Autor: Peter Josef Dickers

  • Sankt Martin in Moskau

    Sankt Martin in Moskau

    Ich hatte mich über Anzahl und Größe der Koffer gewundert, die Mitreisende auf dem Weg nach Moskau mitschleppten. Dass man für drei Tage so viel Gepäck benötigte, überraschte mich. Die für Moskau vorhergesagten Temperaturen boten keinen Anlass, jede Menge warmer Winterkleidung mitzunehmen. Weihnachtsgeschenke enthielten sie wahrscheinlich auch nicht, weil wir so lange nicht bleiben wollten.

    Moskau war noch Hauptstadt des Vielvölkerstaates Sowjetunion. Unser Hotel am Roten Platz war bevölkert von Devisen-Bringern, Dollar- und DM-Touristen. Sie konnten ihre harte Währung günstig in Rubel tauschen im Gegensatz zu den Ostmark-Touristen aus Dresden oder Leipzig. Für Rubel gab es den sowjetischen Krimskrams zu kaufen. Für Dollar und D-Mark alles Andere.

    Die Etage, auf der unser Zimmer im sechsten Stock lag, entsprach sowjetischem Standard. Was diesem auch zu entsprechen schien, waren die vielen Etagen-Frauen, die aus unerklärlichen Gründen hier Dienst taten. Kaum hatte ich meine relativ kleine Reisetasche ausgepackt, klopfte es. Eine jener dienstbaren Geister brachte das Kopfkissen, das sie versehentlich nicht auf mein Bett gelegt hatte. Mit kurzem, prüfendem Blick registrierte sie die offene Tasche und meine Wäsche, die ich auf dem Bett ausgebreitet hatte. Meine in jeder Hinsicht aufmerksame Zimmerfrau zog ein paar Rubelscheine aus ihrer Schürzentasche und hielt sie mir mit der einen Hand unter die Nase. Mit der anderen zeigte sie auf die Wäschestücke. Sie wollte meine Unterwäsche kaufen.

    Davon hielt ich nichts. Ich war nicht nach Moskau gereist, um im Hotel Unterhemden und Unterhosen zu verkaufen. Außerdem waren sie nicht neu und bereits etliche Male gewaschen worden. Aber das schien niemanden zu interessieren. Sobald ich einer der Frauen unmissverständlich mein „Njet“ zum Ausdruck gebracht hatte, tauchte die nächste auf und erhöhte das Rubel-Angebot.

    Bei Tisch berichtete ich bei meinen Reisegefährten über die von mir als Nötigung empfundene Aufdringlichkeit und erwartete gleichgesinnte Entrüstung und moralische Unterstützung. Stattdessen blickte ich in erstaunte Gesichter und durfte mir anhören, wie viele Rubel-Scheine inzwischen den Besitzer gewechselt hatten. Einer der großen Koffer sei ungeöffnet in Empfang genommen worden, gegen entsprechende Vergütung natürlich. Leibwäsche, vor allem Damenwäsche, sei gefragt, möglichst in Originalverpackung.

    Als ich am nächsten Morgen vom Frühstück zurück auf mein Zimmer wollte, wurde ich von drei anderen Etagen-Frauen erwartet. Eine hatte meinen alten Wollmantel am Garderobehaken entdeckt und versuchte mir in internationaler Gebärdensprache klar zu machen, dass sie den brauchen könne. Nein, der sei unverkäuflich, erwiderte ich in meiner Sprache. Die Rubelscheine häuften sich, die Bitten wurden drängender, aber ich ließ mich nicht erweichen. Ich konnte doch nicht meinen alten Wollmantel verkaufen. Dennoch hatte ich Mitleid mit den Frauen.

    Einen Tag später reisten wir ab. Die Koffer waren weniger und leichter geworden. Meine Reisetasche auch. Den Wollmantel hatte ich am Garderobehaken im Zimmer hängen lassen, nicht nur den halben Mantel wie bei dem berühmten Bischof Martin, sondern den ganzen.

    Irgendwie fühlte ich mich erleichtert, zumindest was die Reisetasche betraf. Daheim erzählte ich, Sankt Martin sei in Moskau gewesen.

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  • Wegekreuz

    Wegekreuz

    Wegekreuz

    steht am Weg

    steht im Weg

    an meinem Weg

    an deinem Weg

    Wegekreuz

    Kreuzweg

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  • Unsere Tante Ju. Die Ju-52 im Flughafen-Hangar Mönchengladbach

    Unsere Tante Ju. Die Ju-52 im Flughafen-Hangar Mönchengladbach

    „Am 4.8.2018 ist eine Ju-52 der Schweizer Ju-Air an der Westflanke des Piz Segnas (Region Glarus / St. Gallen) verunglückt. Alle 17 Passagiere und drei Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.“

    Die Meldung schockierte uns in Mönchengladbach. Die Rundflüge mit der unverwüstlichen, zuverlässigen, liebevoll Tante Ju genannten dreimotorigen Junkers Ju-52 waren ein Erlebnis für Groß und Klein. Der fliegende, legendäre Star mit dem Wellblech-Rumpf und den drei großen 9-Zylinder Sternmotoren. Wahrscheinlich das beliebteste und berühmteste Flugzeug Deutschlands. Die „Grande Dame“ der Luftfahrt.

    Ju-52. Entwickelt – zusammen mit einem Team – vom Konstrukteur, Unternehmer, Forscher und Luftfahrtpionier Hugo Junkers; geboren am 3. Februar 1859 in Mönchengladbach-Rheydt. Er lebte und wirkte in Dessau / Sachsen-Anhalt. Dort gründete er 1919 die Dessauer Flugzeugwerke. Junkers plante einen einmotorigen Frachter; doch Erhard Milch, technischer Direktor der damaligen Deutschen Luft Hansa, empfahl eine dreimotorige Version für Passagierflüge. Junkers wollte ein Flugzeug bauen, „um Menschen und Nationen einander näher zu bringen“.

    Viele Jahre im zivilen und militärischen Luftverkehr eingesetzt, war die Ju-52 das Standard-Flugzeug der 1930er Jahre. Sie landete auf kleinsten Äckern und wurde zum Mythos. In den 1930-er und 1940-er Jahren gehörte sie zu den meistgeflogenen, sichersten Verkehrsflugzeugen. Außerdem galt sie als sicher und bequem. Im Zweiten Weltkrieg nutzte die deutsche Luftwaffe sie u. a. als Truppentransporter.

    Weitere Dienstjahre nach Kriegsende in Norwegen und im Amazonasgebiet Ecuadors  machten sie „schrottreif“. 1984 „heimgeholt“, war eine komplette Überholung fällig. Sie wurde aufgerüstet, um im gewerblichen Luftverkehr einsetzbar zu sein. Der „Flug-Dinosaurier“ mit seiner wechselvollen Geschichte überlebte. Zu einem zweiten Weltumrundungsversuch wie im Jahr 2000 wird es vermutlich nicht kommen. Weil russische Behörden keine Landegenehmigung erteilten, blieb es nach der Hälfte der vorgesehenen Strecke damals beim Versuch.

    Zur Ehrenrettung der „Unverwüstlichen“ sei vermerkt: Hugo Junkers behauptete sich gegen seine Skeptiker. Friedrich von Mallinckrodt, Leutnant der Fliegertruppen, berichtete: „Die Lage, vor der sich Ende 1915 Professor Junkers mit seinem ersten freitragenden Metallflugzeug gestellt sah, wird am besten dadurch gekennzeichnet, dass sich weder ein Flugzeugführer der Döberitzer Flieger-Ersatzabteilung noch ein Pilot der dortigen Prüfanstalt und Werft der Fliegertruppen dazu hergeben wollte, den unheimlichen Blechvogel (das Eindecker-Modell Junkers J1), zu fliegen. Die Kameraden warnten dringend, die „Kiste“ zu fliegen. Eine alte Fliegerkanone meinte, wir würden uns das Genick brechen. Da wir fest entschlossen blieben, sah man uns als ausgemachte Todeskandidaten an.“

    Aus dem „Abenteuer- und Kriegsgerät“, aus der „fliegenden Kiste mit todesmutigen Piloten“ wurde ein anerkanntes Verkehrsmittel – ein aus Metall gebautes Flugzeug, mit hohlen Flügeln, aerodynamisch verkleidet, mit dem Ziel, Auftrieb zu erzeugen. Die Hamburger Kulturbehörde honorierte das Flugzeug 2015 als „bewegliches, fliegendes Denkmal“. Es repräsentiere deutsche Luftfahrtgeschichte, lautete die Begründung.

    Sieben Exemplare sind in flugfähigem Zustand erhalten. In Deutschland eines bei der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung, die ihre Ju-52 das „Herzstück ihrer historischen Flotte“ nennt. In der Schweiz drei Exemplare bei der JU-Air. Die Ju-52 mit der Kennung HB-HOY als bisherige Schweizer Dauerleihgabe im Mönchengladbacher Hangar wünscht sich weitere Höhen-Flüge. Sie gehört zwar dem VfL, da sie jedoch von der schweizerischen Ju-Air betrieben wurde, kam es in der Vergangenheit zu Einsätzen in ganz Europa.

    Beim engagierten „Verein der Freunde historischer Luftfahrzeuge“, 1991 von Mitarbeitern des Düsseldorfer Flughafens gegründet, freut man sich darüber, dass die z. Zt. beschäftigungslose „Tante“ am Mönchengladbacher  Flughafen ein gutes Unterkommen gefunden hat. Damit sie sich nicht aufs Altenteil abgeschoben vorkommt, haben Architekten für sie einen „Eventhangar“ aus Glas und Stahlträgern unter einem gewölbten Dach konstruiert. Hier verbirgt sie aber mehr, als sie von sich preisgeben kann. Ihr gegenwärtiges Stillstehen-Los hat sie sich nicht ausgesucht. Mehr oder weniger dient sie gegenwärtig zur Dekoration anderer Ereignisse im Hangar. Auf  ca. 1000 m² Fläche gibt es viel Platz für unterschiedliche Veranstaltungen. Die „Tante“ ist selten allein.

    An die fünfzehn Jahre, die sie auf der Besucherterrasse des Düsseldorfer Flughafens herumstand, möchte das Kultur-Denkmal nicht erinnert werden.

