Sexualität und Leiblichkeit

Die augustinische Theologie der Erbsünde und die davon abzuleitende Entwertung des Sinnlich-Sexuellen hatte noch Hochkonjunktur und warnte davor, sich dem Leben mit seinen Begierden hinzugeben. Sexualität widerstrebte dem Verlangen nach Vollkommenheit. Sexualität, Sündenfall und Verführung bedingten sich gegenseitig.

Die „concupiscentia carnalis“, die fleischliche Begierde und niedere Welt der Triebe, konnten wir angehenden Priester beherrschen, wenn wir die unverdiente Gnade Gottes erbaten. Deren waren wir gewiss, wenn wir allen Anordnungen folgten, die verhinderten, dass uns der Sinn nach Sünde stand.

Sexuelle Enthaltsamkeit musste um ihrer selbst willen geübt werden – neben anderen Formen der Askese. Im Leben angehender Kleriker hatte Sexualität keine Bedeutung. Dass die Entwicklung des Menschen ein Prozess ist, der mit dem Ja zum priesterlichen Beruf nicht abgeschlossen ist, wurde nicht erörtert. Dass sich im Verlauf eines Reifungsprozesses Lebensentwürfe ändern können, war ebenfalls nicht wichtig.

Fünfzig Jahre später bekannte ein Wiener Kardinal: Wir, d. h. die Kirche, hätten den Wert der Leiblichkeit missachtet. An der Aufgabe, Sexualität und Leiblichkeit natürlich zu leben, seien wir gescheitert.

Die gegenwärtige Diskussion um sexuelle Missbrauch-Vorwürfe in kirchlichen Einrichtungen gerät unter diesem Aspekt in ein verräterisches Licht. Haben finstere Mächte ehrbare Kirchendiener dazu verleitet, die Abscheulichkeit der Leiber ihrer Untergebenen zu ignorieren und sich Zugang zu ihnen zu verschaffen? Oder hat eine von der Kirche vertretene Sexualmoral dazu beigetragen, mit dem Thema „Leiblichkeit“ nicht angemessen umgehen zu können?

In jungen Jahren war der Kirchenlehrer Augustinus sinnenfrohem Lebenswandel nicht abgeneigt gewesen. Die Pflege des Leiblichen schaffe, argumentierte er, einen Gewinn an Freiheit. Nach seiner Bekehrung zum Christentum verbannte er das Glück des Menschen und freudvolle Erfahrungen des irdischen Leibes ins Jenseits.

Das Schreckgespenst einer sogenannten Verderbtheit des Leibes stellte sich mir anders dar, als ich während der zweijährigen Zeit im Priesterseminar als Betreuer an einer Wallfahrt kranker Menschen nach Lourdes in Südfrankreich teilnahm. Viele Kranke hätten Gründe gehabt, die Verderbtheit ihres Leibes zu beklagen. Die Pilger nahmen jedoch in der Regel ihren kranken Körper und seinen oft elenden Zustand an. Sie spürten, dass ihr Körper sie in Beziehung treten ließ zu anderen Menschen, zu Gesunden und Kranken. Ihre Krankheit machte sie nicht körperlos. Sie waren ihr Körper und hielten ihn in Ehren.

Es hätte denen, welche die Verderbtheit des Leibes anprangerten, gut getan, die Wallfahrt nach Lourdes erlebt zu haben.