Autor: Peter Josef Dickers

  • „Frauen – Macht – Politik“. Rita Süßmuth in der Mönchengladbacher Citykirche

    „Frauen – Macht – Politik“. Rita Süßmuth in der Mönchengladbacher Citykirche

    Rita Süßmuth referiert am kommenden Samstag, dem 25.5.2019 um 18 Uhr in der Citykirche. Zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes und des Gleichstellungsparagraphen sind die Kirchen-Türen z. Zt. für eine Ausstellung „Mütter des Grundgesetzes“ geöffnet. Erfolge und Herausforderungen auf dem Weg zur Gleichberechtigung werden dokumentiert. Passend zur Ausstellung wurden Hildegard Wester, erste Mönchengladbacher Bundestagsabgeordnete, und Monika Bartsch, erste Mönchengladbacher Oberbürgermeisterin, eingeladen.

    Jetzt wird Rita Süßmuth hier zu Gast sein: CDU-Politikerin, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit; spätere Bundestagspräsidentin; stolz darauf, der CDU den Feminismus beigebracht zu haben. Frau Süßmuth wird sich mit der Thematik „Frauen -Macht – Politik“ auseinandersetzen.

    Am 19. Januar 1919 hatten Frauen zum ersten Mal ein aktives und passives Wahlrecht bei der Wahl der Deutschen Nationalversammlung. Im Bundestag gab es am 17.1.2019 eine Feierstunde, die einhundert Jahre Frauenwahlrecht würdigte. „Wenn ihr Männer das wolltet, könnten wir Frauen noch viel mehr.“ Dieser Brandruf der Festrednerin Rita Süßmuth fand Widerhall in der deutschen Medienlandschaft. Um Schlagworte war und ist Frau Süßmuth nicht verlegen.

    Die bisher erreichten Erfolge könnten nur teilweise genügen, unterstrich Frau Süßmuth. „Wir sind in der Gegenwart angekommen, aber in keiner zufriedenstellenden Gegenwart.“ Eine gesetzliche Quote wie in Frankreich sei notwendig. Es stehe im Grundgesetz, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Das sei nur auf den massiven Druck von Frauen zustande gekommen. Frauen seien kein Anhängsel der Familienpolitik, wie es gehandhabt worden sei. Jetzt hätten wir zwar eine Kanzlerin und einige Ministerinnen; dennoch sei der Frauenanteil im Bundestag niedrig wie vor zwanzig Jahren. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe sich nur unwesentlich verbessert, zum Nachteil der Frauen.

    Der Behauptung „Frauen wollen nicht in die Politik“ stellt sie entgegen, dass Frauen dann kein Interesse bekunden, wenn Männer an ihren Posten festhalten. Hartnäckig halte sich das Vorurteil, wenn Frauen in der Politik agierten, sei Chaos angesagt. Daher bleibe „Mutter“ der schönste Beruf einer Frau. Die selbstbewusste Rita Süßmuth bezieht sich auf ihre eigene Person: Als Seiteneinsteigerin aus der Wissenschaft, vermutlich ohne Durchsetzungs-Qualitäten, war sie angeblich nicht für politische Ämter geeignet. „Das wollen wir mal sehen“, dachte diese Frau, die auch noch klein von Gestalt ist.

    An Frauen würden nach wie vor strengere Maßstäbe angelegt. Das habe auch Angela Merkel erfahren, als es um ihre Kandidatur für die Kanzlerschaft ging: „Das Mädchen kann das nicht.“ Das unterstelle man ihr weiter. Was sie geleistet habe, gelte plötzlich nicht mehr. Sie habe ohne Ichbezogenheit gezeigt, dass es in der Politik nicht ohne Macht gehe. „Frauen müssen machtbewusster werden“, ermuntert die reisefreudige Referentin ihre Mitstreiterinnen. Man glaubt ihr, dass sie diese Fähigkeit nicht lange erlernen musste. Kämpferisch und streitbar war sie, ist sie immer noch. Eine bekannte deutsche Wochenzeitschrift bezeichnete sie als „beliebteste Außenseiterin der Republik“.

    Als solche engagiert sie sich auch für andere „Außenseiter“:
    Gegen die Ausgrenzung und Isolation von HIV-Infizierten.
    Für die aus der autonomen Frauenbewegung entstandenen Frauenhäuser.
    Für Männergruppen gegen Männergewalt.
    Für „offene Familien“, die nicht nur mehrere Generationen umfassen, sondern auch Personen ohne Verwandtschaftsgrad.
    Für die wachsende Anzahl der Alleinerziehenden und für jene Frauen, die keine Kinder haben.
    Für Obdachlose und Migranten. Angela Merkel habe aus menschlich-ethischer Überzeugung Grenzen für Flüchtlinge geöffnet, weil sie es für notwendig hielt.

    2017 feierte die verheiratete Katholikin und Mutter einer Tochter zusammen mit ihrem Ehemann in Neuss ihren achtzigsten Geburtstag. Dem politischen Alltag ist sie verbunden geblieben, wenn sie sich auch aus der aktiven Politik zurückgezogen hat. Sie kämpft weiter gegen Ausgrenzung und für Frauenrechte. Sie mischt sich ein. Sie schleicht sich nicht davon. Sie kreist nicht um sich selbst. Sie bewegt sich nicht auf ausgetretenen Pfaden. Sie will etwas bewegen.

    „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ – Der vielsagende Titel eines ihrer Bücher. Die Zuhörer in der Citykirche dürften eine dynamische, unverbraucht wirkende, einfallsreiche, charmant „Sweet Courage“ genannte Rita Süßmuth erleben, die ein politischer Mensch geblieben ist.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Unterwegs auf der Donau. Ohne Zeitgefühl

    Unterwegs auf der Donau. Ohne Zeitgefühl

    „Heute ist Donnerstag. Es ist neun Uhr. Die Außentemperatur beträgt zurzeit achtzehn Grad.

    Ich frühstücke im Bord-Restaurant. Das genieße ich. Muss mich eine Durchsage an Wochentag und Uhrzeit erinnern? Bin ich zu spät aufgestanden? Frühstücke ich zu lange? Wird das Büffet abgeräumt oder daran erinnert, dass es Butter, Marmelade und Brot am Buffet gibt, statt nach Brötchen-Tüte und Kühlschrank zu suchen?

    Ich habe mich vom Zeitgefühl gelöst und vermisse es nicht. Vom täglichen Muss, von einer Welt voller Vorschriften habe ich mich gelöst. Eine Uhr habe ich nicht mitgenommen. Ich verlasse mich auf mein Urlaubsgedächtnis. Die Zeitlosigkeit genieße ich und bin mit mir und der Welt zufrieden.

     „Bitte achten Sie auf die Durchsagen“, fordert die Bord-Information auf. Ich warte nicht darauf, dass der Wetterbericht jetzt vorgelesen wird. Reglementierungen und Informationskommandos aus dem Lautsprecher brauche ich nicht. Ich bin nicht in Sorge, Unwichtiges zu verpassen. Diszipliniert und kontrolliert werde ich wieder daheim am Schreibtisch. Ich lasse mir keine Ordnung nach fremdem Gusto aufbürden und wühle auch selbst nicht in fremden Nestern.

    Ich habe keine Lust, jedem mein Woher? Wohin? zu erklären und Unergründliches zu begründen. Ich schätze die zufällige Verknüpfung von Ereignissen und wehre mich gegen das Gebot „Du sollst dich nicht langweilen“. Ich bin froh, nichts tun zu müssen.

    Ich weiß, dass meine Zeit an Bord von Tag zu Tag weniger wird, aber ich kann und will sie nicht festhalten. Hier bin ich nicht auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ich lebe nicht auf der Überholspur und gehöre nicht zu denen, die es nicht ertragen können, wenn nichts passiert. Mein Leben an Bord findet nicht im postprivaten Raum statt, in dem das, was ich mache, von Computern überwacht und gesteuert wird.

    Den gestrigen Jubiläumstreff  habe ich  ignoriert. „Wir laden die Jubilare um 18 Uhr zum Umtrunk in die Lounge-Bar ein.“ Ich war noch nie auf einem Schiff, das zu so etwas einlud. Welche Jubilare waren gemeint? Mir ist nicht bekannt, wie ich das werden kann. Ich kenne  Jubilare. In meiner Firma arbeitet jemand, der seit zwanzig Jahren dasselbe Auto fährt. Ein anderer macht seit Jahren mit derselben Freundin Urlaub. Vielleicht frage ich nach, was ich verpasst habe.

