Offener Brief an die Fraktionen des Rates der Stadt Mönchengladbach

Grafik: Stadt MG

Thema: die bisher bekannten Planungen Europaplatz und „19 Häuser“.

Sehr geehrte Damen und Herren,
das Sozial-ökologische Aktionsbündnis Mönchengladbach, dem u.a. die lokalen Verbände BUND, BAUM, Nabu und Fridays for Future – also viele auch lokalpolitisch aktive Menschen – angehören, erhebt hiermit grundsätzliche Einwände gegen die bisher bekannten Planungen Europaplatz und „19 Häuser“. Wir fordern die politisch Verantwortlichen und die zuständigen Verwaltungsinstanzen auf, das vorliegende Konzept zu stoppen und die Entwicklung eines Planungsansatzes einzuleiten, das ökologisch, sozial und damit tragfähig für die Zukunft ist.

In Kenntnis des Offenen Briefes der BAUM Mönchengladbach und der Aktivitäten des BUND und des Nabu Mönchengladbach zu diesem Thema, stellen wir einige konstruktive Gedanken zur Diskussion. Sie erscheinen uns notwendig, weil die Sitzung der BV Nord am 12.8. keine Anzeichen eines Umdenkens erkennen ließ und wir verhindern wollen, dass in der letzten Sitzung des Stadtrates vor der Kommunalwahl im September fatale Entscheidungen getroffen werden, die nur in langwierigen juristischen Auseinandersetzungen korrigierbar wären.

Die Bedenken von BUND, BAUM und Nabu teilen wir in vollem Umfang. Die von den Ver-bänden gesetzten Akzente, in der Stadt Mönchengladbach die Lebensqualität für alle Bürge-rInnen durch konsequente ökologische Zukunftsplanung zu steigern und langfristig zu si-chern, wollen wir durch zeitgemäße und zukunftstragende Vorschläge zu drei Schwerpunkt-themen bekräftigen.

  1. Raumkonzept
    Wer Deutschland ein wenig bereist hat, wird erfahren haben, dass nahezu alle größeren Städte auf die Gestaltung ihrer Bahnhofsvorplätze als „Aushängeschilder“ großen Wert legen. Das vom BUND angeführte Beispiel Münster ist eines von vielen: Man tritt aus der Bahnhofshalle und blickt auf eine freundliche Umgebung, die weitläufig, atmosphärisch ansprechend und einladend wirkt, wobei sie, wie etwa in Düsseldorf, durchaus auch funktional für den ÖPNV sein kann. In Mönchengladbach entsteht beim Verlassen des Hauptbahnhofs ein Gefühl von Enge, „graue Maus“ ist die naheliegende Assoziation – ein stimmungsmäßiges Desaster. Der erste Eindruck – primary effect – setzt sich fest und ist wenig vorteilhaft. Der Busbahnhof erschlägt mit seinen sperrigen und groben Konstruktionen die Stimmung endgültig. Diese Kritik ist nicht neu, seit vielen Jahren wird sie von vielen Seiten immer wieder geäußert.

    Nun bestünde die Chance, mit der neuen Bebauung anstelle des Hauses Westland und der Neugestaltung des Europaplatzes, die Stadt mit einem ökologisch-sozialen Aushängeschild zu versehen, das Menschen anzieht, sie zum Betreten und Erobern ermuntert und zum Verweilen einlädt. Ein weiträumiges Konzept würde erstens die ankommenden Menschen einladen, auf dem dann üppig begrünten Platz entweder auf den Stühlen eines Cafés oder Restaurants Platz zu nehmen oder ebenfalls vorhandene nichtkommerzielle Parkbänke zu nutzen, und es würde zweitens – s. nächster Punkt – dem ÖPNV nicht nur eine, sondern die zentrale Rolle im städ-tischen Bewegungsprofil zuweisen.
    Zu einem solchen Konzept gehört nicht nur umfangreiche Begrünung, sondern auch die Möglichkeit, sich über die Stärken der Stadt, also das Museum Abteiberg und andere Angebote der Bildenden Kunst, das (bzw. die) Theater, die Hochschule, Borussia, die Textilmuseen usw. zu informieren. An der Gestaltung des Platzes sollten Mönchengladbacher KünstlerInnen betei-ligt sein, ein offener Gestaltungswettbewerb fände sicherlich große Resonanz, weil die Menschen hier vor Ort erfahrungsgemäß eine große Bereitschaft haben, sich für eine lebenswerte Stadt einzusetzen. Mönchengladbach zeigt sich, und zwar von seinen besten und schönsten Seiten, und das gleich bei der ersten Begegnung am Bahnhof – Liebe auf den ersten Blick bei vielen BesucherInnen wäre sicher, und die könnte die Stadt gut gebrauchen.
    In Abänderung der bisherigen Planung wäre ein Rückzug der Wohn-Bebauung um einige Meter, auf keinen Fall aber ihre Ausdehnung in den Europaplatz hinein notwendig. Diese Veränderung würde einen immensen Gewinn für diese Stadt bringen: An Lebensqualität, an positiven Emotionen, an Zustimmung, an Wohlgefühl für die EinwohnerInnen und die Gäste. Langfristig würde sie sich auch finanziell lohnen, denn mehr BesucherInnen tragen nicht nur mehr „Flair“ in die Stadt, sondern langfristig auch mehr Geld.

