Abenteurer, Unternehmer und Autor Stefan Glowacz konnte man am Mittwoch, dem 25. September 2019, kennen lernen. Am Nachmittag kletterte er in der Kletterkirche mit Schülern der Mönchengladbacher Theo-Hespers-Grundschule. In einem Vorgespräch erzählt Glowacz auch davon.
    Hier kam es ihm vor allem darauf an, dass die Jugendlichen lernen: Sicherungen sind noch wichtiger als das eigentliche Klettern. Es wird Verantwortung übernommen für das (Über-) Leben des anderen.
    Er spricht über den notwendigen Ehrgeiz, die Leidenschaft für die Kletterei.
    Ehrgeiz darf dabei nur für das persönliche Ziel gelebt werden, sich nicht gegen Interessen anderer wenden.
    „Ich hatte ein glückliches Leben“, so die Kletterlegende, deshalb habe er keine Angst vor dem Ende seiner Karriere. Heute ist er als Berater unterwegs, nachdem er sein Unternehmen für Schuhe, Mode und Design verkauft hat.
    Die Hochleistungs- / Extrem-Kletterei sieht er noch nicht am Ende der Möglichkeiten, die kleinen Zeitfenster zur Besteigung einiger Gipfel wurden noch nicht genutzt.
    Um 20 Uhr erzählt er auf Einladung des Initiativkreises Mönchengladbach im Monforts Quartier über seine Erlebnisse „Von der Arktis in den Orient“, untermalt mit Filmen und Fotos.

    Darunter Szenen aus dem österreichischen Dokumentarfilm „Jäger des Augenblicks – Ein Abenteuer am Mount Roraima“ von 2012. Drei Extrembergsteiger, darunter Stefan Glowacz, versuchen die senkrechte Wand des Roraima im südamerikanischen Dreiländereck zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana zu bewältigen. Nach vergeblichem ersten Versuch und dem Tod eines Mitkletterers gelingt es Glowacz zusammen mit Holger Heuber, das Gipfelplateau zu erreichen.

    Seit dem fünfzehnten Lebensjahr klettert er. Er kletterte sich in die Weltspitze. Drei Male  gewann er das „Rockmaster“-Turnier in Arco/Italien. Laut „Wikipedia“ ist der Rockmaster „einer der ältesten, jährlichen Kletterwettkämpfe im Sportklettern“, von Kletterern als „inoffizielle Weltmeisterschaft“ bezeichnet.

    Das südtiroler Städtchen Arco nördlich des Gardasees ist Touristen für sein mildes Klima, die Olivenbäume und seine Gärten mit der „Art Nouveau Atmosphäre“ vertraut. Aber Arco bietet auch einen „Familien-Klettersteig“. Die örtliche Werbung verspricht: „Zusammen mit ersten Erfahrungen an der Wand lernen die Kleinen, die Natur zu beobachten.“ Ein zusätzlicher „Fun Climb“ bietet an, „in sicherer, fröhlicher Umgebung zu klettern.“ „Für Menschen mit Erfahrung in der Welt der Klettersteige, dazu in guter körperlicher Verfassung“ empfiehlt sich der „Via Albano Klettersteig“.

    Glowacz  schildert im Monforts Quartier Erlebnisse zwischen Baffin Island, der kanadischen Insel westlich von Grönland, dessen tausend Kilometer langes Eisschild er mit Boot, Schlitten und Kletterseil von einer Küste zur anderen durchquerte. „Achtung, Eisbär in Sicht“ heißt es unterwegs. Weiter geht es zum höchsten Berg Malaysias mit seiner bizarren Felslandschaft. Schließlich ins Innere der Erde, in die zweitgrößte Höhlenkammer der Welt im Oman. Zuhörern und Zuschauern wird Faszinierendes geboten.

    Seit 1993 sucht Stefan Glowacz nach der Sportkletterei diese „neuen Herausforderungen“ und klettert an den entlegensten Wänden der Erde. Kurt Albert, einer seiner Begleiter, verunglückte tödlich nach einem Achtzehn-Meter-Sturz. Glowacz klettert weiter. Andere begleiten ihn weiter. Der „Berufsabenteurer“ Holger Heuber zählt dazu, der sich dem Klettern, Gleitschirmfliegen, Ski- und Kajakfahren verschrieben hat.

    Monatelange Expeditionen. Mit dem Kanu durch den Dschungel. Mit dem Jeep durch die Wüste. Zu Fuß über ewiges Eis. Glowacz unternimmt das, woran sich sonst niemand wagt. Wenn er ein Ziel nach harten Anstrengungen erreicht hat, ist er „einfach nur glücklich und dankbar „. Seine Motivation sei immer die Gleiche, sagt er: Aufwärts in die Herausforderung, zu neuen Horizonten, mit einer Mischung aus kindlicher Abenteuerlust, Demut und Stolz.

    Sein Dank gilt auch seiner Mannschaft. „Sie bauen mich immer wieder auf und motivieren mich.“ Dennoch habe es Augenblicke gegeben, in denen er davon überzeugt war, „gleich sterben zu müssen“. Traumatische Erinnerungen sind das, und er gesteht: „Ich lebe im Chaos.“

    Glowacz leidet unter Seekrankheit, aufs Wasser geht er nur im äußersten Notfall. Als geeignetes Gegenmittel nennt er die Einnahme von Nutella und lacht dabei.

    Seine Frau, Tochter des verstorbenen Sportreporters Harry Valérien, und die drei Kinder, Drillinge, haben keine Angst um ihn. „Er klettert wie ein Balletttänzer und eine Katze“, lobt ihn seine Frau, sie weiß, ein Satelitentelefon hatten sie bei allen Klettertouren immer dabei. Angst habe sie nur, wenn er Auto fahre. Zum Montforts Quartier wurde er vermutlich chauffiert.

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  • Wehrt euch

    Wehrt euch

    Das müssen sich katholische Christen nicht gefallen lassen. Autoritäres Amtsgehabe eines Kardinals muss sich niemand gefallen lassen. Dagegen sollte sich jeder auf seine Weise zur Wehr setzen.

