Autor: Peter Josef Dickers

  • Ein leeres Bücherregal

    Ein leeres Bücherregal

    Vor meinem Antrag auf Laisierung suchte ich einen priesterlichen Freund auf, der ebenfalls den Dienst aufgegeben und geheiratet hatte.

    Alle Spuren vergangener Jahre schienen beseitigt. In seinem Bücherregal entdeckte ich nichts, was auf seine Beziehung zu Kirche und Glauben schließen ließ. Kein Hinweis auf den theologischen Überbau jener Jahre, in denen er seine Glaubensüberzeugung und seine ihm eigene Spiritualität gelebt hatte. Was ihn und andere betraf, verstand er von seinen Glaubensüberzeugungen her zu begründen.

    Immer wirkte er zufrieden und ausgeglichen. Jetzt stand seine Wohnung leer – leer, was seine Geschichte betraf. Hatte er mit sich gerungen, ob sein Gott, ob seine Kirche, ob Glaubensinhalte ihm den richtigen Weg gewiesen hatten? Waren Botschaften, die ihn geprägt hatten, zerschellt an den Realitäten des Lebens? Hatten für ihn gültig gewesene Glaubens- und Lebensformeln ihre Überzeugungskraft eingebüßt?

    Vielleicht fühlte er sich nicht mehr heimisch unter Kirchendächern. Nicht finstere Mächte müssen über ihn hereingebrochen sein, nicht beängstigende Statistiken ihn zermürbt haben, sondern alltägliche Begebenheiten.

    Als er neue Antworten auf seine Fragen gefunden hatte, trennte er sich von allem und ging neue Wege. Sein Ich hatte sich gemeldet.

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  • Versöhnliche Zeichen

    Versöhnliche Zeichen

    Der Bischof, in dessen Diözese ich seit der Laisierung wohne, schickte mir und meiner Frau Grüße zum Weihnachtsfest. Wir existierten für ihn, wenn es auch zum persönlichen Dialog zwischen uns nicht kam. Er nahm zur Kenntnis, dass es Priesterfamilien gibt, und missverstand sie nicht als Komplott Unzufriedener. Insofern rüttelte er, wenn auch verhalten, an einem Tabu.

    Ein Damenprogramm für Frauen verheirateter Priester wird es aller Voraussicht nach in absehbarer Zeit nicht geben. Der Bischof befindet sich inzwischen im Ruhestand. Welche Pläne sein Nachfolger hat, ist nicht voraussehbar.

    Der Vorgänger des genannten Bischofs lud aus dem Amt geschiedene Priester zum Gespräch untereinander und mit ihm ein. Der Bischof einer anderen Diözese organisierte einen „Ehemaligen-Treff“ für Priester, die ihr Amt aufgegeben hatten. Unverschlüsselte Signale, versöhnliche Zeichen, die zugefügte oder empfundene Verletzungen, Verdächtigungen, Polarisierungen und Konfrontationen, überwinden helfen. Die gemeinsame Landkarte ist nicht zerrissen.

    Vorurteile, Unversöhnlichkeit, gepflegte Ratlosigkeit helfen nicht weiter. „Jedes Ding muss Zeit zum Reifen haben“, heißt es bei William Shakespeare. Zeit ist auch hier vonnöten. Wahrscheinlich keine Nachricht, die Schlagzeilen macht. Vielleicht kaum wahrnehmbare Schritte zu einem zukunftsfähigen Bild vom Umgang der Kirche mit ihren Priestern. Aber auch kleine Schritte führen zu gegenseitigem Verstehen.

    Oder ist der zaghafte weiße Rauch realitätsferne Vision? Ein persönliches Maß an Demut und Bescheidenheit, Nachsicht und Gelassenheit, Einsicht in eigene Unzulänglichkeiten auf beiden Seiten können Brücken bauen. Ob in nicht zu ferner Zukunft Wunsch und Wirklichkeit übereinstimmen werden?

    Zu einem besonderen Anlass schrieb ein Freund mir ein paar Zeilen und verglich das priesterliche Leben mit dem Leben eines Baumes. „Ein Baum weiß, dass die Narben und Risse an seinem Stamm ihre Geschichte haben, die ihn geduldiger, verständiger, reifer und älter werden ließen.“

    Das Bild nehme ich für meine Lebensgeschichte in Anspruch. „Ein Zweig, der sich biegt, bricht nicht“, ergänzt man in Japan.

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  • Nein-Sager

    Nein-Sager

    Braucht die Kirche eine Neuorientierung hinsichtlich des Priestermangels?

    Nein, sagt ein Kardinal. Das Thema sei so oft diskutiert worden, dass alte Argumente nicht wiederholt werden müssten.

    Nein, sagt ein Generalvikar. Kontraproduktiv sei der Aufruf dazu.

    Nein, sagt ein Abgeordneter. Er entdeckt plötzlich Nichteinmischungsklauseln und plädiert für das Prinzip, sich aus innerkirchlichen Angelegenheiten herauszuhalten.

    Welcher Geist der Furchtsamkeit, welche kollektive Angst hält die Nein-Sager gefangen? Ist der Geist der Zuversicht im Gestrüpp kirchlicher Paragraphen stecken geblieben?

    Wer will dem Präsidenten des Deutschen Bundestags widersprechen, den „die fröhliche Gleichgültigkeit nervös macht“. Dürfen Glaubwürdigkeitsdebatten nicht   unabhängig davon geführt werden, wie oft ein Thema diskutiert wurde?

    Erinnert man sich an die Rede von Papst Johannes XXIII. anlässlich der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils? Man wolle auf veränderte Situationen und Lebensformen Antworten suchen, versprach er. Vom „aggiornamento“ war die Rede: Man müsse sich der Gegenwart stellen.

    Damit richtete sich der Papst auch gegen kirchliche Beton-Strukturen, gegen tödliche Unbeweglichkeit, gegen klerikale Alleinvertretungsansprüche, gegen Vergangenheits-Propheten, welche die Persistenz alter Ordnungen und Verordnungen verteidigen.

    Hat das Kirchenvolk kein Recht, kritische Fragen zu stellen und authentische Bedürfnisse anzumelden, wenn „tua res igitur“ – wenn es „um seine Sache geht“, wie der römische Dichter Horaz vor zweitausend Jahren formuliert hat?

    Darf es nicht jene mit Fragen konfrontieren und sich ihnen widersetzen, wenn sie mit offenen Augen nichts sehen? Darf es nicht jenen entgegen treten, die nicht verstehen, dass andere sie nicht verstehen?

    Darf sich nicht Widerspruchsgeist regen, wenn heute Entscheidungen von gestern für vorgestern getroffen werden?

    Haben engagierte Christen widerspruchslos zu applaudieren, wenn Oberhirten mit einem „Wir-wissen-es“ auf Hoheitsansprüche pochen?

    Dürfen sich Christen heute nur an Gewissheiten von gestern orientieren, an einer angeblich christlicher geprägten Vergangenheit?

    Meine Entfernung vom priesterlichen Dienst, die im Gesuch um Laisierung kulminierte, hatte sich nicht unabhängig ergeben von einer obrigkeitshörigen, rückwärts gewandten Kirche bzw. einigen ihrer Dienstboten.

    Ein Märchen der Gebrüder Grimm erzählt von der Heckentür. Die Mutter untersagte ihren Kindern, diese zu öffnen und das Haus zu verlassen. Eines Tages brechen die Kinder aus der Behütung aus, nehmen aber die Heckentür mit. Als sie in Gefahr geraten, klettern sie auf einen Baum, von dem aus sie die Heckentür herunter werfen.

    Mut gehörte dazu. Mut war ihnen nicht in die Wiege gelegt worden. Sie mussten sich dazu durchringen und abschätzen, was sie sich zutrauen konnten. Zivilcourage gehörte dazu, um die Dominanz der Unterordnung zu durchbrechen.

    Ich mische mich nicht ein. Ich wasche meine Hände in Unschuld. So verteidigte sich der Statthalter des römischen Kaisers und verurteilte Jesus zum Tode. Das persönliche Image, gute Beziehungen, die Karriere hätten Schaden nehmen können.