    Eine Nachricht, die ich in meiner Kabine vorfand, hat mich irritiert. „Am  Freitag wollen wir Sie mit einem Exklusiv-Menü verwöhnen. Wir bieten im Nebenraum ein Spezial-Menü an als Alternative zum Buffet.“

    So schlecht ist das Essen nicht, dass als Ausgleich oder Wiedergutmachung ein kulinarisches Menü geboten wird. Klagen habe ich nicht gehört, wohl über drohende Übersättigung sprachen einige. Mit den Tischnachbarn verstehe ich mich gut. Warum soll ich ins Séparée? Als ich das Exklusiv-Angebot ansprach, zeigten sie sich ungehalten. Wer teilnehme, müsse vierzig Euro zahlen, obwohl Vollpension gebucht sei. Die gelte in dem Fall nicht, habe man gesagt.

    Wem Kartoffelsalat schmeckt, hat keinen Appetit auf Weinberg-Schnecken. Jedoch  gebe ich zu, mehr zu essen, als Hunger zu verspüren. Die Koteletts gibt es nicht in Einhundert Gramm-Portionen. Auf das, was ich bezahlt habe, verzichte ich nicht gern. Ich bin weder Minimalist, noch lebe ich im Schongang. Am besten frage ich nicht, was mit den Salaten, den Koteletts und den Gemüse-Bergen geschieht, die sich am Büfett häufen und nicht gegessen werden. Zum Frühstück bietet man sie nicht an. Ob sie entsorgt werden, obwohl sie für jede Menge Mahlzeiten reichen würden? Ich möchte nicht mit schlechtem Gewissen nach Hause fahren.

    Eine andere Empfehlung werde ich mir dagegen nicht entgehen lassen: „Um 16 Uhr will Sie ein Magier verzaubern. Er freut sich auf Sie.“ Zaubern streichelt meine Seele. Der Magier kann mit mir rechnen. Er soll mich nicht verzaubern, aber einen Zauber von der Reise nehme ich gern mit heim.

    Dort stellt sich auch das Zeitgefühl wieder ein.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Unterwegs auf der Donau. Ein bulgarisches Höhlenkloster

    Unterwegs auf der Donau. Ein bulgarisches Höhlenkloster

    Das Höhlenkloster Erzengel Michael bei Ivanovo sowie das des Heiligen Dimitar Basarbowski bei Basarbovo wurden uns als lohnende, kulturelle Ziele empfohlen. Sie liegen zehn bzw. zwanzig Kilometer von der bulgarischen Stadt Ruse an der Donau entfernt, im Naturpark „Russenski Lom“ mit den vielen Karsthöhlen. Leider war aus Zeitgründen nur ein Abstecher nach Ivanovo möglich.

    Die bulgarische Professorin für Literatur und Kunstgeschichte, die perfekt Deutsch sprach und unsere Gruppe führte, erwies sich als Glücksfall. Wir wussten nichts von der Bedeutung der Höhlenklöster in der bulgarischen Geschichte. Wir hatten nur von ihnen gehört.

    Elena verzieh unser Nichtwissen. Überrascht sei sie, dass westliche Besucher wenig informiert seien über bulgarische Kunst- und Kultur-Schätze. Elena überfrachtete uns nicht mit Wissen. Sie begleitete uns über Treppen und durch Gänge mit kleinen Kapellen und Kirchen. Diese waren in die Felsen gehauen oder in die Karsthöhlen eingebettet worden. Sie waren mit großflächigen Malereien ausgestattet.

    Das Kloster „Erzengel Michael“ besteht aus zwanzig kleinen Kirchen, Kapellen und Zellen. Es trug im Mittelalter zur Entwicklung religiöser und geistiger Kultur in Bulgarien bei. Aus Fels-Höhlen wurden Mönchs-Zellen. Die Muttergottes-Kirche zählt zum UNESCO-Kulturerbe. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts lebten Mönche hier. Danach verfiel das Kloster.

    Dass der Weg vom Busparkplatz hierher über mehr als einhundert unförmige, in die zerklüftete Karst-Landschaft gehauene Steinstufen führte, fanden nicht alle gut. Es wäre den vorher erfolgten Informationen zu entnehmen gewesen, dass der Aufstieg nicht Rollator-gerecht war.

    Dann standen wir vor den Fragmenten, den bruchstückhaft, aber gut erhalten gebliebenen Fresken der Kirche der „Heiligen Gottesmutter“. Entstanden im 14. Jahrhundert, gelten sie als Krönung mittelalterlicher bulgarischer Kunst. Die Fresken illustrieren zentrale Ereignisse aus dem biblischen Neuen Testament. Neben Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers werden die letzten Tage vor Jesu Tod dargestellt. Die „Drei Frauen am Grab“, die „Fußwaschung“ und die „Verklärung Christi“ hinterließen bei mir den nachhaltigsten Eindruck.

    Elena hatte schon oft Besucher hier her geführt. Dennoch ließ sie sich von den Darstellungen so ergreifen, als sei es ihre erste Begegnung mit ihnen gewesen. Die harmonischen Pastell-Farben, die ausdrucksstarken Gebärden, die angedeuteten Landschaften erzeugten Bewunderung. Elenas Ergriffensein sowie ihr Enthusiasmus wirkten ansteckend und übertrugen sich auf ihre Zuhörer.

    Dennoch vereinzelte skeptische Blicke. „Ist das echt?“ Elena entgingen sie nicht. Es folgte kein strafender Verweis einer Professorin. Behutsam seien die Malereien konserviert worden, ging sie indirekt auf die Skeptiker ein. Restaurierungen habe man nicht vorgenommen.

    „Wer hat das gemalt?“ Ein junger Mann, der nicht zur Gruppe gehörte, forderte Elena heraus. Es gelang ihm  nicht. „Das weiß man nicht genau“, erwiderte sie. „ Die Künstler waren darauf  bedacht, im Hintergrund ihres Schaffens zu bleiben.“  Wie bei der Ikonen-Malerei traten sie hinter ihr Werk zurück und signierten es nicht, was später üblich wurde. Auch viele Dombaumeister des Mittelalters sind namentlich nicht bekannt. Im hinterlassenen Steinmetzzeichen machen sie deutlich, dass die Zusammenarbeit der Künstler das Werk schuf.

    Die Klosteranlage ist heute Ziel für Touristen und Kunstkenner und wird mit  Leben gefüllt. Dass sie wie auch andere Klöster ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllt, ist nicht Schuld der Türken. Sie wurden immer mehr vernachlässigt. „Zweckentfremdet“ nutzt man sie nicht wie Kirchen bei uns, in denen kein Gottesdienst mehr stattfindet.

    Als ich das ansprach, reagierte Elena höflich zurückhaltend. Ob die Kirchen nicht kulturelle Objekte seien, fragte sie, fast behutsam, wie mir schien, um mich nicht zu verletzen. Die Reise-Gruppe sei ein Beleg dafür, wie sehr Geschichte und Gegenwart miteinander verflochten seien trotz unterschiedlicher Inhalte. Man dürfe nicht beseitigen, was uns an das erinnere, was gestern und vorgestern war. Mönche würden nicht in die ehemaligen Klöster einziehen. Damit seien die Geschichte der Klöster und deren Spiritualität aber nicht beendet. Sie seien Zeugnisse der Orthodoxie und für die Menschen heute.

    Elenas Worte klangen lange in mir nach.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Unterwegs auf der Donau. Die Freundschaftsbrücke

    Unterwegs auf der Donau. Die Freundschaftsbrücke

    Die „Brücke der Freundschaft“ zwischen Rousse, der bulgarischen Donaustadt auf der einen Seite, und der rumänischen Stadt Giurgiu auf der anderen passierte unser Schiff bei einer Donau-Flusskreuzfahrt zum Schwarzen Meer. An der rumänisch-bulgarischen Donau-Grenze verlaufen auf zwei Ebenen der Straßen- und Eisenbahn-Verkehr hin und her.

    Freundschafts-Brücken gibt es auch anderswo. Einige von ihnen blicken auf  eine wechselvolle Geschichte zurück. So die Görlitzer Stadtbrücke über die Neiße. Zur „Brücke der Freundschaft“ zwischen der DDR und Polen wurde sie1950. Es war eine Freundschaft unter Verschluss. Die Brück war offizieller Grenzübergang war. Man durfte nach Polen aber nur einreisen, wenn eine Einladung bzw. ein Visum vorgezeigt werden konnten.