    Ein Anliegen, das der genannte Verein auf seiner Homepage formuliert, ist „die Förderung des öffentlichen Interesses an der Geschichte und Gegenwart der deutschen Luftfahrt. Der Verein verfolgt das Ziel, die JU-52 und das Andenken an die Leistungen Hugo Junkers kontinuierlich zu erhalten, zu erweitern und angemessen attraktiv zu präsentieren. Die Vereinsmitglieder arbeiten seit fast 20 Jahren für den Erhalt eines fliegenden Kulturgutes.“

    Liebe Tante Ju. Erhalte in uns die Illusion deiner Unvergänglichkeit. Für uns bleibst du  unsterblich, wenn auch die Zeiten über dich hinweggegangen sind und du inzwischen 69 Jahre alt geworden bist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereinen sich in dir. Wir möchten uns nicht von dir verabschieden, wenn auch dein ursprüngliches Heimatland angeblich darüber nachdenkt, dich eventuell zurückzuholen. Für das Jahr 2019 kann man dich jedenfalls wieder buchen.

    Unsere Langzeitbeziehung mit dir werden wir nicht aufkündigen, und unser Staunen über deine Lebensleistung ist dir für immer sicher. Du bleibst „unsere Tante Ju“.

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  • Gewählt

    Gewählt

    Kreuzchen gemacht

    Gedanken gemacht

    sorgsam gemacht

    richtig gemacht

     

    richtig bedacht?

    Panik entfacht

    unruhige Nacht –

    nicht richtig gemacht

     

    man hat gewählt

    hat sich gequält

    Argumente gezählt –

    man hat sich verwählt

     

    verehrte Gewählte

    wer immer sich quälte

    wer immer euch wählte

    weil er auf euch zählte

     

    erkennt, da es eilt

    die Zeichen der Zeit

    wenn sich Umstände wandeln

    ist entsprechend zu handeln

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  • Zwölfter Mann bei Borussia – Busfahrer und Zeugwart Marcus Breuer

    Zwölfter Mann bei Borussia – Busfahrer und Zeugwart Marcus Breuer

    „Linie 1900“, 440 PS starker Luxusbus. Marcus Breuer hat bei der Anschaffung des Busses darauf gedrängt, dass der Tank möglichst groß ist. 750 Liter fasst er. Die reichen für dreitausend Kilometer Fahrt. An- und Abreise, Fahrten zum Trainingsplatz und zu Testspielen, Transfers zum Flughafen – insgesamt kommt Breuer in einer Woche gelegentlich auf zweitausend Kilometer Busfahrt.

    Ein Bus mit besonderer Aura: An Bord ist das Mönchengladbacher Borussen-Team auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel in der Ersten Bundesliga. Die „wertvolle Besatzung“ soll sicher hin- und wieder zurückgebracht werden. Kurze und mittlere Strecken legen Fahrer und Team gemeinsam zurück. Bei längeren Strecken – nach München oder Berlin – fährt er die Route samt Ausrüstung allein vor.  Die Mannschaft reist später per Flugzeug an und wird am Flughafen von Breuer und seinem Bus aufgenommen. Das Navi sei zwar vorsichtshalber in Funktion, sagt er, aber wenn die Spieler zum wiederholten Mal zum selben Münchener Hotel gefahren würden, finde er sich allein zurecht.

    Der Verein, die Borussia, die Spieler, alle schätzen ihn als Pragmatiker, der umsetzt, was notwendig ist. Sie schätzen einen Menschen, der sich beim Gespräch mit mir als lustiger Vogel bezeichnet. Für jeden Spaß sei er zu haben, ergänzt er. Lausbub ist er noch mit 48 Jahren, sympathisch und locker.

    Er kam nicht als Busfahrer auf die Welt, sondern kann auch andere Dinge. Sein Geschäft „Sport Breuer“ in Jüchen bestätigt, über welche Qualitäten er auch verfügt. Stahl- und Betonbauer war er, ehe er zur Borussia stieß. In diesem Umfeld fühlt er sich wohl. Hier wird die Aufgeschlossenheit geschätzt, mit der er auf jemanden zugeht oder ihn an sich heranlässt. Frau Malter, die junge Volontärin, die bei unserem Gespräch anwesend ist, nickt zustimmend.

    Borussia ist kein seelenloser Verein, in dem nur gegen den Ball getreten wird. „Wir sind wie eine Familien-Gemeinschaft“, betont Marcus Breuer. „Bei uns wird jedem geholfen, dem man helfen kann und der sich helfen lässt.“ Er wisse nicht, wie das bei anderen Vereinen sei. Für die Borussia-Fohlen, für den Verein insgesamt, sei es jedenfalls ein Markenzeichen. Jeder sei im wahrsten Sinn Borussia und gehöre dazu.

    Nicht zufällig betreibt er ein Geschäft „Sport Breuer“ im Jüchener Ortsteil Gierath. Dort ist er zu Hause. Dort wohnen seine Freunde. Dort feiert er mit ihnen Schützenfest. Leider ist die Zeit dazu knapp bemessen, seitdem er bei Borussia engagiert ist. Am Wochenende, manchmal auch unter der Woche, arbeitet er bei und für Borussia. Wenn Borussia nicht spielt, wenn sie Sommer- oder Winterpause hat, wenn Marcus Breuer im Urlaub oder einfach daheim ist, dann träumt er nicht vom Fußball, sondern kümmert sich u. a. um seinen Garten. Oder er frönt seinem Krimi-Hobby. Ein Mensch lebt nicht vom Ball allein.

    Dennoch geht er ganz im Fußball-Metier auf, und das seit mehr als zwanzig Jahren. Er ist verantwortlich für die Trainings- und Spielwäsche der Spieler. Ab Mitte der Woche beginnen die Vorbereitungen, wenn ein Auswärtsspiel ansteht. Der Bus wird bestückt mit den allen notwendigen Utensilien der Spieler. Die Trikots werden in vierfacher Ausfertigung eingepackt, dazu jede Menge anderes Material.  Es gibt eine vorgeschriebene Spieler-Ausrüstung, bestehend aus Hemd mit Ärmeln, kurze Hose, Stutzen, Schienbeinschoner, Schuhe. Torhüter dürfen lange Hosen tragen. Jeder Spieler hat zusätzlich fünf Sätze Trainingswäsche, dazu eine Garnitur für den Spieltag. Man verrät kein Geheimnis, wenn man sagt, dass Fußballspieler Ikonen der Mode und der Werbung geworden sind. Das, was sie anziehen, wird nicht nur auf dem Spielfeld registriert. Fußball-Profis sind Werbeträger, wenn das Spiel längst abgepfiffen ist.

    Obwohl es Packlisten gibt, fragt sich der Zeugwart Breuer nach der Abfahrt oft, ob er etwas vergessen hat. Noch nie war das der Fall; dennoch kam es vor, dass er unterwegs den Bus stoppte und nachschaute. Während des Spiels sitzt Borussias nicht austauschbarer zwölfter Mann mit auf der Bank am Spielfeldrand. Er hält „Ersatzteile“ bereit, wenn z. B. ein Spieler sein Trikot wechseln muss. Natürlich fiebert er beim Spiel mit, da er nah genug dabei ist. Aber er hält seine Emotionen zurück. Vor Spielbeginn steht eine Besprechung mit dem Zeugwart der Gäste-Elf an. Es muss vereinbart werden, in welchen Trikots die Mannschaften auflaufen. Sie dürfen farblich nicht zu ähnlich sein. Deshalb muss der Schiedsrichter Trikots und Stutzen vorher zustimmen.

    Marcus Breuer spielte zu Beginn der Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als zweiter Torwart bei Gladbachs Amateuren in der Borussen-Jugend mit den späteren Profis Jörg Albertz, Karlheinz Pflipsen, Thomas Hoersen. Vereinzelte Kontakte pflegt er noch zu Ehemaligen. Er hat mit ihnen Siege gefeiert und Niederlagen erlitten. Mit aktiven Spielern, die im Schnitt zwanzig Jahre jünger sind als er, beschränkt er sich auf ein freundschaftliches Verhältnis. Jeder könne  kommen, wenn es etwas zu besprechen gebe. Gesunde Distanz tue dennoch gut.

    Marcus Breuer – Borussias „zwölfter Mann“. Selbstüberschätzung ist nicht seine Art. Der Verein darf stolz auf ihn sein.

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  • Hambacher Forst – Die goldene Regel

    Hambacher Forst – Die goldene Regel

    Die Rechtslage ist geklärt. Die Baumhäuser sind abgerissen. Jeder hat Recht, sieht sich im Recht. Hier stehe ich; ich will nicht anders.

    Es ist einfacher zu sagen: „Entschieden ist entschieden“, als sich auf etwas Neues einzulassen. Wo kämen wir hin? „Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren.“ Niemand wird sich an Joseph Goebbels orientieren wollen.

    „Es gehört mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.“ Friedrich Hebbel, Dramatiker und Lyriker, startete vor zweihundert Jahren einen Erklärungsversuch. Grundsätzlich könnte man ins Grübeln kommen, ob Frontstellungen Ewigkeits-Charakter haben müssen.

    Aber wieder taucht die Frage auf: Wo kämen wir hin? Aus der Reihe tanzen? Einknicken? Umfallen? Die Richtung, die Meinung ändern?

    Wer profitiert davon? Nicht alle. Und außerdem: Warum aus einer angeblich richtigen Entscheidung eine falsche machen?

    Entscheidungen, die man beibehält, bereut man seltener, wird gesagt, als Vorhaben, etwas zu ändern.

    Gibt es die Chance für einen Neuanfang im Hambacher Forst?

    Können alle Beteiligten über Verhaltensänderungen nachdenken?

    Jemand sagte nach dem Erdogan-Besuch: „Wir müssen die Herzen der hier lebenden Türken gewinnen.“ Ist diese Aussage analog übertragbar auf jene, die nach einer Lösung im Hambach-Konflikt suchen?

    Lösung hat mit „loslassen“ zu tun. Jeder muss seinen Anteil dazu beitragen.

    Ein Seil kann reißen, wenn es zu straff gespannt wird.

    Bündnisse gelingen leichter, wenn die Partner in die gleiche Richtung schauen.

    Könnte man sich an der „Goldenen Regel“ orientieren? Der chinesische Philosoph Konfuzius formulierte sie fünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Die Bibel hat sie übernommen:

    „Was man sich selbst nicht wünscht, tue man auch andern nicht an.“

    Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Jetzt.