    Die Wirklichkeit musste den Bedürfnissen angepasst werden. Einen Ruf, das Gute im Schlechten zu sehen, sich als Wetterfahne zu zeigen, nahm er in Kauf. Er spürte, woher der Wind wehte, wollte aber selbst keinen Wind erzeugen.

    „Veni creator spiritus – Komm, Heiliger Geist“. Der aus dem 9, Jahrhundert stammende Hymnus hat Einzug in die Pfingstliturgie der Katholischen Kirche gehalten. Ob dieser Flügel verleihende Geist auch jene erreicht, die das Sagen in der Kirche beanspruchen?

    Fragen seien nie indiskret, nur Antworten bisweilen. Der irische Schriftsteller Oscar Wilde sagte das.

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  • Oberhirtliche Vertröster

    Oberhirtliche Vertröster

    Priester gesucht. Die Katholische Kirche hat ein Problem. Zu dem Problem habe ich beigetragen mit meiner Laisierung. Gestandenen, verheirateten Männern, „viri probati“, soll der Weg zum Priestertum geebnet werden. Die Idee ist nicht neu. Sie wurde neu belebt durch Politiker, die ihrer Kirche ins Gewissen redeten.

    Machbares in die Wege zu leiten, forderten die Politiker in ihrem Brief an die deutschen katholischen Bischöfe. Man solle erneut über die Weihe verheirateter Männer zu Priestern nachdenken und den Vatikan zu einer Lockerung der Zölibatspflicht bewegen.

    Für den Pflicht-Zölibat gebe es weder zwingend theologische Notwendigkeiten, noch biblische oder praktische Argumente. Bisher beschäftige sich der Vatikan mit dem Problem in einer Weise, die diesem nicht gerecht werde.

    Die Orthodoxe Kirche des Ostens hat nie den Pflicht-Zölibat eingeführt. Verheiratete Priester der Anglikanischen Kirche, die zur Römisch-Katholischen Kirche übertreten, bleiben verheiratet und dürfen ihr Priesteramt in der römisch-katholischen Kirche ausüben.

    Ein verheirateter Familienvater wurde zum Priester geweiht. Der Neupriester war, bevor er zum katholischen Glauben konvertierte, ordinierter evangelischer Geistlicher und Hochschullehrer für Evangelische Theologie. Papst Benedikt erteilte für seine Weihe zum Priester eine Ausnahmegenehmigung und stellte ihn von der Zölibatspflicht frei – „für die Dauer der bestehenden Ehe“.

    In der Kirche der Zukunft werde es neue Formen des Amtes geben, wird Papst Benedikt zitiert, als er noch Professor war. Er argumentierte, in einer Kirche der Zukunft könne er sich bewährte Christen, die im Beruf stehen, als Priester vorstellen.

    Warum dann nur den „viri“, den Männern diese Möglichkeit bieten? Hat die Kirche kein weibliches Gesicht?

    Papst Franziskus, der Nachfolger Benedikts, stellte in einem Interview fest, die Kirche könne nicht sie selbst sein ohne die Frauen und ihre Rolle. Frauen seien für die Kirche unabdingbar. Weiblicher Genius sei nötig an Stellen, wo wichtige Entscheidungen zu treffen seien.

    Franziskus will Fesseln lösen. Ob seine Worte auf fruchtbaren Boden fallen oder am Wegrand verdorren, weil sie gegen Konventionen verstoßen?

    Wie reagierte die Deutsche Bischofskonferenz auf den Politiker-Aufruf? Sie mahnte zur Geduld. Sie entdeckte ihr Bremspotential und sah weder Handlungs- noch Diskussionsbedarf. In den kommenden Jahren werde es Gelegenheit zum Nachdenken geben, wiegelten die Bischöfe ab.

    Die Bischöfe kennen sich aus mit Ausweich-Strategien und scheinen die Kunst des Nichts-Sagen-Müssens zu beherrschen. Ob sie davon ausgingen, dass sich der Trend ins Gegenteil verkehrt und eine neue Priester-Flut bevorsteht? Mit einer solchen Prophezeiung würden sie in einer nicht von allen wahrnehmbaren Welt leben.

    Die Bischöfe sprechen sich für Harmonie aus. Sie halten die reine Lehre hoch und setzen auf ein sich selbst genügendes System Kirche. Sie müssen nicht reagieren auf Bedürfnislisten von draußen und nicht auf unangenehme Forderungen eingehen.

    Sie wollen nicht die Uhr zurückdrehen, halten es aber für opportun, den Fuß vom Gas zu nehmen. Behüter und Verhüter, Tröster und Vertröster, die auf die   Allgemeingültigkeit bisher gültiger Zustände setzen. „Alles wird gut für den, der warten kann“, wusste der russische Schriftsteller Tolstoi. Viele Bischöfe und ein Schweigekartell sakrosankter Autoritäten würden ihm wahrscheinlich zustimmen.

     

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  • Blick über den Tellerrand: P.J. Dickers Gedanken zur Situation in Rumänien

    Blick über den Tellerrand: P.J. Dickers Gedanken zur Situation in Rumänien

    Rumänen setzen auf uns

    Die gegenwärtige Unruhe-Situation in Rumänien lässt mich nicht unberührt.
    Auf etlichen Donaureisen als Lektor auf Flusskreuzfahrtschiffen bin ich wiederholt nach Rumänien gekommen und werde im April erneut nach dort unterwegs sein.
    Ich weiß von rumänischen Hausangestellten in unserer Stadt. Ich habe rumänisches Personal in hiesigen Krankenhäusern  erlebt.
    Rumänien ist nicht  „weit hinten auf dem Balkan“, sondern uns nahe. Dass Peter Maffay rumäniendeutscher Herkunft ist; dass die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller und der amtierende rumänische Präsident Klaus Johannis einer ehemals großen Rumänien-Deutschen-Minderheit entstammen; dass Günter Bosch und Ion Tiriac Rumänen sind, die mit Boris Becker deutsche Tennis-Geschichte geschrieben haben, mag nur am Rande interessieren. Aber sie und viele andere Personen machen bewusst, dass wir hellhörig werden müssen.

    Rumänen gelten als „schlitzohrig – şmecher“. Man könne alles erledigen mit Bestechung, wird unterstellt.
    Korruption habe mit einer Mentalität zu tun, die sie von den Türken übernommen hätten, entgegnen Rumänen; Begriffe wie „Korruption“ würden  der türkischen Sprache entstammen. Vielleicht demonstriert sie auch nur den rumänischen Selbsterhaltungstrieb.
    Unser Rumänien-Bild ist negativ geprägt. Viele Berichte und Reportagen haben dazu beigetragen. Dass wir im wohlhabenden Westen zumindest unbewusst daran mitwirken, übersehen wir.

    Es wird in unserer Stadt für Siebenbürgen gesammelt. Die Menschen dort sind dankbar für dieses Engagement, denn die Hälfte der rumänischen Bevölkerung lebt in Siebenbürgen. Aber das kulturell und wirtschaftlich aufblühende Siebenbürgen mit seinem funktionierenden Sozialgefüge und der europäischen Kulturhauptstadt von 2007 Sibiu (Hermannstadt) ist nicht gleichzusetzen mit dem Rumänien der Großen Walachei im Süden. Sie ist das rumänische Armenhaus, ausgenommen die zur Walachei gehörende Hauptstadt Bukarest. Dort vor allem regt sich jener Geist, der die Menschen wie zum Ende der Ceaușescu-Ära auf die Straße treibt und Verwandte und Freunde in aller Welt und auch in Deutschland in Unruhe versetzt.