    Katja Ebstein, in Schlesien geborene Sängerin und Schauspielerin, blieb der Übergang verwehrt. „Nur der Wind kennt meine Träume“, nannte sie eines ihrer Musik-Alben. Ob die Brücke in ihren Träumen vorkam?

    „Brücken bauen, wo  kein Wasser ist“, lautet ein Zitat, das sich skeptisch zu der Möglichkeit äußert, dass Menschen und Länder einander näherkommen. Nicht alles lässt sich über-brücken. Es gibt Brücken, die ihren Zweck verfehlen.

    Seit der politischen „Wende“ dient die Neiße Brücke ohne Grenzkontrollen der Begegnung zwischen Menschen in Polen und Deutschland. Beide Länder sind Mitglied der Europäischen Union. Symbolisch unterstützt wird der zur Versöhnung beitragende Charakter der Brücke durch den Beinamen „Papst-Johannes-Paul II.-Brücke“, den sie 2006 erhielt. Der aus Polen stammende Papst Karol Woytila trug zum Versöhnungsprozess bei. „Freunde im Rücken sind stärkste Brücken“, sagte Johann Nepomuk Vogl, österreichischer Schriftsteller und Publizist.

    Was ist mit der Brücke zwischen Ruse und Giurgiu? Zwei rumänische Bedienstete von der Crew unseres Schiffes reagierten zurückhaltend, als ich die „Freundschaftsbrücke“ ansprach. Einer pflegte zwischen rumänischer und bulgarischer Seite familiäre Beziehungen. Der Andere hatte im bulgarischen Giurgiu eine Freundin.

    Die ehemaligen „sozialistischen Bruder-Staaten“ seien bautechnisch durch die Brücke verbunden. Durch geschichtlich begründete Ressentiments zwischen den Ländern Bulgarien und Rumänien würde die Freundschaftsbrücke jedoch zu einer Brücke „verordneter Freundschaft“, bedauerten die Crew-Angehörigen. Alte Macht-Positionen hätten sich erhalten, in ihrer Folge mangelnde Gesprächs-Bereitschaft. Gegenseitig setze man sich matt.

    Bulgaren und Rumänen lebten zwei verschiedene Leben: Das eine Leben in der Gegenwart, das andere in der Vergangenheit. Es sei zu hoffen, dass sich beide Staaten von ihrer Vergangenheit lösen könnten. Die Freundschaft zwischen den beiden Ländern sei eine erzwungene, initiiert und gelenkt durch die Interessen Moskaus bzw. der ehemaligen Sowjetunion. Missliche Vorkommnisse nehme man zum Anlass, Erneuerungen zu vermeiden.

    Ihre Familien und Freunde würden nicht von der „Freundschaftsbrücke“ sprechen, sondern von der  „Donaubrücke“, wenn ein Treffen geplant sei, für das die Brücke passiert werden müsse. Das koste Geld. Wolle die rumänische Freundin die bulgarische Seite erreichen, müsse sie sechs Euro für die PKW-Anreise zahlen. Viel Geld für sie. Die Gebühren für Busse und Lastwagen lägen weit darüber. Für Bulgarien sei das ein Geschäft.  Rumänen würden die Brücke als Passage nutzen für einen Einkauf im preiswerteren Bulgarien. Im bulgarischen Ruse gebe es Filialen großer Supermarkt-Ketten, die vom Ansturm rumänischer Käufer profitieren würden.

    Inzwischen ist eine zweite Donau-Brücke zwischen Vidin auf bulgarischer Seite und dem rumänischen Calafat für den Verkehr freigegeben worden. „Neues Europa“ heißt sie. Der wirtschaftliche Boom, den man erhoffte, bleibt nach Aussage des Crew-Mitglieds mit der rumänischen Freundin aus. Weder auf der bulgarischen noch auf der rumänischen Seite seien Geschäfte, Hotels oder Industrie-Anlagen in Brücken-Nähe geplant. Neuerungen würden hinausgeschoben, bis sie überflüssig geworden seien. Mit den Millionen, die man in den Bau der Brücke investierte, hätte man links und rechts der Donau die Lebensqualität verbessern können.

    Den Kreuzfahrt-Teilnehmern blieben die Probleme verborgen. Die Crew-Mitglieder hatten sich um das Wohl  der Passagiere zu kümmern. Streitigkeiten zwischen den Ländern zu beiden Seiten des Stroms zu benennen, was zwei von ihnen taten, war nicht ihre Aufgabe. Daher wurde darüber auch nicht diskutiert. Die Reederei hätte die Mitteilungs-Bereitschaft als Verletzung von Dienstgeheimnissen gesehen und nicht als freundschaftlichen Akt eingestuft.  

    Fremdwahrnehmung entspricht nicht automatisch der Selbstwahrnehmung. Das sahen wir ein. In heiteren Frühlingstagen durfte sich die locker-heitere Stimmung an Bord nicht in eine frostige verkehren.

    1 1

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Unterwegs auf der Donau. Die Wienerin

    Unterwegs auf der Donau. Die Wienerin

    Sie saß in der ersten Zuhörer-Reihe, wenn ich Geschichten erzählte, die den Strom, auf dem unser Schiff fuhr, berühmt machten. Gebürtige Wienerin sei sie, keine Österreicherin, betonte sie. War sie weder Österreicherin noch Deutsche noch Perfektionistin? Wollte sie an Gregor Auenhammer erinnern, der von Österreichern erzählt, die in die Ferne gingen, um der Heimat verbunden zu sein. Seine österreichischen Mitbürger nennt er obrigkeitsgläubige Steigbügel-Halter; er hält sie für veränderungsresistent und lethargisch.

    Solche Schimpfkanonaden trafen sie nicht. Ihre Vorfahren seien nicht erst seit drei Generationen in Wien heimisch, fügte die Nicht-Österreicherin die nicht von mir erbetene Angabe zu ihrer Herkunft an. Seitenhieb auf mich. Einem Reise-Handbuch hatte ich den Hinweis entnommen, die meisten Bewohner Wiens seien erst in dritter Generation von Geburt an Wiener.

    Dass man ihren Landsleuten nachsagt, sie würden nichts von Rechtsansprüchen und klaren Regeln wissen wollen und sich stattdessen durchmogeln, schien auf sie nicht zuzutreffen.

    Eine Wienerin lasse sich gern in den Mantel helfen und wünsche, dass man ihr die Tür aufhalte. Die Dame fand Gefallen daran, mir Nachhilfe in Wiener Lebensart zu erteilen. Da sie regelmäßig anwesend war, was sie bestätigt wissen wollte, hatte ich ihr zuzuhören und sie zu würdigen.

    Eine Wienerin küsst den Gesprächspartner zur Begrüßung üblicherweise zwei Male auf die Wange – einmal links und einmal rechts. Bei mir hatte sie das bisher nicht praktiziert. Das verpflichtete mich nicht, ihr ein zärtliches „Küss-die-Hand gnä‘ Frau“ zuzuflüstern, als Demuts-oder Anerkennungs- Geste, wenn sie wieder einen Redebeitrag zu leisten wünschte.

    Ich wollte weder ihrem weiblichen Charme erliegen noch mich in ihr Herz graben. Ehe ich mich auf bestimmte Verehrungsformen festlegte, musste ich zudem Rücksprache mit meiner Frau nehmen, die das Geschehen nicht unkritisch, aber distanziert verfolgte. Der ungarische Komponist Emmerich Kálmán empfiehlt in der Operette „Gräfin Mariza“: „Grüß mir die süßen, reizenden Frauen im schönen Wien.“ Er ließ die Durchführungsbestimmungen klugerweise offen.

    Es gebe viele Möglichkeiten, sich einer Wienerin zu nähern. Jeder müsse die seine herausfinden. Einer Wienerin sei man nie ganz gewachsen. Den Rat hatte mir jemand mit auf den Weg gegeben, der sich mit Wien und den Frauen auskannte. Das sollte ich befolgen.

    Es überraschte nicht, dass gnädige Frau von Tag zu Tag stärker auf sich aufmerksam machte. Je mehr Beachtung ihr zuteilwurde, desto wohler fühlte sie sich. Eine Drohung, wie sich bald herausstellen sollte. Sie hatte regelmäßig ein passendes Gedicht dabei, welches sie vortragen wollte, wenn ich unmaßgebliche Gedanken über Kultur und Kaffeehaus-Traditionen in Wien vortrug.

