Autor: Peter Josef Dickers

  • Von allen guten Geistern verlassen

    Von allen guten Geistern verlassen

    Da verschanzt sich ein Fähnlein von sieben  Aufrechten in einer Blase aus selbst verordneter Würde und oberhirtlichem Autismus und schreibt dem Papst einen Brandbrief. Es könne nicht wahr sein, was sie selbst beschlossen hätten. Nachträglich ergötzen sie sich in heiliger Unschuld und mit knitterfreiem Lächeln an der stillen Größe und unberührbaren Schönheit der eigenen Firma. „Wir sind im wahren Christentum.“

    Der Ober-Aufrechte lobt jene Eheleute, die nichts vorwegnähmen und den Schmerz der Spaltung  in ihrer Ehe ertrügen. Dass er und die Seinen nicht aushielten, was sie selbst beschlossen haben, kommentiert der Kardinal nicht.

    Dass der Brief der sieben Bischöfe „offen kommuniziert“, also publik wurde, erzürnte den geistlichen Herrn. Es sollte niemand wissen, dass die Getreuen auf  Fragen der Gegenwart nur Antworten parat haben, die ihnen vor Urzeiten einprogrammiert und seitdem nicht auf ihren Sinngehalt überprüft wurden.

    „Nein“, sagte der Hl. Vater. „Regelt das bitte selbst.“

    Dass er das gesagt hatte, wusste er kurz darauf nicht mehr. Hatte er den  „Nicht-mit-uns-Brüdern“ und „Unter-sich-bleiben-Wollenden“ wirklich „Nein“ gesagt?
    Ein Untersuchungsausschuss muss her. Das wird dauern. Der „Schmerz der Spaltung“ kann nicht so schlimm sein, dass er weh tut.

    Was sagt das Kirchenvolk, sofern es noch ein Volk in der Kirche gibt? Die Mehrheit der verbliebenen „kleinen Herde“ nimmt diese amtliche Kirche vermutlich nicht mehr ernst. Ich auch nicht.

    Vor vierzig Jahren habe ich meinen priesterlichen Beruf, der mir viel bedeutete, aufgegeben. Der damalige Kölner Kardinal Höffner war ein kluger und mutiger Mann. Er öffnete mir alle Türen und sorgte dafür, dass ich mit seiner Unterstützung in einer anderen Funktion in dieser Kirche, die bis heute meine Heimat geblieben ist, tätig sein konnte. Meine Noch-Heimat, schränke ich inzwischen ein.

    Gültig geweihter Priester bin ich nach meiner Laisierung immer noch. Welche Tätigkeiten ich in dieser Funktion ausübe, hänge ich nicht an die große Glocke. Es ist mehr, als manchen „Brüdern“ lieb sein dürfte.

    In der Region Mönchengladbach kenne ich einen Seelsorger, der seinem Bischof und den Menschen sagt, was er von einer Kirche hält, die offenbar von allen guten Geistern verlassen ist.

    „Mit der Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens.“ Diese Erfahrung  hinterließ Friedrich Schiller in der „Jungfrau von Orleans“. Daran halte ich mich. Dennoch werde ich mich denkend, schreibend, redend und handelnd von dieser Kirche auch in Zukunft nicht für dumm verkaufen lassen.

    Solange ich in diesem Forum darüber berichten darf, werde ich das tun.

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  • Vergelt’s Gott

    Vergelt’s Gott

    Wir kannten uns. Genauer gesagt: Ich wusste, dass er tagsüber  auf dem Bahnhofs-Vorplatz anzutreffen war. Nicht sein Arbeitsplatz, sondern Aufenthaltsort.  Von mir wusste er, dass ich ihn nicht mit leeren Händen wegschickte, wenn er in Verlegenheit war und etwas benötigte.

    Jetzt war es der leere Magen, der ihn zu mir trieb. Er habe seit zweiTagen nichts  gegessen und sei hungrig, gestand er. Das bedauerte ich, obwohl er sich mit Not-Situationen auskannte. Für ein paar lumpige Euro könne er den Hunger stillen, formulierte er indirekt sein Anliegen. Eine für ihn typische, unausgesprochene Bitte, die er gekonnt in eine Tatsachen-Beschreibung verpackte.

    Ich verstand. Aber es geschieht zuweilen, dass ein paar Euro schon aufgebraucht sind, ehe der leere Magen sein Sättigungsgefühl erreicht hat. „Wohltat am falschen Ort ist gleich einer Übeltat“, gibt der altrömische Staatsmann Cicero zu bedenken.

    „Du hast Glück“, sagte ich. „Die Gaststätte dort drüben bietet eine preiswerte warme Mahlzeit an. Den Wirt kenne ich. Ich werde anrufen und ihm sagen, die vier Euro für dich würde ich übernehmen.“

    Perfekt schien mein Vorschlag nicht zu sein. Dennoch nickte der Freund mit dem leeren Magen kurz. Dann murmelte er etwas von umständlich, was ich auf mich bezog, und machte sich davon.

    Wer nichts für andere tut, der tut nichts für sich. Diese Erkenntnis hielt ich mir zugute und beglückwünschte mich zu meinem Wohlverhalten.

    Leider fiel mir erst Wochen später mein Versäumnis ein, dem Wirt vier Euro zu schulden. Das konnte auch daran gelegen haben, dass sich der Bahnhofsvorplatz-Steher nicht mehr bei mir gemeldet hatte. Üblicherweise tauchte er regelmäßig am Wochenende auf und versuchte  mich davon zu überzeugen, wie groß die Not in der Welt sei, und dass Gottes Gaben ungerecht verteilt seien.

    Ich beschloss, mir in jener Gaststätte eine warme Mahlzeit zu gönnen und bei der Gelegenheit meine Schulden zu begleichen. Der Wirt ist ein gutmütiger Mensch. Er weiß, dass Güte, wenn sie nicht grenzenlos ist, keine Güte ist. Portionen, die er hungrigen Gästen serviert, wachsen mit der Güte, die er ihnen zukommen lässt.

    Die zehn Euro, die ich ihm für zwei Mittagessen inklusive Trinkgeld reichte, genügten nicht. Er verlange vierundvierzig Euro von mir. Ich bat um eine Klärung.

    Der Herr mit dem allzeit hungrigen Magen sei zehnmal mittags sein Gast  gewesen. Als Konsum-Verweigerer habe er sich nicht gezeigt. Ein  Getränk habe er ihm großzügig als Wirt spendiert. Das Essen müsse er mir allerdings in Rechnung stellen.

    Hatte Marcus Tullius Cicero von Wohltat am falschen Ort gesprochen? Der Wirt sah sich keiner Schuld bewusst. Er war auf ein Mittagessen zu vier Euro fixiert sowie auf meine  Zusage, dafür aufzukommen. Der hungrige Gast verspürte jedoch nicht nur ein einmal Sättigungsbedarf. Er war sich meiner grenzenlosen Zuneigung sicher und hatte sich, fromm auf seine Art, nach jeder Mahlzeit mit „Vergelt’s Gott“ verabschiedet.

    Die Beziehung zu Gott werde ich auf den Prüfstand stellen, obwohl er, wie ich zugebe, nicht jede Bagatelle prüfen kann, für die wir ihn als zuständig betrachten.

    Möglicherweise hat er Gefallen an jenen Lebenskünstlern, die überall ihre Gönner haben, Helfer um sich scharen, felsenfest auf deren Güte setzen und davon satt werden. Man kann diese Menschen nicht ändern wollen, um sich selbst wohler zu fühlen.

    Die Stelle auf dem Bahnhofsvorplatz ist seit Wochen verwaist.

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  • Sankt Brückentag

    Er ist noch nicht zur Ehre der Altäre erhoben worden. Aber das kann nicht mehr lange dauern.
    Katholisch-kirchlicher Heiligsprechung geht voraus, dass jemand, der im Geruch der Heiligkeit steht, in besonderer Weise verehrt wird. In diesem Fall geschieht das unablässig.
    Sankt Brückentag ist kein gewöhnlicher, sondern ein außergewöhnlicher Heiliger. Nicht zu verwechseln mit einem Nepomuk oder Christophorus – Brückenheilige, die Brücken in ihre Obhut nehmen und die beschützen, welche sie überqueren.
    Sankt Brückentag ist ein unvergleichlicher Heiliger.
    Ihm zu Ehren wurde eine Brückentag-Brückenparty veranstaltet. Tausende Brückentag-Verehrer strömten zusammen, um ihm ihre Referenz zu erweisen. Sankt Brückentag genießt auch deswegen hohes Ansehen, weil dank seiner Fürsprache mehrere Tage am Stück nicht gearbeitet werden muss. Unter Berücksichtigung von Feier- und Brückentagen lassen sich Wochenenden verlängern. Zusätzlich spart man jede Menge Urlaubstage.

