Alltägliches: Wann bin ich dran, Herr Doktor?

Vor neun Wochen hatte ich einen Termin für heute bekommen. Ob ich jetzt noch krank bin, wird der Doktor gleich entscheiden. „Sie werden aufgerufen, wenn Sie an der Reihe sind“, höre ich auf dem Weg ins Wartezimmer.
Müssen Sie auch zuerst im Wartezimmer Platz nehmen, wenn Sie um sechzehn Uhr zum Kaffee eingeladen sind? Ob sich der Doktor erst noch umzieht, ehe er mich empfängt? Was die anderen hier sollen, die um mich herum sitzen, weiß ich nicht. Sind sie alle für sechzehn Uhr zum Doktor-Check geladen?
War das mein Name, der aus dem Lautsprecher tönte? Nein, nach Raum sechs begibt sich ein sportlich aussehender Typ, der mir gegenüber saß. Alle Sechzehn-Uhr-Patienten wissen, wie krank er ist. Seine Leidensgeschichte hat jeden gerührt. Warum er wohl jetzt noch zum Doktor muss, obwohl er gestern aus dem Urlaub zurückkam? Sein Platz wird sofort wieder besetzt. Vielleicht Sechzehn-Uhr-Auswechsel-Patient.
Alle Zehn Minuten wird einer aufgerufen. Um achtzehn Uhr wollte ich den Fußball-Klassiker sehen. Jetzt ist es schon halb sieben, und immer noch warten zwanzig akut und sonst wie Kranke auf ihren Sechzehn-Uhr-Check. Wann bin ich dran, Herr Doktor? Habe ich Aussicht auf die zweite Halbzeit?
Die erlebe ich im Sprechzimmer, Raum vier. Welche Beschwerden ich habe, fragt mich der Doktor. Natürlich wollte ich mich beschweren, aber jetzt fällt mir nichts ein. Das Spiel ist so wie so für mich gelaufen. An der Rezeption soll ich einen Termin machen für eine eingehende Untersuchung. Dafür brauche er Zeit. Muss ich bis dahin krank bleiben, Herr Doktor?

2 Kommentare zu "Alltägliches: Wann bin ich dran, Herr Doktor?"

  1. Gute Idee, herzlichen Glückwunsch der Redaktion zur neuen Lese-Ecke.
    Gute Idee ebenfalls, dass Herr Dickers seine Erzählungen einer breiten Öffentlichkeit in Mönchengladbach präsentiert. Kenne seine Bücher.
    Ein „Alltagsgeschichte“ herrlich erzählt. Mehr davon, bitte.

    • Peter Josef Dickers | 5. November 2015 um 13:59 |

      Danke für das Kompliment. Mein Dank auch an die Redaktion. In meinen „Erinnerungen“ wird es einige nicht so heitere Aspekte geben. Das Leben, mein Leben, hat viele Dimensionen.

      Peter Josef Dickers

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