Autor: Peter Josef Dickers

  • Weißt du noch?

    Weißt du noch?

    Seit fünfzig Jahren kennen wir uns. Du warst eine engagierte, kluge, lebensfrohe, allem aufgeschlossene Frau. Weißt du noch? Du weißt es. Du weißt, dass ich das schätze. Du weißt, dass ich dich schätze. Als ich jetzt leise dein Zimmer betrete, bemerkst du es nicht. Ich weiß nicht, ob du mich wahrnimmst. Aber ich weiß, dass ich willkommen bin.

    Du hast unseren Freundeskreis ins Leben gerufen, ihn die Jahre hindurch geleitet. Du hast unsere Treffen organisiert. Du hast uns erinnert, wenn wir uns nicht erinnerten.  Du warst die gute Seele, die sich für alle Zeit nahm, die dich um Rat baten. Weißt du noch? Du weißt es. Jetzt liegst du wohlversorgt auf dem Bett. Die Augen geschlossen, den Blick nach innen, nicht nach außen gerichtet. Du sagst es nicht, aber du wirkst zufrieden.

    Dein Mann ist da. Auch gestern war er da. Jeden Tag ist er da. Weißt du noch? Ich weiß nicht, ob du es weißt. Ich glaube es. Er ist zärtlich zu dir. „Meine Liebe“, sagt er. Er küsst und umarmt dich. Es wird dir gut tun. Auch mir tut gut, dass es dir gut tut.

    Deine erwachsenen Kinder sind nicht immer da. Die Töchter wohnen weit weg. Dein Sohn forscht am Polarmeer. Weißt du noch? Ein Foto von ihm und der Forschungsstation hängt über deinem Bett. Bald kommt er zurück. Er wird bei dir sein. Für eine Weile. Er wird sich freuen. Du wirst dich freuen, wenn du es dir auch nicht anmerken lässt. Nicht alles müsst ihr in Worte fassen.

    Seit fünfzig Jahren kennen wir uns. Jedes Jahr war anders. Jeder Tag war anders. Deine jetzigen Tage sind wieder anders. Aber sie gehören zu deinem Leben. Sorgen und Ängste berühren dich nicht mehr. Sie haben nie so an dir genagt, dass du dir wirklich Sorgen machtest. „Ich werfe die Sorgen, wenn sie mich einmal treffen, auf den Herrn“, hast du mir einmal gesagt. Weißt du noch? Ich bin sicher, dass du es weißt.

    Du warst und bist in einem Glauben verwurzelt, der dich stark gemacht hat. Selbstzweifel haben nie an dir genagt. Weißt du noch? Gesagt hast du es nicht.

    Ich habe dir viel zu verdanken. Du weißt es. Du musst es nicht sagen. Es ist gut, dass ich bei dir war.

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  • Besorgnisse

    Besorgnisse

    Sogenannte Fans von Borussia Mönchengladbach beleidigen auf Plakaten den Trainer eines bekannten deutschen Fußball-Clubs. Anti-Sprechchöre sind in der Bundesliga alltäglich. Torhüter werden bei Abstößen bepöbelt. Lieder verunglimpfen gegnerische Klubs.  Schiedsrichter und Ordnungskräfte werden angefeindet.

    Sanitäter und Retter im Straßenverkehr müssen sich ebenfalls üble Beleidigungen anhören. Tätliche Übergriffe nehmen zu. In Berlin wurden Rettungssanitäter mit einer Schusswaffe und Reizgas angegriffen. Oft sind die Täter betrunken. Strafverfahren werden eingestellt. Die Hemmschwelle sinkt. Dass jemand helfen will, wird nicht akzeptiert.

    In unseren Tagen wird über das Klima debattiert. Welches Klima wollen wir steuern und beeinflussen? Die Art und Weise, wie wir leben, wird nicht durch klimatische Veränderungen hoch über uns in der Atmosphäre entschieden, sondern sehr irdisch im zwischenmenschlichen Bereich.

    Eine Klima-Aktivistin segelt an Bord einer Hightech-Yacht nach Amerika. Monatelang habe sie überlegt, wie sie reisen könne, ohne Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe zu benutzen. Es blieb das Segelboot übrig. Sie gönnt sich eine achtzehn Meter lange, mit Solarpaneelen und Unterwasser-Turbinen ausgestattete Yacht. Ein optimierter Renner. Die selbstverständlich uneigennützig handelnde junge Frau lässt sich hoch herrschaftlich begleiten. Dazu sind der Vater und ein Filmproduzent an Bord. Ein Familien-Unternehmen. The show must go on.

    So rettet man die Welt? Oder macht man die Welt und sich selbst lächerlich? Wer profitiert von dem Spektakel? Das Klima? Welches Klima? Bestimmte Gruppierungen unserer Gesellschaft? Jene, die das inszenieren?

    Andere Gefährdungen bzw. solche, die dafür gehalten werden, sind derweil dem Vergessen anheimgefallen. Die Tihange-Aus-Säule am Mönchengladbacher St. Vith, die zum Protest gegen Atomkraftwerke in Belgien aufrufen soll, wundert sich, dass ihre knallrote Farbe kaum noch Eindruck erweckt. „Die Kraftwerke müssen abgeschaltet werden, weil sie ein Sicherheitsrisiko für 25 Millionen Menschen in der Region darstellen“, hatte ein Zahntechnikermeister erklärt.

    Sie können nicht mit dem Klima und dem steten Wechsel des Katastrophenszenarios konkurrieren. Der Zahntechniker muss sich wieder den Zähnen zuwenden. Ob der evangelische Pfarrer, der aus Sorge um die Zukunft seiner Kinder wegen Tihange einen „Denkanstoß“ veröffentlichte, jetzt eher um das „Klima“ bangt, ist nicht bekannt.

    Ob uns irgendwann bewusst wird, dass nicht in erster Linie Besorgnisse von außen unser Leben bedrohen, sondern Brüche und Anfeindungen von innen? Unsere zerrissene Welt hat mit uns zerrissenen Menschen zu tun. „Es werde Licht“, lautet ein berühmter Satz der jüdischen und christlichen Bibel. Ob das Licht unsere Einsichtsfähigkeit wieder zum Leuchten bringen wird?

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  • Kann denn Plastik Sünde sein?

    Kann denn Plastik Sünde sein?

    Danke, liebe Post. Da Freitag ist, hast du mich wieder, wenn auch unaufgefordert, mit eingeschweißten Einkauf-Angeboten bedacht. „Gratiswoche“, „60 Prozent gespart“. Mit „Einkauf Aktuell“ verstehst du dich offenbar so gut, dass du zwanzig Millionen deutsche Haushalte pünktlich damit beglückst.

    Ich sage dir nicht, wie ich mit dem Plastik-Glücks-Paket verfahre. Ich gebe allerdings zu, dass ich es noch nie geöffnet, nie etwas gelesen und es zuweilen dem nächstgelegenen  postalischen Briefkasten anvertraut habe. Ohne Briefmarke und Zustell-Adresse allerdings. Letztere kenne ich leider nicht. Meine Adresse ist dir, liebe Post, auch nicht bekannt. Daher erhält mein Nachbar das gleiche Glücks-Angebot wie ich. Was er damit macht, sage ich dir auch nicht.

    „Die Deutsche Post müllt Briefkästen mit Plastik voll“, beschweren sich undankbare Empfänger der Plastik-Lieferung. „Die Deutsche Post ignoriert 50.000 Widersprüche“ behauptet jemand, der anscheinend widersprochen hat und „dem Werbeterror ein Ende machen“ will. Wer nicht „nein“ sage, werde beliefert, antwortest du, liebe Post. Wem soll ich „nein“ sagen, wenn ich deine Gratis-Aktion in meinem Briefkasten vorfinde? Die für uns zuständigen Zustell-Boten bzw. Botinnen wären dankbar, wenn sie freitags nicht mehre Zentner Briefkasten-Müll durch unsere Stadt transportieren müssten. Können sie „nein“ sagen?

    Du wirst verstehen, liebe Post: Es wäre lästig, zwanzig Millionen eingeschweißte Plastik-Geschenke handverlesen in zwanzig Millionen postalischen Boxen zu entsorgen. Ich schaffe das mit meinem Geschenk auch nicht immer. Wo es dann bleibt – ich sagte schon, dass ich es  nicht sage.

    Vermutlich weißt du nicht, liebe Post, dass die zum UNESCO-Welterbe zählende Pazifikinsel „Henderson Island“ im Plastikmüll zu versinken droht. In welchem Maß trägt meine dir wieder überlassene Plastik-Gabe dazu bei? Ich muss das wahrscheinlich nicht wissen, da du es anscheinend auch nicht weißt.

    Vielleicht missverstehen wir auch alles. Kann Plastik wirklich Sünde sein? Du, liebe Post, sagst nicht laut, was du uns vielleicht sagen willst:

    –   Die Plastik-Kunstoffe an unseren Elektrogeräten – Fernseher, PCs, Smartphone usw. – sind kein Problem. Jedenfalls nicht so ein großes Problem wie die Plastik-Strohhalme, welche die Meere füllen.

     –  Die viele Kilometer breiten Plastik-Folien, die im Frühjahr auf den Äckern eine möglichst frühe Spargel-Ernte ermöglichen sollen, sind ebenfalls unproblematisch.

    –   Ein Fünftel unserer Autos besteht aus Kunststoff. Aus Polyurethan-Schaum wird vom Armaturenbrett bis zum Karosserieteil alles Mögliche angefertigt. Wenn einmal E-Autos die Straßen beherrschen, dürfen Kunststoffhersteller auf noch bessere Absatzchancen hoffen. Das Gewicht eines Autos muss ja gesenkt werden, um Spritverbrauch und CO2-Ausstoß zu verringern. Wie macht man das? Mit Plastik. Kann Plastik wirklich Sünde sein?

    Liebe Post. Nächste Woche ist wieder ein Freitag. Kann ich davon ausgehen, dass du mich unaufgefordert versorgen wirst? Ich sage dir immer noch nicht, was ich mit deiner gut verschweißten Gabe machen werde.

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  • „Zusammen leben, zusammen wachsen“

    „Zusammen leben, zusammen wachsen“

    Aktuelle Meldung am heutigen Mittag, dem 29.7.2019: Ein Achtjähriger und seine Mutter wurden am Hauptbahnhof in Frankfurt/Main auf die Gleise vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Das Kind wurde vom Zug erfasst und starb. Die Mutter konnte sich aus dem Gleisbett retten und wurde ins Krankenhaus gebracht.

