Autor: Peter Josef Dickers

  • Menschenwürde

    Menschenwürde

    Man habe in verantwortlicher Weise strenge Voraussetzungen und Kriterien definiert, bevor man einen Menschen auf dessen ausdrücklichen Wunsch in den Tod begleite. Der Sterbewillige müsse urteilsfähig, der Todeswunsch dauerhaft, die Lebens-Situation hoffnungslos, das Leiden unerträglich und die Behinderung unzumutbar sein. Eine seriöse Organisation bietet Sterbewilligen eine Freitod-Begleitung an.

    Ich habe Fragen.

    “Urteilsfähig, zu autonomer Willensentscheidung fähig“: Von welchen Kriterien hängt ab, wer das wie beurteilt? Ist Urteilsfähigkeit ein ausreichendes Kriterium? Viele Menschen habe ich leiden und sterben gesehen. An keinen erinnere ich mich, der nicht bis zuletzt einen Funken Hoffnung auf Besserung seines Zustandes gehabt hätte.

    “Unerträgliches, unzumutbares Leiden“: Für wen gilt das? Für den Kranken? Für diejenigen, die mit ihm zu tun haben? Gibt es nicht viele unerträgliche, unzumutbar erscheinende Situationen im Leben?

    „Entscheiden können, wann man in einem Weiterleben keinen Sinn mehr erkennt und in Ruhe und Frieden aus dieser Welt gehen möchte“: Ließen sich nicht viele Gräber schaufeln für Menschen, die aus privaten, familiären, beruflichen Gründen den Sinn ihres Lebens verloren zu haben glauben?

    „Die Würde des Menschen ist bedroht, wenn er zum Objekt ärztlicher Fremdbestimmung wird“: Ist jede Form von Selbst-Verwirklichung, Selbst-Bestimmung, Selbst-Behauptung Ausdruck menschlicher Würde? Gibt es keine positive Fremd-Bestimmung?

    Ich habe Fragen. Ich suche Antworten.

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  • Tabu

    Tabu

    „Lachen will jeder, sterben will keiner.“ Ein Bestattungsunternehmen lädt zu einem kabarettistischen Abend zum Tabuthema „Tod“ ein. Sterben ist nicht zum Lachen. Aber der Bestatter will das Thema enttabuisieren, ihm seine Schärfe nehmen.

    „Was tun, wenn jemand stirbt?“ Eine Verbraucherberatung bietet Hilfestellung an. Sechs Euro kostet der Ratgeber. Brauchen wir nicht, sagen viele. „Freude, Freude, immer neue Freude, Halleluja“, verkündet die große Anzeige in der Zeitung. „Anonymes Urnengrab“, steht unter dem Halleluja. Um Regina muss man sich keine Gedanken machen. Das Lachen kann weitergehen. Für Trauer gibt es weder Ort noch Zeit.

    Das mit Lars ist weniger zum Lachen. „Ich wage es, mich der Dunkelheit auszusetzen, in der alles zum Gefängnis wird“, schreibt er. „Tief bewegt teilen es alle mit, die mit ihm waren“. Wer war Lars? Wer sind „alle“? Wird nicht gesagt. Soll anonym bleiben. Immerhin haben sie ihn begraben. Irgendwo in der Mitte zwischen zwei Bäumen. Ob sie sich die Stelle gemerkt haben? Warum irgendwo, anonym, namenlos? „Wir waren zu feige“ schreiben sie bei Guido, versprechen aber „Wir werden dich nicht vergessen“ –  Silke, Achim, Alex, Martina, Michael. Vornamen. Wie bei Guido.

    „Im Andenken an Hongkong Stefan“, lese ich. Wieder ein Namenloser. Bekannt nur jenen, bei denen er bisher Namen und Bedeutung hatte. Auch ich möchte etwas von ihm erfahren. Einiges wird angedeutet: „Lippenstift am Kragen. Badewanne voll Geschirr. Geniales Chaos und ein Lächeln.“ „Dein Charisma werden wir vermissen“, schreiben Isi und Ralf, Dana und Tim. Viele andere. Ich hätte ihn gerne kennen gelernt. Ich möchte seine Freunde besuchen, mir sein Charisma beschreiben lassen. Aber sie offenbaren sich nicht.

    Warum teilen sie ihre Trauer mit, wollen aber mit deren Bewältigung allein bleiben? Ist es so wie bei Josef? „För de Welt wär he nix, för siene Frünn veel, för uns allns“ – Für die Welt bedeutete er nichts. Seinen Freunden bedeutete er viel. Seiner Frau und den Kindern alles.

    Zwei Tage nur ist Melina alt geworden. Viel kann sie nicht erlebt haben in den achtundvierzig Stunden ihres Lebens. Daher nicht der Rede, nicht der Erwähnung wert? Doch, sagen die Eltern. „Du bist wie eine Wurzel, tief eingegraben in unseren Herzen, für immer und ewig.“ „Wir danken Gott für fünf glückliche Jahre mit Benjamin“, schreiben andere.

    Jedes Leben hat Bedeutung und ist der Rede wert. Leben ist nicht anonym.

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  • Udo ist tot

    Udo ist tot

    „Bitte eine Mail senden an ‚udoisttot‘ oder auf Udos Handy melden.“ Die Anzeige in der Zeitung überrascht mich. Warum soll ich mich bei Udo melden? Ich kenne ihn nicht. Außerdem ist er tot. Will er Kontakte pflegen mit Lebenden im Diesseits? Soll er überirdische Ratschläge aus dem Jenseits übermitteln? Wahrscheinlich nur ein Marketing-Trick.

    Beim Übergang vom Leben zum Tod scheint es Probleme gegeben zu haben. Ob er nicht gewusst hat, wohin es geht? Ruth scheint es gewusst zu haben. Albert beschreibt es. „Deine unendliche Reise tratest Du um 4.20 Uhr an. Unsere Gedanken begleiten Dich auf dem Weg zur ewigen Sonne.“ Ob Ruth weiß, wie weit das ist? Hat sie bedacht, was sie sich mit ihrer unendlichen Reise antut – ohne sicheren Kurs, ohne Parkplatz, auf dem die arme Seele verschnaufen kann? Heinrich Heine hoffte, dass seine letzte Ruhestätte nicht ganz so weit entfernt lag – unter Palmen im Süden, unter Linden am Rhein.

    Eine Reise scheint man in jedem Fall anzutreten, wenn man sich von seinen Lieben für immer verabschiedet hat. Maria schwimmt jetzt im Baltischen Meer, denn ihr Mann hat seine „stolze Frau“ in der Ostsee beigesetzt. Hofft er, der armen Seele das Fegefeuer ersparen zu können?

