Autor: Peter Josef Dickers

  • Das Aschenkreuz.  Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei

    Das Aschenkreuz.
    Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei

    Zum ersten Mal zeichnete ich jemandem am Aschermittwoch mit Asche ein Kreuz auf die Stirn. Mein Dienst in der Pfarre hatte vor einigen Monaten begonnen. Ich musste mich mit diversen Aktivitäten vertraut machen, auch mit der Erteilung des Aschenkreuzes.

    Zunächst verlief alles nach Plan. Kinder und Erwachsene standen oder knieten vor mir und empfingen als Zeichen ihrer Vergänglichkeit ein Kreuz auf der Stirn. So erklärt die Katholische Kirche diesen Ritus. „Altes muss vergehen, damit Neues entstehen kann.“ Der Karneval ist vorbei; es geht auf Ostern zu.

    Traditionell verwendet man Asche von verbrannten Palmzweigen des Vorjahres. Bei einem Vorgespräch hatten wir jedoch entschieden, Masken und Luftschlangen zu Asche werden zu lassen und diese beim Aschenkreuz zu nutzen. „Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei.“  Der Zustand von Welt und Mensch lässt zu wünschen übrig. Es bleibt einiges zu tun.

    Aus dem Bistum Freiburg wurde gemeldet, dass einige nach dem Empfang des Aschenkreuzes über Verätzungen klagten. Die Asche war mit Wasser vermischt worden. Das Bistum reagierte und verbot die Bewässerung. Die Zeiten, in denen man ein Bußgewand anlegen musste, bevor man mit Asche bestreut wurde, sind vorbei. Das Asche-Symbol ist geblieben.

    Eine Ordensschwester kniete vor mir, Kopf und Gesicht überwiegend verhüllt mit dem Ordenshabit. Nur Augen, Nase und Mundpartie waren unbedeckt. Wo das Aschenkreuz anbringen? Ich startete einen Versuch Richtung linke Wange. Abwehrendes Handzeichen. Das wiederholte sich, als ich auf der rechten Wange das Kreuz anbringen wollte. Aus meiner anfänglichen Euphorie wurde Ernüchterung. Ich war ratlos. Sollte ich fragen: „Wo hätten Sie es gern?“„Würden Sie bitte die Haube abnehmen oder die Schutzfolie entfernen?“ Ein Restwiderstand hielt mich davon zurück. Man darf nicht aus jedem Rahmen ausbrechen. Betreten verboten.

    Meine spontanen Überlegungen, wie die Festung zu stürmen war, konnte ich nicht der Phantasie überlassen. Die Ordensfrau blieb stumm, nicht nur wortkarg. Paradies mit Verschlossenheitsgarantie. Ich blickte in ein leeres Gesicht. Kein Gedröhn der Welt hätte das zu ändern vermocht.

    Im heutigen technisierten Zeitalter lassen sich Gefühlsregungen oder Abwehr und Zuwendung mit bunten Emojis ausdrücken. Das beschriebene Ereignis fand vor diesem Zeitalter statt.

    Dann bot sie überraschend Hilfestellung an. Mit der rechten Hand wies sie nach oben. Wo war oben? Spielraum für Interpretation. Ich suchte Blick-Kontakt mit ihr. Vergeblich. Ihre Augen blieben demutsvoll nach unten gerichtet. Sie zeigte nicht ihr wahres Gesicht.

    Da die Zeichensprache nicht zum erhofften Ergebnis führte, sie auf dem Aschenkreuz aber offenbar bestand, streckte sie einen Arm in die Höhe und wies mit der Hand auf eine Stelle hin, wo sich unter der Haube vermutlich das Kopfhaar befand, versteckt wie Juwelen in einer Vitrine. Ich schloss aus ihrem unverfänglichen Hinweis, dass sich in jener Gegend die angemessene Stelle für das Zeichen Ihrer Bußfertigkeit befand.

    Ob es sich so verhielt, wusste sie allein. Ob sich ihre Mienen aufhellten, als das Kreuz nach Vorschrift angekommen war, verbarg der Schleier. Mit Sympathie-Signalen war nicht zu rechnen. Über Gedankengänge einer Ordensfrau weiß selbst der liebe Gott nicht Bescheid, wird behauptet.

    In der Gemeinde sprach sich der Vorgang als schlagzeilenträchtige Neuigkeit herum, statt den Mantel taktvollen Schweigens darüber auszubreiten. Der Trottel hätte sich kundig machen sollen, hieß es. Er hätte wissen müssen, wie unter nicht vorhersehbaren Umständen zwischenmenschliche Beziehungen geknüpft werden. Mit dem Makel musste ich leben.Der Aschermittwoch hatte vierundzwanzig Stunden, eine endlos lange Zeitspanne. Danach blieb mir ein Jahr Zeit zum Üben.

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  • Karnevals-Vergütung

    Karnevals-Vergütung

    Besondere Kunden betreut meine Bank mit einem besonderen Angebot. Dieses Mal ist es wirklich etwas Besonderes, ein Sonderangebot zu Karneval. Karnevals-Vergütung sozusagen. Ich erhalte eine außerordentliche Verzinsung, zunächst eine Grundverzinsung. Das ist  normal. Geld verschenke ich nicht, auch nicht an meine Bank.

    Grundzinsen sind niedrig, weil sie sich am Grunde, am Boden bewegen. Aber sie steigen rasant, wenn die Karnevalsumzüge auf Resonanz stoßen. Plus 0,125 Prozent. Plus 0,25 Prozent. Plus 0.30 Prozent, wenn zusätzlich die Sonne scheint.

    Vorher muss ich Geld einzahlen, fünftausend Euro. Die habe ich überall herumliegen. Ich habe sie bisher liegen lassen, weil ich nach hoher Grundverzinsung mit rasantem Zinsgalopp Ausschau hielt.

    Das Restaurant um die Ecke macht ein ähnliches Angebot. Es gibt ein leckeres Grundmenü. Klare Fleischbrühe. Bis Aschermittwoch gibt es pro Tag einen 0,125% größeren Teller. Sollte ein Karnevalszug wegen Regen ausfallen, wird die Portion entsprechend kleiner. Mal sehen, wo ich die fünftausend Euro liegen habe.

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  • Närrisches Großes Feldlager der 1. Mönchengladbacher Stadtgarde. Der Veilchendienstag naht

    Närrisches Großes Feldlager der 1. Mönchengladbacher Stadtgarde.
    Der Veilchendienstag naht

    Wenn in Mönchengladbach Karneval gefeiert wird, geschieht das nicht in allerweltsüblicher Weise. „D`r Zoch kütt – Der Zug kommt, stellt euch an die Straße.“ Damit kündigt die 1. Mönchengladbacher Stadtgarde mit ihrem Garde-Lied den Karnevals-Jecken am Veilchendienstag den Umzug an:

    d`r Zoch kütt, d`r zoch kütt, stellt öch an de stroß
    strüßje und kamelle, de komme en de blos
    d`r zoch kütt, d`r zoch kütt und jeder steht spalier
    für en schockolädche en bützje un en bier

    Gemeinsam mit seinem geschäftsführenden Vorstand gilt die Erfahrung des Vorsitzenden Elmar Eßer als Zugleiter als Garantie ein für gutes Gelingen.

    So weit ist es noch nicht. Die seit 1998 bestehende Garde eröffnete, begleitet vom Speicker  Fanfarenkorps, „in gewohnt lockerer Atmosphäre“ das „Große Feldlager“ in der Eickener Mehrzweckhalle. In Verbindung mit Polizei, Feuerwehr, Sanitätsdiensten und THW verwirklichte sie ihre Absicht: „Jeder soll das Feldlager miterleben können“. Angelika Marx und Frank Nießen waren mit ihrer Moderation dabei behilflich. Ein Gala-Abend war nicht geplant. Da sich „Kind und Kegel“ eingefunden hatten und auch ihrem persönlichen Unterhaltungsbedürfnis nachkommen wollten, war die Atmosphäre manchmal „sehr locker“.

    Die karnevalistische 1. Garde für den Veilchendienstagszug, darunter ein 92jähriger Veteran, ist mit Ideen und Tatkraft jung geblieben. Die Stadtgarde 1998 ist zudem eine von sechzehn Garden mit ca. tausend Garde-Angehörigen der „Föderation Euroregionaler Garden“. Freundschaftliche Kontakte  und Erfahrungsaustausch sind im Deutsch-Niederländisch-Belgischen Grenzgebiet entstanden. So verwunderte es nicht, dass diePrinselikke Stadts-Garde Faubourg St. Jacques aus Roermond“, Mitglied der Föderation, mit ihrem Bierkasten-Tanz die gute Stimmung in der Halle unterstützte.

    Dass „der Alte Fritz“ etwas mit der Stadtgarde zu tun hat, vermutet man nicht. An Friedrich den Großen, König von Preußen, erinnert in humoristischer Persiflage die Friderizianer-Uniform, die allerdings nur Präsident und Mariechen im Zug tragen. Sie passt sich den Stadtfarben rot, gelb und blau an. Farben spielen im Karneval eine große Rolle. Unser Prinzenpaar trägt Blau und Weiß, auch die Kinderprinzengarde. Der Orden der Stadtgarde ist der friderizianische Gardestern mit dem Stadtwappen, dazu ein Traktor als Zeichen der Zugleitung.

    Karneval will nicht alte Begehrlichkeiten wecken. Geschichtlichen Begebenheiten verschafft er eine neue Bedeutung. Geschichte ist nicht folgenlos. Zum Markenzeichen der Stadtgarde gehören auch die „Schwellköpfe“. Eine Fußgruppe im Kostüm des Stadtgarde-Clowns wird sie beim Veilchendienstagszug wieder vorführen.

    Beide Prinzengarden traten an: Die Prinzengarde der Stadt Mönchengladbach als Begleitung und Leibgarde des Prinzenpaars eskortiert Prinz Dirk und Prinzessin Niersia Martina aus Spaß an d’r Freud bei ihren diversen Veranstaltungen. Auch an diesem Abend. Deren Kondition, die eine lange Karnevalszeit hindurch halten muss, ist bewundernswert.