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  • Mit allen Sinnen. Ein Gottesdienst-Erlebnis mit der Rumänisch-Orthodoxen Gemeinde Mönchengladbach

    Mit allen Sinnen.
    Ein Gottesdienst-Erlebnis mit der Rumänisch-Orthodoxen Gemeinde Mönchengladbach

    Die Liturgie beginne um 9 Uhr im Viersener Papst Johannes Zentrum, hatte Pfarrer Cosmin Stan, zuständig für die Rumänisch-Orthodoxe Gemeinde Mönchengladbach-Viersen, mir gesagt. Zu meinem Erstaunen saß ich um 9 Uhr allein im großen Kirchenraum, während am Altar die Proskomidie d. h. der  erste Teil der orthodoxen Liturgie vonstattenging, bei der die eucharistischen Gaben für die Feier vorbereitet werden.

    Dennoch schien es selbstverständlich zu sein, dass erst gegen10 Uhr weitere Gottesdienstbesucher eintrafen. Einzelpersonen, Väter und Mütter mit ihren Kindern, Mütter mit Babies auf den Armen. Im Vorraum hatten sie eine Kerze erworben, die sie an einer brennenden Kerze im Altarraum anzündeten und dem Pfarrer überreichten. Wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie, von draußen kommend, einen heiligen Raum betraten? Wollten sie in seinem Licht das Alltägliche hinter sich lassen und Gottes Hilfe und Erbarmen erbitten? Es schien so zu sein.

    Auch die Engel und Heiligen wurden in diesen gottesdienstlichen Prozess mit einbezogen. Die Ikonen an der Altarwand erzählen von ihnen. Engel und Menschen, die dargestellt sind, werden für den gegenwärtig, der sie verehrt. Das war zu spüren, obwohl ich es nur aus der Distanz wahrnehmen konnte.  So wie eine Ikone, ein Bild oder ein heiliges Buch auf dem Ambo berührt und geküsst wurde – von Kindern und Erwachsenen – erlebte ich: Das war ein Gottes-Dienst „mit allen Sinnen“.

    Habe ich solche Zeichen von Zärtlichkeit schon einmal in meiner Kirche erlebt? Ich erinnere mich nicht. „Wie kann man ein Bild oder gar den Boden küssen?“ fragt der aufgeklärte Mensch und Christ. Für einen orthodoxen Gläubigen verkörpern Ikonen und als heilig betrachtete Gegenstände die geheimnisvolle Gegenwart dessen, von dem sie erzählen. Die Geschichte eines Engels, eines Heiligen, eines Buches wird durch die sinnliche Berührung zur eigenen Geschichte. Aus Vergangenheit, aus dem Anderen wird persönliche Gegenwart.

    Der Pfarrer registrierte jeden Neuankömmling, küsste seine bzw. ihre Stirn und setzte  den gottesdienstlichen Ritus fort. Mit dem Weihrauchfass beräucherte er zum wiederholten Mal den Altarraum, die heiligen Geräte, die Ikonen. Das Weihrauchfass schwingend ging er durch den ganzen Kirchenraum. Der Duft des Weihrauchs sollte wohl die irdischen Sinne beflügeln und sie empfänglich machen für das Überirdische. Alle Aktivitäten – Sehen, Hören, Riechen, Berühren – sollen die Menschen in die Nähe Gottes führen. Es wird „Göttliche Liturgie“ gefeiert. „Wer es fassen kann, der fasse es“, steht im Neuen Testament der Bibel.

    Immer mehr Kinder waren inzwischen anwesend. Verstandenen sie, was hier vorging? Eine Gegenfrage: „Verstehe ich alles, was hier geschieht?“ Nein, gebe ich zu. Von der liturgischen Sprache, der ich mich drei Stunden lang aussetzte, verstand ich nur „Alleluia“, „Amen“ und „Doamne miluieste – Herr, erbarme Dich“. Von den Antiphonen und Lesungen, von der Doxologie (Lobpreis der Heiligen Dreifaltigkeit), von der Ektenie (Fürbittgebet) weiß ich nur, dass sie in diesem Gottesdienst ihren Platz hatten.

    Die Rumänisch-Orthodoxe Kirche ist eine romanisch-sprachige Orthodoxe Kirche. Das beruht auf der geschichtlichen Vergangenheit Rumäniens, das lange Zeit hindurch römische Provinz war. Bis heute orientieren sich Kultur und Sprache Rumäniens nach Westen. Diese Sprache beherrsche ich leider nicht.

    Ich begann zu verstehen, dass es in dieser Gemeinde keine Kindergottesdienste geben muss. Die Kinder wachsen hinein in das Erlebnis und Verstehen der Liturgie. Nie zuvor ist mir das so bewusst geworden wie an diesem Vormittag. Was man nicht versteht, muss man nicht wissen. Das gilt nicht nur für Kinder.

    Die heiligen Gaben, die beim abschließenden Kommunionempfang ausgeteilt werden sollten, waren mit einem Velum verhüllt. Der Einzug Gottes unter den Gestalten der Gaben von Brot und Wein ist unbegreiflich und mit unseren Augen nicht wahrnehmbar. In diesem Gottesdienst machte ich eine neue Erfahrung: Ich muss nicht alles „verstehen“, was mein Leben bereichert. Manches bleibt verborgen und ist dennoch wichtig. Mein Alltag ist immer mehr von schattenloser Helligkeit, von allgemeiner Erleuchtung und Flutlicht geprägt. Die Nacht wird zum Tag. Dass Wichtiges im Leben im Verborgenen entstehen kann; dass mein Leben  Geheimnisse und Verborgenes braucht, wird zunehmend verdrängt.

    Der Kommunionempfang nahte. In der orthodoxen Tradition stehen die Gläubigen während des Gottesdienstes. Das Stehen ist eine überlieferte Art der Gottesverehrung. Der Priester am Altar kniete nieder. Dem Beispiel folgten die Gottesdienstteilnehmer – vor den Stühlen, auf dem Boden. Eine erstaunliche Ruhe im Kirchenraum. Eine vor mir kniende Mutter ermahnte ihre Tochter zu schweigen. Dann verteilte der Priester die in Wein getauchten Brotstücke  – Leib und Blut Christi – mit einem Kommunionlöffel. Alle durften empfangen, auch das Baby, das soeben noch in den Armen der Mutter lag. Ich dachte an katholische Bischöfe, die ein Dokument erarbeiteten, um zu einer „verantwortbaren Entscheidung über die Möglichkeit eines Kommunion-Empfangs“ zu kommen.

    Der Gottesdienst mit der Rumänisch-Orthodoxe Kirchengemeinde in Mönchengladbach, der Biserica Ortodoxa, hat mich beeindruckt. Die Gemeinde ist auf der Suche nach einem anderen Gotteshaus, weil ihr das Papst Johannes Zentrum demnächst nicht mehr zur Verfügung steht.

    Bei einem gemeinsamen Mahl im Anschluss an den Gottesdient kam ich mit einigen rumänischen Teilnehmern ins Gespräch. Sie sprechen perfekt Deutsch, da die meisten von ihnen hier geboren und aufgewachsen sind. Aber sie haben eine „rumänische Seele“, wie einer betonte. Die Kirche habe neben ihrem Engagement im sozial-caritativen Bereich für sie eine große Bedeutung bei ihrer Integration, versicherte er mir. Hier möchten sie eine Atmosphäre schaffen und erleben, die zu ihrer Identität gehört.

    Ikonen gehören in jedem Fall dazu. Nur Gott wird angebetet. Die Verehrung der Ikone soll aber Wege zu ihm aufzeigen. Die  Rumänisch-Orthodoxe Gemeinde wünscht sich einen Raum, in dem ihre Ikonen und sie selbst eine Bleibe finden. Sie wünscht sich einen festen Raum mit offenen Türen, in dem man die Welt des Alltags hinter sich lassen und in eine andere Welt eintreten kann.

    Vielleicht weiß jemand Rat.

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  • „Gestorben wird immer.“ Von den Tätigkeiten eines Bestatters

    „Gestorben wird immer.“ Von den Tätigkeiten eines Bestatters

    Der Tod ist unvermeidbarer Bestandteil des Lebens. Wie man weiß, liegt die Sterberate bei hundert Prozent. Obwohl unsere Lebensjahre begrenzt sind, spielen wir auf Zeit. Andreas, Bestatter aus Mönchengladbach-Rheindahlen, erlebt, was geschieht, wenn diese Zeit abgelaufen ist. „Ich treffe diesen Moment in der Regel als Ausnahme-Situation an, selbst wenn er vorhersehbar war.“ Wenn er gerufen werde, wisse er nicht, was auf ihn zukomme. Er müsse sich vor Ort darauf einstellen, um angemessen den Trauernden begegnen zu können.

    Dann beginnt seine Tätigkeit als Bestatter, in die er im Verlauf vieler Jahre hineingewachsen ist. Inzwischen gebe es die „Bestattungsfachkraft“, einen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf. Seit 2010 können Bestatter die Meisterprüfung machen.

    Schmerz, Trauer und Betroffenheit der Angehörigen muss er wie ein persönlicher Wegbegleiter einfühlsam aufgreifen. Seine Zuwendung gilt dabei vor allem denen, die mit dem Tod ihres Kindes, ihres Partners, ihrer Mutter oder ihres Vaters konfrontiert werden. Trauern können, schmerzliche Erfahrungen bewältigen, wenn Sarg oder Urne das letzte Bett geworden sind, haben nicht alle gelernt. Freunde, die oft mit Rat und Hilfe zur Seite standen, haben sich unsichtbar gemacht, wenn sie selbst ratlos sind.  Vielleicht sind sie überfordert mit der Situation und verlassen sich auf Andreas, der das für sie regeln soll.

    Andreas versteht das. Formalitäten, Behördengänge, Versicherungs-Angelegenheiten seien zu besprechen. Hilfreich seien Vorverträge, die man „für den Fall des Falles“ abgeschlossen habe. Veränderte Familienstrukturen und berufliche Perspektiven machen es empfehlenswert, Vorsorge-Maßnahmen zu treffen. Er sei nicht überrascht, wenn bei Paaren nur einer der Partner sich bei ihm nach dieser Möglichkeit erkundigt. Auch bei miteinander vertrauten Partnern sei es nicht selbstverständlich, dass sich beide zu Lebzeiten zu diesem Grenzbereich vorwagen.