    Wer will, kann den Weg ins Jenseits in Turnschuhen antreten. Ein Bestattungshaus bietet sie an. Es hat sein Leistungsspektrum erweitert und bietet einen Sarg in Turnschuhform an. Innerhalb einer Woche lässt sich der Sonderwunsch realisieren. Die achttausend Euro sollten einem die letzte Reise wert sein, denn der Urlaub auf Bali im vergangenen Jahr kostete genau so viel.

    Wo mag Udo stecken? Vielleicht weiß er es selbst nicht und will sich mit dem Handy orten lassen. Ob auch Karl Peter Schwierigkeiten mit der Reiseroute hat, geht aus der Anzeige nicht hervor. „Gott wollte es anders“, schreibt seine Elfi. „Mit ihm fährst du nun die himmlische Route 66“. Hoffentlich kann sich Karl Peter auf sein Navi verlassen. Da er alleine unterwegs ist, kann er niemanden fragen, wenn er sich verfahren hat.

    In meinem Dorf musste sich während meiner Kindheit ein Verstorbener solche Sorgen nicht machen. Im Sarg wurde er von zu Hause abgeholt und auf einer Pferdekarre zum Friedhof transportiert. Verwandte und Nachbarn begleiteten ihn. Er konnte sicher sein, ans Ziel seines letzten Weges zu gelangen. Unendlich weit bis zur Sonne war der Weg auch nicht. Der Friedhof lag nicht weit von der Kirche entfernt, und die befand sich mitten im Dorf. Gottesacker nannte man ihn, Ort des Übergangs vom Diesseits ins Jenseits. Die letzte Reise trat jeder von zu Hause aus an. Man blieb auch irgendwie zu Hause; denn die Stelle, wo man begraben wurde, war nicht weit vom bisherigen Zuhause entfernt. Der Tote musste nicht mit dem Handy geortet werden, um zu wissen, wo er sich zur letzten Ruhe begeben hatte.

    Auch in meinem Dorf hat sich einiges verändert. Aus dem Dorf wurde eine Stadt. Der Pferdekarren hat sich zuerst in eine schwarze Leichen-Limousine verwandelt, dann tauschte man sie gegen einen Allerwelts-Jeep aus. Den Passanten soll nicht zugemutet werden, schon am Fahrzeug erkennen zu können, dass ihnen eine Leiche begegnet. Bürger haben ein Recht auf verkehrsberuhigte, leichenfreie Zonen. Der Tod wird ausgebürgert, totgeschwiegen. „Einfacher Abtrag“, sagen die Bestatter. „La paloma“ singen sie am Grab. Man denkt ans Leben, nicht ans Sterben. Die Endlichkeit des Lebens muss nicht betont werden.

    Hoffentlich machen sie Udo ausfindig. Ich wünsche ihm die letzte Ruhe. Irgendwann will jeder ans Ziel kommen.

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  • Eine andere Welt

    Eine andere Welt

    Eine Ferien-Geschichte
    „Wir kommen in eine andere Welt“, klärt uns der Reiseleiter auf. Ist die Ankündigung mit der Warnung verbunden, dass besondere Risiken uns erwarten? Die andere Welt ist ein paar Fluss-Kilometer von unserem momentanen Standort auf dem Donau-Schiff entfernt. Die Rede ist von Mohács,  eine Zollstation, an der das Schiff den Zuständigkeitsbereich der Europäischen Union verlässt und von Ungarn aus serbisches Hoheitsgebiet ansteuert. Europa ist noch nicht überall angekommen.

    Die Reisenden werden aufgefordert, eine Zolldeklaration zu unterschreiben und zu bestätigen, nur eine begrenzte Menge an Alkohol, Zigaretten und Bargeld mitzuführen. Der spannungsvolle Moment, dass streng dreinblickende, uniformierte Zollbeamte eines nahen und anscheinend doch so fernen Landes  das Schiff betreten, lässt auf sich warten. Man hat Zeit. Die Reisenden haben keine Eile, weil sie das Schiff nicht verlassen dürfen. Die Zöllner nehmen sich ausführlich Zeit, um ihr Verantwortungs-Bewusstsein für die ihnen verordnete Tätigkeit angemessen vorbereiten und unter Beweis stellen zu können.

    Irgendwann sind sie da. Der Reiseleiter ruft zur Gesichtskontrolle auf. „Ein Lächeln hilft.“ Seine Empfehlung. „Zum wichtigsten Reisegepäck gehört ein fröhliches Herz“, hat Hermann Reisenden als Rat mit auf den Weg gegeben. Wahrscheinlich wusste er, dass keine noch so gut organisierte Zollkontrolle das Innere des Herzens unter die Lupe nehmen kann.

    Die Mitglieder der Crew werden als Erste aufgerufen und müssen sich dem prüfenden Zoll-Blick stellen. Dieser hat die wahre Identität jeder Person festzustellen. Vielleicht ist in einer Migranten-schwangeren Zeit jemand darunter, der nicht zum deklarierten Küchenpersonal zählt, sondern soeben aus einem noch ferneren Land geflohen ist und das Schiff als trojanisches Pferd benutzt. Manche Identitätslose möchten vielleicht ihr Überleben in einem Land sichern, das Kontrollen solcher Art für lebensfremd bzw. lebensfeindlich hält.

    Die Kabinen-Nummern 100 bis 110 werden aufgerufen. Ich bin dabei und lächele meinem Identitäts-Prüfer freundlich entgegen. Kein Dauerlächel-Gesicht. Der Prüfende vergleicht die Gesichtszüge meines in die Jahre gekommenen Konterfeis im Reisepass mit meiner aktuellen Physiognomie und stellt Übereinstimmungen fest. Kein abschätziger Blick trifft mich. Er lässt mich wortlos von dannen ziehen. Glück gehabt.

    Der Dame, die sich bereits schlafen gelegt hatte, fehlt jenes Quäntchen Glück. Laut protestierend muss sie vor den gnadenlosen Augen des Gesetzes eines, wie sie laut hinausposaunt, Landes mit Steinzeit-Regeln antreten. Sie erscheint im Pyjama, da sie sich nicht die Zeit nahm, sich im ordnungsgemäßen Outfit vorzustellen. Jetzt hat sie dennoch Glück. Nicht ihr Nachtgewand wird kontrolliert, sondern ihr von Zorn errötetes Gesicht.

    Nach einer Stunde ist das allseits befürchtete, insgesamt harmlos verlaufene Spießrutenlaufen vorbei. Der überwiegende Teil der Reisenden hat positiv zur Kenntnis genommen, dass Formalitäten dazu da sind, ihnen auch dann zuzustimmen, wenn man sie unter der Kategorie Kontrollwut einordnet und ihnen die Daseinsberechtigung abspricht. Das Leben gerät deswegen nicht aus dem Lot. In der Regel sind die Kontrollierenden Kleinstdarsteller, ohne persönliche Entscheidungsvollmacht. Nicht jede lästige Verpflichtung lässt sich abschütteln. Nach Schlupflöchern suchen und Anordnungen umgehen, lohnt meistens nicht.

