„Brot und Spiele“ für das Volk – oder :
Hurra, wir sind pleite, die Tour kann kommen

Eine Kolumne zum Tour de France-Event in Mönchengladbach.
Im alten Rom wurde das Volk mit Spielen unterhalten oder besser gesagt: abgelenkt.
Ähnliche Gefühle verursachte die Diskussion zur Tour-Durchfahrt im Juli 2017 in der Sitzung des Stadtrates am 7. April diesen Jahres.
Es ging um Kosten für die Radlerdurchfahrt durch Mönchengladbach, um Mehrkosten die aktuell bereits bekannt sind und um weitere Mehrkosten, die niemand aus der Stadtverwaltung zu benennen sich in der Lage sieht oder sich (noch) nicht traut. Auch GroKo-Politiker trauen sich nicht, konkrete Zahlen zu nennen.
Obwohl die gesamte Ratssitzung im Rats-TV online übrertragen wurde, verlegte sich die Ratsmehrheit um Schlegelmilch, Heinrichs, Boss & Co darauf, Wahlkampfträchtig den politischen Gegner zu bearbeiten.
So blieb lediglich Dipl.-Ök. Peter Schliepköter, Geschäftsführer der städtischen Tochter MGMG als seriöser Berichterstatter.
Er unternahm den leider untauglichen Versuch, das Tour-Event so darzustellen, als sei die Finanzierung bereits zu größten Teilen gesichert und die Größenordnung der benötigten Mittel bekannt.
Dem muss energisch widersprochen werden.

Er, Schliepköter, glaubt, die ursprüngliche 3-4 km lange Strecke hätte mit „Bordmitteln“ von GEM, mags und MGMG bestritten werden können.

„Am 14.November 2016 waren alle überrascht, dass die Strecke nicht nur 3 oder 5 km wie avisiert, sondern 20,5 km lang sein sollte“, so der Tour-Planer und weiter: „Erst vor knapp 3 Wochen, also im März 2017, gab es einen ersten Überblick über Maßnahmen an der Strecke durch die Stadt Düsseldorf als zentrale Organisationseinheit. Erst da gab es eine Übersicht über Personal, Absperrung und Sprintfestlegung“.

Schliepköter meint ablenkend: „Wir werden es schaffen mit Mitteln in Höhe von einer halben Million Euro ein Feuerwerk der besonderen Art zu entfachen“.

Kosten fallen an für:
Lizenz Durchfahrt,
Lizenz Sprint,
Organisation, Marketing, Werbung, Design,
Personal,
Sicherheitskonzept,
Streckenplanung,
Sanitätsdienste, THW, freiwillige Feuerwehr,
Reinigung – Transport,
Gitter (ca. 6000 m)
Volontärs (Einkleidung, Verpflegung),
Transporte und Logistik, zusätzl. Mitarbeiter,
Sonstiges usw..

Der Medienwert der Übertragungen beträgt für Mönchengladbach nach Ansicht von Schliepköter: „mehrere Millionen!“

CDU-Fraktionschef Dr. Schlegelmilch bemerkte in Richtung des MGMG-Chefs: „Die Mehrkosten des Events sind sehr transparent vor der Tour, danke dafür. Die Vorteile sind eindeutig höher zu bewerten im Sinne von „wachsende Stadt, MG+“.
Wir haben erkannt: Die Sicherheit und die Gefahrenabwehr sind Grund der Kostenerhöhung“.
Schlegelmilch übersieht und überhört die Einwände, dass es bis dato gar keine endgültige Kostenkalkulation gibt und geben kann. Peinlich.

Sein Kontrahent, der Grünen Chef Sasserath fordert Haushaltswahrheit und -Klarheit, er schätzt die Kosten für die Sicherheit auf ca. 2 Millionen Euro.
„Diese sind absehbar und prognostizierbar“, glaubt er.

OB Reiners entgegnet ihm sofort:“ Wir sind mit der Polizei und Düsseldorf im Gespräch über das Sicherheitskonzept. Es wird erst noch verabschiedet und genehmigt. Ihre Zahlen sind spekulativ. Mehr als das was wir ihnen heute hier vorlegen, wissen wir nicht“.

Kämmerer Kuckels (FDP) entschuldigend: „Wir hätten auch lieber Klarheit gehabt, aber der Prozess lief anders. Wir hätten sonst schon 100.000 Euro mehr in den städtischen Haushalt geschrieben. Wir haben nicht gesagt, dass dies der Endbetrag ist. Alles wird von uns maßvoll und mit Verstand gemacht“.

Felix Heinrichs, SPD-Fraktionsvorsitzender, spitzt das Ganze zu: „ Wir als Stadt tragen nur Verantwortung für die Durchfahrt, das Event und den Spurt, alles andere, wie private Veranstaltungen an der Strecke müssen die tragen, die etwas privates veranstalten. Der Name der Stadt wird im internationalen Kontext der Tour genannt.
Wir wären nicht bereit dafür Millionen zu zahlen, können jetzt den Düsseldorfern nicht sagen, wir möchten nicht mehr mitmachen“.
Nicole Finger, FDP, glaubt tatsächlich, es gebe bereits ein genehmigtes Sicherheitskonzept und die Kosten seien sicher, Stand heute. Sie irrt sich gewaltig.

