Autor: Peter Josef Dickers

  • Atlantik genießen

    Atlantik genießen

    Fünf Tage Atlantik. Zweitgrößter Ozean. Hundert Quadratkilometer Wasser, einschließlich der Nebenmeere. Nur Schiff. Und das bei diesem Wellengang?  Nichts war mit „Liegestühle stehen Ihnen kostenlos zur Verfügung“. Die standen wie Fischstäbchen in Reih und Glied auf dem Sonnendeck. Regenschutz und Sturmhauben. Kein Sonnenbad. Aber Kickerspiele, Kostüme basteln, Spanisch-Kenntnisse auffrischen, Kinderlieder lernen.

    Wenn sich ein Schiff mit 22 Knoten durch den Atlantik bewegt, hat man Zeit. Ich entschied mich für Regenjacke und einen Platz in einer windgeschützten Ecke. Lesen, schreiben, faulenzen. Das Schiff bot Raum für erholsames Alleinsein. Atlantik genießen, Wellenberge erleben, Wortfetzen auffangen. „Ich habe Shorts und Sommerblusen eingepackt.“ Die Damen entschwanden. In die Sauna. Zu Freizeitaktivitäten, die verhinderten, in Langeweile abzudriften.

    Der Katalog beschrieb das spektakuläre Ambiente und die heißen Nächte an der Bar. Er pries die Unterhaltungsmaschinerie und die Rundumbetreuung, die alle Bedürfnisse zu befriedigen versprach. Von möglicher stürmischer Überfahrt erwähnte er nichts. Rasende Wellenberge, wie sie von Erdbeben oder Vulkanen unter der Meeresoberfläche verursacht werden, rasten wahrscheinlich nicht auf das Schiff zu. Aber je kleiner man sich fühlt gegenüber nicht abschätzbaren Gewalten, desto größer und bedrohlicher erscheinen sie einem. Hatte ich nicht gelesen, für geübte Surfer bedürfe es keines besonderen Mutes, sich dem Rausch der Wellen zu überlassen? Haushohe Wasserlawinen sind ihnen kein Graus. Sie reiten todesmutig auf ihnen zu Tal – auf der Suche nach der wahren Freiheit, die kein noch so hoher Wellenberg zu beschneiden vermag.

    Ich vertraute eher der biblischen Weisheit, dass Glaube Berge versetzen kann, auch Wellenberge. Warum mussten wir drohenden Wellenbergen entgegen steuern? Gab es nicht Ausweichrouten? Wenn die Israeliten trockenen Fußes das Rote Meer passieren konnten, wie die Bibel erzählt, warum sollten dann nicht auch wir dem Sturm und den Wellen entgehen können? Die Hoffnung erwies sich als Trugschluss. Der Himmel verfinsterte sich. Die Berge wurden höher. Die Wellen berauschten sich an sich selbst. Kein Wassererlebnispfad. Was war mit dem Glauben, der Berge versetzen soll? Ich hatte mich impfen lassen gegen Tetanus und Hepatitis, nicht gegen Stürme und Windstärke Acht. Dann ließ der Wind nach. Die Berge wurden kleiner. Der Himmel hellte sich auf. Das Meer hatte ein Einsehen.

    Es blieb erstaunlich gelassen an Bord. Ängste verflogen. Rettungsringe und Rettungsboote blieben an ihrem Platz. Krankheits- und Leidensgeschichten verebbten. Mägen gewöhnten sich an gelegentliche Schräglagen des Schiffs. Wer es sich zutraute, tat seinem Magen etwas Gutes. Man fand Zeit, Neues zu entdecken. Das Hohelied auf den Umweltschutz beispielsweise. Energie- und Umweltauflagen, Abfall- und Abwasserrecycling würden strikt eingehalten, stand auf der Tafel. Man bemühe sich, die Meeresumwelt zu schützen und Abfälle, die in den Häfen zu entsorgen seien, auf ein Minimum zu beschränken. Warum immer mehr Kreuzfahrtschiffe gebaut werden und dazu immer größere, die immer mehr Müll produzieren, verriet die Tafel nicht. Fünfzig Tonnen flüssige und feste Abfälle fallen pro Woche und Schiff an, wird gesagt. Werden sie entsorgt in den dafür vorgesehenen Entsorgungsstationen? Wie viele landen im Meer? Bei einer maximalen Meerestiefe von neuntausend Metern relativieren sich Gewissensbisse.

    Ich zog mich in die Kabine zurück. „Bitte nicht stören“. Bis zum Abendessen hing der Hinweis für den freundlichen Kabinenservice außen an meiner Kabinentür.

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  • Richtung Süden – Antarktis

    Richtung Süden – Antarktis

    Wo geht’s zur Antarktis? Richtung Südpol, gegenüber dem Nordpol. Eisberge, kleine und haushohe. Farbenspiele. Blau-, Rot- und Grüntöne wetteifern  im Sonnenlicht. Antarktis. Gegen-Arktis. Nur den kleinen Zipfel der Antarktischen Halbinsel können Kreuzfahrtschiffe im antarktischen Sommer anfahren. Im antarktischen Winter scheint die Sonne nicht, im antarktischen Sommer 24 Stunden am Tag. Ob das alle Passagiere wissen? Wer den Tag über am Pool liegt – Schiff mit aufklappbarem Sonnendeck – hält das nicht für wichtig.

    Fünf Grad plus zeigt das Thermometer an. Makellos steht die Sonne am stahlblauen Himmel. Es ist windstill. Dem Kreuzfahrtriesen, der über Ushuaia auf Feuerland und an Kap Horn vorbei hier her gefunden hat, gefällt das Wetter. Die weiße Außenhaut des Schiffs glänzt im türkisfarbenen Wasser, eingefangen vom beeindruckenden Panorama. Schroffe, mit Eis und Schnee bedeckte Gebirgszüge. Eine Traumwelt. In der oft nur wenige hundert Meter breiten bzw. engen Fahrrinne glitzern Eisschollen und Eisberge. Seerobben räkeln sich in der Sonne. Schon während der Fahrt durch die chilenischen Fjorde standen die Reisenden fasziniert an der Reling – einige, weil ihr Magen gegen die Schaukelbewegungen des Schiffes revoltierte.