    Es gehe um „die letzten Dinge“. Was soll oder muss Verwandten, Bekannten, evtl. der Öffentlichkeit in einem Totenbrief  bzw. in einer Anzeige mitgeteilt werden? Was darf man preisgeben über das soeben zu Ende gegangene Leben eines Menschen? Wo soll die Bestattung erfolgen? Im eher ländlichen Bereich, in dem Andreas wohnt, sind das zumeist der Friedhof oder eine Grabeskirche.  Anonyme, sog. Friedwald- oder See-Bestattungen seien hier, im Gegensatz zu städtisch geprägten Strukturen, die Ausnahme.

    Ähnliches gelte für Verstorbene, die eine Beziehung zu einer der christlichen Kirchen gepflegt hätten. In dem für ihn zuständigen kirchlichen Gemeindeverband gebe es noch Ansprechpartner. Trotz eines weithin indifferent gewordenen Verhaltens gegenüber Religion und Kirche, von denen viele äußerlich Abschied genommen haben, wenden sie sich an die Kirche oder an entsprechende Organisationen und halten sie für zuständig.

    Andreas muss viele Fragen beantworten. Er hört nicht weg. Sarg oder Urne müssen ausgesucht werden. Evtl. wollen Angehörige oder Freunde eine mögliche Trauerfeier mitgestalten. Es gebe keine vorgeschriebenen Verhaltensmuster, betont er. Abgesehen von städtisch verordneten Beerdigungen, verhalte er sich bei Beratung und Durchführung einer Bestattung so, als müsse er den eigenen Opa, die eigene Mutter, das eigene Kind zu Grabe tragen.

    Der oder die Verstorbene werde unabhängig davon, ob eine Erd- oder Feuerbestattung anstehe, so gekleidet, wie es die Angehörigen wünschten, fügt er noch hinzu. Manchmal habe der oder die Tote zu Lebzeiten konkrete Vorstellungen geäußert. Die Versorgung des Leichnams werde in jedem Fall individuell und nach Absprache geregelt. Nicht nur im schwarzen Anzug oder im langen Abendkleid begebe man sich zur „ewigen Ruhe“. Auch ein Borussen-Trikot oder die ausgefranste Jeans seien eine angemessene Kleidung „auf der letzten Reise“.

    Natürlich habe er Kenntnisse erworben und schaffe für sich einen notwendigen Abstand zum aktuellen Geschehen. Dennoch sei jeder Abschied, bei dem er mitwirke, auch sein Abschied. Er erledige nicht nur eine Aufgabe. Das treffe vor allem dann zu, wenn er ein Kind beerdigen müsse. Abschied-Nehmen finde nicht nur am Todestag statt, sondern vollziehe sich in persönlichen, kleinen Schritten, an denen viele beteiligt seien, auch er als Bestatter. Die tägliche Auseinandersetzung  mit dem Tod hinterlasse Spuren bei jedem, der solche Spuren zulasse.

    Die Begegnung mit Andreas macht mich nachdenklich. „Wir lassen Sie mit Ihrer Trauer nicht allein“, verspricht der „Bundesverband Deutscher Bestatter. Ich bin mir sicher, dass dies bei Andreas so ist.

    An vielen Bestattungen habe ich teilgenommen. Nach diesem Gespräch beginne ich sie bewusster nachzuempfinden.

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  • „Größte Apotheke der Welt“ –  Bernd Pastors von Action Medeor zu Gast bei „Gladbacher Gesichter“

    „Größte Apotheke der Welt“ – Bernd Pastors von Action Medeor zu Gast bei „Gladbacher Gesichter“

    Verheiratet, zwei Kinder, 62 Jahre alt. Die Daten aus Bernd Pastors Vita verraten nichts Außergewöhnliches. Die Fakten hinter diesen Daten weisen jedoch auf außergewöhnliche Stationen seines bisherigen Lebens hin: Mitglied und Schatzmeister von „Gemeinsam für Afrika“. Schatzmeister des Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungs-Organisationen. Mitglied der Kreissynode Evangelischer Kirchenkreis Gladbach-Neuss. Aufsichtsrat-Vorsitzender des Kolping-Bildungswerks Aachen. Vorstandsvorsitzender von „Aktion Deutschland Hilft“. Vorstandssprecher und Chef des Tönisvorster Medikamenten-Hilfswerks „Action Medeor“.

    Sein Engagement in den verschiedenen Gremien gründet auf dem Bestreben, humanitäre Hilfen auf den Weg zu bringen und Menschen dafür zu gewinnen.

    Kaspar Müller-Bringmann, Chefredakteur und Inhaber eines hiesigen Medienbüros, interviewte ihn gestern in der Vortragseihe „Gladbacher Gesichter“ im Kamillus-Kolumbarium. Lebendiger, authentischer Journalismus, der einen Zeitzeugen vorstellt, ist einem Printmedium überlegen, das den Lesern einen abstrakten Bericht liefert, ohne zu erwähnen, dass sich der Interview-Partner am gleichen Abend authentisch einem persönlichen Gespräch stellt.

    Materielle Hilfe können Organisationen und Unternehmen nur leisten, erklärt Pastors den wenigen, aber interessierten Zuhörern, wenn genügend finanzielle Mittel erwirtschaftet werden. Mit anderen Worten: Man kann jemandem nicht mit leeren Taschen helfen.

    Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung eines Gesundheitssystems nach der Ebola-Epidemie in den westafrikanischen Ländern Sierra Leone, Guinea und Liberia. Es müssen Gesundheitsstationen aufgebaut, Gesundheitspersonal ausgebildet und Investitionen in die Gesundheitsversorgung aufgestockt werden.  Aus der „größten Apotheke“ ist ein weltweit agierendes Sanitäts-Unternehmen geworden. Der evangelische Christ Bernd Pastors verdeutlicht, warum er hier tätig ist: Aus Überzeugung und mit persönlichem Engagement könne man die Epidemie in den Griff bekommen. Eine Koordination staatlicher und nicht-staatlicher Hilfsangebote sei notwendig, um effizient handeln zu können.

    In Deutschland bestehe das Aktionsbündnis „Aktion Deutschland Hilft“, bei dem dreizehn Hilfsorganisationen ihre Kenntnisse und Fähigkeiten untereinander abstimmen, um Überschneidungen und Versorgungslücken bei Hilfseinsätzen zu vermeiden, sagt Bernd Pastors.

    Das Hilfswerk Action Medeor hat Medikamente, medizinische Instrumente und Isolierstationen nach Liberia an der westafrikanischen Atlantikküste transportiert. Hunderte Betten und Isolierstationen würden benötigt. Die Weltgesundheitsorganisation suche dringend Ärzte, die bereit seien, dort zu arbeiten. Ebola habe die Welt aufgerüttelt. Die westlichen Länder seien in Alarmbereitschaft versetzt, mahnt Pastors eindringlich.

    In Liberia, Sierra Leone, Guinea, Kamerun, Burkina Faso, Nigeria, Gambia und Togo wurden Krankenhäuser mit Schutzkleidung und Medikamenten versorgt. Action Medeor verschickte Hilfslieferungen mit einem Gesamtgewicht von über 130 Tonnen. Im vergangenen Jahr 2017 waren es fast 14.000 Medikamentenpakete in 91 Länder – nicht nur nach Ostafrika, sondern auch in die Bürgerkriegsländer Jemen, Irak und Syrien. Auch im afrikanischen Krisengebiet Libyen versucht man zu helfen; von Tunesien aus gelangen Medikamente zur libyschen Bevölkerung.

    Die „Aktion Deutschland Hilft“, als deren Vorstandsvorsitzender Pastors wiedergewählt wurde, nennt Leitlinien ihres Handelns: „Menschen, die von Naturkatastrophen oder humanitären Krisen betroffen sind, haben das Recht auf Solidarität und Hilfe. Gemeinsam retten wir Leben und geben notleidenden Menschen eine Perspektive für ein selbstbestimmtes, freies Leben.“ Politische Krisen, soziale Ungleichheit sowie der Klimawandel nehmen einen immer größeren Stellenwert ein im Vergleich zu Naturkatastrophen, ergänzt der Vorsitzende.

    In Afrika entscheide sich die Zukunft der Welt, sagte kürzlich ein Politiker.  Einen „Marshallplan“, ein Investitionsprogramm für Afrika, forderte er. Wer Bernd Pastors zuhört, versteht, wie wichtig das ist. Wenn wir verhindern wollen, dass Millionen Afrikaner in den kommenden Jahren auf dem Weg über das Mittelmeer in Europa Zuflucht nehmen wollen, müssen wir handeln. Die größte Flüchtlingskrise steht uns dann erst bevor.

    Bernd Pastors verdeutlicht: „Gesundheit ist die wichtigste Voraussetzung für Hilfe zur Selbsthilfe“. Die ärztliche Infrastruktur ist zerstört. Viele Menschen sterben an Malaria, Durchfall-Erkrankungen und Infektionen der Atemwege, die bei ärztlicher Behandlung geheilt werden könnten. Die Ebola-Epidemie verschlimmerte die gesundheitliche Versorgung. Die Ausbildung von pharmazeutischen Fachkräften in den Entwicklungsländern müsse man intensivieren, damit Patienten besser versorgt würden.

    „Über 25 Millionen Menschen hungern in Afrika“. Damit benennt B. Pastors ein weiteres Grundproblem, das mit der Gesundheits-Problematik verknüpft ist. Aufgrund lang andauernder Dürre konnte in vielen Regionen keine Ernte einfahren werden. Anderswo hinderten Konflikte die Menschen daran, Felder zu bestellen und das Vieh zu versorgen. Die Hungersnot treffe vor allem die Kinder; harmlose Infekte führten innerhalb weniger Wochen zu ihrem Tod. Action Medeor liefere Spezialnahrung, Infusionen, Antibiotika, Vitamine, Malariamedikamente und Schmerzmittel. Daher der Appell, Menschen zu Spenden zu bewegen. „Gemeinsam gegen die Hungersnot“, laute das Gebot der Stunde. „Mit Ihrer Spende unterstützen Sie Hilfsprojekte für Menschen in Not“, heißt es in einem Aufruf des Aktionsbündnisses. „Ihre Spende rettet Leben.“

    „Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt“, schrieb Kurt Tucholsky vor einhundert Jahren. „Vor die größte Aufgabe, die wir zu bewältigen haben, stellt uns die Welt“, könnte man den Satz weiterführen. Der Mönchengladbacher Bernd Pastors hat das verstanden. Er ist sich der Besonderheit dieser Aufgabe und unserer gemeinsamen Verantwortung bewusst.

