Autor: Peter Josef Dickers

  • Die Pendeluhr

    Die Pendeluhr

    Inzwischen hatte ich meinen ersten Dienst als Kaplan angetreten. Eines Tages besuchte ich jemanden, über dessen Schreibtisch eine Pendeluhr hing. Ich wusste nicht, nach welchem System sie funktionierte. Ihr Besitzer war stolz, mir Pendel-Nachhilfe erteilen zu können.

    Die Uhr faszinierte ihn und mich. Das schwingende Pendel gab an einem bestimmten Punkt einen Impuls an das Uhrwerk ab. Das schob die Zeitanzeige weiter. Das Uhrwerk gab einen Impuls zurück, der das Pendel schwingen ließ.
    Seine Erläuterungen bezogen sich auf die Uhr. Für mich hatten sie Gleichnis-Charakter. Sie sagten etwas aus über den Rhythmus des Lebens. Die Bewegung des Pendels müsse gleichbleibend sein, wurde ich belehrt, damit die Uhr die richtige Zeit anzeigen könne. Das Pendel reagiere empfindsam auf Luftfeuchtigkeit, Wärme und Kälte. Es müsse daher geschützt werden vor schädigenden Einflüssen.
    Die Pendeluhr reagiere wie ein Mensch: Negative Einflüsse von außen würden das Pendel nicht richtig schwingen lassen. Gleichmäßige Impulsübertragungen seien notwendig.

    Oft habe ich den Mann mit der Pendeluhr besucht. Wir sprachen über schwingende Pendel und diskutierten darüber, wodurch Impulse blockiert wurden. Die Pendeluhr hörte uns zu. Merkte sie, dass sie nicht nur die Stunden anzeigte, sondern dass ihre Pendel-Bewegungen mich beschäftigten und Schwingungen auslösten?
    Meine innere Pendeluhr schlug nicht immer gleichmäßig ihren Takt. Es gab Tage, an denen sie aus dem Gleichgewicht zu geraten drohte. Dennoch hat sich einiges bewegt in meinem Leben. Ich habe einiges bewegt. Meine Uhr pendelt immer noch. Ich will sie nicht anhalten.

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  • Alles, was Recht ist

    Alles, was Recht ist

    Vergangene Nacht wurde ich um Zwei Uhr wach. Ich hatte mir vorsichtshalber den Wecker gestellt.
    Die Straßenlaterne vor meinem Schlafzimmerfenster brannte wie immer, obwohl ich denen bei der Stadt Zuständigen wiederholt erklärt habe, welcher Unfug es ist, nachts mein Schlafzimmer zu erleuchten. Nichts hat sich getan. Die Lichtan- und -ausmacher haben taube Ohren. Verantwortungsbewusste Bürger werden nicht ernst genommen.
    Diskutieren? Zwecklos. Alle verstecken sich hinter gesetzlichen Vorgaben. An Einsicht appellieren? Sinnlos. Meine akribisch geführten Aufzeichnungen, wie oft nachts jemand an meinem Haus vorbeigeht und die Laterne benötigt, werden ignoriert. Ich kämpfe gegen Windmühlenflügel. Müssen die zwei Männer und die eine Frau, die ich gestern zwischen ein und vier Uhr gezählt habe, nachts etwas sehen können? Können sie nicht warten, bis es hell ist? Nein, sie brauchen Straßenlaternen. Bezug zur Wirklichkeit? Fehlanzeige. Irrsinn hat Methode. Wer bezahlt die Stromkosten? Ich. Von meinen Steuern. Ist das gerecht?

    Gerecht ist es natürlich, dass ich seit einem halben Jahr das Schlagloch vor meiner Garage dulden muss. Zweimal in diesem Winter bin ich schon mit dem Auto aus der Garage gefahren. Dass ich heil herausgekommen bin, verdanke ich dem Umstand, dass das Loch nicht zu groß ist. Ich weiß nicht, ob ich mir ein Bein gebrochen hätte, wenn nicht die Laterne dort stehen würde. Glauben die beim Amt, dass ich nur dann glücklich bin, wenn ich unglücklich bin? Dass die Laterne nur kümmerlich vor sich hin flackert und eine Taschenlampe den gleichen Dienst tun würde, interessiert natürlich niemanden.

    Als ich den im Amt dafür Zuständigen anrief, um ihn darauf aufmerksam zu machen, fragte er, wer zuerst dagewesen sei: das Loch oder die Laterne. Niemand könne zwei Probleme auf einmal lösen. Er irrt, wenn er glaubt, seine Antwort habe etwas mit sachgerechter Information zu tun. Wichtiges von weniger Wichtigem oder Unwichtigem unterscheiden zu können, kann er nicht. Oder will er sich mit seiner Laterne ein leuchtendes Denkmal setzen? Dürfen solche Leute unsere Ämterstühle besetzen und ihr Recht auf Dummheit wahrnehmen? Ich werde ihn nicht mehr anrufen, sondern übergehen wegen seiner Bedeutungslosigkeit.
    Es wird sich nichts ändern. Für mein gutes Recht darf ich bezahlen, bekomme es aber nicht. Ist das gerecht?
    Meinem Nachbarn werfen sie alles nach, wenn er meint, benachteiligt zu werden. Seit wenigen Wochen wohnt er hier. Ein Mann mit ausländisch klingendem Namen. Solche Leute erregen Aufmerksamkeit. Ihnen wird geholfen, selbst wenn sie nicht danach gefragt haben. Meine Vorfahren sind auch hier eingewandert. Sie wohnten zwei Häuser weiter und brauchten eine größere Wohnung. Keiner hat sich gerührt. Es geht nicht gerecht zu.
    Die Wohnungsmieten kann sich kaum einer leisten. Eine Studentin, die das Zimmer mieten wollte, lehnte dankend ab, als ich vierhundert Euro im Monat von ihr verlangte. Habe ich die Mietpreise erfunden? Undankbar war sie auch noch, als ich ihr anbot, mein Badezimmer benutzen zu dürfen. Sie verzichtete. Wir hatten früher kein Badezimmer, habe ich gesagt. Als sie mich fragte, wofür ich jetzt eines brauche, habe ich ihr die Tür gewiesen. Von Respekt hat sie noch nichts gehört. Unrechtsbewusstsein? Fehlanzeige. Studieren wollen alle, am liebsten auf meine Kosten. Von Gerechtigkeit in unserem Land keine Spur.

    Alles, was Recht ist: Das geht so nicht weiter. Wer nicht tut, was er tun kann, tut Unrecht – auf Marc Aurel, den römischen Kaiser kann ich mich berufen, der das schon vor zweitausend Jahren gewusst hat. Mir wird es schwergemacht, das Richtige auch durchzusetzen. Wer Recht hat, steht allein da. Recht zu haben ist nicht das, wofür einen die Menschen lieben. Ob man mir einmal dankbar sein wird, dass ich Recht hatte und für Recht und Gerechtigkeit gestritten habe? Auf ein Verdienstkreuz werde ich vergeblich warten.
    Übrigens: Das Licht vor meinem Fenster brennt nachts immer noch, obwohl ich in der vergangenen Woche zwischen ein und vier Uhr keine Menschenseele auf der Straße gesehen habe. Ich werde etwas unternehmen müssen.