    Antarktis, Kontinent unter Eis. Fast kreisrunder Kontinent, eineinhalb Mal größer als Europa, bedeckt mit einer bis zu 4500 Meter hohen Eisdecke, die Dreiviertel der weltweiten Süßwasser-Reserven enthält. Gigantische Tafeleisberge brechen vom Schelfeis ab. Tausende Kilometer können sie auf dem Meer treibend zurücklegen. Ließen sie sich abschleppen Richtung Sahara als Süßwasserspeicher?

    Dass wir eintausend Kilometer von der Südspitze Südamerikas entfernt sind, registrieren nicht alle. Football-Übertragungen in der Lounge und Glücksspielautomaten beanspruchen Aufmerksamkeit. Wer kann sich für den Geographischen Südpol oder für den Magnetischen Südpol interessieren, wenn gleichzeitig zur Kunstauktion geladen wird? 8000 Dollar-Bilder wandern ins Reisegepäck. Von der Gegend, durch die das Schiff während dessen fährt, muss man nichts mitbekommen.

    Das aber interessiert auch amerikanische Kreuzfahrer: Seit 1956 unterhalten die Amerikaner am Geographischen Südpol eine Ganzjahresstation. Bei jährlichen Durchschnittstemperaturen von minus 55 Grad Celsius muss man sich warm anziehen. Die Russen in der Wostok-Station heizen noch stärker, da sie schon minus 89 Grad Celsius gemessen haben.

    Den Ozeankreuzer dürfen wir nicht verlassen. Vielleicht ist es gut, nicht an Land zu gehen. Ein Fußabdruck im Moos soll noch nach einhundert Jahren zu sehen sein. In der Packeiszone hat sich eines der üppigsten Ökosysteme der Welt entwickelt. Flora und Fauna gedeihen nur in Küstennähe; die Tiere ernähren sich aus dem Meer. Auf dem Panoramadeck macht es „klick“ und „klack“, wenn ein Schwarm Buckelwale auftaucht oder wenn sich die Ureinwohner der Antarktis, die Pinguine, ins Wasser stürzen.
    Durch die Scheiben des komfortablen Kreuzfahrtschiffes schauen wir hinaus in eine andere Welt. Möge sie Traumwelt bleiben. Möge sie auch in Zukunft den Pinguinen, Albatrossen, Seelöwen, Seehunden, Robben und Walen gehören, die uns nur als Besucher dulden.

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  • Wunderbare Landschaft

    Wunderbare Landschaft

    Sie sei die schönste Landschaft der Welt, wird behauptet. Guilins Berge und Flüsse überträfen alle Schönheiten dieser Welt. Ich wollte mich von ihrer wundersamen Schönheit, von den unwirklich erscheinenden Kalksteinkegeln und nebelverhangenen Gipfeln, von der bizarren Formenvielfalt überzeugen. Die chinesische Landschaft am Li-Fluss zwischen Guilin und Yangshuo entstand, als vor 200 Millionen Jahren durch eine tektonische Erhebung der Meeresboden zurück wich und die übrig bleibenden Berge allmählich zerklüfteten. Jetzt erheben sich die Berge unmittelbar aus der Ebene und streben steil nach oben, unterschiedlich in ihrer äußeren Gestalt. Maler und Dichter haben sich ihrer angenommen.

    Ich saß auf einem der vielen Schiffe, die den Li-Fluss befahren. Man kann bedauern, dass mehr als eine Million Touristen hierher kommen, dass tausende Touristen am gleichen Tag das Gleiche vorhaben, dass 250 Schiffe wie in einer Schiffsprozession die gleiche Strecke fahren, dass die besten Plätze an der Reling belegt sind, wenn man fotografieren will. Ich nahm es hin. Vier Stunden lang hatte ich Zeit, Schiffe und Passagiere zu übersehen und die Szenerie zu genießen.

    Wind und Wasser haben im Verlauf vieler Millionen Jahre eine unvergleichliche Landschaft geschaffen. Die chinesische Sprache drückt Begriffe in Bildern aus. Berge, die am Schiff vorüber ziehen, tragen Namen, die Sichtweisen oder Gefühle wiedergeben. Berg der farbigen Schichten, Elefantenrüssel-Berg, Mondsichel-Berg, Wellen besänftigender Berg, Pferdegemälde-Berg, Fels des Leuchtenden Mondes, Gipfel der einzigartigen Schönheit, Fünf-Finger-Berg. Die Seitenansicht des Fünf-Finger-Berges, der auf der Rückseite des neuen chinesischen 20-Yuan-Geldscheins abgebildet ist, soll einem Mädchen gleichen, das sich gerade kämmt. Sprache drückt Erlebtes aus. Die kegelförmigen Berge stehen mitten in Reisfeldern, in Bambushainen und Plantagen. Pampelmusen und Hirse, Süßkartoffel und Erdnüsse werden geerntet.

    „Hier waren vor fünfzehn Jahren noch Reisfelder.“ Die chinesische Reiseführerin pries in Shanghai die Vorzüge der überdimensionalen Hochhäuser. Sie kennt wohl nicht die Landschaft am Li-Fluss. Ein Mitreisender fotografierte einen Bauern und seinen Büffel aus allen denkbaren Kamera-Blickwinkeln. Bauer und Büffel ließen sich für ein paar Münzen auf die Szenerie ein. Sollten nicht doch Hochhäuser hier errichtet werden?

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  • Verhüllt

    Verhüllt

    Ich hatte von einem ägyptischen Topmodel gehört, das sich nach mehrjähriger Karriere im Modegeschäft für den Schleier entschloss und ihre Model-Karriere aufgab. Ihren exotisch-afrikanisch aussehenden Körper mit den perfekten Maßen vor aller Welt zu enthüllen, entsprach nicht mehr ihrer Lebensphilosophie.

    Männliches Offenbarungsbedürfnis und weibliche Hängepartien am Swimmingpool hätten das ebenfalls beherzigen sollen. Verhüllungstextilien der marokkanischen Tuchindustrie hätten reißenden Absatz finden können. Enthüllung kann befreien von Körperfeindlichkeit und neurotischer Übersteigerung des Schamgefühls. Wollen das auch die nicht-islamischen Nackedeis für sich beanspruchen, die sich von den verschleierten Hotel-Bediensteten den Orangensaft am Pool servieren ließen?