    Die Wende in Rumänien war die gewaltsamste in Europa, bis Ceaușescu 1989 hingerichtet wurde. Wesentlich verbessert hat sich das Leben für viele Rumänen seitdem kaum.
    Ein Artikel im SPIEGEL (Juli 2015) spricht von einer Arbeitsteilung in Westeuropa: „Wo keine gebildeten Kräfte, sondern Ungebildete, Kräftige gebraucht werden, rufen Arbeitgeber nach Rumänen. Ohne Rumänen stünden Schlachthofbetreiber allein mit ihren Schweine-Hälften. Den deutschen Bau- und Ausbauboom könnte man vergessen ohne Rumänen.“ Es folgt die ernüchternde Aussage: „Abhauen von zu Hause ist das Rumänischste, was man machen kann.“

    Wenn ich auf Donau-Schiffen unterwegs bin, muss ich an solche Sätze denken. Auf komfortablen Schiffen zu komfortablen Preisen arbeiten relativ junge Leute aus Rumänien, Bulgarien, Ungarn oder Serbien gegen ein vermutlich nicht so komfortables Entgelt. Dass sie sich eine in ihrem Sinn gerechtere Perspektive wünschen, kann ich verstehen. Diese Perspektive wünschen sie sich vor allem und zunächst bei sich daheim. Dort sind sie nach wie vor teilweise willkürlichen Beschäftigungsmaßnahmen ausgesetzt.

    ZEIT ONLINE (1. Juli 2016) berichtet von sog. philippinischen Nannys, die bei reichen Rumänen begehrt seien, weil sie als streng katholisch, fleißig und treu gelten. Während rumänische Niedriglöhner in Deutschland arbeiten, holen sich reiche Rumänen ihre Haushaltshilfen von den Philippinen. Hinter der glänzenden Fassade verstecke sich oft eine Geschichte von Ausbeutung und Missbrauch. Zur Verbreitung dieses Trends habe der frühere Ministerpräsident Ponta beigetragen, der in einem Interview zugab, eine „fleißige Philippinerin“ als Nanny für seine Kinder zu beschäftigen. Frauen arbeiten als Gastarbeiterinnen in einem Land der ausgewanderten Gastarbeiter, heißt es in dem Artikel.

    Korruption ist weder ein rumänisches noch ein türkisches Problem.
    Mich schrecken obige Meldungen auf. Sie zwingen mich darüber nachdenken, was ich tun kann, dass es dort, wo ich bin, menschenwürdiger und gerechter zugeht.
    Rumänen in Deutschland, Rumänen in Mönchengladbach fühlen sich wohler, wenn sie auf unsere Fürsprache und tätige Unterstützung setzen können. Dazu ist es nicht zu spät.

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  • Service gefragt

    Service gefragt

    „Fast-Food-Ketten auf der Suche nach neuen Ideen“ las ich in einer Pressenotiz. Alte Geschäftsmodelle müssten geändert werden, um am Fast-Food-Markt auf Dauer bestehen zu können – so die Begründung. Kirchliche Zukunftsplaner werden das lesen und zur Tagesordnung übergehen.

    Andere Geschäftsmodelle sind es nicht, die den Fortbestand von Kirchen garantieren. Aber besagte Schnell-Restaurants konkretisieren ihre Überlegungen mit der Planung, die Filialen u. a. mit Kaffee-Bars auszurüsten, die zum Verweilen einladen. Muss das nicht hellhörig machen?

    Wie wäre es, wenn man kirchliche Räume nicht nur zum Gottesdienst „aufsuchen“, sondern in ihnen „verweilen“ könnte? Mehrzweckhallen mit religiösem Design eignen sich dazu nicht.

    „Der Service macht den Unterschied“, betont ein modernes Industrie-Unternehmen und fügt hinzu: „Service-Leistungen sichern Wettbewerbsvorteile und steigern den Umsatz.“ Können solche Erkenntnisse nicht auch Ansporn zum Handeln werden für das „Unternehmen Kirche“?

    Religion kommt Sozialkompetenz zu. Sie schafft und fördert Gemeinschaft. An einer deutschen Universität wurde ein Raum für „konfessionslose Sakralität“ eingerichtet. An manchen Flughäfen gibt es Gebets- oder Andachtsräume, in die sich Reisende vor bzw. nach Flügen zurückziehen können. „Unsere Flughafen-Kapelle ist ein moderner christlicher Andachtsraum. Hier finden Sie eine Oase der Ruhe in der Hektik des Flughafens. Ihre Anliegen können Sie in das Gäste- und Gebetsbuch eintragen. Für Ihre Andacht liegen eine Bibel und Gebetstexte aus.“ Wäre unsere Gesellschaft religiös völlig indifferent, wäre dieses Airport-Angebot  überflüssig.

    Verschlossene Kirchenräume können andererseits einer unzeitgemäßen Kirchenromantik entgegen wirken. Die Kirchen müssen sich von Besitzständen trennen. Sie müssen sich lösen von Aufgaben, für die sie sich einmal zuständig hielten.

    Auch Familien kennen das. Wenn Kinder aus dem Haus gehen, stehen die Kinderzimmer leer und bieten Platz, sie anders zu nutzen..

    Auch aus dem Haus „Kirche“ sind Kinder ausgezogen. Ich kann das nachvollziehen, da auch ich „umgezogen“ bin.  Wenn ich jedoch auf Kreuzfahrtschiffen Reisende mit meinen Texten konfrontiere, hören sie bald heraus, wer ich bin und woher ich komme. Sie spüren, dass ich immer noch da zu Hause bin, wo ich als Seelsorger gewesen bin. Es öffnen sich Augen und Ohren für Gespräche und Begegnungen, die über das allein Horizontale im Leben hinausgehen.

    Müssen wir nicht überdenken, was den Menschen dient, ehe Kirchen abgerissen oder zu Wellness-Oasen umfunktioniert werden? Besteht nicht Anlass, die Kirchen um mehr und andere Formen von Service zu ersuchen?

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  • Schiffe versenken

    Schiffe versenken

    Das Umfunktionieren von Kirchen bietet sich an als lukratives Geschäftsmodell. Über Abrissprämien wird spekuliert. Indien und Pakistan bieten Abwrackstrände auf den Weltmeeren für nicht mehr verwendungsfähige Schiffe an.

    Die Gunst der Stunde könnte man nutzen. Es werden nicht nur Kirchen, sondern auch Einkaufszentren, Postämter, Krankenhäuser und Schulen überflüssig. Das Jedermann-Spiel vom Sterben des reichen Mannes erlangt aktuelle Bedeutung.

    Geschäftsführende Gesellschafter einer Wohnbau-Gesellschaft preisen den Umbau einer Kapelle zu Wohnungen als Juwel an. Künftigen Bewohnern wird das Flair eines historischen Kreuzgewölbes im Obergeschoss verheißen.

    „Luxusquartier statt Beichtstuhl“ heißt das Projekt. Kulturbauten werden einer neuen, wirtschaftlich und gesellschaftlich angemessenen Nutzung zugeführt. Sensibler Umgang mit sakraler Bausubstanz ist garantiert.

    Vorbilder gibt es in den Niederlanden. In der alten romanischen Kirche einer ehemaligen Festungsstadt ist der „schönste Buchladen der Welt“ eröffnet worden. Aus anderen Kirchen wurden Modegeschäfte, Hörsäle, Museen. Noch scheut sich die Amtskirche hierzulande, den Leerstand von Kirchen durch Abriss zu reduzieren.

    Ist einem Abbruch-Unternehmen Kirche, das „Schiffe versenken“ praktiziert, Pfarreien fusioniert und soziale Einrichtungen schließt, bewusst, dass Menschen durch solche Maßnahmen ein Stück Heimat, ein Stück Himmel verloren geht?

    Sind Kirchen keine Orte, an denen Menschen Antwort suchen auf Fragen nach dem Sinn ihres Lebens? Sind sie keine Orte, an denen Glaubende gestaltete, vertraute Räume ihres Glaubens antreffen möchten? Sind sie keine Orte, an denen Glaubende und Zweifelnde jemandem ihre Geschichten vom Scheitern und Hoffen bekennen oder zuflüstern können? Sind sie keine Orte, an denen Bedrängte Schutz und Zuflucht zu finden hoffen? Sind sie keine Orte, an denen Christen sich zu Hause fühlen können?

    Gelegenheit macht Kirche. Ich kenne Menschen, die Kirchen „auf’s Dach klettern“; Menschen, die einen Kirchturm besteigen und die Aussicht auf Stadt oder Dorf genießen; Menschen, die eine Kirche in erster Linie als Kunst-Werk verstehen und die Harmonie der Backstein-Gotik bewundern.

    Sind das nicht Menschen, um derentwillen es lohnen kann, Kirchen am Leben zu halten?