    Prinz Dirk „steigt herab zu seinen Untertanen“ und mischt sich unter sein närrisches Volk. Prinzessin Martina stimmt ein, wenn „Kleine Mädchen müssen früher schlafen gehen; kleine Mädchen haben das nie eingesehn“, intoniert wird. Wann sie in diesen Wochen schlafen gehen kann, verrät sie niemandem. Keine schlaflosen Nächte bereitet ihr die Juniorengarde. Man setzt auf die Jugend. Mit ihr hat Karneval Zukunft.

    Gleichrangig neben den „Gladbachern“ das Gardekorps der Großen Rheydter Prinzengarde mit ihrer vorgetragenen Pflichtübung „Wir sind die Garde in Schwarz-Weiß, ertönt’s mit Jubelschall. Auf uns’res Prinzenpaar Geheiß marschier’n wir durch jeden Saal.“. Die „Rheer Knöppkes“ hatten sie mitgebracht, ihre Mädchen-Showtanzgruppe. Mögen alle im Saal mitbekommen  haben, welch hartes Training hinter den akrobatischen Übungen steckt. Monika Ferfers und Petra Beckers sei es gedankt.

    Die Showtanzgruppe „Surprise & Fantasy“  der Hardterbroicher Karnevalsgesellschaft „Alles onger ene Hoot“ setzte fort, was den Abend prägte: Tanzen. Selbst die FunkenartillerieLöschzugKempen“ bestätigte diesen Trend und wurde mit „Gut Schlauch“ herzlich verabschiedet. Der unbekümmerte Auftritt des sechsjährigen Tanzmariechens der 1. Mönchengladbach-Speicker Garde beeindruckte in besonderer Weise. Wenn die kleine Shamia behutsam gefördert wird, dürfte sie einmal zu den ganz Großen zählen.

    Zur Stelle waren Prinz Lukas II. und Prinzessin Lara I., tanzend-singendes Kinderprinzenpaar der Stadt Mönchengladbach mit ihrer Kinderprinzengarde. Seitdem Hans Pitz, ehemals Präsident der „Roten Funken Rheydt“, eine Kindergarde als Garde des Kinderprinzenpaars ins Leben rief, gehört sie zum Karneval. 1977 wurde die „Rheydter Kindergarde“ zur „Kinderprinzengarde Mönchengladbach“. In Schulen und Kindergärten, Senioren- und Behinderten-Einrichtungen ist sie sehr willkommen; zu Recht, wie sie demonstrierte.

    Die Gründung der „Ersten-Venner Karnevalsgesellschaft“ galt 2001 zunächst als Scherz. Frank Weber und Roswitha Joch als Vorsitzende bewiesen in der Zwischenzeit, wie aus Kleinem Großes entstehen kann. Sie empfahlen sich nachhaltig für den Veilchendienstag.

    Für die „Gelb-Blauen Funken der Stadt Mönchengladbach“, Garde des Oberbürgermeisters, ist das selbstverständlich. Sie kamen, traten auf und überzeugten. Mit „Wer dont all möt“ 1932 gegründet, blicken sie auf eine nicht immer störungsfrei verlaufene Geschichte zurück. Dass der von August Deden komponierte Funkenmarsch „Wir sind die Funken Gelb und Blau“ noch aktuell ist, erfüllt sie mit Stolz. Sie „begleiten“ nicht nur den Oberbürgermeister, sondern „verteidigen“ am Rosenmontag das Rheydter Rathaus. Dass es trotzdem gestürmt wird, liegt auch in ihrem Interesse. Die Regimentstöchter der Jugendtanzgarde mit der jetzigen Trainerin Sandra Päffgen werden die Funken „In alter Frische“ am Leben halten.

    Die 1935 gegründete „kleine“ Eickener Karnevals- und Traditionsgesellschaft „Schöpp op“ unterstrich nachhaltig ihre Zugehörigkeit. Traditionellen, innovativen Karneval feiert sie. „Schöpp op“ tanzt – bei der Funkengarde und bei der Mariechentanzgarde. Solo-Mariechen und Trainerin Jennifer Müller ist als vierfache Stadtmeisterin im Mariechen-Solotanz eine Ausnahme-Erscheinung. In der rot-weißen „Schöpp op“- Uniform eroberte sie Herzen und Sinne der Feldlager-Gemeinde. Auch mit den Fanfaren-Trompetern können die Eickener den Verlust ehemaliger Borussia-Geister verschmerzen. Verehrtes Prinzenpaar! Als die niederländische Partyband „De Badmötze“ das Feldlager-Ende einläutete, war allen klar: Die Veilchendienstagszug-Planungen lassen Gutes erwarten. Euer Prinzenwagen ist sicher startbereit.

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  • Die närrische fünfte Jahreszeit – Noch lange nicht vorbei im Mönchengladbacher Karneval

    Die närrische fünfte Jahreszeit – Noch lange nicht vorbei im Mönchengladbacher Karneval

    Die schottischen Hütehunde, häuslicher Hofstaat von Prinz Dirk und Prinzessin Niersia Martina, sind gegenwärtig nicht die Einzigen, die dem Prinzenpaar aus der Hand fressen möchten. Karnevals- und Brauchtums-Begeisterte feiern zusammen mit Prinz und Prinzessin die „fünfte Jahreszeit“ und fiebern dem Veilchendienstagszug entgegen. Der hat Gestalt angenommen. Daher bat die Marketing Gesellschaft Mönchengladbach zur Pressekonferenz „Veilchendienstagszug“ ins Alte Zeughaus, das in einer Ausstellung eine „spannende Reise auf den Spuren des Karnevals in Mönchengladbach“ arrangiert hat.

    Der karnevalistische Schlusspunkt Veilchendienstag in der Karnevals-Hochburg Mönchengladbach, die reich an närrischen Höhepunkten ist, bedeutet für die Planer Jahr für Jahr eine logistische Herausforderung. Anspannung vorher und Erleichterung nachher, wenn sich die Mühen gelohnt haben. Eine sechs km lange Zug-Strecke, die in gut zwei Stunden zu bewältigen ist, kann man nicht sich selbst überlassen.

    Wenn die Innenstadt samt Zufahrtsstraßen am 5. März verkehrstechnisch zwischen 11:15 und ca. 18:00 Uhr für den Fahrzeugverkehr gesperrt und ein Parkverbot angeordnet wird, sind Profis gefragt, die das organisieren. Zusätzlich müssen Wetterverhältnisse und Tatkraft der Reinigungskolonnen berücksichtigt werden, ehe wieder „freie Fahrt“ gewährt wird.

    Man geht von mehr als viertausend Zugteilnehmern aus, darunter 34 MKV-Karnevalsgesellschaften sowie 45 Fremdgruppen, 74 Fest-, 39 Bagage- und 10 Werbewagen, 30 Tanz- und Funkengarden, 61 Fußgruppen, dazu 4 Reitergruppen und 2 Kutschen. Die 29 Musikkapellen müssen so in den Zug integriert werden, dass sie nicht übertönt werden von den Musik-Anlagen, die auf den Zugwagen installiert sind. Bei zu erwartenden 350.000 Veilchendienstag-Fans ist perfekte Planung vonnöten. Der letzte Wagen des Zuges muss sich in Gang gesetzt haben, ehe der erste wieder am Zielort eintrifft.

    Um die Sicherheit aller Teilnehmenden kümmern sich sichtbar und unsichtbar neunhundert Personen. Man kann daher ausgelassen und sicher feiern. Niemand soll verlorengehen. Theoretisch betrachtet, gibt es ein perfektes Sicherheitskonzept, das beispielhaft ist in NRW. Die Frage, ob in diesem Jahr für mitziehende Pferde zusätzliche Tierschutz-Maßnahmen zu treffen sind, stellte niemand. Versichert wurde jedoch, dass ein Tierarzt vor Ort erreichbar sei und entsprechend Vorsorge getroffen werde.

    Neues und Altbewährtes stellten die Herren vom Mönchengladbacher Karnevals-Verband vor, unterstützt vom ehemaligen MKV-Chef Bernd Gothe. „Gladbach blüht auf“, das diesjährige Motto, soll Besucher neugierig machen auf diese Stadt, auch diejenigen, die sie kennen und seit Generationen hier leben. Das Motto deutet an, was uns hier „blüht“ und blühen wird, ohne dass die Tradition beerdigt wird.

    Die MKV-Vertreter betonten, dass der Veilchendienstagzug kein Relikt von gestern sei und nicht gekünstelte Montagen anbiete. Karneval, Markenzeichen im Rheinland, steht auch in Mönchengladbach für lebensnahe Kultur. Er identifiziert sich mit Szenen, Personen und Ereignissen der Stadt Mönchengladbach und ist daher  unverwechselbar. Mönchengladbacher Pusteblumen und Düngerstäbchen, Hasen- und Blumenwiesen, Fohlen- und Wohnblüten bieten sich an. Seine Identität lässt der Zug nicht hinter sich. Hunderttausende, die er an Straßenrändern und in Wohnzimmerfenstern in närrische Stimmung versetzt, müssen sich nicht wie im falschen Verein vorkommen. Dieser Veilchendienstagszug ist es, um dessentwillen sie sich auf den Weg machen. Er ist es, den sie lieben, da er in vieler Hinsicht abweicht vom Üblichen.

    Das schließt nicht aus, dass die Mönchengladbacher es schätzen, dass auch anderswo „blühende Landschaften“ existieren. Die „Blumeninsel Teneriffa“, zu der eine jecke freundschaftliche Beziehung besteht, stellt sich auf einem Wagen vor. Und auch eine Korant-Gruppe aus Slowenien hat Kontakt zu unserem Karneval aufgenommen.

