Autor: Peter Josef Dickers

  • Der Automat

    Der Automat

    Ich soll mit der Zeit gehen. Alle sagen das.
    Dass dies leichter gesagt, als getan ist, sagt niemand. Unschlüssig stehe ich vor dem Automat, der auf meinen Eingabebefehl wartet. Ich habe ihn nicht dazu aufgefordert, aber er besteht darauf. Meine Fahrkarte rückt er heraus, wenn ich seinen Anweisungen folge. Warum das so ist, sagt er nicht. Mit ihm reden kann ich nicht. Versteht er auch nicht. Den freundlichen Herrn am Schalter, der mir bisher den Fahrschein ohne Widerstreben aushändigte, ist nicht da. Auf ihn war Verlass, meistens. Dass er Punkt zwölf Uhr die Klappe herunterließ, weil er Mittagspause hatte, war unnötig. Dienstanweisung, sagte er.

    Den Schalter, an dem er mich bediente, gibt es nicht mehr. Ein Opfer der Umstände.
    Warum die Schalterhalle noch Schalterhalle heißt, sagt niemand. Den Bahnhof gibt es noch. Es fahren Züge ab. Es kommen Züge an. Nicht pünktlich wie die Eisenbahn früher, aber sie kommen. Auch keine Züge wie früher, aber Züge. „Lösen Sie Ihre Karte bequem am Automat“ empfiehlt die große Leuchtschrift. Bahnreform nennen sie das. Sie nimmt Rücksicht auf meine Augen, die mit großen Buchstaben besser zurechtkommen als mit kleinen. Ein Service.

    Dass der Service einen Notstand auslöst, kann der Automat nicht wissen. Er tut seine Pflicht. Programmierte Zweckdienlichkeit. Seine Anweisungen muss ich zur Kenntnis nehmen – widerspruchslos, wortlos. Aber darin liegt das Problem. Ich kann ihn nicht fragen, ob er die Stadt kennt, wohin ich fahren will. Er antwortet nicht. Ich kann wählen zwischen zehn Zonen. Zu welcher Zone mein Fahrtziel gehört, sagt der Automat nicht. Ich muss es aber eingeben.

    „Markieren Sie die zuständige Zone“, werde ich aufgefordert. Woher soll ich das wissen? Ich kann niemanden fragen. Früher war das anders. Zonen haben mit Entfernungen zu tun. Eine Zone umfasst zwanzig Kilometer. Das ist überschaubar und leuchtet mir ein. Wie viele Kilometer ist mein Fahrtziel vom Automat entfernt? Wenn ich die Kilometer-Angabe zu gering einschätze, liefert mir der Automat eine gültige Fahrkarte, aber eine Karte für die falsche Zone. Überziehe ich die Entfernungsangabe, bedankt er sich für meine Großzügigkeit und druckt mir eine Fahrkarte aus, mit der ich tagelang Zug fahren könnte, obwohl ich längst ausgestiegen sein müsste. Ich verstehe nur Bahnhof.

    Im Zweifelsfall entscheide ich mich für die Karte. Vielleicht gibt es nur noch Fahrkarten für diese Zone, weil der Automat für die anderen Zonen sein Soll erfüllt hat. Ich wollte zwar nicht so weit fahren, wie ich mit dem Fahrausweis fahren könnte, aber der Apparat muntert mich auf, meinen Fahrthorizont zu erweitern. Es soll Reisen geben, die kein Ende nehmen. Ich muss mit der Zeit gehen. Der freundliche Herr, den ich fragen könnte, was zu tun ist, ist nicht mehr da. Vielleicht tüftelt er an einem neuen Automat. Auch Automaten müssen mit der Zeit gehen.

    Auf dem Bahnhofsvorplatz halten Busse. Wahrscheinlich ein Angebot, wenn der Automat keinen Fahrschein herausrückt. Dem Fahrer kann ich Fragen stellen. Der Fahrer kann antworten. Ich hätte mich sofort für den Bus entscheiden sollen, anstatt mich auf den Automat einzulassen. Wo ist der Fahrer? Nicht im Bus, nicht außerhalb des Busses. Er muss nicht anwesend zu sein, weil der Bus heute nicht verkehrt. Der fährt zweimal wöchentlich: dienstags und freitags. Heute ist Mittwoch.
    Ob der Automat das gewusst hätte?

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  • Türkische Paprika

    Türkische Paprika

    Besuchen Sie uns!
    Diese Einladung wollte ich mir nicht entgehen lassen. Sie stand zwar nur im Reisekatalog „Türkische Südküste“.
    Aber Kataloge dürfen nicht lügen.
    Wen konnte ich hier am Strand besuchen? Überall vertraute Laute „Den Kaffee morjens kannste verjessen un de Brötchen waren von vorjestern.“.
    Ich hatte mir ein Wörterbuch „Türkisch in dreißig Tagen“ gekauft. Das hätte ich daheim lassen können. Wenn ich hier jemanden besuchen wollte, der nicht aus Kaffee- und Brötchenland kam, musste ich das Weite suchen.

    Der türkische Taxifahrer sprach fließend Deutsch und wollte mir an einem einzigen Tag die ganze Türkei zeigen. Irgendwo aufs Land bitte, sagte ich. Da gebe es nichts zu sehen, lenkte er ab. Aber da wollte ich hin.
    Er solle mich zu Landsleuten fahren, bat ich eindringlich. „Besuchen Sie uns“ habe im Prospekt gestanden. Ein bisschen Türkisch würde ich verstehen.

    Als wir vor dem alten Haus anhielten, wusste ich nicht, ob mich hier jemand erwartete. Kinder liefen uns entgegen und begrüßten herzlich meinen Fahrer. Meine Kinder, lächelte er. Drinnen durfte ich seine Eltern begrüßen, auf Türkisch. Sie sprachen kein Deutsch. Sie wohnten nicht wie ich im Fünf-Sterne-Hotel. Tee und Gebäck machten die Runde. Kinder und Erwachsene bestaunten mich wie einen Gast aus einer anderen Welt.

    Den Garten vor dem Haus sollte ich bewundern. Der alte Herr schlurfte durch das Gemüsebeet und zeigte auf kleine Paprika-Pflanzen. Meine Türkisch-Kenntnisse waren spärlich, aber er spürte mein Interesse an Paprika.