    In Agadir, der modernen Stadt an der Atlantikküste, fielen sie mir auf. Drei Viertel der marokkanischen Frauen und Mädchen, denen ich in der Stadt und am Strand begegnete, trugen ein Kopftuch, viele den Tschador, der Kopf und Körper verhüllte. Unbekümmert schlenderten sie über die Strandpromenade, liefen am Wasser entlang, saßen in den Strandcafes. Unter Kopftuch und Tschador steckten vermutlich selbstbewusste Mädchen und Frauen. Was hielten sie von den Sonnenbrand-Touristen und den Minimal-Textilern? Dürfen sie nicht unseren Respekt erwarten, wenn sie sich in ihrer Verhüllung geborgen fühlen? Was ist mit denen, die sich um ihrer selbst willen enthüllen und zur Schau stellen? Fragen, die auf Antworten warten.

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  • Die Reise der Pinguine

    Die Reise der Pinguine

    Grandiose Eisberge hatte ich bei einer Antarktis-Kreuzfahrt gesehen. Auch Pinguine waren mir vertraut. Jetzt bewunderte ich Eisberge und Pinguine im Film. Kein Film über die Antarktis, sondern ein Film darüber, wie sie lebt und wie die Kaiserpinguine mit diesem Leben zurechtkommen. Sie brüten im Winter an den Küsten der Antarktis.

    Auch Lena wollte die Pinguine sehen. Vieles wusste sie über deren Leben. Jetzt wollte sie mehr erfahren über ihr Verhalten, über die Geburt und Versorgung ihrer Jungen. Ihr Interesse wurde belohnt.

    Zum Greifen nah erscheint auf der Leinwand ein lebensfeindlich anmutender Kontinent. Am Horizont taucht ein langer Zug undeutlich erkennbarer Gestalten auf, wie in einer Prozession – die Reise der Pinguine in ihr Winterquartier. Kilometer lang. Manchmal gleiten sie auf dem Bauch rutschend über das Eis, ihre Flügel wie Brustflossen benutzend. Sie stützen sich auf ihren Schnabel oder benutzen ihn wie einen Krückstock, um sich wieder aufzurichten. Ihre Schritte knirschen auf dem tief gefrorenen Untergrund.
    Die Kamera schwenkt an der endlos erscheinenden Kolonne vorbei zu einem Versammlungsplatz der Pinguine. Viele tausend Vögel sind an ihrem Brutplatz eingetroffen. „Wie finden sie den Weg dahin?“ raunte Lena mir zu. „Man nimmt an, dass sie sich an Sonnenstand und Sternenhimmel orientieren“, raunte ich zurück.
    Berührend schön und behutsam fängt die Kamera die Paarbildung und das Balzritual ein. Die Partner stehen sich mit gebeugten Köpfen gegenüber. Sie verständigen sich durch verschiedene Bewegungen, mit für uns merkwürdig klingenden Stöhn- und Schnarrtönen, mit Quietsch- und Trompetenlauten. Lena war fasziniert. Pinguine brauchen nicht wie sie Englisch und Latein zu lernen, um sich verständigen zu können. Hin und wieder schubste sie mich an. „Süß!“
    Schneetreiben kündigt den nahen Winter an. Ein Weibchen legt das erste Ei. Spannend zu sehen, wie das Männchen das 500 Gramm schwere Ei mit Hilfe des Schnabels auf seine Füße hievt. In einer Bauchfalte wird es von ihm ausgebrütet. Kaiserpinguine brauchen kein Nest. Es gibt kein Nistmaterial. Aber auch das wird gezeigt: Ein noch unerfahrenes Paar verliert das Ei. Es gefriert in Kürze und zerspringt. Natur ist nicht heile Welt. Lena wurde ganz still.
    Der Winter tobt mit tosenden Stürmen über die Leinwand. Dicht gedrängt stehen die Vögel. Sie rotieren, jeder sein Ei auf den Füßen, vom Rand ins Zentrum des Pulks, dann wieder hinaus an den Rand. Das Heulen des Sturms verschluckt ihre Schreie.  Die Weibchen haben inzwischen den Brutplatz verlassen. Sie müssen im Meer ihre Fettreserven auffüllen und dazu mehrere hundert Kilometer zurücklegen. Wenn zwei Monate später ihr Küken schlüpft, werden sie zurückerwartet mit der ersten Mahlzeit für das Neugeborene.

    Lena wirkte erleichtert. Die Vögel schießen im Meer wie Torpedos dahin, tauchen wieder aus einer Lagune auf. Sie fressen Krill, jagen Sardinen und Tintenfische. Bis zu zehn Kilogramm fressen sie bei einem Beutezug. Die Verdauung können sie unterbrechen, um zur Fütterung ihrer Jungen unverdaute Nahrung im Magen zurück zu behalten.

    Plötzlich füllt der rote Rachen einer Robbe die Leinwand aus. Ein Pinguin-Weibchen wird nicht mehr zu ihrem Küken zurückkehren. Lena später: „Es war schrecklich, sehen zu müssen, wie der Pinguin von einer Robbe angegriffen wurde.“ Sofort versuchte sie, ihre Erfahrung zu verarbeiten: „So ist es leider in der Tierwelt.“

    Die Kamera schwenkt zurück zum Brutplatz. In einem schwarzen Ei zeigt sich eine weiße Öffnung. Man hört ein leises Tschilpen. Ein Junges schlüpft. Mehr als zwei Monate lang stehen die männlichen Tiere ohne Nahrung auf dem Eis. Mit einem letzten Sekret aus ihrem Schnabel sichern sie kurzfristig das Überleben des Kükens. Wenn die Weibchen nicht bald eintreffen, werden auch sie sich zum Meer aufmachen. Die junge Brut würde sterben. Auch meine Begleiterin spürte die Dramatik. „Manchmal kann man die Pinguine beneiden, da sie drei Monate lang ohne Nahrung auskommen.“ Im Kinoraum raschelten Bonbon-Tüten. Lange Strohhalme steckten in Cola-Dosen.

