„Einst kamen Soldaten – nun verlassen uns Freunde“ [mit Slideshow]

AbschiedFür Mönchengladbach geht eine Ära zu Ende: Mit einer Militärparade auf dem Kapuzinerplatz verabschiedeten sich die Briten heute von OB Norbert Bude und den Mönchengladbachern.

Rund 60 Jahre nach der Fertigstellung schließt das Hauptquartier in Rheindahlen nun endgültig seine Pforten. Die Briten sagen „Goodbye“ und kehren in ihre Heimat zurück.

 

 

Nachdem die dreitägige Verabschiedungszeremonie gestern im JHQ mit einer Serenade und anschließendem Zapfenstreich begann, fand heute auf dem Kapuzinerplatz vor zahlreichen Zuschauern eine Militärparade statt.

 

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„Heute schreiben wir Stadtgeschichte.
Wir schließen ein großes, ein für die Stadt wichtiges Kapitel und setzen einen feierlichen, offiziellen Schlusspunkt. Mit dem Abzug der Briten geht für Mönchengladbach eine Ära zu Ende. Eine Ära, die fast auf die Woche genau vor 60 Jahren – am 1. Juli 1953 – mit der Grundsteinlegung des Hauptgebäudes im Britischen Hauptquartier, dem so genannten ‚Big House‘, begann“, sagte Oberbürgermeister Norbert Bude in seiner Ansprache, der auch so hochrangige Vertreter wie Air Chief Marshall Sir Stuart Peach, Major General John Henderson und Brigadier James Richardson, die sich im Anschluss an die Zeremonie in das Goldene Buch der Stadt eintrugen, lauschten.

„Man muss sich das nur einmal vorstellen: Zu dieser Zeit – wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg – waren die Briten noch Besatzungsmacht. Welch tragfähige Freundschaft sich daraus entwickeln würde, das hätten sich der legendäre Field Marshal Bernard Montgomery, der erste Chef der Rheinarmee, und General Sir Richard Gale, der erste britische Oberbefehlshaber in Mönchengladbach wohl nicht träumen lassen“, ergänzte Oberbürgermeister Norbert Bude, der mit den Gästen und Zuschauern zurückblickte und gedanklich in das Jahr 1953 reiste, als die feierliche Grundsteinlegung unter den Klängen der Nationalhymnen von Großbritannien, Belgien, den Niederlanden, Kanada und Deutschland durch hochrangige britische Militärvertreter von Heer, Marine und Luftwaffe vorgenommen wurde. Auf dem Grundstein ist seitdem vermerkt, dass er „jointly“ – also gemeinsam – gelegt wurde.
Das neue Hauptquartier sollte die Hauptquartiere des Heeres, der Marine und der Luftwaffe in der britischen Besatzungszone aufnehmen, die sich zuvor in Bad Oeynhausen, Bad Eilsen und Benkhausen befanden.

Aufgrund der veränderten militärischen Weltlage wurde ein Jahr zuvor Mönchengladbach als neuer Standort für ein neues gemeinsames Hauptquartier bestimmt.
Knapp ein Jahr hatte sich das Militär für sein ehrgeiziges Vorhaben gesetzt, das rund 470 Hektar große Areal in Rheindahlen zu einem eigenständigen Stadtteil mit kompletter Infrastruktur auszubauen.
Insgesamt waren an die tausend Firmen am Bau des JHQ beteiligt. Teilweise waren rund 6.000 Bauarbeiter und Handwerker gleichzeitig auf der Baustelle beschäftigt. Rund 200 Millionen D-Mark wurden in das Gelände investiert, auf dem neben einer hervorragenden Infrastruktur und mehr als 2.000 Gebäuden auch ein Einkaufszentrum, zahlreiche Sporteinrichtungen, Schulen, Kindergärten und Werkstätten errichtet wurden. Hinzu kamen ein Heizkraftwerk, ein Wasserwerk und umfangreiche unterirdische technische Infrastruktur, die das Hauptquartier zu einer fast völlig unabhängigen „Stadt in der Stadt“ werden ließen.

Innerhalb weniger Wochen zogen fast 12.000 Briten in das HQ.
Später kamen zahlreiche NATO-Länder als neue Partner ebenfalls dazu. Im Stadtarchiv ist vermerkt, dass die britischen Soldaten seinerzeit vom damaligen Oberbürgermeister Dr. Wilhelm Finger und Oberstadtdirektor Dr. Wilhelm Fleuster begrüßt wurden mit den Worten: „Wir hoffen, dass Sie sich in unserer Stadt bald einleben und wohlfühlen werden, dass bald gute Beziehungen auf kulturellem, sportlichem und vor allem auf menschlichem Gebiet entstehen, und dass dieses wichtige Datum für alle ein erfolgreicher Anfang einer glücklichen und friedlichen Zeit sein möge“.

60 Jahre später wird nun in diesen Tagen der Schlusspunkt unter diese erfolgreiche und beständige Zusammenarbeit gesetzt.

Oberbürgermeister Norbert Bude weiter: „Das Hauptquartier war für mich immer ein ‚Stück Internationalität‘. Es ist und bleibt Sinnbild für das freundschaftliche Verhältnis der hier stationierten Streitkräfte untereinander, aber auch mit den Bürgerinnen und Bürgern. Im Laufe der Jahre sind wir zusammengewachsen. Die Akzeptanz von Militär und Zivilisten hat sich in gegenseitigem Vertrauen entwickelt. Die Offenheit, mit der wir uns begegnen, kam von beiden Seiten. Dafür danke ich Ihnen“.

Mönchengladbach habe die Menschen, die im Joint Headquarter leben und arbeiten, die Soldatinnen und Soldaten, auch ihre Familienangehörigen von Herzen willkommen geheißen. „Wir sind ein großes Stück gemeinsam gegangen. Das verbindet. Wir haben das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Einheit gemeinsam erlebt. Durch die gemeinsame Zeit haben wir Partnerschaft und Freundschaft entwickelt. Einst kamen Soldaten, um an der Sicherung des Friedens in Europa zu arbeiten. Nun verlassen uns Freunde“, hob Oberbürgermeister Norbert Bude hervor, der allen Verantwortlichen für die gute Zusammenarbeit, die offene Kommunikation und die freundschaftlichen Begegnungen bedankte. „Mir persönlich wird auch ein Stück britischer Kultur und Lebensart fehlen. Ich habe die Begegnungen und Feierlichkeiten immer sehr geschätzt. Das ‚typisch Britische‘, das ich bei Paraden, Empfängen, Festen und Gedenktagen erleben durfte, war für mich eine Bereicherung. Und das große Engagement der britischen Freunde für soziale Einrichtungen unserer Stadt ist bewundernswert.
Herzlichen Dank auch dafür“.

Das weitere Programm: Am Samstag, 13. Juli, laden die Briten dann im Joint Headquarter (JHQ) zum Tag der offenen Tür ein, frei nach dem Motto „ein bisschen party in the park“. Von 13 bis 22 Uhr erwartet die Gäste ein buntes Volksfest mit Musik, Darbietungen und einer Geräteschau. Die Party schließt mit einem großen Feuerwerk. Der Zugang zum JHQ-Gelände erfolgt über die Hardter Straße. Die Feierlichkeiten enden am Sonntag, 14. Juli, mit einem deutsch-britischen Abschlussgottesdienst in der Kirche St. Bonifatius, in dem Oberbürgermeister Norbert Bude und Vertreter der britischen Militärs eine Lesung vornehmen werden.
(pmg/sp)