    Als mich der Fahrer abends am Hotel absetzte, überreichte er mir ein in Zeitungspapier eingewickeltes Etwas.
    Paprika-Pflanzen. Für seine Familie sei es eine Ehre, sie mir zu schenken, sagte er.

    Tags darauf fuhr ich mit dem Bus in die nahe Kleinstadt. Es war Markttag. Alles konnte man kaufen, zumindest das, was die Menschen für kaufenswert hielten. An einem Gemüsestand glaubte ich eine Person zu kennen. Es war der alte Herr von gestern. Er kaufte Paprika-Pflanzen.
    Ich spürte, wie eine rote Farbe mein Gesicht überzog. Scham-Röte. Paprika-Röte.

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  • Schlossbad Niederrhein

    Schlossbad Niederrhein

    Ich habe Dir lange nicht mehr geschrieben, Heiliger Vater.
    Als Du in den Dolomiten warst, hättest Du auch keine Zeit gehabt, Briefe zu lesen, die alle Welt Dir schreibt. Du hättest dich nur geärgert.
    Die zweieinhalb Wochen Urlaub, die Du Dir geleistet hast, seien zu teuer gewesen, sündhaft teuer sogar. Ein Mitbruder von Dir – seinen Namen habe ich noch nie gehört, er soll sich angeblich für arme Leute einsetzen – hat sich fürchterlich aufgeregt.
    Dich, seinen Chef, hat er mit unserem Allerhöchsten Herrn verglichen, dessen Stellvertreter Du auf Erden bist. Der habe damals keinen Stein gehabt, auf dem er schlafen konnte.
    Wir sind uns hoffentlich darin einig, dass dieser Vergleich an den Haaren herbeigezogen ist. Dass Du eine Million Euro ausgeben musstest – Du wirst wissen, wie viel Geld das ist – wird nicht daran liegen, dass Du in einem Himmelbett geschlafen hast. Deine Bescheidenheit und Demut kenne ich. Aber das Sicherheitsgeschwader, das Dich überall hin begleitet, wird die Kosten wieder unverantwortlich in die Höhe getrieben haben. Ich weiß nicht, wie viele Scharfschützen im Garten postiert waren, wenn Du nachts bei offenem Fenster schlafen wolltest. Wenn ich daran denke, dass Du gerne draußen im Liegestuhl ein Buch liest, wird das die Passauf-Armada in höchste Alarmbereitschaft versetzt haben.
    Dein Urlaub widerspreche dem Armutsgebot Jesu, hat Dein Kollege geschimpft. Dein Gesicht soll das von Jesus auf Erden sein, hat er gefordert. Aber Du bist doch der Benedikt, der Ratzinger, wenn ich das so sagen darf. Du solltest den kritischen Mitbruder demnächst mitnehmen, wenn Du wieder in Urlaub fährst. Er selbst könne sich keinen Urlaub leisten, soll er gesagt haben. Daher gönne ihm ein paar schöne Tage mit Dir.
    Da wir uns aus alter Bonner Studienzeit kennen, empfehle ich Dir das neue Schlossbad Niederrhein.
    In Mönchengladbach.
    Es ist nur ein Katzensprung von Deiner ehemaligen, vertrauten Universitätsstadt entfernt.
    Hier am Niederrhein wird es auch Deinem widerspenstigen Mitbruder gefallen. Kostenfreie Parkplätze stehen Euch direkt vor dem Haupteingang zur Verfügung. Ihr müsst also nicht schon Geld ausgeben, ehe Ihr drinnen seid. Schwimmen, plantschen und jede Menge Spaß könnt Ihr haben. Kraulen und Brustschwimmen, Entspannung suchen in den Sprudelliegen – Ihr werdet es nicht bereuen.
    Als Hauptattraktion empfehle ich Euch den achtzig Meter langen Wildwasserkanal. In dem kannst Du mit deinem aufmüpfigen Mitbruder einen wilden Wasser-Ritt wagen.

    Die herrliche Liegewiese mit dem idealen Beachvolleyballfeld lädt Euch anschließend zum Ausruhen ein.
    Ein Plauderstündchen zu zweit wird den Ärger über die Urlaubsmillion bestimmt aus der Welt schaffen helfen.
    Besorgt Euch dazu ein paar Leckereien im Gastronomiebereich. Auch die werdet Ihr bezahlen können. Sündhaft teuer ist das alles nicht.
    Schade, dass Ihr als Priester keine Kinder habt. Die haben nämlich unter sechs Jahren freien Eintritt.
    Du musst Deinem Mitbruder nicht beweisen, dass Du keine Million ausgeben willst, um Dich zu erholen. Aber Du kannst ihm zeigen, wie Du in Demut und Bescheidenheit Urlaub zu machen verstehst und dennoch auf Deine Kosten kommst.

    Kommt zum Schlossbad Niederrhein, Heiliger Vater. Das Sicherheitsgeschwader könnt Ihr zu Hause lassen. Diese Oase wird Balsam sein für Eure Seelen.

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  • Das MG-heute-Team wünscht allen seinen Lesern…

    Das MG-heute-Team wünscht allen seinen Lesern…

    Vorsätze

    ich nehme mir nicht vor, mein Leben zu ändern
    dann wäre bisher vieles falsch gewesen

    ich nehme mir nicht für jeden Tag eine gute Tat vor
    das schaffe ich nicht

    ich nehme mir nicht vor, immer die Ruhe zu bewahren
    oft war das die Ruhe vor dem Sturm

    ich nehme mir nicht vor, nur nach Gesundheit zu streben
    sie ist nicht mein einziges Gut

    ich nehme mir nicht vor, mir alles Mögliche vorzunehmen
    dazu reicht nicht die Zeit

    aber . . .

    ich nehme mir vor, gelegentlich gegen den Trend zu leben
    ich nehme mir vor, hin und wieder nichts zu tun und nur zu träumen

    ich nehme mir vor, Neues auf mich zukommen zu lassen
    ich nehme mir vor, Altes nicht zu vergessen

    ich nehme mir vor, dankbar zurück zu schauen
    ich nehme mir vor, anzunehmen, was kommt
    ich nehme es mir vor

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  • Manchmal

    Manchmal

    manchmal
    blick ich zurück
    Jahre
    gehen dahin

    scheinbar
    sind keine Spuren
    Tage
    zerrinnen wie nichts

    meist
    war alles in Fülle
    Leben
    hat mich geprägt

    daher
    blick ich nach vorn
    Zukunft
    ist mir im Blick

    dahin
    nehme ich mit
    gestern und morgen
    alles

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  • Wohin mit dem Geschenkpapier?

