Autor: Peter Josef Dickers

  • Gesuch um Laisierung

    Gesuch um Laisierung

    Die Kongregation des Heiligen Offiziums im Vatikan hatte eine Kommission gegründet, deren Aufgabe es war, Gesuche um Laisierung zu prüfen. An sie hatte ich meine Bitte gerichtet, vom priesterlichen Dienst entpflichtet zu werden, da ich eine Frau kennen gelernt hatte und heiraten wollte.

    Der für Personal-Angelegenheiten des Erzbistums zuständige Prälat lud mich zu sich nach Hause ein. Der Bischof hatte ihn zum „Instructor“ bestellt. Er wollte die Motivation ergründen, mit der ich die Laisierung beantragt hatte. Er sehe sich in der Rolle des Insolvenz-Verwalters und habe einen Auftrag zu erfüllen, erklärte er mir.

    Was kam auf mich zu? Der Prälat wählte seine Worte mit Bedacht. Nie verlor er die Fassung. Nie wich das freundliche, routinierte Lächeln von seinen weichen Gesichtszügen. Diese verrieten diszipliniertes Wohlwollen, angesiedelt zwischen Neugier und Sympathie.

    So hatte ich ihn kennen und schätzen gelernt, wenn es um meine Anstellung in einer Pfarrei oder in der Schule ging. Er war kein Strippenzieher, was hier und da behauptet wurde. Mir gegenüber erwies er sich als korrekt und fair. Er erkundigte sich nach meiner persönlichen Einschätzung und bat mich zum Gespräch, wenn er einen neuen Aufgabenbereich für mich plante.

    Immer zeigte er sich in unaufdringlicher Weise gesprächsbereit, unvoreingenommen, manchmal angenehm wortkarg.

    Im Zweiten Weltkrieg hatte er als Militärpfarrer gedient und war in russische Gefangenschaft geraten. Dort hatte er gelernt, sich auf ungewöhnliche und unerwartete Situationen einzustellen und respektvoll damit umzugehen.

    Seine gutmütig wirkende Gelassenheit schützte ihn vor unnötigem Hoheitsanspruch und eitlem Dominanz-Gehabe. Auf seine Rechtschaffenheit und Integrität war Verlass. Man hätte ihm, dem katholischen Prälaten, eine protestantische Redlichkeit zubilligen können.

    Er wolle mich nicht in Verlegenheit bringen und nicht bloßstellen, begann er. Das glaubte ich. Er versteckte sich nicht hinter Barockfassaden oder Überlegenheits-Ansprüchen.

    Bis zu seinem Tod blieb ich ihm freundschaftlich verbunden. Seine Dombild-Kalender, die er mir zukommen ließ, sind ein bleibendes, angenehmes Andenken an ihn geblieben.

    Auf das Gespräch bei Kaffee und Kuchen hatte sich der Prälat gut vorbereitet. Der Vorgang hatte seinen Reiz. Ohne besondere Emotionen zu zeigen, erkundigte er sich beiläufig und in beruhigendem Tonfall, wann das Kind voraussichtlich geboren werde.

    Hinter seiner glatten Stirn grübelte es, obwohl er lächelte. Es war ihm anzumerken, dass er mich nicht verletzen und mir keine Unannehmlichkeiten bereiten wollte.

    Gutherzigkeit oder Tarnung? Wollte er dort den Hebel anzusetzen, wo dieser die größte Wirkung versprach? Widersprüchliche Signale für mich. Ihm ging es nicht um den Austausch von Höflichkeitsfloskeln oder Gemeinplätzen, sondern um ungeschminkte Fakten. Er wollte zur Sache kommen. Mit Vermutungen begnügte er sich nicht. Kein Freund von Allerwelts-Smalltalk oder achtlosem Geplauder.

    Meine Erwiderung entsprach nicht seinen Gedanken-Gängen. Es bestand kein Anlass für das vermutete Ereignis. Ich offenbarte mich nicht als heimlicher Erzeuger und Ernährer. Bediente sich der Prälat der üblichen Klischees? Dachte er an Gottes verborgene Kinder, die nicht nach ihrem Vater fragen dürfen? In meinem Fall brauchte er sich um deren Schicksal und Zukunft keine Sorgen zu machen.

    Im Fall des Falles hätten er und das Bistum eine Lösung gefunden und ihre Fürsorgepflicht aktiviert. Sollte unerlaubte Lust auf Verbotenes stärker gewesen sein als unterdrücktes erotisches Begehren und auch noch verbotene Früchte zur Folge gehabt haben – der Prälat hätte einen Ausweg aus dem Dilemma gefunden. Die vorauseilende Besorgnis, die sich hinter dem Prälaten-Lächeln verbarg, stützte sich offenbar auf Erfahrungen.

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  • Endstation Sehnsucht

    Endstation Sehnsucht

    Eine Instruktion der Römischen Klerus-Kongregation informiert darüber, wie man „unnütze Konflikte in der Seelsorge“ vermeidet. Priester sollen sich „voll mit der kirchlichen Disziplin und dem Lehramt identifizieren und für die Einhaltung der kirchlichen Normen in der Gemeinde eintreten“.

    Schade, dass ich das nicht früh genug erfuhr. Konflikte sind lösbar, wenn man sich weit genug von ihnen fern hält. Die römische Unterweisung könnte eine Satire sein.

    Vor meinem Dienstantritt in einer Großstadt-Pfarrei hatte mich eine nicht zu begründende Unsicherheit erfasst. Die dortige Kirche war im Krieg zerstört worden; ihre Reste wurden später gesprengt. Der Wiederaufbau hatte der Kirche ein neues Gesicht gegeben. Sie war Symbol des Niedergangs gewesen; jetzt sollte sie Zeichen der Hoffnung werden. Sie erlebte Ende und Neubeginn.

    Ich könne bei der Neugestaltung mitwirken, war ich ermuntert worden. „Aus Verbundenheit mit dem Herrn und seiner Kirche werden Ihnen Kraft und  Bereitschaft zu selbstlosem, eifrigem Tun erwachsen“, stand im  Ernennungsschreiben. Die Macht der Selbstlosigkeit sollte bald auf eine Probe gestellt werden.

    „Meine bisherigen Kontakte in der Gemeinde lassen kein gutes Gefühl in mir aufkommen.“ Das hatte ich dem Pfarrer meiner vorherigen Dienststelle mitgeteilt. Es kam wie befürchtet: Mein Aufenthalt war zu Ende, ehe er richtig begonnen hatte. Kein Hoffnungsträger. Kein Platz für Illusionen. Hätte ich den Beipackzettel lesen sollen? Ich hätte mir etliche missliche Erfahrungen erspart.

    Die Dienstwohnung, die ich beziehen sollte, hatte seit vielen Jahren keinen Pinselstrich gesehen. Man ließ sie trotz Anweisung durch die kirchliche Baubehörde nicht renovieren. Als ich eine Bleibe in der Nachbargemeinde suchte, war das eine Kriegserklärung. Blütenträume erfroren in den Frösten des Spätherbstes.

    „Endstation Sehnsucht“. Das Drama von Tennessee Williams über den Übergang von aristokratischen Strukturen zu anderen Gesellschaftsformen in den amerikanischen Südstaaten weckte Assoziationen. War das hier ein Störfall oder mehr? Wohin führte mein Weg? Wie sah meine Zukunft in der Kirche, mit der Kirche aus?

    Für den Erzbischof war es nicht leicht, eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu finden. „Sie werden verstehen“, schrieb er mir, „dass es für mich schwer ist, eine gerechte Entscheidung zu treffen. Es müsste möglich sein, in der Pfarrei Lösungen zu finden.“ „Mer  rejele alles selvs – Wir regeln alles selbst.“ Das Motto einer Karnevalssitzung des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend galt leider nur im rheinischen Karneval.

    Ein Mitpriester riet mir, mein Weihe-Versprechen zu erneuern. Das werde mir neue Impulse verleihen. Auch die Bischöfe riefen zur jährlichen Bestätigung des Versprechens auf. Das grundsätzliche Ja zur Berufung für das Priestertum müsse immer wieder erneuert  werden

    Warum sollte ich meine Bereitschaft zu Treue, Einsatz und Hingabe bestätigen und das Weihe-Versprechen auf Gehorsam sowie das Bekenntnis zur Ehelosigkeit wiederholen? Ich hielt es immer noch für gültig und erneuerte nicht.