    Auf Heilige wie Sankt Brückentag, die wissen, was Menschen erwarten, haben wir lange gewartet. Bummeln am Brückentag. Ausschlafen am Brückentag. Warum wird diesem Heiligen erst jetzt jene Priorität im Heiligen-Kalender zuerkannt, die er schon lange verdient hätte? Sankt Brückentag, Freund des Lebens und der Leichtigkeit, erfreut sich nachhaltiger Wertschätzung und Beliebtheit.
    Spricht jemand vom verfluchten Brückentag? Am Brückentag soll er im Büro allein am Schreibtisch gesessen haben, weil die Kollegen Sankt Brückentag feierten. Ein Schreibtischtäter, der einen Volksheiligen nicht zu schätzen weiß. Statt Weichen für die Zukunft zu stellen, stellt er sich in die Schmollecke.
    Bilanzfälschungen wegen des Brückentags soll es gegeben haben. Blutspende-Aktionen seien hinter den Erwartungen zurückgeblieben, weil Leute Brückentag feierten, statt Blut zu spenden. Ist Sankt Brückentag für solche und andere Versäumnisse verantwortlich? Hat er den kilometerlangen Stau auf der Autobahn verursacht, als Tausende von Autofahrern unterwegs waren, um Sankt Brückentag zu feiern?
    Im kommenden Jahr, wird gemunkelt, soll die Verehrung auf ein Minimum beschränkt werden. Es gebe wenige Brückentage. Kaum hat sich der Heilige einen Namen gemacht, schon wird die Abteilung „Bedenken“ auf den Plan gerufen. Missgünstige Stimmen werden laut. Die Heiligen-Verehrung ist in Gefahr, nicht entsprechend ihrer Bedeutung gewürdigt zu werden. Viele Heilige verlieren in unseren Tagen an Bedeutung, verlieren ihren Zauber. Heilige seien verstaubte Oldies aus Großmutters Zeiten, Leute von gestern, wird behauptet.
    Sankt Brückentag ist ein Heiliger von heute für heute. Daher wird er verehrt – ein Heiliger mit zeitgemäßen Werten. Wann wird er zur Ehre der Altäre erhoben?

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  • Pfingsten damals – Pfingsten heute

    Pfingsten damals – Pfingsten heute

    Aus Syrien und dem Irak kamen sie, aus Afghanistan und Griechenland, aus der Türkei und von überall her. Nicht kürzlich, nicht in den letzten Monaten und Jahren, sondern damals. Das erzählt die biblische Pfingst-Geschichte von Menschen, die beflügelt waren von einem Geist, der die Menschen Träume träumen ließ.

    Sie waren vielsprachig, mit unterschiedlicher Hautfarbe und kultureller Prägung. Das hinderte sie nicht, aufeinander zuzugehen und andere an sich heranzulassen.

    Der Geist gegenseitigen Verstehen-Wollens beflügelte sie. Damals war das so.

    Heute fällt es manchen schwer, sich so verständlich zu machen, dass sie  verstanden werden. Kirchenvertreter reden um-woelkt, wenn sie etwas erklären wollen. Politisch Verantwortliche verwandeln sich in Kreuz-Buben und wundern sich, dass sie Erklärungsbedarf auslösen. Man versteht einander nicht und gründet einen Untersuchungs-Ausschuss.

    Das alte Buch, das die Pfingst-Geschichte erzählt, erwähnt auf einer anderen Seite, was es einfacher machen könnte, sich zu verstehen und miteinander auszukommen – unabhängig davon, wer man ist, woher man kommt und wo man wohnt:

    Freude und Frieden, Geduld und Freundlichkeit, Güte und Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung.

    Gaben des Heiligen Geistes seien das, wird gesagt. In ihrer Begeisterung haben Menschen in jener Zeit die Botschaft dieser Worte bis an die Grenzen der ihnen bekannten Erde hinausgetragen.

    Ob man damit auch in unseren Tagen etwas anfangen kann?

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  • Schützenbruderschaften noch zeitgemäß?

    Schützenbruderschaften noch zeitgemäß?

    „Die St. Nikolausbruderschaft begrüßt ihre Besucher auf der neuen modern gestalteten Homepage. Das Design haben wir neu gestaltet. Wir sind uns sicher, dass wir mit unserem neuen Outfit noch mehr Besucher ansprechen werden. Die Inhalte bleiben wie gewohnt.“

    So weit, so gut. Oder doch nicht?

    Die frohe Kunde auf der Internetseite ist die eine Nachricht. Eine andere verbirgt sich hinter der aktuellen Mitteilung, dass „es trotz bester Tradition nicht gelungen ist, einen Schützenkönig zu finden“; und das schon zum dritten Mal.

    Zusätzlich heißt es: „Da die Zahl der Besucher bei Klompenball und Parade in den letzten Jahren abgenommen hat, werden diese auf den Spätnachmittag bzw. frühen Abend verlegt, damit auch Berufs-tätige teilnehmen können.“

    „Feierfreudige Schützen sind stolz darauf, die alten Sitten und Bräuche zu pflegen und im Wir-Gefühl junge Menschen zu begeistern“, erklärt der Bezirksbrudermeister. Im Schützen-Wesen engagierte Bruderschaften wollen „das kulturelle Erbe und traditionelles Brauchtum pflegen“. Das Schützenbrauchtum sei ein wichtiges Fundament von Tradition und Moderne, wird betont.

    Geht es auch den Schaulustigen am Straßenrand um dieses Anliegen, oder kommen sie, um ein schönes Ereignis zu genießen, wenn vorbeimarschierende Männer in schnittiger Parade-Uniform zu bewundern sind?

    Warum sind es inzwischen, wie die Bruderschaft feststellt, weniger Schaulustige als vor Jahren? Warum fehlen Bewerber für die Königswürde? Nur aus beruflichen Gründen?

    An manchen Fassaden bröckelt der Stuck. Auch an Bruderschafts-Fassaden? Müssen sich Bruder-schaften und Schützenvereine nicht selbstkritisch fragen, ob sie so, wie sie sich präsentieren, in unsere Zeit passen? Sind sie trotz lokaler Bedeutsamkeit in Gefahr, würdevoll bedeutungslos zu werden?

    Das würden viele bedauern. Bruderschaften müssen nicht in der Versenkung verschwinden. Gesellschaftliches Leben funktioniert deswegen, weil es kleine und große Zellen gibt, die innerhalb der eigenen Gruppe und im Austausch mit anderen Gemeinschaften Kontakte pflegen und Halt finden

    Solche Bindungen brauchen Zeit und sie wachsen mit der Zeit. „Gut Ding will Weile haben.“ Dabei geht es um die Verkettung von Vergangenheit und Zukunft, einer bestmöglichen Zukunft.

    Staat und Kirchen befinden sich im Umbruch und müssen sich mit pluralistischen Wertvorstellungen auseinandersetzen. Das gelingt leichter, wenn sie sich auf bewährte Teams stützen können, die solche Brüche selbst erleben und auffangen lernen.

    Ein amerikanischer Präsident, der mit einem Federstrich beiseiteschiebt, was mühsam zusammengewachsen ist, hat davon keine Ahnung.

    Wenn Bruderschaften nicht krampfhaft an dem festhalten, was einmal gewesen und wie etwas gewesen ist, dann haben sie eine Zukunft. Dazu müssen sie aber neue Antworten zulassen und Darstellungsformen finden, die zeitgemäß sind und bisherige Überlegungen ergänzen. Dann könnten z. B. neue Kriterien erarbeitet werden, um nicht wieder ein paar Jahre auf den nächsten Schützenkönig warten zu müssen.

