Autor: Peter Josef Dickers

  • Das Hohelied der Zivilcourage

    Das Studium der Theologie war kein Heile-Welt-Studium. Als es um die Geschichte der Alten Kirche und um die Auseinandersetzung des Christentums mit seinem heidnisch-antiken Umfeld ging, wäre die Frage berechtigt gewesen, warum sich die Kirche heilig nennt. Der Professor schilderte mit sichtlichem Vergnügen das mäßig heilige Leben des Paulus von Samosata, Bischof von Antiochien, der als Häretiker exkommuniziert wurde.

    Am theologischen Professorenhimmel war gleich einer Supernova ein Stern aufgegangen, der die Studenten in seinen Bann zog. Dass der Professor, Ordinarius für Fundamentaltheologie und kaum zehn Jahre älter als wir, mit seiner leisen, sonoren Stimme einmal als Leitstern, als Papst Benedikt, auf dem Stuhl Petri sitzen würde, hätte sich niemand vorstellen können. Er auch nicht.

    In einer deutschen Stadt, in Konstanz, war sechshundert Jahre zuvor ein Papst gewählt worden. Dass es nicht unendlich lange dauern würde, bis auch in Rom wieder „Deutsch“ gesprochen und verstanden wurde, erschien nicht denkbar. In seinen fundamentaltheologischen Seminaren setzte er sich mit religionsphilosophischen Themen in den „Bekenntnissen“ des hl. Augustinus auseinander. Der junge Professor stellte kluge Fragen und gab überraschende Antworten. Er weckte auch meine Neugier.

    An einer anderen Fakultät der Universität lehrte ein Professor Ästhetik und Kunstgeschichte. Seine Seminare und Vorlesungen waren beliebt und überfüllt. Ohne meine geistlichen Vorgesetzten zu informieren, belegte ich bei ihm Vorlesungen über „Malereien des Expressionismus“. Die damit verbundenen praktischen Übungen mit Pinsel und Bleistift über den weiblichen Körper schienen dem Studium der Theologie nicht unbedingt dienlich zu sein, wie mir später klar gemacht wurde.

    Die Mal- und Zeichenversuche, die sich der keuschen Susanne widmeten, wurden von der geistlichen Obrigkeit, die davon  erfuhr, als theologisch unangemessen eingestuft. Mein körperliches und seelisches Heil geriet in Gefahr. Ich erhielt einen Verweis, verbunden mit der Ermahnung, mich in den Garten der unverfänglichen Tugenden, zu den keuschen Ikonen der Reinheit und der Keuschheit zu begeben. Meine Maltalente sollten mich nicht in selbst verschuldete Schwierigkeiten bringen.

    Ich sah darin einen unverhältnismäßigen Eingriff in meine Privatsphäre. Mit dem notwendigen Respekt frage ich nach, ob es nicht auch außerhalb christlich-katholischer Lehrinhalte Erbauliches und Reizvolles gebe, mit dem Theologiestudenten sich beschäftigen und an dem sie Gefallen finden dürften. Auf die nicht immer keuschen Darstellungen weiblicher Anmut in der Sixtinischen Kapelle wies ich nicht hin.

    Auch der Erzbischof zeigte sich offen für die schönen Künste, vor allem für die Musik. Beethovens Rondo „Die Wut über den verlorenen Groschen“ schätzte er sehr. Das Temperament dieses auf „ungarische Art“ komponierten Klavierstücks gefiel ihm. Er spielte Geige, erfreute sich an der Musik Mozarts, Strawinskys und Hindemiths und machte sich später mit Mozart-Schallplatten im Koffer auf den Weg nach Rom, zum Vatikanischen Konzil.

    Ich machte einen Rückzieher vor denen, die Ergebenheit einforderten, und beugte mich dem Konformitätszwang. Mein Selbstwertgefühl war beachtlich, jedoch in der Defensive verankert. Ich fügte mich, um den weiteren Studiengang nicht zu gefährden – ein Verhalten, das ich später bedauerte. Dass ich von Kindheit an gelehrt worden war, nicht ohne Nachfrage etwas hinzunehmen, was ich nicht verstanden hatte, vergaß ich.

    Warum fehlte mir der Mut, mein Interesse an Kunstgeschichte und ihren Objekten zu bekennen und zu verteidigen? Ich gab nach, weil ich Konsequenzen nicht einschätzen konnte. Einer klärenden Aussprache ging ich aus dem Weg. Da ich meine Vorgesetzten nicht über meine Mal-Studien und Mal-Interessen informiert und sie vor Tatsachen gestellt hatte, glaubte ich nicht argumentieren zu können. Wahrscheinlich hätten sie mich angehört und gemeinsam mit mir eine Lösung gesucht und gefunden, da ich grundsätzlich ihr Vertrauen besaß.

    An einer Hochschule unserer Zeit stellten Studenten, unterstützt von ihren Dozenten, ein „Kochbuch der Gefühle“ vor. Dahinter stehe, so begründeten sie ihr Werk, die Erfahrung, dass die jeweilige Gefühlslage eines Menschen – Glück, Wut, Trauer – festlege, was und wie er esse. Die Gefühlswelt von Theologie-Studenten berücksichtigen – ob Obrigkeiten während meiner Studienzeit auf diese Idee gekommen wären, weiß ich nicht. Sie sahen es vermutlich nicht als ihre Pflicht an, auf Gefühle von Priesteramtskandidaten  Rücksicht nehmen zu müssen. Deren Gefühlswelt kam in theologischen Lehrplänen nicht vor.

    Das Hohelied der Zivilcourage, das wir hin und wieder hätten anstimmen können, war uns nicht gelehrt worden. Man treffe Zivilcourage so selten an, weil sie nicht ansteckend sei und man Gefahr laufe, mit seiner Meinung allein zu bleiben, wird ihr Seltenheitswert begründet.

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  • Verbotene Bücher

    „Kraft päpstlicher Vollmacht“ erteilte mir das Erzbischöfliche Generalvikariat „die Erlaubnis zur Aufbewahrung und Lektüre verbotener Bücher und Schriften“, allerdings mit der Einschränkung: „soweit diese ihrer Richtung und ihrem überwiegenden Inhalt nach nicht als obszön zu bezeichnen sind“. Vorsorglich wurde ich „im Gewissen verpflichtet, dafür zu sorgen, dass solche Bücher nicht in die Hände Unbefugter gelangen.“

    Es gab den „Index Librorum Prohibitorum“ der römischen Inquisitionsbehörde – ein Verzeichnis von etwa sechstausend Titeln. Darin waren Schriften und Namen von Autoren aufgeführt, die als ketzerisch galten, weil sie sich mit der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche nicht vereinbaren ließen. Katholiken durften sie unter Androhung der Exkommunikation nicht lesen. Keine „freiwillige Selbstkontrolle“.

    Die „Kritik der reinen Vernunft“ Immanuel Kants und die Werke Voltaires zählten dazu. Auch „Bonjour Tristesse“, Erfolgsroman der unter ihrem Pseudonym schreibenden Schriftstellerin Françoise Sagan, stand auf der Verbotsliste. Die geschilderte dramatische Liebesbeziehung hätte ich nicht lesen dürfen – hatte ich aber schon gelesen, ehe ich vom kirchlichen Verbot erfuhr.

    „Zur Verteidigung des Glaubens und zur Widerlegung der in ihnen enthaltenen Irrtümer“ durfte ich Verbots-Literatur einsehen.

    Die Bücherfreiheit wurde nicht ohne Einschränkungen gewährt. Ergänzend hieß es, die Erlaubnis befreie mich nicht vom Verbot, Bücher zu lesen, die als nächste Gelegenheit zur Sünde dienten. Welche Sünden das waren, wurde nicht aufgelistet.

    Hatte ich die Wahl zwischen großen und kleinen Übeln? Gab es verbotene Bücher, die ein geringes Übel darstellten? Vor welchen verderblichen Einflüssen sollte ich geschützt werden? Die Liebesgeschichten von Alexandre Dumas, dem Älteren, und von Dumas, dem Jüngeren, standen auf dem Index. In dessen Roman „Kameliendame“ geht es um Verherrlichung und Rehabilitierung des Lasters – moralisch bedenklich; ein großes Übel. Auch vor der „Kunst Wollust zu empfinden“ des französischen Arztes und Philosophen La Mettrie wurde ich gewarnt. Ich sollte nicht der List und Lust schöner Frauen erliegen.

    Lust war eine sündhafte Leidenschaft. Man durfte ihr nicht freien Lauf lassen. Die Sprache des Körpers war Fremdsprache. Vor trügerischen Leidenschaften und leiblichen Begierden standen Verbotsschilder.