    Es könne kein größeres Glück geben, als den Willen des Herrn zu erfüllen und Gott über alles zu lieben, hatte der befreundete Priester gesagt. Wenn das zutraf, würde sich mein Glück bald einstellen. Oder höhlte steter Tropfen den Stein? Ein Tropfen höhlt den Stein durch Beharrlichkeit, schreibt ein griechischer Epiker im 5. Jahrhundert v. Chr. Er erklärt damit den Erfolg der Griechen in den Perserkriegen.

    Eine positive Deutung. Bei mir überwog das beharrliche Trommeln auf meine Frustrationstoleranz und hinterließ Ein-Drücke.  Die ökumenische Bewegung, die sich um eine Annäherung der christlichen Kirchen mühte, wurde in Verbindung mit dem Einzug des ungläubigen Protestantismus in die Katholische Kirche gebracht. Vierzig Jahre später lud die Alt-Katholische Gemeinde der Stadt zum „Ökumenischen Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen“ ein. Es gab also eine gemeinsame Basis.

    Für uns ist es heute selbstverständlich, wenn ein Evangelischer Landesbischof die Zusammenarbeit protestantischer und katholischer Christen als Erfolgs-Meldung bezeichnet und die großen Schnittmengen zwischen den Konfessionen betont. Der Wettbewerb um Ideen und Formen der Verkündigung kann zur Schärfung des je eigenen Profils beitragen.

    In einem Aufruf an die Firmlinge der Pfarre hieß es: „Aus dem sorglosen Kind wird durch die Firmung ein Erwachsener, ein mündiger Christ, der aus eigener Verantwortung für den Glauben für sich und für jeden Menschen sorgt, der Hilfe braucht.“ Wer oder was hinderte daran, das geschehen zu lassen?

    Es gelang nicht, mit den Konflikten offen umzugehen. Als ich in einem Gespräch an Mahatma Gandhi, den indischen Freiheitskämpfer, erinnerte, der sich an der biblischen Bergpredigt orientiert hatte, wurde mir nahegelegt, nach Indien auszuwandern. Als zur gleichen Zeit zum ersten Mal Menschen den Mond betraten, hätte man mir auch dort eine Bleibe gegönnt. Dagegen sprach, dass die Landefähre des Raumschiffs, die am Meer der Ruhe gelandet war, mit den Astronauten zur Erde zurückkehrte.

    Es kann sein, dass mich die Situation vor Ort überforderte. Wie ich glaubwürdig die christliche Botschaft der Liebe und des Verstehens leben und verkünden konnte, darauf fand ich keine Antwort. Ich wurde versetzt. Vermutlich wollte mich der Erzbischof aus der Schusslinie nehmen. Die Zwiespältigkeit des Lebens holte mich ein.

    Ich übernahm eine Aufgabe in einer anderen Pfarrei, die mir bekannt war. In dieser Stadt hatte ich neun Jahre das Gymnasium besucht und das Abitur gemacht. Pfarrer der Gemeinde war der ehemalige Direktor des Theologen-Konvikts, in dem ich während der ersten Studiensemester gewohnt hatte. Das Radio im Bücherregal ließ grüßen.

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  • Warnung vor dem blinden Fleck

    Warnung vor dem blinden Fleck

    Der Sakristan, Küster nennt man ihn im Rheinland, jener Pfarrei, in der ich die ersten Kaplans-Jahre absolviert hatte, schrieb mir gelegentlich einen Brief und erkundigte sich nach meinem Befinden.

    „Vor mir liegt Ihr Primiz-Andenken, das Sie mir bei Ihrem Dienstantritt übergeben haben“, begann er. „Das Andenken enthält den von Ihnen ausgewählten Spruch „Gott hat uns nicht gefragt, sondern eingeladen“. Der Sakristan war offen und direkt. Das schätzte ich. Ich fand ihn sympathisch.

    „Auch jetzt denke ich oft an Sie und daran, wie harmonisch unser Verhältnis war. Ich wüsste nicht, dass zwischen uns je ein böses Wort gefallen wäre.“

    Eine wichtige Erfahrung für ihn. Er wollte mich ermutigen, mich nicht abschrecken zu lassen durch belastende Situationen, mit denen ich konfrontiert werden könnte.

    Kritische Stimmen aus der Gemeinde zur Gestaltung von Gottesdiensten, für die ich verantwortlich war, registrierte er und machte mich in freundschaftlicher Weise auf sie aufmerksam.

    Er wolle mich vor dem blinden Fleck bewahren, schrieb er einmal, der mich verleiten könne, etwas zu übersehen, das ich sehen müsse, um darauf reagieren zu können.

    Vielleicht habe ich seinen Rat nicht oft genug befolgt.

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  • Haushälterin gesucht

    Haushälterin gesucht

    Als meine Priesterweihe bevorstand, hatte ich mich um eine Person bemüht, die sich um meinen Haushalt kümmern würde. Meine Mutter stand nur begrenzt zur Verfügung. Ich gab eine Annonce auf und wartete auf die Dinge bzw. Personen, die kommen würden.

    Es meldeten sich zu meiner Überraschung viele Frauen. Alle wollten kommen, am liebsten sofort ihren Dienst antreten. Die Briefe landeten im Sammelordner und befinden sich immer noch darin.

    Eine Bewerberin meinte es besonders gut: „Am Anfang eine zaghafte Frage: Nehmen Sie auch eine Frau mit einem lieben neunzehnjährigen Jungen?  Meinen Haushalt möchte ich auflösen. Es müsste doch möglich sein, meinem Jungen und Ihnen – als liebender Ersatz für Ihre Mutter – eine sorgende Mutter zu sein. Gut wäre es, wenn Sie nicht viele Möbel hätten; ich kann nicht alles hier stehen lassen. Auch habe ich eine vollautomatische Waschmaschine. Wenn Sie nicht antworten, nehme ich es als Absage.“

    Ich antwortete nicht. Auf zwei Mütter, einen Jungen, einschließlich Möbel und Waschmaschine, wollte ich mich nicht einlassen.

    Dass die Anwesenheit einer Haushaltshilfe beitragen kann zum gelingenden Leben eines Klerikers, war unstrittig. Gemeinsamer Erfahrungsaustausch und ein freundschaftliches Verhältnis können zu einer wohltuenden Atmosphäre beitragen. Dennoch ging ich in die Defensive.

    Dazu trugen vor allem die Zeilen einer anderen Briefschreiberin bei: „Sie haben eine große Verwandtschaft. Sollte sich denn niemand zu einem Opferleben bereit erklären und es sich zur Ehre anrechnen, Ihnen den Haushalt zu führen?“

    Der Brief machte mich betroffen. Die Karikatur eines gesellschaftlich verankerten Priester- und Frauenbildes wurde darin deutlich. Mein Unverständnis fasste ich nicht in Worte. Ich hätte es tun sollen.

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  • Verdächtige Gefährtinnen

    Verdächtige Gefährtinnen

    Der Erzbischof erteilte mir mit der Priesterweihe auch die Vollmacht „sacramentales confessiones utriusque sexus fidelium audiendi – die Beichte von Gläubigen beiderlei Geschlechtes zu hören“.

    Nach zweijähriger Kaplans-Zeit ernannte er mich zum Dekanats-Jugendseelsorger der Frauenjugend, im Vertrauen darauf, „dass ich mich dieser Seelsorge-Aufgabe mit Eifer und priesterlichem Verantwortungs- Bewusstsein widmen werde.“

    Dass ich nun jede Gelegenheit nutzen würde, den Urtrieben liebender Umarmung nachzugeben und allen denkbaren Verlockungen erliegen würde, befürchtete der Bischof nicht.