    Die Wienerin und ich mussten miteinander auskommen, da wir nicht voneinander loskamen, noch voneinander lassen konnten. Sie liebevoll ignorieren konnte ich nicht. Wir pflegten höflichen Umgang, ohne uns sympathisch zu sein. Beide beanspruchten wir eine Insel der Glückseligkeit. Wir taten unser Bestes, obwohl das vermeintlich Beste lediglich der kleinste gemeinsame Nenner zwischen uns war. Anna Sacher, legendäre Königin von Wien genannte Hotel-Besitzerin, zählte zu den einflussreichsten Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Wienerin, Trutschn, wie die Wiener sagen, hätte ihr den Rang streitig gemacht.

    „Küss-die-Hand gnä‘ Frau“. Sie wollte mir den Blackout ersparen und ihr Sehnsuchtsland, ihr Arkadien, betreten. Wie Walzer-Seligkeit wäre es gewesen. Damit hätte ich mich abfinden müssen. Aber ich war zu ihrem Leidwesen durch meinen Vertrag gebunden.

    Einem Mitreisenden blieb das Geschehen nicht verborgen. Er kommentierte es mit einer Wiener Anekdote: „Herr Ober, bitte bringen Sie mir das, was der Herr dort drüben isst.“ „Ich glaube nicht, dass er sich das wegnehmen lässt.“ Von Stund an sah ich die Wienerin nur noch bei den Mahlzeiten.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Heiliger Vater Franziskus, komm ins Schlossbad Niederrhein

    Heiliger Vater Franziskus, komm ins Schlossbad Niederrhein

    Komm ins Schlossbad Niederrhein, Heiliger Vater. Ich habe den Eindruck, dass dir momentan Entspannung gelegen käme. Seit dem 1. Mai ist der beheizte Außenbereich für Besucher geöffnet. Die Temperaturen sollen ab jetzt konstant bei zwanzig Grad liegen, obwohl ich vermute, dass es bei euch in Rom und auch in deiner argentinischen Heimat noch ein paar Grad wärmer ist.

    Da du seit dem Treffen mit der schwedischen Schulschwänzerin für das Klima kämpfst, brauchst du keine Angst vor Erkältung zu haben. Dass du dennoch leicht verschnupft bist, habe ich den Medien entnommen, die dich auf Schritt und Tritt begleiten. Sie berichten, dass du es neuerdings nicht mehr erlaubst, deinen Fischerring zu küssen, angeblich aus Angst vor der Verbreitung von Keimen. In unserer scheinbar rundum verseuchten Welt ist man scheinbar nirgendwo vor Ansteckung sicher.

    Im Schlossbad Niederrhein sind solche Sorgen unbegründet. Jedes Jahr finden ein Großreinemachen und ein Austausch der Filteranlagen statt. Das Bad entspricht höchsten hygienischen Standards. Bade-Fans mussten einige Wochen mit ihrer Dusche und Badewanne daheim vorliebnehmen. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst: Fast hunderttausend Bade-Freudige kosten das Schlossbad-Vergnügen jährlich aus. Wie viele gefüllte Badewannen das sind, wenn die Schlossbad-Tür Wochen lang „vorübergehend geschlossen“ bleibt, ist nicht so leicht auszurechnen.

    Heiliger Vater Franziskus, komm ins Schlossbad Niederrhein. Der achtzig Meter lange Wildwasserkanal ist in deinem Alter vielleicht nicht das Richtige für dich. Schade, dass du nicht mit Frau und Kind kommen kannst.  Für Kinder ist die Wasser-Rutsche ein Vergnügen pur. Außerdem zahlen Kinder unter sechs Jahren keinen Eintritt, und es gäbe eine preisermäßigte Familienkarte für euch. Was nicht ist, kann ja noch werden. So, wie ich dich kenne, ist in deiner Kirche und in den Schwimmbädern noch nicht aller Tage Abend.

    Komm ins Schlossbad Niederrhein, Heiliger Vater, knapp fünfundzwanzig Kilometer westlich von Düsseldorf. Wenn du willst, hole ich dich am Flughafen oder am Bahnhof ab. Mit Päpsten kenne ich mich ein wenig aus. Deinen Vorgänger, der seit Jahren ein Einsiedler-Leben hinter Vatikan-Mauern verbringt, kenne ich persönlich gut. Als er noch einfacher Professor war, habe ich bei seinen Vorlesungen die Uni-Bänke gedrückt und ihm zugehört. Damals war er noch nicht mit amtlichen Kirchen-Mänteln zugeknöpft. Manchmal habe ich mit ihm im Seminar sogar eine Tasse Kaffee getrunken.

    Bring deinen pensionierten Mitbruder mit. Auf der großen Liegewiese am Schlossbad könnt ihr sonnenbaden und euch über Gott und die Welt unterhalten. Da du mit deinen gut achtzig Jahren eine Portion jünger bist als der Ratzinger-Benedikt, gelingt es dir in der herrlich entspannten Schlossbad-Atmosphäre vielleicht, ihm von heute zu erzählen. Beim Weltjugendtag in Panama hast du kürzlich gesagt, man sollte Brücken, statt Mauern bauen. Damit meintest du zwar eine andere Person, die sich gegenwärtig für die bedeutendste Erscheinung auf unserem Planeten hält. Aber auch dem Benedikt könnte es nicht schaden, wenn du ihm eine kleine Brücke baust in die Welt hinaus, weg aus den selbst gewählten vatikanischen Hinterhöfen.

    Das Schlossbad Niederrhein ist geöffnet, Heiliger Vater. Macht euch auf den Weg.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Umzug ins Altenheim

    Umzug ins Altenheim

    Lange hatten sie es hinaus geschoben. Sie hingen an ihrem Häuschen. Sechzig Jahre lang war es ihr Zuhause gewesen. Seit mehr als zehn Jahren lebten sie allein darin, weil die Kinder geheiratet hatten und ausgezogen waren. Jetzt wollten sie in die Zweizimmerwohnung im nahe gelegenen Altenstift umziehen.

    Die Entscheidung war ihnen nicht leicht gefallen. Vielleicht war es nicht ihre Entscheidung, sondern die ihrer Kinder. Was wollt ihr mit dem großen Haus? Ihr müsst renovieren. Wer versorgt euch, wenn ihr nicht mehr könnt?

    Nur den Schrank im Schlafzimmer konnten sie mitnehmen. Darin würden sie Etliches in der neuen Wohnung unterbringen können. Vier große Türen hatte er, alle einzeln abschließbar – beruhigend für sie demnächst in der neuen, fremden Wohnung.

    Der große Flur auf der ersten Etage glich einem Warenlager. Sohn und Schwiegertochter hatten ganze Arbeit geleistet. Allen alten Krempel hatten sie ausgemistet. Was hatten die Eltern nicht alles aufbewahrt: Alte Klamotten und altes Geschirr, Vorhänge und Tischtücher, kitschige Schlafzimmerbilder und Weihnachtsdekoration. Unglaublich.

    Oma tat es in der Seele weh, als sie die große Tragetasche auf dem Krempelberg liegen sah. Die war so praktisch gewesen, wenn sie einkaufen ging. Als sie in der Nacht wach wurde, schlich sie in den Pantoffeln auf den Flur. Hoffentlich wurde niemand wach. Schnell entdeckte sie die geliebte Tasche und ging hastig zu dem großen Schrank mit den vier Türen. Die Tasche war gerettet. Hinter der ersten Tür links wollte sie in der neuen Wohnung ihre privaten Habseligkeiten unterbringen. Sie nahm den Schlüssel an sich und ging wieder ins Bett.

    Opa war natürlich wach geworden. Als er neben sich ruhige Atemzüge hörte, stand er leise auf. In seinem Werkzeugkasten fehlten nur ein paar Schraubenziehen. Warum sollte er den hier lassen? Für den Müll war der zu schade. Die rechte Schranktür hatte er vor einigen Tagen für sich beansprucht. Dahinter verschwanden seine Werkzeuge. Gut, dass er sie gerettet hatte.