    Aus dem Aachener Bistum, zu dem wir in Mönchengladbach gehören, vernimmt man lautes Schweigen. Und das, seitdem das Verfahren gegen den Düsseldorfer Stadtdechanten anhängig ist. „Muss man nicht“, wird man dort verkünden; „betrifft uns nicht.“

    Betrifft uns sehr wohl. Betraf uns schon, als ein hiesiger Pfarrer ohne Einbeziehung seiner Mitbrüder „von oben herab“ zum Regionalvikar ernannt wurde. „Der Bischof macht das eben anders“, erklärte der neue Amtsinhaber.

    Bischöfe und Kardinäle sind also allein verantwortlich für das Wohl und Wehe der ihnen Anvertrauten. Sie handeln nach eigenem Gutdünken „eben anders“. Wie Gottesgnadentum. In welcher Zeit, in welcher Kirche leben wir? Die Welt ist eine andere geworden. Die Kirche ist nicht die Kirche von gestern. Nicht nur das Vertrauen in politische Normen, auch der Glaube an die Institution Kirche steht auf dem Prüfstand.

    Ich wiederhole eine von mir gemachte Aussage:

    Jahrhunderte hindurch haben Päpste, Bischöfe und Priester Kinder gezeugt, trotz ihrer Verpflichtung zum Zölibat. Als ich meinen Antrag auf Laisierung stellte, lautete die erste Bemerkung: „Wie alt ist Ihr Kind? Wir kommen dafür auf.“ Bis heute sind meine Frau und ich kinderlos. Inzwischen gibt die amtliche Kirche zu, dass es viele Priester-Kinder gibt.

    Bei all dem ist aus Sicht der Kirche natürlich „kein Vertrauen zerstört worden“.

    Autoritäres Gehabe in Staat, Gesellschaft und Kirche schafft die Zukunft ab, spielt das Schaukelpferd-Spiel, vertieft Gräben, in denen das Vertrauen verschwindet. Das Vertrauen in den vom Amt entbundenen Pfarrer sei „nachhaltig erschüttert“, begründet der Kardinal seinen Schritt. Mit welch seriöser Prüfung und mit welchem Kirchenvolk hat er das festgestellt?

    Waren es ähnlich schmallippige Berater wie jene, die das kardinale Ein-Mann-Theater gegen den gemeinsamen Kommunion-Empfang christlicher Eheleute unterstützten?

    Die Gemeinde des betroffenen Pfarrers liebt ihren Pastor. Sie schätzt ihn. Sie vertraut ihm. Sie möchte, dass er weiterhin ihr Pfarrer ist. Muss Amtskirchen-Dünkel das nicht zur Kenntnis nehmen?

    Ja-Sager werden gesucht. Besenreiner Katholizismus wird propagiert, der vorschreibt, woran sich andere zu halten haben. „Fürsorgliche Belagerung“, nannte es Heinrich Böll.

    Entgeht solchen „Hirten“, die ihre Befehlsansprüche geltend machen, dass die „Demut“ ihrer „Schafe“ den „Mut“ einschließt, anders zu handeln, als es die „Hirten“ erwarten?

    Ich bin und bleibe Mitglied dieser Kirche, für die ich lange tätig war und für die ich, ohne es an die große Glocke zu hängen, immer noch auf meine Weise tätig bin. Aber ich wehre mich.

    Wehrt euch, wer immer ihr seid und wo immer ihr Verantwortung tragt. Wehrt euch in angemessener Weise. Aber wehrt euch.  

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  • „Weniger schlecht“ ist nicht „gut“. Die „Goldene Blume“ für Prof. Michael Braungart

    „Weniger schlecht“ ist nicht „gut“.
    Die „Goldene Blume“ für Prof. Michael Braungart

    Die Festgäste im Rheydter Theater hätten noch länger zugehört, als dem neuen Preisträger der Umweltschutz-Preis „Goldene Blume“ von Mönchengladbachs Oberbürgermeister Reiners überreicht wurde – eine vergoldete, stilisierte Dahlie in Medaillenform.

    Personen werden damit ausgezeichnet, die sich in herausragender Weise mit innovativen Ideen für Umwelt und Natur einsetzen. An diesem Samstag war es Professor Dr. Braungart. Wissenschaftlicher Geschäftsführer der 1987 von Greenpeace gegründeten Internationalen Umweltforschungs- und Beratungsinstitut in Hamburg, EPEA. 

    Oberbürgermeister Reiners

    Die Namensliste der Preisträger ist lang, seitdem1967 der Bürgerverein „Blühendes, schaffendes Rheydt“ den Preis stiftete. Damals schon wurde in unserer Stadt konkret gehandelt, mehr als fünfzig Jahre vor jenen, die heute protestierend auf die Straßen gehen oder zum Fahrradklingel-Klima-Protest aufrufen. Prof. Braungart beklage nicht den Zustand der Welt, betonte der Oberbürgermeister in seiner Begrüßungsansprache, sondern zeige Lösungen auf. Er verkünde Botschaften, mit deren Hilfe Menschen ihren Lebensraum und ihre Zukunft gestalten könnten.

    Die zwischendurch lässig, unkonventionell, mit köstlicher Pantomimik auftretenden Herren des A-Capella-Quintetts „Vocaldente“ nahmen mit der Leichtigkeit ihres musikalischen Vortrags dem Thema seine Schwere und trugen zum wohltuend heiteren Rahmen der Veranstaltung bei. Damit unterstrichen sie die Botschaft des Abends: Nicht Moral-Appelle lostreten, sondern innovative Ideen aufzeigen und verwirklichen.

    Dr. Karl Hans Arnold

    „Nur wer weiß, wovon man spricht, kann andere überzeugen“, ergänzte Dr. Karl Hans Arnold in seiner „Laudatio“. Mögen viele Klima-Protestler anwesend gewesen sein.