    Wenige Wochen nach der Ernennung fuhr ich in Begleitung eines Ehepaares mit einer Mädchengruppe zu einem Ferienaufenthalt an die Ostsee – nicht als Strandwächter oder Maître de Plaisir, sondern als Seelsorger. Mich trieben nicht begehrliche Impulse, nicht Neugier auf junge Mädchen und Frauen. Ich gewann ihr Vertrauen. Sie gewannen das meine. Mir ist nicht bekannt, was diese Mädchen und Frauen dachten oder sagten, als sie zehn Jahre später von meinem Ausscheiden aus dem Amt erfuhren. Klatschspalten können sie nicht bedient haben. Gedacht oder gesagt haben können sie nur, dass sie für meine Entscheidung keinen Grund geliefert haben.

    Vierzig Jahre später luden sie zum Wiedersehenstreff ein. Die meisten hatte ich seit Ostsee-Tagen nicht mehr gesehen. Sie brachten Fotos mit – Kaplan mit Mädchen und jungen Frauen am Strand. Es war ein vergnüglicher Abend.

    Grund oder Anlass für das spätere Laisierungs-Begehren lieferte auch keine Haushälterin. Frauen, die den Haushalt im Pfarrhaus versorgen, bedienen viele Spekulationsgeschichten. Sie galten und gelten Kritikern als Klassiker klerikaler Tarnung. Priester sind für sie stets auf der Suche nach einer Gesellschaft für einsame Stunden. Sie bleiben Wiederholungstäter und fühlen sich magisch angezogen von halbseidenen Orten, an denen sie ausschauen nach nicht ganz keuschen Gefährten bzw. Gefährtinnen.

    Meine mir verdächtig nahe stehende Haushälterin war zeitweise meine Mutter.

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  • Solos Dios basta

    Solos Dios basta

    War ich von modernistischem Gedankengut infiziert? Vor der Diakonatsweihe hatte ich den von Papst Pius X. Im Jahr 1910 eingeführten Antimodernisten-Eid geschworen, der für angehende Diakone, Pfarrer und Theologen verbindlich war, die in der Seelsorge oder im Lehrfach tätig sein sollten. Ich hatte dem Irrtum abgeschworen, kirchlicher Glaube widerspreche der Geschichte, und Dogmen der Kirche ließen sich nicht in Einklang bringen mit den Quellen der christlichen Religion.

    Ich hatte den „festen Glauben“ daran bezeugt, dass die Kirche Hüterin und Lehrerin des geoffenbarten Wortes sei. „Ich nehme alles und jedes Einzelne an, was vom irrtumslosen Lehramt der Kirche bestimmt, aufgestellt und erklärt ist“, schwor ich. Einmal Beschworenes gelte für immer, bis zum letzten Hauch des Lebens, hieß es im Text. Treueschwüre hatten Ewigkeits-Bedeutung.

    Gehörten auch das Interesse am Politischen Nachtgebet und meine „Heilsarmee-Gottesdienste“ an den modernistischen Pranger? „Lamentabili“ ist der Name des Antimodernisten-Dekretes. Lamentieren hat mit jammern, mit wehklagen zu tun.

    Während des Essener Katholikentags hörte ich die Predigt eines Geistlichen, der junge Menschen verurteilte, die den Jugendbischof durch unaufhörliches Klatschen von der Bühne vertrieben hatten. Aufrührer, Revisionisten, Protestler nannte sie der Prediger.

    Sie hätten sich an der gläubigen Haltung der Theresia von Avila orientieren sollen, rügte er sie. Diese habe mit ihrem „Solos Dios basta – Gott allein genügt“ gezeigt, dass man auf den gnädigen Gott vertrauen und sich den kirchlichen Oberen überlassen könne.

    Ich war überrascht. Das Gedicht der spanischen Karmeliterin verstehe ich als Loblied auf die Geduld. „Nichts soll dich verwirren, nichts dich erschrecken; alles geht vorbei. Gott bleibt stets gleich, mit Geduld erreicht man alles. Wer bei Gott ist, vermisst nichts. Gott allein genügt.“

    Theresia sagt nicht, man brauche sich nur unter die Fittiche Gottes oder des geistlichen Dienstpersonals zu begeben, dann sei alles gut. Die Karmeliterin ist davon überzeugt, dass jemand, der sich auf Gott einlässt, mit Geduld und Vertrauen in den Tag geht und sich nicht von jedem Windhauch erschüttern lässt.

    Hatte der Prediger den Riss nicht wahrgenommen, der sich beim Katholikentag zwischen offizieller Kirche und Laien auftat? Emotional wurde über „Humanae Vitae“ diskutiert. Der Wind der Veränderung wehte allen ins Gesicht. Die bequeme Vorliebe für Vertrautes geriet ins Wanken.

    Bei einer Priesterweihe im Würzburger Kiliansdom versicherte ein Bischof den Neupriestern, sie gehörten nun nicht mehr sich selbst, sondern Gott, in dessen liebendes Handeln sie sich verlieren dürften. Der Bischof setzte bei seinen Schützlingen eine Menge Gottvertrauen voraus.

    Gottes liebendes Handeln muss nicht immer identisch sein mit dem Handeln derer, die ihn auf Erden vertreten. Gott weiß das vermutlich. Wissen es auch alle auf Erden?

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  • Konfliktpotential

    Konfliktpotential

    „Was ist das für eine Kirche, in deren Dienst ich stehe?“ fragte ich mich. Mehr Verzicht auf Dominanz hätte ihr gut getan. Die Kirche, vor allem wir Priester, sollen den Menschen Hilfen anbieten, statt sie zu reglementieren und zu verurteilen. Das formulierte ich so, dass es gehört wurde. Nicht immer erntete ich freundliche Zustimmung.

    In der Pfarrei und in meinem Freundeskreis traten Leute aus der Kirche aus. Darin sah ich keine Lösung. Wenn kritische Menschen die Kirche verließen, dann überließen sie diese Kirche den unkritischen Ja-Sagern, den unkritisch Loyalen. Kontroversen mussten anders ausgetragen werden.

    Wolken zogen an meinem Priester-Himmel auf. Zweifel an meinem Selbstverständnis nährten die Frage, ob der Ort meiner Sehnsüchte ausschließlich das Priesteramt in der Kirche sei. Welche Alternativen hatte ich? Keine.

    Ich musste mir den Vorwurf gefallen lassen, vom Geist bzw. Ungeist des „Politischen Nachtgebetes“ infiziert zu sein.

    Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hatte es ins Leben gerufen. Sie thematisierte u. a. den Vietnam-Krieg, die Problematik der Obdachlosigkeit und Konflikte um die Dritte Welt. In ihren Texten rief sie zum Widerstand auf gegen eine Kultur des Gehorsams und gegen Formen des Patriarchats. Sie berief sich auf Erfahrungen in mittel- und latein-amerikanischen Gemeinden. Ermutigt sah sie sich durch die Freundschaft mit Nicaraguas Kulturminister Ernesto Cardenal. Dessen Leben als Priester, Dichter und Revolutionär imponierte ihr.

    Der Erzbischof, der mich zum Priester geweiht hatte, untersagte dem Politischen Nachtgebet Gottesdienst-Veranstaltungen in katholischen Kirchen. Das hinderte mich nicht daran, an anderer Stelle einmal daran teilzunehmen.

    Der Faszination, die das Nachtgebet auf mich ausübte, konnte ich mich nicht entziehen. Ich war jedoch enttäuscht von diesen Gottesdienst-Angeboten, bei denen sich problemorientiert Text an Text reihte. Auf einige Texte griff ich zurück, wenn ich im Gottesdienst der Pfarre tätig war. Da mich der Pfarrer in der Regel gewähren ließ, lebten diese Messfeiern von kreativen Elementen, die ich zusammen mit einem Kreis liturgisch Interessierter vorbereitete.

    Trotz meiner Experimentierfreudigkeit sah ich mich nicht auf dem Weg zum „Heilsarmee-Gottesdienst“, wie ein Kritiker unterstellte. Ich war dankbar für das positive Echo aus der Gemeinde: „Man spürt das Engagement des Priesters und nimmt dankbar zur Kenntnis, welche Vorbereitungen in der Woche getroffen wurden, um einen in Gebeten, Lesungen und Predigt abgestimmten eucharistischen Gottesdienst zu halten. Sie werden die mit gleichem Engagement mitfeiernde Gemeinde als beste positive Antwort auf Ihre Mühe erlebt haben.“

    Symptomatisch für den Umbruch schien zudem das schwindende Interesse an der Fronleichnams- Prozession zu sein. Im Pfarrgemeinderat wurden Überlegungen und Vorschläge für eine Neugestaltung der Prozession aufgegriffen und neue Ausdrucksformen einer Eucharistie-Verehrung debattiert. Menschen wollen das, was sie glauben, nicht nur mit dem Verstand begreifen, sondern mit ihren Sinnen erleben und begreifen. Wallfahrten sind ein Beispiel für dieses Begehren.