    Dann tauchen die Weibchen auf. Pinguine haben ein gutes Gedächtnis. Sie finden aus Kilometer weiten Entfernungen den Weg zurück nach Hause. Nicht nur Lena staunte. Wenn sich ein Pinguinpärchen nach langer Abwesenheit wieder trifft, begrüßen sich beide mit einem Ritual aus Bewegungen und Geräuschen. Jeder erkennt seinen Partner in einer Kolonie von mehreren tausend Tieren wieder „Mein Papa würde mich auch wieder finden“, flüsterte jemand neben mir.
    Lena ist in guten Händen, geschützt vor Sturmvögeln. Ihre Reise ins Leben hat sie noch vor sich. Hoffentlich wird diese weniger beschwerlich als die Reise der Pinguine.

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  • Nicht grübeln

    Nicht grübeln

    immer grübeln

    fragen wollen

    wissen wollen

    begründen wollen

    es wird gegrübelt

    über die Welt

    über das Leben

    immer

    ich grüble nicht

    ich denke

    ich denke, wenn ich denken muss

    nur dann

    ich grüble nicht

    mir würde übel vom Grübeln

    daher sage ich

    Ruhe da oben

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  • De bello

    De bello

    Ich liege auf der Terrasse. Das Haus soll ich bewachen. Niemand zu sehen. Ignoriert man mich? Warum muss ich wachen, wenn sich niemand blicken lässt? Ich belle. Irgendeiner wird mich hören. Keine Antwort. Ich belle lauter. Nichts rührt sich. Wachen ist langweilig. Das werde ich laut hinausbellen. Alle sollen es hören. Ich fühle mich ungerecht behandelt. Dagegen werde ich bellen. Gegen das Wache-Schieben, gegen die Ungerechtigkeit werde ich bellen. Dagegen, dass mich keiner hört. Dagegen, dass man mich ignoriert.

    Soll ich aus Protest nicht mehr bellen? Vielleicht kommt dann jemand und fragt, warum ich nicht belle. Aber wer soll mich hören, wenn ich nicht belle? Woher soll man wissen, dass ich hier liege? Nicht bellen ist nicht gut. Nicht protestieren schadet mir. Wenn ich gehört werden will, muss ich bellen. Was ist, wenn ich leise belle? Wer mich hören will, wird sich anstrengen müssen. Man wird sich wundern und fragen, ob ich ein Problem habe. Je leiser der Schnee fällt, desto länger bleibt er liegen, hat einer gebellt. Ob sie daher „Leise rieselt der Schnee“ singen?

    Ich werde ein Buch schreiben. „De bello“. Über das Bellen. Besser „De bello pianissimo“. Über das leise Bellen. Ob es gelesen wird?

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  • Der Stimulator

    Der Stimulator

    „Ein intensives Gefühl bemächtigt sich Ihrer. Ein Prickeln durchläuft ihren Körper vom Scheitel bis zu den Fußsohlen.“ Die Anleitung stellte es in Aussicht. Ich hoffte vom Genuss solcher Glücksgefühle nicht ausgeschlossen zu werden. Mario war überzeugt, der Stimulator werde bei mir wirken. Außerdem war es ein therapeutisches Instrument. Jede Therapie ist von Nutzen, zumindest für den Therapeuten.

    Die australischen Aborigines hätten den Stimulator erfunden, stand im Prospekt. Er wirke wie eine positive Energiequelle und bringe völlige Entspannung. Warum hatte er jetzt erst den Weg nach Europa gefunden? Die Behandlung  könne mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern, war dem Prospekt zu entnehmen. Das Antistress-Gerät werde am Kopf eingesetzt. Zwölf Fangarme, Tentakeln genannt, würden die Kopfscheitelflächen erreichen und optimalen Wohlfühleffekt bewirken. Die Kopfmassage werde das Denkvermögen verbessern. Bisher war ich davon ausgegangen, dass es bei mir noch intakt war.
    Ehe sich mein Körper auf die versprochenen Endorphine freuen konnte, galt es Wichtiges zu klären. „Hast du die Tentakelspitzen auf die material-bedingten scharfen Polierreste kontrolliert, die trotz strenger Qualitätskontrolle vorhanden sein können?“ Ich stellte die im Prospekt vorgesehene Frage. Mario suchte nach Schere, Nagelfeile und Bürste, um Polierreste zu entfernen. Der Stimulator sollte die Blutzirkulation der Kopfhaut stimulieren. Polierreste hätten das intensivieren können, jedoch war das im Prospekt nicht vorgesehen. Langes Haar musste lose herabhängen, damit ein Kontakt mit der Kopfhaut möglich war.

    Mario selbst hatte mit meinem Haupthaar keine Probleme. Dennoch fiel mir auf, dass er den Griff des Stimulators musterte. Stimmte etwas nicht? Wenn der Griff angelaufen aussah, sollte man die Spuren mit einem Poliertuch beseitigen. Mario folgte der Empfehlung: Wenn Sie den Stimulator mit Wasser reinigen, lassen Sie ihn danach 24 Stunden mit den Tentakeln nach unten trocknen.

    Der Stimulator wirkte beruhigend, noch ehe ich die in Aussicht gestellte Wirkung seiner langsamen Drehbewegungen auf meinem Kopf verspürte. Ein intensives Gefühl stellte sich ein. Ich war mir sicher, der Stimulator würde Depressionen überwinden, auch wenn ich noch keine verspürt hatte.

    Den Aborigines sei Dank. Ihr Produkt überzeugt – schon ehe es benutzt wird.

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  • Am Anfang war die Null

    Am Anfang war die Null

    Die Geschichte ist wahr, mag man sie auch für eine Null-Nummer halten. Nullen geraten ins Hintertreffen, obwohl niemand an ihnen vorbeikommt. Null Bock haben viele auf die Null, obwohl sie wissen, dass jeder beim Nullpunkt begonnen hat. Man flieht vor der Null, als sei sie die schändlichste Erfindung der Zeitrechnung. Kann man untertauchen, bis die Null vorbei ist? Sie wird einen einholen. Die nächste Null kommt bestimmt.