Torben Schultz von den Linken klärt sie kurz auf: „Es kann noch deutlich teurer werden. Viele Straßen sind ungeeignet. Gibt es eine Liste über Straßen mit Sanierungsbedarf für die Tour? Wird die Etappe übertragen? Die ARD hat nichts geplant“.

Ulrich Elsen, SPD, ist erbost: „Wir haben den Prüfauftrag 2015 gestellt in dem Bewußtsein, es wäre toll wenn dieses Event nach Mönchengladbach käme. Außerplanmäßige Mittel sind normal, alle die Ja sagen stehen in der Verantwortung für die Finanzmittel, ansonsten müssen Sie nein sagen“.
Frank Boss, Sportausschussvorsitzender und Landtagswahlkämpfer, CDU,: „ Dr. Brenner, sie versuchen den gesamten Vorgang in ein Licht zu stellen, das ich nicht akzeptieren kann. Es ist nicht richtig das so getan wird, als hätte es bis zum heutigen Tag kein weitere Informationen über das Projekt gegeben. Fakt ist: 100.000 Euro sind eingestellt. Sagen sie Ja oder Nein“.
Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners ist die Strecke schon komplett mit dem Rennrad abgefahren: „Das sind nicht Straßenzüge die in schlechtem Zustand sind, sondern einzelne Stellen, es ist sinnvoll diese herzurichten, weil dann auch die Verkehrsteilnehmer in Mönchengladbach im Anschluß eine Verbesserung der Situation haben. Wir werden das dann im Laufe der normalen Unterhaltungsmaßnahmen tun“, gibt er bekannt.

Schliepköter antwortet auf eine Nachfrage: „Das THW ist angefordert worden, 400 Leute sind zur Streckensicherung eingeplant, etwa 200 Volontiers sind eingeplant, ob wir dann weiteres Sicherheits-Personal für Stellen, an denen es sich knubbelt, ordern müssen, werden wir dann sehen. Ich kann nicht seriös mehr sagen als ich es heute getan habe“.
Er sagt leider nichts zu den Qulifikationen der THW-Leute für einen solchen wichtigen und verantwortungsvollen Einsatz. Das THW könnte sehr schnell überfordert sein in einer denkbaren Gefahren-Situation.

Fazit: Die Bürger der Stadt Mönchengladbach können sich einstellen auf eine Kostenübernahme in weit höherem Maße als bis heute bekannt. Dabei ist es völlig gleichgültig, wo die Kosten entstehen.
Auch für Kosten oder Verluste der Stadttöchter, sie treten bekanntlich als Hauptsponsoren des Events auf, haftet die Stadt und damit die Bürger.

2 Kommentare zu "„Brot und Spiele“ für das Volk – oder :
Hurra, wir sind pleite, die Tour kann kommen"

  1. Peter Josef Dickers | 14. April 2017 um 13:36 |

    Danke, Herr Brings, für den fundierten Kommentar.

  2. Alfred Brings | 14. April 2017 um 11:33 |

    Gut gebrüllt Löwe. Panem et circenses, das hat schon immer funktioniert. Volk ist ja auch meist ein bißchen dumm.
    Halten die Befürworter des Blickes auf ein paar gedopte Radfahrer so gar nichts davon, sich einmal die Sanitärräume der Schulen und Kindergärten anzuschauen, wenn sie denn unbedingt etwas zum Anschauen brauchen? Man muß ja nicht nur Event gucken. Für die Summe xy, die keiner wirklich nennen kann, und ich traue unseren Provinzpolitikern zu, daß sie sie gar nicht nennen wollen…, ließe sich in dieser (ver) wachsenden Stadt einiges in Ordnung bringen.
    Dem THW den Respekt, der ihm gebührt, aber ist das nicht einen Hauch zu einfach, 400 THW’ler zu Sicherheitskräften zu deklarieren?
    Und die Millioneneinnahmen Dank Tour, würde ich als schrägen Aprilscherz gelten lassen können.
    Mg-heute, so wie Sie die Dinge anfassen, Hut ab. Was bringt die Zukunft für Sie? Erschießung oder Pulitzer. So wie ich unsere Lokalmatadoren kenne, die sich nicht einmal zu dumm dabei vorkommen, für die Überreichung eines Balles an einen ortsansässigen Verein, ihr Gesicht in eine Kamera zu halten, (nichts gegen den Ball) tippe ich eher auf Execution.
    Mg-heute, werden Sie noch gegrüßt oder mobbt man schon? Sie bringen’s wenigstens auf den Punkt. Warum das hier meistgelesene Parteiblatt bei mir nicht ins Haus kommt, weiß ich.
    Ich wünsche Ihnen wirklich ernstgemeint alles Gute, und ein gesegnetes Osterfest.

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