Autor: Peter Josef Dickers

  • Julia

    Julia

    Wir fühlen uns wohl daheim. Julia – zwei Köpfe kleiner, sechzig Jahre jünger – respektiert das, will den Kram aber nicht geschenkt haben, der unser Wohnzimmer schmückt. Krimskrams, sagt sie. Ihren Kram wollen wir auch nicht. Wenn sie uns besucht, bewundert sie die Eichentruhe. Sie findet sie nicht schön, aber praktisch. Man kann den Fernseher, den Recorder, alles Mögliche darin verstauen. Türe zu, Klappe runter. Niemand merkt, wie nahe wir unserer Zeit sind.

    Julia liebt Pferde. In ihrem Zimmer könnten Reiterspiele stattfinden. Keiner müsste sein eigenes Pferd mitbringen. Pferde auf der Koppel, Pferde in Reitställen, Pferdebilder an den Wänden. Wilde Pferde, zahme Pferde. Nichts mit „Türe zu“, „Klappe runter“. Pferde brauchen frische Luft. Julias Geburtstagswunsch: Lippizaner-Hengst, Katalog-Nummer 24. Möchten wir nicht geschenkt haben. Verschenkt sie auch nicht.

    Julia respektiert unsere Deckeltruhe. Wir loben die Reiterstaffel neben ihrem Bett. Uns stört sie beim Staubsaugen. Julia liebt ihre Pferdewelt. Sie reitet zu Pferde durch ihr junges Leben. Ihre Pferde brauchen keine Truhe. Auf unserer Truhe stehen keine Pferde.

    Wir lieben unsere Welt und ihren Krimskrams. Sie hat sich entwickelt. Sie hatte viele Stationen. Jedes Stück hat eine Geschichte. Auch Julia fühlt sich wohl in ihren vier Wänden. Sie liebt Pferde. Jedes könnte eine Geschichte erzählen. Julia erzählt ihre Geschichte. Wir erzählen unsere. Wir bleiben miteinander im Gespräch. Gut, dass es verschiedene Geschichten gibt.

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  • Das Babyhotel

    Das Babyhotel

    Schaukeln und Wasserrutschen, Streichelzoo und Kinderwerkstatt bot das Hotel an. Der Wasser-Funpark mit dem integrierten Bauernhof erfüllte höchste Ansprüche. Die jungen Eltern wussten, was ihrem Baby gut tat. Das hatte seinen Preis. Aber moderne Eltern lassen sich ihre Kleinsten etwas kosten, wenn sie mit ihnen auf Reisen gehen. Sie verlangen jedoch mehr als den Normalzustand Wickelkommode und Krabbelraum. Sie vertrauen die laufenden Nasen und die vom Schokoladen-Fondue verschmierten Münder ihrer Sprösslinge nicht irgendwem an. Qualifizierte Kinderhotelakademie-Betreuerinnen sichern Babys Erstreise-Erfahrung. Mit ihrer Unterstützung soll Mamas und Papas wertvolle Urlaubszeit zum schönsten Ereignis des Jahres werden. Glückliche Kinder und zufriedene Eltern sind ein hohes Gut. Das verpflichtet.

    Mama und Papa waren voll des Lobes. Die Appartements und Suiten wurden rund um die Uhr überwacht. Wenn Baby schrie oder weinte, hörten es Babyhotel-Ohren, waren Babyhotel-Hände zur Stelle. Wenn Baby gewickelt oder gefüttert werden musste, konnten Papa und Mama das dem fürsorglichen Babyhotel-Service überlassen. Sorglos durften sie ausgehen, Ferien vom Ich oder Du machen, sich Zeit nehmen für romantische Stunden allein oder zu zweit. Baby litt keinen Mangel. Baby ging es gut.

    Ein kleines Kind sei wie ein zweiter Haushalt, hatte Mama gesagt. Immer stehe Baby im Mittelpunkt. Es müsse getragen, gebadet, beschützt werden. Jetzt gönnte Mama es sich, den Zweithaushalt in akademiegeschulte Hände zu geben. Das ersparte ihr Trennungs-Ängste. Es beruhigte ihr Gewissen. Babybuffets mit täglich wechselndem frischem Brei machten Baby satt und zufrieden. Zwischen Guten-Morgen-Müesli und Gute-Nacht-Brei erfüllten Babyspeisekarten mit garantiert frischen Produkten aus der ökologischen Landwirtschaft individuelle Baby-Bedürfnisse. Baby-Schwimmkurse an der hoteleigenen Baby-Schwimmakademie sicherten frühkindlichen Baby-Förderbedarf.

    Das Knusperhäuschen-Rundumverwöhnprogramm übertraf Mamas und Papas Erwartungen. Baby wurde gehegt, gepflegt, gestreichelt, gefördert. Vom Baby-Chinesisch-Kurs hatte der Babyhotel-Psychologe abgeraten. Das habe Zeit bis zum nächsten Verwöhn-Aufenthalt. Mamas Sorge, Babys Zeitfenster für Sprachen werde zu früh geschlossen, erwies sich als unbegründet. Die Babymassage dagegen wurde dringend empfohlen. Sie sorge für lebensnotwendige Baby-Entspannung, lindere Bauchweh und Blähungen, fördere die harmonische Entwicklung. Sie bilde die Grundlage für tiefe Bindungen zwischen Mutter und Kind. Von Papa war nicht die Rede.

    Als Mama am fünften Urlaub-im-Babyhotel-Morgen Papa wecken wollte, war das Bett leer. „Abgereist“, sagte die freundliche Dame an der Rezeption. Papa habe umgebucht. Er sei in seiner Kindheit vernachlässigt worden. Ihm habe man ein Babyhotel-Verwöhn-und-Sorglos-Programm vorenthalten. Er hole es jetzt unter Anleitung qualifizierter Betreuerinnen und Animateurinnen nach. Ein Spezialangebot auf den Malediven habe ihn überzeugt. Da er Baby gut versorgt wisse, wolle er nun selbst erfahren, wie das mit dem Verwöhnen ist.

    Hoffentlich war es nicht zu spät.

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  • Julia

    Julia

    Wir fühlen uns wohl daheim. Julia – zwei Köpfe kleiner, sechzig Jahre jünger – respektiert das, will den Kram aber nicht geschenkt haben, der unser Wohnzimmer schmückt. Krimskrams, sagt sie. Ihren Kram wollen wir auch nicht. Wenn sie uns besucht, bewundert sie die Eichentruhe. Sie findet sie nicht schön, aber praktisch. Man kann den Fernseher, den Recorder, alles Mögliche darin verstauen. Türe zu, Klappe runter. Niemand merkt, wie nahe wir unserer Zeit sind.

    Julia liebt Pferde. In ihrem Zimmer könnten Reiterspiele stattfinden. Keiner müsste sein eigenes Pferd mitbringen. Pferde auf der Koppel, Pferde in Reitställen, Pferdebilder an den Wänden. Wilde Pferde, zahme Pferde. Nichts mit „Türe zu“, „Klappe runter“. Pferde brauchen frische Luft. Julias Geburtstagswunsch: Lippizaner-Hengst, Katalog-Nummer 24. Möchten wir nicht geschenkt haben. Verschenkt sie auch nicht.

    Julia respektiert unsere Deckeltruhe. Wir loben die Reiterstaffel neben ihrem Bett. Uns stört sie beim Staubsaugen. Julia liebt ihre Pferdewelt. Sie reitet zu Pferde durch ihr junges Leben. Ihre Pferde brauchen keine Truhe. Auf unserer Truhe stehen keine Pferde.

    Wir lieben unsere Welt und ihren Krimskrams. Sie hat sich entwickelt. Sie hatte viele Stationen. Jedes Stück hat eine Geschichte. Auch Julia fühlt sich wohl in ihren vier Wänden. Sie liebt Pferde. Jedes könnte eine Geschichte erzählen. Julia erzählt ihre Geschichte. Wir erzählen unsere. Wir bleiben miteinander im Gespräch. Gut, dass es verschiedene Geschichten gibt.

