Seehofer

Der Mönchengladbacher Autor, Peter Josef Dickers; Foto: Günter Pfützenreuter

Ach, Horst Seehofer, du klammerst dich an die bekannte und oft missverstandene  Aussage „Extra ecclesiam nulla salus.“ „Wir glauben fest und bekennen aufrichtig, dass es außer ihr ( der katholischen Kirche ) kein Heil und keine Vergebung der Sünden gibt.“  Mit diesem Satz beginnt das 1302 von Papst Bonifatius VIII. (1294-1303) erlassene Lehrschreiben über die Katholische Kirche. Es ging der Kirche damals um die Vorrangstellung der geistlichen Macht vor der weltlichen, mit der Konsequenz, dass auch weltliche Herrscher sich der geistlichen Führerschaft unterordnen müssen.

Ach, Horst Seehofer, seitdem sind mehr als siebenhundert Jahre vergangen. Die Welt ist eine andere geworden. Die christliche Botschaft ist, vor allem dank der Reformation, hellhöriger geworden für Werte, die andere Religionen und Kulturen vermitteln.1965 wurde eine Erklärung über die Haltung der Katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen veröffentlicht. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte sie formuliert; Papst Paul VI. genehmigte sie.  Neben den Passagen zum Judentum enthält dieses Schreiben auch ein Kapitel zum Islam.

Ach, Horst Seehofer, „Nostra aetate“, „In unserer Zeit“ nennt sich das Schreiben. Wenn ich deine Lebensdaten richtig in Erinnerung habe, ist es auch deine Zeit. Der jüngst verstorbene Kardinal Lehmann, dem unsere Stadt Mönchengladbach wegen seiner großen Verdienste die „Goldene Blume“ verliehen hat, nannte das Lehrschreiben einen „folgenreichen Konzilstext“. Viele andere Religionen, auch der Islam, haben die gleichen  Fragen wie wir, schreibt der Kardinal, nach den ungelösten Rätseln: „Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist das letzte Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“

Ach, Horst Seehofer, ich erzähle dir das aus Mönchengladbacher Sicht. Du hast  eine bayerische. Aber gehören wir nicht dennoch beide zu Deutschland? Benutzen wir nicht beide die arabischen Ziffern 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 0, die seit dem 13. Jahrhunderts in Westeuropa die römischen Zahlen ablösten? Die arabische Rechenkunst kam mit den Mauren  nach Spanien und fand nach und nach den Weg ins katholische Europa. Ach, Horst Seehofer, dir wird bekannt sein, dass die Mauren von den Arabern islamisiert wurden, also Moslems waren. Zumindest über das Einmaleins gehört der Islam auch zu uns in Deutschland.

Ach, Horst Seehofer, beim Einmaleins ist es nicht geblieben, zumindest nicht in Mönchengladbach. Unsere Stadt lässt sich politisch-kulturell in Berlin u. a, durch eine islamische Mitbürgerin vertreten. „Wir tragen alle Verantwortung für unser Land, in dem wir leben, arbeiten und alt werden wollen.“  Das sagt sie. Dafür setzt sie sich ein. Es gibt in unserer Stadt einen Islamischen Kulturverein,  eine Türkisch-Islamische Gemeinde,  eine Gemeinschaft albanischer Muslime. Trotz ihrer Verschiedenheit bekennen sie sich zu dem gemeinsamen Ziel, einen Beitrag zur Integration zu leisten.

Ach, Horst Seehofer, wir in unserer Stadt sind bestrebt, dich zu verstehen. Es gibt keine Distanz zwischen uns. Wir spüren, dass du ein wenig Fremdheit im eigenen Land verspürst. Wir spüren und respektieren, dass du in gewisser Weise die Wiedergeburt alter Werte anstrebst und dem Heimatgefühl neuen Auftrieb verschaffen willst. Wir meinen jedoch, dass du bei deinen Heimat-Gedanken niemanden ausklammern kannst, auch wenn er bzw. sie etwas nicht genau so sieht wie du. Ersatzkonflikte, die durch unglückliche Wortwahl oder falschen Zungenschlag entstehen, lenken von dem ab, was uns tatsächlich beschäftigt und gelöst werden muss. Das mit dem Islam war nicht die beste Idee, die du im ministerialen Angebot hast. Sie würde uns ins falsche Fahrwasser treiben, wenn sie umgesetzt würde. Das kannst du nicht wollen. Die Grenzen zwischen „wir“ und „die“ müssen wir gemeinsam wegräumen.

Ach, Horst Seehofer, ich bin sicher, dass wir uns verstehen.

1 Kommentar zu "Seehofer"

  1. Ach „Horst“. Exakter, trotzdem gutmütig zu Papier bringen, kann man das gewaltige Problem nicht. Dabei hat Horst sich in keiner Weise „zum Horst gemacht.“ Er meint was er sagt, und das todernst. Er wird uns lehren, was Heimat bedeutet bzw, was er darunter versteht. Als gäbe es bei dem Thema nicht schon genug Zündstoff, leider auch im Sinne des Wortes. Und ausgerechnet einem Menschen mit derartiger Gesinnung, legt man die Zündhölzer auch noch offiziell in die Hand. Mich fröstelt es bei den Gedanken an das, was er sicher zu leisten willens zu tun, in der Lage ist. Herr Dickers, an dieser Stelle endlich auch einmal ein Lob auf all‘ die Dinge die Sie schreiben. Auf die Art und Weise, in der Sie das tun und Achtung für den Mut, Themen anzufassen, die nicht ohne sind. Danke.

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