    Spätestens seit Altweiber-Donnerstag gehört der Karneval in Verbindung mit Nelkensamstag, Tulpensonntag und dem Rosenmontag zum unverzichtbaren winterlichen Brauchtum im Leben der Stadt. Prinz Dirk und Prinzessin Martina, die auch mit dem „Ganzjahresbrauchtum Borussia“ vertraut sind, wissen das zu schätzen.

    Zu recht stolz ist man über das soziale Engagement einzelner Karnevalsgesellschaften. Aktivitäten für Senioren- und Behinderte sowie Integrations-Initiativen profitieren davon, vor allem die Jugendarbeit. Junge Menschen garantieren die Zukunft des Karnevals. Intensiv wird mit Schulen zusammengearbeitet; ein „Malwettbewerb Mönchengladbacher Schulen“ kann auf zwei Wagen anschauliche Beiträge liefern.

    In Mönchengladbach lebt man bodenständig. Das „Blüh-Motto“ besteht nicht aus vorgestanzten Phrasen, sondern wird den unterschiedlichen Bedürfnissen und Wünschen der hier lebenden Menschen gerecht. Das praktiziert auch das Prinzenpaar: Beide sind keine Ausnahme-Erscheinung, sondern handfeste Vertreter einer Generation, die sich nicht auf dem ausruht, was sie bisher geleistet hat.

    Start- und Ziel des Zuges ist wieder am Bismarckplatz/Rathenaustraße. Im Vergleich zum Vorjahr gibt es keine Veränderung des Zugwegs. Er schlängelt sich durch die Innenstadt zum ersten „Hotspot“ am Geroweiher, wo ein Festzelt, reservierte Sitzplatz-Tribünen, Moderation und Programm angeboten werden. Ein separates Plateau steht für Rollstuhlfahrer bereit. Möge es angenommen werden.
    Auch für Blinde und Seh-Behinderte soll der Karnevalszug zum Erlebnis werden. Mit Hilfe der Audiodeskription wird ihnen Frau Sarah Lierz den gesamten Zugverlauf live zu Ohren bringen. „Karneval für alle“ soll es sein.

    Über die Aachener Straße führt der Weg zum Alten Markt, dem nächsten „heißen Punkt“. Die Hindenburgstraße hinab über die Bismarckstraße geht es nach Eicken zum traditionsreichen Aretzplätzke, schließlich Richtung Europaplatz und Hauptbahnhof zum Endpunkt Bismarckplatz.

    Nach dem Zug startet im Festzelt die AfterZochParty.

    Das Vergnügen kostet Geld, ca. 400.000 Euro. Wer am Zug teilnimmt, soll sich möglichst an den Kosten beteiligen, damit sich der Veilchendienstagszug finanziell auf Dauer trägt. Es ist nicht damit getan, dass Karnevalisten in Clown-Kostümen während des Zuges „Zuggroschen“ sammeln und dass   „Festabzeichen“ erworben werden können. Zum zukunftsweisenden Konzept des Veilchendienstagzugs gehören daher Werbeträger und Werbemaßnahmen. Eine eigene Werbekarawane wird in den Zug aufgenommen. Man hat sich mit Architekten und Bauherren zusammengesetzt, die aktuelle Projekte im Stadtgebiet auf vier Wagen präsentieren. In der Stadt ansässige Automobil-Unternehmen erhalten Gelegenheit, sich darzustellen. Sie sind wie andere bereit, die Kosten des Zuges mitzutragen. Das Abteiberg-Museum wird „aufblühen“ mit fünf großformatigen Bildern. Fußgruppen werden prämiert, originelle Kostüme aus dem Vorjahr werden wieder gezeigt.

    „Der Gladbach nimmt so seinen Lauf. Bei uns da blüht er richtig auf.“ Was gibt es Typischeres als den Spruch einer im Zug aktiven Fußgruppe, den man über den kommenden Veilchendienstagzug sagen kann? „Gladbach blüht auf“. Nicht nur ein Versprechen.

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  • Jeck mit dem Prinzenpaar – Prinz Dirk und Prinzessin Niersia Martina in der Mönchengladbacher StadtsparkasseAktualisierung: zwei weitere Videos

    Jeck mit dem Prinzenpaar – Prinz Dirk und Prinzessin Niersia Martina in der Mönchengladbacher Stadtsparkasse
    Aktualisierung: zwei weitere Videos

    Der Empfang des Prinzenpaares in den Räumen der Stadtsparkasse, die das Ereignis „freundlich unterstützt“, gehört zu den besonderen Ereignissen im Mönchengladbacher Prinzenpaar-Karnevals-Leben. Das erste Prinzenpaar nach der Ära Bernd Gothe, unter Leitung des neuen MKV-Vorsitzenden Gerd Kartheuser, gab sich die Ehre.

     „Prinz Dirk I., Prinzessin Niersia Martina und der Mönchengladbacher Karnevals-Verband möchten Sie herzlich einladen“, steht in der Information an die Presse. Auf seine Gäste musste das Prinzenpaar trotz Regen und Sturmgebraus draußen nicht warten. Die Sparkassen-Halle verwandelte sich im Nu in eine Kathedrale des Frohsinns. Leute, die zu wissen glauben, dass der Weltuntergang bevorsteht und es überall nur ungerecht zugeht, waren an diesem heiteren Vormittag nicht anwesend.

    Wahrscheinlich hatte die gute Stimmung mit dem Prinzenpaar zu tun, das „für Bodenständigkeit steht, über sich selbst lachen kann und nah an den Jecken ist“. Jeder, der jeck genug war, befand sich schnell mitten im ungezwungenen, heiteren Geschehen. Bützchen hier, Händeschütteln dort. Nichts Exotisches, nichts Unvermittelbares wurde vermittelt, sondern wohltuende Lebensfreude. Das Prinzenpaar feierte mit ca. fünfhundert karnevalistischen Freunden. Ein MKV-Familientreff, quer durch die Generationen.

    Vielleicht war es das persönliche Motto des Prinzenpaars „Positiv denken, Liebe und Freude schenken“, das auf alle ausstrahlte. Der entspannt wirkende Gemütszustand von Prinz und Prinzessin, die spontane Herzlichkeit, mit der sie auf andere zugingen und andere an sich heranließen, signalisierte: Wir haben uns nichts Verrücktes ausgedacht; aber es tut gut, ein wenig verrückt und vor allem einander sympathisch zu sein.

    „Verehrte Damen“, „geschätzte Herren“ – die offizielle Anrede des MKV-Präsidenten Gert Kartheuser musste sein. Sie galt u. a. den Abordnungen der Karnevals-Gesellschaften, der „Prominenz“, dem Gast-Prinzenpaar der Stadt Erkelenz. Ansonsten hallten unentwegt „Halt Pohl“-,  „All Rheydt“-, „Blüht auf“-Rufe durch die Sparkassenhalle. Sie demonstrierten Gladbach-Rheydter Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Karnevalistisch vereint, hat man keine Angst vor gegenseitiger Überfremdung, sondern feiert die Zusammengehörigkeit.

    „Wir halten den Karneval zeitgemäß und lebendig.“ Ein gegenwarts- und zukunftsträchtiger Wahlspruch für den Karneval und für diese Stadt. Man erlebte einen Vorgeschmack auf demnächst anstehende gänzlich tolle Tage und den Veilchendienstagzug, obwohl die Fiktionen von jeck und toll heute schon nah an künftige Wirklichkeiten heranrückten.

    Das Prinzenpaar Dirk und Martina regiert zusammen mit seinem Hofmarschall Klaus Werthmann, dem Hofstaat und dem Kinder-Prinzenpaar Lara und Lukas ein jeckes Volk. Karneval spielt im Leben von Prinz Dirk und Prinzessin Niersia Martina eine herausragende Rolle. Sie sind Mitglieder der Prinzengarde der Stadt Mönchengladbach und der Großen Rheydter Prinzengarde. In beiden Garden sind sie zuhause. Mit der Gabe der Leichtfüßigkeit nehmen sie an den vielen Veranstaltungen teil. Das schweißt sie und die karnevalistische Gemeinde zusammen. Man „hält Pohl“ für und mit „All Rheydt“. Gemeinsam ist man stark. Niemand muss verzweifelt nach Halt suchen.

    Die Bereitschaft, Prinz zu sein und im Rampenlicht zu stehen, hat sich Prinz Dirk in einer kontinuierlich ansteigenden Karnevalskarriere vom Gardist zum Prinz erworben. Dass er jetzt Person des öffentlichen Lebens unserer Stadt ist und seine Anwesenheit bei gesellschaftlichen Anlässen erwünscht und geschätzt wird, scheint ihm, so wie er auftritt, zu gefallen. Man traut ihm das zu.

    Seine Frau, Prinzessin Niersia Martina, lässt sich vom karnevalistischen Wohlfühl-Bazillus anstecken. „Wenn man mit einem Prinz verheiratet ist, ist man automatisch Prinzessin“, wird sie zitiert. Vor möglichen Konsequenzen schreckte sie nie zurück. Zudem erweckt sie den Eindruck, stressresistent zu sein. Ungefähr dreihundert Termine stehen im Kalender. Prinz und Prinzessin können sich dabei auf ihren Hofstaat verlassen – auf den Hofmarschall des MKV, auf den persönlichen Adjutanten des Prinzen und den der Prinzessin, auf viele helfende Geister. Leistungsdruck entsteht nicht. Eine Stütze ist auch die MKV Showband, die sich in den Dienst des Karnevals stellt und zum Feiern, Singen und Tanzen motiviert.

    Das waren einige herausragende Eindrücke an diesem karnevalistischen Vormittag:

    Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit des Miteinanders aller Anwesenden.

    Die zwischenmenschlichen Begegnungen per DU und per SIE.

    Die Unbekümmertheit des Oberbürgermeisters, dessen Umschlag mit der obligatorischen Spende für die Kinder-Palliativ-Station „Insel Tobi“ noch daheim auf dem Küchentisch lag („Wird nachgeliefert“).