    Es gibt viele Null-Runden. Eine Null wird von anderen Nullen geehrt, von gegenwärtigen, künftigen und vergangenen Nullen – auch  von Nullen, welche die eigene Null für null und nichtig erklären. Es klingt wenig optimistisch, dass dreimal null auch null ist. Das ist kein Grund zur Entmutigung. Jede Zahl wird nur zweistellig, wenn sie sich hinten zumindest mit einer Null schmückt. Niemand will ein Leben lang einstellig bleiben. Vier, Sieben oder Neun sind schöne Zahlen, aber wer möchte dabei stehen bleiben? Man wäre noch in der Grundschule, erhielte Kinderschokolade zum Geburtstag. Wer wünscht sich das? Dank Null-Wachstum erreichen wir die Vierzig, Siebzig oder Hundert – durch schöne, kleine Nullen.

    Zwischen Null und Hundert liegt oft eine Menge Mühsal auf dem Weg. Mit null Problemen bewältigt sie niemand. Mancher ist froh, wenn er in seiner Bilanz eine schwarze Null zu erreicht oder wenn seine Planspiele „null zu null“ ausgehen. Wenn er dennoch „null zu eins“ verliert, freut er sich, dass es nicht schlimmer gekommen ist.

    Das Leben ist ein Nullsummenspiel. Am Anfang war die Null. Nullen kommen und gehen. Wieder bei Null anfangen, kommt öfter vor, als man denkt. Daher bleibt zu empfehlen: einen Nullouvert, mit offenen Karten spielen. Nullen sind nicht wertlos.

    Gute Unterhaltung mit: “Esel haben keine Lobby“.
    Wer das Buch “Esel haben keine Lobby“ zum Preis von 12 Euro käuflich erwerben möchte, meldet sich gerne bei MG-heute unter der E-Mail Adresse: harald.wendler@mg-heute.de

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  • Der Schauspieler – Gedanken zu Pfingsten

    Ich denke zurück an jene Pfingsttage, die ich im Krankenhaus verbrachte. Das Zweibettzimmer teilte ich mit einem Schauspieler, der sich bei einer Theateraufführung ein Bein gebrochen hatte. Eine Welt war für ihn zusammengebrochen. Seinen Weltschmerz durchlitt und zelebrierte er wie ein unverdientes Schicksal, das ihn getroffen hatte. Ich weiß nicht mehr, wie viele Reporter und Pressefotografen auftauchten, die alle Welt an seinem unsäglichen Leid teilnehmen lassen wollten.

    Über den Zimmerlautsprecher wurde eine Gottesdienst-Übertragung aus der Krankenhauskapelle angekündigt, die wir auf dem Fernsehschirm mit verfolgen konnten. Wir einigten uns darauf, zumindest einmal hineinzuschauen. Mein Mitpatient hoffte wahrscheinlich auf eine baldige Unterbrechung der Übertragung, da er in Kürze sicher wieder eines seiner vielen Interviews vom Krankenlager aus geben durfte.

    In seiner Ansprache erzählte der Krankenhausseelsorger von jenem Mann in der Bibel, der schon achtunddreißig Jahre lang an der Heilquelle in Bethesda lag und bisher nicht hineinsteigen konnte, weil man ihn anscheinend immer wieder daran hinderte. Die Frage Jesu an ihn „Willst du gesund werden?“ beantwortete er mit „Ich habe keinen, der mich in den Teich trägt.“

    „Sehen Sie“, unterbrach mein kranker Schauspieler die Übertragung, „die Welt ist voller Egoisten. Jeder denkt nur an sich.“ Ich seufzte und schwieg. Ich erwähnte nicht, dass er seit mehr als einer Woche das komplette Dienstpersonal der Station für sich in Anspruch zu nehmen suchte. Ich verschwieg, dass ich ihm mehrmals täglich aus dem Bett und wieder hinein half. Er hätte zwar allein das Bett verlassen und sich dabei auf das gesunde Bein stützen können. Aber dem ging es aus Sympathie mit dem kranken Bein offensichtlich auch nicht so gut und musste daher geschont werden.

    Zum Glück war noch kein weiterer Pressevertreter vorstellig geworden, so dass wir die Auslegungsversuche der Bethesda-Geschichte auf dem Bildschirm weiter verfolgen konnten. „Wollte der Kranke überhaupt gesund werden?“ fragte der Seelsorger. „War er vielleicht zufrieden mit seinem Zustand? Hatte er sich mit seiner Situation abgefunden? Machte er für sein Elend die Gesellschaft verantwortlich?“

    Der Prediger konnte nicht ahnen, dass solche Fragen eine empfindsame Schauspieler-Seele zutiefst verletzten. Mein Bettnachbar hätte aus Protest Bett und Zimmer verlassen – wäre da nicht das kranke Bein gewesen, dessen er sich wieder erinnerte. Er zog die Bettdecke über beide Ohren und litt unverstanden von der Welt vor sich hin.

    Am nächsten Morgen stand der Patient am Fenster, als ich aus dem Badezimmer kam. Ob er den Weg allein dorthin gefunden hatte? Ich wagte nicht zu fragen. Irgendwie erschien er mir verwandelt. Hatte ihm der Pfingstgeist einen unerwarteten Anstoß  gegeben? Hatte dieser Geist ihm neues Leben eingehaucht?

    Die Pfingstbotschaft des Krankenhaus-Seelsorgers hatte in ihm womöglich eine Verhaltensänderung ausgelöst, die ihn flügge machte. Vielleicht ist es das, was Pfingsten bedeutet: Nicht die Bettdecke über die Ohren ziehen. Nicht vor der Heilquelle abwarten, ob Hilfe kommt. Selbst flügge werden ist angesagt. Das Leben ist kein Schau-Spiel. Es besteht Handlungsbedarf.

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  • rund um die Uhr

    rund um die Uhr

    Der Wecker klingelt. 3.45 Uhr. Um Vier will ich einkaufen gehen. Von Vier bis Sechs gibt es den Spät-in-der-Nacht, Früh-am-Morgen-Sonderrabatt. Nur heute Nacht. Hoffentlich wecke ich niemanden. Die Straßen sind frei. Endlich ohne Stau einkaufen fahren. Rund um die Uhr. Die hätten schon eher auf die Idee kommen sollen.