    Demonstrationen schienen in die Zeit zu passen. Ob sich die Monstranz, die durch die Straßen getragen wurde, als Demonstrationsobjekt eignete, darüber konnte man geteilter Meinung sein. Die Prozession müsse dem Strukturwandel Rechnung tragen, hatte ein „führender Geistlicher“ angeregt und sich gegen einen Umzug „nach alter Väter Sitte“ gewandt. Ich war nicht dieser Geistliche. Der Pfarrer zeigte sich dennoch verstimmt, weil auch ich  für eine Neugestaltung der Prozession plädiert hatte.

    Wolken, die sich zusammenballten, und Winde, die mir ins Gesicht bliesen, wurden durch angenehme Erfahrungen vertrieben oder nicht von mir wahrgenommen. Der Himmel zeigte sich nicht durchgehend in strahlend-hellem Blau. Aber das war auch beim Wetter schlechthin nicht der Fall.

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  • Die Botschaft hör ich wohl

    Die Botschaft hör ich wohl

    Eine gesellschaftlich und innerkirchlich bewegte Zeit ließ mich nicht unberührt. Die nonkonformistische 1968er-Bewegung mit ihren Turbulenzen und Verwerfungen stellte das Land vor Bewährungsproben. Die Regierung wollte Notstandsverordnungen ins Grundgesetz aufnehmen, die es erlaubten, bei inneren oder äußeren Bedrohungen Grundrechte der Bürger einzuschränken.

    Aufbruch und Revolte, Proteste und Revolution waren die Folge. Aggressivität und Gewalt als Signale der Hoffnungslosigkeit in jenen Tagen. Im Stuttgarter Neckarstadion gab es Tumulte beim 14. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Studenten stürmten das Podium. Eine Demokratisierung des Kirchentages verlangten sie.

    Auch in der Katholischen Kirche gärte es. Es war in der Zeit meiner ersten priesterlichen Dienstjahre. Die päpstliche Enzyklika „Humanae Vitae“, „ausnahmslos geltendes Erfüllungs-Gebot“, provozierte Ratlosigkeit und Proteste. Priester wurden verpflichtet zum Gehorsam und mussten die päpstliche Lehrmeinung vertreten „ohne Zweideutigkeit“ sowie „die Gewissen erhellen und bilden“. Sie hatten „die richtige Sprache für die Vermittlung der Botschaft“ zu finden.

    Moralische Grundsätze wurden vorgegeben und standen nicht zur Diskussion. Anweisungen waren „in freudiger Ergebenheit und Unterwerfung“ zu befolgen. Die Amtskirche präsentierte sich als „Lehrmeisterin und Mutter aller Völker.“

    In vielen Gesprächen, vor allem im Beichtstuhl, hatte ich das Nein des Vatikans zur Anti-Baby-Pille zu begründen und zu verteidigen.

    Ging es nur um das Gewissen der Eheleute? Wer fragte nach meinem Gewissen? Konnte ich glaubhaft für etwas eintreten, das ich als kontrovers betrachtete? Warum sagte man den Menschen nicht etwas, was ihrem Leben dienlich war, statt sie mit neuen Verboten zu konfrontieren?

    „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Goethe hatte seine Faust-Tragödie nicht für mich verfasst, aber der Satz hallte nach. Ich hatte im Sinn der päpstlichen Enzyklika zu argumentieren, die das erste und das letzte Wort für sich beanspruchte. Mit persönlicher Überzeugung fügte ich mich nicht dem Verhaltensdiktat.

    Dagegen empfand ich Sympathie für den deutsch- schweizerischen-Theologen, der sich gegen die päpstliche Diktion wandte und eine Überwindung des römischen Absolutismus in der Kirche einforderte. Nach heftigen Kontroversen mit dem Vatikan entzog man ihm die kirchliche Lehrbefugnis.

    Viele Schriften dieses Theologen waren mir bekannt. Nicht mit allen Aussagen stimmte ich überein, aber ich bewunderte seine Gabe, strittige Themen in einer Sprache zu formulieren, die man verstand.

    Der Pfarrer, in dessen Diensten ich stand, begegnete meinem Verhalten mit Misstrauen. Er ermahnte mich, meine persönliche Meinung zu den Anweisungen der Enzyklika für mich zu behalten.

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  • Die Pendeluhr

    Die Pendeluhr

    Inzwischen hatte ich meinen ersten Dienst als Kaplan angetreten. Eines Tages besuchte ich jemanden, über dessen Schreibtisch eine Pendeluhr hing. Ich wusste nicht, nach welchem System sie funktionierte. Ihr Besitzer war stolz, mir Pendel-Nachhilfe erteilen zu können.

    Die Uhr faszinierte ihn und mich. Das schwingende Pendel gab an einem bestimmten Punkt einen Impuls an das Uhrwerk ab. Das schob die Zeitanzeige weiter. Das Uhrwerk gab einen Impuls zurück, der das Pendel schwingen ließ.

    Seine Erläuterungen bezogen sich auf die Uhr. Für mich hatten sie Gleichnis-Charakter. Sie sagten etwas aus über den Rhythmus des Lebens. Die Bewegung des Pendels müsse gleichbleibend sein, wurde ich belehrt, damit die Uhr die richtige Zeit anzeigen könne. Das Pendel reagiere empfindsam auf Luftfeuchtigkeit, Wärme und Kälte. Es müsse daher geschützt werden vor schädigenden Einflüssen.

    Die Pendeluhr reagiere wie ein Mensch: Negative Einflüsse von außen würden das Pendel nicht richtig schwingen lassen. Gleichmäßige Impulsübertragungen seien notwendig.

    Oft habe ich den Mann mit der Pendeluhr besucht. Wir sprachen über schwingende Pendel und diskutierten darüber, wodurch Impulse blockiert wurden. Die Pendeluhr hörte uns zu. Merkte sie, dass sie nicht nur die Stunden anzeigte, sondern dass ihre Pendel-Bewegungen mich beschäftigten und Schwingungen  auslösten?

    Meine innere Pendeluhr schlug nicht immer gleichmäßig ihren Takt. Es gab Tage, an denen sie aus dem Gleichgewicht zu geraten drohte. Dennoch hat sich einiges bewegt in meinem Leben. Ich habe einiges bewegt. Meine Uhr pendelt immer noch. Ich will sie nicht anhalten.

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  • Als die Welt in Ordnung war

    Als die Welt in Ordnung war

    Die Nachbarschaft in unserer Straße hatte der Dorf-Gemeinschaft mitgeteilt: „Um diesem seltenen Fest einen würdigen Rahmen zu geben, würden wir uns freuen, wenn Sie durch Ihre Teilnahme das Fest verschönern helfen.“

    Ein halbes Jahr vor dem Ereignis erreichte mich ein Brief des Bürgermeisters. Er informierte mich über  Vorbereitungen, die in der Pfarre getroffen wurden. „Die Freude über die kommende Primiz ist besonders bei älteren Leuten so groß, dass sie schon fiebern und die Hoffnung haben, dieses seltene Fest erleben zu dürfen. Weil man ein Geschenk machen will, muss man frühzeitig mit allen über Anschaffung und Finanzierung nachdenken. Man will monatlich eine Sammlung abhalten, damit es keinem schwerfällt, sich zu beteiligen.“

    Eine Lehrerin, die ihre Wohnung aufgab und in ein Altenheim übersiedelte, hielt Ausschau nach einem Neupriester, dem sie ihr hochwertiges Kaffee-Service überlassen konnte, das sie im neuen Domizil nicht benötigte. Ein Lehrer-Kollege erfuhr davon und brachte mich, ohne dass ich davon wusste, als Interessent ins Spiel. Er knüpfte Kontakte und arrangierte einen „Übergabetermin“.