    An Schlaf war kaum zu denken in dieser Nacht. Sobald der Eine im Bett war, schlich die Andere in die Diele und rettete, was zu retten war: Die schöne alte Hutschachtel. Die bunten Sammeltassen. Der lange warme Wollrock. Das Kostüm mit den Schleifen und Rüschen. Die Nacht war viel zu kurz. Vier Schranktüren wunderten sich, welche Schätze hinter ihnen verschwanden.

    Als am nächsten Morgen die Möbelpacker kamen, um den Schrank aufzuladen, waren die Schlüssel nicht auffindbar. Der Transport die Treppe hinunter erwies sich als schwierig. Sohn und Schwiegertochter zeigten sich ratlos. Oma und Opa beobachteten mit Argusaugen, ob alles seinen Weg ins Freie fand. Dankbar waren sie, dass niemand etwas mitbekommen hatte von dem, was in der Nacht geschehen war.

    Der Umzug fiel ihnen jetzt viel leichter.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Frohe Ostern 2019… …wünscht das Team von MG-Heute | Mönchengladbacher Zeitung.

    Frohe Ostern 2019…
    …wünscht das Team von MG-Heute | Mönchengladbacher Zeitung.

    Kunstvoll bemalte Ostereier lagen hinter der Schaufensterscheibe des Ladens. Stolz zeigte mir die Verkäuferin einige bunte Exemplare. Kleine Kunstwerke waren es. Auferstehungsgeschichten auf Eierschalen.

    „Was bitte?“ fragte die junge Frau. Das Wort „Auferstehung“ kam nicht vor im Warenangebot, nicht in ihrem Wortschatz, nicht in ihrem Leben. Bunte Ostereier und ein großes Osterhasen-Sortiment waren lebensnah und konkret, leeres Grab am Ostermorgen vage und unrealistisch.

    Ich verstand sie. In ihrem Leben ging es vermutlich irdisch und menschlich zu. „Willst du den Himmel gewiss haben, tauge etwas  für die Erde.“ Sie taugte sehr viel für diese Erde. Man sah es ihr an und traute es ihr zu.

    Auch ich fühle mich wohl hier trotz mancher Unzulänglichkeit. Ich hoffe, mein Leben noch lange genießen zu können. Aber ich möchte es einmal  mitnehmen in ein Leben, in dem es, wie ich wünsche, ein Mehr an Gerechtigkeit und Freiheit, ein Mehr an Friede, an Liebe, an Glück gibt.

    Nicht nur die Welt vor dem Wohnzimmer-Fenster besteht für mich. Wenn sie zu Ende geht, möchte ich, dass sich eine Welt öffnet, von der ich wünsche, dass sie mich und meine Mitmenschen aufnimmt. Ich möchte mit ihnen auferstehen.

    Dass viele das anders sehen, weiß und respektiere ich. Sie können sich auf Arthur Schopenhauer berufen: „Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob sie auferstehen wollten, würden sie mit den Köpfen schütteln.“

    Weil ich das Leben bejahe, weil ich es schön finde, weil ich mich hier engagiere, möchte ich weiterleben. Mein Leben jetzt ist nicht die einzige Art von Leben, auf die ich setze.

    Für mich gibt es Ostern und die Zeit nach Ostern. Für mich gibt es etwas, für das es sich zu leben lohnt über das jetzige Leben hinaus. Ostern sei die härteste Währung auf dem Markt der Hoffnungen, wird der Liedermacher Wolf Biermann zitiert.

    Mir gefallen die bunten Ostereier. Schön sind sie. Sie läuten den Frühling ein und neues Leben. Und sie erzählen von Auferstehung.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Frauen am Kreuz

    Frauen am Kreuz

    entsetzt
    über seine Erniedrigung
    über die Grausamkeit der Soldaten
    über die Brutalität der Henker

    bereit
    ihn zu trösten
    ihn zu beweinen
    ihn in den Schoß zu nehmen

    wo waren die Männer?

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Nicht viele Worte

    Nicht viele Worte

    Sie wollten heiraten. Nicht weit vom vierzigsten Lebensjahr entfernt, hielten sie sich für erfahren genug, eine Entscheidung zu treffen und sie mitzuteilen.

    Ihre Eltern, solide und  bodenständig, würden das anders sehen. Davon war auszugehen. Neue Partnerschaft im fortgeschrittenen Alter würden sie skeptisch betrachten.

    Die Beiden schmiedeten Pläne und entwarfen ein Frage- / Antwort-Puzzle.  Auf welche Bedenken mussten sie sich einstellen? Was konnten sie erwidern? Die Liste zog sich in die Länge. Ihre Absicherung.

    Sie wurden zum Nachmittagskaffee eingeladen. Freundlichkeiten und Komplimente wurden ausgetauscht. Sie stärkten sich mit Kaffee und Kuchen. Dann fasste er Mut und teilte dem erhofften und zukünftigen Schwiegervater die getroffene Entscheidung mit: „Wir wollen heiraten.“ Es klang kleinlaut.

    Atempause auf der gegenüber liegenden Seite der Kaffetafel. Dann von dort eine Frage: „Wann?“ Atempause auf der anderen Seite. Überrumpelung. Wertlos gewordener  Fragen- und Antwort-Katalog. Fehleinschätzung eines an Jahren und Alltags-Bewältigung überlegenen Paares. „Komm“, wies der Vater seine Tochter an, „wir müssen an die Arbeit.“ Abends saß man zusammen und unterhielt sich über Gott und die Welt, nicht über Heiratspläne.

    Etliche Jahre später machte Schwiegervater beiläufig eine für seine Lebenseinstellung charakteristische Bemerkung: „Wichtige Dinge entscheide ich nicht nach endlosen Debatten, sondern umgehend.“

    Man muss nicht viele Worte machen, um Weniges mitzuteilen.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Dann eben nicht. Dann eben doch

    Dann eben nicht. Dann eben doch

    Schulferien ignoriere ich. Seit vielen Jahren habe ich immer Ferien. Ehemalige Schüler schicken gelegentlich Urlaubsgrüße oder Heiratsanzeigen.

    Im vergangenen Jahr war es anders. In den Sommerferien wollte ich verreisen. Ein paar Tage vorher erhielt ich einen Anruf. Anita habe eine Ann Marie zur Welt gebracht. Ob ich das wüsste. Ich wusste es nicht. Ich wusste auch nicht, dass sich Anita an mich erinnern würde. Unsere gemeinsamen schulischen Erfahrungen waren nicht unproblematisch gewesen.

    Jetzt war Ann Marie da, und Anita erinnerte sich. Sie hätte ein Problem. Ob ich Zeit hätte. „Ich fahre in Urlaub.“  „Haben Sie keine Zeit?“ „Nicht unbedingt.“ „Dann eben nicht.“ „Dann eben doch“, dachte ich. Ich fuhr hin, und hörte mir ihre Geschichte an. Ich hatte ja Ferien.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • wohnen

    wohnen

    wohnen ist ein Glücksgefühl
    wohnen hängt nicht ab vom Stil
    wohnen kann ich überall
    wohnen könnte ich im Stall

    doch ich wohne gerne dort
    wo ich einen Zufluchtsort
    wo ich ein zu Hause finde
    wo ich an mich selbst mich binde

    oft musste ich die Wohnung wechseln
    musste neue Pläne drechseln
    sollte wieder tapezieren
    und nicht die Geduld verlieren

    ein Umzug ließ mich meist erkennen
    von manchem musste ich mich trennen
    jedes Ding hat seine Zeit
    nichts beansprucht Ewigkeit

    so blieb ich frei von Illusionen
    ich lernte wieder neu zu wohnen
    am neuen Platz mit neuem Stil
    oft kreativ – es half mir viel

    die Farben wurden etwas milder
    es hingen bald auch ein paar Bilder
    von mir in meinem Arbeitszimmer
    sie hingen jedoch nie für immer

    die Wohnung zeigt mein Seelenleben
    hier kann ich mich zur Ruhe geben
    ich präge sie und sie prägt mich
    sie zeigt ein Stück von meinem Ich

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Rechtspopulismus als gesellschaftliches Phänomen. SPD-Forum mit Frau Prof. Küpper

    Rechtspopulismus als gesellschaftliches Phänomen.
    SPD-Forum mit Frau Prof. Küpper

    Die Mönchengladbacher SPD lud ins Haus der Kreishandwerkerschaft ein. „Menschenrechte statt rechte Menschen“ kündigte sie eine Thematik mit Frau Prof. Dr. Beate Küpper an. Um  „Rechtspopulismus – Erscheinungsformen, Hintergründe, Anmerkungen“ ging es Frau Küpper von der Hochschule Niederrhein in ihrem Vortrag. Dass sie von Frau Koszelnik vom SPD-Ortsverein MG-Neuwerk begrüßt wurde und nur wenige SPD-Chargen anwesend waren, zeugt nicht von allzu großer Bedeutung der Thematik in der Partei.