    Das „Gänsehaut-Feeling“, welches das Prinzenpaar-Lied vermittelte. „Es ist ein tolles Gefühl und wir feiern heut‘ mit euch Karneval“, singen Prinz und Prinzessin im Prinzenpaar-Lied. Dies ist erstmalig und einmalig, dass ein stimmlich versiertes Prinzen-Duo mit perfekt abgestimmter Körpersprache sein Lied vorträgt und allen Mut zuspricht, sich nicht von den Sorgen von gestern vereinnahmen zu lassen.

    Video: MG-heute

    Weitere Videos vom Prinzenpaarempfang

    Der nicht enden wollende Aufmarsch der Prinzengarden unserer Stadt mit ihren perfekten Tanzgruppen, mit ihren akrobatischen Show-Einlagen, mit dem begeisterungsfähigen, karnevalistischen Mini- und Jugend-Nachwuchs.

    Nach dreißig Jahren Ehe sei das alles zu schaffen, hat die Prinzessin ihrem Freundeskreis versichert. Man traut ihr, Ihrem Prinz, dem Hofstaat und allen Mitwirkenden die Fähigkeit und das Gespür von Wellenreitern zu, die eine Welle zum richtigen Zeitpunkt erwischen. Ein sehr menschliches, warmherziges Prinzenpaar repräsentiert in dieser Session mit wohltuender Unaufgeregtheit den Mönchengladbacher Karneval. „Gladbach hat etwas zu bieten.“ Kein bloßes Versprechen dieser aufblühenden Stadt, in der es nicht nur in diesen Tagen heißt: „Halt Pohl“, „All Rheydt“. „Blüh auf“.

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  • Wenn Gesten mehr als Worte sagen – Von einem kompetenten, angemessenen Umgang mit Demenz-Erkrankten

    Wenn Gesten mehr als Worte sagen – Von einem kompetenten, angemessenen Umgang mit Demenz-Erkrankten

    Mit der lebenserfahrenen, in einem Mönchengladbacher Seniorenheim tätigen, qualifizierten Betreuerin bin ich zum Gespräch verabredet. Sie begleitet Menschen, die mit dem Verlust ihrer körperlich-geistigen Leistungsfähigkeit und dem quälenden Verlöschen ihrer Persönlichkeit zu kämpfen haben. Sie leiden, heißt es in der Fachsprache, an einem „dementiellen Syndrom“, einem Zusammentreffen verschiedener Symptome, wodurch die Erkrankung ausgelöst wird.

    Manchmal ist ihnen im wahrsten Sinn ein Existenz-Minimum geblieben, überzogen mit der Patina einer verflossenen Zeit. Das Gefühl für Zeit haben sie in der Regel verloren. Nichts im Leben hat Ewigkeitsanspruch. Vom Leben selbst haben sie sich deswegen nicht verabschiedet.

    Wie geht ein gesunder Mensch, der seine persönlichen Bedürfnisse wahrnehmen und ausdrücken, sie aufschieben und einer Situation anpassen kann, mit Personen um, die ihre Bedürfnisse häufig nicht mehr mit Worten mitteilen können?

    „Personen, um die ich mich kümmere“, sagt die Betreuerin, „haben nicht alle Wünsche und Begierden hinter sich gelassen, wenn sie hier aufgenommen werden.“ Es sei für ihre Pflege unterstützende Tätigkeit hilfreich, wenn sie in einen Personalbogen, eine „vita“, hineinschauen dürfe, welche das Heim über eine Bewohnerin bzw. einen Bewohner angefertigt hat: Welche Vorlieben wurden von daheim in die neue Umgebung mitgebracht? Was wurde gern bzw. nicht gern gegessen? Welche Kleidung wurde bevorzugt? Wie war der übliche Tagesablauf? Frühaufsteher? Langschläfer? Gab es Hobbies, Lieblings-Beschäftigungen? Es sind keine Menschen ohne Geschichte und ohne Vergangenheit. Eine Funktion, die jemand ausübte, sollte man kennen, Leistungen, die jemand erbracht hat, sollte man ansprechen und herausstellen.

    Nicht immer könne eine pflegebedürftige Person persönlich Auskunft über sich geben. Dann erkundige man sich bei den Angehörigen z. B. darüber, ob Frau A. bzw. Herr B. nachts auf dem Rücken oder der Seite liegen. Nicht nur für die Pfleger, die beim An- und Ausziehen und beim Zu-Bett-Gehen Unterstützung leisten, seien das hilfreiche Informationen. Auch sie als betreuende Kraft berücksichtige das bei ihrer Tätigkeit und könne so zum Wohlbefinden der zu umsorgenden Person beitragen.

    Auf dem Tisch, an dem ich mit ihr sitze, hat sie große Folien-Bilder ausgebreitet. Ein Foto mit reifen, roten Erdbeeren ist dabei. Ich glaube das Aroma zu spüren und den Duft wahrzunehmen, die sie von sich geben. So verführerisch sind sie dargestellt. Wenn die Sprache eines Patienten verschüttet ist, müssen nicht auch alle anderen Wahrnehmungen versiegt sein. Die Betreuerin hat sich kundig gemacht, dass ihrem Patient Erdbeeren im heimischen Garten vertraut waren. Sie ruft Erinnerungen wach und unterstützt sie mit einem deutlichen und lauten „Hm“, „lecker“. Sie begleitet ihre wenigen Worte mit ausdrucksstarker Mimik – weit geöffnete, auf die Person gerichtete Augen, die Blick-Kontakt suchen, sowie Gebärden, die Freude und Esslust signalisieren.

    Auf der Folie zeichnet die demente Person mit einem Finger die süßen Früchte nach. Vertrautes wird lebendig. Es ist wie ein Erweckungserlebnis. Die Hilfe Anbietende und Hilfe Empfangende kommunizieren miteinander „mit allen Sinnen“. Die Welt kann so einfach sein.

    Der weitaus größte Teil an Informationen geschieht wortlos, „non-verbal“. Bedürfnisse werden mehr über die Körpersprache als über Worte ausgedrückt. Die Betreuerin kann eine Person, die sie aufsucht, mit „Hallo, Frau A. Heute ist wunderschönes Wetter.“ begrüßen. Wichtig ist jedoch, dass sich das „schöne Wetter“ auf ihrem Gesicht, in ihrer Gesichts-Mimik und in ihren Gesten widerspiegelt und bestätigt wird.

    Meine Gesprächspartnerin erwähnt das Beispiel einer Dame, die seit fünf Jahren von ihr betreut wird. Sie hat die Sprache verloren, transportiert aber mit einer lebhaften Gestik alles, was in ihr und um sie herum vorgeht. Manchmal sitzt sie in ihrem Trippel-Stuhl, mit dem sie sich „trippelnd“ fortbewegt,  auf dem Flur und erwartet die Betreuerin. Wenn sich die Dame an diesem Tag wohlfühlt, trippelt sie mit offenen Armen auf diese zu und wird von ihr mit gleichfalls offenen Armen empfangen. Nicht ungewöhnlich ist es, wenn der Stuhl nicht zum „Trippeln“ genutzt wird, weil die Dame mit abwehrenden Handbewegungen signalisiert, dass sie heute nicht „empfangsbereit“ ist und  nicht auf jemanden zutrippeln will.

    An dieser Stelle mache ich einen Einschnitt, obwohl ich erst einen Teil von dem wiedergeben habe, was mir in diesem „Tisch-Gespräch“ vermittelt wurde. Es hat mich bewegt und berührt. Ich habe erfahren, dass demente Personen keine Reise ins Ungewisse antreten, wenn kundige, einfühlsame Personen an ihrer Seite sind. Vom Versiegen und Vergehen des Lebens wird niemand verschont. Sachkundige, verstehende Betreuung, die zusätzlich zur Pflege angeboten wird, kann aber dazu beitragen, dass jedes Leben lebenswert bleibt. Vielleicht gibt es ein Echo auf diesen Bericht. Eine Weiterführung der Thematik  kann ich mir vorstellen.

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  • Erzeugt Hartz IV Angst? Gedanken zu einer geplanten Veranstaltung mit Bettina Kenter-Götte in der City-Kirche

    Erzeugt Hartz IV Angst?
    Gedanken zu einer geplanten Veranstaltung mit Bettina Kenter-Götte in der City-Kirche

    Bettina Kenter-Götte stellt am 29.1.2019 in der Mönchengladbacher City-Kirche ihr zur Leipziger Buchmesse erschienenes Buch „Heart’s  Fear. Hartz IV – Geschichten von Armut und Ausgrenzung“ vor. Der Mönchengladbacher „Rosa Luxemburg Club“, der nach eigenen Worten „Kommunikation und linke Kultur“ fördern will, veranstaltet die Buchlesung zusammen mit dem 2005 gegründeten „Bündnis für Menschenwürde und Arbeit“, bekannt vor allem durch das Engagement von Edmund Erlemann.

    Der Thematik „Hartz IV“ wird „Herzensangst“, „Heart’s  Fear“, zugeordnet – in leuchtend roten, großen „Angst“-Buchstaben. Das soll signalisieren, wohin die Hartz IV-Reise aus Sicht der Autorin geführt hat. Nicht von Ängsten, wohl von Sorgenfalten spricht inzwischen auch die Partei, deren ehemaliger Kanzler zusammen mit dem grünen Partner das Hartz IV-Unternehmen startete. Es sei „nicht mehr wirksam und brandgefährlich“, warnt ihr gegenwärtiger Vorsitzender der NRW-Landtagsfraktion.

    „Vielleicht haben Sie Lust, in MG-Heute darüber zu berichten“, ließ die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin wissen. Der „Herzens-Angst“ der Autorin wird Rechnung getragen.