    Von Krisen reden wir – Bankenkrisen, Schuldenkrisen, Wirtschaftskrisen, Glaubenskrisen, Vertrauenskrisen. Es gibt unterschiedliche Wege, Krisen zu bewältigen. Lösungsansätze können an Orten beginnen, an denen Menschen Mut schöpfen, sich auf den Weg zu machen. Ob sich dazu Kletterparadiese eignen? Das Verlangen und die Suche nach religiösem Halt  enden nicht vor verschlossenen Kirchentüren oder umfunktionierten Gotteshäusern.

    Warum denken die Kirchen nicht darüber nach, ob und wie sie Räume, die sie glauben aufgeben zu müssen, auf andere Weise mit Leben füllen können? Können sie nicht verstehen, dass jemand, der in einer bestimmten Kirche getauft wurde, zur Kommunion ging, gefirmt wurde, geheiratet und gebetet hat, nicht Pizza oder Hamburger essen möchte?

    Können Kirchenobere nicht nachvollziehen, dass man seine Verbundenheit mit der Institution Kirche auch dann aufrecht erhalten kann, wenn man, aus welchen Gründen auch immer, in kritische Distanz zur amtlichen Kirche oder zu einer konkreten Gemeinde getreten ist?

    Es könnte solchen Menschen wie mir ergehen. Ich habe mich von etlichen Formen und Inhalten kirchlichen Lebens und Tuns gelöst. damit aber nicht alle Türen dahin verriegelt. Man kann mir ein „Sie dürfen nicht“ entgegen rufen. Das wird aber nicht zur Folge haben, dass ich das Kirchenschiff versenke und es in irgendwelchen Fluten untergehen lasse.

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  • Im Kletterparadies

    Im Kletterparadies

    Eine Kirche, in der kein Gottesdienst mehr gefeiert wird und keine Gemeindearbeit stattfindet, wurde zur Kletterkirche umfunktioniert. Der Sakralbau sollte nicht zur Investitionsruine verkommen und zum Überbleibsel einer vergangenen Epoche werden.

    Wo Vaterunser zum Himmel geschickt wurden, können sich jetzt geübte und neugierig gewordene Kletterer an der Vaterunser-Route versuchen. „Vater unser im Himmel“ Die Route führt hoch hinauf. Höhen bis zu dreizehn Metern fordern heraus. Ängste müssen ausgeblendet werden.

    Im Gastronomiebereich haben Besucher die Möglichkeit, etwas verzehren. Sie bestaunen die Himmelsstürmer oder verrichten Stoßgebete, damit die Kletterer heil auf dem Kirchenboden landen.

    Ein Workshop wird angeboten über bzw. gegen die „Angst beim Klettern“. Voraussetzung für eine Kletter-Teilnahme ist ein sicherer Vorstieg im oberen fünften Schwierigkeitsgrad. Ängste werden nicht verheimlicht: Je höher eine Route hinaufführt, desto größer die Sorge, für immer die Bodenhaftung zu verlieren.

    Klettern hat, so scheint es, religiös-himmlische Dimensionen. Klettern als  Hotline zum Himmel. Dort wird man sich wundern und fragen, welche Zeiten in der Kirche angebrochen sind. Man wird nachsinnen über die Menschen mit ihrer Suche nach zeitgemäßen Kommunikationsmöglichkeiten mit himmlischen Mächten.

    Wenn sich Interessierte zu Videospiel-Veranstaltungen treffen, sind es so viele, dass die Veranstalter regulierend eingreifen müssen. Ist das ein Zeichen dafür, dass des Menschen wahrer Himmel einen Ortswechsel vollzogen hat?

    In Tempeln, in denen nach herkömmlicher Art Gottesdienst gefeiert wird und die Eucharistie im Mittelpunkt steht, bleiben in der Regel viele Plätze frei. Die neuen Tempel mit ihrer Popcorn-Stimmung melden dagegen „Ausverkauft“. Liegt es an den Tempeln, an den Menschen, an den Göttern, an den neuen Heilsbringern?

    Wenn in Tempeln von heute geklettert und gewellnest wird, brauchen wir dann noch herkömmliche Tempel? Für religiöse Events nicht. Für Katholikentage oder Evangelische Kirchentage stehen Marktplätze und Fußballstadien zur Verfügung. Des Kirchenvolkes Wille ruft dann nicht nach engen Kirchenräumen, sondern nach frischer Luft.

    Ich habe in Tempeln bisheriger Art Gottesdienst gefeiert: An Feiertagen, wenn kaum ein Platz frei blieb im großen Kirchenraum. An Werktagen um sechs Uhr in der Frühe, wenn sich eine Hand voll Leute mit mir zur Eucharistiefeier zusammenfand. Sie kamen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen. Sie kamen, weil ihnen der Ort etwas bedeutete. Brauchen wir noch solche Tempel?

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  • O Franziskus

    O Franziskus

    Der sparsame Applaus deiner Mitbrüder und ihr gequältes Lächeln werden dir nicht entgangen sein, Heiliger Vater. Ein Wohlfühl-Programm und gute Wünsche hatten sie erwartet, als sie sich um dich geschart hatten und nicht nur an die Zukunft der Kirche, sondern auch ein wenig ans eigene Frohlocken dachten.

    Es ist noch nicht lange her, dass dich deine ehemaligen Kollegen im Bischofsamt zu ihrem Chef wählten. Dass sie sich in den vergangenen Monaten Kritisches zur Lage der Kirche im allgemeinen und zur Vatikanischen Bürokratie im besonderen anhören mussten, haben sie dir im Stillen verziehen.

    Die meisten werden verstehen, dass deine in ihren Kreisen ungewohnte Bescheidenheit dahinter steckt, mit der du das päpstliche Amt verwaltest. Sie tun sich noch schwer damit, aus ihrer Verwunderung über Deine Regentschaft Bewunderung werden zu lassen. Ihre Bereitschaft, dich zu verstehen, muss wachsen. Dass dein Verhalten lediglich Strategie ist, werden sie dir nicht unterstellen.

    Was sollen die ehrwürdigen Mitbrüder denken, wenn du, wie sie es empfinden, in ihr beschauliches Leben Unruhe hineinbringst und ihre unerschütterliche Gelassenheit in Frage stellst? Sie sagen nicht „Du darfst das nicht“, weil sie dir Gehorsam gelobt haben; aber du machst sie einigermaßen sprachlos.

    Ihre körperliche und geistige Verfassung hast du angesprochen. Von den Problemen, die du erwähntest, werden sie nie gehört haben. Oder sie nehmen an, dass nicht sie, sondern andere gemeint waren. Ein Bündel zukunftsträchtiger Verheißungen hast du ihnen nicht geschnürt.

    Wie sollen sie begreifen, dass du sie vor spirituellem Alzheimer warnst? Sanctus Spiritus – der Heilige Geist ist ihnen natürlich vertraut. Der Erleuchtung durch ihn sind sie sich bewusst und sicher.

    Jetzt verbindest du das übernatürliche Gnadengeschenk mit einer Krankheit des Vergessens. Mag sein, dass sie schon einmal vergaßen, ihr Gebetbuch mit in den Petersdom zu nehmen. Aber sich nicht daran zu erinnern, dass nicht sie für das Heil der Menschen zuständig sind, sondern ihr göttlicher Meister im Himmel, halten sie für ausgeschlossen.

    Sie tragen nicht immer leicht an der Verantwortung, die ihnen aufgebürdet wurde. Daher vertrauen sie darauf, dass du über mögliche Schwächen nachsichtig hinweg siehst. Sie möchten auch in Zukunft Pluspunkte bei dir sammeln und an die heile Welt glauben, in der die alten Regeln gelten.

    Ist dir die Verunsicherung aufgefallen, die sich bei ihnen breit machte? Manche empfanden deine Worte als Spießrutenlauf. Andere hielten sie für einen bösen, nächtlichen Traum. Totenstille herrschte in ihren Reihen, als du sprachst. Kaum wagten sie, zu dir aufzuschauen; wahrscheinlich aus Sorge, du könntest jemanden persönlich gemeint und Anzeichen geistiger Erstarrung festgestellt haben.

