Schwerstkranke und sterbende Menschen brauchen deutlich mehr Hilfe – Palliativversorgung & Hospizarbeit ausweiten

Allgemein auf die „Menschenwürde“ abzustellen, reicht nicht!

Deshalb hat Werner Schell von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk  nun in einem Schreiben an die Ministerin Barbara Steffens eindringlich auf die dramatische Situation aufmerksam gemacht.
Den gesamten Text lesen Sie hier.

An das
Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter
des Landes Nordrhein-Westfalen
Frau Ministerin Barbara Steffens
40190 Düsseldorf

Sehr geehrte Frau Steffens,

das Johanna-Etienne-Krankenhaus in Neuss hat am 06.05.2012 öffentlich darüber informiert, dass die weitere Finanzierung der seit Jahren bestehenden Palliativstation gefährdet sei. Dies hat in der Region lebhafte Diskussionen und Besorgnisse ausgelöst.

Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk hat sich neben anderen intensiv mit der Thematik befasst und nach entsprechenden Recherchen für den uneingeschränkten Erhalt der Palliativstation im Johanna-Etienne-Krankenhaus ein und plädiert dafür, dass die bereits vorhandenen Palliativpflegebetten in die Landeskrankenhausplanung NRW aufgenommen werden. Damit wäre eine dauerhafte Finanzierung dieser Pflegebetten gewährleistet. Eine gleichlautende Aussage wird auch für die Palliativstation im Krankenhaus in Dormagen-Hackenbroich abgegeben. Auch dort muss die Unterstützung für schwerstkranke und sterbende Menschen in der vorhandenen Struktur ohne Abstriche erhalten bleiben.

Davon unabhängig erscheint es dringend geboten, die Versorgung und Betreuung der schwerstkranken und sterbenden Menschen im Rhein-Kreis Neuss ins­gesamt auf den Prüfstand zu stellen und dabei zu hinterfragen, ob und inwieweit die Versorgungsstrukturen jetzt und in naher Zukunft ausreichen. Die demografische Entwicklung und deutliche Zunahme der Menschen mit dementiellen Erkrankungen muss bedacht werden. Zu berücksichtigen ist dabei, dass hinsichtlich der dementiell erkrankten Menschen ein umfassender personeller Aufwand erforderlich ist, der über die bisher zugrunde gelegten Planungszahlen deutlich hinaus geht.

Insoweit ist der Bericht „Eine alternde Bevölkerung braucht verstärkt Palliativmedizin“ in der Zeitschrift „Management & Krankenhaus“, Mai – 5/2012, sehr aufschlussreich. Ergänzend ergibt sich aus einer Erklärung der Kassenärztlichen Vereinigungen vom 08.05.2012, dass die Palliativmedizin gestärkt werden muss. Sie kritisieren, die Palliativmedizin sei in Deutschland noch immer nicht flächendeckend möglich, obwohl jeder Patient ein Anrecht auf diese Behandlung hat.

Es muss daher nach hiesiger Überzeugung umfassend hinterfragt werden, ob genügend Kapazitäten in den entsprechenden Bereichen vorgehalten werden:

  • Gibt es genügend Ärzte und Fachärzte, die entsprechend fort- und weitergebildet sind, um die hausärztliche Versorgung (einschließlich der Heime) insoweit sicher zu stellen?
  • Sind genügend ambulante Hospizdienste bzw. ambulante Palliativpflegedienste verfügbar?
  • Ist der seit 2007 bestehende Anspruch auf die „Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) kreisweit ausreichend gewährleistet?
  • In welchem Umfang müssen stationäre Hospize und stationäre Palliativstationen vorgehalten werden?
  • Gibt es ausreichend palliativmedizinische Konsiliardienste?
  • Stehen den stationären Pflegeeinrichtungen genügend qualifizierte Palliativpflegekräfte zur Verfügung oder sind Nachqualifizierungen geboten?
  • Inwieweit müssen entsprechende Betreuungsangebote – ambulant oder stationär – für Kinder vorgehalten werden?