    Die frei sprechende Referentin sah das anders: Es handele sich um ein spannendes gesellschaftliches Phänomen, mit dem wir noch lange nicht fertig seien. Andrea Nahles warnte kürzlich vor „Hetzern und Lauen“, vor „wachsendem Einfluss von Rechtspopulisten in Europa“ Anlass ihrer Mahnung: Die Europawahl am 26. Mai dieses Jahres. Immer noch bezeichnen sich gut achtzig Prozent der Bundesbürger als Deutsche, nicht wesentlich weniger als Europäer bzw. als Bürger, denen der Zusammenhalt in Europa etwas bedeutet. Eine erstaunlich positive Stimmungslage, wenn auch die Skepsis groß ist, ob sich Deutschland wirtschaftlich auf dem Kontinent behaupten kann.

    Europas „rechte“ Parteien und Gruppierungen versuchen dem entgegen zu wirken. Rechtspopulistische Parteien sind auf dem Vormarsch. In Italien und Österreich sind sie Teil der Regierung. Die rassistische Lega von Innenminister Matteo Salvini amtiert mit den Populisten der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien. Die rechtspopulistische FPÖ regiert in einer Koalition mit der rechtskonservativen Volkspartei ÖVP von Bundeskanzler Kurz. Der ehemalige „Front National“ in Frankreich, die sich jetzt Nationale Sammlungsbewegung (RN)nennt, ist geschwächt, seit Marie Le Pen 2017 bei der Präsidentschaftswahl Emmanuel Macron unterlag. In Warschau und Budapest haben sich National-Konservative oder Rechtspopulisten in den Regierungen etabliert. Ganz zu schweigen von einem gewissen „America first“-Populist jenseits des großen Teichs.

    Die Stimmung bei uns war positiv, als die ersten Flüchtlingsströme die Grenzen passierten. Mitte 2016 fand es mehr als die Hälfte der Bürger in Deutschland gut, dass Flüchtlinge  aufgenommen wurden. Das gilt immer noch für die kleine Mittelmeerinsel Lampedusa, Einfallstor für afrikanische Flüchtlinge. Einheimische verteilen dort nach wie vor warme Decken an die Fremden. „Fremdenfeindlichkeit“ zeigt sich erstaunlicherweise vor allem dort, wo relativ wenige „Fremde“, Migranten, ankommen. Die Sorge, dass Gegner und Kritiker bei der anstehenden Europawahl bis zu dreißig Prozent Stimmenanteil bekommen könnten, ist dennoch groß. Es herrscht allgemeine Verunsicherung. Geltende Grundwerte, Gleichwertigkeit von Menschen und Weltanschauungen werden in Frage gestellt.

    Kirchen und Gewerkschaften ringen um ein Menschenbild, das auf neue Fragen neue Strategien und Antworten finden muss. Es geht nicht um „Gedöns“, wie mancherorts abschätzig argumentiert wird. Angst erzeugende Begriffe wie „Flüchtlings-Tsunami“, „Terror-Angst“, „Burka-Verbot“, „Islamisierung des Abendlandes“ etc. sind eher Sprachjargon von „Feierabend-Terroristen“. Wenn ein Transparent am Brandenburger Tor in Berlin „sichere Grenzen – sichere Zukunft“ propagiert, dann sind in der Regel „neue Rechte“ für diese plakativen Verunsicherungen verantwortlich.

    Populismus ist kein einheitlicher Begriff. Es gibt ihn „rechts“ und „links“, „neoliberal“ und im Web. Wenn es um gefühlte, subjektive Bedrohung für den Einzelnen geht, verhalten sich Wähler, so Frau Küpper, populistisch, ohne deswegen immer rechtsextrem zu sein. Das fällt ihnen umso leichter, wenn sie Bezugspersonen finden, die ihre Einstellung teilen. Vorurteile und gleiche Meinungen erzeugen dann gleiche Handlungen. Es gibt dann „die da oben“ und „wir da unten“, es stehen „wir“ und „die anderen“ gegenüber. Zu Letzteren zählen u. a. Roma. Muslime, Linke – und Frauen. Man verpacke Vorurteile gegen sie in vergiftete Komplimente. Dahinter verberge sich wohlwollende Sexismus, erklärt Frau Küpper.

    Populisten benutzen Schwarz-Weiß-Denken und entwerfen Feindbilder für ihre angeblich „wahre Stimme des Volkes“. Überlieferte Mythen sowie Stereotypen müssen herhalten, um Vorurteile begründen zu können. Potentiell kommen alle Mitglieder einer Gesellschaft in Betracht, andere abzuwerten, sie zu katalogisieren. „Täter“ kann jeder werden. Die Meinung,  „deutsche Kultur“ gehe durch Zuwanderung verloren oder „Willkommen ja, aber bitte hinten anstellen“, können nicht nur formelle Populisten äußern. Das gilt ebenso für die Angst vor  sozialem Abstieg und für polarisierende Aussagen in der Form „man kümmert sich mehr um Flüchtlinge als um Deutsche“. Gefeit gehen Populismus ist niemand.

    Nichtsdestotrotz tritt die große Mehrheit für Demokratie und Vielfalt ein und wünscht sich eine plurale, tolerante Gesellschaft. Der Schutz von Minderheiten und Minderheitenrechte bleiben Wesensbestandteile der Demokratie. Vielleicht können einige eine Nachschulung vertragen. Nachhilfe brauchen möglicherweise auch jene, die rechten Argumenten und Bewegungen allzu viel Aufmerksamkeit geboten und sie damit hoffähig gemacht haben. Frau Prof. Dr. Küpper regte in überzeugender Weise zum Nachdenken an. Souverän führte sie durch das Thema und ließ sich auf Diskussionsbeiträge ein „UnRECHTSbewußtsein“ war vor einiger Zeit Thema einer Tagung mit ihr. Im Haus der Kreishandwerkerschaft hat sie das Bewusstsein der Anwesenden nachhaltig geschärft.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • „Erschütternde Nachricht“.Unwürdiges Verhalten einer katholischen Behörde

    „Erschütternde Nachricht“.
    Unwürdiges Verhalten einer katholischen Behörde

    Meinung von Peter Josef Dickers.

    Der Kölner Kardinal Woelki beurlaubte den Düsseldorfer Stadtdechanten bis auf Weiteres von allen Ämtern. Das Vergehen, das dem Priester zur Last gelegt wird, sei „eine erschütternde und belastende Nachricht“, schrieb der Leiter der Abteilung Seelsorge-Personal. Das Kölner Erzbistum leitete den Hinweis auf eine Tat, die angeblich auf das Jahr 2012 zurückgeht, an die Staatsanwaltschaft weiter. Gleichzeitig eröffnete man ein innerkirchliches Verfahren. Man dulde keinerlei Form von sexualisierten Übergriffen und gehe entsprechenden Hinweisen und Verdachtsfällen konsequent nach, erklärte Woelki.

    Öffentlich gemachte kirchliche Selbstjustiz an einem angesehenen Seelsorger, der die zur Last gelegte Tat zumindest bestreitet. „Bis auf Weiteres beurlaubt“ ist gleichbedeutend mit: Er kann sich in seiner Gemeinde, in seiner Stadt nicht mehr sehen lassen, selbst wenn sich die Vorwürfe gegen ihn als haltlos erweisen sollten.

    In einem Brief an die Pfarrgemeinden des Erzbistums warnt derselbe Bischof „vor einer Vorverurteilung“ des Beschuldigten. Als was soll man dann die sofortige Beurlaubung des Stadtdechanten ansehen? Als „liebevollen Rippenstoß“? Als „Pass auf, Junge, wir haben da ein kleines  Problem“?

    Selbst wenn „an der Sache was dran sein sollte“, ist Kardinal Woelkis Vorgehen aus meiner Sicht unwürdig und beschämend. In Sachen Sexualität läuten in der Katholischen Kirche plötzlich die Alarmglocken. Jahrhunderte lang haben Papst, Bischöfe und Priester Kinder gezeugt, trotz Verpflichtung zum Zölibat. Erst jetzt gesteht die Amtskirche ein, dass es „Priesterkinder“ gibt. Geht man nun „entsprechenden Hinweisen und Verdachtsfällen konsequent nach“?