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  • „Der macht das eben anders.“ Fragen erlaubt, Herr Regionalvikar?

    „Der macht das eben anders.“ Fragen erlaubt, Herr Regionalvikar?

    Der neue Regionalvikar für die katholische Region Mönchengladbach ist schockiert über die Geschehnisse in Chemnitz. In einem Interview mit der Rheinischen Post äußert er seine Sorgen und Ängste, wie mit Menschen umgegangen werde und sie hemmungslos beschädigt würden. Das dürfe man nicht hinnehmen.

    Recht hat er. Sich anders zu verhalten, indem man das Recht und die Würde seiner Mitmenschen mit Füßen tritt, ist nicht hinnehmbar.

    Dass geistliche Mitbrüder des Regionalvikars Menschen, die ihnen anvertraut waren,  „hemmungslos beschädigten“ erwähnt er nicht. „Wenn Hemmschwellen überschritten werden, eskalieren Situationen in atemberaubender Geschwindigkeit.“ Das empört den Regionalvikar zu Recht an den Vorkommnissen in Sachsen. Wahrscheinlich haben ihn die Interview-Partner nicht an den Vorwurf  des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung erinnert: Über Jahrzehnte sei in kirchlichen Einrichtungen hierzulande sexuelle Gewalt an Kindern unter den Teppich gekehrt, bagatellisiert und vertuscht worden.

    Woran man nicht erinnert wird, dazu muss man nicht Stellung nehmen, wird sich der Regionalvikar verteidigen. Wenn man jedoch mit dem Finger auf andere zeigt, sollte man dann nicht so ehrlich sein, auch und zuerst für die „schreckliche Entwicklung“ nicht nur in Chemnitz, sondern vor und hinter  Kirchentüren Worte finden? „Die Kirche scheitert an ihrem Missbrauchs-Skandal.“ Dieser alarmierende Satz geht durch die Presse. Ist Chemnitz überall?

    Als „Scharnier zwischen Bistumsleitung und pastoraler Arbeit in der Region“ sieht er sich. „Wünsche von unten nach oben zu vermitteln“, gehöre zu seinen Aufgaben. Ob er an den Wunsch nichtkatholischer Partner gedacht hat, bei  der Eucharistiefeier am gemeinsamen Mahl der Christen teilnehmen zu können?  Gehört hat man bisher nichts von Ihm dazu. Einer seiner Vorgänger im Amt des Regionaldekans hat öffentlich und laut Stellung genommen und die Einwände des Kölner Kardinals unmissverständlich als absurd und realitätsfremd bezeichnet. Hat sich der neue Regionalvikar in dieser Angelegenheit schon einmal mit seinem Mitbruder ausgetauscht? Oder ist der Regionalvikar der Meinung, besagter Kardinal habe eben eine andere Meinung, und die ihm anvertraute Herde habe das mit kirchlich verstandenem Gehorsam zu akzeptieren?

    Auf den Ärger, der entstand, weil er als Regionalvikar vom Bischof ernannt wurde, statt nach bisheriger Praxis von seinen Mitbrüdern gewählt zu werden, hat er die einleuchtende Erklärung parat, „der Bischof macht es eben anders“. „Ein Nachfolger wird es wieder anders machen.“ Oberhirten können sich also „kraft ihres Amtes“ über Vereinbarungen, die sich bewährt haben, hinwegsetzen, und die Untertanen haben sich wie in alten Zeiten vor dem Herrscher auf den Boden zu werfen. Derjenige, der davon profitiert, muss sich keine Gedanken machen.

    Alte Werte müssten wieder entdeckt und die Sekundärtugenden Anstand und Höflichkeit neu erlernt werden, fordert der Regionalvikar im Hinblick auf die Ereignisse in Chemnitz. Bedeuten diese Tugenden nichts im kirchlichen Bereich?

    Zum 25. Jahrestag seiner Priesterweihe erhielt der Regionalvikar Glückwünsche von ehemaligen Bundesministern, die in seiner Kirche gepredigt hatten. 2006 überreichte ihm Papst Benedikt bei einer Privataudienz einen Rosenkranz. Wer solcher Ehren würdig war, vertraut darauf, gehört und geachtet zu werden. Damit kann er rechnen. Aber Fragen wird er sich gefallen lassen müssen.

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  • Autistin Lea. Ein Nachwort

    Autistin Lea. Ein Nachwort

    Leas Geschichte „Sie ist jung. Orgelbauerin. Autistin“ hat ein ungewöhnliches Echo gefunden. Eine Moderatorin des WDR hat inzwischen mit Lea und den Eltern ein Vorgespräch geführt, um zu erkunden, ob die junge Frau in der Lage ist, offen über Erfahrungen mit ihrem Autismus zu reden. „Lea soll selbst entscheiden; aber ich habe ein wenig Bauchschmerzen dabei.“ Die Reaktion ihrer Mutter.

    Die Eltern hatten und haben Bedenken. „Als Lea klein war, habe ich Presse und TV von ihr fern gehalten“, gibt die Mutter zu bedenken. „Mehrere Sender bemühten sich um Drehaufnahmen; aber ich wollte nicht. Die Ausmaße konnte ich nicht einschätzen.“

    „Ich habe mir alle Fachbücher besorgt und mich mit Therapien beschäftigt. Täglich arbeitete ich vier bis fünf Stunden mit ihr, bis irgendwann der Durchbruch kam. Sie sprach wieder und nahm am Leben teil.“

    „Wenn sie jetzt mit ihren Freunden zusammen ist, vergisst sie alles, was hinter ihr liegt. Dann wird Gitarre gespielt und über den Weltfrieden diskutiert.“

    Kürzlich haben Bürgerinnen und Bürger Nordrhein-Westfalens in Anerkennung ihrer außerordentlichen Verdienstes für die Allgemeinheit den Verdienstorden des Landes erhalten, auch Norbert Bude, ehemaliger Oberbürgermeiser unserer Stadt. Ich kann Vorschläge für die nächste Ordensverleihung unterbreiten.

    „Personen ihres Alters verhalten sich in manchen Situationen anders als Lea. Auf  andere wirkt das manchmal befremdlich.“ Leas Mutter verunsichert das.

    Ich greife das noch einmal auf. „Anders als andere.“ Muss das „befremdlich“ sein? Befremdlich hat mit „fremd“ zu tun. In unseren Tagen wird viel über befremdliches, fremdenfeindliches Verhalten diskutiert. Das Verhalten von Menschen wird gerügt, das nicht nur „befremdlich“, sondern gesetzwidrig ist, weil es notwendigen und bewährten Normen gesellschaftlichen Lebens widerspricht. Eine kleine, lautstarke Gruppe will uns nötigen, unsere Weltsicht aufzugeben. Jetzt versucht sie, die Stadt Chemnitz ins Chaos zu stürzen.

    Was ist „typisch“, was „untypisch“ für  das Zusammenleben in unserem Kulturraum? Was stört dieses Zusammenleben und ist so befremdlich, dass wir es nicht dulden müssen? Unwillkürlich konfrontiert mich das mit Friedrich Schillers Aussage: „Es ist eine Wohltat, in Europa geboren zu sein.“

    Niemand unterstellt, die eine oder andere Verhaltensweise Leas sei im negativen  Sinn „befremdlich“. Vor einigen Tagen rief sie ihren Opa an und bat ihn, mit seinem Auto eine kleine Orgel abzuholen. Lea hatte eine Anzeige ausfindig gemacht „Orgel abzugeben“. Das Stichwort „Orgel“ elektrisierte sie. Sie suchte den Anbieter auf und war Feuer und Flamme für das restaurierungsbedürftige Objekt. Man schenkte es ihr. Mit Opa holte sie es ab.

    In den kommenden Wochen steht das Thema „Schule“ wieder im Vordergrund. Einzige Orgelbau-Schülerin ist Lea unter vierzig Orgelbau-Schülern. Dafür macht sie sich allein auf den Weg nach Ludwigsburg – ohne Eltern, ohne Opa. Befremdlich? Untypisch? Nein, mutig.

    Der WDR wird warten müssen, bis sie zurück ist. Ob Lea sich dann einem Interview stellen wird, weiß sie noch nicht. Man soll sie fordern, nicht überfordern. Befremdlich? Untypisch? Nein, ehrlich. „Etwas entscheiden, ohne es zu bedenken, ist sinnlos.“  Der chinesische Philosoph Konfuzius soll es fünfhundert Jahre vor unserer jetzigen Zeitrechnung formuliert haben.

    Ich bin gespannt, wie es mit Lea weitergeht. Egal, wie sie sich entscheiden wird – meine Sympathie ist ihr sicher.

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  • Sie ist jung. Orgelbauerin. Autistin

    Sie ist jung. Orgelbauerin. Autistin

    „Lea ist offen und selbstsicher. Sie kommt zu Ihnen.“  Leas Mutter hatte mir das mitgeteilt. Wird nicht behauptet, Autisten würden sich verschließen und nicht auf andere zugehen? Wird nicht unterstellt, sie könnten nicht zuhören, würden Argumente anderer Menschen ignorieren und in einer eigenen Welt leben? Ich war gespannt auf Lea.

    Lea widerlegte Vorurteile. Eine sympathische junge Frau stellte sich mir vor. Sie „leidet“ nicht an Autismus, sondern höchstens dann und daran, wenn Menschen in ihrer Umgebung sie nicht so akzeptieren, wie sie ist. Sie teilt mir einfach mit, dass sie Autistin ist – vorbehaltlos, obwohl wir uns noch nicht begegnet sind. „Hat Ihnen jemand gesagt, dass Sie Autistin sind?“ „Ich habe gemerkt, dass ich in mancher Beziehung anders bin als andere.“ „Belastet Sie das?“ „Nein.“

    Lea verbirgt ihr Autistin-Sein nicht. Sie hat gelernt, damit umzugehen und es nicht vorrangig als Behinderung zu sehen. Sie verspürt keinen Anpassungsdruck. Sie muss niemandem beweisen, was sie kann oder nicht kann. Sie muss sich nicht mühsam outen, wie es andere Gruppen unserer Gesellschaft praktizieren, die in bunten Umzügen auf sich aufmerksam machen und Toleranz erwarten. Ihr Jung-Sein kommt ihr zugute. Lea ist erfrischend anders.