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  • Das Babyhotel

    Das Babyhotel

    Schaukeln und Wasserrutschen, Streichelzoo und Kinderwerkstatt bot das Hotel an. Der Wasser-Funpark mit dem integrierten Bauernhof erfüllte höchste Ansprüche. Die jungen Eltern wussten, was ihrem Baby gut tat. Das hatte seinen Preis. Aber moderne Eltern lassen sich ihre Kleinsten etwas kosten, wenn sie mit ihnen auf Reisen gehen. Sie verlangen jedoch mehr als den Normalzustand Wickelkommode und Krabbelraum. Sie vertrauen die laufenden Nasen und die vom Schokoladen-Fondue verschmierten Münder ihrer Sprösslinge nicht irgendwem an. Qualifizierte Kinderhotelakademie-Betreuerinnen sichern Babys Erstreise-Erfahrung. Mit ihrer Unterstützung soll Mamas und Papas wertvolle Urlaubszeit zum schönsten Ereignis des Jahres werden. Glückliche Kinder und zufriedene Eltern sind ein hohes Gut. Das verpflichtet.

    Mama und Papa waren voll des Lobes. Die Appartements und Suiten wurden rund um die Uhr überwacht. Wenn Baby schrie oder weinte, hörten es Babyhotel-Ohren, waren Babyhotel-Hände zur Stelle. Wenn Baby gewickelt oder gefüttert werden musste, konnten Papa und Mama das dem fürsorglichen Babyhotel-Service überlassen. Sorglos durften sie ausgehen, Ferien vom Ich oder Du machen, sich Zeit nehmen für romantische Stunden allein oder zu zweit. Baby litt keinen Mangel. Baby ging es gut.

    Ein kleines Kind sei wie ein zweiter Haushalt, hatte Mama gesagt. Immer stehe Baby im Mittelpunkt. Es müsse getragen, gebadet, beschützt werden. Jetzt gönnte Mama es sich, den Zweithaushalt in akademiegeschulte Hände zu geben. Das ersparte ihr Trennungs-Ängste. Es beruhigte ihr Gewissen. Babybuffets mit täglich wechselndem frischem Brei machten Baby satt und zufrieden. Zwischen Guten-Morgen-Müesli und Gute-Nacht-Brei erfüllten Babyspeisekarten mit garantiert frischen Produkten aus der ökologischen Landwirtschaft individuelle Baby-Bedürfnisse. Baby-Schwimmkurse an der hoteleigenen Baby-Schwimmakademie sicherten frühkindlichen Baby-Förderbedarf.

    Das Knusperhäuschen-Rundumverwöhnprogramm übertraf Mamas und Papas Erwartungen. Baby wurde gehegt, gepflegt, gestreichelt, gefördert. Vom Baby-Chinesisch-Kurs hatte der Babyhotel-Psychologe abgeraten. Das habe Zeit bis zum nächsten Verwöhn-Aufenthalt. Mamas Sorge, Babys Zeitfenster für Sprachen werde zu früh geschlossen, erwies sich als unbegründet. Die Babymassage dagegen wurde dringend empfohlen. Sie sorge für lebensnotwendige Baby-Entspannung, lindere Bauchweh und Blähungen, fördere die harmonische Entwicklung. Sie bilde die Grundlage für tiefe Bindungen zwischen Mutter und Kind. Von Papa war nicht die Rede.

    Als Mama am fünften Urlaub-im-Babyhotel-Morgen Papa wecken wollte, war das Bett leer. „Abgereist“, sagte die freundliche Dame an der Rezeption. Papa habe umgebucht. Er sei in seiner Kindheit vernachlässigt worden. Ihm habe man ein Babyhotel-Verwöhn-und-Sorglos-Programm vorenthalten. Er hole es jetzt unter Anleitung qualifizierter Betreuerinnen und Animateurinnen nach. Ein Spezialangebot auf den Malediven habe ihn überzeugt. Da er Baby gut versorgt wisse, wolle er nun selbst erfahren, wie das mit dem Verwöhnen ist.

    Hoffentlich war es nicht zu spät.

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  • Zwischen Bratpfanne und Rahmsoße

    Zwischen Bratpfanne und Rahmsoße

    Wenn ich mit meinen Schülern die Welt nicht verstand, wenn ich ihre Welt verstehen wollte, dann lud ich sie in meine Küche ein. Zwischen Bratpfanne und Rahmsoße, zwischen Ketchup und Salatsoße erfuhr ich etwas über Probleme beim Zerlegen von Zahlen in Primfaktoren. Was zu heißen Diskussionen geführt hatte, kühlte sich ab, wenn wir überlegten, was wir kochen wollten. Das hing von meinen Vorräten ab. Eine eiserne Reserve hatte ich im Haus. Kleine Gläser mit Sellerie und Bohnen, mit Champignons und Mais standen auf dem Regal. Wenn eine Mathe-Arbeit geplant war, musste auch vorgesorgt und nicht erst während der Arbeit überlegt werden, wie man Zahlen in Primfaktoren zerlegt. Die Schüler nickten zustimmend. Während die einen Gemüsegläser öffneten, diskutierten andere über den Unterschied zwischen dem größtem gemeinsamen Teiler und dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen.

    Es war nicht wichtig, was wir kochten. Entscheidender wurde, ob die Düfte von Paprika und Knoblauch, das Würfeln und Würzen kleiner Fischfilets die Zungen lösten. Wenn das Gulasch mit Rahmsoße gebunden wurde, waren auch andere Verbindungen geknüpft worden.

    Ich hatte mich bereit erklärt, ein Gespräch mit dem Mathe-Lehrer einzufädeln. Der Abnabelungsversuch einer Tochter von ihrem Vater hatte zu ziemlichem Stress geführt. Beim Abschrecken der gekochten Eier einigten wir uns darauf, dass der Vater seine Tochter und die Tochter ihren Vater nicht auf gleiche Weise kalt stellen durften.

    In der Küche wurden Weichen gestellt. Während in der Auflaufform Kräuterkrusten entstanden, kamen am Esstisch andere Verkrustungen zur Sprache. Nicht selten endeten schnelle Gerichte und bunte Salate in langen Diskussionen über Gott und die Welt, über Eltern und Lehrer, über das Leben schlechthin.

    Die Küche ist eine segensreiche Erfindung. Sie kann  nicht groß genug sein.

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  • Ein halbes Zimmer

    Ein halbes Zimmer

    Er ist Lebenskünstler. Gelassenes Lächeln sein Markenzeichen.
    Der Urlaub mit dem Bekannten sei positiv verlaufen, erzählt er.
    „Bekannter?“ Mit dem er sein Zimmer geteilt habe.
    „Sein Zimmer?“ Ein halbes Doppelzimmer habe er gebucht. Aus Kostengründen.
    „Und der Bekannte?“ Der sei ihm zugeteilt worden.
    „Sie kannten ihn nicht?“ Er habe ihn nicht kennen können.

    Meine Ratlosigkeit ignoriert er. Ihm gefällt nicht alles; aber die Schwere der Gewohnheiten, unter der ich gelegentlich leide, ficht ihn nicht an. Der Flut täglicher Imperative, dieses tun und jenes lassen zu müssen, widersteht er. Sein Abwehrreflex ist intakt. Anpassungsdruck? Ihm fremd. Er ist empfänglich für den Augenblick. Er schätzt die Flüchtigkeit des Lebens. Was heute zählt, kann morgen wertlos sein. Was hinter dem Horizont liegt, bedrückt ihn nicht. Im Scheinwerferlicht will er nicht stehen, da es wieder dunkel wird.