    Alle kaufen um 4 Uhr ein. Verstehe ich nicht. Hätte die alte Dame nicht morgen Vormittag Zeit? Sie könne nicht schlafen, sagt sie. Einkaufen sei eine willkommene Abwechslung. Das mache sie jetzt immer. Hat man deswegen die Öffnungszeiten abgeschafft? Solche Leute tricksen den Gesetzgeber aus. Müsste verboten werden.
    Zeitlos shoppen ist bequem. Service?  Brauche ich nicht. Ich weiß, wo die Nudeln im Regal liegen. Die Schuhe? Größe sieben brauche ich, manchmal Größe acht. Hängt vom Fabrikat ab.

    Wo ist die Verkäuferin? Sie schleppt kartonweise Schuhe heran. Muss sie. Dafür wird sie bezahlt. Nachtzuschlag macht die Schuhe teurer, sagt sie. Wer hat sich das ausgedacht? Ist das der Dank dafür, dass ich mitten in der Nacht aufstehe?

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  • romantisch frech emanzipiert

    romantisch frech emanzipiert

    Er ist wieder im Programm. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Tschechisch-deutscher Märchenfilm. Kultfilm. Liebesgeschichte um Aschenbrödel und ihren Prinz. Märchengeschichte mit drei Zaubernüssen und der Eule Rosalie. Nicht nur Wintermärchen. Kinderfilm. Auch für Erwachsene.

    Aschenbrödel. Keine Groschenroman-Figur. Nicht Frau, die sich selbst verwirklicht. Nicht weibliches Wesen, das unter ihrem verkanntem Frau-Sein leidet und sich unverstanden fühlt. Nicht Frau von Welt, die ihre Lebensüberschriften hinaus posaunt.

    Naiv? Unbedarft? Ausgebeutet von Stiefmutter und Stiefschwestern? Missbraucht von jenen, die ihre Schwäche ausnutzen?

    Nichts von dem. Sie bleibt gelassen. Sie lässt sich nicht provozieren. Sie schaltet nicht die Presse ein. Sie schickt keine Email-Botschaften an erhoffte Gleichgesinnte. Sie hat die Eule Rosalie und den Prinz. Den beeindruckt sie mit couragiertem Wagemut. Sie ist schön. Himmlisch schön. Sie hat Elan und Willenskraft. Sie ist emanzipiert und romantisch. Ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Ein bisschen wie im wirklichen Leben.

    Gute Unterhaltung mit: “Esel haben keine Lobby“.
    Wer das Buch “Esel haben keine Lobby“ zum Preis von 12 Euro käuflich erwerben möchte, meldet sich gerne bei MG-heute unter der E-Mail Adresse: harald.wendler@mg-heute.de

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  • Drücken Sie die Zwei

    Drücken Sie die Zwei

    Ich habe die richtige Nummer gewählt. Aber nicht die freundliche Dame aus dem Vorzimmer antwortet mir, sondern eine freundliche Stimme. „Sie haben richtig gewählt“, bestätigt sie mir. Dankbar warte ich darauf, verbunden zu werden. „Wenn Sie uns besuchen wollen, drücken Sie die Eins“, werde ich aufgefordert. „Wenn Sie eine Frage haben, drücken Sie die Zwei. Wenn Sie uns etwas mitteilen wollen, drücken Sie die Drei.“

    Als ich darum gebeten werde, die Taste mit der Acht zu drücken, habe ich vergessen, was es mit der Zwei auf sich hatte. Meine Frage danach wird nicht beantwortet, auch nicht meine Rückfrage nach der Drei. Ich hätte mir notieren müssen, welche Taste wofür zuständig war.

    Die Stimme lässt sich nicht anmerken, was sie von meiner Unaufmerksamkeit hält. „Sie haben keine Taste gedrückt“, stellt sie fest. Das stimmt. Ich wollte nicht Zahlen lernen oder Tasten drücken, sondern telefonieren. „Wenn Sie uns besuchen wollen, drücken Sie die Eins“, wiederholt die freundliche Stimme. Ich will aber niemanden besuchen. Deutlich bringe ich das zum Ausdruck. Die Stimme scheint das nicht zu registrieren und fordert mich auf, die Fünf zu drücken. Was es mit der Fünf auf sich hat, habe ich vergessen. „Da Sie keine Taste gedrückt haben, werden Sie mit unserer Zentrale verbunden“, wird mir versichert. Endlich habe ich es geschafft. Mein Durchhaltevermögen wird belohnt.

    Nach fünfmaligem Rufton meldet sich eine helle, klare Stimme. „Sie haben richtig gewählt. Die Zentrale nimmt Ihr Anliegen entgegen. Wenn Sie wissen wollen, welcher Mitarbeiter für Sie zuständig ist, drücken Sie die Eins. Wenn Sie ein Problem mit unseren Produkten haben, drücken Sie die Zwei.“ Obwohl  die Stimme es offenbar nicht zur Kenntnis nimmt, versuche ich mein Minenspiel einzusetzen. Ich will mein Anliegen verdeutlichen. Es gelingt mir nicht.

    „Sie haben keine Taste gedrückt.“ Der Unterton in der Stimme verrät keine Spur von Resignation. „Da Sie sich für keines unserer Angebote entschieden haben, drücken Sie die Eins. Wenn Sie uns besuchen wollen, drücken Sie die Zwei.“ Ich bin ratlos.  Vielleicht haben die Mitarbeiter gerade Mittagspause oder Betriebsferien.

    Früher war immer jemand am Apparat, wenn ich angerufen habe. Gibt es diese Apparate nicht mehr?

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  • Ich spare

    Ich spare

    Meine Mutter war sparsam. Am Wochenende saß sie auf der Küchenbank. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Stapel alter Zeitungen. Mit dem Brotmesser zerteilte sie Seite für Seite in kleine handliche Stücke und legte sie zu einem Block aufeinander. Mit der Schere bohrte sie ein Loch am oberen Ende durch den Stapel und zog eine Schnur hindurch. Mit dem Bündel in der Hand ging sie nach draußen zu jenem Ort, den wir „Örtchen“ nannten. Die „Sitzungen“ dauerten mal kürzer, mal länger. Das hing davon ab, welche Nachricht man vom Stapel holte. Wenn ich Schiffchen aus Zeitungspapier bauen wollte, war es schwierig, eine Zeitung vor dem Stapel zu retten. „Spare in der Zeit, spare für das Klo.“ Mutters Sparanleitungen waren vielfältig.