    Sie registriert meine Verwunderung, kommentiert sie aber nicht. Schnell sind wir bei dem, was sie positiv findet an ihrer Veranlagung und ihren Neigungen. Seit ihrer Kindheit zeigt sie musikalische Interessen und ein Verständnis für Musik. Über Gitarre und die Fingergriffe beim Keyboard hat sie den Weg zum Klavier gefunden. Ihre Mutter hat mir berichtet, Lea habe sich innerhalb von vierzehn Tagen selbst Klavierspielen beigebracht. Vom Klavier führte der Weg zur Orgel, vorerst zum Orgelbau. Lea ist faszinierend kreativ.

    Sie absolviert gegenwärtig eine Orgelbaulehre bei einem Orgelbauer in Mönchengladbach. Da sie im dritten Lehrjahr ist, stehen demnächst praktische und theoretische Prüfungen an. „Belastet Sie das?“ wage ich zu fragen. „Nein.“ Sie antwortet knapp. „Ich kann mir nichts anderes im Leben vorstellen.“ Davon lasse sie sich nicht abbringen, auch wenn der Weg zum Ziel manchmal holprig sei, ergänzt sie. So, wie sie das sagt, wird deutlich, dass sie erlebt, was sie sagt.

    Ich erwähne meine Begegnung mit dem Organisten Reinhold Richter an St. Helena in Mönchengladbach-Rheindahlen. Herr Richter imponierte mir besonders, weil er nicht einfach Orgel spielt und das Instrument beherrscht. Seinem Orgelspiel merkt man an, dass Instrument, Organist und  Kirchenraum im Spiel eine Einheit werden. Alles zusammen muss „stimmig sein“.

    Lea bestätigt das. Sie erzählt, dass sie in der Werkstatt z. Zt. eine Orgel für St. Clemens in Bergisch-Gladbach bauen mit Hauptwerk, Schwellwerk und Pedal. Der Architekt des Gotteshauses wurde in die Planung einbezogen. Leas Begeisterung wirkt ansteckend. Sie regt an, mit Herrn Scholz einen Termin zu vereinbaren, bei dem sie mir das vor der Fertigstellung stehende Orgel-Positiv zeigen und mich auf einem Rundgang durch die Werkstatt begleiten kann.

    „Begleiten Sie uns bei der Ausführung eines alten Handwerks, in der Kunstwerke entstehen, die durch die Musik zum Leben erweckt werden. Es würde uns freuen, wenn wir unsere Faszination für diese Arbeit an Sie weitergeben könnten.“ So steht es auf der Internet-Seite der Firma. Ich stimme natürlich zu – auch weil ich Leas Faszination spüre. Möglicherweise wird diese durch den Umstand unterstützt, dass man beim Orgelbau, vor allem bei der Schauseite Orgelprospekt nicht an feste Bau- und Maßvorgaben gebunden ist. Hier kann Lea ihre Phantasie mit einbringen.

    Wenn Leas Gesprächspartner Gefühle und Gedanken klar formulieren, weiß die junge Autistin, „wo sie mit ihnen dran ist“ und stellt sich darauf ein. Meine Gedankenwelt muss nicht identisch sein mit ihrer. Das gilt auch umgekehrt. Es ist gut, dass Menschen unterschiedliche Anlagen und Verhaltensweisen haben. Damit ergänzen sie sich. Ich persönlich habe gelernt, dass andere Menschen „richtig“ leben, auch wenn sie anders denken und leben als ich. Jeder hat seine Geschichte. Das gilt für Lea. Das gilt für alle Autisten, versichere ich ihr. Manche haben besondere Interessen oder sind zu außergewöhnlichen Leistungen fähig. Keiner von ihnen ist seelisch verkümmert.

    Wenn wir jedem und jeder von ihnen mit ihren Fähigkeiten, aber auch mit ihren Grenzen einen Platz im Leben und in der oft standardisierten Welt sichern, profitieren wir alle davon. Das verstehe ich nicht als Höflichkeitsgebot, sondern als Aufforderung.

    Die Begegnung mit Ihnen, Lea, hat mich gelehrt:
    Ich muss die Augen neu öffnen für Dinge und Ereignisse, die mir bisher bekannt zu sein schienen.
    Die Welt ist bunt und voller Wunder, die irgendwie zusammengehören.

    Meine Erlebnisse und Erfahrungen kann ich anders als bisher miteinander verknüpfen;  dann gewinnen sie neue Bedeutung für mich.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute, Lea, auf Ihrem Weg.

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  • Sehnsucht nach Wellness

    Sehnsucht nach Wellness

    Die augenblicklichen Temperaturen heizen meine Wellness-Stimmung an, obwohl ich mit Wellness und Baden nicht groß geworden bin, weil sie in meiner Kindheit nicht den Stellenwert hatten, der ihnen heute zukommt.

    Wellness verlief damals in unserer Familie etwas anders als heute. Samstags in die Zinkbadewanne, so lautete die wöchentliche Wellness-Veranstaltung. Diese Art nachkriegszeitlicher Körperkultur fand in der großen Küche statt. Nach dem Mittagessen holte meine Mutter die Zinkbadewanne, die an einem Haken im Stall hing, in die Küche und stellte sie vor das Fenster. Vormittags war noch das Futter für das Hausschwein darin angerührt worden. Ein bisschen sah sie nach Sarkophag aus. Die Wanne, Bütt hieß sie bei uns, sollte uns Wochenend-Labsal spenden. Uns – das waren Mutter, Tante, mein Bruder und ich.

    Mutter schleppte aus dem Waschbottich nebenan im Stall zehn Eimer heißes Wasser heran und goss es in die Wellness-Wanne. Auf dem Küchenstuhl, der daneben stand, lag ein dickes Stück Kernseife. Die Reinigung versprach gründlich und porentief zu werden. Aromatische Düfte drangen höchstens vom Küchenherd herüber, auf dem die Rindfleischsuppe für das Sonntagsessen kochte.

    Dann folgte ein entscheidender Augenblick. Quer durch die Küche spannte Mutter ein großes Tuch. Das Wellness-Studio wurde abgetrennt und entzog sich fortan unseren Blicken. Mein Bruder und ich saßen auf der Küchenbank, Blickrichtung Küchenfenster, jetzt mit neunzigprozentiger Sichtbehinderung. Die fehlenden zehn Prozent hatten ein Ein-Sehen mit uns, weil der Zahn der Kriegszeit auch dem Zinkbütt-Sichtschutz-Vorhang zugesetzt hatte.

    Zuerst entschwand die Tante hinter den Vorhang. Diese Spanische Wand der Katholiken verbarg Wesentliches. Nur an hellen Sommertagen ermöglichte uns das dahinter liegende Küchenfenster bescheidene Anatomie-Studien. Bald jedoch versperrte undurchdringlicher Wasserdampf die Sicht. Dann konnten wir nur erahnen, wie schön es im Paradies gewesen sein mochte.

    Sobald die Tante ihren Baderitus absolviert hatte, erscholl Richtung Küchenbank das Kommando „umdrehen“. Sie entschwand dann unseren Blicken. Das Umdrehen nahm bei meinem Bruder manchmal unverhältnismäßig lange Zeit in Anspruch. Daran muss es wohl gelegen haben, dass er ziemlich genau die Größe des Muttermals in ihrer Bauchnabelregion beschreiben konnte.

    Die Badestube war aber längst noch nicht für uns beide frei. Jetzt kam nämlich Mutter an die Reihe. Das Badewasser war zwar schon ziemlich eingetrübt, aber Mama fand das nicht weiter schlimm. Sie nahm den großen Schöpflöffel –  „Schäpp“ nannte sie ihn – schöpfte  den Seifenschmand von der Oberfläche ab und füllte einen Eimer heißes Wasser nach. Die gleiche Prozedur wiederholte sie, wenn der hierarchischen Ordnung nach ich anschließend in die Wanne steigen durfte.

    Das Badewasser hatte inzwischen deutliche Ähnlichkeit mit der Rindfleischbrühe auf dem Küchenherd angenommen, nur trüber und mit diversen Einlagen versehen. Mutter hatte sich wieder angezogen und wusch mir den Kopf. Kernseife war ein Allround-Waschmittel. Mit dem großen Handtuch, das zuvor schon mit verschiedenen anderen Körperteilen der Badefamilie Bekanntschaft gemacht hatte, trocknete sie mich ab. Den Begriff Föhn kannte sie nur als warmen Wind im Voralpenland.

    Dann konnte endlich auch mein Bruder in die Wanne steigen. In einem kostengünstig geführten Haushalt war Wasser kostbar. Daher glich die Badewanne inzwischen einem undurchdringlichen Tümpel, was jedoch den Reinigungszeremonien keinen Abbruch tat. Wenn wir am nächsten Morgen die Wäscheleine mit den Socken über dem Küchenherd baumeln sahen, ahnten wir, dass auch die noch in der Brühe gewaschen worden waren.

    Es war ein spannender Samstagnachmittag bei uns daheim. Von Allergien oder Staubmilben, von Desinfektionsmitteln oder Fußpilz habe ich nie  gehört. Wahrscheinlich gab es das damals noch nicht. Und krank geworden bin ich auch nicht.

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  • Von der Welt der Tiere und der Menschen.- Im Odenkirchener Tiergarten

    „Fährst du mit mir in den Tiergarten?“ Deine Frage überraschte mich. Als ich die Eintrittskarten löste, sagtest du beiläufig, dass du vor ein paar Wochen schon einmal hier warst. „Warum jetzt schon wieder?“ „Weil ich dir den Park zeigen will“, gabst du zur Antwort.

    Du bist nicht mehr das kleine Kind, das irgendwo hin mitgenommen wird. Du willst die Welt selbst in die Hand nehmen und sie anderen so zeigen, wie du sie siehst. Das ist gut so. Wenn man erwachsen werden will, muss man ausprobieren, wie die Welt aussehen soll, in die man hineinwächst.

    Ich ließ mich von dir führen. Der Weg führte uns zunächst zum großen Rotwild-Gehege. Hirsche seien heute die größten Wildtiere in unseren Wäldern, erfuhr ich von dir. In Biologie bist du gut in der Schule, da du dich für alles interessierst, was mit dem Leben zu tun hat. „Weißt du“, fragtest du mich, „dass Hirsche einen großen Lebensraum für sich beanspruchen?“ „Größer als deiner?“ fragte ich zurück. „Ja. Ich möchte auch einmal weit weg und nicht immer zu Hause sein.“ „So ähnlich wie die Hirsche“, bestätigte ich. Du nicktest. So ähnlich.