    Dieser scheiterte, da in dem Augenblick, als das Porzellan zum Abholen bereit stand, ungebetene Gäste erschienen, vor denen die Aktion geheim gehalten werden sollte. Ein neuer Termin wurde anberaumt – mit dem Ergebnis, dass ich das weiße Porzellan mit dem schmalen Goldrand bis heute benutzen darf.

    Leider kann ich der Wohltäterin keine Nachricht senden an ihre Adresse in ihrer jetzigen himmlischen Heimat  und ihr schildern, was aus dem von ihr beschenkten Neupriester geworden ist. Sie darf jedoch gewiss sein, dass ich sie und das Kaffee-Service in Ehren halten werde.

    Alle, die eingeladen waren oder sich eingeladen fühlten, kamen, um den Neupriester zu feiern – die weit angereiste Tante und der offizielle Gemeindevertreter. Das Fest führte alle zusammen und erfüllte sie mit Stolz, manche mit der Genugtuung, dass ich einer der Ihren war, und dass sie dazu gehörten.

    Nachbarschaft und Pfarrjugend, Frauengemeinschaft und Schule, Sportverein und Gemeindeverwaltung  – alle waren anwesend, um den Neupriester mit Ehrungen und Ovationen zu überhäufen. „Lobet den Herrn“.  „Mit der ganzen Pfarrgemeinde freuen wir uns über das große Ereignis.“ Sympathie-Bekundungen, die ehrlich gemeint waren.

    Viele betrachteten sich als Durchschnitts-Christen und lebten ihrer Meinung nach ein eingeschränktes christliches Leben im Vergleich mit dem Neupriester. Sie stuften sich als Katholiken zweiter Klasse ein. Ich war in ihren Augen in höherem Maße Christ als sie. In mir sahen sie den vollkommenen Menschen, der ein gottgeweihtes, vielleicht exotisches Leben führen wollte.

    Ich lebte für sie in einer anderen Welt, ähnlich dem Götterfreund Ibykus in Friedrich Schillers Ballade. Sie machten mich zum Idol, das sie auf den Sockel hoben, und stellten mich in ihr schönstes Licht. Ich befand mich im Vorhof des Allerheiligsten. In meiner Nähe fühlten sie sich dem Himmel näher. Dieses Leben, ein Leben ohne Ecken und Kanten, würde nicht misslingen. Heraufziehende Stürme konnte es nicht geben.

    Mit Fahnenabordnungen, Messdienern und weiß gekleideten Mädchen geleiteten sie mich zur Messfeier  in die Kirche. „Halleluja“. „Missa brevis“.„Sehr geehrter Hochwürdiger Primiziant“. “Telegramme und Glückwünsche für den Herrn Neupriester“. „Zum heutigen Festtag alles Gute“. „Wir gestatten uns, Ihnen ein Geschenksparbuch zu überreichen“. Szenen-Applaus und Jubelspalier.

    Sie feierten ein Fest – ihr Fest.

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  • Brief-Kontakte

    Brief-Kontakte

    Ich habe viele Briefe meiner Mutter und anderer Personen aufbewahrt, die ich während der Jahre im Priesterseminar erhielt. Niemals vorher entwickelte sich ein intensiverer brieflicher Kontakt zwischen uns.

    Wir korrespondierten vor allem dann, wenn wir uns am Sonntagnachmittag getroffen hatten. Sechs Briefe der Mutter im November, fünf im Dezember, sechs im darauf folgenden Januar. Die Aufzählung lässt sich fortsetzen. Wer wessen Nähe vermisste – Mutter meine, ich ihre – vermag ich nicht zu sagen.

    Manchmal beschrieben die brieflichen Mitteilungen banale Tagesereignisse: Bei den Kirchenvorstands-Wahlen hätten sich keine personellen Veränderungen ergeben. Die Friedhofskapelle sei eingeweiht worden; man habe Liege-Gebühren vereinbart.von fünf DM pro Tag.  Den Namenstag einer Tante sollte ich nicht vergessen. Für ein Paket bedankte Mutter sich, das ich geschickt hatte. Manchmal endete ein Brief mit „Das war’s für heute. Ich gehe schlafen.“

    Natürlich fand die bevorstehende Priesterweihe in den Briefen ihren Niederschlag. Die Pfarrnachrichten hätten auf das bevorstehende Ereignis hingewiesen. Der Pfarrer plane akribisch den Verlauf meines ersten Gottesdienstes mit der Gemeinde, die Primiz-Messe. „Wie die Zahl der Messdiener werden wir auch die Zahl der weiß gekleideten Mädchen beschränken müssen wegen der Enge im Altarraum“, habe er mitgeteilt.

    Ein befreundeter Geistlicher, den ich gebeten hatte, in dem bevorstehenden Gottesdienst die Ansprache zu übernehmen, reagierte, wie ich befürchtet hatte: „Auf Ihre Bitte ist nicht leicht zu antworten. Es interessiert mich, ob Ihr Vorschlag mit dem Pfarrer abgesprochen wurde und ob die Art und Weise, wie ich die Dinge sehe und ausspreche, ihm liegt. Meine Art, das Priestertum zu sehen, ist nüchtern. Auch neige ich nicht dazu, das Priesterleben vorzugsweise als Opferleben zu betrachten.“

    Das sah ich auch so, nicht aber der Pfarrer. Er hielt die Ansprache.

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  • Hausgemachte Persönlichkeitsstruktur

    Hausgemachte Persönlichkeitsstruktur

    Obwohl ich gewillt war mich einzuordnen, empfand ich wie auch andere Seminaristen gelegentlich Unbehagen über das, was selbstverständlich zu sein schien..

    Am Sonntagmorgen marschierten wir in Soutane zum Dom, als seien wir bereits Inhaber eines öffentlichen Amtes, das sich in der Kleidung manifestierte. Wir waren uns unseres Standes würdig und bewusst. Deutete sie eine in die Zukunft weisende Prominenz an? Taten wir mit unserer Ver-Kleidung so, als seien wir schon jemand anders?

    Wie beurteilten es jene, die den Kostümzauber des schwarzen Geschwaders beobachteten, das an ihnen vorbei zog? Als Maskerade? Verglichen sie uns mit den Figuren des Glockenspiels im Rathausturm, die zur vollen Stunde in feierlicher Reibungslosigkeit ihre Ehrenrunde drehten? Glichen wir Karussell-Pferden, die auf Kommando rund liefen?

    Noch war es die schwarze Soutane, die wir trugen. Würde jemand eines Tages die violette eines Bischofs oder die rote eines Kardinals tragen dürfen? Man klärte uns darüber auf, welche geistlichen Würdenträger die schwarze Soutane mit violetten Knöpfen und Knopflöchern, die schwarze oder violette Soutane mit rubinroten Knöpfen und Knopflöchern, die schwarze oder rote Soutane mit hellroten Knöpfen trugen.

    Dass Soutanen, auch die weiße des Papstes, mit 33 Knöpfen angefertigt werden, weil sie auf die Anzahl der Lebensjahre Jesu hinweisen sollen, verschwieg ich daheim vorsichtshalber.

    „Wenn ihr wollt, dass man euch gehorcht, seht zu, dass man euch liebt.“ Dem italienischen Priester und Pädagogen Don Bosco im 19. Jahrhundert wird diese Aussage zugeordnet. Dass Kleider Leute bzw. Priester machen, wird ihm fremd gewesen sein.

    Besuchsempfang war erlaubt an Sonn- und Feiertagen, jeweils nach dem Mittagessen bis 16 Uhr. Besuch wurde im Sprechzimmer empfangen. Wenn auch Mitseminaristen Besuch erwarteten, durfte sich jeder eine Zimmerecke aussuchen, um sich unterhalten zu können.

    In der Regel nutzten wir die Möglichkeit, das Haus zu verlassen und mit den Besuchern in die Stadt zu gehen. Die geistliche Obrigkeit wird das arabische Sprichwort geschätzt haben, dass seltener Besuch die Freundschaft vermehrt. Ob in der arabischen Welt Besuche nur im Sprechzelt stattfinden, ist mir nicht bekannt.

