Sankt Martin in Moskau

Foto: P.J. Dickers

Ich hatte mich über Anzahl und Größe der Koffer gewundert, die Mitreisende auf dem Weg nach Moskau mitschleppten. Dass man für drei Tage so viel Gepäck benötigte, überraschte mich. Die für Moskau vorhergesagten Temperaturen boten keinen Anlass, jede Menge warmer Winterkleidung mitzunehmen. Weihnachtsgeschenke enthielten sie wahrscheinlich auch nicht, weil wir so lange nicht bleiben wollten.

Moskau war noch Hauptstadt des Vielvölkerstaates Sowjetunion. Unser Hotel am Roten Platz war bevölkert von Devisen-Bringern, Dollar- und DM-Touristen. Sie konnten ihre harte Währung günstig in Rubel tauschen im Gegensatz zu den Ostmark-Touristen aus Dresden oder Leipzig. Für Rubel gab es den sowjetischen Krimskrams zu kaufen. Für Dollar und D-Mark alles Andere.

Die Etage, auf der unser Zimmer im sechsten Stock lag, entsprach sowjetischem Standard. Was diesem auch zu entsprechen schien, waren die vielen Etagen-Frauen, die aus unerklärlichen Gründen hier Dienst taten. Kaum hatte ich meine relativ kleine Reisetasche ausgepackt, klopfte es. Eine jener dienstbaren Geister brachte das Kopfkissen, das sie versehentlich nicht auf mein Bett gelegt hatte. Mit kurzem, prüfendem Blick registrierte sie die offene Tasche und meine Wäsche, die ich auf dem Bett ausgebreitet hatte. Meine in jeder Hinsicht aufmerksame Zimmerfrau zog ein paar Rubelscheine aus ihrer Schürzentasche und hielt sie mir mit der einen Hand unter die Nase. Mit der anderen zeigte sie auf die Wäschestücke. Sie wollte meine Unterwäsche kaufen.

Davon hielt ich nichts. Ich war nicht nach Moskau gereist, um im Hotel Unterhemden und Unterhosen zu verkaufen. Außerdem waren sie nicht neu und bereits etliche Male gewaschen worden. Aber das schien niemanden zu interessieren. Sobald ich einer der Frauen unmissverständlich mein „Njet“ zum Ausdruck gebracht hatte, tauchte die nächste auf und erhöhte das Rubel-Angebot.

Bei Tisch berichtete ich bei meinen Reisegefährten über die von mir als Nötigung empfundene Aufdringlichkeit und erwartete gleichgesinnte Entrüstung und moralische Unterstützung. Stattdessen blickte ich in erstaunte Gesichter und durfte mir anhören, wie viele Rubel-Scheine inzwischen den Besitzer gewechselt hatten. Einer der großen Koffer sei ungeöffnet in Empfang genommen worden, gegen entsprechende Vergütung natürlich. Leibwäsche, vor allem Damenwäsche, sei gefragt, möglichst in Originalverpackung.

Als ich am nächsten Morgen vom Frühstück zurück auf mein Zimmer wollte, wurde ich von drei anderen Etagen-Frauen erwartet. Eine hatte meinen alten Wollmantel am Garderobehaken entdeckt und versuchte mir in internationaler Gebärdensprache klar zu machen, dass sie den brauchen könne. Nein, der sei unverkäuflich, erwiderte ich in meiner Sprache. Die Rubelscheine häuften sich, die Bitten wurden drängender, aber ich ließ mich nicht erweichen. Ich konnte doch nicht meinen alten Wollmantel verkaufen. Dennoch hatte ich Mitleid mit den Frauen.

Einen Tag später reisten wir ab. Die Koffer waren weniger und leichter geworden. Meine Reisetasche auch. Den Wollmantel hatte ich am Garderobehaken im Zimmer hängen lassen, nicht nur den halben Mantel wie bei dem berühmten Bischof Martin, sondern den ganzen.

Irgendwie fühlte ich mich erleichtert, zumindest was die Reisetasche betraf. Daheim erzählte ich, Sankt Martin sei in Moskau gewesen.

2 Kommentare zu "Sankt Martin in Moskau"

  1. Thorsten Behrends | 12. November 2018 um 11:22 | Antworten

    Wie schön. Ich hatte mich schon ein bisschen gewundert. Schreibt Herr Dickers doch sonst immer zu vielen Anlässen und Feiertagen, die sonst wohl kaum noch jemand wahrnimmt. Und wie immer findet er mit gutmütigem Humor Worte, die eine durchaus nicht fröhliche Situation offenlegen. Geht es uns gut? Uns geht es gut.

    • Schön, dass es Ihnen gut geht , lieber Herr Thorsten Behrends.
      Die Verspätung der Veröffentlichung des „St. Martin in Moskau“ lag einzig an der
      Vergesslichkeit von MG-Heute.
      Sorry.

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