    „Das große Geweih brauchen sie, um zu kämpfen“, informiertest du mich. „Vielleicht auch, um sich zu verteidigen“, ergänzte ich. Ja, sagtest du, gegen die Luchse müssten sie sich verteidigen. Ein Förster hatte dir gesagt, Luchse hätten früher in den Wäldern dafür gesorgt, dass es nicht zu viel Wild gab. Jetzt sorgten dafür die Jäger. Das fandest du total doof. Überall würden sich die Menschen einmischen, vor allem die Erwachsenen.

    Begeistert warst du, als du mir die Zebramangusten zeigtest. Ich hatte noch nie  von ihnen gehört. Du aber wusstest, dass sie in ihrer Heimat Afrika in der Nähe von Gewässern wohnen, immer in Gruppen bis zu fünfzig Tieren. Das fandest du sympathisch. Gemeinsam seien die Tiere stark, meintest du. „Gemeinsam sind auch die Menschen stark“, wagte ich einzufügen. Das gefiel dir überhaupt nicht. „Dann verbünden sie sich gegen einen, der ihnen nicht passt.“

    Du spürst, dass es nicht immer gerecht zugeht in der Welt, auch nicht in deiner Umgebung. Du gibst dich damit nicht zufrieden. Aber allein kannst du das nicht ändern. Du brauchst Verbündete – deine Klasse, Freunde und Freundinnen, deine Eltern und Geschwister. Mit wem du dich verbündest, hängt auch davon ab, welches Ziel du erreichen willst.

    Auf unserem Weg durch den Tiergarten waren wir am Affenhaus angekommen. Die Hulman-Affen, die heiligen Affen Indiens, hatten es dir besonders angetan. Ein Pärchen schien sich darüber zu unterhalten, wie es ein Stück Brot teilen konnte. Es sah lustig aus, aber es machte dich nachdenklich. „Wenn sich auch die Menschen Gedanken darüber machen würden, wie sie das Brot teilen können, gäbe es weniger Hunger in der Welt.“ Deine Bemerkung überraschte mich. Ich stimmte dir zu.

    Es war ein schöner Nachmittag mit dir im Tiergarten. Viele neue Eindrücke habe ich durch dich gewonnen. Ich habe verstanden, dass die Welt der Tiere etwas mit der Welt der Menschen zu tun hat. Du hast das wahrscheinlich immer schon gewusst.

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  • Vom Kosovo nach Mönchengladbach – Eine wundersame Familiengeschichte

    Vom Kosovo nach Mönchengladbach – Eine wundersame Familiengeschichte

    Manchmal esse ich im Balkan-Restaurant. Beim „Jugoslawen“ sagt man in MG-Hardt. Der Wirt machte mich mit Balkan-Spezialitäten vertraut. Ražnjići, Ćevapčići, Rakija, Šljivovica lernte ich schätzen. Von „Gastarbeitern“ sprach man damals, nicht von der West-Balkan-Route. Es gab ein Anwerbe-Abkommen mit Jugoslawien. Hunderttausende kamen, um hier zu arbeiten und anschließend nach Hause zu gehen. Viele blieben in Deutschland und wurden hier heimisch.

    Das jugoslawische Modell eines Vielvölker-Staats zerfiel in die Nachfolgestaaten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Mazedonien und das Kosovo. Aus Nachbarn wurden teilweise Feinde. Isa, mit dem ich zum Gespräch verabredet bin, spricht zurückhaltend von gegenseitigem Unverständnis, das in den Jahren zwischen 1991 und 1999 zu den Balkankriegen führte.

    Manche Wunden seien vernarbt. Eine persönliche Verwundung sei geblieben: „Wo ist mein Vater?“ frage er. Wenn er wieder einmal daheim im Kosovo zu Besuch sei, hoffe er, die Tür öffne sich und der Vater trete ein. Seit 1997 kenne niemand sein Schicksal – nicht Isas  Mutter, die noch dort wohnt, nicht seine Verwandten, nicht seine Freunde. Tausende starben, Tausende werden bis heute vermisst.

    „Wer hatte etwas von diesem Krieg?“ Isa blickt fragend auf seine zweijährige Tochter, die auf seinem Schoß sitzt. „Sie kann es nicht wissen“, antwortet er für sie. „Niemand weiß es. Und die es wissen, sagen es nicht; auch jene nicht, die uns, wie sie sagen, befreit haben.“

    Ich höre schweigend zu und will mir ein paar Notizen machen. Noa, seine Tochter, sitzt inzwischen auf meinem Schoß. Sie hat meinen Stift genommen und kritzelt etwas in mein Notizbuch. Vielleicht spürt sie, was in ihrem Vater vorgeht. 1993 hatte er seinen Schulabschluss gemacht. Wie andere sah er seine Zukunft im Kosovo. „Aber welche Zukunft?“ nimmt er den Gesprächsfaden wieder auf. Es schien keine Zukunft zu geben.

    Sein Bruder war inzwischen in Hamburg. Dort hatte er Fuß gefasst und ein Restaurant eröffnet. Isa machte sich allein auf den Weg nach Hamburg. Nach dem „Wie?“frage ich nicht. Familiäre Bindungen ermöglichen vieles. Er engagierte sich bei seinem Bruder und übernahm 2007 das Restaurant, als der Bruder sich neu orientierte.

    Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Ich bewundere, dass es für albanisch sprechende, in Deutschland „Ausländer“ genannte Fremde „selbstverständlich“ ist, hier Wurzeln zu schlagen. „Wir schauen nicht auf jene, denen es gut geht“, nimmt Isa meine Verwunderung wahr, „sondern auf andere, denen es nicht so gut geht und daher an einem besseren Leben arbeiten.“ Seit 2012 ist er verheiratet. Auch seine Frau stammt aus dem Kosovo. Dort haben sie geheiratet in einem Ort unweit von Pristina, der Hauptstadt des Kosovo.

    Anstelle einer aufwendigen, ortsüblichen Hochzeitsfeier wollte Isa seiner Frau die Welt am Persischen Golf zeigen. Enttäuscht und zugleich geläutert kamen sie zurück. Das war nicht ihre Welt. „Nicht Geld und Wohlstand brauchen wir. Wir wollen zufrieden sein.“ Was Isa sagt und wie er etwas sagt, ist vertrauenswürdig.

    Zufrieden hat mit „Friede“ zu tun. In seiner Heimat herrscht offiziell Friede, obwohl Hass und Unfrieden zwischen den verschiedenen Volksgruppen immer noch groß sind. Ein Beispiel dafür ist die Fußball-Europameisterschaft 2016. Politisch brisante Partien wie z. B. „Kosovo gegen Bosnien- Herzegowina“ wurden vermieden. Der serbische Fußballverband legte beim Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne Einspruch ein gegen die Aufnahme des Kosovo in die UEFA und FIFA.

    „Zufriedenheit muss man sich erarbeiten“, sagt Isa. Auch wenn die Welt Kopf steht, gibt es keinen Grund zu verzweifeln.

    Zusammen mit seiner Frau hat er inzwischen das oben erwähnte Balkan-Restaurant übernommen. Die neue Speisekarte hat zwar  „Balkan“-Charakter, aber auch „Typisch Kosovo“ scheint hindurch. „Noa“ haben sie ihr Restaurant umbenannt. „Noa“? frage ich. „Ja Noa. Wie unsere Tochter.“ Mit „Noa“ und „Noa“ bauen sie an ihrer Zukunft. Nicht als „Gastarbeiter“, sondern als verantwortungsbereite Mitglieder unserer Gesellschaft.

    Mit Tochter Noa sprechen sie „Deutsch“. Wenn sie mit ihren Eltern demnächst Oma im Kosovo besucht, wird sie einige Brocken „Albanisch“ beherrschen. „Aber“, sagt Isa,  „Deutschland ist unsere Heimat. Ein Zurück gibt es nicht.“ Wie viel Wehmut sich hinter diesen Worten verbirgt, lässt er offen.

    Isa und seine Familie werden hier Freunde finden, auf die sie zählen können.

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  • Hitze

    Hitze

    ich liege am Teich
    überall Hitze
    kaum ein Lüftchen
    fast wie Sahara

    der Sonnenschirm unnütz
    hilft gegen Sonne
    nicht gegen Hitze
    liegt am Klima

    so heiß war es nie
    hab ich gelesen
    hat man geschrieben
    Katastrophe das Klima

    im Mai lag ich nicht hier
    andauernd Regen
    der Teich war randvoll
    lag am Klima

    es muss sich was ändern
    die Gletscher schmelzen
    Grönland war grün
    wird jetzt behauptet

    viel Regen im Mai
    das kann so nicht bleiben
    der Teich lief über
    es war viel zu kalt

    das Klima soll sich entscheiden
    entweder Gletscher oder Sahara
    beides geht nicht
    den Sonnenschirm hab ich verschenkt

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  • Der Uhren-Tüftler. Willi Dahmen und sein außergewöhnliches Hobby

    Der Uhren-Tüftler. Willi Dahmen und sein außergewöhnliches Hobby

    Dass er 81 Jahre alt ist und noch lange auf Erden ansässig bleiben will; dass er seit einer Bypass-OP in einer Koronar-Sportgruppe aktiv Volleyball spielt und der reaktionsschnellste Mitspieler ist; dass er während der Gartenarbeit einmal vom Baum stürzte und dies nur beiläufig erwähnt – das sagt eine Menge aus über den Menschen Willi Dahmen. Er hat sich seine körperliche und geistige Kondition erhalten hat und pflegt sie. Dass Zeit und Alter an einem nagen können, scheint für ihn nicht zu gelten.

    „Ich habe immer zu tun“, erklärt er mir, als ich ihn um einen Gesprächstermin bitte. Ich möchte etwas über seine Uhren-Künste erfahren. Wilhelm Dahmen ist schon lange pensioniert. Fünfundzwanzig Jahre war der gelernte Kunstschmied als Hausmeister an einer Mönchengladbacher Schule tätig. Zu Lehrern und Schülern hatte er ein stimmiges Verhältnis. Das Metall-Schild im Hobby-Raum verrät seinen hintergründigen Humor, der ihn für Lehrer und Schüler umgänglich machte und zur Respektperson werden ließ. Er war „immer“ zu sprechen; das wussten alle. Niemand schaffte es, ihn gegen sich aufzubringen.