    Ein 40-jähriger Tatverdächtiger wurde festgenommen. Es wird wegen Tötungsdelikten gegen ihn ermittelt. Er habe versucht, eine dritte Person ins Gleisbett zu stoßen. Diese habe sich in Sicherheit bringen können. Ein Polizeisprecher erklärte, Zeugen hätten den Verdächtigen verfolgt und aufgehalten, als er den Bahnhof verlassen wollte. Nach derzeitigem Kenntnisstand gibt es keine Beziehung zwischen den Opfern und dem Verdächtigen.

    Kommentar eines AFD-Sprechers zu diesem Vorfall: Schützt endlich „unsere Bürger“. Willkommener Anlass, Fremdenhass zu schüren und Bürger gegen eine aus AFD-Sicht „unverantwortliche Migrationspolitik“ aufzubringen. Dazu sollten wir uns nicht verleiten lassen, obwohl das Ereignis fassungslos macht.

    In unserer Stadt Mönchengladbach leben Menschen aus mehr als 150 Nationen mit unterschiedlichen Sprachen, Kulturen, Religionen und Erfahrungen. Sie wohnen und leben hier. Sie haben bei uns ein Zuhause gefunden.

    An hiesigen Grundschulen wird Kindern in spielerischer Weise Sprachförderung und individuelle Hausaufgabenbetreuung vermittelt. Qualifizierte Begleitpersonen unterstützen das. Die Arbeitsstelle für interkulturelle Bildung und Integration ist sicherlich dankbar für jedes weitere Engagement zugunsten dieser Kinder.

    Zwischen dem 22.9. und 13.10. dieses Jahres steht wieder eine „Interkulturelle Woche“ bevor. Der Integrationsrat beteiligt sich an dieser bundesweiten Aktion. Das Motto: „Zusammen leben, zusammen wachsen.“ Ausstellungen, Theateraufführungen – Festtage mit Tanz und Musik sollen es werden. Ein interkulturelles Straßenfest am Sonntag, dem 22.09.19 auf dem Parkplatz am Geroweiher dient als Eröffnungsveranstaltung.

    Das Motto „Zusammen leben, zusammen wachsen.“ dürfen wir uns von keiner noch so befremdlichen Aktion zerreden lassen. Zum Miteinander gibt es keine Alternative. Gemeinschaft macht stark. Wir lassen uns nicht irre machen.

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  • Reise nordwärts. Überraschungen am Nordkap

    Reise nordwärts. Überraschungen am Nordkap

     Mehr als hundert Kreuzfahrtschiffe steuern jedes Jahr Honningsvåg an, Verwaltungssitz der Gemeinde Nordkap an der Südseite der Insel Magerøya.

    Auch unser Schiff hat angelegt. Mehrere hundert Passagiere steigen in die Busse 1-7 und 11 – 16 mit Fahrtziel „Nordkap“ an der Nordseite der Insel. Für viele in Gedanken ein Höhepunkt ihrer Reise. Die Abfahrt der Busse erfolgt zwischen 22.30 Uhr und 23.00 Uhr. Am späten Abend. Man will die Mitternachtssonne erleben.

    Am Zielort hat das Besucherzentrum, die Nordkaphalle, geöffnet. Hier kann man erfahren, wie ein Leben hoch im Norden verläuft. Im Keller zeigt das Kino „atemberaubende Bilder über den hohen Norden“. Außerdem darf man eine von Kindern aus verschiedenen Ländern der Erde geschaffene Skulptur „Kinder der Erde“ bestaunen. „Die Wichtigkeit von Freundschaft“ soll sie darstellen. Ein Restaurant mit integriertem Café bietet Schutz vor oft heftigen Winden der Barentssee. Nicht wenige Ausflügler verbringen dort ihre Zeit bis zur Rückfahrt der Busse. Sie hätten auch in Honningsvåg bleiben können. Der Ort bietet „Einkaufsvergnügen und aufregende Aktivitäten am Ende der Welt“. Steht jedenfalls im Reisekatalog.

    Die Busse 8 und 9 starten derweil zur „Panoramafahrt Insel Magerøya“. Bus 10 befördert eine besondere Gruppe von Nordkap-Fans: Quad-Safari-Fahrer. Die Rückkehr aller Busse erfolgt unterschiedlich zwischen 01.15 Uhr und 02.30 Uhr. Ab 02.15 Uhr sind hoffentlich alle an Bord zur „Willkommen zurück – Party“. Der Kreuzfahrtdirektor spendiert eine nächtliche Gulaschsuppe. „Genießen Sie das nette Ambiente mit Live-Musik“, heißt es im Tages- bzw. Nachtprogramm. Ende offen. Einige finden es faszinierend, wie großzügig und unterschiedlich man mit seiner Zeit umgehen kann. Als vor ein paar Tagen die Bord-Uhr um eine Stunde vorgestellt und uns eine Stunde Schlaf „gestohlen“ wurde, klang das noch anders. Ich bin überrascht.

    Als ich vor zwanzig Jahren zum ersten Mal am Nordkap war, war etwas anderes faszinierend für mich: Die Magie dieses Ortes „am Ende der Welt“. Dann die ungewöhnlichen Lichtverhältnisse, auch wenn sich damals die Sonne hinter einem Grauschleier verbarg. Schließlich die Erfahrung, dass der Planet Erde begrenzt ist und gleichzeitig über sich hinausweist auf jenseitige Planeten, auf jenseitiges Leben, vielleicht auf ein generelles Jenseits.

    Seit 1997 lebt die aus Nürnberg stammende Eva Schmutterer in einem kleinen Fischerdorf wenige Kilometer vom Nordkap entfernt. „Die Zeit, nach der wir uns am meisten sehnen, ist Ende Januar, wenn die Sonne nach der langen Polarnacht wieder über dem Horizont steht. Eine viertel Minute lang dauert das am ersten Tag. Danach geht die Sonne jeden Tag zehn Minuten früher auf und zehn Minuten später unter.“ Kostbarkeiten, die in Minuten gezählt werden. Zu lesen in einem ihrer Bücher.

    Eva Schmutterer hat in ihrem kleinen Dorf die Galerie „East of the Sun“, „Östlich der Sonne“, eröffnet. Sie schreibt nicht nur. Sie malt. Eine besondere Technik hat sie entwickelt. Auf ihre Landschaftsskizzen klebt sie buntes Papier und lässt so Kollagen entstehen, angefertigt mit Messer und Leim. Die Mitternachtssonne, die steil ins Meer abstürzende Landschaft, der rote Mohn, der Leuchtturm in den Felsen bilden Grundmotive ihres Schaffens, dessen Vielfalt beeindruckt. Evas Bilder interpretieren das Leben auf der Insel Magerøya. Sie fangen die auf Menschen mystisch wirkende Landschaft ein. Das ständig sich wandelnde Licht spiegelt sich in den Bildern wider. So erlebt Eva Natur und wird ein Teil von ihr. Ich bin nicht nur überrascht, sondern sprachlos.

    Gibt es Menschen, Einheimische, sogar Touristen, die sich für Evas Kunst interessieren?  Überraschende Feststellung: „Viele.“ Manche haben über das Internet von ihr erfahren. Es gebe Leute, die gezielt in die Galerie kommen, um ein Bild zu kaufen, sagt Eva. Noch erstaunlicher: Einheimische gehören zu ihren besten Kunden, nicht gelegentliche Kunst-Interessierte aus Europa und Amerika. Es gebe nicht viele Häuser auf der Insel, in denen kein Bild von ihr hänge.

    Einige Bilder möchte man sofort mit nach Hause nehmen: „Der ferne Horizont“. Eine Frau in einer weiten Landschaft schaut auf das Meer. Die winterliche „Kirche in Honningsvåg“ mit einem Mond im blauen Licht. Auch das ebenfalls im Blauton gehaltene Bild „Unter dem Mond“.

    Die Teilnehmer an den Nordkap-Touren kamen zurück mit vollen Einkaufstüten und ungezählten Fotos auf Kameras und Smartphone. Welche persönlichen Erinnerungen an Magerøya und das Nordkap werden sie mit heimnehmen und welche außerhalb der Nordkaphalle gesammelten Eindrücke?

    In Evas Galerie, in ihren Büchern, bei ihr persönlich kann man „Kleines“ entdecken, das „Großes“ bedeuten und werden kann. Es fahren keine Touristen-Busse zur Galerie. Es gibt keine Gulaschsuppe. Man nimmt dennoch etwas mit nach Hause, das erinnerungswürdig ist an das Nordkap auf der Insel Magerøya. Diese Überraschung sollte man sich gönnen.

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  • Reise nordwärts. Bei den Eisbären

    Reise nordwärts. Bei den Eisbären

    Wir sind in Longyearbyen. Kleine Bergbaustadt auf Spitzbergen. So weit im Norden war ich bisher nicht. Neunhundert Kilometer nördlich des norwegischen Festlands liegt die Inselgruppe, 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt.

    Die Namen großer Polarforscher bringen sich in Erinnerung: Roald Amundsen, Robert Falcon, Fridtjof Nansen, Knud Rasmussen. Ich behaupte nicht, mich auf deren Spuren zu befinden. Dennoch ist es nicht selbstverständlich für mich, eine Gegend aufsuchen zu können, wo Männer und Frauen aus ihrer Liebe zur Natur und ihrem Entdeckerdrang Expeditionen ins ewige Eis unternommen, dort forschten und einige im Eis verschollen sind. Meine Mutter hat das Dorf, in dem wir gewohnt haben, selten verlassen. Was würde sie sagen, wenn sie erleben könnte, wo ich mich gelegentlich herumtreibe?

    Spitzbergen, norwegisch „Svalbard“: Fels-Massive und gefrorene Tundra, Gletscher und mit Eis bedeckte Fjorde. Eisige Schönheit. Für die Polarnächte zwischen November und Februar ist es jetzt im Juli noch zu früh. In der Zeit der Polarnächte bleibt es in Longyearbyen monatelang dunkel. Auch von denen, die hier wohnen, halten das nicht alle aus. Sie ziehen wieder fort. Die meisten Einwohner sind nur kurzfristig hier, um zu arbeiten. Auch wir bleiben nicht, nicht nur wegen der Jahresdurchschnittstemperatur von minus viereinhalb Grad. Jetzt ist Mitternachtssonne-Zeit. Vierundzwanzig Stunden, rund um die Uhr. Die Nacht ist nicht zum Schlafen da, stelle ich fest. Zumindest fällt mir das Einschlafen schwer.