    Auch ich möchte sparsam sein. Die Nachbarin wollte ich im Krankenhaus besuchen. Musste ich etwas mitbringen? Blumen konnten nicht teuer sein. Sechs Euro sollte der kleine Strauß kosten. Ich entschied mich für die entzückenden kleinen Blüten hinten in der Ecke. Unscheinbar waren sie, aber für den Zweck ausreichend. Packen Sie mir die als Geschenk ein, bat ich die Verkäuferin. Die zwei Euro, die ich widerstrebend auf die Theke legte, reichten nicht aus. Acht Euro, zuzüglich ein Euro für das Geschenkpapier.
    Das soll mir nicht mehr passieren. Auch nicht das mit der Parkuhr. Muss ich mit meinen Parkgebühren die Straßenlaternen finanzieren? Ich parke jetzt außerhalb. Der Supermarkt liegt nur zehn Gehminuten vom Zentrum entfernt. Täglich ein kleiner Fußmarsch senkt den Cholesterinspiegel. Als ich mich kurz nach neunzehn Uhr mit Einkaufstasche und Tragetüten bepackt, zu meinem Auto gequält habe, versperrt eine Schranke die Ausfahrt. Morgen früh um neun Uhr kann ich das Parkhaus verlassen.

    Die Rückfahrt mit dem Taxi hatte ich nicht eingeplant. Die Kosten werde ich beim Heizen einsparen. Eskimos haben in ihrem Iglu auch keine Heizung. Sparen ist nicht so einfach, wie ich gedacht habe. Das Erfolgsrezept meiner Mutter hat sich bei mir noch nicht bewährt.

    Sparen sei die richtige Mitte zwischen Geiz und Verschwendung, wird gesagt. Auf Sparen folge Haben. Ich werde einen neuen Anlauf machen.

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  • Die Prämie

    Die Prämie

    Die Schutzvereinigung macht mir Mut. Positiv denken soll ich, mehr Enthusiasmus für Angebote der Gegenwart aufbringen. Sich einschränken zeige Rückständigkeit. Die sei zu überwinden. Es sei Zeit zu handeln. Es sei wie beim Windhundrennen, wird versichert: Nur der Schnellste erhalte die Prämie. Eine Woge der Aufmerksamkeit werde mich antreiben. Wenn Stürme um die Hütte wehen, wenn Krisen und die Aussicht auf noch mehr Krisen den Himmel verdüstern, dann sei es Zeit, sich die Prämie zu sichern.

    Ich muss nicht warten, bis die Tage heller werden. Ich muss nicht protestieren, damit etwas geschieht. Ich erhalte einen Bonus, ohne Außerordentliches tun und ohne schon Erreichtes vorweisen zu müssen. Es ist Abwrack-Zeit, Wohltaten-Zeit, Schnäppchen-Zeit. Wie es euch gefällt.

    Keine Rede vom Malus. Der ist schlecht, weil er ein Malus ist. Der Bonus ist gut, weil er ein Bonus ist. Er steht mir zu – nicht als Lohn für das, was ich leiste, sondern als Prämie für das, was ich nicht haben will.

    Gelobt sei der Schredder. Ich werde umdenken.

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  • HERZLICH WILLKOMMEN

    HERZLICH WILLKOMMEN

    Liebe Gäste, das ist die Startseite der FRIEDRICH – SCHILLER – DEUTSCHE SCHULE in Ruse/Bulgarien

    Diese Information entdeckte ich im Internet. Im vergangenen Jahr hatte mich eine bulgarische Reiseführerin, die unsere Reisegruppe durch Ruse am bulgarischen Ufer der Donau begleitete, auf diese Schule aufmerksam gemacht. Ich nahm Kontakt auf und lernte jetzt vor Ort Frau Pepa Balkova kennen, die sprachgewandte Konrektorin der Schule. Wir trafen uns in einem Café in der Innenstadt von Ruse, das sich „Klein Wien“ nennt.

    Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, was die charmante Dame zu erzählen hatte. Die Schule versteht sich in der Tradition des von der Lehrerin Anna Winter 1883 gegründeten Handels-Gymnasiums, das später als „Deutsche Schule“ populär wurde. Nach politisch motivierter Schließung 1944 wurde im Jahr 1992 die jetzige Schule eingerichtet, die 2008 das 125. Jubiläum mit Gästen aus Deutschland und Bulgarien feierte. Deutsch wird als erste Fremdsprache unterrichtet in allen Klassenstufen von der 1. bis zur 12. Klasse, Englisch als zweite Fremdsprache von der 5. bis 12. Klasse. Das alles auf hohem Niveau mit qualifizierten Lehrkräften.

    Es gibt eine Leistungsklasse, in der motivierten Schülern eine zielgerichtete Vorbereitung auf die Prüfung zum Erwerb des Deutschen Sprachdiploms ermöglicht wird. Das Diplom berechtigt zum Studium in deutsch-sprachigen Ländern. Viele Schüler studieren im Ausland, besonders in Deutschland. Etliche Schulen in Deutschland pflegen Kontakte zur Schule in Ruse und nehmen an gegenseitigen Austausch-Programmen teil. Vielleicht lässt sich auch eine Schule bei uns motivieren, mit der Deutschen Schule in Ruse Kontakte zu knüpfen. Frau Balkova ist daran interessiert und würde sich freuen.