    Lebenskünstler machen keine Schlagzeilen. Sie brauchen kein ganzes Zimmer. Er bucht ein halbes – unwägbares Risiko für andere, Chance für ihn. Die chinesischen Schriftzeichen für „Krise“ und „Chance“ sind identisch. Er wird das wissen.

    Ich schmiede Pläne und will erkunden, was morgen ist. Gedanken an morgen macht er sich morgen. Was er morgen kann besorgen, überlegt er auch erst morgen. Was auch kommen mag, kein Tag dauert länger als 24 Stunden, sagt er. Danach scheint wieder die Sonne. Was er nicht mag, schickt er auf Reisen, weit weg. Ich überlege, was gestern war, und vergesse es nicht. Gestern machte er sich Gedanken an gestern. Heute ist für ihn heute. Er genießt den Tag, der entdeckt werden will.

    Ich beneide ihn.

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  • Auf Tour

    Auf Tour

    Mein Busfahrer ist kein Frühaufsteher. Das verrät er mir in einer Fahrpause. Ansonsten darf ich mit dem Fahrer nicht sprechen, steht auf dem Schild. Da nicht viele Fahrgäste um 13.09 Uhr in die Linie 10 Richtung Flughafen einsteigen und sich in Ruhe die schönsten Sitzplätze aussuchen können, kann der Fahrer gelassen seine Tour starten. Gestern hatte er dienstfrei. Mit seinem Schweizer Sennenhund sei er durch die Felder gestreift, erzählt er. Man sieht es ihm an, dass er das genossen hat. Die gestrige Schwüle musste er nicht im Bus ertragen. Er hätte sich mit der „Kurze- Hose-Klimaanlage“ begnügen müssen. Wegen der hohen Spritpreise ist sie für den Arbeitgeber preiswerter als eine Klimaanlage. Da sich an den Haltestellen für einige Augenblicke die Türen öffnen, bleibt die Hitze erträglich.

    Heute ist es kühler. Außerdem regnet es. Seit neunzehn Jahren fährt der Fahrer Bus. Dass sein Gefährt wegen der Ferienzeit ziemlich leer bleibt, sieht er positiv. Die Türen lassen sich ordnungsgemäß schließen, weil keine Schüler nach Schulschluss in den Bus stürmen. Das Wechselgeld in der Kasse wird ausreichen. Weniger Fahrgäste als sonst werden erst im Bus damit beginnen, nach ihrem Portemonnaie zu suchen. Die junge Frau mit der roten Geldbörse  benötigt sehr viel Zeit, ehe sie den Zwanzig Euro-Schein gefunden hat. Der Fahrer bleibt gelassen. Sein Geduldsfaden werde strapaziert, sagt er später, wenn Fahrgäste in allen Hosentaschen nach Kleingeld suchen. Ärgerlich, wenn der Bus eine Verspätung aufholen muss oder an der Haltestelle noch weitere fünfzehn Personen einsteigen wollen. Viele Fahrgäste lässt der Fahrer mit einem Kopfnicken passieren, da sie ein Ticket oder eine Wochen- bzw. Monatskarte vorzeigen. Erstaunlich viele steigen mit „Tag“ oder „Hallo“ ein. Man kennt sich. Man grüßt sich.

    Siebeneinhalb Stunden lang Bus fahren. Auf Tour gehen mit dem Busfahrer. Ich sehe, was ich sonst nicht sehe. Wie ein Beutestück präsentiert die resolut aussehende Dame ihren Fahrausweis. Wie ein Geheimpapier hält ihn der junge Mann mit Schlapphut in seiner Mappe versteckt und gewährt nur einen kurzen Blick darauf. Mein Busfahrer hat gute Augen. Manches lerne er übersehen, nicht jedoch bestimmte Mätzchen seiner Fahrgäste, soll ich schreiben. Wenn so einer angeblich seinen Ausweis vergessen hat, lasse er den Vergesslichen frische Luft atmen.

    Den jungen Mann, der ihn fragt, wo der Doktor wohnt, kann er nicht bis zum Sprechzimmer fahren, aber er beschreibt ihm die Haltestelle, an der er aussteigen muss. Hinten im Bus wird laut protestiert. Eine ältere Dame möchte aussteigen. Das fällt ihr ein, als der Bus an der Haltestelle vorbeifährt. Sie gibt dem Fahrer die Schuld, der keine Freigabe für das Öffnen der Tür erteilte.

    Das fahrerische Können ist bewundernswert. Verkehrsschilder stehen oft so dicht am Straßenrand, dass der Außenspiegel des Busses heil bleibt, weil der Fahrer Millimeterarbeit leistet. Dass er sich beherrscht, als ein Autofahrer den Bus kurz vor der Ampel noch auf der Linksabbiegerspur überholt, steigert meinen Respekt.

    Als der Fahrer im zweiten Teil seiner Schicht die Linie 8 übernimmt, bin ich skeptisch. Sieben Mal Volksgarten und zurück – wie hält er das durch? Erfahrung, sagt er. Wahrscheinlich kennt er bei der fünften Runde jeden Mülleimer an der Straße.

    „Welchen Bus kann ich morgen früh nehmen?“ An einer Haltestelle fragt  jemand danach, der um 8.45 Uhr am Bahnhof den Zug erreichen will. „Nehmen Sie einen Bus eher, damit Sie pünktlich sind.“ Meine Skepsis verfliegt. Busfahrer sind nicht nur Busfahrer. Sie sind eine besondere Gattung Mensch.

    Einmal Busfahrer, immer Busfahrer? Für den 88jährigen Herrn, der zusteigt, gilt das. Er zeigt mir seinen Personenbeförderungsschein, der seit dreißig Jahren nicht mehr gültig ist. Er sei Busfahrer gewesen, vertraut er mir an. Den Ausweis habe er immer dabei. Man könne nie wissen.

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  • Eine Stadt auf Tour

    Eine Stadt auf Tour

    Eine Kolumne von Gastautor Peter Josef Dickers

    Mit 250.000 Besuchern rechnet die Stadt an jenem Sonntag und verdoppelt damit auf einen Schlag ihre Einwohnerzahl. Über einen verkaufsoffenen Sonntag wird aus dem Anlass nachgedacht; allerdings müssten noch Sicherheitsaspekte überprüft werden, schränkt der Oberbürgermeister ein. Brauchen könnte die Stadt volle Geschäfte und volle Kassen. 400.000 Euro kostet der Sonntag die Tour-willige Stadt. Genaue Kostenkalkulationen stehen noch aus, heißt es vorsichtshalber. Das Geld glaubt man irgendwie eintreiben und so die Konten der Stadt wieder auffüllen zu können. Unnötige Festlegungen gilt es zu vermeiden. Es gibt zudem Sponsoren, die garantieren sollen, dass auf Konten, von denen Beträge abgezweigt wurden, auch wieder eingezahlt wird. Dass man sich am Ende Kosten so zurechtlegt, dass sie in jedes Rechenschema passen, behaupten nur Böswillige. Auch ein runzeliges Gesicht lässt sich schön schminken. Mut wird belohnt, Übermut weniger.

    Immerhin sind auf der Haben-Seite 250 Euro teure VIP-Plätze auf der Tribüne vor der geplanten Großbildleinwand zu verbuchen. „Very Important Persons“ werden bereitwillig für ein besonderes Sichtvergnügen zahlen. Sonstige Hotspots wie Hüpfburgenlandschaften werden zwar kaum dazu beitragen, dass sich die Schwind-Sucht des Stadtsäckels in Grenzen hält, aber sie sollen mithelfen, dass sich das Tour-Fieber bis in die entferntesten Winkel der Stadt und der umliegenden Gemeinden ausbreitet.