    Wohin mit dem Geschenkpapier?

    Bisher habe ich es immer gesammelt, die Klebestreifen entfernt, wieder glatt gebügelt. Zu Schade, es weg zu werfen.
    Ich kann es bestimmt wieder brauchen. Auch die Bänder, Schleifen, Engelchen und Sternchen. Jetzt ist Schluss.
    Einen ganzen Karton habe ich gesammelt. Wofür?
    Wenn ich wieder etwas einkaufe, um es zu verschenken, lasse ich es einpacken. Weh tut es mir schon. Aber im nächsten Jahr ist anderes Papier modern.

    Bisher habe ich die übrig gebliebenen Kerzenstummel in eine Dose gepackt. Fast abgebrannte, halb abgebrannte weiße, rote, blaue, gelbe Kerzenstummel. Adventskerzen, Weihnachtsbaumkerzen. Wild durcheinander liegend, fragen sie sich ein Jahr lang, ob sie noch einmal am Weihnachtsbaum oder auf dem Kerzenständer brennen werden.

    Die Hoffnung trügt. Soll ich am Ersten Advent eine Secondhand-Kerze anzünden? Wie sieht ein Adventskranz aus mit vier halb- oder viertel abgebrannten Kerzen? Kann ich nicht machen. Sie bleiben im Karton. In diesem Jahr werde ich alle Kerzen ausbrennen lassen. Reste werden vielleicht übrig bleiben, Sammeln werde ich sie auf keinen Fall. Die Dose werde ich vorerst in den Keller stellen. Irgendetwas wird mir dazu im Laufe des kommenden Jahres einfallen.

    Bisher habe ich alles ausgepackt, was ich bekommen habe. Zum Glück kann mir nicht passieren, was ich jetzt beim Auspacken meiner Geschenke entdeckte. „Liebe Grüße zum Geburtstag von Tante Änne“. Liebevoll steht es geschrieben auf der beigefügten Karte. Ob ich Tante Änne anrufen soll? Wahrscheinlich werden Geschenke gehortet wie Weihnachtspapier. Sie waren wunderschön eingepackt. Zu schade, um sie aufzureißen. Danke, Tante Änne.

    Bisher habe ich mich in die Mitternachtsmette gequetscht. Eine halbe Stunde vor Beginn war kein Sitzplatz mehr frei. Erstaunlich, wie viele Weihnachtschristen nach Kartoffelsalat und Würstchen noch Appetit haben auf „Stille Nacht, heilige Nacht“. Was wollen sie so früh in der Kirche? Vielleicht wissen sie nicht, wann es anfängt. Einer fragte telefonisch an, ob ich ihm sagen könne, wann Einlass sei, was der Eintritt koste, wann es zu Ende sei.

    Eine ganze Bankreihe war reserviert. Als ich zehn Minuten vor Mitternacht einen Sitzplatz suchte, raunte man mir zu, die Bank sei besetzt. Oma und Opa, die Kinder und Onkel Hermann kämen noch. Als nach Eingangslied, Begrüßung und Choral die Bank immer noch frei war, schmiedete ich Pläne für die Christmette im kommenden Jahr. „Wegen Renovierung geschlossen“. Das Schild vom Umbau eines Geschäftes werde ich Heiligabend an die Kirchentür hängen und kurz vor Beginn des Gottesdienstes abhängen. Vielleicht finde ich dann Platz.

    Bisher habe ich alle Weihnachtspost gesammelt. Auch die Glückwünsche mit Tannenbaum-Motiv und Schneemann, abgeschickt aus der Karibik und von der Wüstensafari. „Hier ist es toll.“ „Bescherung ist all inclusive.“ Solche Grüße bringen mich ins Schwärmen oder ins Grübeln. Warum mache ich mir diese Arbeit und tue mir den Vorbereitungsstress an, wenn alles „all inclusive“ geht? Für das nächste Weihnachtsfest werde ich früh genug planen. Ich brauche weder Geschenkpapier noch Kerzenstummel. Für die Weihnachtsparty am Strand muss ich keine Bank reservieren. Weihnachten all inclusive. Warum habe ich das bisher nicht gewusst?

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  • romantisch frech emanzipiert

    romantisch frech emanzipiert

    Er ist wieder im Programm. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Tschechisch-deutscher Märchenfilm. Kultfilm. Liebesgeschichte um Aschenbrödel und ihren Prinz. Märchengeschichte mit drei Zaubernüssen und der Eule Rosalie. Nicht nur Wintermärchen und Kinderfilm. Auch für Erwachsene.

    Aschenbrödel. Keine Groschenroman-Figur. Keine Frau, die sich selbst verwirklicht. Kein weibliches Wesen, das unter ihrem verkanntem Frau-Sein leidet und sich unverstanden fühlt. Keine Frau von Welt, die ihre Lebensüberschriften hinaus posaunt.

    Naiv? Unbedarft? Ausgebeutet von Stiefmutter und Stiefschwestern? Missbraucht von denen, die ihre Schwäche ausnutzen?

    Nichts von dem. Sie bleibt gelassen. Sie lässt sich nicht provozieren. Sie schaltet nicht die Presse ein. Sie schickt keine Email-Botschaften an erhoffte Gleichgesinnte. Sie hat die Eule Rosalie und den Prinz. Den beeindruckt sie mit couragiertem Wagemut. Sie ist schön. Himmlisch schön. Sie hat Elan und Willenskraft. Sie ist emanzipiert und romantisch. Ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Ein bisschen wie im wirklichen Leben.

    Ich liebe diesen Film.

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  • Weihnachtsträume

    Weihnachtsträume

    „Wählen Sie Ihre Weihnachtsträume.“ Das Angebot kommt überraschend. Beilage in der Tageszeitung.
    Ankreuzen, Absender nicht vergessen, Porto zahlt Empfänger, Briefkasten. Träume, die nicht nicht zerplatzen sollen wie Seifenblasen.
    Dass erfüllte Träume mein Bankkonto belasten, steht im Kleingedruckten. Weihnachten – frohlockende Zeit.