    Dann kam er. Fast schüchtern wirkende Kapazität. Mit kleinem Notiz-Block. Kein Vortrag geplant, sondern eine verhaltene, unaufdringliche Rede. „Öko-Effektivität“ thematisierend, ein nachhaltiges Wirtschaftsprinzip, bei dem biologische und technische Kreisläufe miteinander verschränkt werden. Produkte und Produktionsprozesse müssten so ent­wi­ckelt werden, dass sie unschäd­lich für Mensch und Natur und wiederverwendbar für andere Kreisläufe seien. Ziel des Konzeptes: Es darf kei­nen unbrauchbaren Abfall geben.

    „Nachhaltigkeit“ nennt man das. Prof. Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough sprechen vom „Cradle to Cradle – Konzept“. „Von der Wiege zur Wiege“, nicht „von der Wiege zur Bahre“. Laienverständliche Begriffsdefinition.

    „Tempora mutantur et nos mutamur in illis. Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen.“ heißt es in einem antiken Lehrgedicht. Das duale System „Grüner Punkt“, das seit 1991 die Nutzung von Wertstoffen aus Abfällen propagiere, suggeriere, dass wir das Problem im Griff hätten, kritisiert der Experte. Seit seiner Einführung seien jedoch kein giftiger Klebstoff und kein giftiges Pigment vom Markt verschwunden. Wir müssten umdenken.

    Der Umwelt-Fachmann Braungart lehnt den Grünen Punkt ab. Schadstoff-freie Kunststoffe mit Umwelt-freundlichem Design müssten auf den Markt. Nicht umweltfreundlich sei es z. B., Papier zu recyceln, das vorher mit giftigen Farben bedruckt wurde. Gifte mit ihrer schädlichen Wirkung auf Mensch und Umwelt blieben so Bestandteile des Recyclingkreislaufs.

    Cradle-to-Cradle bedeute: Was hergestellt wird, sollte vor der Produktion so geplant werden, dass eine Weiterverwendung der Materialien nach dem Ende der Nutzung einkalkuliert werde. Verdeutlicht am Beispiel „Waschmaschine“: Man kauft keine Maschine, sondern das Recht, 3.000-mal zu waschen. Danach gibt man das Gerät zurück, damit es wiederverwertet werden kann.

    Ansprache des Preisträgers Prof. Braungart
    Prof. Braungart trägt sich in das goldene Buch der Stadt ein.

    Statt Verbrauchern ein schlechtes Gewissen zu machen und ihnen umweltschädliches Verhalten vorzuwerfen, solle man positive Ziele setzen, so Braungart. „Weniger schlecht“ bedeute  nicht „gut“. Es gehe nicht um „weniger“ Autofahren oder „weniger“ Müll. Für die Umwelt müssten wir „nützlich“, nicht „weniger schädlich“ sein. Man schone sie nicht, indem man weniger, sondern intelligenter produziere.

    Für eine monotheistische Religion wie das Christentum sei der Mensch von Natur aus „böse“ und müsse erlöst werden. Das Gefühl, schuldig und böse zu sein, bringe uns in der Umweltdiskussion aber nicht weiter.

    In China habe er erlebt, dass nach dem Essen die Toilette benutzt werde und so „Nährstoffe“ für die Düngung dort blieben. Leider gebe es bei uns keine Düngung mit „unseren Nährstoffen“. Die Zuhörer verstanden und applaudierten wohlwollend. Eine andere China-Erfahrung werde aber umgesetzt: Kompostierbare Sitzbezüge, die bei der Lufthansa und Thai Airways im Einsatz sind. Sie seien aus einem Faserstoff hergestellt, auf den er in China gestoßen und der sogar essbar sei.

    Der „blühende Kirschbaum“ durfte in seinem lebensnahen Beitrag nicht fehlen. Die Natur spare nicht, sondern verschwende ihre Pracht und verwerte alles in einem geschlossenen Kreislauf wieder. So müsse auch unsere Wirtschaft vonstattengehen.

    Mönchengladbach könnte demnächst mit der angebotenen, ehrenamtlichen Unterstützung des neuen Preisträgers „Cradle-to-Cradle“- Großstadt werden. Ein Glück auch für die Stadt, dass sie ein neues Rathaus plant. Sie kann sich am Cradle-to-Cradle-Rathaus in der niederländischen Stadt Venlo orientieren, dessen Nordfassade auf rund 2000 m2 Fläche begrünt ist. Man  hat schon mehrere Gebäude nach diesem Prinzip realisiert. Der Venloer Bürgermeister Antoin Scholten war bei der Verleihung der „Goldenen Blume“ anwesend.

    Viele Menschen würden sein Engagement unterstützen, betonte ein bescheiden auftretender Professor Braungart. Die „Goldene Blume“ wurde einem würdigen Preisträger überreicht.

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  • „Liebe Frau vom heilgen Pesch‘chen keinem ihre Hilf‘ verwehrt“ – Die Wallfahrtskapelle in Mönchengladbach-Hehn / Heiligenpesch

    „Liebe Frau vom heilgen Pesch‘chen keinem ihre Hilf‘ verwehrt“ –
    Die Wallfahrtskapelle in Mönchengladbach-Hehn / Heiligenpesch

     „250 Kinder aus Mönchengladbacher Kindergärten brachen zur Sternwallfahrt in den Marienwallfahrtsort Hehn auf.“ „35. Betgang von über 600 Schützen und Gästen zum Marienheiligtum in Hehn.“

    Religiöses Brauchtum wird in „gutem Glauben“ nicht nur in unserer Gegend gepflegt. „Heut‘, in glaubensarmen Zeiten, prangt Marias Wunderbild schön im traulichen Kapellchen.“ Nicht von gegenwärtigen „glaubensarmen Zeiten“ ist die Rede. Leonard Küppers erwähnt sie im Jahr 1896 in seiner Schrift „Die Gründung des Heiligen Peschs“.

    Die offizielle Katholische Kirche tut sich zuweilen schwer mit dem Brauchtum. Sie erlässt „Richtlinien zur Volksfrömmigkeit“ und verlangt, „dass die kulturellen Ausdrucksformen mit den Gesetzen und Formen der Kirche im Einklang und in Übereinstimmung mit der Liturgie stehen müssen.“ Den Pilgern und Pilgerinnen werden solche Erklärungen wahrscheinlich nicht so wichtig erscheinen. Für viele steht fest „Maria hat geholfen“. „Herzlichen Dank für glückliche Heimkehr aus russischer Gefangenschaft“. „Dank der lieben Gottesmutter für Hilfe in schwerer Krankheit“. „Innigen Dank der Gottesmutter für Erhörung“. Die Wände im Innenraum der Kleinen Wallfahrtskapelle sind mit vielen Dank-Tafeln versehen, unabhängig davon, ob eine kirchliche Instanz den Wahrheitsgehalt der Aussagen überprüft hat.