    Das bevorstehende Ereignis hält die Stadt in Atem. Sie scheint berauscht von sich selbst, obwohl sie noch etliche Zeit ihren Vorbereitungs-Atem konstant halten muss. Neues entsteht nicht auf Kommando, sondern aus vielen Teilen. Man kann nicht auf Erfahrungen früherer Jahre zurückgreifen, auch nicht in vertrauten Mustern denken. Innovative Ideen sind gefragt. Den Markt der Möglichkeiten gilt es zu erkunden. Ein Ende der Machbarkeit sieht man nicht erreicht.

    Das Ereignis ist erst-malig und wird aller Voraussicht nach ein-malig bleiben –  so etwas wie ein Himmelsgeschenk. „Wenn das Glück anklopft, sollte man zu Hause sein“, sagt ein Sprichwort. Dass es ein zweites Mal an die Tore der Stadt pochen wird, ist so schnell nicht zu erwarten.

    Was steht an? Nicht der Papst hat sich angekündigt. Keine ranghohen Würdenträger der internationalen Finanzwelt wollen die Stadt mit ihrer Gegenwart beehren. Fahrradfahrer sind es, die auf einer ihrer vielen Teilstrecken Richtung Ziel ein paar Asphalt-Kilometer dieser Stadt unter ihre Räder nehmen. Viel Zeit werden sie nicht haben, um sich darüber zu wundern, dass sie hier sind. Sie haben es eilig und werden nicht gelassen ihre Zeit hier vertreiben. Nicht nur für sie ist Tempo zum Maßstab unserer Zeit geworden. Daher werden sie sich zwischendurch auch keinen Baum-frei gewordenen Blick auf die „Gute Stube“ der Stadt gönnen.

    Zugegebenermaßen werden es nicht jene Radfahrer sein, die zu normalen Tageszeiten die städtischen Radwege nutzen, um an ihre Arbeitsplätze zu gelangen oder um Freizeit-Müßigfahrten zu huldigen. Die Radfahrer sind Renn-Fahrer. Sie rennen nicht um ihr Leben, sondern kämpfen mit und ohne himmlisch-irdische Zuwendungen darum, nach dreitausend abgestrampelten Kilometern möglichst als Erster die Champs-Élysées zu erreichen.

    Die Stadt nimmt Anteil am Tour-Spektakel.  Es wird ein Spektakel werden – nach Wikipedia ein Schauspiel, das Aufsehen erregt. Das Rahmenprogramm darf unspektakulär sein, muss aber zum Spektakel passen und Stress-Tests aushalten können. An jenem Sonntag wird die Stadt ihren großen Auftritt haben. Sie wird sich groß fühlen, geachtet und beachtet, mag sie auch von Neidern trotz ihrer tatsächlichen Größe manchmal für klein gehalten werden und sich nicht gewürdigt fühlen. Der magische Geruch kommender Bedeutsamkeit verleiht ihr Flügel.

    Die Stadt ist auf Tour. Im Wettstreit um Aufmerksamkeit hat sie auf jeden Fall zugelegt. Ehemalige Tour-Größen tragen dazu bei.

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  • Nicht alle Bäche fließen

    Nicht alle Bäche fließen

    Dass unsere Stadt den Bach hinunter geht, müssen die Bürger nicht als Kränkung empfinden. Bäche und Wasserläufe im Stadtgebiet erfreuen sich zunehmenden Interesses – auch dann, wenn ihre Schönheit nur noch zu erahnen, aber nicht augenscheinlich ist. Zwölf blaue Schilder verkünden, dass die Stadt am Bach liegt – am glänzenden, glatten oder trägen Bach – je nachdem, wie es den Wortdeutern gefällt. Seine Quelle scheint versiegt. Was unterirdisch weiter strömt und der Niers entgegen eilt, ist er nicht der Bach selbst. Dennoch: Der Bach muss nicht sichtbar fließen, um ihm folgen zu können. „Ich sehe, was du nicht siehst“, flüstern die Schilder dem Bach-Sucher zu. Mach dich mit uns auf den Weg. Entdecke mit uns deine Stadt.

    Am Abteiberg schlängelte sich der Bach vorbei. Dass er dort später einer Brauerei begegnete, kam deren Brunnen zugute. Viele Fische aus dem Bach beendeten ihr Leben auf den Tellern der Benediktinermönche in der Abtei. Fische durften immer, auch in der Fastenzeit, verzehrt werden. „Auf dem waldigen Hügel in der Nähe eines Bächleins” hatte Erzbischof Gero Gott und dem Märtyrer Vitus ein Kloster bauen lassen.

    Ehe sich das Bächlein dem Schoß der Niers überließ, setzte sein Wasser viele Mühlen in Gang. Ein Mühlenbach war der Bach. Die Mühlräder drehen sich nicht mehr. Die Mühlsteine mahlen nicht mehr. Es klappern keine Mühlen am ehemals rauschenden Bach. Der Bach verlor sein irdisches Gesicht. Er wurde ein Unterirdischer. Statt Wasser fließt Abwasser. „Fest gemauert in der Erden“ gibt er dem Regenwasser seinen Lauf.

    Schon lange rümpften die am Bach Wohnenden die Nase wegen des Bachs. Sie wuschen nicht mehr ihre Wäsche in ihm. Die Bleichwiesen hatten ausgebleicht. Umweltschutz fand weder im Sprachjargon noch im Umgang mit dem kostbaren Nass statt. Die Lauge aus den Blättern der Färberwaidpflanze diente zwar den Tuchfärbern, die Wolle und Leinen in ihr färbten. Aber das blaue Waid-Gold überforderte den Bach. Er starb dahin und mit ihm seine Schönheit und seine Wohlgerüche. Ihm half auch nicht das klare Bachwasser, das ihm zufloss. Man konnte es trinken, sagen Zeitzeugen. Und weil Glaube Berge versetzt, galt es als heilsames Augenwasser. Heilsam für den Bach wurde es nicht.

    Die Erinnerung an ihn und die Mühlen ist geblieben. Diese haben die Zeiten nicht überdauert; aber ihren Namen haftet Unsterbliches an. Vergesst nicht die Zeit, in der wir gemahlen haben, verkünden sie. Die Schilder und Plätze mit den Mühlen-Namen mahnen: Geht sorgsam mit dem Wasser um. Es ist Gabe der Natur. Es ist Gabe und Aufgabe.

    Unerwünschte Begleiterscheinungen des Fortschritts ließen schon vor zweihundert Jahren Rousseau ein „Zurück zur Natur“ fordern. Gibt es ein Zurück auch für den Bach? Fest gemauert in der Erde könnte er sich schwer tun, wieder zum glänzenden, fließenden Bach zu werden. Aber es gibt ja die Schilder, die ihn unsterblich machen.

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  • Die Dauerbrause

    Die Dauerbrause

    Arztbesuche gehören nicht zu den Ereignissen, über die ich mich freiwillig äußere. Erst recht wecken Ratschläge von Gesundheitspropheten und solchen, die es sein wollen, in mir Selbstschutz-Gefühle. Aber die Dauerbrause hat mich fasziniert. Andauernd brausen, so schmutzig kann man nicht sein – muss man auch nicht. Hauptsache: Es ist gesund.

    Direkt nach dem Frühstück liege ich auf einer triefend nassen Pritsche. Vor mir hat eine andere Person dauergebraust. Den ganzen Tag wird auf allen Pritschen, Marke Zeltlazarett, gebraust. Unaufhörlich rieselt es aus dem Brausekopf herunter. Wie es wohl Frau Martini – ich bin eine der Badefrauen, hat sie gesagt – schafft, trockenen Leibes das Tuch zu wechseln, auf dem der Dauerbrauser vorher gelegen hat? Auf dem Rücken liegend – die Ströme fließenden Wassers sollen sich zuerst auf meine Vorderseite ergießen – betrachte ich die urtümlich anmutende Laufschiene, über die ich mit einer Art Flaschenzug den Brausekopf dirigieren kann. Etwa zehn Minuten lang auf eine Stelle, sagt Frau Martini. Wann sind zehn Minuten vorbei? Ich kann nicht auf die Uhr schauen. Meine Habseligkeiten liegen nebenan in der Kabine. Eine Stunde lang soll ich dauerbrausen: dreißig Minuten von unten nach oben, Rückenlage. Dann Kehrtwende und eine halbe Stunde lang bäuchlings von oben nach unten, wahrscheinlich wegen der Symmetrie.