„Palliativbetreuung dient der Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind. Das geschieht durch Vorbeugung und Lindern von Leiden mittels frühzeitiger Erkennung, hochqualifizierter Beurteilung und Behandlung von Schmerzen und anderen Problemen psychischer, psychosozialer und spiritueller Natur“

Quelle: WHO, zitiert von Borasio „Über das Sterben“, C.H. Beck, 2012

Bei einer Gesamtbetrachtung der Versorgungsstruktur wird voraussichtlich deutlich gemacht werden (müssen), dass die entsprechenden Angebote im Rhein-Kreis Neuss – trotz großartiger Bemühungen verschiedener Einzelpersonen und Institutionen – nicht ausreichend sind und weiter ausgebaut werden müssen. In diesem Zusammenhang erscheint es dringend geboten, ergänzend zu den bereits vorhandenen Palliativpflegebetten (in Neuss und Dormagen) weitere Angebote im Lukaskrankenhaus Neuss und im Kreiskrankenhaus St. Elisabeth in Grevenbroich zu schaffen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang die Pressemitteilung der Bundesärztekammer vom 04.05.2012 zur „Palliativversorgung in Deutschland“. Dort ist u.a. ausgeführt:

„Wir brauchen in Deutschland dringend mehr Palliativstationen und Hospize für die Versorgung sterbenskranker Menschen. In den vergangenen Jahren hat es in diesem Bereich zwar große Fortschritte gegeben, doch noch immer werden viele der schwerstkranken und sterbenden Menschen von den Angeboten nicht erreicht.“

Dabei wird ausdrücklich auf die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ Bezug genommen. In ihr ist klar und unmissverständlich ausgeführt:

„Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen.“

Der 10. Deutsche Seniorentag in Hamburg hat sich am 04.05.2012 umfassend mit den Lebensbedingungen der älteren Menschen befasst und in einer Presseerklärung vom 05.05.2012 u.a. herausgestellt:

„JA zu einem würdevollen Sterben

Ein ´Ja zum Alter!` schließt die Auseinandersetzung mit dem Lebensende ein. Das Sterben gehört zum Leben. Es aus dem eigenen Leben zu verdrängen, verhindert auch einen achtungsvollen Umgang mit dem Sterben anderer.

Eine aktive Sterbehilfe lehnen wir ab. Die Bereitschaft, Schwerkranken und Sterbenden, aber auch deren Angehörigen beizustehen, ist zu unterstützen. Die Förderung dieses – häufig ehrenamtlichen – Dienstes muss intensiviert werden, z. B. durch Qualifizierung, Hilfestellung und Begleitung. Deshalb sind Palliativmedizin und Palliativpflege flächendeckend auszubauen, ebenso die Hospizdienste.“

In ihrer Ansprache auf dem 10. Deutschen Seniorentag am 04.05.2012 bekundete die Bundeskanzlerin, Frau Angela Merkel, die Bedeutung der politischen Teilhabe der Seniorinnen und Senioren:

„Sie diskutieren über zentrale Felder unserer Gesellschaft. Und dass Sie das so selbstbewusst tun, ‚JA zum Alter‘ sagen – aber auch zur Einmischung, zum Mitreden, zum Engagement, ist unendlich wichtig für uns.“

Im Sinne dieser Aufmunterung durch die Bundeskanzlerin ist unser Statement zu verstehen. Beim Pflegetreff am 15.05.2012 in Neuss-Erfttal wurde zur Vorbereitung dieser Zuschrift eine Unterschriftenliste zur Zeichnung vorgelegt. Sie ist diesem Anschreiben an das Ministerium beigefügt (6 Blatt mit 106 Zeichnern). Damit wurde ergänzend zu den anderen Bemühungen um gute Palliativbetreuungskonzepte eine weitere Möglichkeit zur Wortmeldung geschaffen.

Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk möchte durch diese Aktion die bereits öffentlich gemachte Petition, die sich allerdings nur auf die Palliativstation im Johanna-Etienne-Krankenhaus bezieht, unterstützen. Es wird zu weiteren breiten Diskussionen angeregt!

Möglicherweise wird es Sinn machen, für das Land Nordrhein-Westfalen ein aktuelles Rahmenkonzept zur „Begleitung und Versorgung Schwerstkranker und Sterbender sowie ihrer Angehörigen“ (ähnlich einer Konzeption aus Bayern vom November 2011) zu erstellen und dabei das aktuelle Zahlenmaterial und die Bedürfnisse der schwerstkranken und sterbenden Menschen jetzt und für die nächsten Jahre zu erfassen.