    „Durch eifriges religiöses Leben und die Benutzung guter Bücher mögen Sie sich bewahren vor schädlichen Einflüssen.“ Diese Mahnung wurde mit auf den Weg gegeben. Es gab vermutlich eine Menge Trost-Literatur, die mir helfen würde, Versuchungen auszuweichen oder sich gegen sie zu wappnen – eine vergleichsweise milde Mahnung, wenn man bedenkt, dass in der Volksrepublik China während der Kulturrevolution das Lesen verbotener Bücher mit der Hinrichtung bestraft werden konnte.

    Der Index wurde 1966 abgeschafft. Jeder durfte fortan ungestraft lesen und sündigen. Schadensabwehr kann man von nun an selbst leisten. Ob man aus Schaden klug wird; ob es Schäden gibt, aus denen man sogar Vorteile gewinnen kann, muss man abwägen. Denkbar ist, dass erlittener Schaden das Gemeinschaftsgefühl stärkt. „Wer im Schaden schwimmt, hat es gern, wenn andere mit ihm baden“, sagt zumindest der Volksmund.

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  • Auf Nummer sicher

    Das Haus, in dem ich während der ersten Studien-Semester zu wohnen hatte, war keine Verwahr-Anstalt. Dennoch bedurften wir Studierenden besonderer Fürsorge und Beobachtung. Die meisten empfanden sie als Überdosis. Dennoch habe ich nicht darüber nachgedacht, ob ich mich durch die Zwangsbetreuung behütet oder bewacht vorkam.

    Unsere Beschützer verfügten nicht über heutige Hacker-Programme oder Viren, mit deren Hilfe sie in die Zimmer hätten spähen können. Das Überwachungs-System war handgestrickt. Ein Radio zu besitzen, widersprach der Gesetzestafel Hausordnung. Kopfhörer wären dienlich gewesen. Die gab es nicht. „Wer durch des Argwohns Brille schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut“, schreibt Wilhelm Busch. Wir mussten  andere Wege erkunden, um uns abzusichern.

    Nach welchen Ausreden hätte ich gesucht, wenn ich aufgefallen wäre? Hätte ich mein Radio, mit dessen Besitz ich die Grenze des Erlaubten überschritt, als ein Stück individuelle Freiheit verteidigt? Vermutlich hätten das Radio und ich vor der Ausmusterung gestanden. Ich hätte Umzugskartons für die Heimreise bestellen können.

    Ein Schadenfreiheitsrabatt stand uns nicht zu. Deshalb empfahl es sich, als repressiv empfundene Maßnahmen hinzunehmen und auf „Nummer sicher“ zu gehen. Das verleitete dazu, opportunistisch sein Fähnlein nach dem Wind zu richten, Ausweich-Strategien zu entwickeln und Fluchtverhalten einzuüben.

    Unangenehmer Nachgeschmack blieb. Der Stärkung des Charakters diente es nicht.

    Heute, viele Jahre später, wundere ich mich, dass wir diese Situation nicht als Ghetto empfunden haben. Lag es daran, dass wir davon ausgingen, es handle sich um eine Ausnahme-Situation, die hinzunehmen war? Oder dachten wir an das Mikado-Spiel: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren?

    Hätte die geistliche Führung Durchsetzungsvermögen und Kompetenz nicht dort beweisen sollen, wo es um Wichtiges ging? Stattdessen schien man sich in der Kunst des nicht angekündigten Erscheinens zu üben und richtete argwöhnisch die Augen auf Nichtigkeiten. Auch kleinste Fische sollten ins Netz gehen. Kontrollbesessen wurden Patrouillen-Gänge gestartet, obwohl es nichts zu kontrollieren gab. Dass solches Gebaren als Mischung aus pädagogischer Unfähigkeit und Hybris ausgelegt werden konnte, war offenbar den Verantwortlichen nicht bewusst. Es kann ihnen nicht gleichgültig gewesen sein.

    Ein „Verstehen Sie Spaß?“ war nicht zu erwarten, wie das Gastspiel bzw. vorzeitige Ende etlicher Aufenthalte im Haus beweisen. „Wer sich nicht fügt, kann gehen.“ Diese Strategie erzeugte Unwillen, wurde aber praktiziert. Wer sie ignorierte,weil er sich selbst treu bleiben wollte, konnte als nicht anpassungsfähig eingestuft werden, und spielte ein Spiel mit hohem Risiko.

    Man durfte um Verzeihung bitten, wenn man ertappt worden war, nicht aber die Erlaubnis einholen, das Angemahnte zu wiederholen. Die Obrigkeit ging davon aus, einer ihr auferlegten Verpflichtung nachkommen zu müssen. Nach ihrer Kompetenz musste sie sich nicht befragen lassen, erst recht nicht nach emotionaler Kompetenz. Führung war interne Angelegenheit, Ein auf  Respekt fußendes Vertrauensverhältnis entstand so kaum.

    Dass heranwachsende Männer – achtzehn Jahre und älter – auch eigene Vorstellungen vom Leben hatten, persönliches Glücksstreben kannten und gelegentlich selbst handeln wollten, statt gehandelt zu werden, war kein Thema, über das es nachzudenken lohnte.

    Die Autoritäten überschätzten, was sie mit ihren Handlungsmaximen erreichten. Sie unterschätzten, was sie langfristig hätten bewirken können, wenn sie ihren Schutzbefohlenen mehr Offenheit entgegengebracht und so ihre Herzen erreicht hätten.

    Meine Eingewöhnungsphase und die Bereitschaft, in dieser Atmosphäre mich wohl zu fühlen, dauerten länger, als ich gedacht hatte.

    Einige Semester lang hatte ich das Amt des Oberküsters im Haus inne. Dessen herausragende Bedeutung bestand darin, dass es noch einen Unterküster gab. Rollen, die wir spielten, und Funktionen, die wir übernahmen, wurden uns zugewiesen. Dass mich der Hierarchie-Vorteil, der sich durch mein Amt gegenüber den Mitstudenten ergab, zum Erfüllungsgehilfen machte, dessen sich die Obrigkeit bedienen konnte, habe ich mir nicht bewusst gemacht.

    Heute reagieren wir allergisch, wenn wir uns registriert, erfasst, überwacht fühlen. Ein Theologiestudent, der berichtete, jeder Student habe sein eigenes Zimmer mit Fernseher und Telefon, jeder verfüge über einen Haustürschlüssel, lebt – verglichen mit damaligen Verhältnissen – in einer anderen Welt. Gut, dass er für sein Studium den Erfahrungsreichtum der Gegenwart nutzen darf. Dass es trotzdem immer weniger junge Leute gibt, die das Berufsziel „ Priester“ anstreben, ist ein Phänomen, mit dem ich mich hier nicht auseinandersetzen will.

    Meine Skepsis, ob eine Auflistung verbotener Dinge das war, was ich mir vorgestellt hatte, blieb daheim nicht verborgen. Die nonverbale Begabung meiner Mutter, Zwiesprache ohne Worte führen zu können, ließ sie vermuten, was in mir vorging. Wenn sie noch leben würde, müsste ich meine Geschichte für sie nicht in Worte fassen. Auf einer Postkarte, die noch in meiner „Schatztruhe“ liegt, fragte sie: „Fühlst du dich wohl? Geantwortet habe ich meines Wissens nicht. Sie wusste es wahrscheinlich.

    Ihre Besorgnis konnte ich nachvollziehen. Dass ich Priester werden wollte, statt einen „ordentlichen Beruf“ zu ergreifen, der unserer Familie eine finanziell gesicherte Zukunft garantierte, hatte sie hingenommen. Wir waren nicht mit Gütern gesegnet. Dennoch war die Befürchtung, man müsse sich mein Studium vom Mund absparen, unbegründet.

    Der Verwaltungsrat eines Stiftungsfonds sicherte mir für die gesamte Studienzeit ein Stipendium zu. Ich konnte also davon ausgehen, dass mein Studienweg abgesichert war und materielle Schuldgefühle meiner Familie gegenüber nicht vonnöten waren. Dennoch blieben sie latent vorhanden.

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  • Um des Himmelreichs Willen

    Über die Verpflichtung zur Ehelosigkeit, dem Zölibat, wurde nicht wirklich diskutiert. Sie wurde akzeptiert  als unumstößliche Voraussetzung, zum priesterlichen Dienst berufen zu sein. Die Verpflichtung beruht auf kirchenrechtlichen Regelungen, die Priestern die Ehe  untersagen und sie zu geschlechtlicher Enthaltsamkeit verpflichten.

    Dass laut Bürgerlichem Gesetzbuch Vereinbarungen als gültig geschlossen gelten, wenn sie persönlich gewollt sind – darüber dachte niemand nach. Der Zölibat ist ein Geschenk. Männliche Phantasien kreisen zu lassen um Liebe und Begehren oder Ausschau zu halten nach Ersatzangeboten, schließen sich aus.