    Wohin wird das Wasser fließen? Tag für Tag, andauernd. Ich denke an meine Wasserrechnung daheim. Vielleicht brauchen die das Wasser woanders wieder; schmutzig kann es nicht sein nach einer Stunde brausen. Gerade wäge ich Einsatzstellen ab zwischen Küche und Klo, da erfolgt die Zeitansage der Badefrau. Halb zehn. Umdrehen. Bewässerung der Rückenpartie.

    Während es angenehm auf meine Schultern prasselt, überlege ich, von welchen Leiden ich geheilt werden möchte. Ich sei so hektisch, sagt meine Frau. Ob das davon besser wird? Frau Martini macht mir Mut. Man müsse fest daran glauben. Ich frage mich – inzwischen werden südlichere Zonen bebraust – ob eine Stunde ausreicht. Morgen werde ich mit dem Arzt sprechen. Bei der Voruntersuchung hatte er mir in die Augen geschaut und mit der Stirn gerunzelt. Ob ich hin und wieder etwas vergessen würde. Das wurde bestätigt – von meiner Frau.

    Die Gedanken sind frei. Das fließende Wasser verleiht ihnen Flügel. Es denkt in mir. Ich lasse denken. Ich genieße das. Die Brause müsste schon die Fußsohlen erreicht haben. Das mit den zehn Minuten ist mir entgangen. So, das war’s – eine ziemlich nahe Stimme macht mir deutlich, dass jede Dauer ein Ende hat, auch der Tiefschlaf, aus dem mich Frau Martini weckt. Er hat mir gut getan.

    Wer das Buch “Esel haben keine Lobby“ zum Preis von 12 Euro käuflich erwerben möchte, meldet sich gerne bei MG-heute unter der E-Mail Adresse: harald.wendler@mg-heute.de

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  • Eine Stadt für Pianisten

    Eine Stadt für Pianisten

    Pianisten der Welt zu Gast in unserer Stadt – nicht, weil die Stadt einen besonderen Ruf bei Pianisten hat. Die Stadt ergreift Initiativen für sie, bietet ihnen Bühne und interessierte, dankbare  Zuhörer. Der junge Pianist war zum ersten Mal hier zu Gast. Es gibt größere, noch bedeutendere Städte, in denen er sein jugendliches Können unter Beweis stellen konnte. In Wien und Rio de Janeiro, in Tel Aviv und Paris, in Peking – überall bewunderte man ihn. „Freuen Sie sich auf einen ungewöhnlichen Pianisten“, kündigte ihn Dr. Viefers als Schirmherr für den Initiativkreis Mönchengladbach an.

    Joseph Moog – ein Pianist ohne theatralische Gesten. Nicht er sieht sich im Vordergrund, sondern Haydn, Chopin, Reger, Liszt, aus deren Werken er spielt. Das spricht für ihn, lässt sich aber auch nachteilig interpretieren. Mancher Zuhörer wirkte leicht überfordert. Die eine oder andere Anleitung zu den Werken hätte ihnen gutgetan. Haydns Fantasie in C-Dur, Chopins Sonate Nr. 3, Max Regers Träume am Kamin kämen noch besser beim Publikum zur Geltung, wenn auch die Emotionen des Pianisten deutlicher spürbar wären. So blieb es manchmal beim wunderbaren, leichthändig gespielten Vortrag.

    Höflich reagierte der junge Künstler auf den Zwischen-Applaus nicht immer fachkundiger Zuhörer, denen entging, dass die vier Sätze von Chopins Sonate ein Ganzes bilden. Moog stand auf, bedankte sich freundlich und spielte weiter.

    Die Ungarische Rhapsodie Nr. 12 versöhnte. Das Feuer, das sich vorher noch in den „Träumen am Kamin“ versteckt hatte, loderte hell auf. Der Pianist lebte mit auf. Mit ihm erwachten die „ungarischen Zigeunerklänge“ zu neuem Leben.

    Ein großer, junger Künstler spielte in unserer Stadt. Den Ruf, der ihm vorauseilt, verleiht auch unserer Stadt Glanz. Er unterstreicht ihre Bedeutung, indem sie außergewöhnliche Talente fördert. Sie widerlegt die Behauptung, sie sei nicht gut genug für derartige Ereignisse. Dankbar dürfen wir  teilnehmen. Dieser junge Pianist kam uns gerade recht. Weitere mögen folgen.

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  • vorbei

    vorbei

    ich sitz im Sanatorium
    und frag mich unentwegt, warum
    ich Müsli, Tee und Kürbiskerne
    als Quelle der Ernährung lerne

    wenn dazu frischer Löwenzahn
    verziert mit wildem Baldrian
    den Frühstücksteller randvoll füllt
    dann ist mein Hunger schon gestillt

    vorbei ist es mit Schinken, Eiern
    mit Kaffee und Champagner-Feiern
    wie ließ ich mir ein Bierchen schmecken
    wie himmlisch war’s, ein Eis zu schlecken

    wer hat mir diesen Rat gegeben
    dass ich in meinem Erdenleben
    verzichten und entbehren muss?
    für mich bedeutet’s nur Verdruss

    Gesundheit ist ein hohes Gut
    gesund zu essen – das braucht Mut
    mag sein: es war ein guter Rat
    doch muss ich folgen durch die Tat?

    Wer das Buch “Esel haben keine Lobby“ zum Preis von 12 Euro käuflich erwerben möchte, meldet sich gerne bei MG-heute unter der E-Mail Adresse: harald.wendler@mg-heute.de

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  • Nichtqualmenbitte

    Nichtqualmenbitte

    In China gehört das Rauchen zum Essen wie der Reis. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen erließ die Regierung ein Rauchverbot. Auch hierzulande kam das Verbot. In einem Stuttgarter Weinlokal las ich „Neddgwalmabidde“. Für Nicht-Schwaben stand die hochdeutsche Fassung darunter. „Mit Rücksicht auf nicht rauchende Gäste bitten wir Sie, im Lokal auf den Rauchgenuss zu verzichten“. Sechzehn Worte Hochdeutsch an Stelle einer Mini-Lektion Schwäbisch.

    China hat das Rauchverbot wieder aufgehoben. Gründe gab es zuhauf: Proteste der Restaurantbesitzer. Sorge um Umsatzeinbußen während der Olympiade. Es durfte wieder gequalmt werden.

    In Bayern durfte im Bierzelt nicht mehr geraucht werden. Dann doch wieder. Verbote wurden außer Kraft gesetzt im Hinblick auf rückwirkende Gesetzesinitiativen. „Gwalmabidde“. Gründe gab es zuhauf: Grundrechte für Kneipenwirte. Freiheit für Aschenbecher.

    Gesundes Leben – ein elendes Leben. Lohnt solch ein Leben?

    Obst essen? – Pestizide

    Bier trinken? – Hängebauch

    Pillen schlucken? – Tablettensucht

    Spazieren gehen? – Feinstaub

    Heizung anstellen? – Klimakatastrophe

    Lieben, verreisen, Auto fahren? – Selbstmord auf Raten

    Lohnt es noch zu leben?

    Die medizinische Forschung macht immer größere Fortschritte. Es gibt kaum noch gesunde Menschen.

    Dennoch verzweifle ich nicht. Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, bleibt ein Narr sein Leben lang. Außerdem soll es mehr alte Weintrinker geben als alte Ärzte.