    Man kann nichts herbeiwünschen, was verlorengegangen ist. Es bringt niemanden weiter, in eine angeblich gute, alte Zeit zurückzureisen. Zukunftsträchtige Ideen müssen nicht mit sämtlichen alten Gewohnheiten brechen. Es geht vielmehr darum, ein neues Bewusstsein zu schaffen, damit alter Wein in neue Schläuche gefüllt werden kann.

    Wenn Schützenpracht auf normales tägliches Leben prallt, weckt das immer noch Emotionen, die bei vielen Menschen das Herz aufgehen lässt. Das tut zumindest denen gut, die an der Zerrissenheit ihres eigenen und des gesellschaftlichen Lebens leiden und sich daher gern an dem bunten Folklore-Spiel erfreuen, welches die Schützen für sie aufführen.

    Wenn eine Bruderschaft ein aktuelles Design auf ihrer Homepage erstellt, wird sie sicher auch darüber nachdenken können, ob es wirklich dabei bleiben soll, an den Inhalten nichts zu ändern. Schützen wollen sich inzwischen auch für Schwule und Moslems öffnen. Und vielleicht wagen sie zusätzlich einen Blick über den Schützen-Zaun hin zu jenen Bruderschaften, die in ihre Reihen auch Schützen-Schwestern eingebunden haben.

    Die Emanzipation des weiblichen Geschlechts erschöpft sich nicht darin, für saubere und gebügelte Parade-Hosen der Schützen-Brüder zu sorgen. Will man sich daher jene Chance entgehen lassen, die mancherorts erfolgreich in die Tat umgesetzt wird, dass weibliche Schützen-Aktivitäten den Brüdern neuen Charme verleihen? Von Schützenbruderschaften sind noch viele kluge Entscheidungen zu erwarten, wenn sie die Fließrichtung der Bedürfnisse unserer Zeit beachten.

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  • Schützenbruderschaften noch zeitgemäß?

    Schützenbruderschaften noch zeitgemäß?

    „Die St. Nikolausbruderschaft begrüßt ihre Besucher auf der neuen modern gestalteten Homepage.  Das Design haben wir  neu gestaltet. Wir sind uns sicher, dass wir mit unserem neuen Outfit noch mehr Besucher ansprechen werden. Die Inhalte bleiben wie gewohnt.“

    So weit, so gut. Oder doch nicht?

    Die frohe Kunde auf der Internetseite ist die eine Nachricht. Eine andere verbirgt sich hinter der aktuellen Mitteilung, dass „es trotz bester Tradition nicht gelungen ist, einen Schützenkönig zu finden“; und das schon zum dritten Mal.

    Zusätzlich heißt es: „Da die Zahl der Besucher bei Klompenball und Parade  in den letzten Jahren abgenommen hat, werden diese auf den Spätnachmittag bzw. frühen Abend verlegt, damit auch Berufs-tätige teilnehmen können.“

    „Feierfreudige Schützen sind stolz darauf, die alten Sitten und Bräuche zu pflegen und im Wir-Gefühl junge Menschen zu begeistern“, erklärt der Bezirksbrudermeister. Im Schützen-Wesen engagierte Bruderschaften wollen „das kulturelle Erbe und traditionelles Brauchtum pflegen“. Das Schützenbrauchtum sei ein wichtiges Fundament von Tradition und Moderne, wird betont.

    Geht es auch den Schaulustigen am Straßenrand um dieses Anliegen, oder kommen sie, um ein schönes Ereignis zu genießen, wenn vorbeimarschierende Männer in schnittiger Parade-Uniform zu bewundern sind?

    Warum sind es inzwischen, wie die Bruderschaft feststellt, weniger Schaulustige als vor Jahren? Warum fehlen Bewerber für die Königswürde? Nur aus beruflichen Gründen?

    An manchen Fassaden bröckelt der Stuck. Auch an Bruderschafts-Fassaden? Müssen sich Bruder-schaften und Schützenvereine nicht selbstkritisch fragen, ob sie so, wie sie sich präsentieren, in unsere Zeit passen? Sind sie trotz lokaler Bedeutsamkeit in Gefahr, würdevoll bedeutungslos zu werden?

    Das würden viele bedauern. Bruderschaften müssen nicht in der Versenkung verschwinden. Gesellschaftliches Leben funktioniert deswegen, weil es kleine und große Zellen gibt, die innerhalb der eigenen Gruppe und im Austausch mit anderen Gemeinschaften Kontakte pflegen und Halt finden

    Solche Bindungen brauchen Zeit und sie wachsen mit der Zeit. „Gut Ding will Weile haben.“ Dabei geht es um die Verkettung von Vergangenheit und Zukunft, einer bestmöglichen Zukunft.

    Staat und Kirchen befinden sich im Umbruch und müssen sich mit pluralistischen Wertvorstellungen auseinandersetzen. Das gelingt leichter, wenn sie sich auf bewährte Teams stützen können, die solche Brüche selbst erleben und auffangen lernen.

    Ein amerikanischer Präsident, der mit einem Federstrich beiseiteschiebt, was mühsam zusammengewachsen ist, hat davon keine Ahnung.

    Wenn Bruderschaften nicht krampfhaft an dem festhalten, was einmal gewesen und wie etwas gewesen ist, dann haben sie eine Zukunft. Dazu müssen sie aber neue Antworten zulassen und Darstellungsformen finden, die zeitgemäß sind und bisherige Überlegungen ergänzen. Dann könnten z. B. neue Kriterien erarbeitet werden, um nicht wieder ein paar Jahre auf den nächsten Schützenkönig warten zu müssen.

    Man kann nichts herbeiwünschen, was verlorengegangen ist. Es bringt niemanden weiter, in eine angeblich gute, alte Zeit zurückzureisen. Zukunftsträchtige Ideen müssen nicht mit sämtlichen alten Gewohnheiten brechen. Es geht vielmehr darum, ein neues Bewusstsein zu schaffen, damit alter Wein in neue Schläuche gefüllt werden kann.

    Wenn Schützenpracht auf  normales tägliches Leben prallt, weckt das immer noch Emotionen, die bei vielen Menschen das Herz aufgehen lässt. Das tut zumindest denen gut, die an der Zerrissenheit ihres eigenen und des gesellschaftlichen Lebens leiden und sich daher gern an dem bunten Folklore-Spiel erfreuen, welches die Schützen für sie aufführen.

    Wenn eine Bruderschaft  ein aktuelles Design auf ihrer Homepage erstellt, wird sie sicher auch darüber nachdenken können, ob es wirklich dabei bleiben soll, an den Inhalten nichts zu ändern. Schützen wollen sich inzwischen auch für Schwule und Moslems öffnen. Und vielleicht wagen sie zusätzlich einen Blick über den Schützen-Zaun hin zu jenen Bruderschaften, die in ihre Reihen auch Schützen-Schwestern eingebunden haben.

    Die Emanzipation des weiblichen Geschlechts erschöpft sich nicht darin, für saubere und gebügelte Parade-Hosen der Schützen-Brüder zu sorgen. Will man sich daher jene Chance entgehen lassen, die mancherorts erfolgreich in die Tat umgesetzt wird, dass weibliche Schützen-Aktivitäten den Brüdern neuen Charme verleihen? Von Schützenbruderschaften sind noch viele kluge Entscheidungen zu erwarten, wenn sie die Fließrichtung der Bedürfnisse unserer Zeit beachten.

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  • Sippentreffen

    Sippentreffen

    „Muss ich dabei sein?“ überlegte ich, als ich die Einladung zum Sippentreffen erhielt. Die Mehrzahl der eventuellen Teilnehmer hatte ich seit Jahren nicht gesehen oder kannte sie nicht einmal.