    Womit hatte ich dieses Geschenk verdient? Wenn es in Unterweisungen einer deutschen Diözese heißt, der Priester entscheide sich freiwillig für eine Lebensform dauerhaften und vollständigen Verzichts auf jede Form sexueller Betätigung, überrascht mich das. Ich kenne  wirtschaftliche und körperliche, ehrenamtliche und politische Betätigungen. „Jede Form sexueller Betätigung“ – wie definiert man das? Sind Priester geschlechtslose Wesen wie die geschlechtslos fixierten Figuren der amerikanischen Max-Fleischer-Cartoons? Dann ist Sexualität keine Herausforderung, der man sich stellen kann.

    Wäre uns Studierenden Ehelosigkeit „um des Himmelreichs Willen“ als eine von verschiedenen Möglichkeiten aufgezeigt worden, priesterlich zu leben, hätten wir sie mit anderen Augen betrachtet. Wäre uns glaubhaft dargelegt worden, dass es nicht um das Verbot von Leiblichkeit und Sexualität ging, sondern um einen bestimmten Umgang mit ihr, hätten wir befreiter unsere sexuelle Orientierung finden können. So aber ergibt sich die Frage, ob die uns vermittelte Begründung von Ehelosigkeit nicht kontraproduktiv war und uns, wenn auch ohne  Absicht, in Isolationshaft führte.

    Wurde es nicht gesagt, oder habe ich es überhört?  Priesterliche Enthaltsamkeit kann Wege ebnen für eine besondere Beziehung zu Gott und zu Menschen. Papst Benedikt XVI. beklagte zu Recht das Nicht-Warten-Können, den Konsumhunger, den Triumphzug der Individualität, den Kult der Selbstverwirklichung. Die Erfüllung aller menschlichen Wünsche werde so nicht gesichert, betonte er.

    „Es muss im Leben mehr als alles geben.“ Der amerikanische Kinderbuchautor Maurice Sendak beschreibt eine Ahnung, die hinausgeht über ein „alles“. Ihn beschäftigt die Frage, wie wir zum inneren Frieden gelangen können.

    Waren unsere geistlichen Oberen nicht in der Lage, uns von einer so verstandenen Botschaft vom Leben, von Keuschheit und Ehelosigkeit zu überzeugen?

    Man muss nicht verheiratet sein, um Mensch sein zu können. Ehelosigkeit um des Himmelreichs Willen kann eine Gegenkultur zu anderen Lebensmodellen sein. Ehelosigkeit sei für ihn ein Weg, spirituell zu leben, sagt ein bekannter Benediktinerpater. Auch dem stimme ich zu

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  • Einfallspforte des Teufels

    Einer mittelalterlichen Synode zufolge war alle Bosheit klein, verglichen mit der Bosheit des Weibes. Weibliche Wesen, die im Theologen-Konvikt Dienste verrichteten, sollten wir nicht grüßen, den Blickkontakt mit ihnen möglichst meiden. Tugendhaftes Verhalten junger Theologiestudenten galt es zu schützen. Die Damen verrichteten ihre Arbeit nach dem Heinzelmännchen-Prinzip: Wenn wir nicht anwesend waren.

    Orientierte man sich am Kirchenvater Tertullian, der das Weib als Einfallspforte des Teufels gebrandmarkt hatte? Die Anleitung zu züchtigem Verhalten ließ sich religionsgeschichtlich begründen. Künftige Theologen sollten sich die Welt, vor allem das Weib, vom Leib halten. Abraham a Santa Clara, Schriftsteller und Prediger der Barockzeit, prangerte die Laster seiner Zeitgenossen an. Eindringlich warnte er sie vor den Frauen, die Unheil in die Welt gebracht hätten.

    Auch jetzt sollte die Harmonie der Theologen-Seele gesichert werden. Verborgene Leidenschaften mussten abgetötet werden.

    Die Erziehungs-Enzyklika „Divini illius magistri“ von Papst Pius XI. lieferte zusätzliche Argumente. Die menschliche Natur leidet ihr zufolge unter den Nachwirkungen der Erbsünde. Besonders die Schwäche des Willens und die ungeordneten Triebe sind betroffen. Damit die schädlichen Leidenschaften nicht erst im Alter erlöschen, müssen von Kindheit an ungeordnete Neigungen verbessert, gute dagegen gefördert und geordnet werden. Der Verstand muss erleuchtet, der Wille mit Hilfe übernatürlicher Wahrheiten und Gnadenmittel gestärkt werden.

    Päpstliche Enzykliken irren nicht. Seit Papst Gregor VII. haben wir Kenntnis von der päpstlichen Unfehlbarkeit.„Es irrt der Mensch, solang er strebt“. Der „Herr“ in Goethes „Faust“ ist gegensätzlicher Ansicht.

    Dass sich namhafte Fachleute zur gleichen Zeit kritisch mit dem Stellenwert der Sexualität in Kirche und Gesellschaft beschäftigten, sprach sich in der Theologen-Ausbildung nicht herum. Friedrich von Gagern, Klemens Tilmann, Clemente Pereira lieferten in ihren Schriften Beispiele für einen offenen Umgang mit der Sexualität. Sie gaben Anregungen für eine Sexualerziehung, die einer einengenden Sexualmoral den Boden entzogen.

    Die Universität bot moraltheologische Vorlesungen und Seminare an, die sich mit „Allgemeiner Moral“, mit dem „Pflichtenkreis des persönlichen Lebens“ und dem „Pflichtenkreis des Gesellschaftslebens“ beschäftigten. Dass es zu kritischer Auseinandersetzung damit gekommen ist, entsinne ich mich nicht.

     

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  • Enthaltsamkeitsübungen

    Ich denke daran, wie lange ich vor der Telefonzelle warten musste, wenn ein Mitstudent sie gepachtet zu haben schien. Ein Hotel in der Nähe des „Kastens“ – so titulierten wir Theologiestudenten die Unterkunft, in der wir während der Studienjahre an der Universität wohnten – ermöglichte uns, telefonische Kontakte mit der Außenwelt zu knüpfen. Ein Handy hatte noch niemand erfunden.

    Dass wir nicht nur ein theologisch-religiöses, sondern auch ein privates Leben führten, stand nicht in der Hausordnung. In der Schutz- und Trutzburg galt Telefonverzicht als Einübung in die Enthaltsamkeit. „Niemand kann ans Telefon gerufen werden. Nur dringende fernmündliche Mitteilungen werden weitergegeben.“ Die Oberen gingen davon aus, dass fernmündliche Gespräche kein kommunikatives Bedürfnis künftiger Priester waren.

    Diverse Vorschriften galt es zu beachten. „An privatem Wandschmuck kann im eigenen Zimmer ein gerahmtes Bild in der Größe von 30-40 cm an vorgesehener Stelle aufgehängt werden.“ Was als privater Wandschmuck galt, musste nicht definiert werden. Dem Konterfei einer Schönheitskönigin aus der Welt draußen wäre der Einlass versagt worden.

    Tabuisierungen dieser Art entzogen sich rationaler Begründung. Sie zählten zu den Trennungsritualen auf dem Weg zum Priestertum. „Entbehre gern, was du nicht hast“: Christian Fürchtegott Gellert, Dichter und Moralphilosoph, hätte an den Anordnungen seine Freude gehabt.

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  • Empfehlungen und Entsagungen

    Die Unterkunft, die ich während des Studiums bezog, bot kein erstklassiges Ambiente. Sie entsprach den Vorstellungen der Zeit. Studenten benötigten eine Bleibe, nicht mehr.

    Unnötigen Ballast hatte ich abzustreifen. Güterverzicht war angesagt. Verzicht stärke den Charakter, hieß es. Konzentration auf das Wesentliche galt als Leitmotiv. Ob Asketen den schönsten Teil des Lebens verpassen, wie behauptet wird, darüber dachte ich nicht nach.

    Ein Leben in abgeschirmten Bereichen kündigte sich an. Was benötigte ich? Wovon musste ich mich trennen? Was war wesentlich? Wer legte das fest? Die Antworten – in Form einer Belehrung, was erlaubt und was zu unterlassen war – wurden mitgeliefert. Debatten darüber inszenierte niemand.

    Verzichten hatte ich gelernt. Unsere familiäre Situation während des Kriegs und in den Jahren danach hatte  Gelegenheit dazu geboten. Verzicht wurde nicht angeordnet; er ergab sich durch die Umstände. Mitbringen musste ich Bettwäsche, Tischtuch, Servietten. An Büchern waren erwünscht: Gebetbuch, Deutsche Komplet in der Leipziger Ausgabe, lateinische Psalmen-Ausgabe und das Missale, das die in der katholischen Messe vorgeschriebenen Gebete, Lesungen und Liedtexte enthielt.