    Die Semesterferien, die wir meistens daheim verbrachten, galten als hinreichende Möglichkeit, der Welt draußen nicht zu entfremden. Offenbar genügte es, wenn künftigen Priestern während dieser Zeit das „Draußen“ begegnete und sie dort ihren Manövrierraum testen konnten. In einer Fabrik zählte ich Schrauben und katalogisierte, welche Schraube zu welchem Gegenstück passte. Keine kreative, berufsorientierte Beschäftigung. Sie hatte keine theologische Bedeutung, besaß aber Legitimität, weil ich ein Stück Wirklichkeit in Händen hielt.

    Wie wichtig frische Luft für den Menschen sei, erkenne man, wenn man zu ersticken drohe, sagt der belgische Ordenspriester Phil Bosmans. Das meinte er nicht nur im biologischen Sinn. Man hätte ihn, den man als modernen Franziskus bezeichnete, in unser Seminar einladen sollen.

    Dass man sein Leben leichter bejahen kann in einem Netz von Beziehungen, auch und vor allem zölibatäres Leben, und dass Beziehungen zugelassen und gepflegt werden wollen, war in der „Vita Communis“ primär auf hausinterne, hausgemachte Beziehungen bezogen. Über ein Pro oder Contra dazu entstanden keine lauten Diskussionen.

    Das Konzil hatte im „Dekret über die Ausbildung der Priester“ betont, die Ausbildung der Alumnen im Priesterseminar hänge von sinnvollen Gesetzen ab. Es darf gefragt werden, nach welchen Kriterien deren Sinn geprüft wurde.

    In einem Pressebericht über die Ansprache eines Bischofs an die Leiter von Priesterseminaren heißt es, der Bischof habe den Mitbrüdern Mut zugesprochen. Sie würden zu schnell kritisiert und zu Sündenböcken erklärt. Man mache sie fälschlicherweise verantwortlich für Fehlveranlagungen und Fehlverhalten der Seminaristen. Er empfehle ihnen, sich aus den Vorwürfen nicht zu viel zu machen.

    Ich bin sicher, dass der Leiter unseres Priesterseminars Vorwürfe ernst nahm und sich nicht für unfehlbar hielt.

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  • Fesseln der Autoritäten

    Der Regens hatte das behütete und geschützte Ghetto mit seinen Reglementierungen nicht erfunden. Er hatte nicht die Verbotstafeln errichtet. Die Deutungshoheit lag bei denen, die ihn in sein Amt befördert hatten. Davon waren wir überzeugt. Er war ins Zentrum der Macht berufen worden, sah aber gleichzeitig die Augen anderer auf sich gerichtet. Zumindest hatten wir diesen Eindruck.
    Allmachtsträume und Obrigkeitsdenken waren ihm fremd. Mit Hierarchien, die sich auf verlässliche Abläufe stützen und darin die Legitimation ihres Handelns sehen, war er nicht vertraut.
    Das abgeschirmte Leben im Seminar verdrängte nicht alle unsere Wünsche nach Außenkontakten. Dem Regens war bewusst, dass in der Zeit, welche seine Schützlinge „draußen“ verbrachten, Interessen und Bedürfnissen nachgegangen wurde, welche die Hausordnung nicht vorsah oder nicht für wünschenswert hielt.
    Einengende Anordnungen waren nicht die Sache dieses gütigen Menschen. Sein Wortschatz kam ohne rhetorische Einschüchterungsvokabeln aus. Wir durften davon ausgehen, dass er Anordnungen so umsetzte, dass sie unsere Selbstachtung berücksichtigten. Er wollte uns nicht ersticken lassen unter einem Wust unbedachten Ehrfurcht-Verhaltens.
    Wenn er eine „Strafpredigt“ hielt, war herauszuhören, dass er nicht verbot, quer zu den Hierarchien zu denken oder zu handeln. Dennoch schien er als Leiter des Priesterseminars Fesseln von Autoritäten nicht ablegen zu können oder zu wollen, die einer noch höheren Hierarchie-Ebene angehörten.
    Wenn er sich innovationsresistent gab, dann, so schien es, wollte er nicht den Zorn über ihm stehender Götter provozieren. Martin Luther hatte zwar die Allmacht der kirchlichen Hierarchie in Frage gestellt, aber das war lange her.
    Er hätte sich vermutlich wohler gefühlt, wenn er in den pastoralen Alltag hätte zurückkehren können, aus der man ihn herausgeholt hatte. Wieder eine Aufgabe in der praktischen Seelsorge zu übernehmen, wäre eine Genugtuung für ihn gewesen.
    Die Wagenburg des Seminars vereinte und schützte uns – Lenker und Gelenkte. Hin und wieder testeten wir die Toleranzbereitschaft des Burgherrn. Das betrachteten manche als ausgleichende Gerechtigkeit für auferlegte Verzichte. Die Tugenden der Güte und Demut, die den Regens auszeichneten, wurden nicht immer angemessen honoriert.
    Natürlich wussten wir, dass Führung Abstand braucht, dass sie Maßstäbe setzen und Forderungen formulieren muss. Zwischen Erkennen und Anerkennen liegen jedoch manchmal Welten.
    „Wie lebt ein Priesteramtskandidat?“ Es soll eine kirchliche Werbeanzeige für den Priesternachwuchs geben, in der es heißt: „Jeder gestaltet seine Freizeit individuell. Wir gehen ins Kino, in Konzerte, zum Fußball, zu sonstigen Events.“ Ich kenne die Anzeige nicht. Wenn sie existiert, würde sie Bestimmungen von gestern ad absurdum führen.
    Trotz gegensätzlicher Auffassungen haben wir die Behütung-Mentalität jener Jahre ohne erkennbare oder nachwirkende Defizite überstanden. Darüber kann man nachdenken. Gilt auch hier: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wurde?

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  • Sexualität und Leiblichkeit

    Die augustinische Theologie der Erbsünde und die davon abzuleitende Entwertung des Sinnlich-Sexuellen hatte noch Hochkonjunktur und warnte davor, sich dem Leben mit seinen Begierden hinzugeben. Sexualität widerstrebte dem Verlangen nach Vollkommenheit. Sexualität, Sündenfall und Verführung bedingten sich gegenseitig.

    Die „concupiscentia carnalis“, die fleischliche Begierde und niedere Welt der Triebe, konnten wir angehenden Priester beherrschen, wenn wir die unverdiente Gnade Gottes erbaten. Deren waren wir gewiss, wenn wir allen Anordnungen folgten, die verhinderten, dass uns der Sinn nach Sünde stand.

    Sexuelle Enthaltsamkeit musste um ihrer selbst willen geübt werden – neben anderen Formen der Askese. Im Leben angehender Kleriker hatte Sexualität keine Bedeutung. Dass die Entwicklung des Menschen ein Prozess ist, der mit dem Ja zum priesterlichen Beruf nicht abgeschlossen ist, wurde nicht erörtert. Dass sich im Verlauf eines Reifungsprozesses Lebensentwürfe ändern können, war ebenfalls nicht wichtig.

    Fünfzig Jahre später bekannte ein Wiener Kardinal: Wir, d. h. die Kirche, hätten den Wert der Leiblichkeit missachtet. An der Aufgabe, Sexualität und Leiblichkeit natürlich zu leben, seien wir gescheitert.

    Die gegenwärtige Diskussion um sexuelle Missbrauch-Vorwürfe in kirchlichen Einrichtungen gerät unter diesem Aspekt in ein verräterisches Licht. Haben finstere Mächte ehrbare Kirchendiener dazu verleitet, die Abscheulichkeit der Leiber ihrer Untergebenen zu ignorieren und sich Zugang zu ihnen zu verschaffen? Oder hat eine von der Kirche vertretene Sexualmoral dazu beigetragen, mit dem Thema „Leiblichkeit“ nicht angemessen umgehen zu können?

    In jungen Jahren war der Kirchenlehrer Augustinus sinnenfrohem Lebenswandel nicht abgeneigt gewesen. Die Pflege des Leiblichen schaffe, argumentierte er, einen Gewinn an Freiheit. Nach seiner Bekehrung zum Christentum verbannte er das Glück des Menschen und freudvolle Erfahrungen des irdischen Leibes ins Jenseits.