    Nur ein paar Kreuze und schon ist Weihnachten. Warum ist das Leben nicht auch sonst so einfach? Oft schmiede ich Pläne, überlasse nichts dem Zufall. Ich sei mit verantwortlich, wenn es um mein Leben geht, wird gesagt.

    Dann schlägt das Leben zurück, beweist mir das Gegenteil. Nicht ich lege fest, wohin die Reise geht, sondern andere. Irdische Mächte, überirdische Mächte und Gewalten erheben Einspruch. Erschütterungen des Lebens machen meine Pläne zunichte.

    Wählen Sie Ihre Weihnachtsträume. Nur ein paar Kreuze. Süße Verlockungen, die sich ins Gegenteil verkehren können? Nein, sagt das Angebot. Keine Werbekampagne. Liefergarantie. Erfolg versprechend. Umtauschrecht. Bei Nichtgefallen Geld zurück. Ich kann mich davonträumen.

    Warum nur an Weihnachten? Doch nur Träume? Wenn Träume trotz Ankreuzen Träume bleiben, wenn Wohlstands-Verheißungen Verheißungen bleiben, habe ich dann ausgeträumt? Oder bleibt mir dann Zeit für Träume, die mit dem Leben, mit dem Lebens-Notwendigem zu tun haben?
    Meine Weihnachtsträume für das kommende Jahr habe ich vorgemerkt. Ich werde über ihre Notwendigkeit nachdenken. Und darüber, was Weihnachtsträume und andere Verheißungen mit Weihnachten zu tun haben.

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  • Im Bus auf Tour

    Im Bus auf Tour

    Mein Busfahrer ist kein Frühaufsteher. Das verrät er mir in einer Fahrpause.
    Ansonsten darf ich mit dem Fahrer nicht sprechen – so steht es auf dem Schild.
    Da nicht viele Fahrgäste um 13.09 Uhr in die Linie 10 Richtung Flughafen einsteigen, kann der Fahrer gelassen seine Tour starten. Gestern hatte er dienstfrei. Die Schwüle musste er nicht im Bus ertragen. Er hätte sich mit der „Kurze- Hose-Klimaanlage“ begnügen müssen, betont er.

    Heute ist es kühler. Außerdem regnet es. Seit neunzehn Jahren fährt der Fahrer Bus.
    Dass sein Gefährt in der Ferienzeit ziemlich leer bleibt, sieht er positiv. Die Türen lassen sich ordnungsgemäß schließen, weil niemand nach Schulschluss in den Bus stürmt. Das Wechselgeld in der Kasse wird ausreichen.
    Nur einzelne Fahrgäste werden erst im Bus nach ihrem Portemonnaie suchen. Die junge Frau mit der roten Geldbörse benötigt sehr viel Zeit, ehe sie den Zwanzig Euro-Schein gefunden hat.
    Der Fahrer bleibt gelassen. Sein Geduldsfaden werde strapaziert, sagt er mir später, wenn Fahrgäste in allen Hosentaschen nach Kleingeld suchen, obwohl die Tickets vorher überall zu haben sind.
    Viele Fahrgäste lässt der Fahrer mit einem Kopfnicken passieren, da sie eine Wochen- bzw. Monatskarte haben.

    Erstaunlich viele steigen mit „Tag“ oder „Hallo“ ein. Man kennt sich. Man grüßt sich.
    Siebeneinhalb Stunden lang Bus fahren. Auf Tour gehen mit dem Busfahrer. Ich sehe, was ich sonst nicht sehe.
    Wie ein Beutestück präsentiert die resolut aussehende Dame ihren Fahrausweis. Wie ein Geheimpapier hält ihn der junge Mann mit Schlapphut in seiner Mappe versteckt; er gewährt nur einen kurzen Blick darauf.
    Manches übersehe er, erklärt mir der Fahrer.
    Den jungen Mann, der ihn fragt, wo der Doktor wohnt, kann er nicht bis zum Sprechzimmer fahren, aber er beschreibt ihm die Haltestelle, an der er aussteigen muss. Hinten im Bus wird laut protestiert. Eine Dame möchte aussteigen. Das fällt ihr ein, als der Bus an der Haltestelle vorbeifährt. Sie gibt dem Fahrer die Schuld, der keine Freigabe für das Öffnen der Tür erteilte.

    Das fahrerische Können bewundere ich. Verkehrsschilder stehen oft so dicht am Straßenrand, dass der Außenspiegel des Busses heil bleibt, weil der Fahrer Millimeterarbeit leistet. Dass er sich beherrscht, als ein Autofahrer den Bus kurz vor der Ampel auf der Linksabbiegerspur überholt, steigert meinen Respekt.

    Als der Fahrer im zweiten Teil seiner Schicht die Linie 8 übernimmt, bin ich skeptisch.
    Sieben Mal Volksgarten und zurück – wie hält er das aus? Erfahrung, sagt er. Wahrscheinlich kennt er bei der fünften Runde jeden Mülleimer an der Straße. „Welchen Bus kann ich morgen früh nehmen?“ An einer Haltestelle fragt jemand danach, der um 8.45 Uhr am Bahnhof sein will. „Nehmen Sie einen Bus früher, damit Sie pünktlich sind.“
    Meine Skepsis verfliegt. Busfahrer sind nicht nur Busfahrer, sondern eine besondere Gattung Mensch.

    Einmal Busfahrer, immer Busfahrer? Für den 88-jährigen Herrn, der zusteigt, scheint das zu gelten. Er zeigt mir seinen Personenbeförderungsschein, der seit dreißig Jahren nicht mehr gültig ist. Er sei Busfahrer gewesen, vertraut er mir an. Den Ausweis habe er immer dabei. Man könne nie wissen.

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  • Brief ans Christkind und den Weihnachtsmann

    Brief ans Christkind und den Weihnachtsmann

    Hoffentlich kommt der Brief noch bei euch an. Ich habe gehört, dass ihr jetzt viel unterwegs seid, weil ihr Geschenke besorgen müsst.
    Habt ihr überhaupt noch Zeit, euch um die Briefe zu kümmern, die man euch schreibt?
    Meinen müsst ihr auf jeden Fall lesen. Er ist sehr wichtig. Mama darf nicht erfahren, dass ich euch schreibe. Es geht nämlich um sie.