    Von Rivalität und Eitelkeit hast du gesprochen. Sie konnten nicht gemeint sein. Lao-Tse, chinesischer Weiser und Philosoph, hat Ähnliches vor vielen hundert Jahren geäußert und mit der Mahnung verknüpft, wer sich auf die Zehen stelle, stehe nicht fest auf dem Boden.

    Nein, werden die ehrwürdigen Mitbrüder gedacht haben, wenn ihnen Beifall und Bewunderung zuteil wird, dann als verdiente Belohnung für das, was sie geleistet haben. Wer sie Wichtigtuer nenne, wisse zu schätzen, dass sie Wichtiges vollbracht hätten. Auf Eitelkeits-Trophäen legen sie keinen Wert.

    Dass ihre außerordentlichen Tätigkeiten auch in der Kleidung und durch angemessene Auszeichnungen hervorgehoben werden, verstehst du, Franziskus. Du weißt, wie bescheiden und zurückgezogen deine bischöflichen Brüder ihren priesterlichen Alltag verbringen. Dennoch wirst du verstehen, dass sie sich ihrer Bedeutung eher bewusst sind, wenn andere  registrieren, dass ihnen ein Würdenträger begegnet. Sendungsbewusstsein und Selbstbewusstsein sind intakt. Du wirst es ihnen nachsehen.

    Heiliger Vater, sie werden deine Worte als geschickt verpacktes Lob verstanden haben. Frag sie nicht, ob sie dich schätzen und respektieren. Es könnte ihnen Mühe bereiten, ihre Gedanken in Worte zu fassen. An deine blumige, durch deine argentinische Heimat geprägte Sprache müssen sie sich erst gewöhnen – auch an die ungewohnten Maßstäbe, die du anlegst bezüglich ihrer Integrität und Loyalität.

    O Franziskus, vielleicht waren sie überfordert. Nie zuvor gehörte Botschaften waren das für sie. In ihrem Alter schaffen sie es nicht schnell, von Gewohnheiten vergangener Zeiten Abstand zu nehmen. Ballast über Bord zu werfen, sich auf Wesentliches zu konzentrieren – solche Anforderungen sind neu. Du wirst Geduld mit ihnen haben müssen..

    Irritiert waren sie, als du von der Geschwätzigkeit sprachst. Wenn sie dir zuhören, können sie sich nicht gleichzeitig darüber austauschen, wer demnächst den Kardinalshut empfangen und in der vatikanischen Hierarchie nach oben steigen wird. Sie suchen  mitbrüderlichen Kontakt, um Antworten auf ihre Fragen zu finden. Zudem wollen sie nicht, das sage ich im Vertrauen, rat- und tatenlos zuschauen, wie du die Kirche entrümpelst und Bewährtes zur Disposition stellst.

    Heiliger Vater habe ich dich genannt. Wie lange wirst du dich so betiteln lassen? Ist es dir lieber, wenn ich „Lieber Mitbruder“ sage? Ob du diese Anrede auch den um dich gescharten Eminenzen empfiehlst, musst du entscheiden. Bis zur nächsten Ansprache hast du noch Zeit. Wenn du dann noch Papst bist, werde ich sehen, wie weit dein Entrümpeln gediehen ist.

    Ich weiß, dass es vermessen erscheint, von mir zu reden. Zwölf Jahre habe ich treu meinen Dienst getan. Eine lange Zeit, wenn du sie einplanen musst auf dem Stuhl Petri. Aber bedenke, du hast eine Menge Arbeit vor dir. Ich wünsche dir Durchhaltevermögen und viel Glück.

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  • Gegen den Status quo

    Gegen den Status quo

    Ich muss nicht den Zwiespalt ertragen zwischen persönlichen Vorstellungen hinsichtlich der Gestaltung von Liturgie und Seelsorge sowie organisatorischen, administrativen Zwängen, mit denen Priester und Gemeinden konfrontiert werden.

    Nach wie vor stößt man auf verschiedene Strömungen zwischen Wandel und Bewahrung: Für die Nostalgie-Vertreter muss alles bleiben, wie es ist. Sie klammern sich an ein „Es war immer so“, auch wenn Traditionen zerbröselt sind.

    Für andere, die den Zeitgeist testen, geht es nicht schnell genug mit tief greifenden Veränderungen; zumindest drängen sie auf eine Versöhnung von Tradition und Moderne. Wieder andere lavieren zwischen dem, was verordnet wird, und dem, was sie für änderungsbedürftig halten.

    Ich muss nicht zu jenen gehören, die schweigen, weil ihr Reden jemandem nicht genehm ist, und sie deswegen resignieren.

    Ich muss nicht wie Don Quijote, „Ritter von der traurigen Gestalt“, aussichtslos gegen Windmühlen ankämpfen.

    Ich muss mich nicht Weisungsbefugnissen unterordnen; nicht Amtsträgern zustimmen, die nicht unterscheiden zwischen Tradition und Traditionen oder bestimmte Traditionen – wie den priesterlichen Zölibat – als unantastbare Wahrheiten festlegen.

    Verdrängt ein fatalistischer Geist den Geist des Mutes und der Offenheit? Drängen Autoritäten nach vorn, die keine sind, es aber sein wollen?

    Mich beeindrucken begeisterungsfähige, junge Pilger, die zu Weltjugendtagen aufbrechen. Ich bewundere ihre Innovationskunst,ihre Entdeckungsfreude. Sie zeigen, dass Gottes Geist nicht ausgelöscht ist, wie es der Jesuit Karl Rahner einmal prophezeit hat.

    „Wir sind über fünfhundert Jahre alt und erfinden ständig Neues.“ Warum schreibt nicht auch die Kirche diesen Werbeslogan eines Unternehmens auf ihre Fahnen?  „Unser Verein ist ein Aushängeschild, eine Vision.“ Der ehemalige Präsident eines Fußball-Clubs begründete so die Erfolgsbilanz seines Vereins. Er wusste jedoch, dass nicht Steinzeitromantiker für diesen Erfolg verantwortlich sind.

    Die Katholische Kirche befindet sich wie auch andere gesellschaftliche Gruppierungen in einer strukturellen und personellen Krise. Sie erlebt Umbrüche. Das ist ihr bewusst, aber sie tut sich schwer damit, Konsequenzen zu ziehen.

    Die Kirche kann nicht ihren „status quo“ verteidigen d. h.  vornehmlich um die Wahrung ihres Ist-Zustands besorgt sein. Sie wird Dauerbaustelle bleiben. Ihre Bauarbeiter müssen damit rechnen, dass ihre Baupläne Entwürfen gleichen, die am nächsten Tag Makulatur sind. Wahrheiten, die als unumstößlich galten, sind davon nicht verschont.

    Der Papst wird daraus Konsequenzen ziehen.

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  • Die Trägheit der Institutionen

    Die Trägheit der Institutionen

    Es überrascht nicht, dass das Thema „Priesterweihe der Frau“ nach wie vor tabu ist. Papst Benedikt beklagte den „Aufruf zum Ungehorsam“ einer Gruppe von Priestern „in einem europäischen Land“, gemeint war Österreich, die sich hinwegsetzten über „endgültige Entscheidungen des kirchlichen Lehramts“, u. a. in der Frage der Frauen-Priesterweihe. Der Papst vermied eine Verurteilung. Kein Scheiterhaufen. Keine Verdammung.

    Ihr Christsein wurde nicht in Zweifel gezogen. Der Papst würdigte ihre Sorge um die Kirche und verstand ihre Absicht, die Trägheit der Institutionen im kirchlichen Bereich notfalls mit drastischen Mitteln bekämpfen zu wollen. Er arrangierte sich nicht mit ihnen, fragte aber – behutsam, wie es seine Art war – ob Ungehorsam ein Weg zur Erneuerung der Kirche sein könne. Seine Antwort war eindeutig, aber sie ließ Nachdenken zu.

    Vor einigen Jahren suchten Dominikaner in den Niederlanden einen anderen Weg aus der Misere des Priestermangels. Sie schlugen vor, den Gemeinden zu gestatten, durch Handauflegung Gemeindeleiter aus ihrer Mitte zu bestimmen.