    Nicht qualmen bitte. Nicht immer qualmen bitte. Nicht überall qualmen bitte. Nicht qualmen bitte, wenn man nur qualmen will. Gwalmabidde nur, wenn es nicht heißt Neddgwalmabidde.

    Mit dem Rauchen aufzuhören, sei es nie zu spät, heißt es. Dann habe ich noch Zeit, damit anzufangen. Churchill warnte vor dem Aufhören: Wer von der Gefahr des Rauchens lese, höre nicht auf zu rauchen, sondern zu lesen.

    Gesundes Leben – ein schweres Leben. Ich werde einfach leben. Ich hoffe zu überleben.

    Gute Unterhaltung mit: “Esel haben keine Lobby“.
    Wer das Buch “Esel haben keine Lobby“ zum Preis von 12 Euro käuflich erwerben möchte, meldet sich gerne bei MG-heute unter der E-Mail Adresse: harald.wendler@mg-heute.de

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  • Der Geräterundgang

    Der Geräterundgang

    Liebe Leser der “Pendeluhr“, es ist an der Zeit sich von ihr zu verabschieden.

    Da die Leseecke ihren Liebhaberkreis gefunden hatte, nun eine sicherlich erfreuliche Nachricht:
    “Pendeluhr“ ade, herzlich willkommen „Esel haben keine Lobby“.
    Der Autor Peter Josef Dickers mit seinen tiefsinnigen Gedanken und seinem speziellen Humor bleibt uns und Ihnen unter dem neuen Titel an gleicher Stelle dankenswerter Weise erhalten.
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    Gute Unterhaltung mit: “Esel haben keine Lobby“.
    Wer das Buch “Esel haben keine Lobby“ zum Preis von 12 Euro käuflich erwerben möchte, meldet sich gerne bei MG-heute unter der E-Mail Adresse: harald.wendler@mg-heute.de

    Der Geräterundgang

    Mein Arzt versteht mich. Wenn mir der Kopf brummt und ich kaum noch geradeaus sehen kann, weiß er mir zu helfen. Es geht Ihnen nicht gut, höre ich ihn sagen. Er versteht mich, ohne viele Worte zu machen. Ich verstehe ihn, ohne viele Fragen zu stellen.

    Neulich war es anders. Mein Arzt hatte mich zu einem Kollegen geschickt, der noch besser wusste, was zu tun war, wenn es mir nicht gut ging. Der äußerte Bedenken. Es gehe mir überhaupt nicht gut. Wie lange der Zustand schon andauere, wollte er wissen. Sein Diktiergerät war aufnahmebereit und erwartete eine Zeitangabe. Eine Woche, zwei Wochen oder länger? Ich wusste es nicht. Ziemlich lange, erinnerte ich mich. Ziemlich lange, wiederholte das Diktiergerät. Meine Körpergröße und mein Gewicht wollte das Gerät wissen. Warum mein Kopf brummte, wollte es nicht wissen. Vielleicht hing das mit meiner Körpergröße zusammen. Die hatte sich während der zurückliegenden fünfzig Jahre nicht wesentlich verändert. Aber das Diktiergerät wollte sich einen grundlegenden Eindruck verschaffen.

    Der Kollege fragte und fragte. Ich versuchte mich zu erinnern. Irgendwann wurde das Gerät abgelöst von anderen Geräten. Moderne Arztpraxen erkennt man an den Geräten. Von Raum zu Raum wanderte ich. Medizinische Technik dient dem Patienten. Der Patient dient der medizinischen Technik. Das Gute an der Technik ist, dass man nicht reden muss. Sie stellt keine Fragen. Ich muss  nicht antworten. Wahrscheinlich erkannten die Geräte, wie es um mich stand. Dass sie es mir nicht mitteilten, lag daran, dass sie nicht sprachen oder ich ihre Sprache nicht verstand.

    Ihr Wissen gaben sie an das Diktiergerät weiter. Dieses vertraute es dem Kollegen an. Als ich den Geräterundgang beendet hatte, war ich überrascht. Der Kollege war über meinen Gesundheits- bzw. Krankheitszustand informiert. Ich bräuchte eine intensive Behandlung, sagte er. Er habe Anweisung gegeben, wie zu verfahren sei. Er sehe sich bestätigt. Es sei, wie er vermutet habe. Ich fragte nicht, was er vermutet hatte. Er wollte mich nicht mit seinem Fachwissen überfordern. Problemorientierte Fragestellungen erübrigten sich. Meine Alltagssprache ist nur begrenzt kompatibel mit der Sprache von Geräteparametern oder ärztlichen Krankheitsbefunden.

    Das Rezept listete auf, welche Medikamente ich wann, wie oft einnehmen sollte.  Mein Kopf brummte immer noch, aber ich wusste jetzt, dass es an dem lag, was der Kollege vermutet hatte. Man muss nicht viele Worte machen, wenn nonverbale Blicke genügen.

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  • Leben wie man kann

    Leben wie man kann

    Ich lebe nicht nach „Cosi fan tutte – So machen es alle“. Mit der Rückversetzung in den Laienstand bin ich kein anderer geworden. Ich habe mir keine Tarn-Identität zugelegt. Es ist mein Leben – mit meiner Handschrift, meiner Identität, meinen Konturen, meiner Geschichte, meinen Träumen. Mein Leben verläuft nicht in gesichtslosen Parallelwelten.

    Ich halte mich nicht geruchs-neutral im Dunstkreis von „überall und nirgendwo“ auf. Meine Frau und ich leben nicht in einer Übergangs-Zone, sondern in einer konkreten Stadt, in einem konkreten Pfarrverband. Dort sind wir zuhause.

    Man muss leben, wie man kann, und nicht, wie man will – nach diesem Grundsatz will ich leben. Düstere Szenarien sehe ich nicht heraufziehen, da ich von guten Geistern umgeben bin, von irdischen und überirdischen. Auf sie vertraue ich.

    „Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ – die Erfahrung des chinesischen Philosophen Lao-Tze  macht mir Mut. Ehe ich erreicht habe, was ich von meinem Leben noch erhoffe, möge es noch eine Weile andauern.  Auch in meinem Fall gilt: Totgesagte leben länger.

    Ich habe Ideen und Pläne, die ich verwirklichen möchte, ohne festgeschriebene Dramaturgie. Daher wird keine ereignislose Zeit vor mir liegen. Auf eine Zuschauerrolle, abgeschirmt von Tagesereignissen und mit ungläubigen Augen die Welt betrachtend, werde ich mich nicht beschränken. Dem „Sie dürfen nicht“ begegne ich mit „Ich will und ich kann“.

    Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, spüre ich, wie viele danach dürsten, Erde und Himmel in ihrem Leben in Einklang zu bringen. Dazu kann ich Hilfestellung leisten, zusammen mit vielen, die mit mir unterwegs sind. Die Aussage des Schweizer Pädagogen Pestalozzi, dass Menschen nicht für sich allein auf Erden leben, sondern den Leuten gehören, wird von mehr Menschen in die Tat umgesetzt, als man vermuten kann.

    Weder kleine noch große Sorgen und Probleme verschwinden in der Regel von selbst oder lösen sich in Luft auf. Gesundbetern misstraue ich. Oft ist es besser, an das Herz eines Menschen zu appellieren, statt an seinen Kopf. Das traue ich mir zu.

    Ich habe gelernt zuzuhören und mir etwas sagen zu lassen. Auch andere Menschen haben Ideen. Ich vermag Menschen zu trösten und ihnen beizustehen, wenn ihre Welt aus den Fugen zu geraten droht, wenn sie in bestimmten Situationen verzweifeln und bei jemandem Halt suchen.

