Beeindruckende Feier am Gedenkstein des Jüdischen Friedhofs Odenkirchen

Erinnern an die Novemberpogrome 1938, auch in Mönchengladbach _DSC0023
Als 1. Bürger unserer Stadt begrüßte Norbert Bude in seiner Rede zum Gedenken an die Progromnacht  am Gedenkstein des jüdischen Friedhofs in Odenkirchen die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Leah Floh und alle Anwesenden.
Er wies hin auf den 75. Jahrestag der Novemberpogrome 1938 und auf sein Anliegen, gemeinsam ein Zeichen zu setzen.
„Ein Zeichen für Freundschaft und Respekt, ein Signal für ein friedliches, couragiertes Miteinander, “ so Bude und weiter:

 

„Ich möchte mit Ihnen nun – passend zum Leitwort dieser Gedenkveranstaltung „Erinnern für die Zukunft“ – gedanklich zurückgehen.
Ab 1933 kommt es zur Diskriminierung, Entrechtung und Demütigung von Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Doch am 9. November schlägt das staatliche Handeln in brachiale Gewalt um. Nur Stunden, nachdem Goebbels den Befehl zum Losschlagen gab, brennen in ganz Deutschland Synagogen, werden Juden aus ihren Wohnungen gezerrt und in aller Öffentlichkeit misshandelt, Geschäfte geplündert, jüdische Friedhöfe zerstört. Über 1.400 Synagogen und Betstuben werden demoliert, geschändet, niedergebrannt.
Auch die jüdischen Gotteshäuser in Mönchengladbach, Rheydt, Wickrathberg und hier in Odenkirchen.“

Die Synagoge befand sich in der Hofanlage des heutigen
Grundstückes „Zur Burgmühle“ 24.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Gotteshaus von den Nationalsozialisten geschändet und zerstört.

Bude erzählt über das Schicksal der Synagoge in Berlin, das Centrum Judaicum, die wohl größte Synagoge Deutschlands.

„Nach dem Willen der NS-Herrscher sollte auch diese Synagoge in der Pogromnacht in Flammen aufgehen. Doch der Vorsteher des zuständigen Polizeireviers in Berlin-Mitte, Wilhelm Krützfeld, bewies in der Nacht zum 10. November 1938 lebensgefährliche Zivilcourage.

Er stellte sich mit weiteren Beamten seines Reviers SA-Leuten entgegen, die bereits Feuer gelegt hatten, und zwang sie zum Rückzug – mit Worten und vorgehaltener Pistole. Er ordnete sofortige Löscharbeiten an, obwohl die Feuerwehr den Befehl hatte, keine brennenden Synagogen zu löschen.
Krützfeld berief sich dabei auf die bestehenden Gesetze zum Denkmalschutz. Und auch in der Folgezeit warnten Krützfeld und einige weitere Beamte seines Reviers mehrfach Juden vor ihrer Verhaftung.
Diese Polizisten waren weder Widerstandskämpfer noch Märtyrer oder Helden. Sie waren aufrechte Bürger und ließen sich leiten von gesundem Menschenverstand und Zivilcourage. Und zumindest von Wilhelm Krützfeld ist aus Zeitzeugenberichten bekannt, dass er sich als Polizeibeamter dem Staate als einem Ordnungssystem zur Mehrung von Toleranz und menschlichem Wohlergehen verpflichtet fühlte. Sein konsequentes Eintreten für Rechtsstaatlichkeit und Menschlichkeit war eben auch eine Handlungsalternative. Für ihn die einzige.

Er trat ein für Werte, an die er selber glaubte – ohne Rücksicht auf sich selbst. Zivilcourage ist sichtbarer Widerstand aus grundsätzlicher Überzeugung. Ob wir ebenfalls den Mut dazu gehabt hätten? Das scheint aus sicherer Distanz heute leichter zu beantworten als wenn wir es selbst erlebt hätten. Auch weil wir uns natürlich wünschen, so stark und kompromisslos gehandelt zu haben.

„Das Böse braucht das Schweigen der Mehrheit“. So hat es UNO Generalsekretär Kofi Annan 2005 anlässlich einer Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ausgedrückt. Dieses Zitat veranschaulicht, wie wichtig Zivilcourage für eine Gesellschaft ist. Und das beginnt im Kleinen.

Gelegenheiten, uns klar und unmissverständlich zu positionieren, gibt es viele, nicht nur heute in „offizieller“ Form, sondern immer da, wo wir bemerken: Hier läuft etwas falsch. Dort, wo über einen Kollegen schlecht gesprochen oder ein Nachbar ausgelacht wird, weil sie einer anderen Nation oder Religion angehören, dort wo pauschal über Frauen mit Kopftuch oder „die Ausländer“ oder – ganz aktuell – über „die Flüchtlinge“ geurteilt wird. „Das Böse braucht das Schweige der Mehrheit“.“

An alle gewandt, besonders nannte Bude die anwesenden Schüler, sagte er zum Abschluss: „ der Blick zurück ins Jahr 1938 zeigt wie ich finde, ganz deutlich, wie wichtig das Erinnern ist. Ich stelle mich ganz bewusst denen entgegen, die sagen, dass es mittlerweile – 70 Jahre „danach“ – Zeit sei zu vergessen.“

Leah Floh erinnerte an alle getöteten Juden des „Tausendjährigen Reiches.“
Es waren ca. 6 Millionen. Sie rief dazu auf, über diese Zeit nicht länger verschämt zu schweigen, sondern zukunftsorientiert die Jugend zu informieren.