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  • Ihr Muslime

    Ihr Muslime

    Euer Gott ist groß
    Sein Prophet ist mächtig
    Eure Religion ist friedlich
    Ihr verurteilt Fanatismus und Hass

    Ihr lebt unter uns
    Ihr gehört zu uns
    Ihr seid uns Brüder und Schwestern
    Manchmal verstehen wir uns nicht

    Ihr betet und fastet
    Ihr helft Euren Nächsten
    Ihr pilgert zu heiligen Stätten
    Lasst Gewalt nicht zu
    Wir haben Euch viel zu verdanken
    Europa, die Welt – arm ohne Euch
    Eure Kultur hat uns bereichert
    Dieser Schatz wird gepflegt
    Wir haben gemeinsame Wurzeln – Lebt mit uns
    Wir leben mit Euch
    Euer Gott ist unser Gott
    Das bleibt

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  • Freunde

    Freunde

    Meine Idee fand ich hervorragend. Ein besonderer Anlass rief meine Mitmenschlichkeit auf den Plan.
    Zu meinem Freundeskreis gehören Leute, die nicht Jedermanns Freund sind. Aber sie besuchen mich öfter als andere Freunde. Meistens zufällig.
    „Hast du einen Euro für mich?“ Den Euro gebe ich meistens. Willi kenne ich schon lange. Außerdem duzen wir uns. Unter Gleichgesinnten selbstverständlich. Seine Oma liege im Krankenhaus. Aber die Bahn sei wieder teurer geworden. Willis Oma war mir das Geld wert.

    So habe ich viele Freunde. Der eine noch mehr als der andere. Sie lud ich ein. Geschenke sollten sie nicht mitbringen. Es wäre schön, wenn du kommen könntest. Sagte ich Willi. Sagte ich Manni. Sagte ich meinen Freunden.
    Ihre Dankbarkeit schien eindeutig. Ich erwartete sie zum Nachmittagskaffee und hatte mich wirklich angestrengt. Kaffee und Kuchen gab es reichlich.
    Zigaretten wollte ich jedem persönlich zuteilen. Für den kommenden Winter mussten sie nicht vorsorgen. Ich wusste, sie würden wieder kommen und fragen: „Hast du?“ Ich hätte.
    Sie mussten längst da sein. Den Kaffee hätte ich in Warmhaltekannen füllen sollen. Die Kuchensahne wartete darauf, wieder in den Kühlschrank gestellt zu werden. Ich wartete auf meine Freunde. Die ließen mich lange warten.
    Nach zwei Stunden begann ich abzuräumen, den Kaffee weg zu gießen. Den Kuchen konnte ich morgen im Seniorenstift abgeben. Die Zigaretten auch. Drei Tage später traf ich Manni. Als er mich sah, wollte er davon humpeln. Aber ich holte ihn ein. Ob er den Kaffee bei mir vergessen habe. Er stammelte etwas von seiner Oma. Es gehe ihr nicht gut.
    Irgendwann liefen sie mir alle über den Weg. Als Willi sich eines Tages bei mir Zigaretten holte, vertraute er es mir an. Das mit dem Kaffee sei eine gute Idee gewesen. Aber er habe sich geschämt zu kommen.

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  • Gras wachsen lassen

    Gras wachsen lassen

    irgendwann merkt man
    es stimmt etwas nicht
    vielleicht war es wichtig
    oder auch nicht
    doch könnte es sein
    dass es Jemanden stört
    die Frage ist also
    wie man es klärt

    man kann es vergessen
    es wird viel geschrieben
    es wird viel gelesen
    ist zu vermuten
    es geht wie so oft
    die Nachrichtenflut
    spült Vieles hinweg
    erledigt Probleme

    dann stellt man fest
    es wird gebohrt
    oft tut es nicht weh
    man ist ja betäubt
    aber es hilft nicht
    Bohren schafft Lärm
    dieser ist schädlich
    man muss etwas tun

    ich war damals jung
    ich war noch sehr klein
    ich konnte nicht denken
    ich wusste von nichts
    ich habe – ich wollte
    ich musste – ich sollte
    man sollte vergessen
    schlimm war es nicht

    Gras wachsen lassen
    manchmal gelingt das
    Gras wachsen lassen
    gelegentlich wichtig
    Gras wachsen lassen
    glücklich vergessen
    Gras wachsen lassen
    doch dann wird gemäht

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  • Der Oberarzt

    Der Oberarzt

    Der Professor hatte mir gesagt, der Eingriff lohne sich. Zwei andere Ärzte hatten abgeraten und erklärt, mit diesem Problem müsse ich leben. Der Professor machte mir Mut. Jetzt lag ich auf dem Operationstisch-Tisch, eingehüllt in grüne Laken, umgeben von grünen Schwestern mit grünem Mundschutz.
    Operationssäle sind steril. Sie lassen einen nicht entkommen. Angeschnallt, angekabelt, Kanüle rechts, Kanüle links lag ich da. Vorsorglich war ich ruhig gestellt worden vor der folgenden Anästhesie-Injektion. Ich sollte mich fallen lassen, mich dem Eingriff überlassen.
    Das konnte ich nicht, da ich in dem grünen Meer den Professor nicht entdeckte. Dem hatte ich es zu verdanken, dass ich hier lag. Ihm wollte ich mich jetzt anvertrauen. „Wann kommt der Professor?“ Fragen konnte ich noch. „Der hat heute frei. Der Oberarzt operiert.“ Wer bitte? Die Ruhigstellung bewirkte das Gegenteil. Plötzlich war ich hell wach. „Sie sollten längst schlafen“, tönte es aus dem Grün. Ich wollte nicht schlafen. Mit einem Ober- oder sonstigen Arzt hatte ich nicht gerechnet und wollte es auch nicht.
    „Der nimmt den Eingriff öfter vor als der Herr Professor“, tönte es wieder. „Der hat darin Routine.“ Ich hatte mich nicht auf Routine, sondern auf den Professor eingestellt. Die Konfusion wuchs. Zumindest im grünen Meer. Bei mir wuchs die Antipathie gegen einen Eingriff. Ich müsse jetzt operiert werden, hörte ich. Alles sei bereit. Aber ich war nicht bereit. „Ich möchte los geschnallt werden“, rief ich dem Grün entgegen. Das war nicht vorgesehen. Wer einmal liegt, den Eingriff kriegt.
    Ich zerrte an den Gurten und versuchte mich zu befreien. Damit hatte die grüne Mannschaft nicht gerechnet. Nach und nach verließ sie das Spielfeld. Nur die Anästhesistin blieb. Sie half mir bei meiner Befreiungsaktion und besorgte den Rücktransport auf mein Zimmer. Das habe sie noch nie erlebt, dass ein Patient den Operationstisch wieder verließ, ohne operiert worden zu sein.
    Eine halbe Stunde später saß ich im Auto auf dem Parkplatz. Dort stellte ich fest, dass nicht alle Kanülen und Nadeln bei der Befreiungsaktion entdeckt und entfernt worden waren. Zurück in den OP-Saal. Dann ließ ich mich nach Hause fahren.
    Zwei Wochen später erhielt ich einen Brief des Professors. Er entschuldigte sich und bot mir einen neuen Termin an. Acht Tage später operierte er mich, ohne Erfolg.
    Hätte ich den Oberarzt nehmen sollen?

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  • Falten

    Falten

    Ob es bei mir nicht zu spät sei. Ob auch reife Haut über sechzig behandelt werden könne, fragte ich. Aber natürlich. Fortschrittliche Medizin betrachte den Menschen als Ganzes, nicht nur sein Alter. Sensible Beratung und sanfte Methodik seien mir gewiss, und ein angenehmes Ambiente gebe zusätzliche Sicherheit.

