Kategorie: Lese-Ecke
Peter Josef Dickers
-
Totenzettel
Gefallene oder vermisste Väter, Söhne und Freunde waren überall in der Nachbarschaft zu beklagen. Ich war noch zu jung, um mir vorstellen zu können, was das bedeutete. Ich meine mich daran erinnern zu können, als der Briefträger kam und meiner Mutter einen Brief in die Hand drückte. Aus Bruchstücken setzt sich meine Erinnerung daran zusammen.…
-
Ehrenvoll
Meine Mutter war fünfunddreißig Jahre alt, als ihr „der Heldentod“ meines Vaters mitgeteilt und zum „ehrenvollen Andenken an den tapferen Krieger“ aufgerufen wurde. Ob es für sie viel bedeutete, dass er „als vorbildlicher Soldat in treuer Pflichterfüllung gefallen“ war? Über ihre eigene treue Pflichterfüllung hat sich die patriarchalisch geprägte Gesellschaft wahrscheinlich keine Gedanken gemacht. Das,…
-
Maikäfer flieg
Beendet wurden die bedrängenden Umstände durch die Währungsreform. Die Deutsche Mark wurde alleiniger Bezugsschein für Waren. Im einzigen Geschäft des Dorfes tauchte über Nacht das zu hohen Preisen in den Regalen auf, was anscheinend tags zuvor noch nicht existiert hatte. Rosige Märchenbilder sind nicht die Bilder jener Jahre, die in mir haften geblieben sind. Wenn…
-
Die Pendeluhr – Vorwort und Spurensuche
Viele Geschehnisse in meinem Leben führten lange ein Schattendasein in fast vergessenen Ordnern. Dann machten Freunde mich neugierig: „Gibt es Ereignisse in deinem Leben, die wir nicht kennen?“ Gab es welche? Wenn ja, wen, außer mich selbst, konnten sie interessieren? Warum sollten andere erfahren, was mich betraf? Waren Außenstehende befugt, in meine Geschichte hineinzuhören? Wo…
-
Irgendein Simon
ich mische mich nicht ein Proteste und Beten sind nutzlos Ruhe empfahl mir der Arzt außerdem hab ich Migräne ich mische mich nicht ein mich fragte keiner Undank ist der Welt Lohn lieber nicht die Finger verbrennen ich mische mich nicht ein sie nahm nicht die Pille es musste so kommen sie wusste es besser…
-
Die Pendeluhr
Inzwischen hatte ich meinen ersten Dienst als Kaplan angetreten. Eines Tages besuchte ich jemanden, über dessen Schreibtisch eine Pendeluhr hing. Ich wusste nicht, nach welchem System sie funktionierte. Ihr Besitzer war stolz, mir Pendel-Nachhilfe erteilen zu können. Die Uhr faszinierte ihn und mich. Das schwingende Pendel gab an einem bestimmten Punkt einen Impuls an das…
-
Alles, was Recht ist
Vergangene Nacht wurde ich um Zwei Uhr wach. Ich hatte mir vorsichtshalber den Wecker gestellt. Die Straßenlaterne vor meinem Schlafzimmerfenster brannte wie immer, obwohl ich denen bei der Stadt Zuständigen wiederholt erklärt habe, welcher Unfug es ist, nachts mein Schlafzimmer zu erleuchten. Nichts hat sich getan. Die Lichtan- und -ausmacher haben taube Ohren. Verantwortungsbewusste Bürger…
-
Ihr Muslime
Euer Gott ist groß Sein Prophet ist mächtig Eure Religion ist friedlich Ihr verurteilt Fanatismus und Hass Ihr lebt unter uns Ihr gehört zu uns Ihr seid uns Brüder und Schwestern Manchmal verstehen wir uns nicht Ihr betet und fastet Ihr helft Euren Nächsten Ihr pilgert zu heiligen Stätten Lasst Gewalt nicht zu Wir haben…
-
Freunde
Meine Idee fand ich hervorragend. Ein besonderer Anlass rief meine Mitmenschlichkeit auf den Plan. Zu meinem Freundeskreis gehören Leute, die nicht Jedermanns Freund sind. Aber sie besuchen mich öfter als andere Freunde. Meistens zufällig. „Hast du einen Euro für mich?“ Den Euro gebe ich meistens. Willi kenne ich schon lange. Außerdem duzen wir uns. Unter…