    Das Svalbard-Museum in Longyearbyen vermittelt Einblicke in Vergangenheit und Geschichte des Spitzbergen-Archipels. Uns wird vermittelt, unter welchen Umständen und Bedingungen Menschen hier lebten, immer noch leben und aktiv sind. Und es macht uns bekannt mit dem „König der Arktis“, dem Eisbär, einem ausgestopften Exemplar allerdings. Spitzbergen Besucher träumen angeblich davon, einen lebenden Eisbär zu Gesicht zu bekommen.

    Doch Eisbären sind Raubtiere. Es die größte Bären-Art; zwischen dreihundert und siebenhundert Kilogramm Gewicht bringen sie auf die Waage. Mit ihren breiten Pfoten überqueren sie unbeschadet Felskanten, Schnee und brüchiges Eis. Eisbären-Warnschilder, die eifrig fotografiert werden, sind kein Touristen-Gag oder einer analogen Kategorie „Achtung Krötenwanderung“ entnommen. Auf Spitzbergen besteht außerhalb von Ortschaften ein ernstzunehmendes Risiko, auf Eisbären zu treffen. Man darf sich dort nicht ohne Gewehr oder bewaffneten Führer aufhalten. Ich habe es nicht getestet. Kinderspielplätze werden jedenfalls hoch eingezäunt.

    Statt eines Gewehrs habe ich in der Regel mein Portemonnaie dabei, wenn ich unterwegs bin.

    Wenn ich wieder zu Hause bin, ist der Besuch in einem Zoo fällig. Der Tiergarten in meiner Stadt hat leider keinen Platz für Eisbären. Im Zirkus ist künftig nur eine Begegnung mit ausgestopften Tieren erlaubt, wie im Museum. Deutschland ist dennoch führende Eisbären-Nation in Europa. Mehr als einhundert lebendige Eisbären finden in unseren Zoos Rückzugsorte und fühlen sich dem Vernehmen nach wohl. Ohne bewaffnet zu sein, kann ich sie da in Ruhe beobachten.

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  • Reise nordwärts. Auf dem Schiff

    Reise nordwärts. Auf dem Schiff

    Das Schiff hatte eine fünfzig-tägige „Reise zu neuen Ufern“- Malaysia, Thailand, Sri Lanka – hinter sich, als es die Nordsee-Reisenden an Deck ließ. Eine „maßgeschneiderte Kreuzfahrt“ versprach individuelle Erlebnisse, fernab vom Massentourismus. Wann ist nicht „Masse“? Was ist „stilvolles Zuhause“ auf einem Schiff, wenn man nicht tatsächlich zuhause ist? Das Schiff hatte Platz für tausend Passagiere und für fünfhundert Bord-Angestellte. Meine Kabine war keine Premium-Unterkunft. Für neunzehn Tage Kreuzfahrt war Unterwegs-Sein wichtig, waren die Stationen der Reise vorrangig. „Premium“ genoss ich daheim.

    Andererseits entging mir nicht, dass dem Schiff nach der „Reise zu neuen Ufern“ nicht viel Zeit zur Verfügung gestanden hatte, Spuren der Jahrhunderte zu verwischen, die der Seefahrer und jetzige Namensgeber des stilvollen Zuhauses in der Neunzehn Tage-Unterkunft hinterlassen hatte. Ich sah ein, dass tausend Gäste tausend Bedürfnisse und Erwartungen mit ihrem vorübergehenden Zuhause verbanden. Fünfhundert Bord-Angestellte konnten nicht allem gerecht werden und auch noch Stuben-Dienste verrichten.

    Mein individuelles Erlebnis an Bord begann mit dem Angebot einer Alternativ-Kabine im Premium-Bereich. „Sie werden Verständnis dafür haben, wenn wir einen Preis-Aufschlag in Rechnung stellen.“ Ich rang mir das Premium-Verständnis ab. Zusätzlich wurden ja 219 Meter Komfort vom Bug bis zum Heck gewährt, dazu weitläufige Passagierbereiche mit viel Raum für meine Lieblingsplätze. Stilvoll sollte ich speisen und mich im Fitness-Center entspannen können.

    Während der ersten Tage verirrte ich mich im großzügigen Ambiente und betätigte, wie ich zugeben muss, in den Aufzügen den falschen Knopf für das gewünschte Fahrtziel. „Ich war kürzlich auf einem viel größeren Schiff“, bot mir ein Mitreisender Hilfestellung an. Mein Orientierungs-Defizit war nicht verborgen geblieben. „Soll ich Sie mit ins Spa-Center nehmen?“ Ich wollte nicht. Ich suchte einen Getränke-Automat, da ich eine Tasse Kaffee vertragen konnte. Ein stilvolles Café an Bord hätte ich bevorzugt; den Weg dorthin musste ich aber erst noch erkunden.

    Freie Platzwahl in einem der Restaurants war ein großzügiges Angebot. Dass ich damit rechnen konnte, auch überall bedient zu werden, wo ich Platz zu nehmen beliebte, war nicht zugesichert worden. Dass es zweckmäßig gewesen wäre, vor Reise-Antritt einen Schnellkurs in Serbisch, Indisch, Bahasa Malaysia zu belegen, um dem Service-Personal den Unterschied zwischen hart und weich gekochten Eiern klarmachen zu können, war den Reise-Unterlagen nicht zu entnehmen gewesen. Sooft ich mich zudem niederließ, traf ich auf neue Tischnachbarn und musste die gleichen Fragen beantworten, die mir gestern schon gestellt worden waren: „Die wievielte Kreuzfahrt ist das für Sie?“ „Welche Landausflüge haben Sie gebucht?“ Ich hätte darauf antworten können, unterließ es aber, da ich mir für das Buchen Zeit lassen wollte. Dass dies ein entscheidender Irrtum war, sollte sich herausstellen.

    Das täglich neu ausliegende „Entdecker-Magazin“ war vollgepackt mit Aktivitäten: 7 Uhr Walk & Talk. 12 Uhr Grill-Party. 13 Uhr Puzzle-Ecke. 14 Uhr Nachmittags-Quiz. 15 Uhr Ringe werfen. 16 Uhr Sprechstunde mit Frau Elsbeth. Wann blieb mir Zeit, meine Landgangs-Wünsche unterzubringen und in die Tat umzusetzen? Außerdem rechneten die Lido-Bar, die Oasis-Bar, der Captains Club, der Blue Room, die Show Lounge mit meinem Besuch. Ob auch die Disco-Nacht und der Nachtclub für mich in Frage kamen, hing davon ab, ob ich Nachtruhe einplante. Ich weiß nicht, ob jemand, der alle Angebote wahr nahm, es mitbekommen hätte, wenn unser Schiff seinen Ankerplatz im Hafen nicht verlassen hätte.

    Für mein leibliches Wohl war – zusätzlich zu den üblichen Mahlzeiten – ebenfalls umfänglich gesorgt. Der „Executive Chef“ bot eine „köstliche Mahlzeit mit kulinarischen Erlebnissen“ an. Es gab den „Cocktail und Mocktail des Tages“ sowie für die Mehrzahl der deutsch sprechenden Gäste auf dem Schiff einen „Kaffee des Tages“. Im SPA-Bereich konnte ich mir  eine Rücken-Nacken-Schultermassage, kombiniert mit einer revitalisierenden Gesichtsbehandlung gönnen. Kostenfrei waren diese Angebote nicht. Für Abhilfe sorgte die Taschengeld-Aufbesserung im Bord-Casino: „Kommen Sie heute bis Mitternacht ins Casino, und bereiten Sie sich auf einen unvergesslichen Poker-Abend vor. Unsere Casino-Mitarbeiter informieren Sie über alle Gewinn-Kombinationen.“

    Warum hatte ich nicht Pokern gelernt? Warum hatte ich nicht die Mönchengladbacher Altstadt gebucht mit ihren verführerischen Angeboten, sondern diese Nordland-Reise? Als ich am letzten Reisetag dorthin aufbrechen wollte, waren tausend Mitreisende ebenfalls dabei, ihren Heimatgefühlen nachzugeben. Glücklicherweise zählte ich als Nummer 24 zu den Glücklichen, deren Abschied von Bord nicht zur Tagesveranstaltung ausartete.

    Wenn die Sehnsucht übermächtig wird, lässt man sich dazu verleiten, das Große und Ferne zu suchen. Sobald sich Träume und Gewissheiten aufgelöst haben, stellt man fest, dass viel Schönes auch ganz nah ist.

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  • Reise nordwärts. Wenn es nicht dunkel wird

    Reise nordwärts. Wenn es nicht dunkel wird

    Es ist Mitternacht auf Spitzbergen und dennoch taghell. Die Sonne steht über dem Horizont. Für mich ist es Nacht, draußen anscheinend Tag, unabhängig von der  Uhrzeit. Knut Hamsun schildert es in seinem Roman „Pan“: „Es begann, nicht mehr Nacht zu werden. Die Sonne tauchte kaum die Scheibe ins Meer hinab und kam dann wieder empor, rot, erneuert, als sei sie unten gewesen und habe getrunken.“

    Von Mai bis Ende Juli geht nördlich des Polarkreises die Sonne nicht unter. Das Schiff hat diesen inzwischen passiert, aber die über dem Meer stehende Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel herab in meine Kabine. Ich stehe am Fenster, erlebe den nicht enden wollenden Tag und warte auf den nicht beginnenden Sonnenuntergang. Der Himmel hat sich in ein faszinierendes Farbenspiel verwandelt. Gut, dass ich noch nicht schlafe.

    Warum bin ich nicht müde? Die Sonne weckt die Lebensgeister, das Schlafbedürfnis wird herabgesetzt, sagt man. Kann ich die Helligkeit im jetzt ewig hellen Spitzbergen ignorieren? Zuhause mache ich mittags ein Nickerchen. Hier muss ich lernen, mit andauernder Helligkeit umzugehen, die den Tag lang und länger macht. Am besten ziehe ich den Vorhang am Kabinenfenster zu, wenn ich zum Schlafen Dunkelheit brauche. Eine Schlafmaske habe ich nicht dabei. Außerdem würde sie ihren Zweck verfehlen und ich in eine Art Wachkoma verfallen.

    Der längste Tag des Jahres in Island, von wo wir Richtung Spitzbergen aufgebrochen sind, ist am 21. Juni. Die Sonne geht erst nach Mitternacht unter und kurz vor drei Uhr wieder auf. . Wintersonnenwende, der kürzeste Tag, ist am 21. Dezember. Dann bin ich hoffentlich wieder zu Hause.