    Frömmigkeit lässt sich nicht „verordnen“. Man muss es nicht gut finden oder unterstützen, wenn in Wallfahrtsorten meterweise Marien-, Heiligen-Figuren und gesegnete Rosenkränze  in allen denkbaren und undenkbaren Ausführungen zum Verkauf angeboten werden. Fromme und noch frömmere Christen könnten besorgt sein, wenn eine allzu üppige Marien- und Heiligen-„Verehrung“ in „Anbetung“ umschlägt und den „lieben Gott“ in den Hintergrund drängt. Der müsse „keine anderen verehrungswürdigen Götter“ neben sich dulden. „Maria hat geholfen“ – dafür sei Maria nicht zuständig, kritisieren jene, die sich auskennen mit religiös-kirchlichen Zuständigkeiten.

    „Habt keine Angst“ war das Leitwort einer Nachtwallfahrt nach Hehn. Es ging um persönliche Ängste und Sorgen, auch um das Gefühl allgemeiner Verunsicherung durch Terror und weltweite Krisen. Diese Thematik zu gestalten und in Formen zu gießen, die den Pilgern vor Ort etwas bedeuten, braucht keine amtskirchlichen, liturgischen Maßvorgaben.

    „Wir haben keine Angst.“ Das sollten alle denken und laut sagen, die von den aktuellen Verlautbarungen der Vatikanischen Behörde hören. Der Vatikan weist die Deutsche Bischofskonferenz in die Schranken. „Trefft keine deutschen Entscheidungen“, fordert er die deutschen  Bischöfe auf. „Der Papst entscheidet“ „Die Kirche ist nicht demokratisch strukturiert.“ Der Kölner Kardinal und mit ihm etliche Helfershelfer möchten dem Reformprozess in der Kirche Einhalt gebieten.

    Vielleicht wird demnächst eine neue Dank-Tafel die Kapellen-Wände schmücken: „Dank der Gottesmutter, die uns ermutigte, Bevormundung zu hören und zu überhören.“ „Hier an diesem stillen Orte, wird Jahrhunderte verehrt, Liebe Frau vom heilgen Pesch‘chen keinem ihre Hilf‘ verwehrt.“ Papst Franziskus ermunterte die Bischöfe im Amazonasgebiet, „mutige Vorschläge“ für die Erneuerung der Kirche zu formulieren. Wenn sie schon mit ihren Überlegungen begonnen haben sollten oder bereits welche gemacht haben, gingen sie im Regenwald verloren oder sind in den Fluten des Amazonas abgetaucht. Die kirchlichen Ideen-Schmieden bleiben geschlossen.

    „Maria hat geholfen“, auch wenn sie nicht zuständig sein sollte. Bis auf das 16. Jahrhundert lässt sich die Hehner Marienverehrung zurückdatieren. Die Muttergottesstatue und die bunten Glasfenster erzählen Geschichten von frommen und weniger frommen Menschen, die hier beteten oder wortlos der Gottesmutter ihre Anliegen vortrugen. Die Kapelle legt Zeugnis ab von vielen kleinen und großen Wallfahrern, die hier Kraft und Mut geschöpft haben.

    Vermutlich werden sie auch heute noch erhört in einer Welt, die unübersichtlich geworden ist und nicht immer Orientierung bietet. Sie dürfen „guten Glaubens“ sein. Auch wenn das denen nicht gefällt, die sich selbst und ihre Ordnungsprinzipien für zuständig halten, weil nur sie angeblich „im wahren Christentum“ sind.

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  • Sonntag. Recht auf Sonntagsruhe? Recht auf Demonstrationen?

    Sonntag. Recht auf Sonntagsruhe? Recht auf Demonstrationen?

    Von 12.00 bis 18:00 Uhr wird an diesem Sonntag in der Mönchengladbacher Innenstadt demonstriert.  Aufzüge und Kundgebungen sollen stattfinden. Die Polizei ist mit starken Kräften im Einsatz.

    „Wenn deine Seele keinen Sonntag hat, dann verdorrt sie.“ Eine Mahnung Albert Schweitzers.

    „Sonntagsruhe ist die gesetzlich geschützte Ruhe am grundsätzlich arbeitsfreien Sonntag.“ Eine Rechtsverordnung. „Alles, was ruhestörend ist, ist an Sonntagen und Feiertagen zu unterlassen.“

    Letzteres kann sogar das Staubsaugen in der Wohnung betreffen, Tätigkeiten und Aktivitäten, von denen erhöhte Lärmbelastungen ausgehen, handwerkliche Arbeiten in der Wohnung wie Bohren, Hämmern, Sägen oder Rasenmähen im Garten. Es gibt einen „Bußgeldkatalog Lärmbelästigung 2019“, gültig bei Ruhestörung und Nichteinhalten von Ruhezeiten. Rasenmähen an Sonn- oder Feiertagen kann z. B. mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden.

    Aber demonstrieren und lautstark protestieren darf man? Weil das niemanden stört? Weil das von keinem Gesetz ausdrücklich verboten wird?

    „Ohne Sonntag gibt es nur Werktage“, hat jemand gesagt. Haben Polizisten, Feuerwehrleute, Ordnungs- und sonstige Bereitschaftskräfte wegen sonntäglicher Demonstrationen das in Kauf zu nehmen? „Es muss Ausnahmen geben“, sagen diejenigen, die Ausnahmen für sich  verlangen.

    Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Wolfgang Huber, klagte 2009 vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Damals ging es um die Erweiterung der sonntäglichen Ladenöffnungszeiten,  auf die man heute selbstverständlichen Anspruch erhebt.

    „Gott sei Dank, es ist Sonntag“, formulierte Huber.