    Es ist wahr: Die Spuren der Zeit machen sich in meinem Gesicht und am Hals bemerkbar. Mein Alter wird sichtbar, und grimmig registriere ich im Spiegel alle Anzeichen des Verlustes meiner Jugend. Knitterfalken, Mimikfalten, Zornesfalten. Meine Faltentabelle hat es in sich. Ich wollte etwas dagegen tun.
    Dass Krähenfüße mit dem Gesicht und nicht mit meinen unteren Gliedmaßen zu tun haben, das lernte ich bei der ersten eingehenden Beratung. Ob ich viel in der Sonne sitze. Ob ich dem Tabak und dem Alkohol fröne. Wie ungesund meine Ernährung sei.

    Auf ein Beichtgespräch hatte ich mich nicht vorbereitet. Ziemlich hilflos wanderten meine noch halbwegs intakten Augen über die Lifting-Tafel mit dem Auslandsdeutsch. Hyaluron, Kollagen, Gore-Tex, Botulinum. Ich wurde ertappt. In meinem Alter seien andere Maßnahmen erforderlich und nicht Methoden einer Eingangsbehandlung. Heutige Naht-Techniken seien geeignet, sichtbare Narben zu verhindern. Schwellungen und Blutergüsse träten kaum noch auf.
    Wieso kam nun doch mein Alter zur Sprache? Unwillkürlich betastete ich mit den Händen meine Stirn und meinen Hals. So übel fühlten sie sich gar nicht an. Auch die Lippenkonturen konnte ich eindeutig nachziehen. Irgendwie hatte ich meinen Spiegel daheim in Verdacht wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen.

    Aber die Beratung war schon bei der Nasenkorrektur angekommen. Sie sei besonders wichtig, hörte ich sagen. Die Attraktivität des Gesichts hänge sehr von der Harmonie der Nase ab. Mit einer kombinierten Korrektur von Nase, Mund und Kinn könne man mir ein harmonisch ausgewogenes Profil modellieren. Vor meinen kunstgeschulten Augen tauchten im Geiste Picasso-Bilder auf. Picasso-Salat hatte meine Frau abfällig geäußert, als sie die verbogenen, verschachtelten, verdrehten Gesichter in der Galerie betrachtete. Ob ich diesen nachher ähneln würde?

    Meine Zweifel wuchsen. Stationärer Aufenthalt? Nur in Ausnahmefällen notwendig. Postoperative Beschwerden? Nicht der Rede Wert. Aber ich war schon draußen. Ich dachte an Dürers Bild von der „Mutter“, das über meinem Schreibtisch hängt. Ein Gesicht voller Falten. Falten sind ganz schön, sie passen zu mir, sagte ich mir.

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  • Das Zirkuspony

    Das Zirkuspony

    Es war eine schöne Zeit. Am liebsten wäre mir, sie würde nie zu Ende gehen. Immer war ich geduldig, gutmütig, zu allen freundlich. Durch nichts habe ich mich aus der Ruhe bringen lassen. Die Zuschauer habe ich zum Lachen und Staunen gebracht, wenn ich einen Hund oder eine Katze auf meinem Rücken reiten ließ.

    Vor allem habe ich mich gefreut, wenn Kinder mir zusahen. Sie riefen laut meinen Namen, wenn ihnen an meinen Kunststücken etwas besonders gut gefiel.
    „Prinz“, riefen sie, „bravo Prinz“. Sie klatschten dann laut in die Hände. Kinder liebten mich. Zu ihnen war ich besonders freundlich. Ich fühlte mich wie ein Star, wenn sie anwesend waren. Zu vielen Späßen war ich bereit, um sie zu erfreuen.
    Ich stelle mich vor: Prinz heiße ich – Prinz, das Zirkuspony.
    Und jetzt? Soll alles vorbei sein? Auf den Gnadenhof wollen sie mich abschieben, mich gleichsam aus dem Paradies vertreiben. Ich sei in die Jahre gekommen und zu alt für den Zirkus, behaupten sie. Dass ich kürzlich operiert werden musste, sei ein Beweis dafür. Regelmäßiges tägliches Training bedeute Stress für mich. Die Manege, in der ich meine Runden drehe und Kunststücke vorführe, sei sehr eng; das habe im Laufe der Zeit meine Gelenke strapaziert. Im Zirkus hätte ich keine Zukunft mehr. Das sei der Lauf der Dinge. Zirkustiere seien Arbeitstiere und nicht nur für die Unterhaltung der Zuschauer da. Hart arbeiten müssten sie; das gelte auch für mich. Jetzt hätte ich Anspruch auf ein bequemeres Leben.
    Will ich das? Niemand hat mich gefragt. Ich kann mich nicht erinnern, über mein Leben geklagt zu haben.
    Meine Kunststücke seien nicht so gefragt wie früher, wird entschuldigend gesagt. Zirkusbesucher möchten Sensationen sehen; die könne ich nicht bieten. Daher soll ich auf den Gnadenhof umziehen. Was soll ich da?
    Mein Freund, das Zebra, hat mich gewarnt. Das sei die letzte Station vor dem Schlachthof. Aus verlässlicher Quelle habe es das erfahren.
    Nein, das will ich nicht. Auf ein Gnadenbrot verzichte ich. Ich bin nicht krank. Ich bin nicht behindert. Die Lektionen und Gangarten, die ich gelernt habe, beherrsche ich immer noch. Pirouetten drehen oder die Vorderbeine überkreuzen, mich auf Kommando hinsetzen oder auf den Boden legen, das beherrsche ich im Schlaf. Ich bin ein kluges Zwergpony und lerne alles schnell.
    Es ist schön, wenn wir etwas Neues einstudieren. Gestern haben wir das Ja- und Nein-Sagen geübt. Wenn ich Ja sagen soll, nicke ich mit dem Kopf von oben nach unten; bei einem Nein bewege ich ihn einige Male von links nach rechts. Zuerst habe ich das verwechselt, wie ich zugebe. Ich habe mich beschwert, als ich kein Leckerli bekam. Eine Möhre oder ein Stück getrocknetes Brot mag ich am liebsten. Eine Naschkatze bin ich. Jetzt weiß ich, dass ich mich anstrengen muss. Ein Leckerli erhalte ich trotzdem nicht immer, obwohl die Zuschauer begeistert sind und wieder laut meinen Namen rufen.
    Die Abwechslung, die mir das Zirkusleben bietet, will ich nicht eintauschen gegen ein lLeben auf dem Gnadenhof. Auch will ich meine letzten Tage nicht im Tierheim verbringen. Ich würde mich zu Tode langweilen und vor allem die Kinder und andere Zuschauer vermissen.
    Solange ich lebe, will ich Zirkuspony bleiben. Etwas anderes kommt für mich nicht in Frage.

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  • Große Scheine in kleiner Tasche

    Große Scheine in kleiner Tasche

    Üppig war der Betrag nicht, den ich erspart hatte; unbedeutend klein auch nicht.
    Das Geld ausgeben, mir ein paar schöne Tage gönnen – dazu konnte ich mich nicht entschließen. Schöne Tage gab es vielleicht einmal gratis. Warum sollte ich Erspartes dafür opfern? Dass vor dem Komma eine Null stand, wenn ich meine Ersparnisse günstig anlegen würde, lockte mich nicht aus der Reserve, obwohl der Berater zu bedenken gab, dass die Zinsen steigen könnten. Der günstigste Termin Geld anzulegen, sei jetzt, versicherte er – ob für mich oder für seine Bank, sagte er nicht.