    Es soll Leute geben, die während der hellen Sommernächte nicht ins Bett gehen, weil sie den Zeit-Unterschied von Tag und Nacht nicht bewusst wahrnehmen. Ihr Zeitgefühl ist abhanden gekommen. Licht fördert die gute Laune. Das muss ich nicht unbedingt ausprobieren. Aber Helligkeit und Dunkelheit sind Vorgänge, die einen wesentlichen Einfluss auf mein Leben haben und sich auf mein Zeitempfinden auswirken.

    In den Medien wurde berichtet, die nordnorwegische Insel Sommarøy hätte beschlossen, während der Sommermonate die Zeit abzuschaffen. Alle Uhren wurden medienwirksam an einer Brücke aufgehängt und mit einem angeblichen Foto dokumentiert.  Zeitlos-Dasein auf Zeitlos-Insel sollte beginnen. Schnell stellte sich heraus, dass dies in Wirklichkeit nicht geplant war. Es ging bei der PR-Aktion vielmehr darum, ließ man die überraschte Öffentlichkeit wissen, „ausländischen Gästen die Mitternachtssonne zu erklären“.

    Ist so viel Helligkeit nicht schädlich? Stört sie nicht den Wachstumsrhythmus der Pflanzen? Es ist Hochsommer auf Spitzbergen. Es gibt das ewig helle Spitzbergen, das wir jetzt erleben, und das ewig dunkle. Die Flora hat sich den auf sie einwirkenden Bedingungen und klimatischen Verhältnissen angepasst. Die Pflanzenwelt steht unter Schutz. Es ist verboten, Blumen und Pflanzen zu pflücken. Ähnliches gilt für die Fauna. Tiere darf man weder berühren noch füttern.

    Belasten lange Dunkelheit und tiefschwarze Winternächte die hier Lebenden nicht? Muss es nicht deprimierend sein, Monate hindurch nicht „be-helligt“ zu werden, also in Dunkelheit leben zu müssen? In der Regel nicht, steht in der Reisebroschüre. Für die überwiegende Mehrzahl derer, die hier wohnen, ist Dunkelheit kein ungeliebtes Phänomen. Manche bevorzugen sogar die dunklen Wintermonate und tiefen Polarnächte. Dann kämen sie zur Ruhe, sagen sie. Dann sei endlich weniger los.

    Jetzt im Sommer landen täglich Linienmaschinen. Wöchentlich steuern Kreuzfahrtschiffe die Hauptinsel des aus vierhundert Inseln und Schären bestehenden, zu Norwegen gehörenden Spitzbergen – norwegisch „Svalbard“, „kalte Küste“ – an. Bis zum Nordpol sind es 1300 Kilometer; von Hamburg ist man 2700 Kilometer entfernt. In Longyearbyen, mit zweitausend Einwohnern größter Ort, darf  jeder sein flüchtiges Glück und bisher nicht Erlebtes suchen. Besucher aus aller Welt kommen für ein paar Tage, stopfen sich mit Eindrücken voll, machen sich wieder auf den Heimweg und werden erneut hungrig auf Kurzzeit-Erlebnisse.

    Die Anzahl derjenigen, die sich für den Amerikaner Longyear interessieren, der den Ort 1906 gründete, um Kohle abbauen zu lassen, wird sich in Grenzen halten, obwohl das Städtchen seitdem seinen Namen trägt. Nach Kohle wird heute wenig gegraben. Den dreieinhalbtausend Eisbären, die es hier geben soll, will wahrscheinlich auch niemand begegnen. Lange bleibt vermutlich kaum jemand hier, da man nicht im Dunkeln nach Hause fahren will.

    Die Bewohner werden froh sein, wenn die Fremden abgereist sind, obwohl es noch taghell ist. Aber es wird ja bald dunkel.

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  • Reise nordwärts. Reykjavik macht sprachlos

    Reise nordwärts. Reykjavik macht sprachlos

    Eine Skulptur aus Eisen, deren Aussehen mich an ein altes Kriegsschiff erinnert, empfängt uns, als wir in der Bucht von Reykjavik an Land gehen. Jón Gunnar Árnason, bedeutender isländischer Bildhauer, schuf die Skulptur „Sólfar“, ein stilisiertes „Sonnenschiff“. Erinnert es daran, dass Reykjaviks Geschichte mit den Wikingern, mit dem Atlantik, mit der Fischerei zu tun hat? Reykjavíks Einwohner lebten lange Zeit nur von Schafzucht und Fischfang. Politisch und wirtschaftlich war das Land abhängig von Dänemark

    Oder will das symbolisierte Schiff uns Besucher einladen, auf Entdeckung zu gehen? Ist es also mehr als eine Erinnerung an gestern? Reykjavik sei aus dem Dornröschenschlaf erwacht, erzählt die Reiseführerin. Davon könne man sich überzeugen.

    Der hohe Turm der Hallgrímskirkja ist nicht zu übersehen. Wenn nicht gerade Gottesdienste oder Konzerte in der Kirche stattfinden, kann man den Fahrstuhl nach oben nutzen und den Blick über die Stadt genießen. Die von Guðjón Samúelsson entworfene evangelisch-lutherische Pfarrkirche der Isländischen Staatskirche wurde nach dem Pastor und Poeten Hallgrimur Petursson benannt. Ihre eindrucksvolle Architektur ist dem Wasserfall Svartifoss im Südosten Islands nachempfunden, der über eine Felskante stürzt, die eingerahmt wird von Basaltsäulen, welche an Orgelpfeifen erinnern. Die Kirche darf für sich in Anspruch nehmen, zu den berühmtesten Wahrzeichen Islands zu zählen. Im Innern treffe ich auf ein Foyer mit moderner Kunst – weltliche, nicht unbedingt „göttliche“ Kunst. Der religiöse Himmel der Isländer scheint weit, Grenzen-los zu sein.

    Das bestätigt die sprachgewandte Führerin. Etwa achtzig Prozent der Einwohner gehören der Evangelisch-Lutherischen Isländischen Staatskirche an. Das hindert sie nicht daran, alte Bräuche aus Wikinger-Zeiten zu pflegen, die sich in Traditionen und Symbolen manifestieren. Alte Germanengötter und Göttersagen sowie das „versteckte Volk“ der Trolle, Feen und Elfen sind in Glaube und Lebensvollzug lebendig. Island kennt keine Glaubenskriege.

    Daher verwundert es mich nicht, dass es ein „Wohnviertel der Götter“, Thingholtin, gibt. Die Straßen sind nach nordischen Gottheiten benannt. Es gibt die Odins Straße (Ódinsgata), Thors Straße (Thórsgata), Lokis Weg (Lokastígur), Freyas Straße (Freyjugata).

    Unterschiedliche religiöse Strömungen bestehen nebeneinander. Man muss viele Meinungen aushalten können. Jeder entscheidet für sich, an wen oder was er glaubt, sagt unsere Begleiterin. Niemand schreibe vor, wie man seine Lebenswelt deutet. Endgültige Antworten gebe es nicht. Man könne nach heidnischen Bräuchen heiraten und beerdigt werden und dennoch Christ sein. Getauft und konfirmiert zu werden, sei traditioneller Brauch, selbst wenn man nicht an Gott glaube. Auch an Heiligabend gehe kaum jemand in die Kirche. Kirchliche Relativitätstheorie.

    Die unscheinbare, im neuklassischen Stil erbaute Dómkirkja, Domkirche, des Architekten Laurits Albert Winstrup am Austurvöllur-Platz verdient erwähnt zu werden. Sie ist die Kirche des evangelisch-lutherischen Bischofs von Island. Nach einem Vulkanausbruch von 1783 verlegte man den Bischofssitz von Skálholt nach Reykjavík und baute die Domkirche. Reykjavik hatte damals dreihundert Einwohner. Für sie war sie groß genug. Man hatte Sinn für Realität.

    Welche Gedanken einen Bischof bewegen, wenn er vor leeren Kirchenbänken predigt, darüber würde ich gern mit ihm diskutieren.

    Von der Kirche aus ist es nicht weit zur Stadtmitte. Bunte Häuser und Straßen drängen sich auf. Quirlige Einkaufsstraßen bieten extravagante Mode und Artikel von morgen und übermorgen an. Die Stadt scheint nicht schnell genug den technischen Fortschritt und die Zukunft in den Griff zu bekommen. Zukunft ist jetzt.

    Um die Straßennamen – Lagavegur und Skólavörðustígur sind die Haupteinkaufsstraßen – verstehen zu können, müsste ich mich mit der isländischen Sprache vertraut machen, die zur indogermanischen Sprachfamilie gehört. Ihr Schriftbild hat sich seit der Wikingerzeit im 9. Jahrhundert nur unwesentlich verändert. Die Schrift ist Identität stiftendes Element. Das geschriebene Wort gilt als  unverzichtbar. Es werden jährlich ca. 1,5 Millionen neue Romane veröffentlicht: außerdem existiert eine umfangreiche Kinder- und Jugendliteratur. Die Verbundenheit mit der eigenen Kultur gehört zu den isländischen Wesensmerkmalen. Im National- und  Saga-Museum stellt sich die Wikingervergangenheit Islands vor. In der UNESCO-Literaturstadt wird die besondere Rolle der Literatur für das kulturelle Leben betont. Halbjährlich findet ein internationales, renommiertes Literaturfestival statt. Herta Müller und Günter Grass stehen u. a. als Autoren auf der langen Gästeliste.

    Sprach-los macht mich die „Street-Kunst“. Viele Hauswände gleichem einem Kunstwerk mit großformatigen Graffiti,  riesigen Wandbildern und Fantasie-Figuren. Die Künstler ließen sich inspirieren von aktuellen Ereignissen, isländischen Gedichten und Liedern sowie Szenen aus der Literatur. Kreativ und witzig in Form und Farbe orientieren sich die „Künstler“ an der bunten isländischen Natur und Landschaft. Die Stadt ist ein Tummelplatz von Designern für Designer.