    Bettina Kenter-Götte ist auf Lese-Reise, quer durch Deutschland. Den vielen Kommentaren kann man entnehmen, dass sie nicht einfach vorliest, sondern erzählt, gestikuliert, mit dem Text spielt. Sie ist Schauspielerin. Steht im Vordergrund, die Zuhörer von Deutschland-weiter Armut und Ausgrenzung, von einem Tal vieler Tränen zu überzeugen? Oder geht es ihr darum, für das Buch zu werben? Vermutlich will sie das eine nicht vom anderen trennen.

    Sie wirbt um Unterstützung „in hartzigen Zeiten“. In zwei „Vorworten“ wird eingeläutet, was die Autorin anschließend mit persönlichen Erfahrungen emotional untermalen wird. Wer die Vorworte gelesen und registriert hat, wer der Verfasser ist, könnte das Buch theoretisch zur Seite legen, da er unschwer erraten kann, was anschließend auf ihn zukommt.

    Von „Demütigung, Entwürdigung, Entrechtung“ spricht im ersten Vorwort die Vorsitzende der Partei Die Linke, Kipping. Hartz IV-Empfänger würden „ihrer Würde, Autonomie und sozialen Kontakte sowie ihrer gesellschaftlichen Teilhabe und der Möglichkeit, eine eigene Persönlichkeit zu entfalten“, beraubt.

    „Sprache ist eine Quelle für Missverständnisse“, sagt „Der kleine Prinz“ bei Saint-Exupéry. Diese Sorge wird hier nicht geteilt. Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit wird auf Reiz-Worte gesetzt, deren Mehrdeutigkeit unerwähnt bleibt.

    Schuldzuweisungen für die beschriebene Misere richtet die Vorwort-Schreiberin an Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien (mit Ausnahme der Linken), die der Hartz IV-Regelung zustimmten. Die Regelung beinhalte die logische Konsequenz: „Wenn ihr nicht spurt, droht euch Armut, Ausgrenzung, Erniedrigung, Stigmatisierung.“ Da den Betroffenen grundlegende Rechte verwehrt blieben, müssten diese Rechte erstritten bzw. erkämpft werden. Nicht hinnehmbar seien Sanktionen und Leistungskürzungen bei Grundsicherungen. Darüber hinaus gehöre die Bedürftigkeitsprüfung abgeschafft.

    Die Satz-Kanonaden wecken Erinnerungen an Attacken auf den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof, der 2005 Finanzminister werden sollte. Man warf ihm vor, sozial Schwache zum Arbeiten zwingen und Reichen Steuervorteile gewähren zu wollen. Kirchhof wurde nicht Minister.

    Knapp vier Millionen Hartz IV-Bezieher werden gegenwärtig in Deutschland versorgt. Bringt die Vorsitzende der Linken deren Bedürfnisse zur Sprache, oder formuliert sie, sich an sich selbst berauschend, nur Totschlag-Argumente und Kampf-Parolen? 

    Das zweite Vorwort schrieb Fred Schirmacher, Mitglied der Marxistisch- Leninistischen Partei Deutschlands, für den der „Kampf gegen das menschenverachtende System Bürgerpflicht“ ist. Unter der Überschrift „Unrecht zu Recht erklären“ stellt er Hartz IV als „größtes Sozialabbau-Programm der Nachkriegsgeschichte“ dar, als „gesetzliche Verankerung sozialer Ungerechtigkeit“, als „Psycho-Terror“ und „System in den sozialen Abstieg“.

    Muss jetzt noch Bettina Kenter-Götte zu Wort kommen? Hartz IV sei, verkündet sie, die „Schreckenskammer der Gesellschaft“. Wir bräuchten ein „Me-Too der Armutsgeschändeten“, entrüstet sie sich. Sie verwendet, um eine Hundert-Prozent-Marke an Emotionen zu erreichen, gegenwarts-griffige Schlagworte. So erhebt sie ihre Stimme gegen unerträgliche Lobpreisungen des „hartzgrausigen Sozialabbaus“. Dessen Folgen seien Spaltung der Gesellschaft, Niedriglöhne, Kinder- und Altersarmut. zunehmende Obdachlosigkeit.

    Bettina Kenter-Götte besteht darauf, die Lebenswirklichkeit Betroffener wiederzugeben und von ungezählten, rechtswidrigen Sanktionen berichten zu können. Betroffen war sie eine Zeit lang auch selbst, angewiesen auf ein „ergänzendes Arbeitslosengeld“, das einem zusteht, wenn die Höhe der eigenen Einkünfte nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt sicherzustellen. Das verpflichtet, ihr aktiv zuzuhören. Das gilt auch, wenn sie Begegnungen mit Menschen schildert, die nicht glauben wollen, dass sich eine Frau wie sie Lebensmittel von der Tafel holen musste. „Eine Tafel ist ein reich gedeckter Tisch für Wohlhabende“, schreibt sie, „aber auch ein Reste-Tisch für Arme“.

    Niemand wird ihr Unaufrichtigkeit unterstellen. Dennoch darf man fragen, warum Hartz IV in ihrem Buch zum blutleeren Ritual mutiert, ohne vertretbare  Gegenargumente zu berücksichtigen. Fragen darf man, warum sie ihr Buch mit Vorworten dekoriert, die nahelegen, dass sie sich mit parteipolitisch linker Ideologie und marxistisch-leninistischen Parolen identifiziert. Fragen darf man, ob die City-Kirche adäquater Ort für dieses Vorhaben ist, selbst wenn dort das zehnjährige Jubiläum des Bündnisses für Menschenwürde und Arbeit stattfand. Von Kirchen gingen manchmal Revolutionen aus. Das muss nicht immer zwingend der Fall und Begründung für „offene Kirchen“ sein.

    Wer zu viel gewollt hat, erhält oft zu wenig.

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  • Die Sternsinger kommen

    Die Sternsinger kommen

    Sternsinger sind unterwegs. Das nachweihnachtliche Brauchtum des Dreikönigsfestes weckt Erinnerungen an meine Sternsinger-Aktivitäten in der nachkriegs-katholischen Pfarrei meines Heimatortes. Sie war nur für Jungen reserviert, die sonst als Ministranten am Altar standen. Mütter hatten Königs-Gewänder aus Stoffresten und Vorhängen genäht und mit den Kindern Kronen aus Pappkarton gebastelt.

    Da eine Person aus dem königlichen Dreigestirn den „schwarzen“ Erdteil verkörperte, musste Ruß aus dem Kamin herhalten, um einen „Neger“ aus dem Blondschopf zu machen. Die Bezeichnung, die jetzt als verleumderische, ehrverletzende Formulierung gilt, war noch kein Vergehen. „Weckmänner“, die zum Nikolaustag mit einer Pfeife im Arm gebacken wurden, verstießen nicht gegen den Nichtraucherschutz. Damals wusste man, dass der Bischofsstab des Heiligen Nikolaus  damit symbolisiert werden sollte.

    In der Schule hatte ich heimlich ein paar Stücke Kreide eingesteckt. Es mussten Segensgrüße auf Haustüren gekritzelt werden. Unsere Klasse war nicht mit Computern und Internet-Zugang ausgestattet. Wir benutzten Schiefertafeln. Auf kleine Kreidestücke warf ich ein Auge. Das eine oder andere Objekt wanderte  in meine Hosentasche.

    Die Leute im Dorf wurden nicht darüber informiert, dass Sternsinger unterwegs seien. Sie wussten es. Kinder benötigten keine Besuchs-Erlaubnis, sondern wurden erwartet. Niemand verlangte Begründungen für eine bewährte Tradition. Die Botschaft, die wir überbrachten, wurde nicht als gestrig abgetan. Sie stammte nicht aus einer für manche Leute von heute fernen Welt, in der sie ihre Üblichkeit verloren hat.

    In dem einen oder anderen Haus war der Tisch für das Dreigestirn gedeckt. Heiße Schokolade und Kuchen gab es. Damalige Verhältnisse kannten keinen Überfluss an Süßigkeiten und Konfekt. Dennoch landete manche Kostbarkeit als Wegzehrung in Taschen und Tüten. Das trug dazu bei, dass der Nachmittag viel zu schnell zu Ende ging.

    Sternsingen war fröhliche Begegnung zwischen Sternsingern und Familien. Sternsingen war ein frommes, heiteres Spiel.

    Heute ist das anders.

    „Jährlich werden mit den Mitteln aus der Sternsinger-Aktion Projekte für notleidende Kinder unterstützt. 2016 kamen über 71 Millionen Euro an Spendengeldern zusammen.“ „Bei der 60. Aktion Dreikönigssingen haben die Sternsinger das höchste Sammelergebnis in ihrer Geschichte erreicht, 10.000 Euro mehr als im Vorjahr.“ „Der Bundespräses machte deutlich, dass Sternsingen nicht den Zweck der Aktion verfehlen darf. Den Kindern wurde verdeutlicht, was Kinderarbeit für ihre Altersgenossen bedeutet. Sie  erfuhren, wie sinnvoll es ist, sich für sie als Sternsinger zu engagieren.“

    Sternsinger heute sind zweckorientiert unterwegs. Ein Gerechtigkeitsgefühl, das der Armut auf unserem Planet zu Leibe rücken soll, wird kultiviert. Kinder sollen andere Kinder nicht hungern lassen, ohne Gewissensbisse zu bekommen. Sternsingen dient der Weltrettung vor dem Weg in den sonst nicht abwendbaren  Untergang. Christliche Mitleids-Ethik für Kinder.

    Nicht alle Jungen und Mädchen, die als Sternsinger auftreten, werden den aufgezeigten Wahnsinn und die Nöte in der Welt verstehen. Aber  Identifikations-Probleme sind unwichtig.

    So  bringen die Sternsinger zu Gottes Lob und der Menschen Nutzen ihren Segensspruch an Haustüren an. Nach dem Ende der Kreidezeit nicht mehr mit Kreide, sondern mit maschinell programmierten Klebesteifen. Der Segen soll sich auszahlen in barer Münze, in möglichst großen Scheinen. Vorjährige Rekord-Erlöse gilt es zu übertreffen. Quengeln-Lieder anzustimmen, statt Segens-Sprüche zu verkünden, würde dem Zweck der Sternsinger-Aktion  entsprechen. Viel zu feiern gibt es nicht.  