    Das Schreckgespenst einer sogenannten Verderbtheit des Leibes stellte sich mir anders dar, als ich während der zweijährigen Zeit im Priesterseminar als Betreuer an einer Wallfahrt kranker Menschen nach Lourdes in Südfrankreich teilnahm. Viele Kranke hätten Gründe gehabt, die Verderbtheit ihres Leibes zu beklagen. Die Pilger nahmen jedoch in der Regel ihren kranken Körper und seinen oft elenden Zustand an. Sie spürten, dass ihr Körper sie in Beziehung treten ließ zu anderen Menschen, zu Gesunden und Kranken. Ihre Krankheit machte sie nicht körperlos. Sie waren ihr Körper und hielten ihn in Ehren.

    Es hätte denen, welche die Verderbtheit des Leibes anprangerten, gut getan, die Wallfahrt nach Lourdes erlebt zu haben.

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  • Der Pfad der Tugend

    Einmal in der Woche durften wir Seminar-Insassen uns in Gottes freier Natur ergehen. Per Bus wurden wir in selbige transportiert. Mit zu überlegen, wohin die Reise ging, stand uns nicht zu. Wir fuhren „in eines anderen Kutsche“ mit. Die mitbrüderliche Gemeinschaftsfahrt sollte „zur frohen Erfüllung der Berufspflichten beitragen“. Berufsvorbereitung, nicht Freizeitgestaltung war das Ziel.

    Dass Theologie-Studenten verbotenen Vergnügungen nachgehen, sich ins pralle Leben stürzen und den Illusionen der Freiheit erliegen könnten, war nicht zu befürchten. Unsere Sehnsucht nach den Verlockungen des Lebens war nicht übermäßig groß – davon gingen die Organisatoren aus. Vom Pfad der Tugend würden wir nicht so schnell abweichen.

    Vor dem Zauber der Konsum-Gesellschaft mussten wir nicht übermäßig geschützt werden. Ihr Lockruf erwies sich, verglichen mit dem Wohlstands-verwöhnten Übergrößenformat heutiger Glitzerwelten, als bescheiden. Zudem hatte man uns eindringlich vor den Gefahren verführerischer Lüste und vor der Fragilität dieser Welt gewarnt. Verführt werden konnte nur, wer verführt werden wollte.

    Vorsichtshalber hatte die Obrigkeit zwei Regeln aufgestellt, um dem exzessiven Gebrauch von Freiheit vorzubeugen: Eine „allgemeine Regel, dass Fahrten mit privaten Kraftfahrzeugen oder Fahrrädern nicht gestattet“ waren, sowie eine „besondere Regel, dass Spaziergänge oder Wanderungen in Gruppen von wenigstens drei Herren unternommen“ werden mussten. Oberhirtlicher Beschützerinstinkt. „Freiheit, die ich meide“. Man erwartete unsere Loyalität, damit das Theologen-Leben unbeirrt seiner Bestimmung folgen konnte.

    Die Strategie der Tugendwächter ging jedoch nicht auf. Nach Ankunft im Freizeit-Biotop vergaßen die meisten Schutzbefohlenen den Schilderwald und zerstreuten sich in alle Richtungen. Ein Privatleben hatten wir uns nicht verbieten lassen. Lebenslust war nicht erloschen. Den Genüssen und schönen Dingen der Welt nicht hörig zu sein, hielten wir für sinnvoll, hinderte uns aber nicht daran, Augen und Ohren offen zu halten für das Leben um uns herum.

    Ich nutzte wie auch andere Seminaristen diesen Nachmittag in der Regel dazu, mit dem nächsten Bus zurückzufahren und Besuche zu tätigen oder zu empfangen. Die Cafés in der Innenstadt  machten es uns auf ihre Weise möglich,  Natur zu genießen. Beliebt war ein „Affen-Café“ mit seinen ungewöhnlichen Tier-Käfigen. Aus Briefen, die Mutter mir während meiner Seminar-Zeit schrieb, weiß ich, dass wir gemeinsame Kaffee-Zeiten in der Regel bei den Affen verbrachten.

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  • Reglementiert und behütet

    Mit der Fürsorge gegenüber erwachsenen Seminaristen nahm es die Ordnung der „Vita Communis – Leben in der Gemeinschaft“ ernst. Sich fürsorglich gebende Institutionen rechnen mit dankbaren Untergebenen. Dass die Obrigkeit Richtlinien-Kompetenz besaß und Regularien für ein Gemeinschaftsleben festlegte, war legitim. Welchen Ermessensspielraum sie sich  zubilligte, Richtlinien des ritualisierten Tagesablaufs auch umzusetzen, darüber hätte sich reden lassen. Unabhängigkeit von Ordnung oder Autorität verlangte niemand.

    „Lebensordnung“ nennt sich die Ordnung eines anderen, heutigen Priesterseminars. Das Leben in der Seminar-Gemeinschaft soll dem Einzelnen Hilfen anbieten, sein Christsein zu vertiefen und die mögliche Berufung zum Priestertum zu klären, heißt es. Jeder trage persönlich Verantwortung für seinen Weg in der Gestaltung des Tages, des Studiums und des geistlichen Lebens.

    Ein weit entfernter Ansatz von den Reglementierungen damals. Für unseren Weg glaubte ausschließlich die bischöfliche Behörde Entscheidungen treffen zu müssen. Ihr hierarchisches Denken legte fest, was richtig war. Sie erwartete, dass wir uns den Direktiven unterordneten und ihre Definition vom „richtigen“ priesterlichen Leben bejahten.

    Obwohl der Regens, der Leiter des Seminars, von solchen Vorstellungen nicht erbaut war, wurden wir in Schutzhaft genommen und erfreuten uns fürsorglicher Belagerung.

    Andere legten fest, was gelingendes priesterliches Leben ausmachte. „Mein Joch ist sanft, meine Bürde ist leicht.“ Ob man sich auf diese biblische Aussage berief und nur süße Lasten sah, die es zu tragen galt? Ich  erzählte daheim nichts davon. Ich wäre nicht verstanden worden.

    „Die Seminaristen nehmen am kulturellen Leben der Stadt und der Umgebung teil.“ So steht es in der erwähnten Lebensordnung des anderen Seminars. Wir hätten uns die Augen gerieben, wäre uns das möglich gewesen. Unser Seminar verließen wir vor allem auf dem Weg zum Gottesdienst im Dom.

    „In einer im Stundenplan festzulegenden Stunde üben sich die Seminaristen auf ihren Zimmern im Choral-Singen.“ Private Gesangsproben erklangen theoretisch unisono von Zimmer zu Zimmer und zwar dann, wenn sie verordnet waren.  Auf der Landkarte des Seminar-Lebens gab es wenige weiße Flecken.

    Unabhängig davon habe ich das  „Gaudete in Domino semper – Freut euch alle Zeit im Herrn“, das die Choral-Schola am Dritten Adventssonntag in der Seminar-Kapelle anstimmte, gern mitgesungen. Gregorianischer Choral übte eine Faszination aus. Ich empfand ihn als gesungene Meditation. Die sich wiederholende, ruhige und dennoch voran eilende Melodie brachte mich zur Ruhe. Schade, dass ich nicht viel von dieser Erfahrung mit in die Gegenwart genommen habe.

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  • Maßgeschneidert

    Wann setzte erstes Grollen ein? Wann zeigten sich Haarrisse, die den Anfang vom Ende meines priesterlichen Weges andeuteten?

    Noch nicht. Nach Ende des Universitätsstudiums siedelte ich ins Priesterseminar über, wo ich bis zur Priesterweihe vier Semester zu absolvieren hatte, vorwiegend mit pastoraltheologischen bzw. Liturgie-bezogenen Vorlesungen und Seminaren.

    Die dort geltende „Ordnung der Vita Communis“ wurde mir auf dem Postweg nach Hause zugeschickt, wo ich die Zeit zwischen Studienabschluss und Eintritt ins Seminar verbrachte. Vielleicht war der postalische Weg ein Denk-Zettel, um mich zu vergewissern, worauf ich mich in den kommenden beiden Jahren einließ. Meine an Ermahnungen zu ewiger Demut orientierte Seele widersetzte sich nicht.

