Kategorie: Lese-Ecke
Peter Josef Dickers
-
Patientenverfügung
Plötzlich steht Ihr Atem still, steht in der Broschüre. Herzinfarkt. Motorradunfall. Wer entscheidet dann, ob Sie dauerhaft weiter beatmet werden sollen? Muss ich das wissen? Müssen Sie wissen, steht in der Broschüre. Anderenfalls werden Sie einfach beatmet – oder auch nicht, wenn niemand weiß, wie lange Sie noch atmen wollen. Ich mache mir Gedanken darüber,…
-
Hautverjüngungsstrategien
„Luxuriöse Schönheitsbehandlung mit außergewöhnlichem Resultat. Die Zeichen der Hautalterung werden sichtbar reduziert. Sie erstrahlen in lang anhaltender, neuer Jugendlichkeit.“ Als „Body und Soul“–Behandlung versteht sich die Offerte der SPA-Abteilung. Körper und Geist würden es mir danken, wenn ich mich darauf einließe, wird versichert. Die Aussicht, schöner, glücklicher, gesünder zu werden, ohne mich besonders anstrengen zu…
-
Sankt Brückentag
Er ist noch nicht zur Ehre der Altäre erhoben worden. Aber das kann nicht mehr lange dauern. Katholisch-kirchlicher Heiligsprechung geht voraus, dass jemand, der im Geruch der Heiligkeit steht, in besonderer Weise verehrt wird. In diesem Fall geschieht das unablässig. Sankt Brückentag ist kein gewöhnlicher, sondern ein außergewöhnlicher Heiliger. Nicht zu verwechseln mit einem Nepomuk…
-
wohnen
wohnen ist ein Glücksgefühl wohnen hängt nicht ab vom Stil wohnen kann ich überall wohnen könnte ich im Stall doch ich wohne gerne dort wo ich einen Zufluchtsort wo ich ein zu Hause finde wo ich an mich selbst mich binde oft musste ich die Wohnung wechseln musste neue Pläne drechseln sollte wieder tapezieren und…
-
Die Dame auf dem Sonnendeck
Die Zahl der Hundertjährigen hat sich verdreifacht, habe ich gelesen. Viele seien bis in hohe Alter aktiv und würden Pläne schmieden. Sie wüssten, dass und wie sie mit ihrer altersbedingt eingeschränkten Energie haushalten müssten. Sehkraft und Gehör hätten nachgelassen, manche hätten Gleichgewichts- oder Bewegungsprobleme, dennoch seien die meisten mit ihrem Leben zufrieden. Letzteres schien auch…
-
Der Automat
Ich soll mit der Zeit gehen. Alle sagen das. Dass dies leichter gesagt, als getan ist, sagt niemand. Unschlüssig stehe ich vor dem Automat, der auf meinen Eingabebefehl wartet. Ich habe ihn nicht dazu aufgefordert, aber er besteht darauf. Meine Fahrkarte rückt er heraus, wenn ich seinen Anweisungen folge. Warum das so ist, sagt er…
-
Türkische Paprika
Besuchen Sie uns! Diese Einladung wollte ich mir nicht entgehen lassen. Sie stand zwar nur im Reisekatalog „Türkische Südküste“. Aber Kataloge dürfen nicht lügen. Wen konnte ich hier am Strand besuchen? Überall vertraute Laute „Den Kaffee morjens kannste verjessen un de Brötchen waren von vorjestern.“. Ich hatte mir ein Wörterbuch „Türkisch in dreißig Tagen“ gekauft.…
-
Schlossbad Niederrhein
Ich habe Dir lange nicht mehr geschrieben, Heiliger Vater. Als Du in den Dolomiten warst, hättest Du auch keine Zeit gehabt, Briefe zu lesen, die alle Welt Dir schreibt. Du hättest dich nur geärgert. Die zweieinhalb Wochen Urlaub, die Du Dir geleistet hast, seien zu teuer gewesen, sündhaft teuer sogar. Ein Mitbruder von Dir –…
-
Manchmal
manchmal blick ich zurück Jahre gehen dahin scheinbar sind keine Spuren Tage zerrinnen wie nichts meist war alles in Fülle Leben hat mich geprägt daher blick ich nach vorn Zukunft ist mir im Blick dahin nehme ich mit gestern und morgen alles 0 – 0 Thank You For Your Vote! Sorry You have Already Voted!
-
Wohin mit dem Geschenkpapier?
