Das Baby musste nicht auf die Straße

Karl Sasserath, Leiter des ALZ

Mit dem Stärkungspakt hat auch das Arbeitslosenzentrum vielen Menschen in extremen Notlagen geholfen.

„Wir hätten viel mehr tun können, aber leider war kein Geld mehr da“, sagt Karl Sasserath leicht enttäuscht. Nach dem Ende des so genannten „Stärkungspaktes NRW, gemeinsam gegen Armut“ hat der Leiter des Gladbacher Arbeitslosenzentrums (ALZ) ein erstes Fazit gezogen. Und das sieht gut aus.

Diesen Pakt gegen Armut hatte die schwarz-grüne Landesregierung im vergangenen Jahr mit rund 150 Millionen Euro aufgelegt. Ihr war nicht entgangen, dass horrend gestiegene Lebensmittel- wie Energiepreise und insbesondere die Inflation noch mehr Menschen in große Not gebracht hatten. Die NRW-Kommunen bzw. ihre Wohlfahrtsverbände bekamen Geld, um „Bedürftigen unbürokratisch zu helfen“. Nach Gladbach flossen rund 3,3 Millionen Euro, das ALZ konnte davon mit rund 30 000 Euro „die größte Not“ lindern, berichtet Sasserath.

Und diese Notlagen haben so erschreckende Gesichter. Da konnte eine Alleinerziehende mit kleinen Kindern die Wohnung nicht mehr heizen, die Lampen in der feuchten Wohnung blieben ebenfalls dunkel. Folgen einer Stromsperre. Nicht wenige, die ins Zentrum für Bedürftige an der Lüpertzender Straße 69 kamen, hatten nicht einmal ein paar Euro für dringend benötigte Lebensmittel wie Milch, Brot und Aufstrich. Hier half ein Gutschein in unterschiedlicher Euro-Höhe.

Berührend auch Fälle, in denen die Personen finanziell nicht in der Lage waren, eine einfache Brille zu kaufen oder kaputte Gläser reparieren zu lassen. Dank des Stärkungspaktes konnte so in zahlreichen Fällen der Durchblick verbessert werden. Häufiger kamen junge Familie, weil Kinderbetten fehlten oder Gebrauchte nicht mehr zu reparieren waren. ALZ-Mitarbeiter halfen – entweder gab es ein schlichtes neues Bett oder der Volksverein in Geistenbeck half weiter. Der gemeinnützige Verein unterhält ein größeres Lager mit guten Möbeln aus zweiter Hand. Ein junges Paar mit Baby musste nicht spontan aus der Wohnung und auf die Straße, weil der Mietrückstand übernommen werden konnte. Es ist jetzt so gut wie sorgenfrei und kann sein Leben selbst meistern.

Für Einrichtungsgegenstände wie Kinderbetten, Möbel wurden über das ALZ knapp 2000 Euro ausgegeben; die Übernahme von Energie- und Mietrückständen bzw. die Vergabe von Lebensmittel-Gutscheinen machten gut 6500 Euro aus. Bei der Beschaffung „weißer Ware“ (Herde, Kühlschränke, Waschmaschinen etc.) waren 18.636 Euro notwendig.

Jede Person, die um Unterstützung bat, musste nach Vorgaben der Landesregierung „überprüft“ werden. Sasserath: „Das war aufwändig und nahm viel Zeit in Anspruch.“ Zeit, die bei Beratung von Menschen auf der Suche nach Jobs bzw. der Lösung bei Problemen fehlte. 
Eine Verwaltungskostenpauschale sparte sich das Land NRW. 
Eine Voraussetzung für die Unterstützung lautete, „dass die Ausgaben, für die die Förderung beantragt wird, nicht bereits durch andere Leistungen (Entgelte, Entschädigungen, Versicherungsleistungen, andere Fördermaßnahmen) gedeckt bzw. übernommen werden“.

Der Pakt, so Sasserath, habe vorübergehend viele Menschen gestärkt und ihnen Perspektive gegeben. Für den jahrelange Mangel als Folge nicht ausreichender Regelsätze sei der Stärkungspakt kein Ausgleich. Das Programm ließ das Land zu Ende des Jahres 2023 auslaufen.
Eine Neuauflage oder ein Anschlussprogramm plane die Landesregierung nicht. Die aktuelle sozialpolitische Diskussion bereitet ihm Sorge, bilanziert Karl Sasserath. Öffentliche Haushalte auf dem Rücken der Ärmsten sanieren zu wollen – das sei ein „Höchstmaß an Zynismus“.

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