    Seit jener fernen Vergangenheit, in der mein Urgroßvater gelebt hat, ist viel Sand durch Sternsinger-Sanduhren gelaufen. Gut, dass ich  dabei war, als Sternsingen nicht gesellschaftlichen oder sonstigen Zwecken diente. Die Süßigkeiten, die wir erhielten, gehörten uns. Wir mussten sie nicht um der Armut auf dem Planet willen, die damals wahrscheinlich nicht größer war als heute, mit aller Welt teilen.

    Ich bin nicht sicher, ob ich heute  mitziehen würde.

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  • Prosit Neujahr

    Prosit Neujahr

    Ein Jahreswechsel ist wieder vollzogen. Alles soll neu und anders werden,  unbelastet wie frisch gefallener Schnee. Prosit! Auf ein gutes Neues Jahr!

    Meistens verschlafe ich das Ereignis. Was soll sich schon ändern? Das Datum. Das ändert sich täglich. Das neue Jahr wird sich vermutlich genauso anfühlen wie das alte. Ohne mein Zutun vergeht die Zeit, entschwinden Tage und Wochen. Nicht immer nehme ich es wahr.

    Ängste und Befürchtungen, schaurige Geschichten und Prognosen überhöre ich. Über Untergangsprophezeiungen und Probleme in der Welt zerbreche ich mir nicht den Kopf. Der Nebel der Ungewissheit wird sich auch in Zukunft nicht lichten.

    „Bleibe, wie du heute bist, der Himmel dir dann sicher ist.“ Ein Schild mit diesem Spruch hing über unserer Haustür, als ich in Kindertagen zur Erstkommunion in die Kirche geführt wurde.

    Was machte meine Vorfahren so zukunftssicher und gelassen? In ihrem Weltbild nach dem Krieg galt es, Schlechtes zu vergessen und Gutes zu erhoffen. Beständigkeit war ihr Lebens- und Überlebens-Prinzip. Sie verbanden damit den Wunsch nach überschaubaren und geordneten Verhältnissen, trotz vieler Widrigkeiten um sie herum.

    Eine überreizte Gesellschaft mit den Segnungen des Fortschritts, dem Veränderungsstress und Geräusch-Pegel und den dauererregten Medien wäre ihnen zuwider gewesen. Die heutige Konsum-Kultur hätte nicht zu ihrem Leben gepasst.

    Nicht „Bleibe, wie du heute bist“, sondern Wechsel-Fieber ist dagegen unser Leitmotiv. „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, verkündet der Liedermacher Wolf Biermann.

    Dennoch rückt bei vielen die Sehnsucht nach Beständigem wieder in den Vordergrund: Dauerhafte Zugehörigkeit zu einer Firma, das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, für manche auch die partnerschaftliche Treue.

    Andererseits gilt: Die demokratische Verfassung unseres Staatswesens schließt Änderungen nicht aus; sie ermöglicht sogar Grundgesetz-Änderungen. Auch Gesetze haben ihre Zeit. „Das  Leben gehört dem Lebendigen an.“ „Wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.“ So philosophierte Goethe und gab dem Werte-Wandel das Wort.

    Neues schaffen und Altes bewahren – das ist kein Widerspruch. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit. Neues Leben blüht aus den Ruinen.“ Im Drama „Wilhelm Tell“ hat Friedrich Schiller formuliert, dass man sich von Zeit zu Zeit von festgefahrenen Verhältnissen lösen, sein Zimmer verlassen und nach neuen Ufern ausschauen  muss.

    Für den, der nur auf Unverrückbares  setzt, ist das keine wünschenswerte Sicht der Dinge. Das Leben kennt aber nicht nur Beständigkeit. Oft werden unsere Lebenspläne durchkreuzt. Erprobte, bewährte  Rollenmuster haben keinen Anspruch auf Ewigkeit.Ich wünsche uns ein gutes Neues Jahr. Prosit Neujahr allen Lesern, Angehörigen  und Freunden von mg-heute! Möge das Neue Jahr gut werden! Möge das Neue Jahr Erprobtes und Bewährtes für uns bereit halten! Möge uns das Neue Jahr Mut machen, uns auf Neues einzulassen. Möge uns dabei das Kölner Grundgesetz, Paragraph 3, zu Hilfe kommen: Et hätt noch immer jot jejange.

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    Geburtsanzeige

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    jedes Kind

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  • O Tannenbaum

    O Tannenbaum

    „Was will dein Kleid mich lehren?“ So dröhnt es aus dem Lautsprecher. Was es mit dem „Kleid“ und dem „lehren“ auf sich hat, habe ich als Kind nie verstanden. Am Nachmittag vor Heiligabend wurde im „besten Zimmer“ der Tannenbaum aufgestellt – Bauerngarten-Exemplar, nicht Nordmann- oder Edeltanne. An ihn hingen wir Kinder ein paar Äpfel, die auf einem Lattenrost im Keller lagerten. Einige sahen angeknabbert aus. Dass sich Mäuse für sie interessiert hatten, dementierte Mutter, obwohl eine Mausefalle unter dem Regal stand.
    Was hätte mich das Äpfel-Kleid lehren sollen? Dass wir kein Geld für Christbaumschmuck hatten und Äpfel das brüchige Lametta ersetzten?

    Auch mit „Hoffnung und Beständigkeit“ hatte mein kindlich begrenztes Auffassungsvermögen Probleme.  Es konnten nicht die Äpfel sein, die immer unansehnlicher wurden. Auch nicht das Lametta, dessen traurige Reste nicht für den Tannenbaum im nächsten Jahr aufbewahrt werden mussten. Auch war nicht daran zu denken, auf besondere Gaben zu hoffen, die Heiligabend unter dem Tannenbaum liegen würden. Die neuen Strümpfe, die Mutter gestrickt hatte, trug ich schon seit geraumer Zeit.

    Ich erkannte es nicht, obwohl das mit der Beständigkeit logisch war: Tannenbäume sind grün, solange sie nicht abgeholzt und ins warme Zimmer gestellt werden. Sie scheinen nicht der Vergänglichkeit unterworfen zu sein wie andere Dinge. Dass sie nicht die Nadeln verlieren, ist zwar eine optische Täuschung, aber insgesamt bleiben sie grün – Kontrast zu ihren nadellosen, laublosen Nachbar-Bäumen im Winter.

    Beständigkeit sei der Schlüssel zum Erfolg – mit diesem Spruch wirbt eine Firma und preist ihre Produkte an. Vielleicht gilt auch das nur, wenn sie nicht ins warme Zimmer geholt werden.

    Spätestens am Neujahrstag nadelte der Tannenbaum. Er war nicht Wochen vorher in irgendeinem Wald abgeholzt und auf Reisen geschickt worden. Kürzlich hatte er noch in unserem Garten gestanden. Dennoch zeigte sein Kleid Spuren der Vergänglichkeit. Die Hoffnung, dass er grün bleiben werde, erwies sich als trügerisch. Beweis für die Zerbrechlichkeit der Welt, erklärte man mir später.

    Beständigkeit musste neu definiert werden. „Nur, wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Leider hatte ich davon bisher nichts gehört. Ob das nadelnde Kleid mich lehren sollte, ein Tannenbaum bleibe Tannenbaum, auch wenn er nadelt? Wenn das so ist, beruhigt mich das. Tannenbäume sind auch dann Tannenbäume, wenn ihr Kleid nicht mehr ganz grün ist und die Anzahl ihrer Nadeln eine rückläufige Tendenz aufweist. Nichts ist so beständig wie Unbeständigkeit. Schade, dass ich das erst erkannt habe, als ich schon erwachsen war.

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  • Die Kinder kommen

    Die Kinder kommen

    Sie saß immer auf dem Stuhl am Fenster. Ich war nicht sicher, ob sie zuhörte, wenn ich vorlas. Ihre Augen wanderten nach draußen und durchdrangen die Fensterscheiben. Sie schien jemanden zu erwarten.

    Irgendwann kam ich mit ihr ins Gespräch. Ihre Augen blieben auf das Fenster gerichtet. „Sie erwarten Besuch?“ Als hätte sie auf ein Stichwort gewartet, erfolgte postwendend eine Antwort. „Die Kinder kommen.“

    In wenigen Tagen war Weihnachten. Schön, dass sie Besuch erhielt von ihren Kindern. Nicht alle Bewohner des Altenstifts konnten auf einen Besuch hoffen.   „Wohnen die Kinder in der Nähe?“ Ich nahm den Gesprächsfaden wieder auf. „Haben Sie Enkelkinder?“ Meine Fragen verstand sie nicht oder überhörte sie. Ihre Augen blieben nach draußen gewandt, angestrengter als zuvor. „Die Kinder kommen.“

    „Ja“, erwiderte ich. „Wahrscheinlich kommen sie heute.“ Irritiert zog ich mich zurück. Auf der Station erfuhr ich, dass Sohn und Tochter vor einem halben Jahr auf der Fahrt zu ihrer Mutter tödlich verunglückt waren. Niemand hatte sich dazu durchgerungen, ihr diese Nachricht zu überbringen.

    Heute und gestern waren keine erinnerbare Zeiteinheit mehr für sie. Ihre Zeitreise war rückwärtsgewandt. Körperlich war sie anwesend. Die Gedanken  hielten sich in anderen Zeiten und Räumen auf.

    Als ich das nächste Mal kam, blieb der Stuhl am Fenster unbesetzt. Mein Blick durchstreifte den Raum. Die Gesuchte war nicht anwesend. Sie war am ersten Weihnachtstag zu ihren Kindern gegangen.

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  • Weihnachten im Advent

    Weihnachten im Advent

    Obwohl Advent und noch nicht Weihnachten ist, weihnachtet es. Überall. Dem entkomme ich nicht. Es weihnachtet an Orten, wo ich es nicht vermute. Die Kneipe an der Ecke preist ein Weihnachtsbier an. Was Bierdurst mit Advent und Weihnachten zu tun hat, sagt niemand. Soll sinkender Bierdurst angekurbelt werden?