Bisher habe ich es immer gesammelt, die Klebestreifen entfernt, wieder glatt gebügelt. Zu Schade, es weg zu werfen. Ich kann es bestimmt wieder brauchen. Auch die Bänder, Schleifen, Engelchen und Sternchen. Jetzt ist Schluss. Einen ganzen Karton habe ich gesammelt. Wofür? Wenn ich wieder etwas einkaufe, um es zu verschenken, lasse ich es einpacken. Weh…
-
romantisch frech emanzipiert
Er ist wieder im Programm. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Tschechisch-deutscher Märchenfilm. Kultfilm. Liebesgeschichte um Aschenbrödel und ihren Prinz. Märchengeschichte mit drei Zaubernüssen und der Eule Rosalie. Nicht nur Wintermärchen und Kinderfilm. Auch für Erwachsene. Aschenbrödel. Keine Groschenroman-Figur. Keine Frau, die sich selbst verwirklicht. Kein weibliches Wesen, das unter ihrem verkanntem Frau-Sein leidet und sich unverstanden…
-
Weihnachtsträume
„Wählen Sie Ihre Weihnachtsträume.“ Das Angebot kommt überraschend. Beilage in der Tageszeitung. Ankreuzen, Absender nicht vergessen, Porto zahlt Empfänger, Briefkasten. Träume, die nicht nicht zerplatzen sollen wie Seifenblasen. Dass erfüllte Träume mein Bankkonto belasten, steht im Kleingedruckten. Weihnachten – frohlockende Zeit. Nur ein paar Kreuze und schon ist Weihnachten. Warum ist das Leben nicht auch…
-
Im Bus auf Tour
Mein Busfahrer ist kein Frühaufsteher. Das verrät er mir in einer Fahrpause. Ansonsten darf ich mit dem Fahrer nicht sprechen – so steht es auf dem Schild. Da nicht viele Fahrgäste um 13.09 Uhr in die Linie 10 Richtung Flughafen einsteigen, kann der Fahrer gelassen seine Tour starten. Gestern hatte er dienstfrei. Die Schwüle musste…
-
Brief ans Christkind und den Weihnachtsmann
Hoffentlich kommt der Brief noch bei euch an. Ich habe gehört, dass ihr jetzt viel unterwegs seid, weil ihr Geschenke besorgen müsst. Habt ihr überhaupt noch Zeit, euch um die Briefe zu kümmern, die man euch schreibt? Meinen müsst ihr auf jeden Fall lesen. Er ist sehr wichtig. Mama darf nicht erfahren, dass ich euch…
-
Der Bio-Weihnachtsbaum
Mit Axt und Säge rückten sie mir zu Leibe. Dass ich ächzte und stöhnte, kümmerte sie nicht, oder sie überhörten es. Einen selbst geschlagenen Weihnachtsbaum wollten sie ins Zimmer stellen. Einer meinte, er wolle wissen, wo sein Baum gewachsen sei. Tannenbaum in Eigenherstellung. So wie sie mich behandelten, konnte ich darauf schließen, dass sie noch…
-
Schön, dass ihr da seid
Es kam die Zeit, dass sie kommen sollten, aber sie kamen nicht. Die Folkloregruppe mit Kindern aus Weißrussland sollte gegen 21 Uhr eintreffen. Der Bus sei unterwegs, wurde uns mitgeteilt. Auf dem großen Parkplatz erwarteten wir Jungen und Mädchen, die während der Adventszeit in Schulen und Kirchen unserer Stadt auftreten wollten. Zwei Wochen lang sollten…
-
Windlichter
Im Gedränge musste ich auf meine Windlichter achten, damit sie nicht zertreten wurden. Kein einziges hatte ich verkauft, obwohl morgen der Erste Adventssonntag war. Einpacken wollte ich und nicht länger in der Kälte ausharren. Dann stand die Frau vor mir. Gesehen hatte ich sie nicht. Fünf Lichter wollte sie haben. Sie drückte mir einen Geldschein…
-
Kirche zum Anfassen
Ein Missionar, der im brasilianischen Regenwald tätig war, stammte aus meinem Heimatort. Wenn er Heimaturlaub hatte und die Messe in der Kirche unseres Tausendseelen-Dorfs feierte, war ich stolz, als Ministrant dabei sein zu dürfen. Messdiener seien Gott besonders nahe, versicherte der Pater. Davon spürte ich nicht viel. Dass man, wie der Pater andeutete, im Glauben…