    Schließlich entschied ich mich teilzunehmen, auch aus Neugier,  wer  alles anwesend sein würde, und hielt eine kleine Ansprache:

    Ich bedanke mich für die Einladung, liebe Sippen-Mitglieder, und bin überrascht, wer alles zu uns  gehört oder es zumindest behauptet. Einige leiten ihre Zugehörigkeit vielleicht in direkter Linie von Adam und Eva ab. Kein Wunder also, dass ein Treffen zu diesem Anlass schnell zur Großveranstaltung ausartet. Nicht allen gefällt das möglicherweise. Sie erzählen dann die Geschichte von der Arche Noah und dem alten Herrn, der seine Verwandtschaft vor der Sintflut retten wollte. Das Boot sei so überfüllt gewesen, dass diejenigen, die an Bord waren, gesagt haben sollen: „Schade, dass einige das Boot nicht verpasst haben.“

    Von Sippen-Treffs hatte ich nicht immer eine gute Meinung, weil ich nicht gern Leuten begegne, welche die gleichen Fehler machen wie ich. Sippe und Verwandtschaft, hat jemand gesagt, seien etwas Ähnliches wie Naturkatastrophen: Man sei gegen sie machtlos. Ich sehe jedoch ein, dass ein Treffen wie das heutige seine guten Seiten hat. Von einigen, die ich hier antreffe, wusste ich nicht einmal, dass ich mit ihnen verwandt bin.

    Ich begrüße euch mit einem bekannten Zitat von Wilhelm Busch. „Wer in Dorfe oder Stadt einen Onkel wohnen hat, der sei höflich und bescheiden, denn das mag der Onkel leiden.“ Euer Onkel, Vetter. Schwager oder was ich sonst für euch sein mag, bedankt sich, dass er hier sein darf.

    „Kerl, Kerl“, sagte mein Schwiegervater, als er mich vor Jahren zum ersten Mal in Augenschein nahm. Er überfiel mich sofort mit seinen Fragen. „Wu häts du?. Säg mi äs dinen Namen. Wao küms du dän hiär? Wat büs du för Enen?“ Verstanden habe ich nichts. Dass sich Mitglieder unserer Sippe einer so unverständlichen Sprache bedienten, verstand ich nicht. Ich nahm an, dass ich ihm mitteilen sollte, ob ich mit vollen Taschen gekommen sei, als ich um die Hand seiner Tochter anhielt. Andererseits konnte ich seine indirekte Erwartung nachvollziehen. Jemand, der etwas Gutes mitbringt, ist auch mir lieber als eine Tante, die nur Klavier spielt.

    Vater lernte ich nach und nach schätzen. Ich bewunderte seine Fähigkeit und Bereitschaft, auf andere zuzugehen und sie an sich heranzulassen. Wenn er von einem Besuch in der Stadt zurückkam, erzählte er, wen er alles getroffen und begrüßt hatte, egal, ob er jemanden kannte oder nicht. Er hatte eine einfache Erklärung dafür: „Die kennt mi all.“

    Ich weiß nicht, ob eine andere seiner Charaktereigenschaften auch typisch ist für unsere Sippe: Das Mitspracherecht in Familienangelegenheiten durfte nicht so weit gehen, dass darüber abgestimmt wurde, wer der Chef war. Mutter spürte vermutlich leichtes Sodbrennen. In ihrer Weisheit begnügte sie sich jedoch mit der Bemerkung: „Ihr kennt das ja. Der meint das nicht so.“

    Meine Wertschätzung für die Sippen-Angehörigen wurde auf die Probe gestellt, als ich  gefragt wurde: „Warüm kuёmt de Rienlänner nich in Hiёmel?“ Diese Frage, warum Rheinländer angeblich nicht in den Himmel kommen, hielt ich für überflüssig. Ich habe sie  nicht beantwortet und inzwischen großmütig verziehen.

    Ich darf jedoch feststellen: Mit meiner Sippe habe ich Glück gehabt. Es wird erzählt, Beziehungen zu Verwandten gelängen am besten, wenn diese weit weg wohnen.  Jemand, der es nicht besonders gut mit mir meint, fügte noch hinzu, seit es Flugzeuge gebe, seien leider auch entfernte Verwandte nahe Verwandte.

    In unserer Sippe gibt es dieses Problem nicht. Im Gegenteil. „Durch Abstandsmangel wird bedingt, dass mancher Funke überspringt.“ Dieser Spruch wird in unserer Sippe beherzigt. Vielleicht muss ich einschränkend ergänzen: Verwandtschaftliche Beziehungen sind in Ordnung, wenn man einem Sippen-Mitglied unbesorgt den Papagei anvertrauen kann.

    Wir feiern ein Familien- und Sippentreffen. Beim gemeinsamen Feiern belassen wir es nicht. Wir essen auch zusammen. Denn essen hält Leib und Seele, Familie und Sippschaft zusammen.

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  • Sie kommen zu spät, Herr Kardinal

    Sie kommen zu spät, Herr Kardinal

    Vom Ergebnis einer „Vollversammlung der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz“ ist zu berichten. Die Bischöfe wollen dem protestantischen Ehepartner eines katholischen Christen die Teilnahme an der Eucharistie erlauben. Seelsorger vor Ort seien vor eine „dringende pastorale Aufgabe“ gestellt, erklärte Kardinal Marx, Vorsitzender der Bischofskonferenz. Man habe ein Dokument  erarbeitet, um zu einer „verantwortbaren Entscheidung über die Möglichkeit des Kommunionempfangs des nichtkatholischen Partners zu kommen“.

    „Möglichkeiten“ werden geprüft. „Verantwortbare Entscheidungen“ werden den Partnern abverlangt. Unabdingbar soll es sein, dass ein Seelsorger vor der Zulassung des nichtkatholischen Ehepartner zur Kommunion mit den Betroffenen über deren Glauben sprächen und sicherstellten, dass beide die katholische Eucharistielehre teilten. Es müsse ein „schwerwiegendes geistliches Bedürfnis“ vorhanden sein, „das es nach dem Kirchenrecht möglich mache, dass der evangelische Ehepartner zum Tisch des Herrn trete.“

    Gehen Sie davon aus, Herr Kardinal, dass jemand das ernst nimmt? Glauben Sie wirklich, dass diejenigen, die noch einen Gottesdienst besuchen, sich von Ihnen den Empfang der Kommunion erlauben oder verbieten lassen? Sind Ihnen Begriffe wie „persönliche Gewissensentscheidung“ oder „mündige Christen“ abhanden gekommen?

    Sie kommen zu spät, Herr Kardinal. Vor fünfzig Jahren habe ich während meiner aktiven Seelsorge-Tätigkeit Partnern, die in „konfessionsverschiedener Ehe“ lebten, die Kommunion gereicht, wenn sie mich darum baten. Wie katholisch oder evangelisch sie dachten und lebten, entschieden sie selbst. Gemeinsam zum „Tisch des Herrn“ zu gehen, war Zeichen und Beweis ihrer persönlichen Verbundenheit miteinander und mit Gott.

    Der damalige Kölner Kardinal Frings hatte in seiner kleinen Schrift „Interkommunion“ formuliert, was Ihnen fünfzig Jahre später wieder einfällt: „Wenn der betreffende evangelische Christ im Hinblick auf die Eucharistie katholisch denkt“, darf er kommunizieren. Denk-Prozesse haben stattgefunden. Der Kardinal erwartete keine Antwort.

    Sie kommen zu spät, Herr Kardinal. Sie laufen einem Zug hinterher, der den Bahnhof verlassen hat. Glauben Sie, dass jene Tausende, die z. B. bei einem Katholikentag den „Leib des Herrn“ empfangen wollen, vorher Gewissenserforschung betrieben oder seelsorglichen Rat eingeholt haben, ob sie sich „Herr, bin ich würdig?“ gefragt haben?

    Sie kommen zu spät, Herr Kardinal. Glauben Sie, dass die kontinuierlich schrumpfende Zahl derer, die noch am Gottesdienst teilnehmen – sofern einer angeboten wird – sich vorher fragt, ob sie „im Hinblick auf die Eucharistie katholisch denken“? Sind sie nicht froh, wenn überhaupt noch jemand kommt, und es Gemeinden gibt, in denen noch Eucharistie gefeiert wird?

    Ich weiß nicht, wie die „Gemeinschaft der Gemeinden“ in Mönchengladbach auf  Ihre Deklaration reagiert. Vielleicht, so hoffe ich, wird sie als „Orientierungshilfe“ wunschgemäß zur Kenntnis genommen und vergessen.

    Jenem Diakon, welcher bei einer „Narrenmesse“ in St. Gangolf /Heinsberg dem evangelischen Pfarrer die Kommunion spendete, wird der Bischof den Marsch geblasen haben. „Na und?“ frage ich. „Wenn liturgische Missbräuche nachgewiesen werden, sind disziplinarische oder strafrechtliche Maßnahmen nicht ausgeschlossen“, lautet die offizielle Erklärung. Welche Strafmaßnahmen hat sich der Aachener Bischof wohl ausgedacht oder erlassen?