    Im vorigen Jahr war ich sehr enttäuscht von euch. Ich hatte mir das neue Handy gewünscht, und zwar das gleiche, das meine Freundin Anja hat. Da ihr euch wahrscheinlich auskennt, habe ich nicht erwähnt, was man damit alles machen kann. Es sollte nur das gleiche sein wie das von Anja. Dann wusstet ihr Bescheid, und ich musste nicht die Gebrauchsanleitung erklären. Vielleicht versteht ihr die auch nicht oder habt keine Zeit, euch damit zu beschäftigen.

    Meine Mama kannte das Handy auch. Ich konnte mich darauf verlassen, dass sie das richtige Handy bestellte.
    Alle Kinder in unserer Klasse haben ein Handy. Das von meiner Freundin ist das beste. Weil sie meine Freundin ist, hatte ich ihr anvertraut, dass ich demnächst auch so ein Handy wie sie haben würde. Richtig begeistert schien sie nicht zu sein, weil sie immer etwas Besonderes sein will. Was sie hat, das soll kein anderer haben. Bei mir würde sie wahrscheinlich eine Ausnahme machen, weil ich ihre beste Freundin bin.
    Papa war natürlich gegen das Handy. Als er zur Schule ging, habe es kein Handy gegeben. Vermisst habe er es deswegen nicht. Logisch. Wenn es kein Handy gab, konnte er keines vermissen. Mit Papa kann man nicht reden. Deswegen schreibe ich euch. Papa muss das nicht wissen.

    Vor der Bescherung war ich ziemlich aufgeregt. Nichts haben sich Mama und Papa anmerken lassen, ob das mit dem Handy klappen würde. Diese Geheimnistuerei fand ich ätzend. Ich bin doch kein Kind mehr.
    Anja wollte ich sofort nach der Bescherung eine SMS mit dem neuen Handy schicken. Papa sagte, das habe Zeit bis zum anderen Morgen. Nach der Bescherung werde zuerst gesungen. Danach würden wir Oma anrufen, die an Heiligabend immer Geburtstag hat. Konnte Oma nicht warten, bis ich Anja die SMS geschickt hatte? Oma wäre doch nicht inzwischen gestorben.

    Endlich war Bescherung. Ich konnte es kaum erwarten. Mama guckte etwas komisch zu mir herüber. Papa schien sich überhaupt nicht dafür zu interessieren, als ich mein Handy auspackte. Typisch. Und dann fiel mir nichts mehr ein.
    Vor Wut hätte ich heulen mögen. Das Handy, das ihr mir unter den Tannenbaum gelegt habt, war nicht das, welches ich bestellt hatte. So eines hatte ich noch nie gesehen. Konnte man damit überhaupt simsen?

    Wütend verließ ich das Zimmer und verkroch mich ins Bett. Weihnachten war für mich gestorben. Mama sagte mir irgendwann, ich hätte kein Handy bestellt, sondern mir eins gewünscht. Ihr würdet keine Bestellungen, sondern Wünsche annehmen. Versteht ihr die Wortklauberei? Ich nicht.

    Dieses Jahr wünsche ich mir das richtige Handy. Solltet ihr es nicht mehr schaffen, hätte ich gerne ein Pony. Ihr wisst, dass ich Tiere sehr mag. Ein Pferd ist zu groß für mich, aber ein Pony wäre das Richtige. Bei Mama werde ich es nicht bestellen. Bei Papa schon gar nicht. Ich schreibe es euch persönlich. Überlegt euch, ob ihr mir meinen Wunsch noch erfüllen könnt. Ich verlass mich auf euch.

    Eure Christa

    Mir fällt noch etwas ein: Wenn ihr das Pony in der kurzen Zeit nicht beschaffen könnt, reicht es auch bis zu meinem Geburtstag Anfang Februar.

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  • Der Bio-Weihnachtsbaum

    Der Bio-Weihnachtsbaum

    Mit Axt und Säge rückten sie mir zu Leibe. Dass ich ächzte und stöhnte, kümmerte sie nicht, oder sie überhörten es.

    Einen selbst geschlagenen Weihnachtsbaum wollten sie ins Zimmer stellen.
    Einer meinte, er wolle wissen, wo sein Baum gewachsen sei. Tannenbaum in Eigenherstellung. So wie sie mich behandelten, konnte ich darauf schließen, dass sie noch nie eine Säge in der Hand gehalten hatten. Aber gegen sie und ihre Kettensäge war ich machtlos.
    Wahrscheinlich waren sie gegen das Abholzen der Regenwälder. Auf mich nahmen sie keine Rücksicht.
    Ihr Weihnachtsbaum dürfe ein bisschen krumm sein, sagten sie. Dann sehe er echt aus. Sie nannten mich Bio-Baum, Außenseiter-Fichte. Darauf seien sie stolz. Bio stehe für Frieden, für Harmonie. Mit mir könnten sie sich identifizieren. Außenseiter zu sein sei kein Makel, sondern ein Qualitätsmerkmal.

    Dass ich in den vergangenen Wochen übel riechende Dämpfe einatmen musste, die man über mir versprühte, sagte ich ihnen nicht. Sie wussten es wahrscheinlich. Das Waldsterben werde damit verhindert, sagten sie. Außerdem würde ich nach den Festtagen zu Biomüll verarbeitet und im Wald verstreut, damit wieder Bio-Weihnachtsbäume wachsen könnten.
    Jetzt schleppen sie mich den Waldlehrpfad hinunter. „Tannenbaum-Schonung“ steht auf dem Schild. Wovor soll ich geschont werden?
    Wahrscheinlich wussten das diejenigen, die mich abgesägt haben, auch nicht.
    Das verwachsene Bäumchen neben mir haben sie stehen lassen. Nach drei Tagen werde es seine Nadeln verlieren; dafür lohne sich die Arbeit nicht, meinten sie.
    Weihnachtsbäume werden nicht nach ihrer Meinung gefragt. Ich hätte eine Menge zu sagen.

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  • Schön, dass ihr da seid

    Schön, dass ihr da seid

    Es kam die Zeit, dass sie kommen sollten, aber sie kamen nicht.
    Die Folkloregruppe mit Kindern aus Weißrussland sollte gegen 21 Uhr eintreffen. Der Bus sei unterwegs, wurde uns mitgeteilt. Auf dem großen Parkplatz erwarteten wir Jungen und Mädchen, die während der Adventszeit in Schulen und Kirchen unserer Stadt auftreten wollten. Zwei Wochen lang sollten sie unsere Gäste sein und bei einer Gastfamilie wohnen.