    Dass ich mit der Bibel bewehrt erscheinen sollte, war zu erwarten. Der Vorhang, mit dem ich das Bücherregal drapierte – rot übertünchtes Jugendherbergs-Design in Komfort-freier Zone – verbarg nicht nur Erwünschtes. Ein Radio fand dahinter Platz. Es gehörte zu jenen Verfehlungen, die Sittenzeugnis und Hausordnung zu erwähnen unterlassen hatten. In meinen Augen kein vorsätzlicher Regelverstoß, sondern dezenter Hinweis darauf, Regularien nicht absolut buchstabengetreu verstehen zu müssen.

    Grundsätzlich galt: Alles war verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt war. Heimatliebe und Geborgenheit konnten in diesem Ambiente nicht so schnell entstehen.

    Die Liste der Empfehlungen und Entsagungen war lang. Bedürfnisse wurden definiert durch das, was die geistlichen Obern für notwendig hielten. Vermutlich orientierten sie sich auch an gesellschaftlich üblichen Wertvorstellungen jener Zeit. Ihre Liste erwies sich jedenfalls als Vorgeschmack auf eine Freiheit, die  verlangte, Grenzen zu akzeptieren.

    Ob die Verpflichtungserklärungen zur Domestizierung der Bewohner beitrugen, blieb unbeantwortet. Es bedurfte eines besonderen Charakters, die über uns gestülpte Glasglocke als Schutzmaßnahme zu verstehen.

    Als Kind hatte ich denken und entscheiden gelernt. „Danke, ich denke selbst“ war Mutters Antwort, wenn ich ihr einen klugen Rat erteilen wollte. Sie vertraute ihrem eigenen Verstand. Das Recht zu widersprechen, eigenständig zu denken und zu handeln, war ihr wichtig. Das stand sie auch mir zu. Kein „Rede nur, wenn du gefragt wirst“.

    Es ist nicht anzunehmen, dass ihr Bertolt Brechts pädagogische Erfahrung „Kartoffeln sind gesund, ein Kind hält den Mund“ bekannt war. Was nach Brecht „ein Kind gesagt bekommt“, entschied allein sie. Sie ließ es sich nicht vorschreiben.

    Warum verlangte man von uns erwachsenen Theologie-Studenten, „Unnötiges“ zurück zu lassen? Wer hatte das Recht festzulegen, was wir „durften“ oder „nicht durften“, was nötig war oder nicht?

    „Konzentration auf das Wesentliche“ erwartet ein bekanntes Wirtschaftsunternehmen von seinen Mitarbeitern. „Weniger ist mehr“ bezieht sich auf Inhalte und Informationen. Inhalte sollen Notwendiges betonen und in Bezug zu Bedürfnissen des Benutzers stehen.

    Man müsse etwas so haben, als habe man es nicht, hieß es in den Anordnungen zum Verzicht. Immer wolle man mehr haben, als man besitze. Wir sollten ein anderes Verhalten zur Welt praktizieren: Selbstgenügsam, selbstzufrieden, bedürfnislos sein; den Reiz der Entbehrung auskosten, statt uns zu klammern an Vergängliches. Etwas nicht zu haben bedeute, es nicht begehren zu müssen. Das bewahre uns vor dem steten Verlangen nach Bedürfnisbefriedigung. Schon beim griechischen Philosoph Aristoteles, der vor zweieinhalb tausend Jahren lebte, sei nachzulesen, dass es viele Dinge gebe, die man nicht brauche.

    Dass auch individuelle Entfaltungsmöglichkeiten vom Verzicht betroffen waren, wurde nicht erwähnt. Man wusste vermutlich, dass Gemeinschaften umso länger überleben, je mehr Einschränkungen ihnen auferlegt werden, und dass so die Stabilität des Systems gefördert wird.

    Es regte sich Unbehagen. Dass ich Prioritäten setzen und Selbstdisziplin üben sollte, leuchtete ein. Mich zu trennen von lieb gewordenen Besitzständen konnte  heilsam sein. Ballast abzuwerfen, auf Wesentliches zu konzentrieren, mochte mich befreien von falschen Abhängigkeiten und mir helfen, mich neu zu entdecken. Dass auch verordneter Verzicht Gutes bewirkte war mir neu. Um das zu verstehen und einzusehen, musste ich ein bestimmtes Alter erreicht haben.

    Gleichmut und Bedürfnislosigkeit empfiehlt auch der Buddhismus. Er sieht darin Vorstufen, um ins Nirwana einzutauchen. Dahin zu gelangen, hatte ich nicht die Absicht.

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  • Das Sittenzeugnis

    Gern würde ich in dem Sittenzeugnis blättern, das erstellt wurde. Setzte das Studium mein Fromm-Sein voraus?  Würde es die Frömmigkeit fördern, wenn sie der Förderung bedurfte? Vielleicht enthält das Zeugnis Andeutungen, die zwanzig Jahre später den Abschied vom Priesteramt zur Folge hatten, weil ich doch kein Besonderer war oder meine Frömmigkeit zu wünschen übrig ließ.

    Die geistige Begabung des Bewerbers war unter die Lupe zu nehmen. Ob er in seiner Klasse leistungsmäßig zu den Besten, zum Durchschnitt oder zur unteren Hälfte zählte, wurde gefragt. Mein Abiturzeugnis hatte ich nicht vorgelegt. Ich ging davon aus, dass nur die positiven Seiten meiner Fähigkeiten angekreuzt wurden.

    Über geistige oder körperliche Defekte bei Eltern, Geschwistern oder sonstigen Verwandten wollte man etwas in Erfahrung bringen. Es wurden Auskünfte verlangt, die sich nicht nur auf den Geist, sondern auch auf den Leib bezogen.

    Zum Glück hatte man nicht nach dem Stammbaum meiner Familie gefragt. Meine Vorfahren konnten vor gut zweihundert Jahren weder lesen noch schreiben. Die deprimierende Feststellung hatte ich der Ahnenforschung entnommen. Hätte sie das Ende meiner Theologen-Träume bedeuten können?

    Ob die Familie ein Mitglied mit einem weniger guten Ruf hatte, wollte der Auftraggeber des Zeugnisses beantwortet wissen. Was war bei mir ans Tageslicht gekommen?

    In welchem Ruf der Bewerber in der Gemeinde stand und ob er in der Gemeinschaft versagte. Über Eigenbrötelei, Geltungsdrang, Ichbezogenheit und Unduldsamkeit war Rechenschaft abzulegen. Meine Absicht, Theologie zu studieren, hing am seidenen Faden.

    Ob ich ein Muttersöhnchen sei, musste beantwortet werden. Von meiner Mutter hielt ich viel. Sie auch von mir. Ihre Geschichte war Teil meiner Geschichte. Nach Artikel Acht der Europäischen Menschenrechts-Konvention wird jedem das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens zugestanden. Hatte sie für die Anfertigung eines Sittenzeugnisses keine Geltung, weil die deutschsprachige Fassung völkerrechtlich nicht verbindlich ist?

    Die Fragen des Sittenkatalogs nahmen kein Ende.  Kritik-Sucht und Rechthaberei, Unzuverlässigkeit und Eigensinn, überhebliches oder vorlautes Wesen wurden hinterfragt. Auftreten in der Öffentlichkeit, Eitelkeit in der Kleidung, zu große Freiheit in der Wahl der Lektüre wurden überprüft. Die Chance, ein Theologie-Studium zu beginnen, schwanden dahin.

    Auf Beichtspiegel hätte man zurückgreifen können, die für Beicht- und Bußwillige Sündenregister im Angebot hatten. Beichtspiegel zählten auf, was man falsch machen konnte. Sie kannten Vergehen, von denen man nie gehört, an die man nie gedacht hatte. Manche Vergehen gestanden sich Sünder ein, obwohl sie diese nicht begangen hatten. Kein Seelenstriptease konnte tiefgründiger sein.

    Das Sittenzeugnis machte es dem Nachforschenden nicht leicht. Er musste Schwachstellen entdecken, wo es keine  gab.

    Indirekt stellte sich die Frage nach schizophrenen Symptomen. Wie war feststellbar, ob es welche gab, ob psychische Unzulänglichkeiten oder Auffälligkeiten theologisch-beruflichen Zielen im Weg standen? Schizophrene, gemütskranke Menschen stammen häufig von schizophrenen Müttern oder Vätern ab, sagt man. Meine Mutter hätte den um Auskunft Bittenden als schizophren eingestuft, wenn sie danach befragt worden wäre. Mein Vater war tot; er konnte nicht Stellung nehmen.