    Zweimal im Jahr feiern katholische und evangelische Christen in unserer Stadt Mönchengladbach gemeinsam einen ökumenischen Gottesdienst. Wenn das z. B. aus Anlass des evangelischen Reformationfestes der Fall ist, entfällt der katholische Gottesdienst. Glauben Sie, Herr Kardinal Marx, dass sich die katholischen und evangelischen Teilnehmer vorher fragen, „ob sie ein schwerwiegendes geistliches Bedürfnis verspüren“ und Gewissenserforschung betreiben zur Frage „Wie halte ich es mit der Teilnahme am Abendmahl?“

    Glauben Sie, Herr Kardinal, dass am kommenden „Weißen Sonntag“ evangelische Väter und Mütter in unserer Stadt freiwillig in der Bank sitzen bleiben, wenn andere Eltern mit ihrem Kommunionkind zum Altar gehen, um auch die Kommunion zu empfangen? Oder sind nichtkatholische Elternteile vorher auf Geheiß so „geimpft“ worden, dass sie diesen Schritt nicht wagen?

    Sie kommen nicht nur zu spät, Herr Kardinal. Sie laufen einem Zug hinterher, der an keinem Bahnhof mehr hält.

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  • Das Beste zum Osterfeste

    Das Beste zum Osterfeste

    Das Tagesprogramm auf dem Kreuzfahrtschiff wünscht uns Reisenden „Frohe Ostern“. Dass Ostern mit Osterhasen und Ostereiern zu tun hat, ist bekannt. Dennoch wird im Osterquiz gefragt: „Was hat der Hase mit Ostern zu tun?“ Ein Schokoladen-Meister, der Hasen aus Schokolade herstellt, ist nicht die richtige Antwort, obwohl er an Bord sein soll.  Konsumorientierte Reisende haben auf die falsche Fährte gesetzt.

    Eine Mitreisende – kleine Statur, hellwache Augen – beklagt sich über diejenigen, die solche Fragen stellen und Antworten finden. Ihr Unverständnis nimmt zu, als es um die bunt gefärbten Ostereier geht. Unmäßiger Eierkonsum habe negative gesundheitliche Folgen, lautet die Antwort auf die Frage, ob Ostereier gesund seien. Ungläubiges Kopfschütteln. „Warum verdirbt mir die Reiseleitung den Ostereier-Appetit?“ schimpft sie über den, wie sie sagt, organisierten Wahnsinn und hält den Konsumverzicht für Freiheitsberaubung.

    Der Herr neben ihr am Tisch beklagt die Realitätsverweigerung. Ostereier würden zu Ostern gehören wie der Weihnachtsbaum zu Weihnachten, konstatiert er. Was immer gegolten habe, könnten Reiseveranstalter nicht nach eigenem Gutdünken außer Kraft setzen. Außerdem habe er viel Geld bezahlt für die Reise mit Vollverpflegung. Was er bezahlt habe, wolle er auch essen. Der Eiersalat gestern Abend sei köstlich gewesen. Er lasse sich nicht bevormunden. Von geänderten Essgewohnheiten an Bord wisse er nichts. „Alles Gute, nur das Beste, gerade jetzt zum Osterfeste“, stehe in großen Buchstaben hinter dem Wunsch „Frohe Ostern“ im Tagesprogramm. Bei wem könne er sich beschweren?

    Auf der Rückseite des Programms wird aus Goethes „Osterspaziergang“ zitiert: „Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn.“ Auferstehung? Hat man davon schon einmal gehört? Weder im Quiz noch im Tagesprogramm eine Antwort. Allgemeine Verunsicherung. Ostereier soll man nicht essen, weil sie gesundheitsschädlich sind. Von Auferstehung steht nichts im Programm. Wer kann Unerklärliches erklären? Manche Reisende geraten von einer Verlegenheit in die andere. Warum wünscht die Reiseleitung noch „Frohe Ostern“?

    Das russische Wort für „Sonntag“ heißt „Auferstehung“. An jedem Sonntag wird in Russland Ostern, Auferstehung gefeiert. Von Ostereiern keine Rede. Ist Auferstehung doch wichtiger als Ostereier, nicht nur in Russland?

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  • Geringfügiges Versehen

    Geringfügiges Versehen

    Das Angebot passte. Frühlingsblüher für den Vorgarten – das kam zur rechten Zeit. Sechzig Cent pro Stück. Für den günstigen Preis konnte ich mir zehn Stück leisten, vielleicht fünfzehn, wenn das Angebot nicht begrenzt war.

    Die Verkäuferin zeigte sich ausnehmend freundlich und stellte mir fünfzehn blühende Primeln in unterschiedlichen Farben zusammen. Glücksgefühle äußerte ich nicht, aber ich war zufrieden und hielt ihr einen Zehn-Euro-Schein hin. Der war mir meine Zufriedenheit wert.

    Der sympathischen jungen Frau bereitete mein Geldschein Kopfzerbrechen. Fünfzehn Euro müsse sie haben, das bestätige die Eingabe auf dem Laden-Computer. Den hatte ich nicht berücksichtigt,  mich vielmehr darauf verlassen, für fünfzehn entzückende Pflanzen ohne Hilfe eines PC und sonstiger Rechen-Hilfen den tatsächlichen Preis ermitteln zu können.

    Darauf ließ sich die Verkäuferin nicht ein. Ihr anfänglich freundliches Wesen nahm weniger heitere Züge an, leicht spöttische, wie ich ihrem Gesichtsausdruck entnahm. Ich, der ältere Herr, hatte keine Ahnung von der Seriosität und Verlässlichkeit moderner Berechnungs-Techniken. Gelobt sei der Unterschied.

    Sie forderte mich auf, zu zahlen oder die fünfzehn noch nicht rechtlich erworbenen Frühlingsblüher zurückzugeben, da es mir an der notwendigen Einsicht fehle.

    Darauf konnte ich mich nicht einlassen, da ich die Pflänzchen in Gedanken schon in meinem Vorgarten blühen sah zu meiner und der Mitmenschen Freude.

    Da ich kein Wohltätigkeits-Institut bin, griff ich auf mein erprobtes Schulwissen zurück, jedoch bemüht, nicht mein Besserwissen zu demonstrieren. Die Grundrechenart des Multiplizierens würde sie kennen. Ich versuchte den von mir errechneten Preis Schritt für Schritt plausibel zu machen.

    Es gelang nicht, weil der Gärtnerei-Computer eine andere Zahl als die von mir errechnete bestätigt hatte. Ich war im Nachteil. Der jungen Frau zu empfehlen, ihre Eingaben auf dem von ihr benutzten Gerät zu überprüfen, wagte ich nicht. Auf eine Zuspitzung der Situation wollte ich es nicht ankommen lassen.

    Ihre Gesichtszüge ließen es geraten erscheinen, nach einem Vermittler Ausschau zu halten. Es zu versuchen mit Einschüchterung, widersprach pädagogischer Erfahrung und war sinnlos. Gegen überzeugende und bewiesene Technik-Gläubigkeit, zeitgemäße Form des Wunderglaubens, war ich chancenlos.

    Dennoch hatte ich Glück. Der Inhaberin des Blumenladens waren die Berechnungs-Versuche zu Ohren gekommen. Da sich weitere Interessenten für das Objekt der Begierde eingefunden hatten, bot sie Hilfe an.

    Wiederum hatte ich Glück. Sie bestätigte wohlwollend die Überlegenheit menschlichen Wissens gegenüber irrtümlich eingegebenen und errechneten Daten eines technischen Gerätes. Sie nahm die Angestellte in Schutz – eine lobenswerte Geste. Deren Verhalten habe nichts Ehrenrühriges an sich. Eine beruhigende Botschaft, mit der sie mich bei Laune halten wollte. Jede Botschaft enthält ein Körnchen Wahrheit. Sie traf den richtigen Ton. Die junge Angestellte sei erst im zweiten Lehrjahr. Sie bitte um Nachsicht für ein geringfügiges Versehen. Verliererstolz.