    „Die Bürokratie ist ein gigantischer Mechanismus, der von Zwergen bedient wird.“ H. De Balzac soll das gesagt haben. Trösten wir uns damit.

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  • Himmlisches Jerusalem

    Himmlisches Jerusalem

    In der niedrigen, gedrungenen Krypta ist es jämmerlich kalt – jedenfalls empfinde ich es so, weil ich mich draußen an 35 Grad Südtiroler Sommerhitze gewöhnt habe. Der romanische Fresken-Zyklus aus der Zeit der Klostergründung der Abtei Marienberg in Burgeis im 12. Jahrhundert ist ein Kunstwerk von europäischem Rang. Eindrucksvolle Fresken, die das „Himmlische Jerusalem“ zum Thema haben, schmücken die Apsiden.

    Hier unten sangen Mönche biblische Psalmen „im Angesicht Gottes und seiner Engel“, die in den Fresken Gestalt annehmen. Nach ihrem Gesang gingen die Mönche wieder an die Arbeit „oben“. Gebet und Meditation hier unten als Kraftsammlung für das Leben in der Welt „oben“. Begreifen wir das noch? Vielleicht auch damals nicht alle.

    Ein großer Teil der Krypta wurde später zugeschüttet. Es entstand eine Gruft für verstorbene Äbte, für die Särge der Patres und Brüder. Viele Fresken verschwanden dahinter. Inzwischen hat man sie wieder frei gelegt. Sie erstrahlen wie einst in ihrem Glanz und erzählen vom himmlischen Jerusalem. Hören die Besucher ihnen zu? Vernehmen sie die überirdischen Gesänge und Klänge?

    Unsere Welt orientiert sich an anderen Klängen – Klänge, die ständig variieren. Menschen damals, die ein Ohr hatten für das Himmlische Jerusalem, begnügten sich mit einem einfachen, fest gefügten Weltbild. Sie wussten, woran sie waren. Sie vertrauten Bildern, in denen sie Hoffnung und Trost suchten. Unser Weltbild verläuft oft in Schlangenlinien. Viele selbst produzierte Bilder von unserer Welt oder einem Jenseits haben die Tröstungskraft von Gummibärchen.

    Vielleicht täten wir gut daran, von Zeit zu Zeit den Klängen zu lauschen, von denen die Fresken erzählen. Wer Ohren hat zu hören, der hört.

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  • Bitte für uns

    Bitte für uns

    Die kleine Kapelle müsse ich aufsuchen und eine Kerze anzünden. Eine persönliche Bitte, die ich dabei formulieren würde, gehe in Erfüllung. Meine Gastgeber, die mir die Empfehlung mit auf den Weg gaben, waren fromme und aufgeschlossene Leute. Die Wallfahrtskapelle „Maria in der Schmelz“ im Südtiroler Martell-Tal ist der Legende nach bei einem gewaltigen Bergsturz wunderbar verschont geblieben.

    Das Schicksal des Tals ist die Pliwa, ein Wildbach. Immer wieder hat sie das Tal mit seiner weitgehend unberührten, urtümlichen Berglandschaft verwüstet und Katastrophen ausgelöst. Heute fängt ein Stausee die Wassermassen ab. Maria in der Schmelz hört und erhört immer noch die Bitten derer, die zu ihr flehen.

    Die bäuerliche Kultur und Kulturlandschaft des Tals ist eng verknüpft mit dem Kampf gegen die Naturgewalten. Ein Besuch im Museum „Culturamartell“ verdeutlicht das. Glaube und Aberglaube, Bittgesänge und Prozessionen, viele Formen des Wettersegens begleiteten Jahrhunderte lang das karge Leben der Bergbauern. „Maria, bitte für uns.“ An wen sonst hätten sich die Menschen wenden sollen?

    Touristen fahren an Maria vorbei. Möglicherweise haben sie auf ihrer Durchreise Europas höchst gelegenes Erdbeer-Anbaugebiet registriert. In steilen Kurven geht es aufwärts zum Stausee, immer mit dem imposanten Ausblick auf die Dreieinhalbtausender.

    Alle sind auf der Suche nach Leben, nach Erleben, nach Glück – mit oder ohne Vertrauen auf himmlische Fürsprache. „Maria, bitte für uns“ wird denen von den Lippen kommen, die ihren Weg und ihr Heil auch mit Hilfe anderer zu finden hoffen. Andere fahren allein zum Stausee weiter – in der Hoffnung, dass er die Naturgewalten im Zaum hält.

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  • Trösterin der Betrübten

    Trösterin der Betrübten

    Ein Preußenkönig war hier und brachte eine fünfzig Pfund schwere Kerze mit. Eine noch größere Kerze erzählt davon, dass sich schon vor vierhundert Jahren Prozessionen nach hier auf den Weg machten. Prozessionen aus Deutschland und Holland, aus Belgien und Luxemburg kommen immer noch. Jedes Jahr. Oft mit Opferkerzen oder geschmückt mit einem Wappenschild.
    Ich sitze in der Kerzenkapelle. Einen Augenblick zur Ruhe kommen will ich. Gelingt das, wenn rundherum viele hundert Kerzen ihre Geschichte erzählen? Wenn sie berichten, wer sie hergebracht hat und warum? Kann ich den Blick abwenden von den bemalten Wappenschildern und Tafeln, von den Danksagungstäfelchen und Plaketten? „25 Jahre Fußwallfahrt“. „10 Jahre Fahrradpilger“. „Royal Airforce“. „Motorradfahrer-Wallfahrt“. „Internationale Jugendwallfahrt“. Alle kommen und bringen ihre Kerzen – ihr „Beedevaartoffer“, sagt die holländische Inschrift. Später werden bei der abendlichen Vesper mehr als hundert Kerzen brennen und den Raum in imaginäres Licht tauchen.

    Kerzen auch in der Gnadenkapelle. Auf dem Altartisch stehen zwei Schachteln für „geopferte Kerzen“. Es passen nicht mehr viele hinein. Wann und wo werden sie Licht spenden? Ein dienstbarer Geist fährt mit einer Sack-Karre eine Fuhre neuer, noch nicht geopferter Wallfahrtskerzen herein. Viele Kartons, viele Kerzen. Wallfahrtsopfer-Logistik.

    Die Familiensippe, die den engen Raum betritt, denkt weniger an ein Opfer, sondern an Vorratshaltung für dunkle Winternächte. Die Kerzen sind ein Geschenk des Himmels. Taschen werden mit Kerzen gefüllt. Wallfahrts-Sonderration. Nicht immer kann der Generalsekretär der Wallfahrt so planen, dass jede Kerzen-Rechnung aufgeht. Abschreibung heißt das betriebswirtschaftlich. Die Sippe stellt einen großen Strauß roter Rosen ins Blumenmeer vor dem Altar. Vom Gnadenbild hinter dem Altar, das Bittsteller und Beter ehrfürchtig oder neugierig berühren, scheinen sie nichts zu wissen. Wegen der Kerzen hätten sie auch ihre Hände nicht frei gehabt.

    Zu wem pilgern die Menschen? Zur Consolatrix Afflictorum, zur Trösterin der Betrübten. Mehr als achthunderttausend Pilger kommen jährlich aus Deutschland und den Benelux-Ländern, aus vielen Ländern. „An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellchen bauen“, soll eine geheimnisvolle Stimme einem Händler vor rund vierhundert Jahren zugeflüstert haben, als er an einem Hagelkreuz betete. Dem Dorf hat das gut getan. Heute ist der Wallfahrtsort eine florierende Pilgerstadt. Das Hagelkreuz steht nicht mehr da. An seiner Stelle stehen die Gnadenkapelle, die Kerzenkapelle, die Sakramentskapelle, die Beichtkapelle, die Johanneskapelle. Und die große Wallfahrtskirche; der Aufnahme Mariens in den Himmel ist die Päpstliche Basilika geweiht.

    Alle Pilger wollen einmal in den Himmel. Vorerst sorgen die Pilgerleiter dafür, dass die Wallfahrer noch eine Weile auf Erden bleiben und den geordneten Wallfahrtsgang gehen. Wer sich der Gottesmutter anvertraut, den vergisst sie nicht. Dessen sind sich Beter und Zweifler, Suchende und Fragende gewiss.

    Der Verkehrsverein weiß, welche sonstigen Bedürfnisse es gibt. Verkaufsoffene Sonntage beispielsweise. Es gibt viele Anlässe. Gastronomen und Konditoren, Gastwirte und Hoteliers haben immer offene Sonn- und Werktage. Nicht zu vergessen die Kerzengeschäfte. Sonnenschirme und Stuhlkissen bringen Farbe ins Stadtleben. Wallfahren hält Leib und Seele zusammen. Achthunderttausend Pilger wollen nicht nur beten und sich um ihr Seelenheil kümmern. Auch leibliches Heil will gesichert werden.

    Wenn die Pilger den großen Kreuzweg gegangen sind, melden sich menschliche Bedürfnisse an. Die Trösterin der Betrübten wird es verstehen. Zum Schluss wird ja wieder gebetet.

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  • Das Wunderöl

    Das Wunderöl

    Ihre Oma nehme nur dieses Öl, sagte Saadia, das Zimmermädchen. Sie benutze es zum Kochen und Backen. Vor jeder Mahlzeit nehme sie einen Teelöffel davon ein. Mit dem Öl pflege sie ihre Haut. Es wirke gegen Faltenbildung, helfe gegen Haarausfall, sei ein hervorragendes Heilmittel und der beste Schutz gegen Sonnenbrand.

    Das wundersame Öl war ein Gourmet-Speiseöl, Nahrungsergänzungsöl, Anti-Aging-Öl, Öl für alles und für alle Tage. Warum hatte ich noch nichts davon gehört? Wahrscheinlich deswegen, weil der Baum, aus dessen Früchten es gewonnen wird, nur in Marokko zwischen Essaouira und Agadir wächst. Bei einer Fahrt durch das Land waren mir Ziegen aufgefallen, die auf Bäumen kletterten. Es waren die vom Aussterben bedrohten Arganbäume, die unter dem Schutz der UNESCO stünden, sagte der Fahrer.

    An einer Straßenecke entdeckte ich ein Schild mit der Aufschrift „Massage“. Gutes Öl, nickte der Fahrer. Wurde das Wunderöl auch hier eingesetzt? Saadia, das Zimmermädchen, bestätigte es. Nach Erfahrungen ihrer Großmutter wagte ich nicht zu fragen. Saadia wusste, was gut für und gegen etwas war. Sollte ich mich auf eine Wunderöl-Massage einlassen? Meine Neugier war größer als meine Skepsis.

    Das Etablissement wirkte seriös. Viele Masseure und Masseurinnen habe er angestellt, erklärte der marokkanische Geschäftsinhaber in akzentfreiem Deutsch. Auf vielen Regalen reihten sich Flaschen und Fläschchen aneinander. Erstaunlich, dass es noch so viel von dem wunderbaren Öl gab, da die Bäume vom Aussterben bedroht waren. Reines Öl? Öl-Verschnitt? Gepantscht? Gestreckt? Argwohn kam auf. Wegen seiner hohen Konzentration werde es mit Olivenöl vermischt, wurde mir erklärt. Mein Vertrauen sollte wieder hergestellt werden. Wie viele Oliven mussten geerntet werden für ein Fläschchen Wunderöl? Ich erfuhr es nicht. Duftstoffe füge man hinzu, hieß es. Eukalyptus sei zu empfehlen. Das rieche gut und intensiviere die Wirkung. Allah werde mir bestätigen, so hoffte ich, dass die zwanzig Euro für die Massage gut angelegt waren.

    Zugedeckt mit warmen, wollenen Tüchern ließ ich mich auf die Wunderöl-Massage ein. Die Information an der Wand versprach mehr, als Saadias Mutter wusste. Das Öl wirke gegen braune Flecken und brüchige Fingernägel. Es helfe gegen Rheuma und Muskelschmerzen. Es bekämpfe die Müdigkeit und fördere die Zellerneuerung. Warmes, samtweiches Öl tropfte auf meine Füße. Die Masseurin schien davon auszugehen, dass eine ausgedehnte Fußmassage die Behandlung anderer Körperteile überflüssig machte. Blieben nördliche Körperregionen unberücksichtigt?

    Ich begann zu genießen. Vermischt? Gestreckt? Verschnitt? Unwichtig. Als meine Kopfhaut durchgeknetet wurde, hatte ich jedes Zeitgefühl verloren. Ich machte mir keine Gedanken darüber, was die Für-und-gegen-alles-Massage bewirken oder verhindern werde. Vor dem Rückflug kaufte ich am Flughafen noch zwei Fläschchen Wunderöl-Verschnitt. Wirken würde es bestimmt. Egal, wogegen oder wofür.

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  • Im Tal des Essens und Trinkens

    Im Tal des Essens und Trinkens

    In der Bauernhof-Gaststätte hatte ich am frühen Nachmittag Marende bestellt, eine Portion Südtiroler Bauernspeck. Von einem Appetithappen zwischen Mittag- und Abendessen war ich ausgegangen. Ich hätte eine Sippe damit ernähren können. Ein großer Holzteller, gefüllt mit Käse und stark geräuchertem Schinken, stand vor mir. Hungersnöte hatte ich nicht hinter mir und daher keine Chance, die Fülle zu bewältigen.

    Ähnlich war es mir mit den Knödeln ergangen. Das ernährungsgeschichtliche Urgestein ist so unverzichtbar, dass es auf keiner Speisekarte fehlte. Ich weiß nicht, wie viele Knödel-Variationen auf meinem Teller landeten. Spinatknödel und Käseknödel, Zwetschgenknödel und Marillenknödel, Semmelknödel und Speckknödel. In vieler Hinsicht musste ich bisherige Essgewohnheiten vergessen und mich an neue gewöhnen. Das Frühstück hieß „Vormess“, vor der Messe; gefolgt vom „Halbmittag“, eine Jause am späten Vormittag. Die „Marende“ schloss sich als Brotzeit am späten Nachmittag an. Wenn ich in dem kleinen Café den Apfelkuchen probieren wollte, musste ich vorher gefastet haben. Apfelstrudel, Hefe-Apfelkuchen, Apfelweinkuchen, Versunkener Apfelkuchen – der Urlaub war zu kurz, um so viel Hunger zu haben. Auf das „Nachtmahl“ hätte ich verzichten können, aber ich wusste nicht, wann ich wieder hier her kommen würde.

    Es schien zudem nicht aufhören zu wollen mit Schüttelbrot und Vinschger Paarl, mit Keschten und Esskastanien, mit Schlutzkrapfen und Teigtaschen. Niemand muss am Hungertuch nagen. Milchfest und Knödelfest, Brotmarkt und Strudelmarkt, Speckfest und Joghurttage, Kastanienwoche und Apfelwoche – man liebt das Leben. Es soll Diät-Angebote geben, die Übergewichtigen einen leichteren Lebensstil schmackhaft zu machen versuchen. Dass sie wahrgenommen werden, ist unwahrscheinlich. Wer kann Schlutzkrapfen mit Lamm-Thymian-Füllung, Zwetschgenkompott mit Kucheneis ignorieren?

    Abends saß ich im Verkostungsraum eines ehemaligen Fohlenhofs. Ursprünglich war er vom österreichischen Kaiser als Sanitätsstation für fußkranke Pferde erbaut worden. Der erste Haflingerhengst, Urvater aller Haflinger, wurde hier großgezogen. Jetzt lernte ich zusammen mit anderen fußkranken Wanderern in der „Bäuerlichen Brennerei“ eine weitere Kostbarkeit kennen. Der Reichtum an Obst veranlasst die Einwohner, Edelbrände herzustellen. Ein edles Destillat wird gebrannt. Das Brennen, erzählte der Brennmeister, sei ein Spiel von Können und Passion, unterstützt von der ausgefeilten Technik eines modernen Brennkessels.

    Ein paar gebrannte Kostbarkeiten traten mit mir den Heimweg an. Die Edelbrände werden mich ans Tal des verführerischen Essens und Trinkens erinnern. Die Ess- und Trink-Kultur entspricht der Lebenslust der Menschen. Soll man auf sie verzichten um der Dauer eines längeren Lebens Willen?

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  • Eine Dieselei

    Kolumne

    Es war einmal. Auf deutschen Wegen und Straßen dieselte es fünfzehn Millionen Male. Überall auf unserem Planet dieselte es. An ihren Dieseln sollt ihr sie erkennen. Rudolf Diesel hatte die märchenhafte Diesel-Idee vom Diesel-Motor. Er ahnte nicht, dass er sich einhundert Jahre später ein Diesel-Burnout einhandeln musste und jemand war, gegen den sich die Götter verschworen hatten. Ein Träumer, der auf die Realität stieß. Traum-Deuter heute sprechen nicht über ehemalige Zeiten und Vertreter einer abgelaufenen Epoche. Alte Häuser werden lieber abgerissen als restauriert.

    Es war einmal. Einhundert Jahre vor Herrn Diesel tüftelte ein französischer Ingenieur, Monsieur Carnot, an einer „idealen Wärmekraftmaschine“. Der Tüftelei hätte er Taten folgen lassen, wenn er es vermocht hätte. Er vermochte es nicht. Ein Glück für ihn. Er hätte sich darüber ärgern müssen, dass seine Tüftelei zur Dieselei entartete und diese eines Tages als umweltschädliche Dreckschleuder diffamiert wurde.

    Die Diesel-Problematik ist bekannt. Nach Abgasen oder sonstigen Folgen fragte lange kaum jemand. Alltägliche Belanglosigkeiten. Ärgerlich, dass diejenigen, die sich verantwortlich fühlten und Dieselei-Geschäfte machten, sich selbst aus der Pflicht entließen, die Diesel-Stänkerei nicht zugaben oder als gelöst deklarierten – so wie die Gans, die sich im Wasser bewegt, aber nicht nass wird.

    Neue Lösungen sind in Sicht: Gib mir deinen Diesel, und ich gebe dir große Geldscheine für ein dieselei-loses Gefährt. Ein Geschenk des Himmels. Die aktuelle Informations-Kampagne. Ein paar Geldscheine muss du draufzahlen. Wiedergutmachungs-Ansprüche? Wofür? Du tust es gern; denn dann bist Du diese dieselei-los. Was ich mit dem Diesel mache, verrate ich dir nicht. Vielleicht entdiesele ich ihn und finde jemanden, der nichts von Dieseleien gehört hat. Aus allem lässt sich etwas machen. Verhaltenskreatives Selbstermächtigungsgesetz – der Schutzpatron der Leichtgläubigkeit. Neues muss nicht neu sein, wohl neu klingen. Gelobt sei das Unperfekte auf der diesel-losen Reise in die Glückseligkeit. Mancher Fleck geht eben nicht raus.

    Von Umwelt-Aktivisten, die jetzt auf den Plan treten und über Diesel wie über Atom-Müll fabulieren, war bis vor Kurzem wenig zu hören. „Lerne leiden, ohne zu klagen.“ Alter preußischer Grundsatz. „Lerne klagen, ohne zu leiden.“ Die zeitgemäße Version. Sie haben es immer gesagt. Sie haben es immer gewusst. Nur andere haben es immer ignoriert.

    Es war einmal. Woher stammt das Diesel-Märchen? Hat es wirklich Herr Diesel erzählt?

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  • Kein Märchen aus alten Zeiten

    Kein Märchen aus alten Zeiten

    Reisewillige mussten reisewürdige Gründe haben oder im reisewürdigen Alter sein, um in alle Himmelsrichtungen verreisen zu dürfen. Unvorhergesehenen Verlockungen und Verführungen konnten sie ausgesetzt sein. Ob sie denen standhalten konnten, musste vorab geprüft werden. Kein Märchen aus alten Zeiten.

    Ein solches erzählt ein spätromantischer Dichter in seinem „Buch der Lieder“. Es ist die wundersam schreckliche Geschichte von der schönen Jungfrau auf dem Felsen. Sie sitzt dort oben und kämmt ihr goldenes Haar. Ihrem verlockenden, betörenden Gesang erliegt der Schiffer. Blind geworden für die Strömungen und Riffe des Stroms, verkennt er, dass sein Boot zerschellt.

    Die betörende Nixe sitzt immer noch da und singt ihr Lied – auch für jene, die in nicht ganz so alten Zeiten zum Balaton fuhren, der Erholungsstätte für verdiente Werktätige aus dem Bruderland. Die sagenumwobenen Burgen des Rheins und die Nixe auf dem Felsen vermissten sie dort nicht. Auch der Plattensee hat seine Reize. Auch an seinen Ufern können liebliche Jungfrauen sitzen, deren goldenes Geschmeide im Sonnenlicht glänzt, unbesungen im Buch der Lieder.

    Die Schöne auf dem Felsen verzaubert die Reisenden. Sie besingt für sie die Burgen und Schlösser, die Rebhänge und Schieferfelsen. Das Märchen aus alten Zeiten muss ihnen nicht aus dem Sinn kommen. Es ist schön, sich verführen zu lassen von der reizenden Schönen, von den Felsen und Burgen. Und auch das ist gewiss: „Ruhig fließt der Rhein“.

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  • Ötzi war hier

    Ötzi war hier

    Die Ötzi-World-Card hatte ich nicht gekauft. Ich konnte nicht ahnen, dass ich mit ihr im Ötzi-Shop, in der Ötzi-Show, beim Ötzi-Marathon jede Menge Preisvergünstigungen erhalten hätte. Die Ötzi-Trophäe hätte ich für die Hälfte erstanden. „Begegnen Sie Ötzi persönlich im einzigartigen Schautunnel in der Bergstation der Gletscherbahn“, stand auf dem Plakat. Mit der World-Card hätte ich ihn fragen können, wie er sich fühlt nach fünftausend Jahren im Eis.

    Ins Südtiroler Schnalstal war ich gefahren. Mein Ziel war nicht Ötzi, sondern der beschauliche Ort „Unser Frau“ mit der Wallfahrtskirche. Um die Kirchenmauern herum schmiegt sich ein kleiner Friedhof. Die Gräber sind geschmückt mit kunstvollen Grabkreuzen aus Kupfer und Bronze, beredte Zeichen einer Kultur des Todes.

    Dort, wo Ötzi in 3200 m Höhe am Tisenjoch gefunden wurde, wandeln alle auf seinen Spuren – auch die Kinder. „Damit sie Techniken und Spiele, Essen, Arbeit und Vergnügen wie vor 5000 Jahren miterleben können“, steht auf dem Plakat. Ich verspürte keine Lust auf Bogenschießen und Brotbacken, wollte keine Töpfe und Tiere aus Lehm formen, keine Messer und Feilen aus Ötzis Zeit herstellen. Warum sollte ich mich in den Alltag vor 5000 Jahren versetzen lassen, wenn auch die Gegenwart interessant war?

    Da mir für die Gletschertour zur Fundstelle des ältesten Südtirolers Ausrüstung und Mut fehlten, blieb ich auf der Talstation der Seilbahn zurück. Die atemberaubende Fernsicht genoss ich von unten. Es gab viel zu sehen. Der ehemalige Alpengasthof hat sich in ein Skizentrum verwandelt. Die Gletscher garantieren ein schneesicheres Ganzjahres-Skigebiet. Bei einer Tasse Kaffee erzählte mir der Tischnachbar, dem Promotor des gigantischen Projektes sei das Werk über den Kopf gewachsen. Er sei Opfer ausufernder Spekulationen geworden und habe sich das Leben genommen. Ein kunstvolles Kreuz schmücke sein Grab auf dem Friedhof „Unser Frau“. Skifahrer kommen dort nicht vorbei.

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  • Exklusiv

    Exklusiv

    Das Trinkgeld werde exklusiv unter dem Personal aufgeteilt, versicherte die Besatzung des Schiffes. Sie nahm mir eine Verantwortung ab. Ich musste weder ein Orakel befragen noch selbst entscheiden, wem ich in besonderer Weise an Bord zu Dank verpflichtet war. Geben macht glücklich. Das Trinkgeld ging exklusiv ans Personal. Ich war erleichtert.

    Die große Schautafel zeigte an, wer exklusiv dazugehörte. Der Kapitän. Er erwartete eine Zuwendung. Ebenso der First Officer und der Exekutiv Chief. Desgleichen der Hotelmanager, der Restaurant-Manager, der Programm-Manager. Nicht zu vergessen der Programm-Direktor. Der Mikrokosmos auf dem Schiff war größer, als ich gedacht hatte. Alle sollten exklusiv bedacht werden. Den Grund nannte die Anordnung nicht. Besondere Zuwendungen wurden erwartet, mussten nicht begründet werden.

    Die Schautafel war nicht groß genug, um alle exklusiv Berechtigte aufführen zu können. Die Küchen-Angestellten wurden nicht erwähnt. Der freundliche Alleskönner, der auf dem Sonnendeck wegräumte, was Sonnenanbeter liegen und stehen gelassen hatten, auch nicht. Wer meine schmutzigen Hemden gewaschen hatte – auch darüber schwieg sich die Schautafel aus. Die Serviererin im Restaurant, die mir eine Tasse Kaffee brachte, ehe ich sie bestellt hatte, gehörte für mich dazu. Aber auch ihr Name war nicht vermerkt. Vielleicht deswegen nicht, weil ich sie selbst schon etliche Male bedacht hatte.

    Was war mit dem Unbekannten, der mitten in der Nacht die aktuellen Tagesnotizen unter meiner Kabinentür hindurch schob? Auch er musste exklusiv zum Personal gehören. Dem Kapitän würde es eine Ehre sein, mit ihm das Trinkgeld zu teilen. Oder gab es eine Trinkgeld-Hierarchie? Exklusive Trinkgeld-Verteilung zunächst an den Kapitän, dann an den First Officer, den Exekutiv Chief, den Hotelmanager. Wenn der Trinkgeld-Topf leer war, würde dann ein Trinkgeld-Darlehn aufgenommen? Oder mussten andere exklusiv Berechtigte auf die nächste Reise warten?

    Wofür konnte ich dem Kapitän danken? Dass er mich an Bord gelassen hatte? Dass er mir zehn Tage lang vom Schiff aus die Aussicht auf die vorbeiziehende Flusslandschaft gewährt hatte? Er hatte mich zum Kapitäns-Dinner eingeladen. Seine Uniform glänzte in den schönsten Farben, als er sich zusammen mit anderen exklusiv Berechtigten vorstellte. Dann entschwand er mit dem Exklusiv-Tross. Dass er mich eingeladen hatte, bedeutete nicht, dass er mit mir speiste. Wie konnte ich ihm das vergelten?