    Gegen 22 Uhr waren unsere Füße kalt geworden. Der Nieselregen trug nicht dazu bei, das Warten angenehm zu empfinden. „Wo bleiben die? Wir haben das Abendessen vorbereitet.“
    Die Fragen wurden lauter. Hatte der Bus eine Panne? Stau auf der Autobahn? Die angewählte Handy-Nummer landete immer wieder in einem Funkloch. „Wie lange sollen wir noch warten?“
    Unterschwelliges Missfallen über die Strapazen, die man den Kindern im Bus zumutete. Leises Murren über die eigene Bereitschaft, Stunden lang in der Kälte zu stehen.

    Gegen halb Elf eine Nachricht. Der Bus werde nicht vor Mitternacht eintreffen. Wir würden informiert. Und es kam die Zeit, dass man sich fragte, warum man jetzt noch warten sollte. Auf einen Bus warten, der in dieser Nacht nicht mehr kam? Je länger man wartete, desto mehr verpasste man woanders.

    Dennoch ging niemand weg. Vielleicht kamen sie doch eher als angenommen. Wir warteten nicht auf einen Bus, sondern auf Kinder in einem Bus. Wir kannten sie zwar nicht, aber sie hatten sich angekündigt, und wir erwarteten sie. Auch die Kinder wussten, dass sie erwartet wurden.

    Und es kam die Zeit, dass uns das Warten erträglich vorkam. Eine junge Mutter erzählte von der Behinderung ihrer mongoloiden Tochter. Oft hatte sie Kinder aufgenommen, die zu Besuch in unserer Stadt waren. Die Tochter schien jedes Mal wie verwandelt, wenn andere Kinder ins Haus kamen; sie wollte sie am liebsten nicht mehr gehen lassen. Der Sohn eines Ehepaares war an Strahlenkrebs gestorben. Da sich die von uns erwartete Gruppe zugunsten der Strahlenopfer von Tschernobyl engagierte, konnte dieses Paar in besonderer Weise nachempfinden, worum es hier ging.

    Die kalten Füße spürten wir nicht mehr. Jeder erzählte eine Geschichte, seine Geschichte. Die Jungen und Mädchen, die irgendwo im Bus auf der Autobahn hockten, ließen uns auf dem Parkplatz an der Schule zusammenrücken. Als ein Bus mit fremden Kennzeichen vorfuhr, waren wir überrascht, dass er schon da war. Niemand schaute auf die Uhr. Niemand beklagte die endlose Verspätung. „Schön, dass ihr da seid“, sagten die meisten.

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  • Windlichter

    Windlichter

    Im Gedränge musste ich auf meine Windlichter achten, damit sie nicht zertreten wurden.
    Kein einziges hatte ich verkauft, obwohl morgen der Erste Adventssonntag war. Einpacken wollte ich und nicht länger in der Kälte ausharren.
    Dann stand die Frau vor mir. Gesehen hatte ich sie nicht. Fünf Lichter wollte sie haben.
    Sie drückte mir einen Geldschein in die Hand; fort war sie. Ich wollte ihr noch erklären, wie man die Lichter vor Wind und Regen schützt. Fragen wollte ich, wozu sie fünf Lichter am 1. Advent brauchte.
    Außerdem bekam sie noch Geld zurück. Ich sah sie nicht mehr. Einen Hauch von Mitleid spürte ich.

    Eine halbe Ewigkeit stand ich schon da. Fast hatte ich vergessen, Windlichter verkaufen zu wollen. Mir gefiel die Musik, obwohl ich die Lieder seit Jahren kenne. Mir gefielen die Düfte, die um meine Nase wehten. Mir gefielen die Gesichter, die sich neugierig meinen Lichtern zuwandten. Ich genoss das. Schade, dass es so kalt war und ich nirgendwo meine Füße wärmen konnte.

    Die Frau schien davon nichts zu bemerken. Warum war sie hier? Wofür brauchte sie so viele Lichter? Wo wollte sie die aufstellen? Überall funkelt und leuchtet und blinkt es schon in diesen Tagen. Lichterketten an Türen und Fenstern. An Dächern und Häuserfronten strahlen und glitzern sie. Ist denn schon Weihnachten? Wir lassen Sie nicht im Dunkeln stehen, verspricht die grelle Reklame. Auch ausgefallene Wünsche werden erfüllt. Alles soll und alle wollen ins rechte Licht gerückt werden.

    Meine Windlichter können mit dem Gefunkel nicht konkurrieren. Hoffentlich war die Frau nicht enttäuscht, als sie die Lichter auspackte. Ich weiß nicht, wo sie die hingestellt hat. Ich weiß nicht, ob es dunkel genug ist, wenn sie leuchten.

    Aber das weiß ich: Meine Lichter machen es heller. Nicht taghell, aber hell. Mehr braucht man vielleicht nicht – jedenfalls nicht am 1. Advent.

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  • Zum 1. Advent

    Zum 1. Advent

    Zum 1. Advent

    Advent
    hoffen und warten
    worauf?

    Advent
    erwarten und ersehnen
    was?

    Advent
    kommen und ankommen
    wer?

    Advent
    hereinlassen
    wen?

    Advent – es ist noch Zeit bis Weihnachten

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  • Kirche zum Anfassen

    Kirche zum Anfassen

    Ein Missionar, der im brasilianischen Regenwald tätig war, stammte aus meinem Heimatort.
    Wenn er Heimaturlaub hatte und die Messe in der Kirche unseres Tausendseelen-Dorfs feierte, war ich stolz, als Ministrant dabei sein zu dürfen. Messdiener seien Gott besonders nahe, versicherte der Pater.
    Davon spürte ich nicht viel. Dass man, wie der Pater andeutete, im Glauben gestärkt werde, wenn man regelmäßig den Gottesdienst an exponierter Stelle im Altarraum mitfeiere, blieb mir ebenfalls verborgen.
    Mir genügte es, das Weihrauchfass schwingen und den großen Leuchter tragen zu dürfen. Das mache mich zum kleinen Kleriker, sagte der Pater. Dass Ministranten lateinische „clericetti“ seien, bedeutete mir nichts und interessierte mich nicht sonderlich. Solche Vokabeln tauchten im Latein-Unterricht am Gymnasium nicht auf.