    Die Primeln in meinem Vorgarten wissen nicht, was ihnen blühte. Sie blühen dem Frühling entgegen.

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  • Borussia

    Borussia

    Es ist mir ein Bedürfnis, Borussia, ein paar Gedanken über dich zu äußern. Wenn ich „dich“ sage, dann meine ich nicht irgendeine Borussia, sondern „unsere“. „Wir“ sind die Borussia, nicht die allegorische Frauengestalt für das ehemalige deutsche Königreich „Preußen“, das uns die „Borussia“ beschert hat.

    Gänsehaut gebe es gratis, versprichst du auf deiner Homepage denen, die sich auf dich einlassen. Mehr als fünfzigtausend Zuschauer können das bestätigen, wenn sie sich vierzehntägig in deiner Arena einfinden, von der ich nur einige Steinwürfe weit entfernt bin.

    Alle wollen deine Ballkünste erleben und sich daran erfreuen. Du weißt, dass die Freude zeitweilig an Grenzen stößt. Auch du empfindest persönliche Unzufriedenheit, wenn man dich mit der Tabelle konfrontiert, die das Ergebnis deiner aktuellen Ballspiele registriert. Du willst es nicht, aber es kann geschehen, dass dich das ärgert und gegnerische Ball-Verantwortliche es zu spüren bzw. zu hören bekommen.

    Nichts für ungut, Borussia. Die Emotionen kühlen sich wieder ab, sagst du mit Recht. Die Mitte der Tabelle kann zudem ein angenehmer Aufenthaltsort sein. Von dort aus hast du das Geschehen beidseitig im Blick. Wirtschaftlich gesehen mag das unbefriedigend für dich sein, weil dir so Millionenbeträge durch die Lappen gehen, die andere Mitstreiter kassieren oder als zusätzliches Taschengeld betrachten.

    Der olympische Kernsatz vom „Dabei sein ist alles“ hat trotz des heutigen Geschäftsgebarens noch nicht allen Glanz verloren. Dem verordneten Leistungsdruck kannst du auf diese Weise elegant aus dem Weg gehen. Selbst das von dir beklagte Verletzungspech lässt sich damit minimieren, dessen Ursache einer deiner routinierten Spieler nicht nur auf das Rasenspiel zurückgeführt hat.

    Als ehrenrührig wirst du es betrachten, wenn du demnächst nicht durch Europa tingeln kannst, um z. B. einem Verein in Sibirien rheinische Fußball-Leckereien vorzuführen. Nimm es nicht tragisch. Ich habe bei einem Besuch in Sibirien Fußballplätze gesehen, die sich nach deinem gelegentlich ruinierten Rasen sehnen würden. Auch an den Ballkünsten in der Taiga musst du dich nicht orientieren.

    Wir mögen dich, Borussia, obwohl du nicht immer so spielst, wie andere spielen. Wir nehmen nicht sofort das denkbar Schlimmste an, wenn wir uns nach einem Spiel punktlos auf den Heimweg machen müssen. Denn das ist das Besondere an dir, wahre Größe zu zeigen gegenüber dem Standesdünkel von Mitbewerbern, die behaupten, zu den Großen zu zählen.

    Welch anderer Trainer als deiner kann es sich leisten, „begeistert von deinem Fehlerspiel“ zu sein, wenn es einmal einer „wilden Achterbahn-fahrt“ ähnelt? So viel Charakter findest du nicht oft. Du musst keine Angst haben, anders zu denken und anders zu handeln als andere. Dein Anderssein flößt uns Respekt ein. Als Langweiler tun wir dich nicht ab. In Stumpfheit und Trostlosigkeit versinken wir garantiert nicht.

    Für uns bist du immer noch gut genug. Daher bleiben wir bis auf Weiteres Borussia.

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  • Seehofer

    Seehofer

    Ach, Horst Seehofer, du klammerst dich an die bekannte und oft missverstandene  Aussage „Extra ecclesiam nulla salus.“ „Wir glauben fest und bekennen aufrichtig, dass es außer ihr ( der katholischen Kirche ) kein Heil und keine Vergebung der Sünden gibt.“  Mit diesem Satz beginnt das 1302 von Papst Bonifatius VIII. (1294-1303) erlassene Lehrschreiben über die Katholische Kirche. Es ging der Kirche damals um die Vorrangstellung der geistlichen Macht vor der weltlichen, mit der Konsequenz, dass auch weltliche Herrscher sich der geistlichen Führerschaft unterordnen müssen.

    Ach, Horst Seehofer, seitdem sind mehr als siebenhundert Jahre vergangen. Die Welt ist eine andere geworden. Die christliche Botschaft ist, vor allem dank der Reformation, hellhöriger geworden für Werte, die andere Religionen und Kulturen vermitteln.1965 wurde eine Erklärung über die Haltung der Katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen veröffentlicht. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte sie formuliert; Papst Paul VI. genehmigte sie.  Neben den Passagen zum Judentum enthält dieses Schreiben auch ein Kapitel zum Islam.

    Ach, Horst Seehofer, „Nostra aetate“, „In unserer Zeit“ nennt sich das Schreiben. Wenn ich deine Lebensdaten richtig in Erinnerung habe, ist es auch deine Zeit. Der jüngst verstorbene Kardinal Lehmann, dem unsere Stadt Mönchengladbach wegen seiner großen Verdienste die „Goldene Blume“ verliehen hat, nannte das Lehrschreiben einen „folgenreichen Konzilstext“. Viele andere Religionen, auch der Islam, haben die gleichen  Fragen wie wir, schreibt der Kardinal, nach den ungelösten Rätseln: „Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist das letzte Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“

    Ach, Horst Seehofer, ich erzähle dir das aus Mönchengladbacher Sicht. Du hast  eine bayerische. Aber gehören wir nicht dennoch beide zu Deutschland? Benutzen wir nicht beide die arabischen Ziffern 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 und 0, die seit dem 13. Jahrhunderts in Westeuropa die römischen Zahlen ablösten? Die arabische Rechenkunst kam mit den Mauren  nach Spanien und fand nach und nach den Weg ins katholische Europa. Ach, Horst Seehofer, dir wird bekannt sein, dass die Mauren von den Arabern islamisiert wurden, also Moslems waren. Zumindest über das Einmaleins gehört der Islam auch zu uns in Deutschland.

    Ach, Horst Seehofer, beim Einmaleins ist es nicht geblieben, zumindest nicht in Mönchengladbach. Unsere Stadt lässt sich politisch-kulturell in Berlin u. a, durch eine islamische Mitbürgerin vertreten. „Wir tragen alle Verantwortung für unser Land, in dem wir leben, arbeiten und alt werden wollen.“  Das sagt sie. Dafür setzt sie sich ein. Es gibt in unserer Stadt einen Islamischen Kulturverein,  eine Türkisch-Islamische Gemeinde,  eine Gemeinschaft albanischer Muslime. Trotz ihrer Verschiedenheit bekennen sie sich zu dem gemeinsamen Ziel, einen Beitrag zur Integration zu leisten.

    Ach, Horst Seehofer, wir in unserer Stadt sind bestrebt, dich zu verstehen. Es gibt keine Distanz zwischen uns. Wir spüren, dass du ein wenig Fremdheit im eigenen Land verspürst. Wir spüren und respektieren, dass du in gewisser Weise die Wiedergeburt alter Werte anstrebst und dem Heimatgefühl neuen Auftrieb verschaffen willst. Wir meinen jedoch, dass du bei deinen Heimat-Gedanken niemanden ausklammern kannst, auch wenn er bzw. sie etwas nicht genau so sieht wie du. Ersatzkonflikte, die durch unglückliche Wortwahl oder falschen Zungenschlag entstehen, lenken von dem ab, was uns tatsächlich beschäftigt und gelöst werden muss. Das mit dem Islam war nicht die beste Idee, die du im ministerialen Angebot hast. Sie würde uns ins falsche Fahrwasser treiben, wenn sie umgesetzt würde. Das kannst du nicht wollen. Die Grenzen zwischen „wir“ und „die“ müssen wir gemeinsam wegräumen.

    Ach, Horst Seehofer, ich bin sicher, dass wir uns verstehen.