  2. Verkehr
    Die Stadt der Zukunft wird eine ohne innerstädtischen individuellen Autoverkehr, mit einem für alle Menschen erreichbaren und kostengünstigen öffentlichen Beförderungssystem sein. Diese Entwicklung hin zum flächendeckenden, zeitlich eng getakteten Öffentlichen Personen Nahverkehr droht die Stadt Mönchengladbach mit der aktuellen Planung des Europaplatzes zu verschlafen. Für die einheimischen wie für die besuchenden Menschen stellt ein zentraler „Umschlagplatz“ für den ÖPNV so etwas wie das „Herz“ der Stadt dar, von dem aus die verkehrsführenden „Adern“ ihnen ermöglichen, jeden Ort innerhalb der Stadtgrenzen problemlos zu erreichen. Für eine nutzerfreundliche übersichtliche Gestaltung und Organisation eines solchen Platzes ist eine entsprechende Größe nötig. Die teilweise Verlagerung in Nebenstraßen beeinträchtigt nicht nur dort die Lebensbedingungen durch Lärm und Abgasbelastung in einer unerträglichen und unzumutbaren Weise, sie erschwert, wie BUND und BAUM hinreichend erläutert haben, Erreichbarkeit und Übersichtlichkeit in geradezu absurdem Ausmaß. (Diese für die Menschen lebenswichtigen Aspekte finden im Übrigen im vorliegenden Gut-achten des Ingenieurbüros Lindschulte so gut wie keine Berücksichtigung).

    Alle Menschen in Mönchengladbach wünschen sich ein Lebensumfeld, das von Lärmbelästi-gung und Luftverschmutzung frei ist. Seit Jahrzehnten bemühen zukunftsorientierte StadtplanerInnen sich darum, fossile Brennstoffe nutzende Fahrzeuge aus Innenstädten, also an die Stadtränder zu verbannen oder auf den generellen Verzicht auf sie hinzuwirken. Diese infrast-rukturellen Maßstäbe sollten auch dann gelten, wenn mehr Fahrzeuge mit Elektroantrieb ver-fügbar sein sollten, denn erstens ist ihre Ökobilanz kaum weniger desaströs als die ihrer fossi-len Verwandten, zweitens unterscheidet ihr Raum- und Platzbedarf sich nicht, wenn sie indi-viduell genutzt werden, sie bleiben also unökonomisch und unsozial. Alle einschlägigen ExpertInnen sind sich – weltweit – darüber einig, dass der Individualverkehr in den Städten in einer Weise klima- und gesundheitsschädlich ist, die ihn von Tag zu Tag verantwortungsloser erscheinen lässt. Es sei denn, es handelt sich um den fahrradbasierten Individualverkehr – ihm muss deshalb, neben dem ÖPNV, auf dem Bahnhofsvorplatz, technisch und organisatorisch eine dominierende Rolle zugestanden werden.

    Die aktuelle Planung für Haus Westland und Europaplatz ist rückwärtsgewandt, sie ist anachronistisch, sie ist Ausdruck von der Wirklichkeit längst überholter Denk- und Handlungsmodelle. Diese Planung wird einen, vielleicht den zentralen Platz der Stadt auf Jahrzehnte zu einem Ort machen, der zum Vermeiden, zum Flüchten, zum Abwenden auffordert. Die Stadt Denzlingen, auch die Rheinische Post berichtete jüngst darüber, zahlt Menschen, die ihr Auto
    abschaffen, eine Prämie, sie hat darüber hinaus ein differenziertes, phantasievolles ökologisches Stadtkonzept vorgelegt, das sie auch umsetzt. Auf dem ganzen Globus machen viele Städte vor, wie sozial-ökologisches Leben in und mit städtischen Räumen, die den Menschen gehören, gestaltet werden kann: Mit Umwidmung von Stadtautobahnen und anderen Autoverkehrsschneisen zu Plätzen und Orten, auf denen öffentlicher Verkehr und Fahrräder nicht von eine Blechlawine individueller Karossen bedrängt werden.
    Wenn die aktuelle Planung umgesetzt wird, bleibt Mönchengladbach in der Statistik der lebenswerten Städte für Jahrzehnte irgendwo am Ende hängen. Die auch in dieser Stadt notwendig Veränderung von Verkehrsinfrastruktur und eine mit ihr zusammenhängende men-schenfreundliche Stadtplanung werden jetzt von Politik und Verwaltung blockiert, mit be-drängenden und belastenden Folgen noch für unsere Kinder und Enkel.