    Ich bin bereit jemanden, der einen Aufbruch wagt, zu unterstützen und ihn zu ermuntern, an sich zu glauben.  Der biblische Satz „Dein Glaube hat dir geholfen“ ist keine leere Formel. Wer glaubt, dass ihm geholfen wird, und wem es gelingt, auszubrechen aus seiner Ich-Bezogenheit, bei dem kann Glaube, bildlich gesehen,  „Berge versetzen“. Dabei leide ich nicht unter dem Zeitgeist „Optimierungs-Wahn“.

    Ich habe nicht meinen Verstand, nicht meine Phantasie, nicht meinen Optimismus, nicht meinen Humor, nicht den Glauben an mich selbst verloren. Daher will ich nicht nur, dass es anderen gut geht, sondern auch mir. Ich will nicht ausschließlich im Schatten Anderer stehen, sondern den Nächsten lieben „wie mich selbst“, wie die Bibel empfiehlt.

    Meine Lebensgeister müssen nicht neu belebt werden. Niemand muss mich aus einem Dornröschen-Schlaf wecken, damit ich Neues planen kann. Meine

    Lebenslust und mein Einfallsreichtum sind nicht abhanden gekommen. Mutlosigkeit wird man mir nicht nachsagen können.

    Obwohl ich in die Jahre gekommen bin, bin ich nicht müde. Ich habe nicht auf alles und jedes eine Antwort, nicht für jedes Geschehen eine Begründung, verstehe mich aber als mitdenkender, weltoffener Zeitgenosse, nicht als skeptischer Weltbetrachter.

    Die Kirche, deren Mitglied ich bin, kann bzw. muss weiter mit mir rechnen. Jedoch werde ich nicht unentwegt Weihrauch für sie anzünden. Mit „Roma locuta, causa finita“ – Wenn der Papst gesprochen hat, müssen andere nicht mehr reden – werde ich mich  nicht zufrieden geben.

    Trotz aller Unwägbarkeit vertraue ich darauf, nicht in die Sackgasse der Selbstgerechtigkeit zu tappen. Der Vorhang in meinem Leben ist noch nicht gefallen. Ich ahne nicht, was sein wird; aber ich hoffe und bete, noch gute Jahre vor mir zu haben. Die Pendeluhr schlägt im  zuverlässigen Takt.

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  • Alles für die Gerechtigkeit

    Alles für die Gerechtigkeit

     

    Norbert Walter-Borjans, NRW-SPD-Finanzminister, und mit ihm die Mönchengladbacher SPD hatten geladen zum Thema „Steuergerechtigkeit“. Eine überschaubare Anzahl Genossen, Freunde und Gäste war gekommen, um den geborenen Niederrheiner und „Star der Steuerfahndung“ u. a. dafür zu loben, dass der NRW-Haushalt inzwischen einen Haushaltsüberschuss vorweisen kann. Frau Yüksel, Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der SPD Mönchengladbach, begrüßte „Norbert“ und verabschiedete sich sofort – Berlin rief sie. Aber es blieben ja  Hans Willi Körfges und Felix Heinrichs anwesend, die Seit an Seit mit dem Minister Rede und Antwort stehen sollten.

    Wie zu erwarten, sprach Borjans das vom Bundesrat mit den Stimmen der SPD- und Grün-geführten Länder gekippte Steuerabkommen mit der Schweiz an. „Ein gutes Ergebnis für ehrliche Steuerzahler, die aufatmen können.“ Der Einsatz sogenannter Steuerdaten-CDs, die zum guten Ergebnis beitragen sollen, musste selbstverständlich von SPD-Seite nicht begründet werden. Steuervermeidung durch Milliardäre und internationale Großkonzerne wie Apple müsse man entgegenwirken – oft und auch hier wiederholte Schlagworte. Es dürfe keinen Wettbewerb um beste Modelle zur Steuerhinterziehung geben. Auch das kam den Zuhörern bekannt vor. Dies habe Einnahmeverluste in Milliardenhöhe bei Bund, Land und Kommunen zur Folge. Schätzungen der Deutschen Steuergewerkschaft sprechen von mehr als dreißig Milliarden Euro jährlich hinterzogener Steuern.

    Der Name Martin Schulz durfte natürlich nicht fehlen, der sich in einer allseits empörten Gegenwart für eine gerechte Behandlung Steuern zahlender Bürger einsetzen, aber nicht als Wohltaten-Spender agieren wird. Es gehe – auch das kam bekannt vor – um  gerechte Verteilung von Steuerlasten, u.a. durch angemessene Beteiligung hoher Einkommen und Vermögen an notwendigen Zukunfts-Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Als Beispiel wurden die vierhundert Millionen Euro zitiert, die ursprünglich für die Flüchtlingshilfe eingeplant waren – Kosten, die inzwischen um ein Zehnfaches gestiegen sind.

    Gerecht, ungerecht, angemessen – die Sozialdemokraten setzen voraus, das jedem Bürger einleuchtet, was er darunter zu verstehen hat. Nach den demnächst anstehenden Landtags- und Bundestagswahlen wird man ihm Interpretationshilfen anbieten. Dann wird sich erweisen, wie weit etwas von der Realität entfernt ist. Jeder ist im Nachhinein duldsam, was eigene Fehleinschätzungen betrifft.

    Das Bonmot von den „starken Schultern“, die bei der Finanzierung gesellschaftlicher Aufgaben mehr leisten müssen als die „schwachen“, konnte in dem Zusammenhang nicht fehlen. Reiche Leute könnten sich einen armen Staat leisten, arme Leute jedoch keinen reichen Staat. Nicht Bundesfinanzminister Schäubles „schwarze Null“ sei der Maßstab, sondern das, was Handlungsfähigkeit garantiere. Das Land NRW benötige Gelder für notwendige Investitionen nicht seiner geografischen Größe wegen, sondern wegen der enormen Dichte der Städte und Gemeinden.

    Die anwesenden Partei-Oberen stellten im anschließenden Interview klar, dass sie den kommenden Belastungen gewachsen seien. Hans Willi Körfgens – Niederrheiner wie Borjans – hält sich joggend körperlich fit. Er könne mit großen Summen auf Landesebene umgehen, bestätigt er; im familiären Bereich verlasse er sich auf seine Frau, welche auf Ausgabe-Grenzen achte. Fraktionsvorsitzender Heinrichs ist nicht weniger sparsam, wenn er auch ein Bierchen mit Freunden nicht verachtet. Und der Minister? Der verweist auf seinen bescheidenen persönlichen Lebenswandel; den Begriff „Spießer“ dabei nicht negativ interpretierend. Eintrittspreise im Borussia-Park belasten ihn nicht, da er dem Kölner FC nahe steht. Um anwesende Borussen-Fans nicht zu vergraulen, verweist er flugs auf die gute alte Zeit mit Netzer, Berti Vogts und anderen Idolen, die ihm lieb und teuer waren.

    Die ausgleichende Gerechtigkeit bleibt an diesem frühen Abend nicht auf der Strecke. Ein Paradies der Perfektion wird ja nicht versprochen.

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  • Gewinner und Verlierer

    Gewinner und Verlierer

    Neue Erfahrungen sammelte ich, laute und leise. Neue musste ich den alten nicht unterordnen; ich konnte sie einbeziehen oder ihnen einen eigenen Platz einräumen. Manche Erfahrungen verliefen so lautlos oder indirekt, dass ich sie kaum wahrnahm. Jede war auf ihre Art bedeutend.

    Der bekannte Vergleich mit dem Glas Wasser, das man halb leer oder halb voll betrachten kann, lässt mich den positiven Aspekt hervorheben, wenn ich auch faden Nachgeschmack an die eine oder andere Begebenheit nicht leugnen kann.

    Ich war Gewinner und Verlierer – in Kindertagen, während der Studienzeit, in den Jahren des aktiven Priesterseins. Ich habe Unsicherheit und Anerkennung erlebt. Es gab Krisen, Demütigungen und Neuanfänge zu bewältigen. Ich habe Niederlagen erlitten und Siege errungen. Nicht immer gehörte ich zu den Gewinnern, an deren Erfolge man sich gern erinnert. Helden sehen anders aus als ich. An Superhelden, an denen man sich messen lassen muss, besteht in unserer Zeit kein Mangel. Zum Antiheld eigene ich mich allerdings auch nicht.