    Derweil dürfen Herr Woelki und einige Mitbrüder Pläne aushecken, die ein Kölner Weihbischof nach einem Bericht im Kölner Stadtanzeiger als „katholischen Imperialismus“ bezeichnet und als Versuch, „katholisches  Eucharistie-Verständnis hinten herum anderen aufzudrängen“. Er will sagen: Die katholische Kirche ist nicht bereit, den positiven Stellenwert des protestantischen Abendmahls zur Kenntnis zu nehmen und fordert die Annahme ihres Eucharistie-Verständnisses. Das ist selbstverständlich keine „belastende Nachricht“.

    Der Geist des Miteinanders im Erzbistum habe sich verflüchtigt, klagt die langjährige Vorsitzende des Katholikenrates im Bistum. Es herrsche große Ratlosigkeit. Keine „erschütternde und belastende Nachricht“?

    Woelkis Verfügung, alle Kölner Innenstadt-Pfarren zusammenzulegen, geschah dem Vernehmen nach ohne Rücksprache mit den betroffenen Gemeinden. Statt Laien einzubinden in die Leitung von Gemeinden, bleibt nach Woelkis Anordnung alles eine Aufgabe der wenigen Priester. Keine „erschütternde und belastende Nachricht“?

    In einem Brief wandten sich Woelki und sechs weitere Bischöfe an den Vatikan. Sie protestierten gegen den Beschluss der deutschen Bischofkonferenz, der sie selbst angehören, auch evangelische Ehepartner zur Kommunion zuzulassen. Keine „erschütternde und belastende Nachricht“?

    Kardinal Woelki boykottierte als einziger Bischof in Nordrhein-Westfalen ein evangelisch-katholisches Kooperationsmodell beim schulischen Religionsunterricht. Keine „erschütternde und belastende Nachricht“?

    In meinem Freundes- und Bekanntenkreis vergleicht man leere Kirchen mit Windrädern, die still stehen, weil man ihren Strom nicht benötigt. Ich ergänze: Wir haben leere Kirchen vielleicht auch deswegen, weil man gewisser Ober-Hirten überdrüssig ist.

    Ich bevorzuge in der Regel leise Töne, um ein Problem in Worte zu fassen. In diesem Fall kann ich mein Unverständnis über amtskirchliches Selbstverständnis, das seine Unfehlbarkeit von der Allmacht Gottes abzuleiten scheint, nicht laut genug artikulieren. Mögen kirchliche Kontrollettis“ von mir aus das dem Aachener Bischof übermitteln, der für mich zuständig ist.

    1 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Demenz-Kranke. „Du warst lange nicht hier.“

    Demenz-Kranke. „Du warst lange nicht hier.“

    Meine ehemalige Lehrerin besuchte ich. „Oma schläft“, sagte man. Oma schlief nicht, als ich ins Zimmer kam. Sie döste vor sich hin. „Ich bin es.“ Ich nannte ihr meinen Namen. „Du warst lange nicht hier.“ Das Verhältnis zur Zeit hat für sie eine andere Wertigkeit erhalten. Ein stimmiges Zeitgefühl zu haben, fällt auch mir nicht immer leicht. Haben wir heute Mittwoch oder Donnerstag? Ein Blick in den Kalender hilft. Das Warten beim Zahnarzt kommt mir manchmal wie eine Ewigkeit vor, erst recht dann, wenn ich mich unwohl fühle. In Wirklichkeit war es vielleicht nur eine halbe Stunde.

    „Ich habe lange nichts von dir gehört.“ „Du warst lange nicht hier.“ Vielleicht gleich bedeutend mit „Ich erinnere mich nicht.“ „Ich weiß nicht, wann es war.

    Auf einem Stuhl neben ihr saß Marja. Drei Monate lang betreut sie „Oma“. Weiß Marja nicht, dass „Oma“ nicht „Oma“ heißt? In knapp zwei Wochen fährt sie nach Hause. Dann wird ihre Schwester sie ablösen und drei Monate auf diesem Stuhl sitzen. Marja spricht einige Worte Deutsch. Sie reichen aus, Oma zu versorgen und die kleine Wohnung in Ordnung zu halten.

    „Hast Du meine Karte aus dem Urlaub bekommen?“ Ich versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen. Entweder hatte sie meine Urlaubsgrüße nicht erhalten, oder sie waren nicht wichtig für sie. Was nicht oder nicht mehr wichtig ist, registriert man nicht. Man vergisst es. Aktuelle Fernseh-Nachrichten am gestrigen Abend kann ich heute Vormittag oft nur mit Mühe ins Gedächtnis zurück holen. Wichtig können sie für mich nicht gewesen sein. Zudem bin ich froh, dass mein Gehirn für mich unwichtige, mich nicht direkt betreffende Nachrichten nicht lange speichert. Wie könnte ich die Flut von Informationen bewältigen, die täglich auf mich hereinstürzen?

    Ich habe den Eindruck, dass die alte Lehrerin unbewusst für sie Wichtiges von Unwichtigem trennt. Dass ich „lange nicht da war“, das betrifft sie. Dass wir vielleicht vor einem einschneidenden Klimawandel stehen, wird sie hören und wieder vergessen.

    Mit „Schule“ verbindet sie nichts mehr. Seit Monaten hat sie ihr Zimmer nicht verlassen. Sie wird von Marja versorgt, aber zwischen ihnen gibt es keine wirkliche Kommunikation. Marjas Welt und ihre Welt haben keine gemeinsame Schnittmenge. Wenn Marja abgelöst wird und eine andere Person auf dem Stuhl Platz nimmt, ist Oma wieder gut versorgt. Nicht mehr.

    „Was habe ich noch vom Leben?“ fragte sie mich einmal. „Die Vergangenheit“, hätte ich antworten können, aber es nicht getan. Gut, dass sie eine Vergangenheit hat. Ohne sie hätte sie auch keine Gegenwart.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Brexit

    Brexit

    BREXIT

    „Ich gehe“. „Bleib“.
     Die Liebste geht.
    „Verweile doch. Du bist so schön.“
    Es war einmal.
    Sie kann nicht mehr.
    Sie will nicht mehr.
    Nicht „bis der Tod euch scheidet“.
     Angefangen. Aufgehört.
    Gekommen. Gegangen.
    Eingestiegen. Ausgestiegen
    Brexit. Ade. Scheiden tut weh.

    Brexit für die feine englische Art.
    Klein-England. Statt Groß-Britannien.
    Range-Rover. James Bond. After-Eight:
    Alles muss raus.
    Bringen wir es hinter uns.
    Gestern in. Heute out.
    Vorwärts in die Vergangenheit.
    Jeder für sich. Keiner für alle.

    BREXIT

    Brexit. Kurzzeit-Gedächtnis.
    Ermüdungserscheinungen.
    Auflösungserscheinungen.
    Gehen, ehe der Abriss droht.
    Schluss mit Konventionen.
    Vergangenes war gestern.
    Abschied von der Ewigkeit.
    Sesshaftigkeit nicht Maß aller Dinge.

    Exit vom Brexit?
    Kein Neubeginn?
    Kein neues Leben?
    Keine neuen Träume?
    Sieht man sich nicht zwei Male im Leben?
    Wirklicher Exitus?
    Endgültig?
    Ohne Wiederkehr?

    O Brexit

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Mein Beipackzettel

    Mein Beipackzettel

    „Eine Tablette pro Tag“, sagte mein Arzt und schickte mich mit dem Rezept in die Apotheke. „Hat der Arzt gesagt, wie Sie die Tabletten einnehmen müssen?“ fragte der Apotheker. „Gibt es Ärzte, die das nicht mitteilen?“ Der Apotheker überhörte die Rückfrage.

    Was mir mühelos erschien, da es kompetent verordnet wurde, war komplizierter, als ich dachte. Mein Verständnis hielt sich in Grenzen. Es gibt zusätzlich zum Doktor tausend Helferleins, die mit ihren Bescheidwisser-Infos ärztliche Botschaften, die aus fremden Galaxien stammen, in Gesundheits-taugliche Alltäglichkeit umsetzen.