    Der Wirt sagt es nicht. Etiketten-Schwindel? Nein, wehrt er ab. Gut verkauft, ist gut gemacht, denkt er womöglich. Laut sagt er es nicht. Die Wirklichkeit holt mich ein. Sie ist übermächtig.

    Noch ist nicht Weihnachten. Dennoch: Lauter die Glocken nie klingen.

    Aus Sorge, zu spät zu kommen?
    Aus Angst vor der Leere?
    Weil es im Kalender steht?

    Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht weihnachtliches Geschehen jedoch nicht. Spärliche Hinweise auf eine christlich-weihnachtliche Vergangenheit. Trost und Hoffnung sind jetzt kein Thema. In der Gegenwart und mit ihr erklärt man das Leben. Vorweihnachtliches Unterhaltungs-Bedürfnis ist gefragt. Davon scheint man nicht satt zu werden. „Vergangenheit ist, wenn sie nicht mehr wehtut.“ MarkTwain schrieb das einmal.

    Aus dem Lautsprecher scheppert „Jingl Bells“. Die Schellen am winterlichen Pferdegeschirr sind gemeint. Das weiß kaum jemand. Ist nicht wichtig. Die Schellen sollen klimpern. Das passt zur Plätzchen-süßen Stimmung. Und hört sich gut an. Klimpern ist religionsneutral und muss nicht Islam-kompatibel sein. Ein Verzicht auf christlich begründete Selbstverständlichkeit. Von den alten  Liedern kann man das nicht sagen. Die singt man am besten zu Hause, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Advent und Weihnachten erhalten eine neue Identität.

    Diese Art Weihnachten im Advent zu feiern, braucht Erleuchtung, Flutlicht, schattenlose Helligkeit. Alles wird überstrahlt, angestrahlt. Die Nacht wird zum Tag. Die Heiligen Drei Könige würden ihren Stern nicht finden bei dem Gefunkel. In der Welt des ewigen Leuchtens, in der die Nächte ihre Dunkelheit verloren haben, bräuchten sie ein Navigationsgerät. Dass neues Leben im Verborgenen entsteht; dass Leben Geheimnis und Dunkelheit braucht, weiß man, vergisst man.

    Lähmende Belehrung ist aber fehl am Platz. Nicht alles, was mir nicht gefällt, ist  inakzeptabel. Die Welt, mein Leben, Traditionen ändern sich. Auch die Art und Weise, wie Advent und Weihnachten gefeiert werden. Was Feste bedeuten, muss jede Zeit. müssen die Menschen für sich beantworten. Man braucht nicht heilsgeschichtlich neue Fakten. Feste mit Sinn zu füllen, fordert heraus. Der Weihnachtsgeschichte erging es ähnlich. Die biblische Erzählung ist eine nach und nach gewachsene Geschichte. Es dauerte Jahrhunderte, bis sie die heutige Form gefunden hatte.

    Wir werden vermutlich noch oft Advent und Weihnachten feiern. Es steht ja im Kalender. Es wird neue Formen geben, diesen Ereignissen gerecht zu werden und sich an ihnen erfreuen zu können.

    Sie nur als Weltkulturerbe in Ehren zu halten, genügt nicht.

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  • Warten

    Warten

    Warten ist lästig. Vergeudete Zeit, unnütz, nervig.
    Ich hasse Warteschlangen an der Supermarktkasse.
    Ich ärgere mich über Hotline-Warteschleifen.
    Ich zähle die Sekunden vor der roten Ampel.
    Ich mag nicht das Wartezimmer beim Arzt.

    Immer wieder warten. Noch nicht angekommen sein.

    Warten vermeide ich nach Möglichkeit. Das Leben ist Fastfood-Zeit, Schnellkochtopf-Zeit, Fertigprodukte-Zeit.

    Heute gilt nicht „warten“, sondern „jetzt oder nie“. Auch in den Wochen vor Weihnachten. Es ist nicht Advent, sondern überall Weihnachten.

    Dennoch frage ich mich: Ist warten sinnlos? Fordert es mich heraus? Macht es das, worauf  ich warte, wichtiger und wertvoller? Hilft es mir, mich der täglichen Mobilmachung zu widersetzen? Werde ich geduldiger und gelassener?

    Im Wachstumsprozess der Pflanzen braucht alles seine Zeit. Wenn die Krokusse im Frühjahr zu früh aus der Erde sprießen, überstehen sie nicht die Nachtfröste. Sie müssen warten, bis ihre Zeit gekommen ist.

    Muss auch ich das Warten neu entdecken? Muss ich mich von Plänen verabschieden, die noch nicht an der Reihe sind? Muss Weihnachten nicht er-wartet werden?

    Oder eile ich „atemlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht“, wie es die Unterhaltungskünstlerin Helene Fischer singt?

    Ich werde mich mit dem Warten anfreunden. Zeit habe ich. Es ist ja Advent.

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  • Schule früher – Schule heute. Erinnerungen an die Schulzeit

    Schule früher – Schule heute. Erinnerungen an die Schulzeit

    Projekt „Generationen im Dialog“ von Studenten der Hochschule Niederrhein Mönchengladbach.

    Dass die Thematik „Generationen im Dialog“ in der AWO Begegnungsstätte Mönchengladbach Neuwerk startete, verhalf ihr zu einem gelungenen Auftakt. Dort befand sich von 1913 bis 1968 die „Graf-Haeseler-Schule für Gartenbau und Haushaltungs-Unterricht“. Generalfeldmarschall Graf von Haeseler war der „Älteste Paladin“ des Kaisers Wilhelm II. und hatte in der Armee gedient.

    In der Schule gab es eine Musterküche mit drei Doppelherden bzw. sechs Kochstellen. Erzeugnisse aus dem Garten wurden in der Küche verarbeitet. Jugendliche sollten auf ihr Leben im heimischen Garten und im Haushalt vorbereitet werden.

    Initiatoren Kevin und Sonja

    Studenten der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach haben heute  andere Lebenspläne und berufliche Vorstellungen. Dennoch denken sie in einem z. Zt. laufenden Seminar darüber nach, was „früher“ war und „heute“ ist. Sonja Dumins und Kevin Kamps, Mit-Initiatoren des Projekts, begrüßten ca. dreißig jüngere und ältere Interessierte zur ersten von drei geplanten Veranstaltungen dieser Reihe. Der damalige Neuwerker Bürgermeister Everhard von Groote, auf dessen Idee die Graf-Haeseler-Schule zustande kam, wäre erfreut gewesen. Hundert Jahre nach ihm haben junge Menschen zwar eine andere Einstellung zu Heim und Garten, aber die pädagogischen und wirtschaftlichen Interessen sind geblieben, wenn auch mit anderen Schwerpunkten.

    Es gibt sie noch – ehemalige Schülerinnen der genannten Schule waren anwesend. Eine erzählte eine persönliche Geschichte vom Brotbacken. Der Brotteig musste in einer nahe gelegenen Bäckerei abgebacken werden. Nach Schulschluss holte sie auf dem Weg von der Schule nach Hause das Brot ab. Es gelang ihr in der Regel, das Brot, auf einer Handfläche jonglierend, heil bis auf die zweite Etage der häuslichen Wohnung zu bringen. Einmal jedoch machten Brot und Trägerin schlapp.

    In der inzwischen heiter gestimmten Erzählrunde lachte man darüber. In damaligen Krisenzeiten, in denen die meisten Leute Selbst-Versorger waren, war das Malheur vermutlich nicht zum Lachen.

    Erinnerungsstücke an damalige Zeiten hatten einige mitgebracht. Ein „Maßstab“ war darunter, mit dem man das Verhältnis einer bestimmten Länge zu ihrer Entsprechung in der Realität berechnet. Straßenbau hatte der rüstige, beredte Rentner gelernt und den Maßstab im zweiten Lehrjahr erworben. „Höhere Schule“ konnten sich die Eltern für ihn nicht leisten. Ein Hauptziel der ehemaligen Graf-Haeseler-Schule bestand darin, „Kräfte zu sammeln, die zu einem guten Arbeiter befähigen“, hatte Bürgermeister von Groote gesagt. Bis heute hält sein Besitzer seinen Maßstab in Ehren. Er erinnert ihn an eine Zeit, an die er seine nachhaltigste Erfahrung mit dem Schul-Internat verbindet. Nicht das Internat war lobenswert, betonte er, sondern das Essen.

    Der  praktische Unterricht in der Graf-Haeseler-Schule beschäftigte sich mit Nährstoffen und Nährwertgehalten. „Gesundes Essen“ war schon damals ein Thema. Nicht alle jedoch hatten „genug“ zu essen.

    Was ist für uns heute Maßstab-gerecht und Lebens-gerecht? Die Frage wurde an diesem Nachmittag nicht gestellt. Dennoch werden einige Teilnehmer der Runde sie ungefragt für sich beantwortet haben. Den Studenten ist zu wünschen, sie mit ins Seminar zu nehmen zu ihren Kommilitonen.

    Motiviert durch Impulse und anregende Fragestellungen der beiden Studenten, wurden Erinnerungen an Schule und Alltag geweckt. „Stricken, das ich in der Schule gelernt hatte, war für mich Ersatz für das Lesen“, brachte sich eine Besucherin ins Gespräch ein. Bis in die Gegenwart sei das so geblieben – nicht immer mit dem gewünschten Ergebnis, räumte sie ein. Dass sie die Socken, die sie einmal strickte, versehentlich an der Couch annähte, entsprach nicht deren vorgesehenem Verwendungszweck.

