Gesuch um Laisierung

pendeluhr

Die Kongregation des Heiligen Offiziums im Vatikan hatte eine Kommission gegründet, deren Aufgabe es war, Gesuche um Laisierung zu prüfen. An sie hatte ich meine Bitte gerichtet, vom priesterlichen Dienst entpflichtet zu werden, da ich eine Frau kennen gelernt hatte und heiraten wollte.

Der für Personal-Angelegenheiten des Erzbistums zuständige Prälat lud mich zu sich nach Hause ein. Der Bischof hatte ihn zum „Instructor“ bestellt. Er wollte die Motivation ergründen, mit der ich die Laisierung beantragt hatte. Er sehe sich in der Rolle des Insolvenz-Verwalters und habe einen Auftrag zu erfüllen, erklärte er mir.

Was kam auf mich zu? Der Prälat wählte seine Worte mit Bedacht. Nie verlor er die Fassung. Nie wich das freundliche, routinierte Lächeln von seinen weichen Gesichtszügen. Diese verrieten diszipliniertes Wohlwollen, angesiedelt zwischen Neugier und Sympathie.

So hatte ich ihn kennen und schätzen gelernt, wenn es um meine Anstellung in einer Pfarrei oder in der Schule ging. Er war kein Strippenzieher, was hier und da behauptet wurde. Mir gegenüber erwies er sich als korrekt und fair. Er erkundigte sich nach meiner persönlichen Einschätzung und bat mich zum Gespräch, wenn er einen neuen Aufgabenbereich für mich plante.

Immer zeigte er sich in unaufdringlicher Weise gesprächsbereit, unvoreingenommen, manchmal angenehm wortkarg.

Im Zweiten Weltkrieg hatte er als Militärpfarrer gedient und war in russische Gefangenschaft geraten. Dort hatte er gelernt, sich auf ungewöhnliche und unerwartete Situationen einzustellen und respektvoll damit umzugehen.

Seine gutmütig wirkende Gelassenheit schützte ihn vor unnötigem Hoheitsanspruch und eitlem Dominanz-Gehabe. Auf seine Rechtschaffenheit und Integrität war Verlass. Man hätte ihm, dem katholischen Prälaten, eine protestantische Redlichkeit zubilligen können.

Er wolle mich nicht in Verlegenheit bringen und nicht bloßstellen, begann er. Das glaubte ich. Er versteckte sich nicht hinter Barockfassaden oder Überlegenheits-Ansprüchen.

Bis zu seinem Tod blieb ich ihm freundschaftlich verbunden. Seine Dombild-Kalender, die er mir zukommen ließ, sind ein bleibendes, angenehmes Andenken an ihn geblieben.

Auf das Gespräch bei Kaffee und Kuchen hatte sich der Prälat gut vorbereitet. Der Vorgang hatte seinen Reiz. Ohne besondere Emotionen zu zeigen, erkundigte er sich beiläufig und in beruhigendem Tonfall, wann das Kind voraussichtlich geboren werde.

Hinter seiner glatten Stirn grübelte es, obwohl er lächelte. Es war ihm anzumerken, dass er mich nicht verletzen und mir keine Unannehmlichkeiten bereiten wollte.

Gutherzigkeit oder Tarnung? Wollte er dort den Hebel anzusetzen, wo dieser die größte Wirkung versprach? Widersprüchliche Signale für mich. Ihm ging es nicht um den Austausch von Höflichkeitsfloskeln oder Gemeinplätzen, sondern um ungeschminkte Fakten. Er wollte zur Sache kommen. Mit Vermutungen begnügte er sich nicht. Kein Freund von Allerwelts-Smalltalk oder achtlosem Geplauder.

Meine Erwiderung entsprach nicht seinen Gedanken-Gängen. Es bestand kein Anlass für das vermutete Ereignis. Ich offenbarte mich nicht als heimlicher Erzeuger und Ernährer. Bediente sich der Prälat der üblichen Klischees? Dachte er an Gottes verborgene Kinder, die nicht nach ihrem Vater fragen dürfen? In meinem Fall brauchte er sich um deren Schicksal und Zukunft keine Sorgen zu machen.

Im Fall des Falles hätten er und das Bistum eine Lösung gefunden und ihre Fürsorgepflicht aktiviert. Sollte unerlaubte Lust auf Verbotenes stärker gewesen sein als unterdrücktes erotisches Begehren und auch noch verbotene Früchte zur Folge gehabt haben – der Prälat hätte einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden. Die vorauseilende Besorgnis, die sich hinter dem Prälaten-Lächeln verbarg, stützte sich offenbar auf Erfahrungen.

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1 Kommentar zu "Gesuch um Laisierung"

  1. E. Hansmeier | 13. August 2016 um 09:08 |

    Wieder einmal ein köstlicher Bissen, wie immer. Niemals billiges Entertainment. Bei allem Ernst so mancher Situation, geht doch der rote Faden eines feinsinnigen Humors nie verloren.

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