    Der Hotelmanager machte es mir leicht. Jeden Wunsch las er mir von den Augen ab. Darauf eingehen konnte er nicht. Die Hotel-Schiff-Ordnung hatte exklusiv verfügt, welche Wünsche in Erfüllung gehen konnten und welche nicht. Welches Trinkgeld stand ihm zu, damit bei der nächsten Reise auch meine Wünsche Berücksichtigung fanden? Ein Trinkgeld würde ihn anspornen, mich besonders zuvorkommend zu behandeln. Aber würde ich ihn bei der nächsten Reise wieder antreffen? Wenn nicht, dann konnte er sich nicht revanchieren. Warum sollte ich ihm jetzt eine hochherzige Spende zuteil werden lassen, wenn er keine Gelegenheit hatte, mir dankbar zu sein?

    Dem Restaurant-Manager, dem Programm-Manager, dem Programm-Direktor war ich exklusiv zu Dank verpflichtet. Das war der Anweisung zu entnehmen. Ich wusste nicht, warum, aber ich war ihnen verpflichtet. Mir waren sie nicht verpflichtet, obwohl sie dankbar sein sollten, dass ich mich für ihr Schiff entschieden hatte. Die Serviererin bei Tisch wusste, was sie an mir hatte. Sie brachte mir Kaffee, ehe ich ihn bestellt hatte. Sie habe ich exklusiv bedacht. Ebenso die Alleskönner, die Unbekannten und diejenigen, die täglich mein Bett zurechtgemacht hatten. Exklusiv ihnen habe ich Trinkgeld gegeben. Ausschließlich ihnen. Die Manager werden es verstehen oder auch nicht.

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  • In Ordnung

    In Ordnung

    „Alles in Ordnung?“ Die Frage überrascht mich. Ob sie Besorgnis ausdrückt? Was kann nicht in Ordnung sein auf diesem Schiff? Unordnung kommt nicht vor, ist nicht eingeplant. Alles ist geordnet. Ich muss nicht planen. Es wird geplant. Man plant und denkt für mich.

    Der Cruise Direktor beginnt damit früh am Morgen. „Heute ist Donnerstag. Es ist neun Uhr. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Sie können frühstücken.“ Die Schiffswelt ist in Ordnung. Ordnung reiht sich an Ordnung. Ich werde empfangen, geleitet, geführt, bedient. „Wir bringen es Ihnen.“ „Wir holen es Ihnen.“ Geübte Hände entfalten die Stoffserviette auf meinem Schoß, kredenzen den Orangensaft, servieren die Toastscheibe. Meine Hände und Füße hätte ich daheim lassen können.

    Alles hat seine Ordnung. Der Hotel-Direktor, der Front Office Manager, der Restaurant-Manager, die Hausdame, der Küchenchef – fern und nah gesteuert werde ich umsorgt. Dreiundfünfzig wichtige und außerordentlich wichtige Garanten meines Wohlbefindens und der Ordnung sorgen sich um mich. Ich kann sie nicht immer sehen, aber sie sind da. Sie sorgen für Ordnung. Ordnung muss sein. Ordnung sagt mir, ob ich sportlich leger, sportlich elegant oder in sportlichem Chic erscheinen soll.

    „Schön, dass Sie da sind.“ Der Tagesspruch macht es mir leicht, Ordnung gut zu finden. Daheim herrscht auch Ordnung. Schiffsordnung ist anders. Nicht statisch, eher fließend, gleitend – so wie der Fluss, auf dem wir dahin gleiten. Auch Gleiten hat seine Ordnung. Der Kapitän sorgt für geordnetes Gleiten, geräuschloses Gleiten. Manchmal himmlisches Gleiten, wenn der Wettergott kraft himmlischer Verordnung die Sonne scheinen lässt. Dann strahlt alles, was Ordnung hat.

    Reisen räumt mit Vorurteilen auf, hat jemand geschrieben. Mit Ordnung hatte ich bisher Probleme; hielt sie für überflüssig. Ein Vorurteil. Ohne Ordnung kann ich nicht leben. Zumindest nicht auf einem Schiff.

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  • Essen, was fliegt

    Essen, was fliegt

    In Südchina werde gegessen, was fliegt, außer Flugzeugen, wird erzählt. Alles, was im Wasser schwimmt, außer Booten. Alles, was sich an Land bewegt, außer Fahrrädern. In Kanton wurde mir glaubhaft versichert, Hunde- oder Katzenfleisch sei eine zu teure Spezialität, als dass sie zum normalen touristischen Speiseangebot zähle. Ihr Fleisch werde vorzugsweise im Winter verzehrt. Wie Hammelfleisch habe es einen warmen Charakter. Es sei wirksam gegen Bluthochdruck. Es helfe, Auskühlungen des Körpers zu vermeiden. Es sei gut für Nieren und Milz. Es schmecke köstlich wie gekochtes Rindfleisch. Wollte mich der Reiseführer auf den Geschmack bringen?

    In Hongkong dürfen Katzen und Hunde angeblich nicht auf die Straße. Sie kennen die Verkehrsregeln nicht, steht im Reiseführer. Die Meldung wirkte beruhigend auf meine westlich geprägten Essgewohnheiten. Auf die Delikatesse Hundefleisch, auf Hunde-Rippchen, Hundefleisch in scharfer Soße verzichtete ich. Dass die chinesischen Kaiser Hundefleisch aßen, ermutigte mich nicht, es ihnen gleich zu tun.

    Auch bei gebratenen Tintenfischeiern und geschmorten Haifischflossen übte ich  Zurückhaltung. Das geröstete Hühnerfleisch in Soße, die Hühnerwürfel in Bohnenpaste, der Mandarinfisch mit süßsaurer Soße und die Rindfleischgerichte waren mir eine Versuchung wert. Ich probierte chinesisches Bier und trank grünen Tee. Den süßlich schmeckenden Konkubinen-Tee, der mit Litschisaft versetzt sein soll, mied ich. Eine kaiserliche Konkubine, welche die Früchte des Litschibaums schätzte, soll ihn kreiert haben.

    Man muss nicht in ein vom Reiseführer empfohlenes, steriles Restaurant gehen. Straßenrestaurants um die Ecke bieten gute Kost. Außerdem lässt sich dort kostenlos das bunte Leben und Treiben beobachten. An Geschmacksrichtungen von scharf bis süß-scharf und sauer-scharf gewöhnte ich mich nach und nach. Chinesische Köche kochen Köstliches, man muss es ihnen nur zutrauen. Ich habe versucht, mit Stäbchen zu essen, gebe aber zu, dass es noch vieler Chinareisen bedarf, um nicht Messer und Gabel vorzuziehen.

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  • Ein Gaudi

    Ein Gaudi

    Den Landgang hatte ich vor Antritt der Reise gebucht. Ich wollte Antoni Gaudis berühmte Architektur bewundern. Leider entfiel die Gaudi-Tour. Gaudi? Wer oder was war Gaudi? Dreihundert Passagiere des Kreuzfahrtschiffes hatten sich zwar für Gaudi entschieden, aber für das Gaudi einer Shopping-Tour. War ich auf dem richtigen Dampfer? Von einer Butterfahrt war in der Vorankündigung nicht die Rede gewesen. Ein Missverständnis? Statt Gaudis Modernisme-Bauten Gaudi-Shopping-Modernisme? Ich machte mich allein auf den Weg, zu meinem Gaudi.