    Sonntag. Sich bewusst machen und dankbar sein, dass unser Leben nicht nur definiert wird durch Arbeit und Leistung, Verpflichtung und Hektik, Lärm und Konfrontation.

    Sonntag. Aus dem Alltäglichen, aus der Alltagsroutine herausgehobener Tag.

    Sonntag. Möglichkeit, für eine Weile „vor Anker zu gehen“.

    Sonntag. Ein Tag, auf dem man nicht ausnahmsloses „Recht“, aber persönlichen Anspruch haben kann. Das lässt sich nicht „verordnen“, nicht per Gesetz festschreiben. Nicht jedes zwischenmenschliche Verhalten ist Paragraphen-tauglich.

    Das an Sonntagen übliche Leben in einer Stadt wird von tausend Demonstranten auf den Kopf gestellt, die vielleicht nicht einmal in dieser Stadt wohnen. Sie nehmen „Rechte“ für sich in Anspruch. Sie fragen nicht nach „Rechten“ derer, die z. B. sonntags einen Spaziergang durch die Stadt machen möchten.

    Sonntag. Ein Tag, an dem jeder auf seine Weise „durchatmen“ kann. Jeder soll ihn in seinem Sinne gestalten, andere aber nicht gleichzeitig durch sein Verhalten rechtlos machen.

    Der Sonntag ist Kulturgut, das in Artikel 140 des Grundgesetzes geschützt ist.

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  • „Neues Denken“ mit Wolfgang Bosbach. Jahresempfang der CDU Mönchengladbach

    „Neues Denken“ mit Wolfgang Bosbach. Jahresempfang der CDU Mönchengladbach

     „Neues Denken Neues Handeln“. Mit dem Slogan wirbt die CDU Mönchengladbach. Zusammen mit der CDA, die innerhalb der Partei Arbeitnehmer-Interessen vertritt, lud zum Gemeinsamen Jahresempfang 2019 „Mitglieder und Freunde“ in den Gasthof Loers ein.

    Dass sie als Gastredner den nicht neuen Parteifreund Wolfgang Bosbach präsentierten, der seine politische Arbeit im Deutschen Bundestag beendet hat, überraschte. Rechtsanwalt Bosbach wollte wieder seine Fähigkeit unter Beweis stellen, „den Leuten aufs Maul zu schauen“, ohne ihnen „nach dem Mund zu reden“ oder Wahrheiten „um die Ohren zu hauen“. Man musste ihn nicht aus der Rumpelkammer holen, in die man ihn gelegentlich abschieben möchte. Wolfgang Bosbach hat sich als Reisender für eine arttypische politische Information qualifiziert.

    Zunächst mussten die Veranstalter unendlich viele Anwesende und nicht Anwesende mit guten Worten, Dank- und Lobreden überschütten. Gegen Kritik kann man sich wehren; Lob und Dank ist man machtlos ausgeliefert. Jurist und Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Günter Krings, Fraktionsvorsitzender Dr. Schlegelmilch und noch CDA-Vorsitzende Doris Jansen übertrafen sich gegenseitig.

    Sie stellten fest, dass die CDU grundsätzlich die richtigen Weichen gestellt hätte. Bedeutende Feststellung im Hinblick auf die demnächst anstehenden Kommunalwahlen. Auch das voraussichtliche Unwort des Jahres „Klimaschutz“ durfte in keiner Stellungnahme fehlen. Frau Jansen sah zudem ihren Herzenswunsch erfüllt, Wolfgang Bosbach als Redner erleben zu dürfen. Der war bereit, musste aber warten, ehe er an der Reihe war und zur „Halbzeit in Berlin“ Stellung nehmen konnte.

    Sozialverhalten hat der Politiker aus Bergisch Gladbach eingeübt. Auch dass er in der Borussen-Hochburg auftrat, obwohl sein Herz am 1. FC Köln hängt, spricht für ihn. Er engagiert sich im sozialen Bereich, z. B. bei der Äthiopienhilfe von Karlheinz Böhm „Menschen für Menschen“. Er wird mit vielen Aussage zitiert, die sein Licht nicht unter den Scheffel stellen und auch an diesem Abend durchklangen: „Eine klare Haltung ist überzeugender als eine Sowohl-als-auch-Position.“„Ein bisschen mehr Menschlichkeit würde uns gut anstehen.“ „Politiker müssen die Wahrheit sagen.“ Wolfgang Bosbach fordert sich und fordert andere.

    Natürlich kamen die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen zur Sprache, schon beim Vorredner Dr. Krings. Bekannt dafür, „nicht blitzschnell seine Meinung zu ändern“, wiederholte Bosbach, in Deutschland bestünde Parteien-Verdrossenheit, nicht Politik-Verdrossenheit. Das bekamen die „großen Volksparteien“ zu spüren, die sich plötzlich wieder „mehr Bürgernähe“ vornehmen. Die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft ist laut Satzung Brücke der CDU zu Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Vielleicht darf sie dennoch überlegen, ob sie genügend darüber weiß, wo den Kolleginnen und Kollegen in der „familienfreundlichen Großstadt Mönchengladbach“ die Schuhe drücken.

    Es genügt insgesamt nicht mehr, direkt gewählter Bundestagsabgeordneter für seinen Wahlkreis zu sein. Es reicht nicht, Vorsitzender einer Fraktion im Rat der Stadt zu sein und aus beruflichen Gründen enge Kontakte nach China zu pflegen. Das CDU-Meeting vermittelte den Eindruck, dass etwas von dem Bosbach-Feuer überspringen müsste auf unsere politischen Volksvertreter mit ihrem versteckten Charisma, um Menschen „erwärmen“ zu können.