    Nicht immer lebte ich auf der Sonnenseite des Lebens,

    das nicht nur Erfolgsgeschichten für mich eingeplant hatte. Wahrscheinlich habe ich Einiges falsch, eine Menge auch richtig gemacht. Viele kleine Schrauben, die man in ein Brett zwängt, können eine ähnlich gute Wirkung haben wie wenige große. Das stimmt mich zuversichtlich.

    Meine Duldungs-Bereitschaft wurde getestet; sie stieß an Grenzen. Es ging nicht wie bei der Planwirtschaft zu: Das Risiko, Niederlagen zu erleiden, musste ich in akzeptieren. Mein Leben ist jedoch keine Anhäufung von Katastrophen, wenn sich auch manche Hoffnungen und Pläne zerschlagen haben. Die Reise durch meine Geschichte zeigt mir jedoch, dass ich mein Leben nicht begradigen muss.

    Sündenbock war ich, dem man eigene Enttäuschungen auflud. Prügelknabe wurde ich für das Versagen anderer. Menschen waren mir nahe, die mich förderten. Menschen erlebte ich, die mir Beschränkungen  auferlegten oder mich ihrer Doktrin zu unterwerfen suchten.

    Ich traf auf jene, die mir wohl gesonnen waren, und erlebte andere, die mir ihre Freundschaft aufkündigten. Es gab Verbündete, die für mich, und Skeptiker, die gegen mich stimmten. Es zeigten sich hauptberufliche Zweifler, die sich durch vornehme Zurückhaltung auszeichneten, wenn ich auf ihre Unterstützung angewiesen war.

    Ich musste mich von Menschen verabschieden, die von jetzt auf gleich nicht mehr zu meinen Freunden zählen wollten und mir ihre Zuneigung aufkündigten wie ein Theater-Abonnement.

    An vereinbarte und bewährte Vertraulichkeiten; an das, was wir ineinander investiert hatten, fühlten sich manche nicht mehr gebunden. Sie zweifelten daran, dass bei mir noch alles in Ordnung war. Sie ließen mich wie ein Fossil, wie ein Requisit am Wegrand zurück und zuckten ungerührt mit den Schultern.

    Mich verließen Menschen, deren Hoffnungen und Erwartungen ich nicht erfüllen konnte. Beziehungen erwiesen sich als kurzlebig wie Eintagsfliegen.

    Es kreuzten Verunsicherte meine Wege, die wie Kinder eine Hand vor die Augen hielten und meinten, sich so vor mir verbergen zu können. Ich sah mich genötigt, die Nähe von Menschen zu dulden, deren Weitsicht an der nächsten Straßen-Laterne endete.

    Nicht immer gelang es mir, die Contenance zu wahren und gelassen auf Zumutungen zu reagieren. Was ich für gut hielt, war nicht mehr gut, vielmehr das Gegenteil. Geduldsproben wurden mir abverlangt.

    Das Leben kann aus einer Ansammlung von Widersprüchen bestehen und dazu zwingen, unwägbare Wege zu gehen. Meine Lebenslinien verliefen zwischen Zuspruch und Widerspruch, zwischen Anerkennung und Aufbegehren. Die Diskrepanz hätte nicht größer sein können. Aber so wird es nicht nur mir ergehen.

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  • Gelingendes Leben

    Gelingendes Leben

    Ich habe einen anderen Weg gewählt als den vorhin beschriebenen. Meine Beheimatung in der Kirche werde ich nicht aufgeben.

    Auch andere Beziehungen sind nicht völlig erkaltet, sondern rücken neu ins Blickfeld. Zeiten, die geprägt waren von Anschuldigungen und Klagen, scheinen der Vergangenheit anzugehören.

    Feindbilder sind nicht verblasst, aber es deuten sich Kompromissbereitschaft, Friedenssignale und versöhnliche Töne an. Trennendes schwindet. Noch bewegen wir uns auf unsicherem Terrain. Es mag sein, dass wir uns mit einer schwarzen Null begnügen müssen. Auch das ist positiv.

    Geschichte und Geschichten haben mein Leben bestimmt, ein Wechsel vielfältiger Ereignisse. Auch das kann eine Form von Kontinuität sein, die gelingendes Leben ermöglicht.

    „Es gibt ein erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche.“ Dietrich Bonhoeffer hat das gesagt. Dem stimme ich zu. In mein Leben passt mehr hinein, als ich gedacht habe. Wenn die beste Zeit im Leben diejenige ist, die man gerade verbringt, bin ich dabei, ein erfülltes Leben zu leben.

    Um so zu leben, muss ich nicht Orte hinter den sieben Bergen oder am Ende der Welt aufsuchen, sondern kann den Platz vor meiner Haustür betreten. Dort bieten sich genügend Wirkungsmöglichkeiten.

    Der Rückzug vom Priesteramt hat mich nicht in  seelische Vereinsamung getrieben, wie mir prophezeit wurde. Ich bin kein Bruchpilot und befinde mich nicht im seelischen Vakuum.

    Dennoch erlebte ich Situationen, in denen ich nach dem bekannten Strohhalm suchte. Zeiten und Ereignisse haben mich nicht unberührt gelassen. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, unverwundbar und gegen alle  Widerstände immun zu sein. Dennoch bin ich resistent geworden gegen manche Widrigkeiten. Das bewahrt mich vor dem Schmoll-Winkel und sichert meine Bodenhaftung.

    Ich wollte und will niemanden vergraulen mit meinen Entscheidungen. Dass sich Menschen angegriffen fühlten oder glaubten, ich wolle für mich ein eigenes Glaubens- und Rechtfertigungs-System, eine eigene Normalität, ein privates Himmelreich schaffen, hat mich überrascht und geschmerzt.

    Ich fühle mich bedrängt, wenn Misstrauen gesät wird und mit am Tisch sitzt. Ich fühle mich nicht wohl, wenn Neid-Faktoren das zwischenmenschliche Verhältnis stören oder zerstören. Nichtsdestotrotz werde ich nicht in innere Emigration verfallen.

    Gedeih oder Verderb hängen nicht von priesterlichen Funktionen ab, die ich ausgeübt habe. Ich leide nicht an Mangelerscheinungen und muss mich nicht neu erfinden, um meinem Leben Sinn zu geben. Ich engagiere mich so, wie es meinen Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht.

    Jedoch genieße ich es, nicht immer und überall für etwas zuständig sein und deswegen handeln zu müssen. Ich bin kein Universalgenie. Mir steht kein Universal-Schlüssel für jede Tür zur Verfügung. Nicht alles, was krumm ist, muss ich gerade rücken.

    Ich lasse mich nicht treiben von Aktionismus und vorgeblichen Anforderungen, die mein preußisches Pflichtgefühl auf den Plan rufen. Ich bin nicht allein dafür verantwortlich, dass es überall auf der Welt mit dem Leben besser wird. Ich muss nicht die Welt retten oder voranbringen, sie vor allem nicht jenen erklären, denen ihre eigenen Erklärungsversuche ausgegangen sind.

    Leidensdruck empfinde ich nicht, wenn ich mich rar mache. Während meiner priesterlichen Dienstzeit habe ich das nicht immer beherzigt. Ich muss nicht jeden Augenblick meines Lebens so planen und organisieren, als sei er der letzte.

    Ich erlaube mir, unbeschwerte Momente zu genießen und auf etwas zu verzichten, was angeblich wichtig für mich ist. Auszeiten helfen mir, frei zu bleiben. Wenn eine Pflanze überdüngt wird, lässt sie die Blätter hängen. Das gilt auch für mich.

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