Bei einem solchen Konzept müssen allerdings die Bedürfnisse der pflegebedürftigen Menschen in den stationären Pflegeeinrichtungen besondere Berücksichtigung finden. Dazu hat der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband e.V. (Berlin) in einer Pressemitteilung vom 25.04.2012 getitelt: „Hospizhaltung und Palliativkompetenz müssen in Pflegeeinrichtungen selbstverständlich werden“ und zum 3. MDS-Pflege-Qualitätsbericht 2012 u.a. ausgeführt:

Viele Pflegeeinrichtungen sind noch immer nicht ausreichend auf den Umgang mit an Demenz erkrankten Bewohnerinnen und Bewohnern vorbereitet. Und auch der Umgang mit Schmerzen ist dringend verbesserungsbedürftig, wenn man bedenkt, dass nur wenig mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner, bei denen das erforderlich wäre, eine systematische Schmerzeinschätzung erhalten. Diese ist aber eine wesentliche Voraussetzung für eine angemessene palliative Therapie. „Es ist unser Anliegen, dass das Leben bis zum Lebensende lebenswert bleibt. Keiner soll angstvoll an seine letzte Lebenszeit im Pflegeheim denken“,….

Sehr geehrte Frau Steffens,

es ist durchaus bekannt, dass Ihr Haus sich bereits mit der Thematik beschäftigt hat und auch ein Rahmenprogramm vorgestellt hat (vgl. u.a. Pressemitteilung vom 16.05.2012). Allerdings wird es doch für erforderlich erachtet, angesichts der hier angestoßenen Diskussionen nochmals alles auf den Prüfstand zu stellen und die Bedürfnisse der schwerstkranken und sterbenden Menschen in allen Versorgungsbereichen zu durchleuchten und für eine bestmögliche Ausstattung der unterschiedlichen Versorgungsangebote Sorge zu tragen. Dabei plädieren wir ausdrücklich dafür, nicht nur die stationären, sondern auch die ambulanten Strukturen, die Pflegeheime eingeschlossen, angemessen in ein in die Zukunft weisendes Konzept einzubinden. In der Pressemitteilung des MGEPA NRW vom 16.05.2012 heißt es zutreffend:

„Die meisten Menschen möchten dort ihren letzten Lebensabschnitt verbringen, wo sie verwurzelt sind, sich heimisch fühlen – sie möchten am liebsten auch zu Hause sterben. Der Grundsatz ´ambulant vor stationär` gilt daher auch in der Palliativversorgung. ´Unser Ziel ist eine für alle Palliativpatientinnen und -patienten bedarfsgerechte häusliche Hospiz- und Palliativversorgung rund um die Uhr`,…. Nordrhein-Westfalen ist dabei auf einem guten Weg …..“

Es muss nach hiesiger Überzeugung vermieden werden, PflegeheimbewoherInnen nur deshalb in einer kritischen Lebensphase in eine anderweitige Versorgung zu geben, nur weil die Pflegeeinrichtungen selbst personell und sachlich nicht ausreichend darauf eingestellt sind, eine angemessene Versorgung bzw. Sterbebegleitung durch eigene Pflegekräfte und durch Inanspruchnahme der ambulanten Hospiz- bzw. Palliativangebote zu gewährleisten.

Vgl. insoweit auch den Beitrag „Palliativmedizin – Weniger Notfälle mit SAPV – Untersuchung zur spezialisierten ambulanten Sterbebegleitung“ in „Marburger Bund Zeitung“ vom 29.06.2012).

In diesem Zusammenhang sollte auch noch einmal darüber nachgedacht werden, mit welchen geeigneten Maßnahmen HeimbewohnerInnen dazu animiert werden können, zeitgerecht mittels Vorsorgevollmacht bzw. Patientenverfügung in jeder Lebensphase eine selbstbestimmte Betreuung sicherzustellen und damit auch Krankenhauseinweisungen zu vermeiden.

Wir danken im Voraus herzlich für Ihre Bemühungen und stehen natürlich für weitere Informationen zur Verfügung.

Wir haben im Übrigen vorgesehen, das Thema beim nächsten Pflegetreff am 14.11.2012 in Neuss-Erfttal im Zusammenhang mit verschiedenen anderen medizinischen Fragestellungen aufzugreifen. Siehe dazu die stets aktuellen Informationen unter folgender Adresse: http://www.wernerschell.de/forum/neu/viewtopic.php?t=17341

Mit freundlichen Grüßen

(Werner Schell)
Dozent für Pflegerecht und Vorstand von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk