Autor: Peter Josef Dickers

  • Rat Sucher

    Kolumne von P. J. Dickers

    „Mein rechter Platz ist frei.“ Die in der Mitte Sitzenden stimmen scheinbar ohne Arglist ihren  Gruppen-Song an. Das kommt nicht bei allen gut an. Rechts von denen? Die wollen  provozieren. In der Mitte liegt das Glück, sagen die Mitten-drin-Sitzenden und könnten sich berufen auf den schwedischen Weg zum guten, richtigen Leben. Der liegt in der Mitte. Und zwar immer, wird behauptet.

    In der Mitte? Langeweile. Es kracht nicht. Es blitzt nicht. Kein Theaterdonner. Rechts neben denen? Nein, danke. Ein Irrtum, erwidern die aus der Mitte. Sie seien immer mitten im Geschehen, wenn etwas passiere.

    Links. Rechts. Oben. Unten. Mittendrin. Wo ist es richtig? Alle sind auf der Suche nach Orientierung. Wer nie unten war, weiß nicht, wie oben ist; auf dem Weg nach oben solle man unten anfangen, empfehlen sie. Rechts blinken und links abbiegen – geht das? Keine Antwort. Links oder rechts? Von wo aus? Vom Präsidenten aus gesehen wie in der französischen Abgeordnetenkammer von 1814? Was die eine Seite gewinnen will, gibt die andere nicht her. Alle wären froh, etwas zu bekommen, statt alles zu verpassen. Die Furcht vor dem Furchtbaren lähmt sie alle. Die Furcht, das Wesentliche könne woanders stattfinden. Versteckte-Kamera-Aktivitäten. Ein Sackbahnhof, aus dem es kein Vor- und Zurück gibt.

    Hilft ein Schwenk in die Farbenlehre? Die grünen, schwarzen und gelben Farben in der Flagge jenes Staates einer ganz anderen Zeitzone beflügeln die Phantasie und wecken unverhofft Zuversicht. Die Kultur jener ehemaligen britischen Kolonie ist es nicht, welche die Phantasie anregt, dortige soziale und wirtschaftliche Probleme erst recht nicht. Doch welche Farben passen zusammen? Wie passt Grün zu Gelb, wie verhält sich Schwarz neben Grün? Kann man Farben mischen? Mit welchem Ergebnis?

    Es sind Harmonien und Kontraste in den Farben verborgen, die von selbst zusammenwirken.Vincent van Gogh weckt farbige Zuversicht. „Auch Farben kommen ins Alter; bunter werden sie nicht.“ Jemand gibt das zu bedenken, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Oder denkt er an Durchgangsbahnhöfe, in denen Züge nur einen kurzen Aufenthalt einplanen?

    Ist auf die Farbenlehre Verlass? Hatte die Mitte-Links-Gruppierung nicht ihr Gutes? Warum mit Farben spielen, wenn geklärt ist, wer oben und unten, wer rechts oder links, wer vorn oder hinten sitzt, und vor allem, wer die Mitte beansprucht?

    Die alten Griechen befragten das Orakel in Delphi. Wer kann hierzulande Rat geben?

     

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  • Steffl hat seinen Preis

    Steffl hat seinen Preis

    Steffl nennt man ihn liebevoll. Wenn man bedenkt, wie alt er ist, darf man ehrfürchtig staunen, dass er immer noch da ist. Seit vielen hundert Jahren steht er da. Immer noch hat er eine Anziehungskraft, die einem Jüngeren alle Ehre machen würde. Alle mögen ihn  und strömen zu ihm. Alle wollen ihn sehen. Wer ihn ganz sehen will, muss sich entscheiden, wie viel ihm das Sehen Wert ist.

    Am preiswertesten ist es, ihn von außen zu betrachten. Niemand kommt dann und sagt, Steffl verlange Tribut. Das Alter habe seinen Preis. Dennoch hat es seinen Preis, dass er steinalt ist. Die Steinmetze kümmern sich darum. Altersbeschwerden setzen Steffl vor allem von außen zu. Die steinharte Schale neigt zum Erweichen. Das hat seinen Preis. Daher wird im Herbst für Steffl gesammelt. Einen Tag lang darf man den Steinmetzen dann zuschauen bei ihrer steinharten Arbeit. Wer nicht im Herbst kommt, kann sich nicht beteiligen. Er sieht dann aber auch die Steinmetze nicht.

    Wer Steffl von innen bewundert, kann sich an allem Möglichen beteiligen. Kaum hat man sein Inneres betreten, verrät er schon, wie es um ihn bestellt ist. Er brauche dringend eine Spende. Sein Alter sei beträchtlich. Sein Zustand zwar nicht bedenklich, aber auch nicht unbedenklich. Man möge ihn daher bedenken. Also wird Steffl bedacht, der Stephansdom in Wien.

    Was soll man zuerst bewundern? Die Fülle erschlägt. Steffl hilft. Treffpunkt zur Führung. Steffl sei Dank. Führung durch die Pracht hat ihren Preis. Sehen an sich ist kostenlos. Geführtes Sehen ist anders. Mindestens fünf Personen. Viereinhalb Euro garantieren richtiges Sehen. Mehr als fünfzig Bewunderungswillige wollen richtig sehen. Die nächste Führung in einer Stunde. Die Widmung hätte man ohne Führung lesen können. „Die Bundesrepublik Deutschland spendete einen namhaften Betrag für den Bau einer neuen Riesenorgel.“

    Für Steffl gelten besondere Maßstäbe. Seine Schönheit ist grenzenlos. Auch seine Größe. Sechstgrößte Kirchenorgel der Welt, vier Manuale, zehntausend Pfeifen. Ob der namhafte Betrag ausreichte?  Gewissensbisse, ob viereinhalb Euro ein Freundschaftspreis sind, den es aufzustocken gilt. Wer weiß, was man noch alles zu sehen bekommt. Der Sankt-Stephan-Phonomat kommt wie gerufen. Einen Euro kann man einwerfen, für diesen Spottpreis sogar die Sprache wählen. Schon gibt Steffl Daten von seiner wahren Größe, von seiner Länge und Breite und Höhe preis.

    Jede Führung hat  Grenzen. Das Zuhören auch. Kein Wunder, denn Steffl hat sich Jahrhunderte lang Zeit genommen, alles zu sammeln, was schön und prächtig ist. Viereinhalb Euro können nicht reichen. Vor dem Abstieg zu den Katakomben sind sie aufgebraucht. Mindestens fünf Personen halten je viereinhalb Euro bereit. Mindestens zehn Mal so viele wollen sehen, was die Katakomben verbergen. Hätten sie gewusst, dass während der Pestzeit in Wien die Friedhöfe überbelegt waren und daher Tausende von Toten in die Katakomben-Schächte geworfen wurden, hätten sie es sich mit dem Abstieg noch einmal überlegt. Aber es gibt ja für viereinhalb Euro auch noch die Herzogsgruft der Habsburger zu sehen. Und die sind in Wien überall ihren Preis Wert.

    Steffl gewährt den schönsten Blick über Wien. Für den Aufzug sollte man vier Euro Fahrgeld bereit halten. Oben angekommen liegt einem Wien zu Füßen. Außerdem ist man ganz nahe bei Österreichs größter Glocke. Steffl ist auch darin nicht zu übertreffen. Größte Glocke, zweitgrößte in Europa, dazu noch die Aussicht. Vier Euro dafür sind geschenkt.

    Im Dom kann man auch beten. Beten hat keinen Preis. Daher beten viele. Beten versöhnt mit dem Eindruck, Steffl sei nur Sehenswürdigkeit, Objekt der Begierde, bei der es um den Preis geht. Beten ist kostenlos. Beten lenkt den Blick nach oben und nach innen. In einer anderen berühmten Kirche steht es geschrieben. „Denken Sie beim Herumgehen daran, dass Sie sich an einer heiligen Stätte befinden. Sprechen Sie nur leise und vergessen Sie nicht, Ihren Blick nach oben zu richten.“

    Beten kann man ohne Führung. Draußen stehen Leute an für die nächste Führung.

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  • Am Eisernen Tor

    Am Eisernen Tor

    Eine der weltweit tiefsten Schluchten. Flussklippen-Landschaft. Ehemals höhere Wasserfälle als die Niagara-Fälle und unvorhersehbare Gefahren für Schiffe, welche die Talenge passierten. „Wir näherten uns der gefährlichsten Stelle des Stroms, dem Eisernen Tor. Wohl eine halbe Stunde vorher verkündet das Rauschen des Wassers den gefürchteten Ort. Felsenriffe durchziehen den Strom und bilden eine Menge Wirbel.“ Nachzulesen in Ida Pfeiffers Tagebuch „Reise einer Wienerin ins Heilige Land“, erschienen 1843 in Wien.

    Den Strom, der am Gestein nagte, es zernagte, immer noch an ihm nagt, erlebe ich jetzt als gebändigt. Gebändigte oder vorübergehend gezähmte Wassermassen? Gezähmt wie der Fuchs, den Saint-Exupérys „Kleiner Prinz“ sich vertraut machen will? Kann ich mich ihnen überlassen, ohne dass apokalyptische Ängste mich bedrängen? Naht ein Tag, an dem der Fluss sich rächt an denen, die ihn für ihre Zwecke gebändigt oder missbraucht haben? Reift ein Verhängnis unbemerkt heran?

    Die Fragen haben sich erledigt, beruhigen mich jene, die große Steinblöcke im Strom versenkt, ihn reguliert und aufgestaut, seine Fließ-geschwindigkeit reduziert, Schleusen und Dämme gebaut haben. Keine Effekthascherei, nicht Taten geltungssüchtiger Amateure, sondern berechenbare Kunst moderner Zauber-lehrlinge. Langzeitschäden seien nicht zu befürchten, warnender Worte bedürfe es nicht – beschwichtigende Kommentare. Eine neue Ära sei eingeläutet worden. Der dreißig Meter hoch gestaute Strom habe eine zeitgemäße  Daseinsberechtigung.

    Die Insel Ada Kaleh ging in den Fluten unter. Mit ihr verloren sich Geschichten von Menschen, die seit Menschengedenken auf ihr heimisch gewesen waren und sie mit Leben gefüllt hatten. Die Insel war ihre Visitenkarte. Nach ihrer Daseinsberechtigung fragte niemand. Fragen nach Unrecht und Ohnmacht stellten sich nicht. Die Staudamm-Kathedrale verschlang einen Lebensraum, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für Generationen von Menschen war. Im Reiseführer wird sie nicht erwähnt. Das Schiff fährt über sie hinweg.

    Was kann man? Was darf man? Fragen wurden gestellt, werden immer noch laut. Zögerliche Antworten. Schulterzucken. Es wird schon nichts passieren. Verdrängte Erinnerungen an Goethes Zauberlehrling: „Die ich rief, die Geister, werde ich nicht los.“ Sorge und Furcht sind nicht mit beruhigenden Erklärungen aus der Welt zu schaffen.

    Ein römischer Feldherr setzte an dieser Stelle seine Legionen auf die andere Fluss-Seite über. Ein den Römern fremdes Volk wollte er unterwerfen, die erwartete Huldigung einholen und sich feiern lassen. Ob dieses Volk die feindliche Überlegenheit anerkannte und selbst um Unterwerfung bat, weil es nicht über seine Verhältnisse streiten wollte, wird nicht überliefert. Wir wissen nicht, was wir alles nicht wissen. Andere Völker, vor und nach den Römern, überquerten den Strom und drangen in Regionen vor, in denen aus ihrer Sicht die Sonne unterging.

    Viele Jahre später zerschnitt ein „Eiserner Vorhang“ den Fluss. Keine Hoffnung auf ein Sesam-öffne-Dich. Aus Menschen, die seit Jahrhunderten friedlich zusammenlebten, wurden Feinde. Verordnete Voreingenommenheit sah im Anderen den Bösen. Der Kalte Krieg verengte die Horizonte und definierte das Zeitgeschehen in trotziger Einseitigkeit entweder aus östlicher oder westlicher Sicht. Bisher selbstverständliche Beziehungen wurden ignoriert und Konfrontationen geschürt. Statt aufeinander zuzugehen, inszenierte man die große Weltverschwörung. Das Gefühl der Vergeblichkeit erfasste die Menschen, die sich nach dem soeben beendeten Krieg nach friedlichem Miteinander sehnten. Intellektuelle Widerspenstigkeit auf beiden Seiten des Vorhangs machte sie duldsam für das, was persönliche Fehler und Irrtümer betraf.

    Das Eiserne Tor dagegen erwies sich als nachgiebiger. Die Wasser des Stroms, die an den harten Kanten des Gesteins nagen, weichten mit unendlicher Beharrlichkeit die widerstrebenden Felsen der Karpaten auf, durch die sich die Wasser-Fluten zwängen. Gestein und Strom fanden zusammen und widersprachen jenen, die sagten, dass nicht zusammenfinden könne, was vorher nicht zusammengehörte. Ein kleines Kloster fand an dieser Stelle ein Stück Boden unter seinen Füßen. Zwei Mönche wohnen und beten darin. Gäste nehmen sie auf, die mit ihnen vielleicht darüber nachdenken, wie viel Platz wir brauchen, um leben und überleben zu können.