    Der Hobby-Raum daheim ist sein Arbeitsraum, kein Uhren-Museum. Einige Modelle darf ich bewundern. An manchen arbeitet er noch, repariert sie, bestellt Einzelteile im Internet, bastelt neue Stunden- bzw. Minuten-Zeiger und sorgt dafür, dass die Uhren wieder pünktlich auf der Höhe der Zeit sind. Manchmal muss er eine Uhr mehrmals auseinanderbauen, sie Schritt für Schritt „verstehen“ lernen. Jedes Rädchen, jedes Kleinteil passt nur an die dafür vorgesehene Stelle. Das macht ihn zum Tüftler, zum Teilchen-Beschleuniger, gelegentlich zum Bastler. Das äußere Gehäuse gewährt nur begrenzte Einblicke ins Innere. Man muss auf Entdeckung gehen.

    „Guck doch mal“, sagen Freunde und Nachbarn, die ihn kennen oder von ihm gehört haben und ihm ein altes oder weniger altes Uhren-Schätzchen bringen. Dann ist der Uhren-Tüftler stolz über das Vertrauen, dass ihm entgegengebracht wird. Auch um die große Kirchturm-Uhr an St. Nikolaus in Hardt hat er sich gekümmert. Welcher Uhrmacher klettert schon in und auf einen Kirchturm? Man würde, wenn überhaupt, zunächst die Gefahrenzulage in Rechnung stellen.

    Wilhelm Dahmen versteht seine Tätigkeit als Hobby. Zwar kooperiert er gelegentlich mit einer Uhrmacher-Meisterin, die ein normales Uhren-Geschäft betreibt. Aber hier hilft eine Hand der anderen. „Wenn ihr eine Arbeit zu kompliziert ist, dann mache ich das für sie.“ Beide schätzen sich und wissen, was sie aneinander haben.

    Mit Uhren kam der Tüftler schon während seiner Schulzeit in Berührung. Seinen Lehrer ärgerte die Uhr im Klassenraum. Er wollte sie gegen ein Bild austauschen. Willi nahm sie an sich, seine erste Uhr. Er zerlegte sie und studierte ihr Innenleben. Seitdem lassen ihn Uhren nicht mehr los.

    Während seiner Lehrzeit wurde er auf einen Gladbacher Trödel-Händler aufmerksam, der mit alten Möbeln und Uhren Geschäfte machte. Als ein Mitarbeiter die Uhren zwar auseinanderzunehmen, aber nicht mehr zusammenzufügen wusste, und seinen Chef in den Bankerott trieb, war der Tüftler zur Stelle. In dessen Schlafzimmer auf der Bettkante sitzend, erweckte er durch Versuch und Irrtum manche Uhr wieder zum Leben. Das zunächst nicht Gelingende ist der Anfang des Gelingens. „Zunächst zuschauen, dann selbst beginnen und die verschiedenen Bewegungen einer Uhr erfahren“, sagt Wilhelm Dahmen. Seine Uhren-Lehrzeit.

    Uhren sind für ihn keine Altertümlichkeiten, so alt sie auch sein mögen. Die verschiedenen Modelle in seinem Arbeitsraum sind kein Bilderbuch aus vergangenen Zeiten. Sie ticken wieder oder immer noch. Sie leben. Einige sind nicht zu „überhören“.

    Auch unser Leben verläuft im „Uhrzeigersinn“, erwähnt der Tüftler. Als es noch keine tickenden Uhren gab, orientierten sich Menschen am Lauf der Sonne.  Da sie auf der Nordhalbkugel der Erde im Osten aufgeht, Richtung Süden wandert und im Westen untergeht, also „rechts “ herum wandert, hat man auch den Zeigern der Uhr eine Rechtsdrehung verordnet. Auf der Südhalbkugel wandert die Sonne von rechts nach links. Wären die Uhren dort erfunden worden, so würden die Zeiger unserer Uhren anders herum laufen.

    Ich könnte Wilhelm Dahmen stundenlang zuhören. Von seinen in Flensburg, in der Schweiz und in Israel verheirateten Töchtern und den Enkelkindern könnte er erzählen. Darüber, dass er mehr als dreißig Mal mit der Matthias-Bruderschaft quer durch die Eifel zum Grab des Apostels Matthias nach Trier pilgerte, in der Regel zu Fuß, könnte er berichten. Von seiner Tätigkeit als Sportschütze könnte er viele Geschichten erzählen.

    Bereit dazu wäre er. Aber seine Uhren warten auf ihn. Zusammen mit ihnen und seiner Frau bleibt er im Takt. Daher gelingt ihm das Leben. Für andere Formen von Selbstverwirklichung nimmt er sich keine Zeit.

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  • Willis Kleingarten – Ein zweites Zuhause

    Willis Kleingarten – Ein zweites Zuhause

    Getreu dem Schöpfungsauftrag  Macht euch die Erde untertan  handelten achtzehn Mitglieder des Kleingartenvereins Vorster Busch. Aus einem unfruchtbaren, sumpfigen Gelände machten sie fruchtbares Kulturland.

    In diesem Jahr 2018 wird bereits das fünfzig-jährige Bestehen der Anlage gefeiert. Willi Sendke hat in verschiedenen Funktionen diese Jahre mitgestaltet als Vorsitzender, Fachberater. Organisator, Mitgestalter und Ideen-Sammler.

    Ich sitze mit ihm in der von ihm selbst erbauten Gartenlaube im Garten Nr. 3. Ihn und seine Familie kenne ich seit mehr als vierzig Jahren. So, wie ich ihn jetzt erzählen höre und erlebe, kenne ich ihn bisher nicht.

    Es klingt so selbstverständlich, ein scheinbar unfruchtbares Gelände in eine blühende Gartenanlage zu verwandeln, die man Kleinod nennen darf. „Die Arbeit hier macht mich kaputt“, gibt Willi die Aussage eines Vereinsmitglieds wieder, der die Anfänge miterlebt hat. Er selbst berichtet anschaulich, mit welchem handwerklichen und maschinellen Kraftaufwand z. B. der Platz für die selbst herangezogene Platane vor dem Vereinshaus vorbereitet werden musste, um die für das Wachstum des Baumes notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.

    Wenn diese kleine Anlage schon drei Jahre nach Gründung beim Bundeswettbewerb der Kleingärtner die Bronze-Plakette der Bundesregierung erhielt; wenn sie 1978 und 1984 Stadtsieger beim Kleingarten-Wettbewerb der Stadt Mönchengladbach wurde; wenn ihr 1985 der Pokal für die umweltfreundlichste Gartenanlage überreicht wurde – dann bedeutet das: Viele Gartenfreunde haben sich, auch dank Willis Initiative, uneigennützig engagiert und im wahrsten Sinn des Wortes mit Hand angelegt.

    Unbedingt erwähnen müsse ich, bittet Willi, die Hilfsbereitschaft eines Landwirtes in direkter Nachbarschaft der Gartenanlage. Er rühmt dessen selbstloses Engagement in den höchsten Tönen. Mit seinen Maschinen und Fahrzeugen leiste er bis in die Gegenwart unschätzbare Dienste.

    Ich brauche Willi nicht zu fragen, wer die tonnenschweren Findlinge in die Anlage gehievt hat. Wenn man sie betritt, wird man auf den „Natursteinweg KGV Vorster Busch“ geleitet. „Siltstein – Eifel. Alter ca. 380 Millionen Jahre“. „Grauwacke mit Quarzgefüllten Klüften, ca. 380 Millionen Jahre“. „Quarzsandstein, ca. 20 Millionen Jahre“. Der Vorster Busch ist kein steriles Biotop fernab der Wirklichkeit. Hier verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart. Hier wird sichtbar, wie eine kleine, Gelassenheit ausstrahlende Oase   der großen, immer lauter werdenden Welt um sie herum neue Impulse zu geben vermag.

    Ich kann es nachvollziehen, wenn Willi sagt: „Ich fahre wenn möglich jeden Tag hierher, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.“ „Ich brauche das.“ Früher fuhr er mit seiner Familie sonntags Richtung See. Dort packten sie irgendwo ihre Klappstühle aus und erlebten Natur pur. Jetzt genügt ihm der kleine, selbst angelegte Teich in seinem Garten, den er wie auch andere Gartenfreunde nach eigenen Vorstellungen gestaltet hat.

    Hier zieht er Pflanzen und Ziersträucher selbst heran. Wissen und Können hat er sich im Laufe der Jahre angeeignet. Fuchsien und Rosen, Hibiskus- und Perückenstrauch hat er zum Blühen gebracht. Voller Stolz zeigt er mir den Feigenbaum. Sein Vorgänger als Vereins-Vorsitzender überließ ihm einen Setzling. Längst ist daraus ein Baum geworden, an dem schon die ersten Früchte heranreifen. Inzwischen wachsen in Gärten von Nachbarn und Freunden Feigenbäume. Willis Feigen-Setzlinge haben, so schmunzelt er, die Reise durch Nordrhein-Westfalen angetreten.

    Auch Willis Gemüse-Garten kann sich sehen lassen. Willi ist mehr und mehr zum Selbstversorger geworden. Daheim ist er ja auch sein eigener Koch. Statt  Obst und Gemüse zu vertrauen, die Tausende Flug-Kilometer hinter sich haben, erntet er Kartoffeln und Stangenbohnen aus eigenem Anbau. Wenn die Bohnen sich nicht so um die Stangen winden wollen, wie Willi das vorschwebt, dann hilft er nach. Und wenn eine Ernte zu üppig ausfällt, dann ist eine Tochter dankbare Abnehmerin.

    Willi erlebt, wie etwas wächst. Wachsen braucht Zeit. Auch er nimmt sich Zeit und kommt zur Ruhe. Er genießt diese Ruhe. Dennoch hat er Pläne: Könnte man einen Imker für den Vorster Busch interessieren? Um die Insektenvielfalt in der Gartenanlage kümmert sich Willi selbst. Ein spezielles Blumenbeet soll die Vielfalt stärken und der oft geschundenen Natur zu Hilfe kommen.

    Willi hat in seinem Garten Zusammenhänge  des Lebens neu sehen und schätzen gelernt. Das Gespräch mit ihm hat mich beeindruckt und auch mich Vieles neu sehen gelehrt. Ich weiß jetzt, warum dieser Garten Willis zweites Zuhause geworden ist.

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