    Fähige Frauen und Männer sollten für die Feier von Brot und Wein gewählt werden. Jeder könne Brot und Wein verwandeln, nicht nur ein Priester, erklärten die Dominikaner. Der Mangel an zölibatären Priestern schaffe eine Notsituation, die zu kreativem Handeln zwinge.

    Die Dominikaner beriefen sich auf das Zweite Vatikanische Konzil, das die Bedürfnisse der Menschen höher wertete als die Hierarchie der Diözesanbischöfe.

    Die Niederländische Bischofskonferenz legte ihr Veto ein gegen den versuchten Geniestreich, gegen den Innovationsschub dominikanischer Theologen. Deren Vorstoß blieb Wunschtraum.

    Dreißig Jahre vorher hatte Adolf Boll mit seinem Buch „Jesus in schlechter Gesellschaft“ Konflikte mit der Katholischen Kirche provoziert, weil er bestritt, dass der historische Jesus eine Priesterkirche gründen wollte. Er verlor seine Lehrberechtigung. Der Wiener Erzbischof suspendierte ihn vom Priesteramt.

    Das in der Schweiz geltende Staatskirchenrecht erlaubt wegen der Priesterknappheit Laientheologen, Männern und Frauen, Pfarreien leiten zu können.

    Muss es noch bedeutend weniger Priesteramt-Kandidaten geben, muss völlige priesterliche Grabesruhe eintreten, ehe man einsieht, was die Stunde geschlagen hat?

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  • Fachkräftemangel

    Fachkräftemangel

    Vergessen zu sein scheint die Sorge um eine Über-Dosis Laien-Engagement in der Kirche.

    Die Vatikanische Kongregation für den Gottesdienst hatte bestimmt, was gelten solle beim „Sonntäglichen Gemeindegottesdienst ohne Priester“:

    Laien dürften die ihnen anvertraute Aufgabe nur unter  Leitung eines Pfarrers wahrnehmen. Es handele sich nicht um eine den Laien eigene Aufgabe, sondern um eine Vertretung dort, wo ein für die Dienste beauftragter Priester nicht zur Verfügung stehe. Die Gläubigen müssten wissen, dass eine Eucharistiefeier ohne Priester nicht möglich sei.

    Daher müsse der Ersatzcharakter eines Gottesdienstes ohne Priester klar sein, damit man ihn nicht für die optimale Lösung halte.

    Bei solchen Gottesdiensten müssten Formulierungen vermieden werden, die dem Priester oder dem Diakon zuständen. Es seien liturgische Elemente auszulassen, die an eine Messe erinnern könnten, z.B. der Ruf „Der Herr sei mit euch“. Priester und Laien sollten „das tun, was ihnen zukommt“.

    Auch Wortgottesdienste wurden von Tabus umstellt.

    Ob denen, die solche Mahnungen vor noch nicht allzu langer Zeit ersonnen und als verbindlich erklärt haben, wenigstens die Schamröte ins Gesicht steigt?

    Die Marktwirtschaft löst den „Fachkräftemangel“, den die großen christlichen Kirchen beklagen, auf andere Weise. „Migranten“ werden gesucht und angeworben. Mangelberufe zwingen dazu, Arbeitskräfte von außen ins Land zu rufen, weil sie im Inland nicht zu finden sind.

    „Priester-Migranten“ zu entdecken, müsste eine reizvolle Aufgabe für katholische Kirchenobere sein. Doch ehemals ergiebige, klerikale Migranten-Pfründe wie die Niederlande oder Polen neigen selbst zur Erschöpfung oder sind versiegt. Auch dort hat die „Überflussgesellschaft“ ihr Ende gefunden.

    Ob die neuzeitlich ansetzende Völkerwanderung neue Quellen erschließt? Ob man sich eines fernen Tages an laisierte Priester-Migranten erinnert, um deren brach liegendes Potential zu nutzen?

    Ich würde nicht zur Verfügung stehen, nicht nur aus Altersgründen. Ich würde mich nicht als Ersatzspieler aufstellen lassen, der das Spielfeld zu verlassen hat und auf der Ersatzbank Platz nehmen darf, wenn der Stammspieler das Feld betritt. In welcher Reserve-Mannschaft dürfte ich mich fit halten, an welcher Bedarfshaltestelle auf einen  Einsatz hoffen?

    Welche Personen, die sich für Entscheidungsträger halten bzw. mit diesem Anspruch auftreten, müsste ich um Erlaubnis bitten, was ich wann und wo tun darf?

    Ich bin kein Lückenbüßer und tauge weder zum Edelreservisten noch zum Leiharbeiter, auch nicht für liturgische Funktionen Zweiter Wahl.

    Es wird mir nicht ergehen wie jenen „Personen weiblichen Geschlechts“, denen nach Vorschrift des Kirchlichen Gesetzbuches von 1917 das Ministrieren nur gestattet war, „wenn keine männliche Person zur Verfügung stand und ein gerechter Grund vorhanden war“. Sie durften nicht an den Altar herantreten, sondern nur „von ferne“ antworten.

    Vatikanische Empfehlungen deuten allerdings an, was vorsorglich und im Fall des Falles zu tun ist: Die Gemeinde muss mit größerem Eifer darum beten, der Herr möge Arbeiter für seine Ernte aussenden. Not lehrt auch in solchen Fällen beten.

    Wir dürfen also davon ausgehen: Ehe die letzte Kerze auf den Altären erlischt, wird man ein Sesam-öffne-dich des Priesternachwuchses entdecken.

    „Fluctuat, nec mergitur – Möge sie auch schwanken, sie geht nicht unter.“ Der Wahlspruch der Stadt Paris wird auf die Kirche übertragen. Das Kirchenschiff ist unsinkbar, das Unternehmen Kirche unbesiegbar. Die Behauptung, der Meeresboden sei übersät mit Wracks unsinkbarer Schiffe, gilt nicht für das Schiff Kirche.

    „Selig, die nicht sehen und dennoch glauben.“

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  • Fragwürdige Kirchengebote

    Fragwürdige Kirchengebote

    Ich stehe nicht mehr in Diensten der Kirche, aber ihren Boden habe ich nicht unter den Füßen verloren. Ich bin zu neuen Ufern aufgebrochen, habe aber nicht meine Heimat aufgegeben. Zusammen mit meiner Frau beteilige ich mich am kirchlichen Leben, ergreife aber nicht ungefragt Initiativen.

    Der Priestermangel und das daraus resultierende Zusammenlegen bisher eigenständiger Pfarren zu  Pfarrverbänden könnte die Fragen nach dem laisierten Priester aufkommen lassen. Die Priester-Landschaft ist zum Ort des Verschwindens geworden. Wenige Priester betreuen viele Pfarreien. Eucharistie-Tourismus blüht. Priester werden zu Handlungsreisenden.

    Gottesdienst-Besucher, die das auf sich nehmen und sich nicht mit Wortgottesdiensten begnügen, sind als Schnäppchen-Jäger unterwegs – vor allem jene, welche die überlieferten „Kirchengebote“ wörtlich nehmen und ihre „Sonntagspflicht“ mit dem Besuch einer Messfeier erfüllen wollen.

    Katholische Christen bleiben laut Kirchengeboten verpflichtet, an der sonntäglichen Eucharistiefeier teilzunehmen. Laut Katholischem Katechismus sind Kirchengebote „Minimalanforderungen“ für ein christliches Leben nach katholischem Verständnis und für Katholiken verpflichtend.

    Momentan spricht kaum jemand davon. In begründeten Ausnahmefällen – wenn z. B. aus einer Teilnahme am Gottesdienst schwere persönliche Nachteile oder unzumutbare Belastungen entstehen oder wenn bestimmte Verpflichtungen zur Nächstenliebe dringend geboten sind – konnten Pfarrer von der Verpflichtung entbinden.

    Ein Pfarrer, der während des Zweiten Weltkriegs in meinem Heimatort angestellt war, sah sich veranlasst, die Landwirte an ihre Sonntagspflicht zu erinnern. Dispens für „unaufschiebbare Erntearbeiten“ wurde erst erteilt im Anschluss an den Gottesdienst.