-
Gras wachsen lassen
irgendwann merkt man es stimmt etwas nicht vielleicht war es wichtig oder auch nicht doch könnte es sein dass es Jemanden stört die Frage ist also wie man es klärt man kann es vergessen es wird viel geschrieben es wird viel gelesen ist zu vermuten es geht wie so oft die Nachrichtenflut spült Vieles hinweg…
-
Der Oberarzt
Der Professor hatte mir gesagt, der Eingriff lohne sich. Zwei andere Ärzte hatten abgeraten und erklärt, mit diesem Problem müsse ich leben. Der Professor machte mir Mut. Jetzt lag ich auf dem Operationstisch-Tisch, eingehüllt in grüne Laken, umgeben von grünen Schwestern mit grünem Mundschutz. Operationssäle sind steril. Sie lassen einen nicht entkommen. Angeschnallt, angekabelt, Kanüle…
-
Falten
Ob es bei mir nicht zu spät sei. Ob auch reife Haut über sechzig behandelt werden könne, fragte ich. Aber natürlich. Fortschrittliche Medizin betrachte den Menschen als Ganzes, nicht nur sein Alter. Sensible Beratung und sanfte Methodik seien mir gewiss, und ein angenehmes Ambiente gebe zusätzliche Sicherheit. Es ist wahr: Die Spuren der Zeit machen…
-
Das Zirkuspony
Es war eine schöne Zeit. Am liebsten wäre mir, sie würde nie zu Ende gehen. Immer war ich geduldig, gutmütig, zu allen freundlich. Durch nichts habe ich mich aus der Ruhe bringen lassen. Die Zuschauer habe ich zum Lachen und Staunen gebracht, wenn ich einen Hund oder eine Katze auf meinem Rücken reiten ließ. Vor…
-
Große Scheine in kleiner Tasche
Üppig war der Betrag nicht, den ich erspart hatte; unbedeutend klein auch nicht. Das Geld ausgeben, mir ein paar schöne Tage gönnen – dazu konnte ich mich nicht entschließen. Schöne Tage gab es vielleicht einmal gratis. Warum sollte ich Erspartes dafür opfern? Dass vor dem Komma eine Null stand, wenn ich meine Ersparnisse günstig anlegen…
-
Wie auf einer Reise – Ein Brief
Eigentlich muss ich dir nicht schreiben, weil wir uns oft sehen und miteinander reden. Aber ein Brief ist etwas anderes als ein Gespräch. Man kann ihn lesen, weglegen, ihn ein zweites oder drittes Mal lesen. Beim zweiten oder dritten Mal sieht man vielleicht genauer hin als beim ersten Mal. Vielleicht fällt einem etwas auf, was…
-
Ich passe auf Sie auf
Er sitzt mir auf einem Klappstuhl gegenüber. Er müsse auf mich aufpassen, erklärt er. Das wird ihm nicht schwerfallen, da ich angeschnallt bin. Große Bewegungsfreiheit habe ich nicht. Uns verbindet derselbe enge Raum eines Krankenwagens auf der Fahrt in die Klinik. „Sagen Sie Jimmy zu mir“, ermuntert er mich. „Ich bin der Sani, freiwillig, seit…
-
Wo sind meine Fische?
Mein Gartenteich ist ein kleines Paradies. Er ist nicht übermäßig groß, aber es wird auch nirgendwo beschrieben, wie groß das andere Paradies war. Dass Teichbesitzern die Algenpest ein Dorn im Auge ist oder dass ihnen zu üppiges Ausbreiten von Algen und Wasserpflanzen Kummer bereitet, verstehe ich nicht. Vielleicht ist mein Teich zu klein für Hiobsbotschaften.…
-
Nach neun Monaten
„Kannst du nicht die Beine bei dir halten? Dein Strampeln nervt mich.“ „Für mich ist es hier genau so eng wie für dich. Ich will raus.“ „Und wo willst du hin?“ „Raus, habe ich gesagt.“ „Und wo geht es hier heraus? Hast du eine Tür entdeckt oder ein Fenster, aus dem du springen kannst?“ „Ich…