    Ich konnte mich nicht entscheiden, obwohl namhafte Staatsdiener versicherten, Geld nur dort anzulegen, wo es möglichst wenig Zinsen abwirft. Es gewinnbringend anzulegen, entspreche nicht dem Geist der Zeit. So groß waren allerdings meine Ersparnisse nicht, dass ich es mir leisten konnte, sie irgendwo am Rande der Welt nach und nach immer weniger werden zu lassen.

    Gut für mich, nicht gut für den Berater, dass es noch andere Berater gab, die Ratschläge erteilten, wenn es um Erspartes ging. Mein Erspartes nahm ich mit und ging zu einem, der sich auskannte. Ich benötigte keine große Tasche. Große Scheine fanden Platz in einer kleinen Tasche. Ich empfand Genugtuung.

    Der Berater spürte, dass ich Erfreuliches mitzuteilen hatte. Er hatte viele Ideen. Ich merkte es sofort, als er mit seiner Beratung begann. Seine offensichtliche Kompetenz überzeugte mich. Idee reihte sich an Idee. Ein verlässlicher Partner. Mich überraschte, wie viele Möglichkeiten es gab, große Scheine so anzulegen, dass sie am Ende nicht kleiner wurden. Ich war beeindruckt und stimmte einem besonders geeignet erscheinenden Plan zu.
    Wie ich den dafür notwendigen Betrag überweisen wolle, wurde ich gefragt. Das konnte ich ohne Nachdenken beantworten. Ich streckte dem Berater meine Tasche mit den nicht ganz kleinen Scheinen entgegen. Der schien die Geste nicht verstanden zu haben und wiederholte seine Frage, wie ich das Geld überweisen würde. Im Nachsatz fügte er etwas an, das mich irritierte. Es hatte mit gewaschenen Scheinen zu tun, die ein Problem darstellen könnten.
    Dass die Bank meine Ersparnisse im Waschsalon behandelt hatte, ehe sie mir ausgehändigt wurden, war mir nicht bekannt. Meine Ratlosigkeit war eindeutig. Die Abwehrhaltung des Beraters ebenso. Den Betrag müsse ich überweisen. Das, so riet er mir, solle ich der Bank mitteilen, die mir die Scheine ausgehändigt habe.

    Als ich dem freundlichen Berater jener Bank, die mir die Scheine ausgehändigt hatte, wieder gegenüber saß, merkte ich, wie schwierig der Umgang mit großen Scheinen ist. Der Berater freute sich, mich wieder zu sehen. Seine Beratung habe mich wohl bewogen, ihn erneut aufzusuchen, begann er das Gespräch und fragte, was er für mich tun könne. Ich zeigte ihm die Tasche, an die er sich erinnern musste. Damit tat er sich schwer. Er bat um Aufklärung.
    Damit tat ich mich schwer. Ich beichtete ihm meine Verfehlung, Geld von seiner Bank, dazu in großen Scheinen, ihm nicht weiter anvertraut und es stattdessen einem anderen Institut angeboten zu haben.
    Er ging nicht darauf ein und fragte, welchen Betrag ich zu überweisen gedenke. Die Frage verstand ich nicht, da ihm die Summe bekannt sein musste. In meiner Tasche wartete sie darauf, sich wieder in vertrauter Umgebung einfinden zu können. Der Berater gab sich ratlos. Er könne nicht um Herkunft und Inhalt meiner Tasche wissen, räusperte er sich, und empfehle mir den Austausch der Ersparnisse von Bank zu Bank.

    Das überforderte mich. Meine nicht kleinen, aber nicht zu üppigen Ersparnisse warteten im Niemandsland einer kleinen Tasche darauf, dorthin heimzukehren, von wo sie ihre unfreiwillige Reise angetreten hatten. Es blieb ihnen verwehrt. Eine Begründung dafür lag irgendwo hinter dem Horizont. Um dorthin zu gelangen, musste ich glühende Kohlen überwinden.
    Ich drückte die Tasche an mich, ließ mir aber nicht anmerken, dass ich mir um den Inhalt keine Sorgen machte. Über meine Scheine wollte ich selbst wachen. Es sollte ihnen kein Leid widerfahren. Den Beratern einer Bank würde ich sie nicht wieder anvertrauen, da wir uns wahrscheinlich nicht auf gemeinsame Positionen einigen könnten. Ich sah mich mit einem Kuriositäten-Kabinett konfrontiert, das mich zwingen wollte, meine Erwartungen laufend nach unten zu korrigieren. Die Kommunikationsebenen zwischen meiner Tasche und einer Bank korrespondierten nicht miteinander. Unser Finanzsystem bedarf einer Korrektur. Bis sie verwirklicht ist, verbleiben einige große Scheine in meiner kleinen Tasche.

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  • Wie auf einer Reise – Ein Brief

    Wie auf einer Reise – Ein Brief

    Eigentlich muss ich dir nicht schreiben, weil wir uns oft sehen und miteinander reden. Aber ein Brief ist etwas anderes als ein Gespräch. Man kann ihn lesen, weglegen, ihn ein zweites oder drittes Mal lesen. Beim zweiten oder dritten Mal sieht man vielleicht genauer hin als beim ersten Mal. Vielleicht fällt einem etwas auf, was man vorher nicht richtig wahrgenommen hat.
    Gelegentlich reden wir über deine Mitschüler und Mitschülerinnen oder über deine Lehrer. Manche findest du doof oder langweilig, andere ganz nett. Von einem Jungen aus deiner Klasse hältst du seit einiger Zeit viel. Das sei nichts Besonderes, erwiderst du. Er sei eben nett.
    Hin und wieder fragst du mich nach einem heißen Tipp, wenn es in Mathe um Symmetrie-Ebenen oder um Schnittflächen geht. Es kann sein, dass ich das auf Anhieb nicht weiß und mich erst informieren muss. Du findest es tröstlich, wenn auch Erwachsene zugeben müssen, etwas nicht zu wissen.
    Wir reden hin und wieder über Dinge, die nichts mit Schule zu tun haben, sondern mit dir. Du willst kein Kind mehr sein, bist aber auch noch nicht erwachsen. Erwachsen willst du noch nicht sein, aber auch kein Kind mehr. Das ist wie bei einer langen Reise, die man antritt. Zwischen Abfahrt und Ankunft liegen oft viele Stationen. Bei der einen Station hält man sich länger auf, bei einer anderen nur kurze Zeit. Bei der einen Station möchte man am liebsten bleiben, bei der anderen ist man froh, wenn der Zug weiterfährt.
    Manchmal ärgerst du dich, wenn dein Zug halt macht, wo du es total langweilig findest. Aber du merkst, dass deine Wünsche nicht immer so schnell in Erfüllung gehen, wie du das dir vorstellst. Deine Eltern sehen das natürlich. Auch sie wollen, dass du erwachsen wirst. Aus eigener Erfahrung wissen sie jedoch, dass dies nicht im Eiltempo geht. Daher bremsen sie manchmal deine Fahrt ab und sagen HALT, damit dein Zug nicht aus den Schienen springt. Vielleicht glaubst du, dass sie deine Reise stoppen wollen. Aber sie wollen verhindern, dass dein Zug entgleist.
    Auf deiner Reise sammelst du viele Eindrücke, interessante und aufregende, oder solche, die du nicht immer wichtig findest. Auch andere Leute reisen mit. Es sind Mitreisende, die mit dafür sorgen wollen, dass du ans Ziel kommst.
    Ich wünsche dir gute Fahrt. Komm gut an.