    Einen Jonglier-Kurs in einer Unterrichtsfolge konnte sich bisher niemand vorstellen. Die inzwischen als weibliche Hausmeisterin tätige „Künstlerin“ bewies, dass Schule positiv aus dem genormten Rahmen fallen kann. Ein anderer Gast in der Runde, der eine Bio-Klausur über den Sperling schreiben sollte, musste von seinem Lehrer zunächst darüber aufgeklärt werden, was das für ein Vogel war. Der Lehrer erwies sich als guter Pädagoge und malte ihm einen leibhaftigen Spatz auf den Klausur-Bogen.

    Die Begegnung von Alt und Jung entwickelte sich zur unterhaltsamen, zugleich nachdenklich stimmenden Erzählrunde. Alle kommunizierten rücksichtsvoll miteinander, eine besondere „Aktion Mensch“. Ein persönlicher „Spiegel“ von 1954 erinnerte an einen schwierigen Weg zu angemessener Schulbildung, da fehlende finanzielle Voraussetzungen der Eltern einen Realschul-Besuch nicht möglich machten. Ihre alte Blockflöte hatte eine Teilnehmerin mitgebracht, schönste Erinnerung an die Schulzeit, die ihr zum eigenen, bis heute gehüteten Instrument verhalf.

    Zwei Schlüssel, die jemand als Erinnerungsstücke dabei hatte, machten bewusst: Nicht jedes persönliche Erlebnis gehört in eine allen zugängliche Schatzkiste. Erlebtes hat sich manchmal tief eingegraben und sucht Schutzräume. Wer es ans Licht holen, ent-decken möchte, muss den Eigentümer um den Schlüssel und sein Einverständnis bitten.

    Die Dialogreihe wird fortgesetzt. Es lohnt teilzunehmen.

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  • Totenzettel. Gedanken zum Totensonntag

    Totenzettel.
    Gedanken zum Totensonntag

    Gefallene oder vermisste Väter, Söhne und Freunde gab es überall in unserer Nachbarschaft. Ich war zu jung, um mir vorstellen zu können, was das bedeutete. Schemenhaft erinnere ich mich daran, als der Briefträger kam und meiner Mutter einen Brief in die Hand drückte. Mein Vater hatte den „Heldentod fürs Vaterland“ erlitten.

    Aus vagen Bruchstücken setzt sich mein Bild von jenem Tag zusammen. Nie hat Mutter darüber gesprochen.

    Eines Tages habe ich begonnen, nach meinem Vater zu fragen. Viele Zeitzeugen, auch meine Mutter, waren inzwischen tot. Heute wühle ich herum in Totenzetteln und alten Zeitungsnotizen. Ich frage nach bei Verwandten und Bekannten. Ich sitze in Bibliotheken und suche nach dem, was gewesen ist.

    Einen Brief habe ich gefunden. Ein Bruder meines Vaters schrieb ihn 1940 aus Frankreich an seine Schwester. „Hoffentlich kommt bald der Befehl zum Generalangriff, wir sind es nämlich leid. Wir möchten kämpfen oder nach Hause gehen. Eines wird sicher bald eintreffen, sobald es Frühling wird: Sie werden die deutschen Fäuste zu spüren bekommen.“

    Vier Wochen später kritzelte er auf eine Feldpostkarte: „Hoffentlich besinnen sich unsere jetzigen Feinde noch einmal. Wir hatten diese Woche eine Übung mit scharfer Munition. Ich kann nur sagen, wenn es mal losgeht, dass es dem Feind dann sehr schlecht geht.“

    Haben alle so gedacht? Ich weiß es nicht. Es steht mir kein Urteil darüber zu. Das aber ist mir bewusst: Nicht alle Seiten der Vergangenheit lassen sich aufdecken. Vielleicht ist das gut so.

    Wiederum vier Wochen später stand auf dem Totenzettel für ihn: „Betet für die Seelenruhe des tapferen Soldaten, der für das Vaterland sein junges Leben opferte.“ Zwei Jahre war ich damals alt. Warum will ich das heute wissen? Ich weiß es nicht. Oder doch. Ich will es wissen, weil es mit mir zu tun hat.

    Vier Jahre war ich alt, als mein Vater 1942 starb. Im gleichen Jahr diskutierte die Wannseekonferenz in Berlin über die Endlösung der Judenfrage. Der Blutrichter Roland Freisler wurde Präsident des Reichsgerichtshofes. Der Schriftsteller Stefan Zweig nahm sich in Rio de Janeiro das Leben wegen der Zerstörung des geistigen Europa.
    Ich möchte wissen, was war. Was heute ist und was ich heute bin, hat mit gestern zu tun.

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  • Der Ehrenfriedhof in Mönchengladbach-Hardt. Gedanken zum Volkstrauertag

    Der Ehrenfriedhof in Mönchengladbach-Hardt.
    Gedanken zum Volkstrauertag

    Die großen Kreuze auf dem Ehrenfriedhof an der Louise-Gueury-Straße in Mönchengladbach-Hardt kann man nicht übersehen. Drei Massivholzkreuze wurden 1951 als Mahnmal errichtet. Erinnerung an begrabene Hoffnungen. Die waagerechten Balken der Kreuze verkleidete man mit Kupferblech zum Schutz gegen die Witterung.

    Der damalige Vorsitzende des Kreisverbandes „Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge“ erinnerte in einer Feierstunde an die „stillen Helden, die in Liebe zur Heimat und in treuer Pflichterfüllung ihr junges Leben hingaben“. Die Kreuze seien „Zeichen der Liebe und Versöhnung“. Das Friedenszeichen stehe über dem Menschenhass.

    Ungewöhnlich hohe Kreuze streben nach oben, nicht den Himmel stürmend, sondern mit Bodenhaftung. Man muss sich, um das zu verstehen, in die Zeit nach dem Krieg versetzen, in der das Konzept für das Mahnmal entworfen wurde. Das Kriegsende empfanden viele als bittere Niederlage nach dem Fanatismus, der anfangs geherrscht hatte. Erlittene Entbehrungen und Hunger hatten Fragen aufkommen lassen, auf die es keine befriedigenden Antworten gab. Die Welt schien leer zu sein. Zerstörte und noch nicht wieder aufgebaute Städte. Zerstörte Seelen. Täuschung und Selbsttäuschung lagen dicht beieinander.

    Man wusste nicht, ob alles anders, vor allem aber besser würde. Sollte man jenen glauben, die einen Neubeginn in Gang gesetzt hatten, oder vertrieben diese Leute die noch verbliebenen Hoffnungen? Das vermeintlich Beste entsprach häufig nur dem kleinsten gemeinsamen Nenner.

    Manche Kirchengetreue waren der Meinung, dass die Entchristlichung während der Kriegsjahre sowie das Nicht-Beachten göttlicher und kirchlicher Gebote die eigentlichen Gründe waren für die Zerstörungen und das erlittene Leid. Dagegen mussten im wahrsten Sinn des Wortes Zeichen gesetzt werden. Die  Kreuze auf dem Soldatenfriedhof  konnten daher nicht hoch genug sein. Jede Zeit macht die Menschen zu dem, was sie sind.

    Mönchengladbach war 1945 in den letzten Wochen des Krieges Frontgebiet gewesen. Viele Gefallene konnten nicht von der eigenen Truppe beigesetzt werden. Nachrückende Amerikaner bargen die Toten, brachten sie aus dem Umkreis, sogar aus dem Kampfgebiet um den Brückenkopf in Wesel, nach hier und begruben etwa 900 Gefallene, ein Drittel davon unbekannte Soldaten, in der Form amerikanischer Sammelanlagen.

    Anwohner aus den umliegenden Häusern berichteten, dass die Toten in Feldplanen bestattet wurden. Auf die Gräber setzte man weiße amerikanische Holzkreuze. 1953 ließ die Kriegsgräberfürsorge 265 Gräber unbekannter Soldaten wieder öffnen, um die Toten zu identifizieren. Man stellte fest, dass ihnen eine Flasche mit ins Grab gelegt worden war mit Angaben zu Dienstgrad und Waffengattung, zu Todestag und Ort des Todes, zu Körpergröße, Gewicht, Hautfarbe, Augenfarbe und Zahnbeschreibung. Da viele Flaschen in der Zwischenzeit undicht geworden oder zerstört waren, konnten nicht alle Angaben verwertet werden.

    Da der Friedhof einen Steinwurf weit von meiner Wohnung entfernt liegt, nutze ich oft die Gelegenheit, Gräber aufzusuchen. Kurt Spangenberg, 1919-1945. Herbert Berger, 1907-1945. Heinrich Quade, 1906-1945. Johann Mildner, 1924-1945. Es kommt vor, dass ich nicht weiterzugehen vermag. Die mir unbekannten Soldaten scheinen aus einem langen Schlaf zu erwachen und mich zu fragen, was geschehen sei und wer sie nach hier gebracht habe. Vor dem einen oder anderen Grabstein brennt eine Kerze oder steht ein Blumenstrauß. Manche Kerze ist erloschen. Mancher Blumenstrauß ist in den heißen Sommermonaten verwelkt. Erinnerungen kann man wachhalten, aber sie sind zeitgebunden.

    Herbert Kemmerling aus Hardt, der sich ehrenamtlich im Pfarrarchiv der Pfarrei St. Nikolaus engagiert, hat mir dankenswerter Weise Kopien von Schriftstücken und Urkunden zur Verfügung gestellt. Ohne seine Hilfe wäre dieser Artikel nicht zustande gekommen.

    In einem Dokument heißt es:

    M.Gladbach, den 8. Oktober 1945
    Heute erschienen
    HERR MAJOR KIRKLANG
    Vertreter des Gräberdienstes im Hauptquartier der USA, in Fulda, mit seinem Dolmetscher Gumpurtz.
    Er erklärte:
    „Ich übergebe hiermit den Ehrenfriedhof in dem Gebiet der Gemeinde Hardt in die Obhut des Oberbürgermeisters der Stadt M.Gladbach. Dieser übernimmt von diesem Augenblick ab die Sorge für den Friedhof. Gleichzeitig übergebe ich eine Liste über die dort beerdigten Toten.“

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