    Das trifft auch zu auf das neue Konzerthaus mit der von Olafur Eliassons entworfenen, himmelstürmenden, spektakulären Glasfassade. Natur und Technik sind eine Symbiose eigegangen. Licht und Glas, unendlich nach oben strebende Linien, sich überlagernde Metallrahmen von fast eintausend Glassäulen können die Sinne verwirren. Das Ganze wirkt auf mich wie ein großes Orchester, das zu diesem Konzerthaus gehört und zu den Naturgewalten und dem unberechenbaren Wetter passt, mit denen sich die Menschen auseinandersetzen müssen. Dass der Bau privaten Investoren und überheblich gewordenen Bankleuten zu verdanken ist, die dem Land eine große Bankenkrise bescherten, schmälert nicht seine Bedeutung.

    Meine Verweildauer ist auf ein paar Stunden begrenzt. Ich könnte Tage und Wochen hier verbringen, um die Vielseitigkeit und Kreativität dieser Stadt kennen und verstehen zu lernen. Aber das Schiff fährt weiter. Vielleicht komme ich zurück.

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  • Reise nordwärts. Von Papageientauchern und Vulkanen

    Reise nordwärts. Von Papageientauchern und Vulkanen

    Heimaey, Hauptort der gleichnamigen Insel Heimaey, die zu den Westmännerinseln, den Vestmannaeyjar, gehört, sollte erste Station unserer Reise sein. Das Schiff lag „auf Reede“, auf einem Ankerplatz relativ weit vor dem Hafen.

    Als 1973 der Vulkan Eldfell, der Feuerberg, auf der Insel ausbrach und Lavamassen Richtung Stadt und Hafen strömten, fürchtete man, die Hafeneinfahrt könnte verschüttet und der Hafen von der Stadt abgetrennt werden. Es wäre das Ende der Stadt gewesen, auch das Ende der Fischerei, von der die Einwohner lebten. Mit Pumpen und Rohrleitungen wurde Meerwasser auf den glühenden Lavastrom gepumpt, um ihn abzukühlen. Der Vulkan wurde gebändigt, die Lava gestoppt.

    Mit Tenderbooten sollten Mitreisende an Land gebracht werden, die einen Insel-Besuch geplant hatten. Aber der Wellengang ließ nicht zu, dass die Tenderboote auslaufen konnten. Enttäuschung bei denen, die gebucht hatten. Hier soll das „natürliche“ Island sein, ohne Touristenströme, zu denen auch ich gehöre? Wenn im kurzen isländischen Sommer eineinhalb Millionen „Wir wollen nach Island – Fahrer“ ankommen, kann es keinen Geheimtipp geben, wo ich niemanden von ihnen antreffe. Dennoch wollte ich an Land gehen und das in Reiseführern Beschriebene und Gepriesene aus meinem Blickwinkel betrachten. Die Westmännerinseln sollen zu den schönsten Landschaften auf Island gehören.

    Ich wollte an der „Rundfahrt zu den Hauptsehenswürdigkeiten“ teilnehmen, obwohl in der Ankündigung ein Problem besteht. Etwas, dass allen als „sehenswürdig“ gilt, gibt es nicht.    

    Der Bus sollte an der Westküste, eine atemberaubende Steilküste, entlangfahren. Jetzt im Juli sollen sich Schwertwals, Orcas, hier tummeln. Von der „größten Kolonie Papageientaucher“ in den Felsklippen hätten sich wohl etliche Exemplare als Foto-Motive gezeigt, keine „Kolonie“. Jetzt ist keine Brutzeit. Die Vögel jagen auf dem Meer. Etwa zehn Millionen Paare der schwimm- und tauchtüchtigen, Tauben-großen, schwarzen Vögel mit dem weißen Bauch und dem leuchtenden Schnabel soll es von Islands heimlichen Nationalvögeln geben. Man darf sie nicht mehr jagen. Dass trotz Jagdverbot Eier und Fleisch der bunten, auch Puffins genannten Vögel bei Verbrauchern ankommen und als Delikatesse auf dem Teller landen, gehört zu den nicht erklärbaren isländischen Geschichten.

    Zwischen den Vulkanen Helgafell und Eldfell verläuft die Bus-Route. Der Schlackenkegel Eldfell hat die Westmännerinseln durch seine Entstehung Ende Januar 1973 bekannt gemacht. Zwanzig Minuten lang hätten wir über rotbraune Steine und erkaltete Lava stolpern können. Ein Geröll aus scharfkantigen Lavabrocken links und rechts der Wege. Gedenksteine weisen auf begrabene Häuser hin. Zweihundert Meter über dem Meeresspiegel ist der Eldfell hoch. Der Feuerberg ist eine Attraktion. Katastrophen-Tourismus daher auch hier, obwohl er heute nicht stattfinden konnte. Mit Wallfahrts-Orten werden Geschäfte gemacht. In Drogerien gibt es schwarze „Lava-Zahnpasta“ zu kaufen.

    An einem der höchsten Punkte der Insel Heimæy stellt sich jedem, der herkommt, die berechtigte Frage, ob dem leise fauchenden und polternden Eldfell zu trauen ist. Niemand weiß es. Möglicherweise sind daher nur Tages-Gäste hier.

    Am Rand des Lavafeldes entstand das Vulkanmuseum Eldheimar, ein würfelförmiger Bau mit Rostfassade. Es vermittelt einen Eindruck in die Zeit vor, während und nach dem Ausbruch. Vom „Pompeji des Nordens“ erzählt das Museum. Ein Drittel der Häuser lag und liegt noch  unter Lava und Asche begraben. Inzwischen baute man Kraftwerke auf dem nach wie vor heißen Lava-Feld. Sie liefern Energie für Insel-Haushalte. Die Isländer haben sich mit der Katastrophe arrangiert. Sie seien risikofreudig, überraschungsfähig und eigenwillig wie die Vulkane, wird ihnen nachgesagt.

    Surtsey, zweitgrößte und ebenfalls von einem Vulkan geschaffene Westmänner-Insel, bleibt für Biologen reserviert. Nur sie dürfen die Insel betreten. Sie beobachten, wie auf vulkanischem Ödland neues Leben entsteht, ein neues, ursprüngliches Island. Unser Schiff darf die Insel umrunden. Ein „Ausgleich“ für den verpassten Besuch auf der Hauptinsel

    In der Umgebung der Westmännerinseln und auf den Inseln muss immer mit Vulkanausbrüchen gerechnet werden. Sie sind unberechenbar. Die Inseln gehören zu einer Vulkanzone, die sich mit den Vulkanen „Katla“ und „Hekla“ fortsetzt. Hekla, das „Tor zur Hölle“, zählt zu den aktivsten Vulkanen des Landes.  Katla gilt als schlafender Riese; ein Ausbruch sei überfällig, mahnen Experten.

    Das Meer ist in Wallung. Die Erde unter uns „lebt“. Die Einheimischen sind deswegen nicht in Sorge. Islands ehemaliger Fußball-Nationaltrainer Hallgrímson ist überzeugt: „Das Risiko, bei einem Verkehrsunfall umzukommen ist größer als die Wahrscheinlichkeit, bei einem Vulkanausbruch zu sterben.“ Er wird es wissen. Für die Einwohner von Heimaey gilt daher die Zeitrechnung „vor und nach der Katastrophe“.  Urvertrauen macht sie stark.

    Dennoch wird der isländische Katastrophenschutz den gestiegenen Touristenzahlen Rechnung tragen und „vorsorgen“. Das ist beruhigend.

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  • Reise nordwärts. Nordsee-Geschichten

    Reise nordwärts. Nordsee-Geschichten

    Ich schnuppere Nordsee-Luft. Zu der Inselgruppe im Südwesten Islands, der ersten Station unserer Reise, geht es nicht mit dem Schnellboot. Unser Schiff nimmt sich Zeit. Auch bei mir stellt sich ein neues Zeitgefühl ein. Und eine neue Sichtweise. Hinfahren gehört zum Ankommen. Wir fahren über ein Meer, das zu der Reise gehört.

    Der südliche Teil der Nordsee war einmal festes Land. „Doggerland“ nennen es die Forscher. Vor Tausenden von Jahren siedelten Menschen hier. Als sich die Gletscher zurückzogen, stieg der Meeresspiegel an. Niemand hatte davor gewarnt. Es gab keine Klima-Hysterie. Die Eiskappen der Erde und mit ihnen die Gletscher waren immer wieder geschmolzen. Der Meeresspiegel schwankte um mehr als einhundert Meter. Das Meer schuf einschneidende Veränderungen. Die Küste verschob sich, teilweise vom Meer gefressen, im Verlauf der Jahrtausende Richtung Süden dorthin, wo sie jetzt ist. Ob sie ewig da bleiben wird?

    Die Geschichte der Nordsee ist eine Geschichte der Naturgewalten, denen Mensch und Natur ausgeliefert waren und sind. Sie besteht aus der dramatischen Aufeinanderfolge von Stürmen und Fluten, denen die Menschen wenig entgegenzusetzen hatten. Besonders verheerend verlief die Weihnachtsflut 1717, die Tod und Verwüstung über die Küstenbewohner der Niederlande, Norddeutschlands und Skandinaviens brachte. „Statt das Fest der Geburt Jesu zu feiern, wurde nichts anderes gehört als Geschrei, Klagen, Heulen und Weinen.“ So schilderte der Pastor einer ostfriesischen Gemeinde die Vorgänge.

    Heinrich Heine hat Ereignisse solcher Art in Worte gefasst:

    Der Sturm spielt auf zum Tanze
    Er pfeift und braust und brüllt
    Heisa, wie springt das Schifflein
    Die Nacht ist lustig und wild
    Ein lebendes Wassergebirge
    Bildet die tosende See
    Hier gähnt ein schwarzer Abgrund
    Dort türmt es sich weiß in die Höh‘
    Ein Fluchen, Erbrechen und Beten
    Schallt aus der Kajüte heraus:
    Ich halte mich fest am Mastbaum
    Und wünsche: Wär‘ ich zu Haus

    Die tobende See mit ihren orkananrtigen Stürmen ist „der blanke Hans“, das personifizierte, wütend gewordene Meer. Den „Blanken Hans“ beschrieb der Lyriker Detlev von Liliencron in einem Gedicht. Es schildert darin, wie eine Stadt auf einer Nordseehallig von einer Sturmflut überrollt wurde und unterging.

    In seiner Novelle „Der Schimmelreiter“ erzählt Theodor Storm von der unberechenbaren Macht des Meeres. 1817 in Nordfriesland am Meer geboren, erlebte er nicht nur dessen Faszination, sondern auch das Bedrohungspotential. Obwohl die Menschen hinter Deichen lebten, waren sie den Naturgewalten ausgeliefert. Mächtigster Widersacher des Deichgrafs, des Schimmelreiters Hauke Haien, ist nicht die konservative Dorfgemeinschaft, sondern das Meer. Hauke Haien will einen Deich bauen für die Ewigkeit. Am Ende versinken menschliche Überheblichkeit und Uneinsichtigkeit in den Fluten der Nordsee.