    Ich war damit zufrieden, anschaulich Kirche zu erleben. Da waren die jährlichen Maiandachten vor dem mit Blumen geschmückten Marienaltar in der Dorfkirche. Dass die Gottesmutter als Königin und Mutter der Barmherzigkeit angerufen und verehrt wurde, wie der Pfarrer predigte, hörte und überhörte ich.
    Mehr schätzte ich die Möglichkeit, aus unserem Garten stark riechende Fliederbüsche in die Kirche schleppen zu können. Im Mai-Monat war das meine Lieblings-Beschäftigung. Der Marienaltar in der Seitenkapelle glich in dieser Zeit einem weißen oder violetten Fliederblüten-Meer.

    Kirche zum Anfassen, zum Sehen und Riechen. Glauben mit allen Sinnen. Kein katholisches Theater, wie eine Nachbarin abschätzig äußerte. Ab und zu durfte ich mit dem Pater zusammen frühstücken. Priester zum Anfassen. Es gab Schinken und Käse, ein gekochtes Ei und Kaffee.
    Daheim kannte ich solche Zutaten nicht einmal vom Hörensagen. Als mich der Pater einlud, ihn in Brasilien zu besuchen, erwiderte ich folgerichtig, das habe keine Eile. Es faszinierte mich, dass er eine Flussreise auf dem Amazonas plante. Dass er aber Wochen lang auf das Motorboot warten musste, dämpfte meine Reiselust.
    Viele Jahre später starb der Urwald-Doktor Albert Schweitzer. Ihn hätte ich gern besucht.

    Erfahrbare Personen und Begegnungen vor Ort prägten mein Bewusstsein von Kirche. Ein in der Pfarre tätiger Kaplan war gehandicapt durch einer schwere Kriegsverletzung. Es kam vor, dass er einen epileptischen Anfall während der Messe erlitt und diese nicht zu Ende führen konnte.
    Priester waren keine himmlischen Geschöpfe; sie waren verwundbar und verletzlich wie alle Menschen.
    Gelegentlich fielen Begriffe wie Berufung, Verzicht, Opfer. Wen Gott rufe, dem verheiße er Großes, ließ der Pater durchblicken. Zuhause erzählte ich nichts davon. Von solchen Verheißungen hielt Mutter nichts. Gelassen ging sie damit um, zu den „kleinen Leuten“ zu gehören, deren Leben im Dorf sich in überschaubaren Realitäten abspielte. Das Wort „Berufung“ kam darin nicht vor.

    Als ich eines Tages tatsächlich Zukunftspläne schmiedete, war ein Besuch auf der missionarischen Urwaldstation des Paters kein Thema mehr. „Mutter Kirche“ konnte mit mir nicht anders rechnen als bisher. Ich interessierte mich für die Schullaufbahn. Kunst und Kunstgeschichte zählten zu meinen bevorzugten Interessengebieten.
    Zu Anderem oder Höherem fühlte ich mich damals nicht berufen.

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  • Das Leben ist schön, sagte Schwiegermutter

    Das Leben ist schön, sagte Schwiegermutter

    Der italienische Film „Das Leben ist schön“ hat mich fasziniert.
    Der jüdische Buchhändler Guido lebt glücklich mit seiner Frau Dora und Sohn Giosuè in der Toskana.
    Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs werden sie ins KZ deportiert.

    Der Vater versucht, vor seinem Sohn die Grausamkeit des Krieges zu verbergen. Das Leben ist schön, selbst Gaskammern können das nicht ignorieren. „La vita è bella“.
    Einige sagen: Realitätsfremd. Andere: Glückwunsch zu dieser Lebenseinstellung. Wer trotz der Abgründe in seinem Leben, trotz vieler Unzulänglichkeiten um sich herum Licht sieht, kann dem Leben Positives abgewinnen, das es immer noch gibt.

    Meine Schwiegermutter schaffte das in besonderer Weise. Als sie fünfundneunzig Jahre alt wurde und längst im Rollstuhl saß, lud sie alle zu ihrem Geburtstag ein, die zum großen Familien-Clan gehörten, einschließlich der Enkel und Urenkel. Unmöglich, was sie sich zumutete. Niemand hatte ihre Einladung ausgeschlagen. Jeder fühlte sich angenommen. Jeder akzeptierte sie. Alle liebten Oma.

    Mein Leben war schön, sagte sie jedem, dessen Hände sie in die ihre nahm. Wie schön ihr Leben wirklich war, lässt sich nur ahnen. Zehn Geschwister hatte sie. Ihre Eltern besaßen eine kleine Ziegelei und betrieben zusätzlich eine bescheidene Dorfkneipe. Weil die Ehe ihrer Patentante kinderlos blieb, wurde sie von ihrer Tante adoptiert. Sie sollte Hoferbin werden. Unglaublich, werden wir sagen. Durfte man ein Kind der Familientradition opfern und gewachsene Bindungen ignorieren?

    Mein Leben war schön, sagte Schwiegermutter. Sie nahm es an und machte etwas daraus. Neun Kindern schenkte sie das Leben. Kurz vor einer Niederkunft legte sie für ein paar Tage die Heugabel aus der Hand. Mutterschutz auf dem Bauernhof. Sie erlebte die Hungersnot im Ersten Weltkrieg. Sie protestierte nicht gegen ihr Leben. Sie protestierte nicht gegen das Kinderkriegen.

    Wir sind wahrscheinlich fassungslos und fragen, warum sie sich das alles gefallen ließ und sich nicht gewehrt hat. Mein Leben war schön, würde sie sagen.
    Das Leben ist schön. Hoffnung und Zuversicht, dass sich das Leben lohnt, dürfen nicht sterben. Aber man muss das Leben zunächst zulassen. Dann kann es trotz mancher Dunkelheit schön werden – nicht immer, aber an vielen Tagen. Meine Schwiegermutter hat mir gezeigt, dass es möglich ist.