    Warum sollte ich mich einem Psyche-Test unterziehen? Warum gab es derartige Hürden für Priesteramt-Kandidaten?

    Stutzig hätte mich die Frage nach dem Benehmen gegenüber weiblichen Personen machen müssen. „Weibliche Personen“ klang allgemein, unverbindlich, abstrakt. Weibliche Personen waren ein Neutrum, das Weibliche schlechthin. War gemeint, ob mich, den hoffnungsvollen theologischen Zögling, wie in Goethes Faust das ewig Weibliche hinan bzw. hinab zog, ob ich gegen Beziehungswahn, welcher Art auch immer, gefeit sei?

    Heutige Vergehen wie Umweltverschmutzung, Einnahme von Drogen und andere neumodische Laster standen nicht im Katalog. Gegen sie konnte ich nicht verstoßen haben.

    Vielleicht wusste man mehr über mich, als ich dachte. Man hätte zusätzlich in chinesischen Sternzeichen forschen können. Im Sternzeichen des Hasen hätte man Überraschendes über mich entdeckt. Hasen haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie setzen sich für Benachteiligte und Minderheiten ein.

    In unseren Tagen erübrigen sich Sittenzeugnisse. Jeder kann alles über jeden erfahren. Wer wissen will, warum sein Nachbar gestern die Gardinen um neun Uhr  beiseite schob und nicht schon um acht Uhr, dem genügt ein Fingertouch auf einem unauffällig kleinen Gegenstand, der in eine Westentasche passt. Jenes unscheinbare Etwas oder auch ein elektronisches Armband erfahren und wissen alles, meistens noch mehr. Jede Art von Kommunikation wird überwacht – Telefon-Gespräche und SMS-Nachrichten, E-Mails und Suchanfragen im Internet. Immer mehr Daten werden gespeichert, die ich immer weniger verstehe.

    Vielleicht hatten Sittenzeugnisse doch ihren Charme.

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  • Die Guten ins Töpfchen

    In welcher Schublade mag die „eingehende persönliche Charakterisierung des Bewerbers“ gelandet sein, als ich mich zum Studium der Theologie angemeldet hatte? Kurz vor dem Abitur hatte ich mich dazu entschlossen und mein bisheriges Vorhaben, der Kunst oder dem Schuldienst den Vorrang zu geben, aufgegeben.

    Der beauftragte Pfarrer ließ mich wissen, Auskunft über mich erteilen zu müssen. Um welchen Posten hatte ich mich beworben? Musste ein Personalchef von meinen Qualifikationen überzeugt werden? Ob ich zum Bewerbungsgespräch geladen wurde?

    Ich weiß nicht, was der Pfarrer mitgeteilt hat. „Streng vertraulich“ hieß es. Warum die Geheimniskrämerei? Ich hoffe, dass sie dem Pfarrer keine schlaflosen Nächte bereitet hat. Immerhin ließ er durchblicken, er müsse ein Sittenzeugnis schreiben, das unmittelbar, ohne es mich lesen zu lassen, an den Direktor des Konviktes zu senden sei. Geheime Kommandosache, die nicht dem Transparenz-Gebot unterlag.

    Ich wusste nicht, dass eine Integritätsprüfung anstand  in Form eines Tauglichkeit-Zeugnisses. Brautleute mussten sich vor der kirchlichen Eheschließung einem Examen unterziehen. Sie wurden nach möglichen Ehehindernissen befragt. Es wurde geprüft, ob sie eine unauflösliche Ehe eingehen wollten. Zudem hatten beide ihr Zusammenleben auf die Zeugung und Erziehung von Kindern auszurichten. Kirchen-bürokratische Hürden und Vorschriften.

    Für mich war neu, dass Bereitschaft und Eignung für das Theologiestudium ähnlich geprüft wurden wie die Tauglichkeit für die Ehe oder den staatlichen Wehrdienst. „Katholisch und schwindelfrei“ muss jemand sein, der sich als Dombaumeister im Erzbistum bewirbt. Mitabiturienten, die Medizin studieren wollten, wurden vorher nicht auf ihre sittliche Reife getestet. Ich hielt mich gesundheitlich und intellektuell für geeignet. Das reichte nicht.

    Die Vatikanische Kongregation für das Katholische Bildungswesen hatte eine Grundordnung für die Ausbildung der Priester erlassen. Die Berufung zum Priestertum sei ein übernatürliches Geschenk, das vollkommen unverdient sei, hieß es darin. Es sei ein faszinierendes, beglückendes, erfüllendes Geschenk, ergänzte ein Generalvikar. Priester zu sein, übersteige alle menschlichen Kräfte. Priestersein bedürfe besonderer Gnade.

    Das unverdiente Berufungs-Geschenk dürfe nur angenommen werden, schränkte die römische Kongregation ein, wenn physische, psychische, moralische und geistige Qualitäten vorhanden seien. Die müssten sorgfältig geprüft werden.

    Gott lasse es seiner Kirche nicht an Dienern fehlen, wenn man nur die Fähigen auswähle, steht im Vatikanischen Dekret. Man konnte aus dem Vollen schöpfen. Die Guten ins Töpfchen, die Anderen sonst wohin. Entweder-Oder-Kategorien. Die Leistungsethik der Nachkriegs-Jahre wirkte nach. Gott würde rechtzeitig für geeigneten Nachschub sorgen. Die Illusion einer immerwährenden Kontinuität nährte solche Zuversicht.

    Ehe ich mich auf den Weg machte, wusste ich, dass mein Weg ein außerordentlicher war. Zweifel waren ausgeschlossen. Meine bisherige Schullaufbahn war schon keine normale gewesen. Auf einer „Höheren Schule“ hatte ich mein Abitur gemacht, nicht nur die „Volksschule“ absolviert. Viele Mitschülerinnen und Mitschüler waren nicht weniger qualifiziert als ich, hatten aber niemanden, der ihnen den Weg für weitere Qualifikationen ebnete.

    Meine menschliche Reife stand außer Zweifel, wenn ich für den angestrebten Weg als geeignet angenommen wurde. Mein künftiges Leben würde ein besonderes Leben sein, geprägt vom Gefühl der Zugehörigkeit zu einer besonderen Klasse, zu einer Schar Auserwählter. Ich gehörte zu den Guten.

    Ein Glück, dass ich meinen Wunsch aus Kindertagen, Lokomotivführer zu werden, früh genug aufgegeben hatte.

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  • Ohne Berufungserlebnis

    Erfahrbare Personen und Begegnungen vor Ort prägten meine Erfahrungen mit der Kirche. Ein in der Pfarre tätiger Kaplan war durch Kriegsverletzungen gehandicapt. Es kam vor, dass er einen epileptischen Anfall während der Messfeier erlitt und diese nicht zu Ende führen konnte. Priester waren keine himmlischen Geschöpfe, sondern verwundbar und verletzlich wie alle Menschen.

    Gelegentlich fielen Begriffe wie Berufung, Verzicht, Opfer. Wen Gott rufe, dem verheiße er Großes, ließ der Pater durchblicken. Zuhause erzählte ich das nicht. Von solchen Verheißungen hielt Mutter nichts. Gelassen ging sie damit um, zu den „kleinen Leuten“ im Dorf zu gehören. Deren Leben spielte sich in überschaubaren Realitäten ab. „Berufung“ kam darin nicht vor.

    Von einem außerordentlichen Berufungserlebnis, einem Fingerzeig des Himmels oder sonstigen Eingebungen weiß ich nichts. Keine Insel Patmos, die für den Evangelisten Johannes Ort seiner Berufung war. Keine Marien-Erscheinung. Nirgendwo übermächtige Gewalten und Gestalten.

    Der Missionar dagegen hatte eine Vision. Gott habe sich ihm in einem Gottesdienst geoffenbart. Ich konnte ihm kein Schlüsselerlebnis nennen. Was sich im rheinisch-katholischen Dorfleben ereignete, wurde schnell ruchbar. Die Leute zuckten nicht uninteressiert mit den Achseln, wenn sich Neuigkeiten ereigneten. Man wusste voneinander. Man beobachtete einander. Berufungs-Erlebnisse hätte man mir angesehen.

    Als ich eines Tages tatsächlich Zukunftspläne schmiedete, war ein Besuch auf der missionarischen Urwald-Station des Paters kein Thema mehr. „Mutter Kirche“ konnte mit mir nicht anders rechnen als bisher. Ich interessierte mich für die Schullaufbahn. Kunst und Kunstgeschichte zählten zu meinen bevorzugten Interessengebieten.

    Zu Anderem oder Höherem fühlte ich mich nicht berufen.