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  • Ach Jupp

    Ach Jupp

    Ach Jupp

    Manche Leute tun sich schwer damit, dich so zu sehen, wie du wirklich bist, und dich so zu verstehen, wie du etwas gemeint hast. Halb- oder missverstandene Wortfetzen zerren sie aus deinem inzwischen ansehnlich gewordenen bayerischen Wortschatz und wundern sich, dich nicht wirklich verstehen zu können.

    Vom Nachfolger sollst du gesprochen haben. Ob du darüber etwas gesagt oder nur laut gedacht hast, ist nicht genau belegt. Wahrscheinlich weißt du selbst nicht, ob du „einen“ oder „deinen“ denkbaren Nachfolger im Sinn hattest oder ob du in Wirklichkeit dein eigener Nachfolger bist. Einige wollen den missverständlichen Begriff „aufhören“ herausgehört haben, den du angeblich schon im Munde führtest, als du Richtung Bayern aufgebrochen bist.

    Jeder darf von deiner Vertragstreue ausgehen. Es geht wohl um ein differenziertes Vertragsverständnis, um per Handschlag geschmiedete Vertragspläne. Lägen sie schriftlich vor, wären sie für uns einsichtig und nachprüfbar. Manche, die dich vor Jahresfrist ungern von dannen ziehen ließen, wollen dich an die baldige Rückkehr in deine Heimat erinnern. Ob ihre Erwartung Vertrags-Charakter hat und ob sie im Wortlaut auf Tag und Stunde fixiert wurde, wissen wir nicht. Da du nicht laut darüber nachgedacht hast, könnte es sein, dass dieser Vertrag gar kein Vertrag ist und daher auch kein Vertrag gemacht worden ist. Im Gegensatz zu uns verstehst du das wahrscheinlich.

    Was ein Vertrag vorläufig anordnet und was er verschweigt, ist nicht Sache von Juristen. Uns ist es überlassen, herauszufinden, welche Interpretations-Möglichkeiten in ihm stecken.

    Über „Dichtung und Wahrheit“ hat sich schon unser Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe Gedanken gemacht. In seinem berühmten, autobiografischen Werk tut er uns kund, dass etwas, das von einem tatsächlichen Geschehen handelt, auch fiktive d. h. erdachte Elemente enthalten kann. Wenn Goethe schreibt „Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt“, kann er das nur mitteilen, weil andere es ihm erzählt haben. Vielleicht war es so, vielleicht war es Stunden später. Zwischen Dichtung, Wahrheit und Interpretation können nicht nur Stunden, sondern manchmal Welten liegen.

    Ach, Jupp, irgendwann werden wir sicher erfahren, welche Absprachen, die deinen Vorlieben entsprechen, du mit deinem gegenwärtigen Arbeitgeber getroffen hast. Unsere Vorstellungswelt mag begrenzt sein, mit der Besinnungslosigkeit eines Schlafwandlers wirst du aber nichts vereinbart haben.

    Wir begegnen dir nicht mit staunender Gläubigkeit, aber dein Können und dein Verhalten flößen uns nach wie vor Respekt ein. Auch in Zukunft werden wir uns gegenseitig sicher nicht mit anderen Augen oder gar mit teilnahmslosen Mienen betrachten.

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  • Bisher hießest du Gott, lieber Gott

    Bisher hießest du Gott, lieber Gott

    Seit geraumer Zeit ist man auf Suche nach einer „Bibel in gerechter Sprache“. Man sucht neue Namen für dich, lieber Gott. Das wurde auch Zeit. Dein Bekanntheitsgrad lässt zu wünschen übrig.  Nicht weiblich genug bist du, sagen sie. Jetzt sind sie dir auf der Spur. Es ist ihnen gelungen, die Frau in dir zu entdecken: Du stillende Mutter. Du alles in Ordnung haltende Haushälterin. Du morgens früh aufstehende Bäckerin.

    Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Du wirst staunen, lieber Gott, über den weiblichen Hofstaat, der dich jetzt umgeben wird. Sie nehmen es dir übel, dass du dich bisher nur Gott nennst. Überrascht dich das? Warum bist du keine Göttin? Keine Artemis, keine Diana wie damals in Griechenland oder in Rom? Was hast du gegen die Frauen? Du hast sie in dem Buch, das von dir handelt, in der Bibel, sträflich vernachlässigt. Fünftausend Männer hattest du bei der Brotvermehrung dabei. Wo waren die Frauen? Hältst du es für gerecht, sie nicht zu erwähnen?

    Hast du nicht über die entwürdigende Bezeichnung „Christen“ nachgedacht? Gleichmacherei ist das. Unterscheidest du nicht zwischen Christen und Christinnen, Betern und Beterinnen, Nachdenkern und Nachdenkerinnen? Es ist höchste Zeit für eine gerechte Sprache, lieber Gott.

    Das Ewig-Weibliche darf nicht länger verkannt werden. Frauen wollen sich an die stillende Mutter wenden, die mit dir auf dem himmlischen Thron sitzt. Die gütige Geburtshelferin auf deinem Thron kann verwundeten weiblichen Seelen Trost und Labsal spenden. Lieber Gott, du musst die Bibel neu erfinden. Wir müssen dich neu erfinden. Es muss gerechter mit dir zugehen.

    Gut, dass du nicht in unserer Nationalhymne vorkommst. „God save the Queen“, flehen die Briten. “God save Angela”, würde das bei uns lauten. Könntest du dir das vorstellen?

    Ich weiß nicht, lieber Gott, wie ich dich in Zukunft nennen soll. Du leuchtende Kerze, für mich zu romantisch. Du Gütige Geburtshelferin, nur Frauen vorbehalten. Solange mir nichts anderes einfällt, werde ich dich weiterhin Gott nennen. Ich hoffe, dass du mich verstehst.

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  • Entsorgungsnöte – Ab morgen geht´s los…

    Sperrmülltage werden kaum noch in meiner Stadt angeboten. Eher gibt es bestellte Einzelaktionen, bei denen ich an den Straßenrand stellen kann, was ich loswerden möchte. Kann das weg oder brauche ich das noch? Ich hätte mich längst von dem ehemals guten Stück trennen sollen, dennoch landete es in irgendeiner Ecke, in der ich es für den Fall des Falles – „ich kann nie wissen“ – aufgehoben habe.

    Was ist mit etwas zu Entsorgendem, das ich loswerden will ohne Rücksicht darauf, wo es bleibt? Was ist, wenn die Not des Loswerdens so groß ist, dass ich suchenden Blickes jede Gelegenheit und Örtlichkeit nutzen möchte, sich aber keine bietet? Einfach torpedieren kann ich mein Vorhaben nicht. Die Realität lässt sich nicht verdrängen.

    Meine Stadt kennt das Problem und macht sich Gedanken. Die Notdurft des Loswerdens schreit bzw. duftet gelegentlich zum Himmel. Stehenden Fußes wird das Problem in der Regel gelöst. Manchmal dort, wo Entsorgung nicht vorgesehen ist. Manchmal so, dass andere unfreiwillig Augenzeuge des Loslassens werden. Angenehm ist das nicht, der Sache dienlich auch nicht.

    Auch das ist der Stadt bewusst. Viele Herausforderungen hat sie gemeistert. Sie kann wenig versprechen, soll aber viel liefern.

    Sie denkt an zweckgebundene Lösungen. „Praktisch und formschön, ästhetisch und funktionell“ – ein Hersteller von Keramik-Artikeln bietet Hilfen in der Not an. Dabei denkt er allerdings mehr an die Ausstattung von Badezimmern. Formschöne Modelle mit reduziertem Wasserverbrauch stellt er vor. Spitzenmodelle kommen ohne Wasser aus. Sie gelten als umweltschonend und sind absolut hygienisch.

    Für die Stadt und in der Stadt kommen diese Angebote trotz ihres Designs aus hochwertiger Keramik nicht in Betracht. Ungleiches muss ungleich behandelt werden.

    Welche Gestaltungsmöglichkeiten und Varianten gibt es sonst?

    Die Stadt hat zusätzlich Platzsorgen. Was sich für das Bad eignet, muss nicht vor dem Kirchenportal oder Rathaus angemessen Platz finden. Pflegeleicht und robust muss eine Lösung außerdem sein, aber wenn möglich, so unscheinbar, dass der Benutzer nicht jeder öffentlichen, wenn auch unfreiwilligen Anteilnahme ausgesetzt ist. Dass obendrein über geschlechtsspezifische Einrichtungen nachzudenken ist, verringert das Problem nicht.