    Das Selbstwertgefühl der Katalanen mit seiner besonderen Form von Patriotismus kennzeichnet sein Werk. Es erschließt sich nicht leicht bei einer Einkaufstour. Die Casa Milà, eines seiner letzten Bauwerke, heißt im Volksmund Pedrera, Steinbruch. Ich konnte verstehen, dass Mitreisende die Casa als solche betrachtet hätten. Architektonische Tabus warf Gaudi in der Casa Milà über den Haufen. Das festzustellen, wollten sich die Kreuzfahrer nicht antun. Positives Denken und Schönes zu genießen, hatten sie sich vorgenommen. Nur schwerlich hätten sie in der geschwungenen, wellenförmigen Fassade der Casa ein typisches Haus gesehen. Wo waren die Symmetrien, wo die tragenden Säulen? Die Schaukelwellen, die bei der anstehenden Atlantik-Überquerung zu befürchten waren, gaben Anlass, das flache Gaudi-Shopping der Stadt zu bevorzugen. Gaudi-amus igitur. Voll Freude sei das Leben.

    Beim Anblick der Schornsteine auf der Dachterrasse der Casa Milà hätten sie  bezweifelt, dass Antoni Gaudi ein Genie war. Der Unterschied zwischen Genie und Wahnsinn soll nicht groß sein, wird gesagt. Die Kreuzfahrer hätten es bestätigt. Wer hatte die Casa zum Weltkulturerbe erklärt? Mussten sie das Casa Battló mit seiner skelettartigen Fassade kennen? Oder das Casa Amatler mit dem verzierten Dachgiebel? Vom Palau de la Música Catalana mit seinem hinreißend schönen Konzertsaal hatten sie nie gehört. Die Sagrada Família, der gigantische Sakralbau, an dem seit 1882 gebaut wird, musste man nicht besichtigen, da sie immer noch nicht fertig ist.

    Unbarmherzig zeigten die Zeiger der Uhr an, dass ich zurück zum Schiff musste. Verweile doch, es ist so schön – es ging nicht. Ich hatte eine Kreuzfahrt gebucht, nicht Gaudi. Die Reisenden von der Shopping-Gaudi erwarteten mich an der Reling.

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  • Wohlfühl-Ambiente beim Ja-Wort

    Wohlfühl-Ambiente beim Ja-Wort

    „Sexy Locations“ müssten her, wo Heiratswillige sich das Ja-Wort geben, wird gefordert. Ein Flugzeug-Hangar z. B. erfüllt nach Worten des Betreibers die  entsprechenden Voraussetzungen. Ortsüblichen bzw. Ja-Wort-üblichen Ämtern fehlt demnach die sexy Atmosphäre. Amtlicher Animier-Stuben-Charakter soll den Ja-Willigen bewusst machen, worauf sie sich miteinander einlassen.

    Worin der sexy Charakter des Borussia-Parks oder eines Edel-Restaurants besteht, sei dahingestellt. Nicht nur im stillen Rathaus-Kämmerlein soll der „schönste Tag im Leben“, so der Leiter des Fachbereichs Bürgerservice, beurkundet werden, sondern an Örtlichkeiten, die „zeitgemäß“ sind. Ungewöhnliche Orte sind gefragt. An Vorschlägen mangelt es nicht. Wie wäre es mit dem Ja-Wort in der Straßenbahn, im Supermarkt, an der Autobahn-Raststätte? Es wird Paare geben, die im Wohlfühl-Ambiente eines konkreten Ortes mit seiner ausgefallenen Kulisse im siebten Himmel schweben. Zeitgemäßes, vielleicht auch publikumswirksames Zur-Schau-Stellen ihres privaten Ereignisses wäre ihnen sicher und im etwas höheren Preis inbegriffen.

    Gibt es aber nicht auch das Bedürfnis, besondere Situationen und Ereignisse gerade nicht dort zu erleben und stattfinden zu lassen, wo sie „zeitgemäß“ zu sein scheinen? Kann ein „Ja-Wort“ nicht an Kraft und Bedeutung gewinnen, wenn zwei Menschen bei der Zeremonie im Mittelpunkt stehen und nicht vereinnahmt werden durch die außergewöhnliche Beschaffenheit der jeweiligen Örtlichkeit, die alle Aufmerksamkeit beansprucht? Standesamtliche Trauung muss nicht in der abgeschotteten Black Box vonstatten gehen. Ein auf das Ereignis begrenzter und dafür erprobter Raum kann aber dazu beitragen, sich in Ruhe gegenseitig Mut zu machen, von hier aus aufzubrechen in die gemeinsame Zukunft.

    Wir leben in einer Gegenwart mit Gepflogenheiten und einem Lebensgefühl, das vom Event-Charakter inspiriert wird. Das muss niemand ausblenden. Gefragt werden darf jedoch, ob sich das wie in einer Endlos-Schleife in allen Lebenslagen wiederholen muss und der Einzelne so zum Treibgut angeblicher Zeitgemäßheit wird. Entscheiden muss jeder für sich.

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  • ich mag nicht

    ich mag nicht

    kein Land in Sicht, der Himmel grau
    nur Wasser draußen, windig, kalt
    was mache ich?

    wen treffe ich?
    ich sitze in der Bar
    weil ich gestern schon hier war

    Short-behoste Senioren, Badeschlappen
    Texas-Hüte ziehn vorbei
    draußen ist es mir zu kalt
    ich habe keine Lust zum Lesen
    walken bin ich schon gewesen
    ich bleibe lieber an der Bar

    leibesvolle Whirlpool-Wannen
    Plantschvergnügen
    will ich nicht
    auch nicht diesen Wellness-Rummel
    Jugendfrische muss nicht halten
    ich akzeptiere meine Falten

    Shops verheißen Sonderpreise
    dies und jenes könnt ich brauchen
    lieber geh ich eine rauchen
    mit Bingo mir die Zeit vertreiben
    draußen ist es mir zu kalt
    ich suche mir ein neues Ziel

    ich mag nicht schwimmen und nicht trimmen
    mag nicht Cocktail, nicht Aerobic
    will nicht flirten mit der Nanni
    die Nadine bleibt heut bei Mami
    ich liege faul auf meiner Liege
    denn draußen ist es mir zu kalt

    warum bin ich hier an Bord?
    ich wollte nur mal wieder fort
    zu Hause wäre es jetzt schön
    ich säße nicht hier an der Bar
    ich werde vorerst nicht verreisen
    es sei denn, draußen ist es kalt

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