    Nicht nur mit Meeres-Gewalten mussten sich die Menschen auseinandersetzen. Norwegische Wikinger beherrschten ab dem ausgehenden 8. Jahrhundert den Handel im Nordseeraum. Aber sie waren auch als Plünderer und Eroberer, Piraten und Freibeuter gefürchtet. Einer der berüchtigtsten war Klaus Störtebeker, Anführer der Vitalienbrüder, einer Seeräuberbande. „ Likedeeler“ nannten sie sich – Leute, die „zu gleichen Teilen“ ihre Beute aus den Raubzügen „teilten“ und auf Märkten zum Kauf anboten. Die „Hanse“, ein norddeutscher Städtebund, setzte sich auf See mit „Friedenskoggen“ gegen sie zur Wehr. 1401 wurde Störtebeker  angeblich gefangengenommen, nach Hamburg gebracht und hingerichtet.

    In der Hansestadt scheint er sich zum Anti-Helden gemausert zu haben. In der neuen Hafen-City wird Spaziergängern ein Abstecher zur Bronzestatue des „berühmten Freibeuters Klaus Störebeker“ empfohlen. Staunenswert ist zudem die „Störtebeker Elbphilharmonie“ mitsamt „Störtebeker-Restaurant“. Auf der Insel Rügen finden „Störtebeker-Festspiele“ statt; man kann in der „Störtebeker Zeitung“ blättern, in der Störtebeker butik“ stöbern und im „Restaurant zum Störti“ einkehren. Dem ehemaligen Pirat hat die Nachwelt zu Ruhm und Ansehen verholfen.

    An der Nordsee war und ist alles anders. Vor vierhundert Jahren war die Zeit der Walfänger. Matthias Petersen von der Insel Föhr kommandierte ein Walfangschiff auf Beutezügen bis nach Norwegen und Grönland. 373 Wale soll er erlegt haben. „Glück“ für ihn, dass es keine Tierschützer gab, die ihm und seinen Mit-Jägern die Harpunen entrissen hätten. „Glück“ für uns an Bord, dass uns das „Erlebnis einer Whale-Watching-Expresstour mit einem schnellen, großartigen Boot“ angeboten wird. „Entdecken Sie vielfältige Meerestiere von den großen Aussichtsplattformen aus. Erfahren Sie spannende Infos zu den Walen von Ihren Guides.“

    Soll ich dafür achtzig Euro zahlen? Ich weiß nicht, ob Tierschützer an Bord sind, die ich fragen könnte. Die isländische Regierung erlaubt auch jetzt noch den Fang von Zwergwalen als Nebenerwerb für Fischer. Ob das alle gut finden? Am besten frage ich niemanden und bleibe auf dem Schiff.

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  • Reise nordwärts. Einstimmung

    Reise nordwärts. Einstimmung

    Er gilt als erster Europäer, der mit einer Flotte auf dem Seeweg um Afrika herum Indien erreichte. Dort will ich nicht hin, obwohl das Schiff, auf dem ich eine Kabine gebucht habe, seinen Namen trägt. Fünfhundert Jahre nach der höchstwahrscheinlich abenteuerlichen Reise des portugiesischen Edelmanns prangt sein Name auf dem Bug eines Meereskreuzers. Der Kapitän steuert nicht die Gewürz-Inseln an, sondern will uns Kreuzfahrt-Touristen in den hohen Norden entführen.

    Heutige Kreuzfahrer identifizieren sich offenbar gern mit Abenteuer-bereiten Helden der Vergangenheit. „Sehr, was ich hier erlebe“, lauten die Smartphone-Botschaften an die Lieben daheim. Mit kostbaren Gewürzen werden sie nicht nach Hause zurückkehren, aber mit der Nachricht, dass sie auf mehr oder weniger gesicherten Aussichtsplattformen wagemutig eindrucksvolle Fotos gemacht und den Eisbären Aug in Aug gegenübergestanden haben.

    Muss ich dorthin?

    Muss ich irgendwo hin, wo es die aktivsten Vulkane gibt und ein Ausbruch überfällig ist?

    Muss ich auf Lava-Feldern spazieren gehen, auf denen weit und breit kein Baum zu sehen ist?

    Muss ich mich im Hochsommer auf steinige, schlammige,  rutschige Wege wagen und immer eine regenfeste Jacke dabei haben?

    Muss ich mich unbedingt auf den ungewohnten Tag-Nacht-Rhythmus einstellen, wenn auch nachts die Sonne scheint und ich nicht schlafen kann?

    Muss ich dahin, wo alles anders ist als daheim?

    Hätte man mir von der Reise abraten sollen?

    Zum Glück braucht das Schiff ein paar Tage, ehe es die erste Station der Reise erreicht hat. Wenn ich den Koffer ausgepackt habe und durch die Bullaugen in meiner Kabine auf das Meer schauen werde, schlafe ich wahrscheinlich ein und vergesse die Widrigkeiten, die auf mich zukommen könnten.

    Möge mir „Der Kleine Prinz“ Mut machen. Das Buch von Antoine de Saint-Exupéry ist meine Lieblingslektüre, wenn ich mir Außerordentliches zutrauen will. „Du musst sehr geduldig sein“, antwortete der Fuchs dem Kleinen Prinz, der mit ihm Freundschaft schließen wollte. „Du wirst dich zunächst mit einem kleinen Abstand zu mir in das Gras setzen. Ich werde dich aus den Augenwinkeln anschauen, und du wirst schweigen. Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse. Aber jeden Tag setzt du dich ein wenig näher …“

    Wenn ich zum ersten Mal das Schiff verlasse, konnte ich mich vorher Schritt für Schritt an das gewöhnen, was mich erwartet. Vielleicht ist alles anders, als ich gedacht habe.

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  • Fronleichnam – nicht nur perfekter Brückentag für ein verlängertes Wochenende

    Fronleichnam – nicht nur perfekter Brückentag für ein verlängertes Wochenende

    Fronleichnam. In mehreren Bundesländern ein gesetzlicher Feiertag. Hochfest im Kirchenjahr der Katholischen Kirche. Die bleibende Gegenwart Jesu im Sakrament der Eucharistie wird gefeiert. Der Begriff ist den mittelhochdeutschen Worten „fron“ (Herr) und „lichnam“ (Leib) entlehnt: „Fest des Leibes Christi“.

    Prozessionen verliehen dem Fest im Laufe der Geschichte einen besonderen Charakter. Nach und nach wurden sie zur Glaubens-Demonstration: Fahnen und Weihrauch, Honoratioren und Erstkommunion-Kinder, Frauen und Männer, Bruderschaften und Vereine zogen betend und singend durch geschmückte Straßen. Sie begleiteten die Monstranz mit der Hostie, das „Allerheiligste“. Gelebtes Christentum sollte deutlich werden.

    In Köln-Mülheim geschieht das seit siebenhundert Jahren auf dem Rhein: Die Schiffsprozession zur „Mülheimer Gottestracht“ besteht aus einer Flotte von Rheinschiffen, die im Konvoi entlang der Stadtgrenze des ehemals selbständigen Rheinschiffer-Dorfes Mülheim fahren.

    Für Martin Luther war Fronleichnam das „schädlichste Jahresfest“; die Prozessionen verurteilte er als „Gotteslästerung“. Auf die Zeit der Reformatoren im 15. und 16. Jahrhundert geht der „Abendmahls-Streit“ zurück: Nach katholischer Auffassung  ist, biblisch begründet,  im Sakrament der Eucharistie der Leib und das Blut Jesu Christi enthalten. Die Reformatoren verstehen die Feier des Abendmahls nur als „Gedächtnis“ an das Letzte Abendmahl Jesu.

    Fronleichnam heute noch feiern?

    Sind Glaubens-Demonstrationen zeitgemäß in einer säkularisierten, „verweltlichten“ Gegenwart?

    Sind öffentliche Glaubensbekundungen ehrliche Zeugnisse in einer Zeit leerer Kirchenbänke trotz lauter Glocken? Passen sie zu einer Kirche, welche  wie die Isolde in Richard Wagners Musik-Drama „ihren Tristan verloren hat“?

    Ignorieren öffentlich betende Katholiken die Durchblutungsstörungen und die Material-Ermüdung ihres ausgelaugt wirkenden Christentums?

    Wollen sich Prozessionsteilnehmer nicht eingestehen, dass sie im alltäglichen Leben mehr oder weniger auf Distanz zu Glaube und Kirche gehen, da sie oft weder Halt noch Hoffnung finden und sich nicht getröstet, sondern vertröstet fühlen?

    Fronleichnam heute noch feiern? Ich meine: „Ja“.

    „Demonstration“ ist nach Artikel 8 des Grundgesetzes „eine in der Öffentlichkeit stattfindende Versammlung mehrerer Personen zum Zwecke der Meinungsäußerung.“ Dieses Recht wird rege wahrgenommen. Man demonstriert gegen eine Urheberrechtsreform, gegen Mietenwahnsinn und Rassismus. Landwirte opponieren gegen strengere Dünge-Vorschriften. Der „Christopher Street Day“ ist Demonstration für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern; in Berlin zählt er zu den größten Straßenumzügen.

    Warum soll man dann nicht auch für „Glaubensüberzeugungen“ auf die Straße gehen?

    Ehrlicher wäre eine katholische Fronleichnam-Bekenntnis-Veranstaltung allerdings, wenn sich darin ein gemeinsames Eucharistie- und Abendmahl-Verständnis der großen christlichen Kirchen widerspiegeln würde.  „Wo ein Wille, da ein Weg.“ Solange Kirchen-Oberhäupter ihre Kirche jedoch als Museum mit lebenden, aber erstarrten Figuren verwalten, die haarspalterische Verwirrspiele inszenieren, ist daran nicht zu denken.

    Dann kann man jene verstehen, die ohne Gott und ohne Kirche auskommen und mehr Zeit für Fitnesscenter und Frühschoppen haben. Dann ist Fronleichnam wirklich der perfekte Brückentag für ein verlängertes Wochenende. Vielleicht setzen sich aber  jene durch, die „umwoelkten“, oberhirtlichen Bedenkenträgern klarmachen: „Geht nicht, gibt’s nicht.“

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  • Nicht die Laute wegwerfen, sondern die Saiten neu spannen. Aus meiner Biografie

    Nicht die Laute wegwerfen, sondern die Saiten neu spannen.
    Aus meiner Biografie

    Als ich Kind war:

    Hungerjahre prägten das Leben in unserem Dorf nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Von Wirtschaftswunder, von heiler Welt in der Nachkriegszeit war nichts zu spüren. Leute aus der Stadt unternahmen Hamsterfahrten zu uns ins Dorf, um Bauern und Privatleuten Tauschgeschäfte anzubieten. Die Reichsmark war wertlos geworden. Kartoffeln gegen Kunstgegenstände, Milch und Butter gegen Schmuck. Schwarzhandel hatte Hochkonjunktur.

    Unser Garten grenzte an eine Eisenbahnstrecke. Wenn eine Dampflock vorbeiratterte, staunten wir über die schwarzen, rußigen Wolken, die sie ausstieß. Dass sie für die Salat- und Gemüsepflanzen, dass sie für uns schädlich sein konnten, kam uns nicht in den Sinn. Die Vorstellungen der Menschen waren noch nicht Klima-gestört.

    Die Institution Kirche garantierte Halt und Sicherheit. Die Kirche war den Menschen nahe. Der Pfarrer wusste, was gut und richtig war. Er war moralische Instanz und hatte in gottesfürchtigen Landen Macht über Leben und Tod. Alltagsleben und Leben mit der Kirche waren miteinander verknüpft.

    Meine Mutter war eine einfache, fromme Frau. Dennoch standen irdische Realitäten ihr näher als der Himmel. Himmel war weit weg. Es ging ums Überleben, um konkret Erreichbares. Sie benötigte Lebensmittelkarten für Brot und Fleisch, Kleiderkarten für Unterwäsche und Strümpfe, Bezugsscheine für Mantel und Schuhe. Sie klagte nicht über ihr Leben, nicht über das Leben und Verhalten anderer. Sie hätte viele Gründe gehabt. Aber wer hätte ihr zugehört? 

    Auf eine bessere Zukunft setzten die Menschen. Es war eine Zeit der Hoffnungen auf überschaubare, geordnete Verhältnisse. Zukunftsstrategien wurden entworfen und wieder verworfen.

    Als ich in die Schule kam:

    Die „Deutsche Volksschule“ besuchte ich. Die Zeugnisse enthielten „Mitteilungen an die Eltern: Jedes Schulkind erhält ein Zeugnisheft unentgeltlich. Ein verlorenes oder unbrauchbar gewordenes Heft muß von den Eltern oder einem Stellvertreter ersetzt werden. Die Eltern werden gebeten, die Zeugnisse gebührend zu beachten und sich an den Klassenlehrer zu wenden, wenn sie nähere Erläuterungen wünschen. Hat das Verhalten des Kindes in Führung und Haltung, beim Anfertigen der häuslichen Arbeiten, bei der Mitarbeit im Unterricht wiederholt zu Beanstandungen Anlaß gegeben, wird dies zusätzlich durch Noten vermerkt.“

    Als ich begann, über jene Zeit nachzudenken:

    Unsere heutige reizüberflutete Gesellschaft mit den Segnungen des Fortschritts, dem Geräusch-Pegel und Veränderungsstress, den dauererregten und lauten Medien, der Rushhour des Alltags wäre damals unerträglich und nicht vorstellbar gewesen. Sicher Geglaubtes ist nicht sicher. Jeder scheint für sich selbst verantwortlich zu sein.

    „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, behauptet Liedermacher Wolf Biermann. Die demokratische Verfassung unseres Staatswesens lässt Veränderungen zu, auch Grundgesetz-Änderungen. Gesetze haben ihre Zeit. „Das  Leben gehört dem Lebendigen an.“ „Wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein“, philosophierte Goethe vor fast dreihundert Jahren.

    Andererseits  rückt die Sehnsucht nach einer „einfacheren“ Welt, nach Beständigkeit neu ins Blickfeld: Gesicherte Zugehörigkeit zu einer Firma, Verlässlichkeit, soziale Gewissheiten, partnerschaftliche Treue. Althergebrachtes und Vergangenes scheinen Potential für die Zukunft zu enthalten.

    Wenn ich in die Zukunft schaue:

    Neues schaffen und Altes bewahren – das muss nicht widersprüchlich sein. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ Friedrich Schiller formuliert in seinem Drama „Wilhelm Tell“, dass man sich von normierten Vorstellungen lösen und nach neuen Ufern umschauen muss.

    Für den, der nur auf Unverrückbares setzt, ist das keine wünschenswerte Sicht. Anspruch auf feste Rollenmuster gibt es nicht. Das „Zeugnis der Deutschen Volksschule“ ist Zeit-Zeugnis der Jahre nach dem Krieg, das darin zum Ausdruck kommende pädagogische Behütungs-Konzept natürlich nicht mehr Zeit-gemäß. 

    Dennoch: Vergangene Zeiten sind nicht wertlos für uns heute. Das „Convict Salesianum“, in dem ich während eines Auslandsstudiums in Fribourg/Schweiz wohnte, orientierte seine „Hausordnung“ nach einem Grundsatz des Franz von Sales (1567-1622): „Wenn man einen Missklang hört, muss man nicht die Saiten zerstören oder die Laute wegwerfen, sondern die Ohren öffnen und die Saiten vorsichtig spannen oder lockern.“Das gilt, glaube ich, immer noch.

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  • Pioniere der Welt – Bildhauer Tony Cragg in Mönchengladbach zu Gast

    Pioniere der Welt – Bildhauer Tony Cragg in Mönchengladbach zu Gast

    Tony Cragg; Foto: Mart Engelen

    Luftfahrtpionier Dr. Piccard, Extrembergsteiger Reinhold Messner, Schimpansen-Forscherin Dr. Jane Goodall, Rennfahrer David Coulthard holte der Initiativkreis Mönchengladbach schon nach Mönchengladbach. Jetzt stellt sich am Dienstag, dem 18. Juni 2019 um 20 Uhr  im Kunstwerk Mönchengladbach-Wickrath Sir Anthony Cragg vor.
    Der in Wuppertal lebende, siebzig Jahre alte britische Künstler zählt weltweit zu den bedeutendsten Bildhauern. In Europa, in Nord- und Südamerika, in Asien und Australien kann man seine Skulpturen bewundern.

    „Pioniere der Welt“ macht mit Persönlichkeiten bekannt, die „Besonderes geleistet haben und deren Engagement für andere Vorbildfunktion hat“. Kunstwerke wollen Zugänge zu einer neuen Welt schaffen und „Türen in den Köpfen öffnen“, wird er zitiert.

    Eine der typischen Arbeiten des Künstlers Tony Cragg:
    Die Skulptur „Mean Average #17“.
    Foto: Michael Richter

    Fünf Jahre lehrte er an der Universität der Künste in Berlin. Danach hatte er bis 2013 einen Lehrstuhl an der Düsseldorfer Kunstakademie, deren Rektor er wurde und Markus Lüpertz ablöste. Mit vielen Preisen und Auszeichnungen wurde er bedacht. An den Kasseler „documenta“, der wohl bekanntesten Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst, und an Kunstbiennalen in Venedig, Sao Paulo und Sydney nahm er teil. Den „Turner Prize“ erhielt er, ein nach dem Maler William Turner benannter britischer Kunstpreis, der jährlich an einen britischen Künstler verliehen wird. 2009 wurde er in die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und Künste gewählt.

    Bekannt wurde Tony Cragg auch durch das Zentrum für Bildhauerei, den „Skulpturenpark Waldfrieden“, in der Stadt Wuppertal, deren Ehrenbürger er ist. Als Museum in Trägerschaft einer gemeinnützigen Stiftung der Familie Cragg wurde es 2008 eröffnet. Gezeigt werden dort nicht nur Skulpturen Craggs, sondern auch Werke internationaler Künstler.

    Bildhauerei ist seine Leidenschaft. Wer ihm zuhört, erlebt einen Künstler, der heiter und selbstironisch von sich und seiner Tätigkeit erzählt. Unkompliziert, klug, bescheiden und humorvoll nennen ihn diejenigen, die ihn kennen. Grund genug für die Stadt Wuppertal, ihm die „Goldene Schwebebahn“ und den „Ehrenring der Stadt“ zu überreichen. Grund genug, diesen Ausnahme-Künstler im Kunstwerk persönlich kennen zu lernen.

    Eintrittskarten ab 15 Euro gibt es bei www.adticket.de.
    Ticket-Hotline: 0180 6050400.

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  • Pfingsten 2019

    Pfingsten 2019

    Auf einem Österreichischen Katholikentag sprach Karl Rahner, einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, von der Sorge, es könne der Geist ausgelöscht werden. „Uns alle muss die Sorge quälen, dass wir es sein könnten, die den Geist auslöschen: Durch den Hochmut der Besserwisserei, durch Unbelehrbarkeit, Herzensträgheit und Feigheit, womit wir neuen Impulsen und neuen Drängen in der Kirche begegnen.“

    Rahner ermahnte zunächst seine Kirche. Diese hörte den Ruf, erweckt aber nach wie vor nicht den Eindruck, dass sie ihn verstanden hat und in die Tat umzusetzen bereit ist. Das Gezerre um ein gemeinsames Abendmahl der christlichen Kirchen, der Widerstand gegen eine Priesterweihe für Frauen verraten den Un-Geist, der vorherrscht. Manche Kirchen-Oberhäupter scheinen „von allen guten Geistern verlassen zu sein“.

    „Pfingsten“ – das Fest des Heiligen Geistes, sagen die Christen. „Pfingsten“ – Aufforderung an  uns alle, darüber nachzudenken, wie wir mit unseren Geistesgaben umgehen und wofür wir sie nutzen. „Löscht den Geist nicht aus“, mahnte Karl Rahner. Er sprach nicht nur als Kirchen-Vertreter. Er war auch Staatsbürger. Wenn man sich an die kürzlich erfolgten Wahlen zum Europa-Parlament und an das bizarre Brexit-Chaos erinnert, kann man nicht unbedingt geist-volles Handeln dahinter entdecken.