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  • Kirche zum Anfassen

    Ein Missionar, der im brasilianischen Regenwald tätig war, stammte aus meinem Heimatort.
    Wenn er Heimaturlaub hatte und die Messe in der Kirche unseres Tausendseelen-Dorfes feierte, war ich stolz, als Ministrant dabei sein zu dürfen. Messdiener seien Gott besonders nahe, versicherte der Pater. Davon spürte ich nichts. Dass man, wie der Pater behauptete, im Glauben gestärkt werde, wenn man regelmäßig den Gottesdienst an exponierter Stelle im Altarraum mitfeiere, blieb mir ebenfalls verborgen.

    Mir genügte es, das Weihrauchfass schwingen und den großen Leuchter tragen zu dürfen. Das mache mich zum kleinen Kleriker, sagte der Pater. Dass Ministranten lateinische „clericetti“ seien, sagte mir nichts; es interessierte mich nicht besonders. Solche Vokabeln tauchten im Latein-Unterricht am Gymnasium nicht auf. Ich wurde erst aufmerksam darauf, als mir der Begriff „Kleriker“ Identifikations-Probleme bereitete.

    Dass gut sechzig Jahre später auch Mädchen das Weihrauchfass schwingen würden, konnte der Pater nicht voraussehen. Ob das weibliche Geschlecht sogar für das Priesteramt in Frage kam, hätte er nicht zu fragen gewagt. Maßgebliche Vertreter der kirchlichen Hierarchie widersetzen sich nach wie vor solchem Nachdenken.  Priestertum der Frau ist gleichzusetzen mit „Irritation“ und „Verwirrung“. Dass man den Ausschluss von Frauen von kirchlichen Ämtern biblisch nicht begründen kann, spielt keine Rolle. Priestertum sei männlich, wird erklärt. Ein Papst habe endgültig für Klarheit gesorgt.

    Dennoch bleibt die Frage bestehen, ob Gott seine Pläne für die Kirche nicht revidieren und „Damenwahl“ bzw. priesterliche Frauen-Biographien zulassen wird, sofern man ihn nicht daran hindert.

    Mir reichte es zu Messdiener-Zeiten, anschaulich Kirche zu erleben und glaubwürdiges Tun zu erfahren. Da waren die jährlichen Maiandachten vor dem mit Blumen geschmückten Marienaltar in der Dorfkirche. Dass die Gottesmutter Königin und Mutter der Barmherzigkeit sei und als solche verehrt werde, wie der Pfarrer verkündigte, hörte und überhörte ich. Ich konnte es wahrscheinlich nicht nachvollziehen. Mehr schätzte ich die Möglichkeit, aus unserem Garten stark riechende Fliederbüsche in die Kirche schleppen  zu können. Im Mai-Monat war das meine Lieblings-Beschäftigung. Der Marienaltar in der Seitenkapelle glich in dieser Zeit einem weißen oder violetten Fliederblüten-Meer.

    Kirche zum Anfassen, zum Sehen und Riechen. Glauben mit allen Sinnen. Kein katholisches Theater, wie eine Nachbarin abschätzig äußerte. Ab und zu durfte ich mit dem Pater zusammen frühstücken. Priester zum Anfassen. Es gab Schinken und Käse, ein gekochtes Ei und Kaffee. Solche Frühstücks-Zutaten  kannte ich nicht einmal vom Hörensagen.

    Als mich der Pater einlud, ihn in Brasilien zu besuchen, erwiderte ich folgerichtig, das habe keine Eile. Es faszinierte mich, dass er eine Flussreise auf dem Amazonas plante. Dass er mehrere Wochen auf ein Motorboot warten musste, dämpfte meine Reiselust. Im gleichen Jahr, in dem ich zum Priester geweiht wurde, starb der Urwald-Doktor Albert Schweitzer. Ihn hätte ich gern besucht.

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  • Die Macht der Erinnerungen

    Meine Mutter war trotz aller Vorbehalte gegenüber himmlischen Versprechungen eine tief religiöse Frau, mit einer eher wortkargen Frömmigkeit. Kein „lieber Gott“, dem sie sich anvertraute. Keine „fromme Seele“. Natürlicher Skeptizismus zeichnete sie aus. Sonntags- und Werktagsgottesdienste begannen für sie jedoch nie zu früh, um sich auf den Weg zur Kirche zu machen. Mit der „Frommes“, der Frühmesse, begann ihr Tag. Mich nahm sie mit. Ich hatte keinen Grund, das zu hinterfragen.

    Zwei Mal in der Woche stand Schulgottesdienst auf dem Stundenplan in der damaligen Volksschule. Die Aufsicht führenden Lehrer registrierten, ob alle Kinder anwesend waren. Wenn unsere Familie vor dem Abendessen in der Küche auf den Knien lag, war Rosenkranz-Zeit. „Der für uns gegeißelt worden ist.“ „Der für uns das schwere Kreuz getragen hat.“ Das Geschehen um das Leiden und Sterben Jesu ließ in der Fastenzeit die Rosenkranzperlen durch die Finger gleiten. Die Knie beschwerten sich nicht über die unbequeme Körperhaltung. Sie waren im Winter geschützt durch lange Strümpfe. Mutter hatte sie gestrickt.

    Warum haben wir dieses Leben akzeptiert? So frage ich heute. Weil es vermutlich keine Alternativen gab. An wortreiche Klagelieder meiner Mutter kann ich mich nicht erinnern. Ihren Schmerz über den frühen Verlust ihres Mannes, meines Vaters, hat sie nie gezeigt. Für Trauer blieb weder Raum noch Zeit. Psychotherapeuten wären beschäftigt gewesen. Negative Erlebnisse wurden verdrängt. In fast allen Häusern gab es ähnlich leidvolle Erfahrungen. Warum sollte es uns anders ergehen? Es hätte viele Gründe für viele Tränen gegeben. Geflossen sind sie nur spärlich. Oder sie blieben uns Kindern verborgen.

    Hin und wieder betrachte ich alte Fotos, die in die Gegenwart hinüber gerettet wurden. Sie dokumentieren Kindheitserfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Das Foto mit der Petroleumlampe gehört dazu. In ihrem faden, kümmerlichen Schein hockten wir im Keller, weil im Radio vor der Bombardierung der nahen  Eisenbahnstrecke gewarnt worden waren. Noch heute meine ich den ranzigen Geruch der Lampe in der Nase zu spüren, weil der Docht filzig war und vor sich hin schwelte. In einem Nachbarhaus war eine Lampe explodiert, da sich leicht entzündliches Gas entwickelt hatte.

    Sprengbomben trafen die Pfarrkirche und zerstörten das gotische Maßwerk und die Fenster im Chorraum.

    Solche Zeugnisse haben nicht nur dokumentarischen Wert. Sie machen Erlebtes bewusst, wecken Gefühle. Vergangenes verrottet nicht.

    Ich will es nicht aufleben lassen, weiß aber, dass es nachwirkt. In welcher Form sich vergangene Ereignisse und erlebte Geschichten auf spätere Entscheidungen ausgewirkt haben, vermag ich nicht zu beurteilen, wie ich bereits andeutete. Vielleicht sträube ich mich gegen die eine oder andere Erinnerung, oder ich habe Abwehrmechanismen entwickelt, Schutzwälle des Schweigens errichtet. Geblieben sind sie dennoch – mächtig, wenn auch nicht übermächtig.

    Über den Autor

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  • Im Dienste menschlicher Verpflichtung

    Im Dienste menschlicher Verpflichtung

    „Bürgerpreis 2016 an besonders engagierte Bürgerinnen, Bürger und Initiativen, die sich ehrenamtlich in besonderem Maße für geflüchtete Menschen einsetzen“. Zum fünften Mal wurde dieser Preis der Mönchengladbacher SPD am Donnerstag-Abend, dem 7. April 2016, im Rheydter Theater-Café verliehen.

    Man kennt sich, man plaudert und schüttelt Hände. Familientreff in zwangloser Atmosphäre.
    Begrüßung durch Gülistan Yüksel, Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der SPD Mönchengladbach.

    spd-buergerpreis-2016-0094Viele begrüßenswerte SPD-Mitglieder sind anwesend. Besonderer Gast in der Runde: Frau Kampmann, „liebe Christina“, SPD-Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie weiß nach einem Besuch in Afghanistan, Pakistan und im Libanon um die dortige Not der Menschen. Sie erinnert sich positiv, dass die Menschen trotz vieler Rückschläge an eine bessere, demokratischere, lebenswertere Gesellschaft glauben, aber oft scheitern.
    Einziger Ausweg für viele: Flucht, das eigene Leben riskieren. Flucht in der Hoffnung auf eine Zukunft, auf eine Lebens- Perspektive.