    Ungeachtet dessen, was war oder sein wird, gleitet unser Schiff an einem warmen, sonnigen Frühlingsmorgen durch die Katarakten. Dass sie ihren Namen von tosenden Wasserfällen ableiten, ist ihnen nicht anzusehen. Die Wasserfälle sind Geschichte. Was aus ihnen geworden ist, schreibt andere Geschichten. Wir können aber nicht nur mit Geschichten der Gegenwart leben. Vergangenes Geschehen wirkt nach. Es ist Teil unserer Erinnerungskultur. Die alten Geschichten raunen sie uns zu. Vielleicht sind die Urgewalten am Eisernen Tor doch nur gezähmt und nicht für immer gebändigt.

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  • Das könnte ein spannender Abend werden

    Das könnte ein spannender Abend werden

    Zum Start der neuen Veranstaltungsreihe „Edmund-Erlemann-Forum“ kommt am Donnerstag, dem 7. Dezember um 19 Uhr, die „rebellische Nonne“, die Benediktinerin Dr. Teresa Forcades i Vila, als Referentin in die Citykirche am Alten Markt. MG-heute berichtete.

    Die 1966 in Barcelona gebürtige katalanische Ärztin, Theologin und Benediktiner-Schwester gilt u. a. als feministische Theologin.  Feministische Theologie, die aus der kirchlichen Frauenbewegung entstand, betont die besonderen Erfahrungen von Frauen in ihren verschiedenen Lebensbereichen.  Frauenbefreiende Theologie will darlegen, wie sich die Beziehung der Geschlechter auswirkt auf Glaube, Kirche und Gesellschaft.

    Schwester Teresa studierte zunächst Medizin und begann anschließend ein Theologie-Studium an der Harvard University, der amerikanischen Elite-Uni. Nach ihrer Rückkehr trat sie in die Benediktinerabtei des Klosters Montserrat nordwestlich von Barcelona ein und erwarb den Doktorhut in Gesundheitswissenschaften. Da sie an der Havard an einer protestantischen Fakultät studiert und sich mit feministischer Theologie beschäftigt hatte, wurde ihr Harvard-Studium nicht anerkannt. Daher wurde sie 2005 am katalonischen am Institut für Fundamentaltheologie ein weiteres Mal promoviert.

    Zeitweise agierte sie als Vizepräsidentin und Schatzmeisterin der ESWTR, der Europäischen  Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen. Was immer sie tut, geschehe, wie sie betont, aus ihrem christlichen Glauben heraus und aus der Hingabe zu den Menschen. So will sie auch ein Programm verstanden wissen, das u. a. gerechtere Löhne und Renten, menschenwürdige Wohnungen, kürzere Arbeitszeiten und Zahlungen an Eltern fordert, die ihrer Kinder wegen zu Hause bleiben. Parteipolitisch links orientierte Intellektuelle berufen sich auf sie, wenn sie antikapitalistische Initiativen propagieren und die Verstaatlichung von Energieunternehmen und Banken verlangen. Wenn Kapitalismus von „Freiheit“ rede, so Schwester Teresa, sei das die Freiheit von Wenigen, die sie als ihr Privileg betrachten würden.

    Schwester Teresa Forcades geht der Ruf einer radikalen Ordensschwester voraus. Ihrer männlich dominierten, patriarchalisch auftretenden römisch-katholischen Kirche tritt sie kritisch gegenüber und mahnt Reformen an. Die gesamte Struktur müsse rückgängig gemacht werden, weil sie auf der Grundlage des Klerikalismus basiere. Die Kirchen würden sich zwar sozial engagieren und Gutes bewirken; aber sie seien immer noch zu sehr an ihren eigenen Privilegien interessiert. Sie müssten ihren Gerechtigkeitsauftrag erfüllen. Sie glaube nicht, dass Veränderung in der Kirche von oben komme. Sie schätze Papst Franziskus; er müsse aber Raum schaffen für das, was von unten komme.

    Dass sie sich für das Frauenpriestertum einsetzt und ein offenes Verhältnis der Amtskirche zu homosexuellen Menschen verlangt, verwundert nicht. Sie gesteht jedem Menschen das Verfügungsrecht auf den eigenen Körper sowie einer Frau das Recht auf Abtreibung zu. Sie stellt infrage, dass menschliche Sexualität unbedingt mit Fortpflanzung assoziiert wird. Indem sie auf die Praxis der evangelisch-lutherischen Kirche in Schweden verweist, die homosexuelle Ehen akzeptiert, wendet sie sich gegen die katholische Ehe-Lehre, eine christlich geschlossene Ehe als Sakrament schließe den Willen auf Nachkommenschaft ein.