    Zukunftsweisende Lösungen müssen gefunden werden, die sich auf das Wesentliche konzentrieren und ein positives Gesamtbild garantieren. Es geht nicht nur um ein Entleeren, Erleichtern, Entwässern oder Abladen. Es geht um Abläufe. Es geht um den Ruf der Stadt, in der etwas verschwinden soll, ohne dass jemand es bemerkt. An den Straßenrand kann man sich nicht stellen.

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  • Die Präsidenten. Ist den Präsidenten zu helfen?

    Die Präsidenten. Ist den Präsidenten zu helfen?

    Entdecken die Präsidenten die Pfade der Wirklichkeit?

     Der Eine will als Genie in die Annalen eingehen und baut auf sich selbst. „Der große Zampano“ in Fellinis „La Strada“ lässt grüßen.  Der Andere handelt in eigenem Auftrag und vertraut seinen Erlösungsphantasien. Selbstbewusst. Selbstbezogen.

    Der Eine ist des Lobes voll über sich selbst. Der Andere hat Gedächtnis- Lücken: Hat er gesagt, andere seien Schurken? Kann er nicht gesagt haben, da Autoritäts-Verächter jetzt ihn für einen Schurken halten. Daher hat er nichts gesagt. Alle seine Feinde sind alle seine Freunde

    „Nur große Menschen machen große Fehler.“  La Rochefoucauld, französischer Literat, wusste das vor vierhundert Jahren. Nicht jedem ist zu helfen.

    Irgendwann kehrt der Alltag ein. Bei jedem? Von der Weisheit des Alters haben sie gehört. Ob sie so alt werden? Wie werden die Präsidenten an ihr  Ende kommen? Könnte es ein langes Ende werden? Den Schwanengesang, das letzte Werk eines Künstlers, werden wohl andere für sie anstimmen.

    Man wünscht seinen Zeitgenossen nur Gutes. Cicero, römischer Philosoph und Politiker fünfzig Jahre vor unserer Zeitrechnung, hat seine Wünsche für den Senator Lucius Sergius Catilina nach dessen misslungenem Umsturzversuch so formuliert:

    „Quo usque tandem abutere patientia nostra?” Wie lange noch willst du unsere Geduld missbrauchen?

    „Quam diu etiam furor iste tuus nos eludet?“ Wie lange wird uns dein Wahnsinn noch verspotten?

    Ob sich Geschichten wiederholen?

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  • Die Präsidenten. Der andere Präsident

    Die Präsidenten. Der andere Präsident

    Ein anderer Präsident. Weniger mächtig, jedoch mit persönlicher Allmacht ausgestattet. Sieht sich als Erlöser und glaubt das finstere Verlangen anderer Menschen ans Licht bringen zu müssen.

    Es ist nicht leicht, alle zu verstehen, niemandem zu trauen, entstellte oder bestellte Wahrheiten zu verkünden, eindimensional zu denken und zugleich eine Welle der Zustimmung auszulösen. Anspruchsdenken und Wahrheitsanspruch müssen nicht hinterfragt werden.

    Mit besorgtem Tonfall und groß angelegten Sätzen die Grenzen des Erträglichen testen. Berechnung? Wahnsinn mit Methode? Ein Präsident im Zustand der Unangreifbarkeit, im mentalen Ausnahmezustand. Ein Präsident, davon überzeugt, von nichts überzeugt sein zu müssen. Schein-Wirklichkeit ist auch Wirklichkeit. Schein-Demokratie ist auch Demokratie. Schein-Harmonie ist auch Harmonie.

    Aufbegehren? Den Aufstand proben? Im Kittchen sind noch Zimmer frei. Nicht  mehr viele. Der Präsident weiß, was gut ist für sein Volk und für andere Völker. Es ist verboten, was er für verboten erklärt. Dass man aus dem, was man verbietet, auf die Bedürfnisse der Menschen schließen darf, entgeht dem Präsident. Fremde Völker und Personen – viele Feinde seines Volks.

    Differenzieren zwischen realen und  behaupteten Nöten ist nicht jedermanns Stärke. Er ist nicht im Unrecht, sondern umgeben von Feinden. Gegner, wohin er schaut. Sind andere nicht in Sorge um ihn, muss er es selbst sein. Fühlt man sich von Verbündeten  ungenügend repräsentiert, repräsentiert man sich selbst.

    Daher schlägt das Gehirn Alarm. Es muss schlimmer kommen, ehe es anders kommt. Also wird es schlimmer.

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  • Die Präsidenten. Der eine Präsident

    Die Präsidenten. Der eine Präsident

    „Unsere Feinde werden vor Angst zittern.“ Ob vor ihm, verrät der Präsident nicht. Vom Flugzeugträger ist die Rede, vom teuersten, größten, modernsten. Er wird die Hilflosigkeit der Feinde offenbaren, wenn auch erst nach seiner Fertigstellung in drei Jahren.

    Ob der Präsident dann noch Präsident sein wird und dem Schicksal der Eintagsfliege entgeht? Oder doch Demonstration ewig dauernder Überlegenheit der Nation und seiner selbst?

    Der Präsident kreist in einer eigenen Umlaufbahn. Alle Klarheit hat ein Ende. Unberechenbares wird berechenbar. Der Meister der Selbstoptimierung versteht sich auf’s Klappern und vertraut dem eigenen Schwung. Als Bewahrer und Beschützer sieht er sich. Als Verteidiger eigener Interessen sehen ihn andere.  Das Recht auf Anmaßung beansprucht er, nicht die Pflicht, vertrauensvolle Kontakte zu knüpfen, Er macht rückgängig, was andere für gut befanden. Geschichts-Vergessenheit oder  Geschichts-Unkenntnis? Ein Alles-besser-Macher will nicht Kopie eines anderen sein.

    Nicht alle müssen die gleichen Regeln befolgen. Nicht alle müssen die Gesetze des guten Geschmacks kennen und harmoniefähig sein. Sensible Antennen für das, was andere sagen, hat nicht jeder installiert. Verbindliche Tugend-Kataloge werden ad acta gelegt. An deren Stelle kreative Geistesblitze zwischen Anspruch und Utopie. Feines Porzellan-Geschirr ist nichts für grobe Hände.

    Die Klientel wird mit Gesten, nicht mit geistreichen Worten bei Laune gehalten, laut und selbstbewusst. Daumen und Zeigefinger zusammengefügt, können bedeuten: „Ich habe euch lieb.“ Oder nur Chiffre für das Nullsummenspiel seines politischen Handelns?

    Der erhobene Zeigefinger verspricht: „Seht, ich mache alles neu, vor allem alles besser.“ Dringlichkeitsgestus, Präsentiergehabe oder Drohgebärde? Wie errege ich Aufmerksamkeit? Wenn ihr nicht auf mich hört, höre ich nicht auf euch.“ Machtspiele und Liebesentzug auf präsidiale Art. Wenn Elefanten Liebe machen, zertreten sie Gras.

    Muss man ihn respektieren? Muss man  sich mit ihm abfinden? Muss man ihm Narrenfreiheit zugestehen? Kann er Loyalität erwarten? Es gebe Leute, die glauben, man würde ihnen zuhören, wenn sie viel reden, sagte Wilhelm Busch. Das sei man ihm schuldig, würde der Präsident antworten.

    „Unser Land hat besondere Helden  produziert“, verkündet der Präsident. Manche Helden scheiterten im Land der unbegrenzten Torheiten an ihren Siegen. Selbst Odysseus, der Held in der griechischen Mythologie, der fast allein den Krieg um Troja entschied, entkam nur mit Glück dem Tod, als sein Feind Poseidon ihn mit seinem Boot auf  stürmischem Meer untergehen ließ.

    Empörung im Blätterwald? Globale Aufregung? Schweigen, weil Worte nicht vorrätig sind? Man ist sich abhanden gekommen. Gegenseitige Entpartnerung. Man trifft aufeinander und begegnet sich nicht. Wer sich ins Licht stellt, verdeckt die Schatten seiner Fähigkeiten. Nicht zu pfeifen ist genug gelobt.

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