     An „Siebzig Jahre Grundgesetz“ erinnerte unser Land im Mai dieses Jahres. Anlass für Wolfgang Bosbach, Bilanz zu ziehen. Überwiegend waren es wirtschaftliche Wachstums-Jahre. Andere Länder staunen über das deutsche Wirtschaftswunder. Sechs Jahre Rezession machten daraus kein Minuswachstum, kritisierte er eine Feststellung des Bundestags. Bei Autoindustrie, Ingenieur- und Bauwesen wären wir „Weltklasse“, in Sachen Digitalisierung  würden wir hinterherhinken. Wir müssten den Zusammenhang sehen zwischen unserer wirtschaftlichen und sozialen Leistungsfähigkeit, mahnte er. Überforderung schadet. Bei stetig steigenden Energiepreisen würden Unternehmer prüfen, ob und wo es sich noch lohne zu investieren. Notwendig wäre eine sichere Energieversorgung zu bezahlbaren Preisen, damit nicht Kapital, Arbeitsplätze, Wachstum, Wohlstand und soziale Sicherheit ins Ausland exportiert würden. Wissen und Bildung wären unsere „Rohstoffe“. Die müssten wir investieren in die Bildung unserer Kinder.

    Das war wie ein Stichwort zum „Brexit“. Bosbach erwartet einen „klaren Schnitt“, der nicht nur auf britische Vorteile hinausläuft, sondern damit verbundene Nachteile in Kauf nimmt. Anderenfalls käme es zu einer Politik des Nebeneinanders statt Miteinanders. Europa dürfte sich keine Entsolidarisierung leisten. Wahrscheinlich würde Großbritannien aus der Europäischen Union ausscheiden. Denkbar, dass auch andere Länder bei „Mehr Europa“ an Austritt dächten. Solche Fliehkräfte gelte es zu unterbinden. „Europa muss zusammenhalten“, mahnte er eindringlich. „Wenn wir in nationalstaatliche Muster zerfallen, werden wir politisch marginalisiert.“ Die Europäische Union müsste nicht nur ökonomisch stark bleiben. Trotz verschiedener Ziele befänden wir uns auf derselben Baustelle und sollten uns gemeinsam für Friede und Freiheit engagieren.

     „Dreißig Jahre Mauerfall“ feiern wir am 9. November dieses Jahres. In Amerika und Frankreich begeht man nationale Feiertage mit Feuerwerk und Festumzügen. Wenn wir   Wiedervereinigung feiern, hätten auch wir Grund zur Feiertagsstimmung und Anlass, stolz zu sein auf die friedliche Revolution. Dass Erhofftes und Zugesagtes später eintrafen und teurer wurden, sollte uns nicht davon abhalten, das Positive zu sehen. Wer danach fragt, wo im Osten „blühende Landschaften“ wären,  sollte sich in Erinnerung rufen, wie sie vor der Wende aussahen. Wolfgang Bosbach nannte es „Patriotismus“, „Vaterlandsliebe“. Wir könnten von Glück sprechen, dass damals nicht Oskar Lafontaine, sondern Helmut Kohl Kanzler war. Ebenso positiv für unser Land und die Demokratie wäre es, wenn wir zwei stabile Volksparteien hätten. „Dreiecks-Verhältnisse“ verursachten nicht nur im privaten Bereich Probleme.

    Dazu würde auch gehören, Repräsentanten unseres Staates – unsere Polizei gehört zu ihnen, betonte Bosbach – zu stärken, statt ihnen, wie es laufend geschähe, in den Rücken zu fallen.

    Wolfgang Bosbach. Unverwechselbarer, humorvoller, rheinischer Katholik. Das Gesicht dieses CDU-Jahresempfangs. Er sagt, was er denkt. Er formuliert, was er registriert. Politisches Kabarett biete er, kritisieren ihn einige. Jemand, der etwas zu sagen hat, witzig und geradlinig informiert, loben ihn andere. An den Abend wird man sich erinnern, inspiriert von einem Gast, den eine Politik fesselt, die ihn antreibt, die ihn Kraft kostet, die ihm aber auch Kraft verleiht.

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  • Nur noch Trickdiebe und brutales Verhalten?In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

    Nur noch Trickdiebe und brutales Verhalten?
    In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

    „Dreiste Masche in Mönchengladbach: Trickdiebe bestehlen Senioren.“ „Senioren werden Opfer brutaler Raubüberfälle in ihrem Zuhause.“ Fast alltägliche Schreckensmeldungen. Zugespitzt lauten sie so: „Die Polizei nahm drei junge Männer fest. Im Hausflur prügelten sie auf ein Rentnerpaar ein. Mit Schlägen und Tritten verletzten sie beide schwer. Als Nachbarn Hilfeschreie hörten, riefen sie die Polizei. Für den Mann kam Rettung zu spät: Er starb in der Nacht im Krankenhaus.“

    In welcher Gesellschaft leben wir?

    Sind wir machtlos gegen Terror und Gewalt in unserer Nachbarschaft, in unseren Städten, in unserem Land? Werden, wie man behauptet, die Kleinen bestraft und die Großen laufen gelassen? Bestimmt das Gefühl von Hilflosigkeit unser Alltagsleben? Besorgt fragen viele, ob Brutalität und Menschen verachtendes Verhalten neue Dimensionen erreichen.

    Laut polizeilicher Kriminalstatistik werden ältere Menschen nicht öfter überfallen als vor zehn Jahren. Tatsache ist dennoch: Diese Zielgruppe wird verstärkt von Tätern ausgesucht.

    Es gibt auch „die Anderen“: Ein Handwerker fand bei Sanierungsarbeiten im Bad einer leer stehenden Wohnung unter der Badewanne in einer Plastikdose neuntausend Euro und informierte die Mönchengladbacher Polizei. Möglicherweise gehörte das Geld dem früheren Mieter der Wohnung. Mg-heute berichtete darüber.

    Vierzigtausend Euro fand eine Reinigungskraft in einer Tasche, die ein Hotelgast in einem Mönchengladbacher Hotel vergessen hatte. Behalten oder abgeben? Sie gab die Tasche samt Geld an der Rezeption ab.

    Ich tankte an einer Tankstelle. Als ich zahlen wollte, stellte ich fest, dass ich ohne Geld und Kreditkarte unterwegs war. Ein mir unbekannter junger Mann hinter mir an der Kasse sagte dem Kassierer: „Ist mir auch schon passiert.“ Er zahlte für mich und verschwand.

    In welcher Gesellschaft leben wir?