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  • Ich passe auf Sie auf

    Ich passe auf Sie auf

    Er sitzt mir auf einem Klappstuhl gegenüber. Er müsse auf mich aufpassen, erklärt er.
    Das wird ihm nicht schwerfallen, da ich angeschnallt bin. Große Bewegungsfreiheit habe ich nicht.
    Uns verbindet derselbe enge Raum eines Krankenwagens auf der Fahrt in die Klinik.
    „Sagen Sie Jimmy zu mir“, ermuntert er mich. „Ich bin der Sani, freiwillig, seit einem Monat, nach dem Abi. Nicht mein Traumjob.“ Er weiß noch nicht, auf welche Art von Tätigkeit er demnächst Lust haben soll.
    „Mein Traumjob hier auch nicht“, erwidere ich. „Verstehe“, sagt er. „Blöde Situation. Aber ich passe auf Sie auf.“
    Den Wagen fährt Henni. Er bedient das Navi, das anzeigt, wohin es gehen soll. „Navi zeigt den Weg“, sagt Jimmy. „Klar“, antworte ich.
    „Henni, Jimmy, Sani – irgendwie praktisch. Kann man sich merken.“ Jimmy ist redselig, will mich unterhalten. Aufwärmübungen. Wie ein Therapeut, der mir gut zuredet. Sein Beschützer-Instinkt ist geweckt. „Sanitäter ist umständlich“, beginnt er wieder. „Bin ich auch nicht richtig.“ Wie er mich nennen soll, sagt er nicht. Er sagt „Sie“. Vielleicht Vorschrift.
    Was ich mache, wenn ich nicht in die Klinik muss. „Einige Zeit her“, antworte ich. „Schule.“ „Schule“ kommt nicht gut bei ihm an, obwohl er sie gerade abgeschlossen hat. Schule ist kein Thema. Angespanntes Verhältnis. Pippi Langstrumpf und Huckleberry Finn waren auch keine Schulhelden; wurden trotzdem berühmt, wenn auch nur literarische Helden. Er sagt es nicht; er könnte sich aber darauf berufen.
    Was ich unterrichtete, will er wissen. „Ach so. Nicht meine Fächer.“ Keine Begeisterung. „Ich war eher für Mathe“, informiert er mich. „Meine Fächer sind auch nicht schlecht“, verteidige ich mich. „Kann sein“, konstatiert er. Seine Sicht der Dinge hält er nicht zurück. Ehrliche Haut nenne ich das.
    Was ich jetzt ohne Schule mache, fragt er. Er bleibt neugierig.
    „Ich schreibe.“
    „Briefe?“
    „Geschichten.“
    „Geschichten? Liest die jemand?“
    „Ich lese sie vor.“
    „Können die nicht lesen, denen Sie vorlesen?“
    „Wahrscheinlich schon. Aber sie hören gerne zu.“
    „Verstehe ich nicht, dass jemand zuhören will, der lesen kann.“
    „Zuhören ist anders als lesen. Man merkt es sich anders. Man spürt, was das für einer ist, der vorliest. Man kann Fragen stellen, wenn man etwas nicht versteht. Beim Lesen ist das nicht möglich.“
    „Meine Oma hat auch vorgelesen“, kommentiert er nach einer Pause. Irgendetwas mit dem Navi stimmt nicht. Jimmy zeigt auf das Navigationsgerät. Navi scheint Probleme zu haben.
    „Wenn Oma mir vorlas, hat sie manchmal gelacht. Einfach zwischendurch. Weiß ich noch. Vor allem bei den beiden, die oft Streiche gespielt haben.“
    „Max und Moritz“, ergänze ich. „Genau. Schade, dass wir gleich da sind, wo wir Sie hinbringen sollen.“
    Ich bin überrascht. Mein Gefühl für Zeit ist abhandengekommen. Lange kam mir die Fahrt nicht vor, wahrscheinlich wegen Jimmy. Als der Wagen anhält, lese ich „Zahnklinik“. „Da will ich nicht hin.“ Jimmy und Henni wollen das auch nicht. Fehler beim Navi.
    „Sorry“, entschuldigt sich Henni. „Ich habe nur Klinik geschrieben.“
    „Navi wusste nicht, welche.“.
    Ein paar Meter weiter sind wir am Ziel. „Wenn wir Sie abholen, können Sie mir etwas vorlesen“, überrascht mich Jimmy. Will er mich aufmuntern? Falsch liegt er nicht damit. „Auf Sie aufpassen muss ich dann nicht.“ Wieder der Therapeut.
    „Was soll ich vorlesen?“
    „Egal. Irgendetwas.“
    „Versprochen. Ich werde etwas schreiben.“
    „Über uns?“
    „Einverstanden. Über uns.“
    Hallo, Jimmy. Hier ist die Geschichte. Soll ich sie vorlesen?

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  • Wo sind meine Fische?

    Wo sind meine Fische?