    „Die Ordnung des gemeinsamen Lebens im Priesterseminar steht im Dienst der Frömmigkeit, der Bruderliebe, des Studieneifers und der aszetischen Lebensführung des zukünftigen Priesters“, las ich. In der Folgezeit entfaltete der Vermerk „Ihre Beobachtung ist ein Kriterium des Gehorsams, des Opfersinns, der Gewissenhaftigkeit und der Einordnungsfähigkeit“ seine wirkliche Bedeutung.

    Einige Wochen vor Beginn der Seminar-Zeit war Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ erschienen. Schon der Vorabdruck in einer großen Tageszeitung löste Diskussionen aus. Das Buch wurde wegen seines „Anti-Katholizismus“ von katholischen Buchhandlungen boykottiert. Böll verwahrte sich dagegen. Er wollte nicht mit der Hauptperson seines Romans, Hans Schnier, identifiziert werden. Es half ihm nicht.

    Den späteren Literatur-Nobelpreisträger, der in einem katholisch geprägten Milieu aufgewachsen war, schätzte ich. Dass Böll sich nicht vereinnahmen ließ, auch nicht von seiner Kirche, erregte Unwillen. Dass er ihr empfahl, Gehorsam durch Vertrauen zu ersetzen, machte ihn nicht beliebter. Die Clown-Ansichten nahm ich mit ins Seminar.

    Fast gleichzeitig ging ein weiterer Aufschrei durch die katholische Landschaft über Rolf Hochhuths Werk “Der Stellvertreter“. Attackiert wird darin das Verhalten der Katholischen Kirche in den Jahren der Juden-Verfolgung. Papst Pius XII. habe nichts gegen die Deportation der Juden ins Vernichtungslager Auschwitz unternommen, unterstellte Hochhuth. „Ein christliches Trauerspiel“, so die Theaterversion des Stellvertreters. Der Vorwurf, Nichtstun komme Mittun gleich, wog schwer.

    Das Hochhuth-Theaterstück ging nicht mit ins Seminar, trotz seiner Zeitgeist-Aktualität. Vielleicht fühlte ich mich überfordert. Vielleicht leuchteten Warnlampen auf.

    Das Gemeinschaftsleben war an eine verbindliche Kleiderordnung gekoppelt. Gemeinschaft der Gleichen. Der vorgegebene Dress-Code sollte das Gefühl der Zusammengehörigkeit fördern. „Die Herren kommen in geistlicher Kleidung. Diese muss schwarz sein, der Mantel wenigstens dunkel grau.“ Maßgeschneidertes System. Bezweckte die genormte Kleidung Schutz oder Distanzierung? Erleichterte sie der Obrigkeit die Identifizierung des Einzelnen nach dem Prinzip „Kennt man einen, kennt man alle“? Verbargen sich dahinter Abgrenzungsrituale, die es erleichterten, uns auf einen Verhaltenskodex einzuschwören?

    Diese Fragen habe ich vermutlich anfangs nicht gestellt. Sie tauchten allmählich auf. Böll und Hochhuth brachten sich in Erinnerung.

    Klerikale Kleidung zu tragen galt als Vorschrift, die mit den genannten Kriterien des Gehorsams, Opfersinns etc. in Verbindung stand. Nach persönlicher Identität wurde nicht gefragt. Vorrangig war die Einordnungs-Bereitschaft.

    „Für die Menschen bestellt“ hieß der Wahlspruch des Erzbischofs, der mich zwei Jahre später zum Priester weihte. War eine abgehobene Kleidung diesem Motto dienlich?

    Ich dachte an die „clericetti“ aus Ministranten-Tagen. „Darf ich noch Du zu dir sagen, oder bist du schon Pastor?“ So fragte meine Mutter, als ich mich in der neuen Montur vorstellte. Ihre Begabung, sich indirekt kritisch zu äußern, war mir vertraut.

    Andererseits schließe ich nicht aus, dass die klerikale Kleidung den Eindruck verstärkte, dem angestrebten Ziel näher gerückt zu sein, und dass sie so zum positiven Verstärker wurde.

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  • Neue Erfahrungen

    Ob es Wiedergutmachung war, dass ich kurz darauf ein Stipendium für einen Studienaufenthalt im Ausland erhielt? Die Universitätsstadt an der Grenze zwischen  alemannisch-deutschem, burgundisch-französischem Einfluss setzte neue Maßstäbe in meinem studentischen Leben.

    Viele Professoren waren Mitglieder des Dominikaner-Ordens. Die Einheit von aristotelisch-thomistischem Denken sowie von Denken und Handeln stand im Vordergrund des Lehrens.

    Nicht abfragbares Wissen wurde vermittelt, wie es von einer Quiz-Sendung zur anderen über Fernsehschirme flimmert, sondern Bildung. Lerninhalte mussten nicht Pisa-konform sein und wurden nicht in Punkte-Systeme gepresst. Kunstausstellungen, Konzerte und Theater boten zusätzliche Anregungen, um das Blickfeld der Studierenden zu weiten. Die Universität verfügte über einen Turn- und Fechtsaal. Theologische Studien hatten nicht nur mit dem Himmel zu tun.

    Ich wohnte in einem Theologen-Konvikt zusammen mit Theologiestudenten aus anderen Nationen. Alle studierten Theologie und Philosophie. Alle waren eingebunden in eine Hausgemeinschaft. Die Ordnung im Tagesablauf des Hauses wurde nicht von oben herab festgelegt; sie ergab sich aus gemeinsamen Erfahrungen und Überlegungen.

    Die Universität pflegte Kontakte mit ehemaligen Studierenden. Deren Wissen um die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Entwicklung der Hochschule war ihr wichtig. Ihr Wissen setzte sie in die Tat um. Auch das war für mich in dieser Form neu.

    Ich begann mich zu befreien von mir unnötig erscheinenden Beschränkungen, die ich mir oder die andere mir auferlegt hatten. Ich lernte auf Regungen meiner Seele zu achten und diese wichtig zu nehmen. Bisher, so mein Eindruck, hatte ich mich lediglich aus der Ferne wahrgenommen.

    Lebensmaximen erfuhren eine neue Rangordnung. Das Ziel, Priester zu werden, war auf unterschiedlichen Wegen erreichbar, nicht nur innerhalb hierarchisch gegliederter Ordnungs-Systeme. Das theologische Klima, das an der Universität herrschte, war geprägt von Hoffnungen und Erwartungen an das Zweite Vatikanum, das in Rom begonnen hatte.

    Persönliche Bedürfnisse auf dem Weg zum Priestertum pochten an meine Tür. Selbstverleugnung relativierte sich zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Kritisches Selbst-Verständnis schien bisher weniger wichtig zu sein. Jetzt besann ich mich auf die Stärkung meiner Urteilsfähigkeit. Erfahrungsbereitschaft und Offenheit entdeckte ich neu für mich. Mich der Welt nicht zu verschließen, sondern sie zu erkunden, wurde zur spannenden Aufgabe.

    Selbstkritische Bescheidenheit musste ich nicht aufgeben. Aber es deuteten sich Kurskorrekturen an, aus denen sich neue Standorte ergaben. Dass vom römischen Kaiser Marc Aurel überliefert wird, wer die Regungen der eigenen Seele nicht aufmerksam verfolge, werde  nicht glücklich, regte mich zum Nachdenken an.

    Die theologische und persönliche Wegstrecke verlief nicht unabhängig vom gesellschaftlichen Geschehen. Amerikas Präsident Kennedy organisierte einen Blockadering aus Kriegsschiffen um die Insel Kuba. Nikita Chruschtschow ließ  russische Abschuss-Rampen für Mittelstreckenraketen errichten. Kennedy forderte die Sowjets auf, die Raketenstellungen abzubauen.

    Würden es die Russen auf einen Atomkrieg ankommen lassen? Die Kubakrise erwies sich als gefährlicher Moment des Kalten Krieges. Was bedeutete das für mich, für mein Studium? Konnte ich das Geschehen in der Welt um mich herum ignorieren? Welche Folgen hatte es für mich? Jedes Studium, auch das der Theologie, forderte dazu auf, hellhörig zu sein bzw. zu werden; es betraf das Hier und Jetzt. Das rückte in mein Bewusstsein.

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