    Und es gibt einen weiteren, wenn alle anderen Begründungen die zuständigen Personen und Gremien nicht überzeugen, zwingenden Grund, die aktuelle Planung gründlich im o.g. Sinne zu verändern. Am 12. August 2020, berichtete die Rheinische Post alarmierende Zahlen zu Gesundheit und Krankheit in Mönchengladbach: an Lungenkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Asthma erkranken und sterben in dieser Stadt teilweise dramatisch mehr Menschen als in anderen Städten. Vom Braunkohletagebau einmal abgesehen, der seinen Teil zu dieser erschütternden Bilanz unbezweifelbar beitragen wird, ist seit Jahrzehnten wissenschaftlich unwiderruflich belegt, dass gerade diese Erkrankungen wesentlich durch den Schadstoffausstoß des fossilen Autoverkehrs bedingt oder in ihrer Schwere beeinflusst wer-den. Nehmen Sie einen Stadtplan zur Hand und sehen Sie sich die Schneisen an, die die sog. „Verkehrsadern“ durch die Stadt ziehen, gesäumt von Wohnhäusern. Wenn jetzt, angesichts einer täglich zunehmenden Klimabedrohung und ihrer für viele Menschen tödlichen Auswir-kungen, in Mönchengladbach eine Planung durchgesetzt werden soll, die die für sie mitver-antwortlichen Bedingungen langfristig zementiert, demonstrieren die Verantwortlichen, dass Gesundheit und Lebensqualität der Menschen in dieser Stadt innerhalb ihres Interessen- und Fürsorgehorizonts keinen Platz haben.

  3. Wohnen
    Wo heute noch Haus Westland steht, sollen Wohnungen gebaut werden. An sich eine gute Idee – wenn sie sozial-ökologisch umgesetzt wird. In ein Gesamtkonzept für das Ensemble Europaplatz/Haus Westland würde, im Sinne der o.g. Überlegungen, ein integratives, zu-kunftsorientiertes Konzept für generationenübergreifendes Wohnen passen, das zudem sozial ausgewogen ist und ein Begegnungszentrum für die BewohnerInnen beinhaltet, in das auch andere Menschen eingebunden werden können. Andere Städte praktizieren seit langem ein sozial orientiertes Planungskonzept für Wohnbebauung, an ihnen könnte Mönchengladbach sich orientieren. Frei verfügbare sollten in diesem Sinne 50 bis 60 %, sozial abgefederte bzw. auch für Geringverdiener erschwingliche Wohnungen sollten 40 bis 50 % des Angebots umfassen.
    Mit einem solchen Konzept würde die Stadt Mönchengladbach sich in die Reihe der Kommu-nen eingliedern, die ihren BewohnerInnen demonstrieren, dass alle, ob arm oder reich, ob alt oder jung, in ihren Planungshorizont eingebunden sind. An diesem Platz könnte ein Ort der Begegnung, des kulturellen Miteinander aller Menschen, entstehen. So könnte dieses städtische Zentrum beispielgebend für alle weiteren Wohnbau- und infrastrukturellen Planungen werden.

    „Soziale Stadt“ – wenn dieses Etikett nicht eine Floskel ohne lebbaren Inhalt bleiben soll, besteht am Hauptbahnhof die Möglichkeit, sie zukunftsweisend Wirklichkeit werden zu lassen. KommunalpolikterInnen und MitarbeiterInnen der Verwaltung sind DienerInnen der Menschen, zu deren Aufgaben nicht nur die Fürsorge für alle gehört, sondern auch ein visionärer Wirklichkeitsbezug. InvestorInnen haben sich an diesem Auftrag, der von den Men-schen kommt, die in der Stadt leben, zu orientieren. Wir haben keinen Zweifel daran – und die Erfahrungen anderer Kommunen, nicht nur in Deutschland, sind ermutigend -, dass es Menschen gibt, die über viel Geld verfügen und bereit sind, es sozial und zukunftsorientiert einzusetzen, weil ihnen ihre Gemeinwohlorientiertheit mehr wert ist als eine möglichst überdurch-schnittliche Rendite. Der Aufwand, sie zu finden, mag größer sein, als in den Pool der „übli-chen Verdächtigen“ zu greifen, aber der soziale und ökologische Mehrwert für die Bewohne-rInnen dieser Stadt lohnt ihn.

    Epilog: Rheinische Post, 14. August 2020, Seite C2: „Gladbach kann Kultur – und sollte mehr wagen“. Genau in diesem Sinne sind unsere Vorschläge und Aufforderungen zu verstehen, vom Europaplatz könnte eine bewegende Breitenwirkung in die ganze Stadt ausgehen. Wo sind die PolitikerInnen und kommunalen Fachleute, die kulturelle, soziale und ökologische Bedürfnisse der Menschen, die in dieser Stadt leben und leben wollen, phantasievoll, koope-rativ und beispielhaft integrieren können und wollen?

    Für das Aktionsbündnis:
    Dr. Günter Rexilius
    Email: guenter.rexilius@t-online.de
    Tel. +49 157 37809086