    Mein Gartenteich ist ein kleines Paradies. Er ist nicht übermäßig groß, aber es wird auch nirgendwo beschrieben, wie groß das andere Paradies war. Dass Teichbesitzern die Algenpest ein Dorn im Auge ist oder dass ihnen zu üppiges Ausbreiten von Algen und Wasserpflanzen Kummer bereitet, verstehe ich nicht. Vielleicht ist mein Teich zu klein für Hiobsbotschaften.
    Gartenteiche könnten umkippen, erzählte ein Nachbar. Als er mein verdutztes Gesicht bemerkte und meine Gedanken erriet, die sich einen auf dem Kopf stehenden Teich nicht vorstellen konnten, klärte er mich auf: Faulgase würden das Leben im Teich zerstören. Bei meinem Teich hätte ich das bisher nicht festgestellt, sagte ich. Ich müsse mich mit Teich-Problemen vertraut machen, riet er mir dennoch. Ich würde es tun, wenn welche auftreten sollten, sicherte ich ihm zu. Dann sei es zu spät, warnte er mich. Gegenargumente fielen mir nicht ein. Ich hoffte, dass sich mögliche Probleme früh genug bemerkbar machen würden.
    Jetzt habe ich ein Problem. Wo sind die Fische, die sich bis vor ein paar Tagen im Teich wohlfühlten und auf mich zuschwammen, wenn sie mich sahen? Keine Edel-Fische. Keine preisgekrönten, asiatischen Zuchtexemplare. Fische dienen nicht meiner Wohlstands-Vermehrung. Ich unterschied sie nicht nach ihrer Gattung, sondern nach ihrer Farbe und Größe. Jetzt sind die meisten nicht mehr da. Manchmal sehe ich einen. Zählen lohnt nicht.Winterschlaf-Zeit ist nicht. Verschenkt habe ich keinen. An Land gegangen ist keiner. Wo sind meine Fische?
    Der Nachbar ist nicht überrascht, dass ich ein Fisch-Problem habe. Er habe mich gewarnt, stellt er fest. Es habe sich um Pflanzen gehandelt, verteidige ich mich. Am Gartenteich gebe es viele Probleme, werde ich belehrt. Algen und Pflanzen; Fische und Frösche und andere Tiere seien wie eine große Teich-Familie. Keine Familie ohne Probleme. Jetzt seien die Fische das Problem. Ein Gartenteich-Problem.
    Wo meine Fische sein könnten, frage ich noch einmal. Der Gartenteich-Nachbar zuckt mit den Schultern. Er räuspert sich. Es sei nichts Außergewöhnliches, wenn ein Gartenteich leer gefressen werde. Wer als Täter in Betracht komme, der so viel Fisch-Appetit hat, sagt er nicht. Es kämen viele Täter in Frage, die früh am Morgen auf Fischjagd gehen und Teiche plündern: fliegende Täter, vierbeinige Täter. Das müsse ich verhindern, wenn mir Fische im Teich lieb und teuer seien. Von zweibeinigen Tätern könne man absehen, ergänzt er, da sich Teichfische in der Regel nicht zum Grillen eignen.
    Soll ich mein Bett am Gartenteich aufstellen und zu früher Morgenstunde den Wecker klingeln lassen, um Fisch-hungrige Intensivtäter auf frischer Tat ertappen zu können? Mein Nachbar überhört meine Frage. Erst nachdem ich sie wiederholte, lässt er sich eine Antwort entlocken. Er selbst habe keinen Gartenteich. Daher wisse er nichts über das Fluchtverhalten von Teichfischen. Auch habe er sich keine Gedanken darüber gemacht, welche Freunde der Nacht oder des frühen Morgens in unserer Gegend bzw. Nachbarschaft auf Fischjagd gehen könnten. Andererseits dürfe ich mich nicht den Zumutungen der Realität entziehen, da Fische sich nicht wehren und nicht jedem Feind entkommen könnten.
    Der Nachbar ist keine Hilfe für mich. Die Welt besteht aus Einzelkämpfern; das bewahrheitet sich wieder. „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“ Ich muss mich an das bekannte Sprichwort klammern und die Initiative ergreifen. Das Verschwinden meiner Fische werde ich nicht als unvermeidbares Schicksal hinnehmen. Ein Schild bringe ich an: „Fische abhanden gekommen. Wiederbeschaffer erhält Belohnung.“ Ich will nicht in der Erinnerung an sie leben und weigere mich, mir vorzustellen, sie könnten gefressen worden oder auf dem Grillteller gelandet sein. Ich muss keine Feindbilder produzieren.
    Im Paradies herrschen Eintracht und Frieden. Der Nachbar hat dazu keine Meinung. Er hat keinen Gartenteich.

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  • Nach neun Monaten

    Nach neun Monaten

    „Kannst du nicht die Beine bei dir halten? Dein Strampeln nervt mich.“
    „Für mich ist es hier genau so eng wie für dich. Ich will raus.“
    „Und wo willst du hin?“
    „Raus, habe ich gesagt.“
    „Und wo geht es hier heraus? Hast du eine Tür entdeckt oder ein Fenster, aus dem du springen kannst?“
    „Ich kann nichts sehen. Eingesperrt haben sie uns.“
    „Du sollst die Beine bei dir halten. Überall habe ich blaue Flecken. Wenn du noch einmal trittst, drehe ich dir die Schnur um den Hals.“
    „Willst du mir drohen? An der Schnur hängen wir beide. Mit gehangen, mit gefangen.“
    „Weit wirst du nicht kommen. Mich musst du mitschleppen. Aber ich bleibe hier.“
    „Warum willst du nicht raus? Willst du hier überwintern?“
    „Ich finde die Unterkunft bequem und gemütlich. Wenn du nicht ständig treten würdest, könnte ich es noch lange aushalten.“
    „Wir haben das Quartier für neun Monate gemietet. Dann ist Schluss.“
    „Warum soll ich hier raus, wenn es mir gefällt.“
    „Wir haben eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, wie unsere Vormieter. Mindestens drei Mal sind hier schon welche ein- und ausgezogen.“
    „Hör auf. Ich bleibe. Außerdem weiß ich nicht, wo es hier rausgeht.“
    „Wo wir hereingekommen sind, wird es auch herausgehen.“
    „Und wo ist der Eingang? Kannst du Licht machen und ihn mir zeigen?“
    „Derjenige, der diese Unterkunft geschaffen hat, wird dafür gesorgt haben.“
    „Gesetzt den Fall, du findest hier raus: Was willst du draußen?“
    „ Wenn ich draußen bin, werde ich sehen, was zu tun ist. Wenn wir nicht freiwillig gehen, werden sie uns hinauswerfen.“
    „Sag mir, was du draußen machen willst.“
    „Die Sonne genießen.“
    „Weißt du, wie sie aussieht? Sie wird zu gefährlich sein. Da du lange im Dunkeln gelegen hast, wird sie dich blenden. Dann ist Schluss mit Sonne.“
    „Überall siehst du Gefahren. Dass wir seit neun Monaten im Dunkeln sitzen, ist wahrscheinlich nicht gefährlich.“
    „Daran haben wir uns gewöhnt. Ich kann dich zwar nicht sehen, aber ich weiß, dass du da bist. Außerdem trittst du mich ständig.“
    „Wenn dir das genügt, kannst du bleiben. Ich werde die Wohnung kündigen und mich von dir losreißen.“

    Es begann ein Schieben und Drängen. Die beiden Bewohner konnten sich nicht erklären, was mit ihnen geschah.
    Auch draußen hatte man wahrgenommen, dass sich drinnen etwas ereignete, und Vorkehrungen getroffen.
    Zwei Menschen gaben ihren Wohnsitz auf. Die Sonne war ihnen gnädig gestimmt an diesem Vormittag.
    Sie verharrte im gebührenden Abstand zu den Neuankömmlingen. Deren vorsichtiges Blinzeln nahm sie wahr und lächelte mild. Aus Erfahrung wusste sie, dass sie sich Zeit lassen konnte.
    Ihr helles, wärmendes Licht würde sich nach und nach über das neue Leben ergießen, das sie soeben begrüßt hatte.

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  • Patientenverfügung

    Patientenverfügung

    Plötzlich steht Ihr Atem still, steht in der Broschüre. Herzinfarkt. Motorradunfall. Wer entscheidet dann, ob Sie dauerhaft weiter beatmet werden sollen?

    Muss ich das wissen? Müssen Sie wissen, steht in der Broschüre. Anderenfalls werden Sie einfach beatmet – oder auch nicht, wenn niemand weiß, wie lange Sie noch atmen wollen.
    Ich mache mir Gedanken darüber, ob ich morgen die roten oder weißen Socken anziehen soll. Aber muss ich auch darüber nachdenken, ob ich morgen weiteratmen will, wenn mein Atem still steht?
    Muss ich festlegen, wie lange ich atmen will, wenn ich nicht mehr atmen kann? Wofür haben wir Ärzte? Manchmal streiken sie. Irgendwann werden sie sich wieder mit dem Atmen beschäftigen.