    In einem Grußwort schreibt Ivaylo Kelfin, Vizekanzler und Außenminister der Republik Bulgarien, zur Jubiläumsausgabe anlässlich des 125. Jahrestages der Deutschen Schule in Ruse, Mai 2008, u.a.:

    „Das Jubiläum ist ein Anlass, zu den gemeinsamen Wurzeln der europäischen Kultur zurückzukehren. Welche die nicht verwelkenden Werte von Goethe, Schiller, Wazov und Stoyanov hervorgebracht hat . . . Die Sprache spielt eine Schlüsselrolle bei der Kommunikation in der modernen Familie Europas im 21. Jahrhundert . . . Dazu trägt auch die Wirkung der Donau bei. Der große Fluss ist die Lebensader Europas. Er war und wird ein Grundfaktor und eine gute Möglichkeit zur dynamischen Entwicklung der wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit sein.“

    Die Begegnung mit Frau Balkova hat mir die Augen geöffnet für das vielen unbekannte und weithin verkannte Land auf dem Balkan. Nicht allen ist bewusst, dass Ruse die Geburtsstadt des Literatur-Nobelpreisträgers Elias Canetti ist. Dieser beschreibt in seinem Buch „Die gerettete Zunge“ u.a. in seinen Kindheitserinnerungen: „Rustschuk (damaliger Name für Ruse), wo ich zur Welt kam, war eine wunderbare Stadt. Wenn ich sage, dass sie in Bulgarien liegt, gebe ich eine unzulängliche Vorstellung von ihr, denn es lebten dort Menschen der verschiedensten Herkunft, an einem Tag konnte man sieben oder acht Sprachen hören.“

    Ich werbe für diese Stadt, von der so wenige etwas wissen.

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  • Das Ambiente

    Das Ambiente

    So angenehm wie möglich sollte mein Aufenthalt werden. Kein Luxusdomizil, aber ein schönes Ambiente wurde mir in Aussicht gestellt. Ein Ambiente ist wichtig. Ohne Ambiente kann ich nicht sein – nicht im Supermarkt, nicht am Gartenteich, nicht auf der Terrasse. Mein Nachbar spricht abschätzig vom Drumherum. Ambiente ist mehr, zumindest klingt es nach mehr.

    Das versprochene Ambiente war zum Anschauen schön und überzeugte. Die dahinter liegenden Räumlichkeiten gehörten nicht zum Ambiente. Irgendwann ist das Ambiente zu Ende, damit Alltägliches Raum gewinnt. Im Ambiente wandelt man, deswegen heißt es Ambiente. Im Zimmer wandelt man nicht. Andererseits erweckten Schrank, Schreibtisch und Bett den Eindruck, als sei man auf ihnen gewandelt, obwohl sie nichts zu tun hatten mit dem Ambiente. Alltägliches geht mit der Zeit, vergeht mit der Zeit. Das Ambiente strahlt zeitlos vor sich her. Wer im Ambiente verharrt, strahlt; denn Alltägliches ist fern. Wenn Alltägliches Raum greift, hat das Ambiente ausgestrahlt.

    Wäre es denkbar, beides strahlen zu lassen – das Alltägliche und das Ambiente? Denkbar. Dann aber gäbe es nicht den Unterschied zwischen beiden. Das Alltägliche wäre nicht das Alltägliche, das Ambiente nicht das Ambiente. Wer kann das wollen?

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  • Hallo

    Hallo

    Sie nannten ihn HALLO. Wenn sie ihn riefen, ihn etwas fragen oder ihn ärgern wollten, hörte ich sie HALLO sagen. Er hieß nicht wirklich so, aber er nahm es hin, von den Mitschülern so gerufen zu werden. Ich nannte ihn mit seinem richtigen Namen, wenn er sich zu Wort meldete. „Hallo, ich will etwas sagen“, rief er in die Klasse. Ich wusste, warum sie ihn so nannten.

    Mit den Händen konnte er sich nur ungenügend bemerkbar machen. Hätte er mit ihnen aufgezeigt, dann hätte ich es oft übersehen. Das lag nicht daran, dass er kleiner war als die anderen Kinder. Er hatte keine Arme. An der Stelle, wo sie normaler Weise aus der Schulter wachsen, saßen bei ihm die Hände. Wenn er auf etwas zeigte, streckte er die linke oder rechte Hand nach vorn. Er war der fröhlichste Junge in der Klasse. Immer hatte er lustige Einfälle. Immer hatte er neue Ideen. In fast allen Fächern glänzte er mit guten Noten. Alle lobten seinen Fleiß und seine Ausdauer.

    Konnte er mit seinen Händen schreiben oder ein Heft festhalten? Er konnte es. In der Regel schrieb er nicht mit einem Stift in der Hand, sondern steckte ihn zwischen die Zehen seiner Füße. Er schrieb mit den Füßen. Mit dem rechten und linken Fuß schrieb er so perfekt wie andere mit ihren Händen. Dabei saß er so auf seinem Stuhl, dass er die Füße hoch nehmen und mit ihnen auf der für ihn schräg aufgestellten Tischplatte ins Heft oder auf ein großes Blatt schreiben konnte. Die Schule hatte ihm eine speziell angefertigte Schreibmaschine besorgt. Wenn er auf ihr schrieb, lag er auf dem Fußboden, ließ sie sich  zwischen die Beine stellen und klickte mit den Zehen die Buchstaben oder Zahlen an. Ihm machte das Spaß. Wenn er es geschafft hatte, rief er „Hallo, ich bin fertig“. Ohne Füße wäre er hilflos gewesen. Mit ihnen schmierte er sich ein Butterbrot, öffnete eine Flasche, trank aus einem Glas.

    Alle liebten HALLO. Sie wählten ihn zum Klassensprecher. Wenn einer sich beklagte, dass etwas zu schwer oder anstrengend sei, fragten andere: „Was soll HALLO sagen, der es noch schwerer hat?“ Meistens verstummten die Klagen. HALLO bewies, dass man auch dann etwas schaffen kann, wenn es einem nicht so gut geht wie anderen.

    Irgendwann verbrachte ich mit der Klasse ein Wochenende in der Jugendherberge. Vier Jungen oder Mädchen teilten sich ein Zimmer. HALLO kümmerte sich darum, dass es keinen Streit gab, und wer mit wem das Zimmer teilte. Wie schaffte er es trotz seiner Behinderung, von allen anerkannt zu werden? „Ich bin nicht behindert“, erwiderte er, als ich ihm sagte, wie sehr ich ihn bewunderte. „Ich mache einiges anders als andere Kinder. Nichts Besonderes.“ Ich schwieg. Am nächsten Morgen beobachtete ich, wie er sich im Waschraum die Haare wusch. Er lag auf dem Boden und wusch sich mit den Füßen den Kopf. Nichts Besonderes.

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