    Eine gesamt-staatliche, gesamt-gesellschaftliche Herausforderung ergibt sich daraus für uns, sagt die Ministerin. Guter Wille sei gefragt. Den erkennt sie bei den „Helden unserer Zeit“, den Bürgern und Initiativen, die Integration leisten. Nicht Ausländer kommen zu uns, sondern Menschen, vor allem Kinder. Sie zitiert Johannes Rau: Zukunft sei zu gestalten. Konsequenz: Klare Haltung gegen alle Fremdenfeindlichkeit, die unsere Gesellschaft spalten will. Im Gegenteil: Flüchtlingsgeschichten müssen Erfolgsgeschichten werden. Durchhaltevermögen und Verantwortungsbewusstsein sind gefragt.

    spd-buergerpreis-2016-0097Das Ensemble „Con brio“ der Musikschule Mönchengladbach garantiert zwischendurch mit beschwingter „Alter Musik“ dafür, dass an diesem Abend die positiven „neuen“ Töne die Oberhand behalten.

     

     

    Dafür sorgt natürlich auch die Auszeichnung für engagierte Bürger, die von Winfried Kroll, Josie Gauselmann und Hans Willi Körfges vorgestellt werden:

    spd-buergerpreis-2016-0108Tony Trapp, Leiter der Begegnungsstätte „BÜZ“ Römerbrunnen, Kurzform für Bürgerzentrum, blickt dankbar zurück auf seine 30-jährige Tätigkeit in einem sog. sozialen Brennpunkt. Sympathisch, dass er die neunzehn Ehrenamtler einbezieht, die sich mit ihm mehrmals wöchentlich in einem bereitgestellten Ladenkokal und im Flüchtlings-Café um „alltägliche Belange“ der Asylbewerber kümmern: Hausaufgabenbetreuung, Sprachkurse, Planung gemeinsamer Feste. Dass er zur Vertrauensperson am Römerbrunnen wurde, gründet in seinem positiven Menschenbild.

    spd-buergerpreis-2016-0110Die Mitglieder der Facebook-Gruppe „Mönchengladbacher helfen“ mit ihrem Initiator Andreas Vels werden ausgezeichnet. Ihr Engagement schien zunächst ein „Tropfen auf den heißen Stein“ zu sein. Aber das Facebook-Unterfangen, Partei zu ergreifen für Flüchtlinge, ist ein Erfolg geworden. Kein „Ja, aber“: Inzwischen engagieren sich 3.800 Bürger mit ihren Spenden; zehn-fünfzehn waren es zu Beginn. Ein Kreislauf ist entstanden von und mit  Leuten, die helfen möchten und Spendenaktionen für Obdachlose organisieren.

    spd-buergerpreis-2016-0117Der Schwimmverein SSV Rheydt demonstriert eindrucksvoll, dass auch über den Sport Hilfsmodelle entstehen können. Im Schulschwimmbad des Franz-Meyers-Gymnasiums geht ein Übungsleiter am Wochenende mit Asylbewerbern schwimmen. „Es sind immer Interessenten da“, sagt die Vorsitzende des SSV und neue Preisträgerin Gudrun Gruhn. „Wer kommt, der kommt..“ Seit Januar 2015 werden Schwimm-Termine getrennt für Männer und Jungen sowie für Frauen und Mädchen angeboten. Badeanzüge und Badehosen stellt die NEW zur Verfügung. Ein großer Helferkreis in Giesenkirchen trifft sich alle sechs Wochen und plant Hilfen, wo Not an Frau, Mann oder Kind gefragt sind. Auch Hans Willi Körfges unterstreicht die außerordentliche Hilfsbereitschaft im SPD-Stadtbezirk Giesenkirchen.

    Die an diesem Abend gewonnenen Eindrücke und neuen Erfahrungen lassen sich die Anwesenden beim abschließenden kleinen Buffet noch einmal auf der Zunge zergehen. Der SPD-Bürgerpreis erweist sich als lobenswerte und nachahmenswerte Initiative. Er dokumentiert mit den diesjährigen Preisträgern, dass der zunächst hoch gelobte und später teilweise gescholtene Mutmacher-Wahlspruch „Wir schaffen das“ seine Berechtigung behalten hat. Umgesetzt wird er von jenen, die nicht immer in der Zeitung stehen. Es sind Menschen, die nicht auf Selbstsicherung und Selbstversicherung setzen wie jene, die Fremdenfeindlichkeit schüren und nicht unterscheiden können zwischen Protest und Gewalt. Man muss kein Belohnungssystem für sie aktivierten. Dennoch ist es aller Ehren wert, ein Loblied auf sie zu singen, die sich ihrer menschlichen Verpflichtung bewusst sind. – über  Parteigrenzen hinaus.

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  • Totenzettel

    Gefallene oder vermisste Väter, Söhne und Freunde waren überall in der Nachbarschaft zu beklagen. Ich war noch zu jung, um mir vorstellen zu können, was das bedeutete. Ich meine mich daran erinnern zu können, als der Briefträger kam und meiner Mutter einen Brief in die Hand drückte. Aus Bruchstücken setzt sich meine Erinnerung daran zusammen. Nie hat sie darüber gesprochen.

    Eines Tages habe ich begonnen, nach meinem Vater zu fragen. Viele Zeitzeugen, auch meine Mutter, waren verstorben. Heute durchsuche ich Totenzettel und alte Zeitungsnotizen. Ich frage nach bei Verwandten und Bekannten. Ich sitze in Bibliotheken und suche nach dem Gestern. Ich will wissen, was gewesen ist. Ich will wissen, ob es mein Leben betrifft.

    Einen Brief habe ich gefunden. Ein Bruder meines Vaters schrieb ihn 1940 aus Frankreich an seine Schwester. „Hoffentlich kommt bald der Befehl zum Generalangriff. Wir sind es leid. Wir möchten kämpfen oder nach Hause gehen. Eines wird sicher bald eintreffen, sobald es Frühling wird: Sie werden die deutschen Fäuste zu spüren bekommen.“

    Vier Wochen später kritzelte er auf eine Feldpostkarte: „Hoffentlich besinnen sich unsere jetzigen Feinde. Wir hatten diese Woche eine Übung mit scharfer Munition. Ich kann nur sagen, wenn es mal losgeht, dass es dem Feind dann sehr schlecht geht.“ Wiederum vier Wochen später stand auf seinem Totenzettel: „Betet für die Seelenruhe des tapferen Soldaten, der für das Vaterland sein junges Leben opferte.“

    Zwei Jahre war ich damals alt. Warum will ich das wissen? Ich weiß es nicht. Oder vielleicht doch. Was ich heute bin, hat ist nicht unabhängig von dem, was  gestern war.

    Vier Jahre war ich alt, als mein Vater starb. Im gleichen Jahr diskutierte die Wannseekonferenz in Berlin über die Endlösung der Judenfrage. Der Blutrichter Roland Freisler wurde Präsident des Reichsgerichtshofes. Der Schriftsteller Stefan Zweig nahm sich in Rio de Janeiro das Leben.

    Ich will wissen, was war, um zu erfahren, wer ich bin.

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  • Ehrenvoll

    Meine Mutter war fünfunddreißig Jahre alt, als ihr „der Heldentod“ meines Vaters mitgeteilt und zum „ehrenvollen Andenken an den tapferen Krieger“ aufgerufen wurde. Ob es für sie viel bedeutete, dass er „als vorbildlicher Soldat in treuer Pflichterfüllung gefallen“ war?

    Über ihre eigene treue Pflichterfüllung hat sich die patriarchalisch geprägte Gesellschaft wahrscheinlich keine Gedanken gemacht. Das, was „Krieger-Witwen“ erlitten, wurde zugeschüttet von den Schichten des Vergessens oder als Privatangelegenheit angesehen. Es begannen Mutter-Tage, Mutter-Jahre mitten im Krieg. Mutter-Freuden sahen anders aus.
    Ich kann mich nicht erinnern, dass sie nach Sozialamt, Recht auf Kindergartenplatz oder Ganztagsbetreuung gerufen hat. Hätte es schon den Begriff „allein erziehend“ gegeben, man hätte ihn wörtlich nehmen müssen.

    Ich habe viele solche Mutter-Tage erlebt. „Muttertag“ wurde bei uns nicht gefeiert. Wir hatten ihn täglich. Messer, Schere, Gabel, Licht dafür weniger. Dazu Urlaub auf dem Hinterhof. „Mutter, was soll das noch geben?“ Oft hätte ich das fragen können.

    Ich verstehe nicht, dass ich das überlebt habe und auch noch erwachsen geworden bin. Die Mutter-Tage und Mutter-Jahre von damals müssen etwas gehabt haben, das es nicht mehr gibt.