    Nein, sagt die Broschüre. Wenn ich nicht sagen kann, wie lange ich noch atmen will, muss ich das vorher verfügt haben. Ehe mein Atem aussetzt, soll ich festgelegt haben, ob er wieder in die Gänge kommen soll.
    Patientenverfügung nennen sie das. Ich verfüge, wer über mich verfügen soll. Atem verlängernde, Leben verlängernde Maßnahmen muss ich bestellen, damit sie zum richtigen Zeitpunkt lieferbar sind. Würdelose Begleiterscheinungen könne es geben, wenn die Atemverlängerung nicht geplant ist. Qualvoll könne ich Wochen oder Monate lang ohne Atem oder aber mit dauerndem Atem da liegen. Kein menschenwürdiges Ende sei das, kein selbst bestimmtes Atmen. Nur ein Ende.

    Das will ich nicht. Wahrscheinlich will ich auch kein Ende. Aber es kann so sein, sagt die Broschüre. Daher soll ich mich für ein verfügtes und betreutes Ende entscheiden.
    Eine Person meines Vertrauens kann ich als Betreuer festlegen und einen Ergänzungsbetreuer bestimmen. Dann habe ich eine umso größere Sicherheit, wie das mit der Atemverlängerung geregelt wird. Die Betreuer werden entscheiden, wie ich betreut werde – ob ich auf Zimmer 403 bis 437 beatmet werde, auf Zimmer 401 bis 402 dagegen nicht.
    Ich war tatsächlich schon einmal wirklich krank. Damals habe ich mich vom Arzt betreuen lassen. Beim Vertrauensarzt war ich. Der hieß so, weil ich ihm vertraute. Ich habe mich getraut, mich von ihm betreuen zu lassen.
    Das ist nicht mehr so. Wahrscheinlich streiken deswegen die Ärzte. Vielleicht streiken sie auch, wenn sie erfahren, was ich verfügt habe. Vielleicht versorgen sie mich weiter, weil sie glauben, dass ich ihnen das zutraue. Am Ende überlebe ich das, und es gibt kein Ende für mich.
    Ich werde alles daransetzen, das Atmen nicht zu vergessen. Dann muss ich auch nichts verfügen.

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  • Hautverjüngungsstrategien

    Hautverjüngungsstrategien

    „Luxuriöse Schönheitsbehandlung mit außergewöhnlichem Resultat. Die Zeichen der Hautalterung werden sichtbar reduziert. Sie erstrahlen in lang anhaltender, neuer Jugendlichkeit.“

    Als „Body und Soul“–Behandlung versteht sich die Offerte der SPA-Abteilung.
    Körper und Geist würden es mir danken, wenn ich mich darauf einließe, wird versichert. Die Aussicht, schöner, glücklicher, gesünder zu werden, ohne mich besonders anstrengen zu müssen, hat ihren Reiz.

    Am SPA führt kein Weg vorbei. SPA ist Gesundheit. SPA ist Wellness. SPA ist unverzichtbar wie Essen und Trinken. Dennoch kann ich meine Unsicherheit nicht verbergen. Wird man mir nach einer Behandlung das verheißene, außergewöhnliche Resultat ansehen können? Zeichen der Hautalterung sollen reduziert werden. Verschwinden werden sie nicht. Warum soll ich mich dann auf eine Behandlung einlassen? Warum vermeintlichen Gewissheiten vertrauen? Kann ich mich entspannt zurücklehnen, wenn die versprochene Jugendlichkeit zwar lange anhält, mir aber niemand sagt, wie lange? Was nützt eine vorübergehende Schadensbegrenzung?

    „Gehaltvolle Pflanzenöle versorgen Ihre Haut mit dringend benötigten Lipiden.“ Von Lipiden habe ich nie gehört. Sie scheinen wichtig zu sein, da sie benötigt werden. Der SPA-Broschüre sei Dank. Im Kleingedruckten, unten auf Seite zwölf, entdecke ich den unauffälligen Hinweis, einer Entschuldigung nicht unähnlich: Lipiden seien Fette. Fette hätten keinen guten Ruf; dennoch benötige man sie. SPA-Fette seien ungefährlich und wichtig. Der Körper brauche Energie durch Lipiden. Schon die alten Griechen hätten das gewusst.

    Ich bin erleichtert. Mit Fetten kenne ich mich aus. Fett-freie Wurst sei keine Wurst, sagt mein Metzger. Von lipid-loser Wurst hält er nichts. Mit fettigen Ölen kann ich mir im SPA relativ lang andauernde Jugendlichkeit wieder herstellen lassen. 149 Euro kostet die Sofortverschönerung. Eine Scheibe lipid-haltige Wurst ist preiswerter. Mein Metzger behauptet, die Wirkung sei die gleiche.

    Der Reichtum eines Menschen bemesse sich auch an dem, worauf man verzichten könne, wusste der amerikanische Schriftsteller David Thoreau. Wenn das Beharrungsvermögen meiner Haut so ausgeprägt ist wie mein Charakter, wird es selbst der luxuriösesten Schönheitskur schwerfallen, mich nachher anders aussehen zu lassen als vorher. Warum soll ich mich Hautverjüngungsstrategien unterwerfen, wenn mein Personalausweis weiterhin die wahre Anzahl meiner Lebensjahre verrät? Wenn ich nach ultimativer Gesichtspflege und ihrer einzigartigen Anti-Age-Wirkung anschließend einem blond gelockten Jüngling ähneln sollte, bin ich dann noch ich selbst? Freunde und Nachbarn werden die Köpfe zusammenstecken und über mich tuscheln. Sie werden sich womöglich nicht an mich erinnern. Meine veränderten Proportionen und der erfolgte Verschwinde-Zauber einer alternden Haut könnten, so fürchte ich, Verwirrung auslösen.
    Unverhältnismäßigem Darstellungsbedürfnis werde ich widerstehen und mich mit den Zeichen der Zeit und einer nicht mehr ganz jungen Haut arrangieren. Eine enttäuschende Entscheidung für meine Haut. Aber es wird Tage geben, an denen ich zwar nicht von hochwertigen, lipid-haltigen Ölen verwöhnt, stattdessen aber vom Glück gestreichelt werde. Wenn ich zusätzlich eine Scheibe fettige Wurst verzehre, um meine Energie zu steigern, wird das meine in die Jahre gekommene Haut, werden es Körper und Geist zu schätzen wissen.
    149 Euro – wie viele Scheiben Wurst gibt es dafür wohl beim Metzger?

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  • Sankt Brückentag

    Sankt Brückentag

    Er ist noch nicht zur Ehre der Altäre erhoben worden. Aber das kann nicht mehr lange dauern.
    Katholisch-kirchlicher Heiligsprechung geht voraus, dass jemand, der im Geruch der Heiligkeit steht, in besonderer Weise verehrt wird. In diesem Fall geschieht das unablässig.
    Sankt Brückentag ist kein gewöhnlicher, sondern ein außergewöhnlicher Heiliger. Nicht zu verwechseln mit einem Nepomuk oder Christophorus – Brückenheilige, die Brücken in ihre Obhut nehmen und die beschützen, welche sie überqueren.
    Sankt Brückentag ist ein unvergleichlicher Heiliger.
    Ihm zu Ehren wurde eine Brückentag-Brückenparty veranstaltet. Tausende Brückentag-Verehrer strömten zusammen, um ihm ihre Referenz zu erweisen. Sankt Brückentag genießt auch deswegen hohes Ansehen, weil dank seiner Fürsprache mehrere Tage am Stück nicht gearbeitet werden muss. Unter Berücksichtigung von Feier- und Brückentagen lassen sich Wochenenden verlängern. Zusätzlich spart man jede Menge Urlaubstage.