    „Dem Volk muss man „aufs Maul schauen“, wird Martin Luther, Initiator der Reformation, zitiert. Der Sprachforscher Hartmut Günther deutet Luthers Aussage so: „Wenn du als Pfarrer etwas über eine Schreinerei sagen willst, musst du erfahren, wie ein Schreiner spricht. Wenn es um Krankheiten geht, frage den Arzt. Du musst so reden, dass die Leute dich verstehen.“ Ob unsere politisch Verantwortlichen darüber schon einmal nachgedacht haben? Sir Winston Churchill, ehemaliger britischer Staatsmann und Premierminister, hat es so formuliert: „Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man sollte ihm nur Nahrung zumuten, die er verdauen kann.“

    „Löscht den Geist nicht aus.“

    Ihr Eltern und Erzieher. Helft euren Kinder und Schutzbefohlenen, jenen Geist aufzuspüren, der sie zu eigenständigen, geist-beseelten Menschen macht.

    Ihr Kinder und Heranwachsenden. Traut denen, die euch Wege in die Zukunft weisen, zu, dass sie es im Geist des Verstehens und Vertrauens zu euch tun.

    Ihr Arbeitgeber und Unternehmer. Seht eure Mitarbeiter als Menschen an, die ihr be-geistern sollt für das, was sie bei euch und für euch leisten.

    Ihr alle, die ihr euch engagiert in Familie und Beruf, in Vereinen und Gruppen, in Staat und Gesellschaft: Möge guter Geist euer Handeln prägen.

    Das Zitat „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los“ aus Johann Wolfgang von Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“ warnt uns vor dem Un-Geist der Selbstüberschätzung, vor dem Un-Geist der Wichtigtuerei, vor dem Un-Geist, der nur noch über das Smartphone mit anderen kommuniziert.

    Es ist Pfingsten. Die Gaben des Geistes, auch des Heiligen Geistes, stehen uns Menschen in reichem Maß zur Verfügung. „Löscht diesen Geist nicht aus.“

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  • Der Präsident

    Der Präsident

    „Unsere Feinde werden zittern vor Angst.“ Vom größten, teuersten, modernsten Flugzeugträger spricht der Präsident. Eintreten soll das nach  Fertigstellung in drei Jahren. Atemberaubendes Vorhaben.

    „Seht, so sehen Sieger aus.“ Andere klein, sich selbst groß machen. Unverletzbare Statue. Der Präsident auf dem Weg in die Ruhmeshalle. Ob er noch Präsident ist, wenn er dort angekommen und dem Schicksal der Eintagsfliege entgangen ist? Weiter als bis zum Mond ist bisher niemand gekommen.

    Mit lautem Trommeln wird das Revier markiert und die Hilflosigkeit der Feinde beschworen. Dominanz- Gebaren. Macht-Demonstration. Grenzen überschreiten. Einschüchtern. Drohen..

    Ein Präsident im Breitwand-Format.

    Ein Präsident, beschäftigt mit dem, was ihm am nächsten ist, mit sich selbst. Mut zur Peinlichkeit. Kritische Journalisten und politische Gegner sind feindliche Elemente, abscheuliche Leute.

    Muss man seine von wesentlichen Inhalten bereinigten Reden beachten? Weder Vordenker noch Nachdenker. Denk-Schulen unbekannt. Der Verstand muss sich nicht einmischen. Denkt er, dann über andere. Spricht er, dann über sich. Freie Improvisation. Was er sagt, sagt er sich selbst.

    Der Selbst-Inszenierer und Selbst-Optimierer  beliebt zu klappern. „Ich gegen den Rest der Welt.“

    Als Bewahrer und Beschützer versteht er sich. Konfrontation suchender Interessen-Vertreter, so sehen ihn andere. Er gewinnt, was andere verlieren. Kontakte und gute Beziehungen  überflüssig.

    Ungültig ist, was für gut befunden, vereinbart  wurde. Gestern Gesagtes heute hinfällig. Nichts gilt, was galt. Klima-Abkommen und Werte-Gerüste werden geschreddert. Berechenbare Gedankengänge Fehlanzeige.

    „Wir leben nach unseren Gesetzen, nicht nach Gesetzen anderer Länder.“ Seit 1791 geltendes Recht auf Waffen-Besitz bleibt unangetastet; Zusage an die Waffenlobby.

     Wenn Elefanten Liebe machen, zertreten sie Gras. Geistesblitze zwischen Anspruch und Utopie. Feines Porzellan taugt nicht für grobe Hände.

    Geschichts-Vergessenheit? Wahrnehmungs-Störungen? Lust am Untergang?

    Ein auf Eskalation bedachter Alles-besser-Wisser will nicht Kopie eines anderen sein. Von seiner Unverwundbarkeit überzeugt, verschwendet er keine Zeit für Lektionen seiner Vorgänger.

    Er braucht keine Erinnerungskultur. Er ist fokussiert auf das Jetzt. An Folgen seines Handelns verschwendet er keinen Gedanken

     „Wunderbare, saubere Steinkohle.“ „Großartiges Land“, in dem wenige viel und viele wenig haben, in dem wenige auf Kosten vieler leben, in dem Reiche mit ihrem Reichtum hausieren gehen.

     „Großartig. Ich wohne im Weißen Haus.“ „Ich erfülle Träume.“ Selbstgewisser Held, daran gewöhnt, durch pompöse Eingangshallen zu schreiten. Ein Narzisst und Twitter-König auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten.

    Nicht jeder ist harmoniefähig. Nicht jeder kennt Gesetze des guten Geschmacks. Nicht jeder beherrscht Regeln des Miteinanders. Nicht jeder installiert Antennen, um für die Botschaft anderer empfänglich zu sein.

    Jene, die seine Nähe suchen und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen wie  staubende Teppiche; jene, die sich mit ihm in Szene setzen, um seine Anerkennung und Gunst buhlen, werden mit Gesten bei Laune gehalten.

    Gesten können in Mode gewesen sein. Jetzt verstehen sie nicht alle. Zeigen die Finger-Pantomimen, wie bedeutsam der Präsident ist? Verjagen sie Dämonen und Geister?

    Sind seine Gesten

    – Chiffren für das Nullsummen-Spiel seines politischen Kalküls?

    – Chiffren für sein Bedeutsamkeits-Gehabe?

    – Chiffren für Schrotschuss-Politik: Viele Kugeln abfeuern, damit eine trifft?

    – Chiffren für künftige, herrliche Zeiten?

    – Chiffren für Zeiten, die Begehrlichkeiten und Wünsche wecken?

    Ein Präsident mit unübertroffener Biegsamkeit, moralfreier Zuverlässigkeit, freischwebender Ziellosigkeit.

    Ein Präsident, der sich befreit von lästigen Notwendigkeiten.

    Der Showmaster genießt seine Auftritte und Unterschriften. Wenn er schweigt, sollte man zuhören und ihn öfter schweigen lassen. Man versteht ihn umso besser, je weniger er sagt.

    Wenn er nichts zu sagen hat, entdeckt er sein Mitteilungsbedürfnis und teilt mit, was man weiß: „Seht her, ich mache alles neu.“ „Wenn ihr nicht auf mich hört, höre ich nicht auf euch.“

    Muss man ihn gewähren lassen? Muss man den wankelmütigen Umgang mit Vergangenheit und Gegenwart, sein geschmeidiges Verhältnis zur Wahrheit, seinen Wechsel von Überzeugungen und Mitarbeitern hinnehmen wie verregnete Sommer, zu warme Winter, vorübergehendes Unwetter?

    „Unser Land produzierte besondere Helden.“ Mit Großtaten aus vergangener Zeit und ehemaligen Helden kennt er sich aus. Weiß er, dass Sieger von gestern Besiegte von morgen waren?

    Haben Heldenpreisungen ihren Ursprung  im schlechten Gewissen des Preisenden?

    Zum Nachbarn im Süden eine Mauer in Planung. Schutzwall nicht am Existenz-Minimum lebender Viel-Verdiener gegen rechtlose Nichts-Verdiener. Dreitausend Kilometer langer, teurer Zaun.

    Empörung im Blätterwald? Globale Aufregung? Aufruf zur Mäßigung?

    Man macht sich Gedanken. Diffuses Raunen. Schweigen, wie üblich. Viel mehr sagt man nicht.

    Sind Stimmen erstorben? Sind Worte nicht vorrätig? Stockt Sprachmächtigkeit, weil genug geredet wurde? Empörungsmüdigkeit? War nicht bekannt, worauf man sich mit ihm einließ?

    Gedämpfter Widerspruch deutet sich an.

    Stimmt Salvador Dalis Behauptung, wer andere interessieren will, ist um keine Provokation verlegen? Also verordnet er Stillstand. Shutdown. Die Welt wird so bearbeitet, dass sie zu seinen Vorstellungen passt.

    Nicht jeder ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Entpartnerung. Man trifft sich und begegnet sich nicht. Man kommt sich abhanden wie imaginäre Freunde. Was man verhindern will, wird schlimmer.

    Es gibt Zeiten, die vergehen, als wären sie nie gewesen. Wie es dazu kam? Rhetorische Frage. Nicht zu pfeifen ist genug gelobt.

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  • Himmelfahrt. Die Sterntaler-Geschichte

    Himmelfahrt. Die Sterntaler-Geschichte

    Das Mädchen kann nicht normal sein. Wer gibt nach und nach alles ab, schließlich das letzte Hemd? Kann man sein soziales Engagement nicht übertreiben? Führt Selbstlosigkeit nicht in den Ruin?

    Blanke Taler fallen vom Himmel? Wir leben nicht im Märchen.
    Georg Büchners „Woyzeck“ sagt, wie es ist: Tragischer Untergang eines Menschen, der von der Umwelt verstoßen wird und daran zugrunde geht. Hoffnungslosigkeit statt Taler vom Himmel.

    Gütige, hilfsbereite Menschen stehen nicht an jeder Straßenecke. Güte ist kein lohnendes Geschäft. Mit ihr erwirbt man kein Ansehen. Der gütige Mensch sammelt keine Pluspunkte für die Ewigkeit. Nur selten fallen Taler vom Himmel. Ob es diesen Himmel überhaupt gibt, weiß erst recht niemand.

     Dennoch gibt es Menschen, die zerbrechlich aussehen, aber keinen Hauch von Müdigkeit zeigen und sich engagieren;
    denen kaum jemand zutraut, was sie sich zutrauen;
    deren Fähigkeiten man missachtet, auf die man aber nicht verzichten sollte;
    die sich trotz vieler begrabener Hoffnungen einen Funken Hoffnung bewahrt haben; die tun, was ihnen möglich ist. 
    Sterntaler sind sie für mich. Menschen, die für mich manchmal den „Himmel auf Erden“ bedeuten und „Himmel“ ganz nah werden lassen.

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