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  • Bestanden

    Bestanden

    Wir nannten ihn Buddha.
    Wenn jemand sagte, er habe Unterricht bei Buddha, wurde er bemitleidet. Buddha konnte nicht unterrichten.
    Alle sagten das. Kaum jemand nahm ihn ernst. Aber er lächelte. Selbst wenn jemand Unfug gemacht hatte, lächelte Buddha.
    Ein halbes Jahr vor dem Abitur beschloss ich, einen Hebräisch-Kurs zu belegen. Ich hatte mich kurzfristig entschieden, Theologie zu studieren. Einziger Hebräisch-Lehrer an der Schule war Buddha.
    Ich spürte den unverhohlenen Spott meiner Mitschüler. Dennoch fragte ich bei ihm an, ob es noch möglich sei, am Hebräisch-Kurs teilzunehmen. Buddha lächelte. Wenn ich bereit sei, wöchentlich mindestens zwei Mal mit ihm Hebräisch zu pauken, könne ich das schaffen.

    Nach dem Unterricht blieb ich in der Schule, weil auch Buddha für mich in der Schule blieb. Er packte sein Butterbrot aus; ich kramte meine Stulle aus der Tasche. Manchmal aß ich sein Käse- und er mein Wurstbrot. Wir kauten und buchstabierten das hebräische Alphabet. Ich lernte die hebräische Bibel lesen und wusste bald, dass „Tohuwabohu“ am Anfang der Schöpfungsgeschichte steht. „Die Erde war wüst und leer.“ Zuerst fühlte ich mich auch so. Aber Buddha weckte mein Interesse, die Leere zu füllen.

    Die Abiturprüfungen liefen in einem anderen Rahmen ab als heute. Jeder Abiturient musste nach der schriftlichen noch in die mündliche Prüfung. Das Schicksal entschied sich gegen mich. Ich musste ins Hebräische. Buddha sah mich untröstlich. Aber er lächelte. Ich könne das schaffen, sagte er. Ein langer Text wurde mir im Vorbereitungsraum zum Übersetzen vorgelegt. Schon weil er lang war, schien ich chancenlos zu sein. Niemand konnte mir einen Rat geben. Dann holte Buddha mich zur Prüfung ab. Lächelnd bemerkte er, wie ich mich fühlte. Kurz vor der Tür zum Prüfungsraum blieb er stehen und sagte: „Wenn du gleich die vielen Lehrer siehst, die uns zuhören, dann denk daran: Nur zwei Leute verstehen Hebräisch, du und ich.“

    Hebräisch war mein Lieblingsfach. Ich hatte „bestanden“.
    Die örtliche Tageszeitung würdigte auf ihre Weise, dass sechzig junge Leute das Abitur geschafft hatten:
    Sechzig Heranwachsende wurden verabschiedet. Das heißt, sie verabschiedeten sich selbst. Obwohl neun Jahre eine Gewöhnungszeit sind, die es schwer macht, sich vom Routinegang zum Gymnasium zu lösen, haben alle sechzig aufgeatmet, als sie sich mit dem Wort „bestanden“ entlassen wussten. Entlassung bedeutet nicht nur Abschied von einer Schule. Sie bedeutet das erfolgreiche Ende eines Lebensabschnitts, und das ist noch wichtiger als das gesammelte Wissen; denn von dem „Universalwissen“ wird nach zwanzig, dreißig Jahren nur ein Teil übriggeblieben sein.
    Nicht zu Unrecht heißt die Prüfung „Reifeprüfung“ – als reife Menschen ins Leben gehen, die Reife mehren zum Wohl der Menschen und zum eigenen Nutzen. Noch sind die ersten Tage inhaltsleer. Man weiß noch nicht recht, wo man hingehört. Aber schon bald gehen die ersten in einen Beruf, in ein Geschäft, an die Universität oder leisten ihre Wehrpflicht ab. Ein zweiter Abschied steht bevor, der Abschied von zuhause. Zum Erfolg sagen wir den Jungen wie den Eltern herzlichen Glückwunsch.
    Von einem Glückwunsch an Buddha war in der Zeitung nichts zu lesen. Buddha hätte es verdient gehabt.

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  • Wunderbarer Teppich

    Wunderbarer Teppich

    Wolfi war gut zu mir. Einen wunderbaren kleinen Teppich bot er mir an, mit eingeprägter Zertifikatsnummer. An seiner Echtheit war nicht zu zweifeln. Ich meinte zwar, ein ähnliches Stück schon einmal gesehen zu haben, aber es fiel mir nicht ein. Das gute Stück lag vor mir in der Diele. Der Preis war umwerfend günstig. Den könne ich für so wenig Geld von ihm haben, sagte Wolfi, weil ich oft so gut zu ihm gewesen sei.

    Wolfi strahlte vor Dankbarkeit, obwohl er Geld von mir erwartete. Er wollte mir etwas Gutes tun. Ich konnte mir nicht erklären, wie er in den Besitz des kostbaren Stückes gekommen war. „Geerbt“, sagte er. Die Tante sei gestorben. Wolfi klingelte regelmäßig bei mir, wenn er etwas benötigte, Geld in der Regel. Nach und nach war ich großzügig geworden. Diese treue Seele wollte ich nicht abspeisen mit „Geh zum Sozialamt“ oder „Das Geld vertrinkst du wieder“. Wolfi wusste, was er an mir hatte. Deswegen bot er mir jetzt den Teppich an.

    Morgen wollte ich ihn reinigen lassen, da ich nicht wusste, welche lebenden oder nicht lebenden Spuren sich in den unendlich vielen kleinen Knoten verbargen. Es schellte. Wolfi doch nicht schon wieder? Nein, die Nachbarin. Sie habe eine unangenehme Frage und wisse nicht, was sie machen solle. Mir konnte sie keine unangenehmen Fragen stellen. Meine gute Teppich-Laune gab mir Sicherheit. Sie vermisse, kam es zögernd über ihre Lippen, einen kleinen Teppich, den sie unten im Hof in die Sonne gelegt habe.

    Gute Teppich-Laune. Wunderbares Stück. Umwerfend günstig. Dankbarkeit. Ähnliches schon einmal gesehen. Die Gedanken sind frei. Wolfi war weg. Sein Teppich, mein Teppich war auch wieder weg. Der Nachbarin fiel ein Stein vom Herzen. Mir ein Teppich.
    Die Menschen sind nicht schlecht. Sie wissen sich nur auf ihre Art zu helfen. Wolfi stand eines Tages wieder vor meiner Tür. Er sehnte sich nach mir.

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