Blick über den Tellerrand: P.J. Dickers Gedanken zur Situation in Rumänien

Rumänische Entfernungsanzeige

Rumänen setzen auf uns

Die gegenwärtige Unruhe-Situation in Rumänien lässt mich nicht unberührt.
Auf etlichen Donaureisen als Lektor auf Flusskreuzfahrtschiffen bin ich wiederholt nach Rumänien gekommen und werde im April erneut nach dort unterwegs sein.
Ich weiß von rumänischen Hausangestellten in unserer Stadt. Ich habe rumänisches Personal in hiesigen Krankenhäusern  erlebt.
Rumänien ist nicht  „weit hinten auf dem Balkan“, sondern uns nahe. Dass Peter Maffay rumäniendeutscher Herkunft ist; dass die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller und der amtierende rumänische Präsident Klaus Johannis einer ehemals großen Rumänien-Deutschen-Minderheit entstammen; dass Günter Bosch und Ion Tiriac Rumänen sind, die mit Boris Becker deutsche Tennis-Geschichte geschrieben haben, mag nur am Rande interessieren. Aber sie und viele andere Personen machen bewusst, dass wir hellhörig werden müssen.

Rumänen gelten als „schlitzohrig – şmecher“. Man könne alles erledigen mit Bestechung, wird unterstellt.
Korruption habe mit einer Mentalität zu tun, die sie von den Türken übernommen hätten, entgegnen Rumänen; Begriffe wie „Korruption“ würden  der türkischen Sprache entstammen. Vielleicht demonstriert sie auch nur den rumänischen Selbsterhaltungstrieb.
Unser Rumänien-Bild ist negativ geprägt. Viele Berichte und Reportagen haben dazu beigetragen. Dass wir im wohlhabenden Westen zumindest unbewusst daran mitwirken, übersehen wir.

Es wird in unserer Stadt für Siebenbürgen gesammelt. Die Menschen dort sind dankbar für dieses Engagement, denn die Hälfte der rumänischen Bevölkerung lebt in Siebenbürgen. Aber das kulturell und wirtschaftlich aufblühende Siebenbürgen mit seinem funktionierenden Sozialgefüge und der europäischen Kulturhauptstadt von 2007 Sibiu (Hermannstadt) ist nicht gleichzusetzen mit dem Rumänien der Großen Walachei im Süden. Sie ist das rumänische Armenhaus, ausgenommen die zur Walachei gehörende Hauptstadt Bukarest. Dort vor allem regt sich jener Geist, der die Menschen wie zum Ende der Ceaușescu-Ära auf die Straße treibt und Verwandte und Freunde in aller Welt und auch in Deutschland in Unruhe versetzt.

Die Wende in Rumänien war die gewaltsamste in Europa, bis Ceaușescu 1989 hingerichtet wurde. Wesentlich verbessert hat sich das Leben für viele Rumänen seitdem kaum.
Ein Artikel im SPIEGEL (Juli 2015) spricht von einer Arbeitsteilung in Westeuropa: „Wo keine gebildeten Kräfte, sondern Ungebildete, Kräftige gebraucht werden, rufen Arbeitgeber nach Rumänen. Ohne Rumänen stünden Schlachthofbetreiber allein mit ihren Schweine-Hälften. Den deutschen Bau- und Ausbauboom könnte man vergessen ohne Rumänen.“ Es folgt die ernüchternde Aussage: „Abhauen von zu Hause ist das Rumänischste, was man machen kann.“

Wenn ich auf Donau-Schiffen unterwegs bin, muss ich an solche Sätze denken. Auf komfortablen Schiffen zu komfortablen Preisen arbeiten relativ junge Leute aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn oder Serbien gegen ein vermutlich nicht so komfortables Entgelt. Dass sie sich eine in ihrem Sinn gerechtere Perspektive wünschen, kann ich verstehen. Diese Perspektive wünschen sie sich vor allem und zunächst bei sich daheim. Dort sind sie nach wie vor teilweise willkürlichen Beschäftigungsmaßnahmen ausgesetzt.

ZEIT ONLINE (1. Juli 2016) berichtet von sog. philippinischen Nannys, die bei reichen Rumänen begehrt seien, weil sie als streng katholisch, fleißig und treu gelten. Während rumänische Niedriglöhner in Deutschland arbeiten, holen sich reiche Rumänen ihre Haushaltshilfen von den Philippinen. Hinter der glänzenden Fassade verstecke sich oft eine Geschichte von Ausbeutung und Missbrauch. Zur Verbreitung dieses Trends habe der frühere Ministerpräsident Ponta beigetragen, der in einem Interview zugab, eine „fleißige Philippinerin“ als Nanny für seine Kinder zu beschäftigen. Frauen arbeiten als Gastarbeiterinnen in einem Land der ausgewanderten Gastarbeiter, heißt es in dem Artikel.

Korruption ist weder ein rumänisches noch ein türkisches Problem.
Mich schrecken obige Meldungen auf. Sie zwingen mich darüber nachdenken, was ich tun kann, dass es dort, wo ich bin, menschenwürdiger und gerechter zugeht.
Rumänen in Deutschland, Rumänen in Mönchengladbach fühlen sich wohler, wenn sie auf unsere Fürsprache und tätige Unterstützung setzen können. Dazu ist es nicht zu spät.