    Haben wir verlernt, was gewaltfreie Kommunikation bedeutet? Sie soll uns befähigen, so miteinander umzugehen, dass Vertrauen, Zutrauen und Freude unser Leben prägen. Menschliches Zusammenleben geschieht nicht konfliktfrei. Es gibt „Spielregeln“, die zum gelingenden Miteinander beitragen können. Nicht jede „Regel“ lässt sich verbindlich für jede Form von Gemeinschaft vorschreiben. Daher können sie verschieden klingen, aber gleiche Ziele verfolgen:

    Wer vorher viel sagt, muss nachher viel zurücknehmen.
    Was man auf dem Herzen hat, sollte man manchmal für sich behalten.
    Schweigen kann beredter sein als die Zunge.

    Solche und ähnliche „Regeln“ haben zu tun mit der „Goldenen Regel“, die bereits Konfuzius fünfhundert Jahre vor unserer jetzigen Zeitrechnung kannte: „Was du nicht willst, dass man dir es tu, das füg auch keinem andern zu.“

    Trickdiebstahl und brutales Verhalten schaffen wir nicht mit einem Schlag aus der Welt. Wir brauchen keine Lichtgestalten, die das für uns erledigen. Wir selbst sind gefordert:
    Wann hören wir auf, andere zu belehren, wie „richtiges Leben“ auszusehen hat?
    Wann hören wir auf, euphorischem Größenwahn zu huldigen, der niemanden neben sich duldet?
    Wann hören wir auf, uns selbst anzuhimmeln statt unser Gegenüber?
    Wann hören wir auf, nur unsere Ruhe haben zu wollen?
    Wann hören wir auf, Gaffer zu sein, statt Hand anzulegen?
    Wann hören wir auf, uns als alleinige Retter der Erde zu präsentieren?
    Wann sorgen wir dafür, dass jeder seinen geschützten Rückzugsort findet, um den er nicht bangen muss?

    Ich bleibe Optimist. Manchmal geschehen Wunder.

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  • Eine Woche für 149 Euro – Zu schön, um wahr zu sein

    Eine Woche für 149 Euro – Zu schön, um wahr zu sein

    Meinung

    Bernard Shaw, irischer Dramatiker und Satiriker, schätze ich. Das Alter, sagt er, habe Vorteile. Zähne schmerzen nicht, da man keine mehr habe. Das Gehör lasse nach, und man überhöre den Unsinn, der oft erzählt werde. Der Herr im hiesigen Reisebüro pries einen anderen Vorteil: Ein Reise-Schnäppchen. „Vorteilspreis“. Bestens erhaltene Felsenkirchen würden besichtigt, asketisch lebenden Derwischen – bekannt für Bescheidenheit und Disziplin – würde ich begegnen. Das zu dem Preis. Nicht wiederholbar.

    Das Angebot überzeugte, obwohl ich soeben erst von einer bedeutend teureren Reise zurückgekehrt war. Oder auch gerade deswegen. Warum viel Geld ausgeben, wenn Reisen und Kultur zum Spottpreis zu haben sind. In meinem Alter kann man nicht alles auf die lange Bank schieben.

    Die Gastfreundschaft war perfekt. Schöne, nicht verschleierte, junge Frauen boten uns, den  im großen Halb-Kreis sitzenden Bus-Touristen, Tee und süßes Gebäck an. Irgendwo draußen musste eine Felsenkirche sein. Derwische waren offenbar bei einer anderen Veranstaltung aufgehalten worden. Teppiche wurden ausgebreitet, nicht einfach so, sondern gekonnt, schwungvoll, so dass vor jedermanns und jederfraus Füßen ein Pracht-Exemplar zu liegen kam.

    „Was sagen Sie dazu?“ rief jemand, der mit der Sache zu tun haben musste. „Solche Kostbarkeiten bieten wir heute an. Wenn Sie in wenigen Tagen daheim sind, bringt Ihnen Ihr Postbote eines dieser wunderbaren Stücke.“

    Woher wusste er das? Die Antwort erfolgte, ohne dass ich fragen musste. Ich müsse nur aussuchen, Name und Anschrift hinterlassen, bezahlen, und das gute Stück würde pünktlich geliefert. Seriöse Firma. Seriöse Kunden. Seriöse Lieferung.

    Felsenkirchen hin, Derwische her. Ich kaufte. Nicht zum Vorteils-, jedoch zum Freundschaftspreis. Die kleine Ecke im Wohnzimmer daheim würde von ihrem tristen, Teppich-losen Dasein befreit werden. Es gab viele Teppich-lose Wohnzimmer zu Hause; denn der Bus-Touristen-Teppich-Kauf zog sich in die Länge. Zugegebenermaßen höre ich nicht mehr gut. Aber sehen konnte ich, dass allenthalben Freude herrschte.

    Die spürte ich auch, als ich nach meiner Rückkehr pünktlich einen Teppich, meinen Teppich, an der Haustür in Empfang nehmen konnte. In die vorgesehene Ecke passte er nicht, aber irgendwo würde sich ein Plätzchen finden.

    Seit jenem bedeutenden Liefertermin schellen in regelmäßigen Abständen hilfsbereite, in unvorhergesehener Notlage sich befindende Teppich-Fachleute bei mir an. Ein guter Freund  habe ihnen erzählt, dass ich an einem vorteilhaften Teppich-Geschäft interessiert sei. Gerade habe sich eine günstige Gelegenheit ergeben. Zufällig sei man hier in der Nähe und könne von Freund zu Freund ein vorteilhaftes Angebot unterbreiten.

    Eine Kostbarkeit erwerben und den Verkäufern meine Anschrift hinterlassen. Warum hatte mich Bernard Shaw vor dieser Praxis nicht gewarnt? Vieles ist zu schön, um wahr zu sein. Meinem hiesigen Reisebüro werde ich empfehlen, sich in Zukunft an Winston Churchill zu orientieren: „Es ist ein großer Vorteil im Leben, Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen.“  

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  • Nicht immer nur Halleluja. Ein Leben mit der Orgel

    Nicht immer nur Halleluja. Ein Leben mit der Orgel

    Heinz Jakob Quast war mehr als 25 Jahre an St. Nikolaus in Mönchengladbach-Hardt tätig. Während einer Abendmesse zur Frühkirmes zeigte die von ihm auf der Orgelbühne bediente Liedtafel nicht nur „Lobet den Herrn“ im Gebet- und Gesangbuch an. Sie teilte den Gottesdienst-Besuchern auch den 2:0-Auswärtserfolg der „Borussia“ mit, die sich mit diesem Ergebnis die Teilnahme an der UEFA Champions-League sicherte.