    Ob das Nichtbeachten von Kirchengeboten immer noch als sündhaftes Vergehen eingestuft wird und gebeichtet werden muss? Vermutlich werden die Kirchengebote schamhaft totgeschwiegen, und man wäre insgeheim froh, es hätte sie nie gegeben.

    Interpretationskünstler verstehen sie als „Orientierung, wie der Einzelne und die Gemeinden christlich leben können. Sie seien nicht überholt, nicht beliebig und nicht allein entscheidend, um zum ewigen Heil zu gelangen.“

    Lange Zeit hochgehaltene Prinzipien und nicht zu hinterfragende Gebote werden, bedingt durch personelle Notstände, umgedeutet, in den Hintergrund gedrängt oder stillschweigend storniert.

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  • Erwiderung auf einen Leserbrief

    Erwiderung auf einen Leserbrief

    In einer Tageszeitung entdeckte ich einen Leserbrief zum „Papstbesuch“. Papst Johannes Paul II. plante einen mehrtägigen Aufenthalt in Deutschland. Das nahm ein Schreiber zum Anlass, sich kritisch dazu zu äußern.

    „Der Besuch des Papstes in Deutschland scheint unvermeidbar“, begann er. „Zu teuer werden das Triumph-Gebaren und die Demonstrationen des Glanzes und der Stärke erkauft. Schauspielerische Talente können nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Papst jede Öffnung der katholischen Kirche verhindern möchte.“ „Wenn der Papst die ganze deutsche Nation ehren wollte, hätte er zur 450-Jahr-Feier der Confessio Augustana nach Augsburg kommen sollen.“

    Die zitierten und weitere Ausführungen des Schreibers veranlassten mich, ihm zu antworten. Ich kannte ihn und wusste um die Position, die er innehatte, die aber in seinem Leserbrief unerwähnt blieb:

    Ihr Leserbrief zum Papstbesuch hat mich überrascht. Weder Inhalt noch Wortwahl lassen darauf schließen, dass sich ein evangelischer Pfarrer hinter dem Schreiber verbirgt. Dem dürfte man mehr Sachkenntnis sowie die Bereitschaft zuschreiben, Kritik so zu formulieren, dass sie einem anschließenden Gespräch und in unserem Fall der Ökumene dient.

    Oder möchten Sie dies ausschließen und deswegen Ihre Zugehörigkeit zur Evangelischen Kirche und Ihre Dienstfunktion verschweigen? Oder warum möchten Sie anonym bleiben?

    Es ist erstaunlich, dass Sie in die Rolle des scheinbar betroffenen Katholiken schlüpfen, der sich ungeklärten Fragestellungen in seiner Kirche gegenübersieht. Sind Zölibat, Messdienerinnen, katholische bzw. päpstliche Marien-Frömmigkeit – für Sie abschätzig „Marienkult“ – Ihr Problem?

    Sprechen Sie als Protestant dem ökumenischen Partner das Recht ab, eigene innerkirchliche Akzente zu setzen, die Zeichen seines Glaubens und seiner Frömmigkeit sein wollen? Muss man Dinge erst abschaffen, ehe man ökumenisch darüber reden kann?

    Mich macht betroffen Ihre Unkenntnis, dass der Papst nicht einen unerwarteten Besuch macht, sondern von der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz eingeladen wurde. Ob er auch zur Feier der Confessio Augustana eingeladen worden war, ist mir nicht bekannt. Ihre Aussage „Der Besuch des Papstes in Deutschland scheint unvermeidbar“ lässt an Peinlichkeit nichts zu wünschen übrig.

    Es macht mich betroffen, dass Sie nicht zur deutschen Nation zählen wollen, die der Papst besucht. Werden Sie die Augen schließen, wenn er deutschen Boden küsst, weil er es wagt, auf demselben Boden zu knien, den auch Sie unter Ihren Füßen haben?

    Es macht mich betroffen, dass Sie „erkauftes Triumph-Gebaren“ ( erkauft – mit Geld erworben? ) und Demonstration der Stärke zu erkennen glauben. Womit belegen Sie Ihre Aussagen? Galt das auch für den Besuch des Papstes in den Slums des brasilianischen Nordens?

    Es tut mir leid, das formulieren zu müssen: Ihre Worte zeigen unbrüderliches, mit sachlicher Unkenntnis gepaartes Verhalten.

    Betroffen macht mich Ihre verletzende Sprache. Ich möchte es mir ersparen, Ihre Diktionen zu wiederholen. Glauben Sie, dass sich so mit Ihnen reden, vor allem ökumenisch reden lässt?

    Die ökumenischen Bemühungen in unserer Stadt, an denen auch Sie beteiligt sind, haben durch Ihren Brief Schaden gelitten.

    Ich frage: Sind Sie bereit, zu Ihrem Brief noch einmal Stellung zu nehmen?

    Eine Antwort ist ausgeblieben. Auch in Zukunft werde ich mich zu Wort melden, wenn es um kirchliche Belange geht. Ich bin kein Leisetreter. Ich werde nicht schweigen, auch dann nicht, wenn wiederholt würde: “Sie dürfen nicht“.

     

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  • Keine Ermüdungserscheinungen

    Keine Ermüdungserscheinungen

    Von der Vergangenheit allein kann ich nicht leben. Nicht hinter mir Liegendes habe ich zu bewältigen, sondern Gegenwart und Zukunft. Die Bereitschaft, Neues zu wagen, ist geblieben. Ich bin nicht nur mit Zuhören beschäftigt und ziehe mich nicht in einen Elfenbeinturm zurück.

    Ich sehne mich nicht nach neuen Aufgaben; jedoch begnüge ich mich nicht damit, nichts zu unternehmen oder im Wartezimmer unter einer Käseglocke Platz zu nehmen. Daher tue ich etwas, ohne auf Aufforderung hin handeln zu müssen – auch wenn ich meine Aktivitäten der „Sie dürfen nicht-Schublade“ entnehmen muss.

    Auf einen von außen festgelegten Gebrauchswert lasse ich mich nicht reduzieren, mir per Einschüchterung auch keine geistlichen Handschellen anlegen. Über mögliche Bedenken weiß ich mir ein Urteil zu bilden. Niemand hat Exklusivrechte an mir. Ich bin in keines Menschen Besitz übergegangen.

    Wenn das Leben weiter so mit mir umgeht wie in den Jahren meines erinnerbaren Lebens, werde ich ihm, so hoffe ich, weitere positive Seiten abgewinnen. Ich  verspüre keine Ermüdungserscheinungen. Dass ich in Bedeutungslosigkeit versinken werde, nehmen nur jene an, die mir nichts zutrauen.

    Dankbar habe ich jenen Brief gelesen, den mir die Freunde des Familienkreises aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages meiner Priesterweihe zukommen ließen. Sie schreiben u. a.:

    Anlässlich Deines Priesterjubiläums daher unser Glückwunsch, verbunden mit dem Dank, unsere Kreisgemeinschaft über all die Jahre auch spirituell begleitet zu haben. Du stehst mit Deinem Tun Menschen, auch uns, beratend und helfend zur Seite, wenn es geht und es Dir möglich war und ist. Das zeigt sich auch durch Deine Tätigkeit in der Öffentlichkeit, . in den Lese-Reisen und Vorträgen, bei denen Du Andere zum Anhören, auch zum Nachdenken aus christlicher Sicht, und möglicherweise zu neuem Handeln veranlasst.

    Wegen Deines mutigen Eintretens gegen klerikale Institutionen musstest Du konsequent sein und handeln. Ein Schritt, den viele bedauert und etliche Dir verübelt haben. Es ist Dir gelungen, einen neuen Anfang in Deinem Leben zu machen. Diese Konsequenz hat Dir, vor allem in unserem Kreis, Respekt und Achtung verliehen.Trotz allem bist und bleibst Du „Sacerdos in aeternum“.

    Die ehemals „jungen Familien“, die inzwischen im Goldhochzeit-Alter angekommen sind, wurden für mich und untereinander zum Freundeskreis. Es sind Menschen, denen ich glaube und die an mich glauben. Es sind Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen vom Diesseits und Jenseits. Es sind Menschen, die sich darauf verlassen, dass sich jemand um uns kümmert – im Himmel und auf Erden.