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  • Maikäfer flieg

    Beendet wurden die bedrängenden Umstände durch die Währungsreform. Die Deutsche Mark wurde alleiniger Bezugsschein für Waren. Im einzigen Geschäft des Dorfes tauchte über Nacht das zu hohen Preisen in den Regalen auf, was anscheinend tags zuvor noch nicht existiert hatte.

    Rosige Märchenbilder sind nicht die Bilder jener Jahre, die in mir haften geblieben sind. Wenn ich eintauche in den Horizont meiner Kindheit, treten verklärte Erinnerungen an Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe kaum zum Vorschein.

    Meine Gedanken wandern hinüber in ein Pfarrarchiv. Dort sollen Niederschriften fehlen über den Zeitraum zwischen 1931 und 1949, vor allem über die Jahre des Nationalsozialismus. Manche Eintragungen wurden, wird unterstellt, nachträglich gelöscht. Es müssen Erinnerungen gewesen sein, die man verdrängte oder tilgen wollte. Selbsttäuschung. Die so handelten, bekleideten möglicherweise verantwortliche Positionen in Pfarreien, Schulen und Verwaltungen.

    „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg.“ Das Volkslied aus der Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ haben wir nicht gesungen, sondern erlebt. Mutter wird auch nicht angenommen haben, mein Vater trällere irgendwo im Schützengraben voll Sehnsucht an die Liebste daheim das Lied „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“, das die Nationalsozialisten zu Propaganda-Zwecken missbrauchten.

    Romantische Gefühle, die eine heile Welt vorgaukelten, waren ihr zuwider. Sie hätte eher gebeten „Sag mir, wo die Blumen sind“. Ob sie diesen Anti-Kriegs-Song kannte, entzieht sich meiner Kenntnis.

    1942 fiel mein Vater in Russland. Ein Aufruf des Führers zum „Kriegswinterhilfswerk des Deutschen Volkes“ forderte das Volk in der Heimat zu höchster Opferbereitschaft auf. Opfer, die wir leisten könnten, seien nur ein Bruchteil dessen, was die deutsche Wehrmacht verbringe, tönte er. Er erwarte, dass die Heimat ihre Pflicht erfülle.

    Sein Appell muss wie Hohn in den Ohren meiner Mutter geklungen haben. „Sparen hilft den Sieg sichern.“ Der Reichswirtschaftsminister behauptete es und unterstrich mit solchen Sprüchen die eigene Bedeutung.

    Der Anforderungsbogen wurde überspannt. Viele ahnten, dass der mythische Leviathan nahe war – jenes Ungeheuer, das Chaos und Tod bescherte. Ob und in welcher Weise sich diese Ereignisse auf meine kindliche Entwicklung ausgewirkt haben, kann ich nicht beurteilen. Ohne Auswirkungen werden sie nicht geblieben sein.

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  • Die Pendeluhr – Vorwort und Spurensuche

    Viele Geschehnisse in meinem Leben führten lange ein Schattendasein in fast vergessenen Ordnern. Dann machten Freunde mich neugierig: „Gibt es Ereignisse in deinem Leben, die wir nicht kennen?“

    Gab es welche? Wenn ja, wen, außer mich selbst, konnten sie interessieren? Warum sollten andere erfahren, was mich betraf? Waren Außenstehende befugt, in meine Geschichte hineinzuhören? Wo sollte ich diese beginnen lassen?

    Dass sie großes Erregungspotential beinhaltete, hielt ich für unwahrscheinlich. Jedenfalls rechnete ich nicht damit.

    Zeilen, Seiten entstanden. In die Gegenwart geholte Erinnerungen. Erinnerungsvirtuose bin ich nicht. Dennoch gelang es mir, einzutauchen in weit zurückliegende Vorgänge.

    Einiges hat sich ereignet wie beschrieben, liegt aber so lange zurück, als habe es nicht stattgefunden. Sind es Bilder, Eindrücke, Erinnerungssplitter, die ich flüchtig, aus den Augenwinkeln heraus, wahrgenommen habe? War es so? Hat es so sein können? Haften blieb vor allem das, was einen besonderen Stellenwert für mich hatte.

    Was ich schreibe, schreibe ich für mich. „Sine ira et studio – ohne Zorn und falschen Eifer, ohne persönliche Emotionen und Parteilichkeit“ zu berichten, wie der römische Historiker Tacitus empfahl, ist mir wahrscheinlich nicht gelungen. Vielleicht wollte ich das auch nicht.

    Niemanden klage ich an. Es ist „meine Geschichte“.

    Spurensuche

    Ich ging auf Spurensuche und war überrascht, an welche Details ich mich erinnerte. Wie aus dem Nebel tauchten Ereignisse im Strom der Erinnerung auf, die ich längst verschollen glaubte. Sie hatten sich eingeprägt: Personen, Geschehnisse, Erlebtes, Erlittenes. Erinnerungen schmelzen nicht dahin wie Schnee.

    Etliches ging verloren in den Abgründen der Zeit, oder ich habe es nicht für erinnernswert gehalten. Es ist entglitten. Ich habe es entgleiten lassen. Ich nehme mir die Freiheit, Ereignisse für mich zu belassen – vorerst zumindest. Es gibt unbeschriebene Seiten im Buch meiner Geschichte. Meine erinnerbare Geschichte enthält Lücken. Nicht alles gebe ich preis. Auch sind Ereignisse dabei, von denen ich Abstand genommen habe oder an die ich nicht erinnert werden möchte. Wenn nur Fragmente übrig geblieben sind, weiche ich nicht in Fiktionen aus.

    Ich begab mich nicht auf die Suche nach einer verlorenen Zeit, der ich nachtrauere. Erinnerungen hege und pflege ich, aber es soll keine der Vergangenheit zugewandte Erinnerungschronik entstehen. Ich transportiere mich nicht zurück in ein „Es war einmal“, sondern lebe in der Gegenwart. Dennoch weiß ich, dass aus Gegenwart schnell Vergangenheit wird. Was heute ist, gilt morgen als gewesen. Den Fluss des Lebens kann ich nicht aufhalten.

    In meinen bisherigen Lebensjahren versammeln sich Nähe und Ferne, Vergangenheiten und Stationen. Die Landkarte meiner Erinnerungen weist viele Punkte auf. Ich veranstalte keine Neuinszenierung dessen, was war. Gestriges beschwöre ich nicht unnötig herauf. Dennoch gilt auch Vergangenes in meinem Leben. Nichts ist ohne ein Vorher. Ich bin nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht.

    Entscheidungen, die ich getroffen habe, kamen auf den Prüfstand, wurden korrigiert. Nicht alle Wegbegleiter waren und sind damit einverstanden. Was ich getan bzw. unterlassen habe, hinterließ Spuren und Meinungen.

    Von einer ehemaligen amerikanischen Außenministerin wird erzählt, sie trage eine Uhr, deren Zeiger stillstehen. Sie möchte die Zeit, vielleicht ihr Leben, anhalten. Dafür wird sie Gründe haben. Tage und Jahre vergehen oft schnell, eilen vorbei – wie im Flug. Oft möchten wir uns an etwas klammern, uns näher damit auseinandersetzen.

    Auch mir geht es so. Aber weder die großen Uhrzeiger der Weltgeschichte noch die kleinen des täglichen Lebens lassen sich nach Belieben manipulieren. Das Leben und die Zeit lassen sich nicht anhalten, erst recht nicht rückgängig machen.

    Erinnerungen seien das, woran man sich nicht erinnern möchte – diese Meinung teile ich nicht. Vergangenheit werde ich nicht los. Ich entkomme ihr nicht und will ihr nicht entkommen. Sie ragt hinein in meine Gegenwart, und ich möchte nicht, dass sie sich zu weit von mir entfernt.

    Vieles wirkt nach. Bis heute. Es ist nicht in der Requisitenkammer gelandet, sondern hat einen Ankerplatz in meinem Leben gefunden. Es kann aber nicht mit einer Renaissance, einer Wiederkehr rechnen. Nichts soll dem, was heute ist, im Weg stehen.

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  • Irgendein Simon

    Irgendein Simon

    ich mische mich nicht ein
    Proteste und Beten sind nutzlos
    Ruhe empfahl mir der Arzt
    außerdem hab ich Migräne

    ich mische mich nicht ein
    mich fragte keiner
    Undank ist der Welt Lohn
    lieber nicht die Finger verbrennen

    ich mische mich nicht ein
    sie nahm nicht die Pille
    es musste so kommen
    sie wusste es besser

    damals:

    irgendein Simon
    zufällig dabei
    auf dem Weg zur Freundin
    schleppte ihm das Kreuz

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