    Auf Heilige wie Sankt Brückentag, die wissen, was Menschen erwarten, haben wir lange gewartet. Bummeln am Brückentag. Ausschlafen am Brückentag. Warum wird diesem Heiligen erst jetzt jene Priorität im Heiligen-Kalender zuerkannt, die er schon lange verdient hätte? Sankt Brückentag, Freund des Lebens und der Leichtigkeit, erfreut sich nachhaltiger Wertschätzung und Beliebtheit.
    Spricht jemand vom verfluchten Brückentag? Am Brückentag soll er im Büro allein am Schreibtisch gesessen haben, weil die Kollegen Sankt Brückentag feierten. Ein Schreibtischtäter, der einen Volksheiligen nicht zu schätzen weiß. Statt Weichen für die Zukunft zu stellen, stellt er sich in die Schmollecke.
    Bilanzfälschungen wegen des Brückentags soll es gegeben haben. Blutspende-Aktionen seien hinter den Erwartungen zurückgeblieben, weil Leute Brückentag feierten, statt Blut zu spenden. Ist Sankt Brückentag für solche und andere Versäumnisse verantwortlich? Hat er den kilometerlangen Stau auf der Autobahn verursacht, als Tausende von Autofahrern unterwegs waren, um Sankt Brückentag zu feiern?
    Im kommenden Jahr, wird gemunkelt, soll die Verehrung auf ein Minimum beschränkt werden. Es gebe wenige Brückentage. Kaum hat sich der Heilige einen Namen gemacht, schon wird die Abteilung „Bedenken“ auf den Plan gerufen. Missgünstige Stimmen werden laut. Die Heiligen-Verehrung ist in Gefahr, nicht entsprechend ihrer Bedeutung gewürdigt zu werden. Viele Heilige verlieren in unseren Tagen an Bedeutung, verlieren ihren Zauber. Heilige seien verstaubte Oldies aus Großmutters Zeiten, Leute von gestern, wird behauptet.
    Sankt Brückentag ist ein Heiliger von heute für heute. Daher wird er verehrt – ein Heiliger mit zeitgemäßen Werten. Wann wird er zur Ehre der Altäre erhoben?

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  • wohnen

    wohnen

    wohnen ist ein Glücksgefühl
    wohnen hängt nicht ab vom Stil
    wohnen kann ich überall
    wohnen könnte ich im Stall

    doch ich wohne gerne dort
    wo ich einen Zufluchtsort
    wo ich ein zu Hause finde
    wo ich an mich selbst mich binde

    oft musste ich die Wohnung wechseln
    musste neue Pläne drechseln
    sollte wieder tapezieren
    und nicht die Geduld verlieren

    ein Umzug ließ mich meist erkennen
    von manchem musste ich mich trennen
    jedes Ding hat seine Zeit
    nichts beansprucht Ewigkeit

    so blieb ich frei von Illusionen
    ich lernte wieder neu zu wohnen
    am neuen Platz mit neuem Stil
    oft kreativ – es half mir viel

    die Farben wurden etwas milder
    es hingen bald auch ein paar Bilder
    von mir in meinem Arbeitszimmer
    sie hingen jedoch nie für immer

    die Wohnung zeigt mein Seelenleben
    hier kann ich mich zur Ruhe geben
    ich präge sie und sie prägt mich
    sie zeigt ein Stück von meinem Ich

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  • Die Dame auf dem Sonnendeck

    Die Dame auf dem Sonnendeck

    Die Zahl der Hundertjährigen hat sich verdreifacht, habe ich gelesen.
    Viele seien bis in hohe Alter aktiv und würden Pläne schmieden. Sie wüssten, dass und wie sie mit ihrer altersbedingt eingeschränkten Energie haushalten müssten. Sehkraft und Gehör hätten nachgelassen, manche hätten Gleichgewichts- oder Bewegungsprobleme, dennoch seien die meisten mit ihrem Leben zufrieden.

    Letzteres schien auch für die unauffällig wirkende Dame auf dem Sonnendeck zuzutreffen.
    Ob sie allein unterwegs war und hier oben die Flusslandschaft an sich vorüberziehen ließ?
    Ein Mitreisender setzte sich zu mir an den Tisch. Bald werde er achtzig Jahre alt, hoffe aber, noch einige Reisen unternehmen zu können, verriet er mir. Ob er allein reise, fragte ich unbefangen. Nein, die ebenso unbefangene Erwiderung. Seine Mutter sei mit an Bord.

    Hatte ich das mit den herannahenden achtzig Jahren falsch verstanden? Seine Mutter sitze dort drüben, bestätigte er. Eine Geste verwies auf die hinter ihm die Sonne genießende Dame. Nach deren Alter fragte ich nicht. Ohne meine Überraschung zur Kenntnis zu nehmen, erzählte der Sohn von seiner Mutter – von ihrer Lust auf Leben, ihrem Durchsetzungsvermögen, ihrem Bedürfnis nach Selbständigkeit.

    Schönfärberei konnte es nicht sein, was der nicht ganz junge Sohn über seine betagte Mutter preisgab. Dass es nicht ungewöhnlich ist, wenn Gedächtnisleistungen mit zunehmendem Alter nachlassen und helfende Hände anderer Personen willkommen sind, schien bei der alten Dame nicht vonnöten. Seniorenresidenz, Altenheim, Sanatoriums-Obhut, betreutes Wohnen – für sie keine in Frage kommende Einrichtungen.

    Am Abend traf ich sie mit ihrem Sohn in der Lounge. In einem mir bekannten Seniorenstift sind die Bewohner abends um neunzehn Uhr müde und liegen wohlversorgt im Bett. Wer noch ein Bedürfnis verspürt und das zum Ausdruck bringen kann, schellt nach der Nachtschwester. Der Abend ist Teil der Nacht. Jetzt war es viel später. Die rüstig wirkende Seniorin genoss den Abend und den Cocktail. Mit Worten und Gesten gewährte sie Einblick in einige Stationen ihrer Lebensgeschichte.

    Vor mir saß keine jung gebliebene Alte, sondern eine alt gewordene, alt aussehende, vom Leben gezeichnete Frau.
    Sie war von gestern; das verbarg sie nicht. Aber sie lebte in der Gegenwart. Sie schien nicht gewillt, sich in Kürze daraus zu verabschieden. Viele Abschiede hatte sie hinter sich – von ihrem früh verstorbenen Mann, von ihren irgendwo in der Welt lebenden Kindern mit Ausnahme jenes Sohnes, mit dem zusammen sie diese Reise angetreten hatte. Viele Verzichte hatten ihr Leben geprägt. Ihr Leben hatte sich nicht im Sorglos-Paradies abgespielt. Aber sie hatte gelernt, damit umzugehen.

    Die Tage auf dem Schiff täuschten nicht über Defizite hinweg, die sie erlebt und erduldet hatte. Ihr Verhalten verriet, dass sie nicht zu den Best-Ager-, Golden-Ager-Reisenden zählte, die sich Reiseunternehmen als zahlungskräftige Klientel in den „besten Jahren“ auf ihren Schiffen wünschen. Ob ihre besten Jahre zurücklagen, ob sie Jahre voller Glück und Seligkeit erlebt hatte, darüber hätte sie wahrscheinlich nicht laut nachgedacht.

    Die Dame auf dem Sonnendeck war eine von mehr als hundert Reisenden auf dem Schiff, aber vor allem sie ist mir im Gedächtnis geblieben. Ich habe sie bewundert.

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