    Sie haben dazu beigetragen, dass ich dankbar auf meine priesterliche Aktivzeit zurückblicken kann und sie nicht missen möchte.

    Die Mitbrüder meines Weihe-Semesters werden das anders sehen. Für sie existiere ich seit der Laisierung vermutlich nicht mehr als Mitbruder. Für sie ist es ihr Jubiläum, nicht das meine.

    Sie täuschen sich. Wenn ich auch in ihrem toten Winkel stehen mag – ich lasse mir nicht nehmen, was mir gehört. Ob und wie sie ihr „Goldjubiläum“ gefeiert haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich hoffe, dass sie auf gute fünfzig priesterliche Jahre zurückblicken. Ich kann ihnen bestätigen, dass auch für mich diese Jahre in guter Erinnerung verankert bleiben.

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  • Vorsätze zum neuen Jahr

    ich nehme mir nicht vor, mein Leben zu ändern
    dann wäre bisher vieles falsch gewesen

    ich nehme mir nicht für jeden Tag eine gute Tat vor
    das schaffe ich nicht

    ich nehme mir nicht vor, immer die Ruhe zu bewahren
    oft war das die Ruhe vor dem Sturm

    ich nehme mir nicht vor, nur nach Gesundheit zu streben
    sie ist nicht mein einziges Gut

    ich nehme mir nicht vor, mir alles Mögliche vorzunehmen
    dazu reicht nicht die Zeit

     aber:

     ich nehme mir vor, gelegentlich gegen den Trend zu leben

    ich nehme mir vor, hin und wieder zu träumen

    ich nehme mir vor, Neues auf mich zukommen zu lassen

    ich nehme mir vor, Altes nicht zu vergessen

    ich nehme mir vor, dankbar zurückzuschauen

    ich nehme mir vor, anzunehmen, was kommt

     ich nehme es mir vor

    Text: Peter Josef Dickers

    Das Team von MG-Heute wünscht ein Frohes Neues Jahr!

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  • Erinnerungswürdige Jahre

    Erinnerungswürdige Jahre

    Dem Vernehmen nach gibt es laisierte Priester, die wieder im Amt sind, weil sie um Rücknahme ihrer Laisierung gebeten haben. Für mich ist das nicht nachvollziehbar, vor allem dann nicht, wenn die Betreffenden Frau und Kinder haben. Ob diese dann nach mittelalterlicher Gepflogenheit ins Kloster verbannt werden?

    Meine Laisierung ist irreversibel. Es gibt kein Vorwärts in die Vergangenheit, als hätte ich ein Verlassenheits-Trauma zu bewältigen. Ich will nicht zurückgewinnen, was ich aufgegeben habe. Ich werde nicht reumütig durch eine Hintertür wieder eintreten – gleichgültig, ob ich als Priester gelte oder nicht.

    Es soll einen Papst gegeben haben, auf dessen Anordnung hin Frauen und Kinder verheirateter Priester in die Sklaverei verkauft wurden. Wir leben nicht im Mittelalter.

    Das Alltägliche und Banale des Lebens mit seinen Bedürfnissen und Regeln, mit seinen Kleinigkeiten und Belanglosigkeiten, mit seinen Verhaltensmustern und  Zumutungen habe ich kennen, schätzen und aushalten gelernt.

    Es tut mir gut, ein unaufgeregtes Leben zu führen; ein Leben, das nicht das Außergewöhnliche sucht, sondern Anteil nimmt an den gewöhnlichen Dingen; ein Leben, das nicht jeden Tag nach morgen und übermorgen fragt; ein Leben, das nicht vorwiegend aus Amtshandlungen besteht.

    Dieses Leben – nicht einzelne herausgehobene Momente, nicht die Leichtigkeit des Seins – mache ich mir zu eigen. Meine ehemalige priesterliche Tätigkeit und der mit ihr verbundene Umgang mit Menschen bleiben in ihm erkennbar und spürbar.

    Die Jahre im aktiven priesterlichen Dienst waren nicht wertlos. Sie haben sich nicht als verfehlt erwiesen. Nichts war vergeblich. Priester gewesen oder noch zu sein, ist Teil meiner Geschichte; kein Handicap, das ich loswerden will.

    Ich habe nichts versäumt, nichts über Bord geworfen. Ich suche nach keinem Schwamm, um Spuren zu verwischen. Meine Vergangenheit mache ich nicht unkenntlich. Neue Geschäftsmodelle für meine Zukunft muss ich nicht entwickeln.

    Es ist keine Ära zu Ende gegangen, die mein jetziges Leben unberührt lässt. Ich musste nicht von vorn, quasi aus dem Nichts, neu beginnen. Mein Leben heute ankert in meinem Leben gestern. Es besteht kein Dazwischen.

    Ich habe nicht erst zu leben begonnen am Tag der Heirat. Mit ihr begann kein neues Zeitalter, kein zweites Leben. Ich habe auch vorher richtig gelebt und keinen Mangel an Leben empfunden.

    Es gab und gibt kein wahres und falsches Leben. Mein Leben besteht nicht aus der einen und der anderen Hälfte. Es ist keine Geschichte der verpassten Chancen.

    Es gibt nichts, auf das ich mit schlechtem Gewissen zurückblicke. Ich habe nichts zu entrümpeln, nichts zu entsorgen.

    Kein Tag in meinem Leben war unerträglich. Meine priesterliche Tätigkeit ereignete sich nicht in einer anderen Welt. Ich habe keine Jahre vertan, es wurden mir keine Jahre gestohlen, sondern erinnerungswürdige zwölf Jahre geschenkt.

    Diese Jahre sind ein Vermächtnis, auf das ich mich berufe, auf das ich stolz bin. Ich werde ihnen einen gebührenden Platz im Kontext meines Lebens einräumen.

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  • Kein ambitioniertes Nichtstun

    Kein ambitioniertes Nichtstun

    Dass ich nicht wieder aktiv priesterlich tätig sein werde, schließt nicht aus, meinen Dienst und meine Hilfe denen anzubieten bzw. nicht zu versagen, die mich aus besonderem Anlass darum bitten. Ausnahmen werden jedoch Ausnahmen bleiben. Ich lasse mich nicht entmündigen oder unter Hausarrest stellen. Auch falle ich nicht der Selbstzensur zum Opfer.

    Niemand wird mir Rückzugsräume für ambitioniertes Nichtstun vorschreiben. Ich habe keinen Resturlaub gehortet, um mich in einem abgeschirmten Winkel des Weltgeschehens auszuruhen von meinen theologisch-seelsorgerischen Aktivitäten.

    Ein junges Paar, das standesamtlich verheiratet war, fragte mich, ob ich ihrer anschließenden Trauung in einem religiösen Rahmen assistieren würde. Ihnen schwebte kein formeller Gottesdienst vor. Für mich ging es um mehr: nicht um einen „religiösen Akt“, sondern um das Sakrament der Ehe.

    Die Kirche ist keine formal-rechtliche, sondern eine den Menschen dienende Institution. Ich durfte keine Trauung in ihrem Auftrag vornehmen. Dennoch ist ein Sakrament, das ein verheirateter Priester spendet, ebenso gültig wie das von einem zölibatären Priester gespendete.

    Wer sollte mich hindern, mit Wort und Tat dabei zu sein, wenn die Beiden vor Gott und Menschen, die ihnen etwas bedeuteten, ihr Jawort bestätigten? Das Sakrament der Ehe spendet nicht die Katholische Kirche; die Eheleute spenden es sich selbst. Der Priester assistiert.

    Die Feier dieser Trauung, die nicht in einer Kirche, sondern an einem untypischen Ort stattfand, wurde für alle zum unvergesslichen Erlebnis. Dass sie nicht im kirchlichen Trau-Register aktenkundig vermerkt wurde, schmälerte nicht ihren Wert. Ob jemand „Sie dürfen nicht“ gesagt, hätte, interessierte nicht.

    Eine Veranstaltung, die in einer Tageszeitung als „freie Trauung mit anschließender Feier am See“, verbunden mit einer „alternativen Taufe“, angekündigt wurde , wird es nicht mit mir geben. Meine Aufgabe besteht nicht darin, schein-religiöse Beiträge zu einem rauschenden Fest zu liefern.

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