    Mit der Einnahme des Medikamentes sollte ich umgehend beginnen. Zehn unscheinbar große bzw. kleine Tabletten, eingeschweißt in eine „zehn mal vier“ Zentimeter große bzw. kleine Folie, erfreuten sich der Beilage eines „sechzig Mal achtzehn“ Zentimeter großen sogenannten Beipackzettels. Der Weg vom Doktor zum Apotheker zu mir ist vermutlich so lang, dass ich unterwegs vergessen haben könnte, wie krank ich bin und wofür oder wogegen mir etwas verordnet wurde.

    Ich beherzigte die Mahnung: „Vor der Einnahme sollten Sie den Beipackzettel lesen, um sich über die richtige Einnahme und mögliche Nebenwirkungen zu informieren.“ Der Doktor hatte das nicht als notwendig erachtet. Jedenfalls erinnerte ich mich nicht daran. Aber das eng bedruckte und mehrfach gefaltete Blatt wollte nicht umgangen und sorgsam gelesen werden. Da ich eine Lupe benötigte, vergrößerte sich das Blatt zudem über die angegebenen Maßen hinaus.

    Ich kann inzwischen die Behauptung eines Bekannten nachvollziehen, vom Lesen des Beipackzettels Arthritis bekommen zu haben.

    Auch ich hätte Gründe anführen können, nicht lesen zu müssen. „Die Zeit dafür sollten Sie sich nehmen.“ Die Aufforderung war fettgedruckt nicht zu übersehen. Ich durfte sie nicht ignorieren. Allerdings schloss ich nicht aus, dass meine Erkrankung einen erfolgreichen Selbstheilungsprozess hinter sich gebracht haben könnte, ehe ich mit dem Lesen fertig war. Man hätte Vorabend-Serien füllen können. Vielleicht ist es aber ein ernstzunehmendes Altersanzeichen, wenn ich für das Lesen derart viel Zeit aufwenden muss, dass meine Erkrankung ohne Einnahme des verordneten Präparates zwischenzeitlich geheilt ist.

    Ich gebe zu, die „sechzig Mal achtzehn“ Zentimeter nicht Wort für Wort entziffert zu haben, da mir nicht ausreichend viele Lexika zur Verfügung stehen, um alle Fachbegriffe verstehen und einordnen zu können. Dass dies bei meinem Bekannten depressive Verstimmung auslöste, hat sein Arzt bestätigt und ihm ein antidepressiv wirkendes Medikament verordnet.

    Ich habe mich auf die Seite der Verzichtler geschlagen und eigenverantwortlich den Beipackzettel entsorgt. Der Pharma-Industrie halte ich zugute, mir für ein paar Tabletten einen Rucksack für mein ganzes Leben zu packen. Die Goodwill-Aktion zerschellt aber an meinem Ehrgeiz, mich mit einer unansehnlich kleinen Einkaufstüte für in Folie eingeschweißte unscheinbar große Tabletten zu begnügen.

    Sollte ich, wie ich hoffe, gesunden, werde ich mich beim Doktor verteidigen. Ich bin ein Naturprodukt. Abweichendes Verhalten sehe ich als normal an.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!

  • Ich wollte fasten. Dann las ich das Kleingedruckte

    Ich wollte fasten. Dann las ich das Kleingedruckte

    „Sie wohnen in schönen, geschmackvoll eingerichteten Ferienwohnungen. Für Gemütlichkeit und Entspannung sorgt ein Fastenhaus.“

    Suchte ich danach? Regeneration von Körper, Geist und Seele versprach mir die Anzeige. War es an der Zeit, meinen Körper zu entschlacken und zu entgiften und für geistige Klarheit zu sorgen? Die Anzeige bestätigte es. „Man braucht weniger, als man hat.“ Der Slogan hat seinen Reiz.

    Das Gläschen Sekt und ein Stück Kuchen würde ich eine Weile entbehren können. Der Fastende werde verwöhnt mit Säften, Tees und Fastensuppen, wurde zugesagt. Entschlackung, Selbsterfahrung, vor allem Loslassen seien wie eine Reise zurück zu inneren Werten. Körper und Geist würden es mir danken.

    Doch konnte ich mich nicht entschließen, für diese Entgiftung ein Fastenhaus aufzusuchen. Auch Gemüsesaft und Buttermilch, verbunden mit Atemübungen, Mittagsruhe und Leberwickel, erwiesen sich nicht als Motivationsschub.

    Ich wollte fasten. Musste ich deswegen Selbstgeißelung für Körper und Geist auf mich nehmen? Der Ernährungsexperte in mir warnte mich vor dem Fastenexperten.

    Ich suchte nach Alternativen und wurde fündig: Fasten im Kloster. Fastenurlaub im Himalaya.

    Der Himalaya war weit weg. Fasten an der Ostsee bot sich an. „Lassen Sie sich verzaubern vom Charme der Ostseeküste. Entspannen Sie in den Küstenwäldern und in der Weite der Strände.“ Wandern baue Stress ab und fördere die Entschlackung, stand im Prospekt. Ich wusste zwar nicht, welche Schlacken ich mit mir herumschleppte, aber mein Interesse war geweckt.

    Dann las ich das Kleingedruckte. „Täglich um 9.00 Uhr treffen wir uns zum Obstfrühstück, besprechen den Tag, füllen die Trinkgefäße, nehmen den Frühstückstee zu uns. Gegen 10.00 Uhr brechen wir auf. Am Abend gibt es Früchte zur Auswahl.“

    Der Ernährungsexperte meldete sich wieder. Warum gab es den Charme der Ostsee nur in Verbindung mit Tee und Früchten?

    Zum Glück wurde eine Alternative angeboten. „Kohlsuppenfasten und Wandern an der Ostsee“. Kohl sei gut für die Nerven. Kohl helfe bei Schlafstörungen.

    Kohlsuppenfasten machte mich neugierig, da kein Verzicht auf feste Nahrung damit verbunden war. Ich konnte essen, so viel ich wollte. Immer war ich satt und gut gelaunt. Zusammen mit dem Wandern schien das ein ideales Angebot zu sein.

    Dann las ich das Kleingedruckte. Eine Woche lang Kohlsuppe; morgens, mittags und abends. Welche Ernährungsexperten hatten sich das ausgedacht? Jeden Tag Kohlsuppe? Meine Fasten-Bereitschaft ließ merklich nach.

    Ich wollte aufgeben. Da entdeckte ich eine Fastenreise zur Blumeninsel Madeira. Die Lobeshymnen der Teilnehmer nahmen kein Ende. Sie seien zum dritten Mal dort gewesen; immer temperamentvoll und lustig waren die Tage. Ob ich das richtige Angebot gefunden hatte?

    Dann las ich das Kleingedruckte. Flugkosten. Hotelkosten. Tagungskosten. Materialkosten. Die Kosten reichten aus, mich ein Jahr lang verwöhnen zu lassen in meinem Schlemmer-Restaurant.

    Musste ich verreisen, um irgendwo fasten zu können? Musste ich Geld ausgeben, um nichts zu essen zu bekommen?

    Wenn Fasten mit Verzichten zu tun hatte, konnte ich sofort damit beginnen. Ich verzichtete auf das Fastenhaus und Fastenreisen, auf Fastenwandern und  Fastenurlaub. Fasten war einfacher als ich gedacht hatte.

    Zur Fastenzeit Seefisch und Predigt, empfehlen die Franzosen. So lässt sich gut fasten. Niedrig gesetzte Ziele sind mir sympathisch. Ich muss keine Heldentaten vollbringen, da ich weiß, wie abrupt Höhenflüge enden.

    Die Mönchengladbacher Karnevalsgesellschaft lädt nach bewährtem  Brauch am Aschermittwoch zum Fischessen ein und übt sich nach intensiven Karnevalswochen im Verzichten. Fisch enthält Aminosäuren und deckt den Eiweißbedarf ab. Fisch ist, so versichern fastende Fisch-Experten, cholesterinarm. Auf die Predigt kann man später zurückkommen.

    Am Aschermittwoch, zum Beginn der Fastenzeit, habe auch ich mit dieser Art  Verzicht begonnen. Je nach Bedarf werde ich den Fasten-Ein- und Ausschalter bedienen. Bis zum nächsten Elften im Elften verzichte ich zusätzlich auf karnevalistische Sprüche und Taten.

    Noch nie habe ich so gern gefastet.

    0 0

    Thank You For Your Vote!

    Sorry You have Already Voted!