    Heinz Jakob Quast

    Der Kirchenmusiker, Organist und Chorleiter H. J. Quast ist ein frommer Mensch, was ihn nicht daran hindert, den Himmel mit irdischen Augen zu betrachten. Er lebt nicht in jenseitigen Welten. Organisten bzw. Organistinnen sind Musiker, welche die Orgel spielen, in der Regel Pfeifenorgeln oder digitale Sakralorgeln in Kirche und Gottesdienst. Auch im Konzertbereich und in der Unterhaltungs-Branche erklingen Orgeltöne. Frommes „Halleluja“ und „Rhein- und Weinlieder für Elektro-Orgel“ schließen einander nicht aus.

    Wenn Heinz Jakob Quast Walter Rothenburgs Karnevals-Hymne „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ von der Orgelbühne in den Kirchenraum schallen lässt, kann der Anlass ein Gottesdienst zu Karneval sein. Denkbar, dass ein Pastor ihn motiviert hat, der im „Jlabbacher Karneval“ „Kölsch-katholische Gottesdienste“ feiert und angesagter „Bläck-Fööss“-Fan ist.

    Der Organist Quast begeistert sich nicht nur für berühmte Organisten wie Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach. Er schätzt den Gregorianischen Choral, die einstimmige Kirchenmusik. „Gaudete in domino semper“. „Freut euch immer im Herrn“. Eingangschoral zur Liturgie am 2. Adventssonntag. Treffender als mit diesem Leitsatz und der persönlichen Maxime „Hört auf zu jammern“ kann man einen Nachfahren der großen Organisten nicht charakterisieren.

     „Wenn ich mal sterbe, müssen Sie das spielen“, bat ihn ein Freund. In dem Fall war es ein Song von Dorothee Müller: „Dein Wort ist wie ein Lichtstrahl. Es schützt mich in Gefahren im Dunkel dieser Welt.“ Man spürt, dass sich der Organist und Chorleiter mit dem Liedgut und der ausgewählten Orgel-Literatur identifiziert. Er lebt sie und teilt sein Erleben Orgel spielend mit.

    „Heinz Jakob, wir sind in Not. Kannst du helfen?“ Ein Organist, ein Chorleiter ist erkrankt. Ersatz wird gesucht. Wer Heinz Jakobs Telefon-Nummer kennt, dem wird geholfen. Beim „Baustellenfest in St. Peter“ war ein Konzert des Kirchenchors eingeplant. Er sprang als Chorleiter und Organist ein. Ein „Quartett-Verein“, ein „Gesangverein“, viele andere waren und sind dankbar für seine kurzfristige Dienstbereitschaft. Denkt jemand daran, dass er Dienst-Schluss hat und pensioniert ist? „Wenn man nichts tut, tut sich nichts.“ Auch so könnte einer seiner Leitsätze lauten. Organist im produktiven Ruhestand.

    „Ein evangelischer Pfarrer rief an“, schaltet sich seine Frau ein. Keine Frage, welche Antwort er erhielt. Das Orgelspiel ist Heinz Jakobs Lebens-Elixier. Es hat bei ihm eine vergleichbare Wirkung wie ein in Wein oder Alkohol gelöster Auszug aus Heilpflanzen. Orgel spielen zu können, hält und macht ihn gesund.

    „Wo lernt man das?“ Die Frage hätte ich nicht stellen müssen. Nachdem seine Eltern von  Wassenberg, seinem Geburtsort, nach Arsbeck umgezogen waren, wurde er in der dortigen  St. Aldegundis-Kirche heimisch. Um sieben Uhr morgens war Werktagsmesse. Willi Busch spielte die Orgel. Der Junge Heinz Jakob stand neben ihm am Spieltisch und schaute zu.  Gleiches wiederholte sich beim Nachfolger. Dieser bat ihn, an seiner Stelle bei einer Mai-Andacht die Orgel zu spielen, da er verhindert wäre. Der junge Mann traute sich die Aufgabe zu. Als er am Schluss einen Blick in den Kirchenraum warf, sah er seinen „verhinderten“ Lehrmeister in einer Bank sitzen. Katholische Organisten-Prüfung anno dazumal.

    Natürlich hat er sich im Laufe der Jahre fachlich qualifiziert. Zum Orgel-Spielen – ein Manual- und Pedal-Spiel „mit Händen und Füßen“ – gehören Registerkunde, Grundkenntnisse im Orgelbau, Kenntnisse in der Liturgie, Intonieren und Begleiten des Gesangs der Gemeinde, Vor- und Nachspiel sowie Improvisationskunst. Die Funktion des Organisten ist zudem häufig mit der des Chorleiters verknüpft. Dirigieren bei Chorproben und Aufführungen, stimmliche Schulung der Chormitglieder, Auswahl der aufzuführenden Stücke sind mit dem Aufgabenbereich selbstverständlich verbunden.

    Nicht vorstellbar für ihn, Organisten durch Orgel-Automaten abzulösen, bei denen die Orgeltasten von Maschinen-Stößeln gedrückt werden statt von Hand. Klaus Holzapfel konstruierte Automaten, die Kirchenmusiker überflüssig machen können. Ein Organist Quast ist durch sie nicht zu ersetzen.

    Organisten und Chorleiter wie er gehören in Zeiten des Personalmangels und zunehmender Technisierung einer aussterbenden Zunft an. Schade. Dennoch muss ihm nicht bange werden. In seiner Familie, vor allem in den beiden inzwischen erwachsenen Kindern, tragen sein Können und sein Engagement Früchte. Ihre Musizier-Kunst ist vermutlich unsterblich.

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