Pflegenotstand: Mehr Wertschätzung und Anerkennung für Pflegekräfte ist überfällig

Statement von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk:

Zu einem Bericht der Neuss-Grevenbroicher Zeitung (NGZ) vom 17.10.2012 zum Fachkräftemangel und mit Titel „Pflegekräfte dringend gesucht“, teilt Werner Schell, Vorstand von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk (Neuss), mit:
„Die Pflegeeinrichtungen pflegen, versorgen und betreuen die Pflegebedürftigen, die ihre Leistungen in Anspruch nehmen, entsprechend dem allgemein anerkannten Stand medizinisch-pflegerischer Erkenntnisse. Inhalt und Organisation der Leistungen haben eine humane und aktivierende Pflege unter Achtung der Menschenwürde zu gewährleisten.“

Dieser in § 11 Sozialgesetzbuch (SGB XI) beschriebenen Leistungsvorgabe können die ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen nur unvollkommen gerecht werden, weil es im bundesdeutschen Pflegesystem vielfältige systemische Mängel gibt, die eine wirklich gute Pflege nicht zulassen.
Der Hauptknackpunkt für diese Misere ist der seit Jahren bestehende und vom Gesetzgeber zu verantwortende Pflegenotstand.
Nach den Pflege-Rahmenbedingungen können Pflege- und Betreuungsleistungen nur mit knappen personellen Ressourcen erbracht werden, so dass sich dafür bereits in der öffentlichen Meinung die Bezeichnung „Minutenpflege“ eingebürgert hat.
Pflegekräfte müssen die zum Teil körperlich sehr anstrengenden Dienstleistungen bei hilfe- und pflegebedürftigen Menschen unter Arbeitsbedingungen wahrnehmen, die offensichtlich so belastend sind, dass – statistisch gesehen – Pflegekräfte nach fünf bis sieben Jahren ihre Pflegetätigkeit aufgeben, Krank ausscheiden oder aus ihrem Beruf flüchten. Die Krankheitsrate ist bei Pflegekräften extrem hoch.
Das sind die Fakten, die seit Jahren bekannt sind.

Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk fordert daher seit längerer Zeit, dass für die Pflegesysteme ausreichend und angemessen bezahltes Personal ausgebildet, eingestellt und durch verträgliche Arbeitsbedingungen „pfleglich“ behandelt wird. Die immer wieder auftauchenden Sprechblasen „Wertschätzung und Anerkennung für die Pflegekräfte“ müssen durch entsprechende Basisvorschriften vom Gesetzgeber mit Leben erfüllt werden.
Auf die Pressemitteilung „Pflegenotstand wird durch Mängel in der Pflegeausbildung verschärft“ vom 10.04.2012 wird Bezug genommen (Quelle: http://www.pro-pflege-selbsthilfenetzwerk.de/Pressemitteilungen/AusbildungsreportverdiPM10042012.pdf ).

Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk hat im Rahmen der Ausgestaltung des „Pflege-Neuausrichtungsgesetzes“ (PNG) gefordert, die Stellenschlüssel für das Pflegepersonal in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen deutlich zu verbessern und zur fairen Berechnung dieser Personalaufstockung ein bundesweit geltendes Personalbemessungssystem zu schaffen.
Der entsprechende Forderungskatalog, 122 Seiten umfassend, wurde im vergangenen Jahr dem Bundesgesundheitsministerium und dem Deutschen Bundestag vorgelegt (auch der NGZ zur Verfügung gestellt – einen Bericht dazu gab es nicht).
Umgesetzt wurde von den Forderungen im Gesetzgebungsverfahren nichts.
Neue Vorschriften zur Behebung des Pflegenotstandes gibt es nicht, nicht einmal ansatzweise.
Die Arbeitgeberseite hat sich, vertreten durch ihren Präsidenten Hundt, durchsetzen können. Er meinte ja, die viel zu geringe Beitragserhöhung in der Pflegeversicherung sei für die Arbeitgeber schon eine Katastrophe.

Der Gesetzgeber kann sich aber offensichtlich Ignoranz gegenüber berechtigten Reformerfordernissen (hinzu kommt übrigens der fehlende neue Pflegebedürftigkeitsbegriff) leisten, weil sich die große Mehrheit der Bevölkerung für die Gesundheits- und Pflegesysteme eher nicht interessiert.
Erst wenn „das Kind im Brunnen liegt“, werden die Unzulänglichkeiten ausgemacht und die Betroffenheit ist groß.

Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk hat übrigens am 15.05.2012 in einem Pflegetreff in Neuss-Erfttal im Beisein von zwei Bundestagsabgeordneten (gesundheits- bzw. pflegepolitische Sprecher von Union und SPD) die notwendigen Pflegereformmaßnahmen erläutert und diskutiert.
Die Medien, die sich jetzt über die Unzulänglichkeiten im System mokieren, haben damals nicht einmal angemessen den Pflegetreff angekündigt.
Über die Veranstaltung selbst und die Diskussionsergebnisse gab es überhaupt keinen Bericht.

Es wäre wünschenswert, dass sich die Medien zeitgerecht der gegebenen Probleme annehmen, aber dann auch – von kompetenter Seite unterstützt – konstruktiv Änderungen einfordern.
Ähnlich dem Bericht in der NGZ vom 11.08.2010 mit dem Titel „Mehr Personal, bessere Pflege“ (Quelle: http://www.ngz-online.de/neuss/nachrichten/mehr-personal-bessere-pflege-1.316561 ).

Der nächste größere Pflegetreff in Neuss-Erfttal, der wieder bedeutsame Probleme in der pflegerischen Versorgung aufgreift, wird am 14.11.2012 stattfinden. Man darf gespannt sein, ob und wie die NGZ diese auf gemeinnütziger und unabhängiger Grundlage geplante Veranstaltung unterstützen wird. Alle Podiumsgäste kommen ohne Honorar und Fahrtkostenerstattung. *)

Werner Schell – Dozent für Pflegerecht