    Teresa argumentiert dagegen, eine christlich geschlossene Ehe sei ein Zeugnis der Gottesliebe, unabhängig vom Wunsch auf ein Kind. Sie  sei dafür, dass die homosexuelle Ehe in der Kirche gefeiert und gesegnet werde wie die heterosexuelle, weil sie helfen könne, die Gottesliebe besser zu verstehen. Die Menschen könne man nicht in zwei differenzierte Geschlechter klassifizieren, Die Benediktinerin will damit den Weg ebnen für eine feministische Zukunft der Kirche. Sie macht deutlich, an welchen Kirchenportalen sie ungestüm rüttelt.

    Die Sprengkraft ihrer Ideen und ihre radikalen Forderungen missfallen auch  manchen Politikern. Sie bewundert Mahatma Gandhi, den ehemaligen indischen Widerstandskämpfer, Revolutionär, Publizist, Morallehrer, Asket und Pazifist. Sie bewundert den verstorbenen Staatspräsident Venezuelas, Hugo Chavez, eine Gallionsfigur des Sozialismus in Südamerika. Sie bewundert den bolivianischen Präsident Evo Morales, den Führer der sozialistischen bolivianischen Partei „Movimiento al Socialismo“  und der Bewegung für die Rechte der Coca-Bauern. Nicht bei allen, die das hören, kommt das gut an.

    Da sie eine Doktorarbeit im Gesundheitswesen verfasst hat, ist auch die Privatisierung des Gesundheitswesens eines ihrer Anliegen. Die Betreuung einer erkrankten Person habe sich in ein Geschäft verwandelt, beklagt sie. In ihrem Buch „Die Verbrechen der großen Pharmafirmen“ prangert sie den Missbrauch der großen Pharma-Unternehmen an, die ihre wirtschaftliche Macht benutzen würden, um ihre Interessen über die der öffentlichen Gesundheitspflege zu stellen. Das könne nicht hingenommen werden.

    Die „rebellische Nonne“ wird ungewohnte Töne anklingen lassen – für das Erlemann-Forum vielleicht der richtige Einstieg.

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  • Immer auf demselben Fluss

    Immer auf demselben Fluss

    Fünfzehn Tage Flusskreuzfahrtschiff. Nicht zum ersten, sondern zum wiederholten Mal. Immer auf demselben Fluss. Immer wieder Donau. Wahrscheinlich kennen Sie jeden Grashalm am Ufer, spottet jemand. Ich habe das nicht überprüft. Sollte es so sein, dann habe ich jeden Grashalm immer aus anderer Perspektive, zu einer anderen Jahreszeit, mal im Morgennebel, mal in der Abenddämmerung wahrgenommen. Gleich sahen sie nie aus.

    Was ich gesehen und erlebt habe, hat sich nicht erledigt. Es beschäftigt mich weiter. Ich habe mich nicht davon verabschiedet. Erlebtes, Gesehenes regt meine Phantasie an. Es wandelt, verwandelt sich. Es verwandelt mich. Viele neigen dazu, atemlos von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten zu flüchten. Ihr Erkundungsverhalten ist das von Event-Touristen – Flüchtende, Flüchtlinge, die nicht erkennen, dass Zeitlupen-Schritte sie einer Sache näher bringen als Fluchtverhalten.

    Manchmal erkenne ich etwas kaum wieder, wenn es mir begegnet. Die Dörfer und Städte, die Menschen, die dort wohnen und auf die ich treffe, haben viele Gesichter, manchmal mit einer Patina überzogene Gesichter. Einige sind mir vertraut. Andere nehme ich neu wahr. Als ich auf dem Budapester Heldenplatz stand, hielt meine Kamera Bilder fest. Daheim betrachtete ich sie: Sie reflektierten oberflächliche Reize, vordergründige Wirklichkeit an einem verregneten Vormittag, die Vergangenes verdrängte. Abstrakte Fotos verrieten nichts von der Geschichte der Helden. Sie hielten flüchtige, gegenwärtige Augenblicke fest. Ich wollte den Helden neu begegnen, sie von einer anderen Position aus betrachten, ohne ihre alte Glorie zu beschwören oder zu verewigen, ohne alte Mythen zu reaktivieren. Sie sollten nicht aus ihren Gräbern steigen. Es weckte vielmehr meine Neugier, wie sie zu Helden wurden, und ob sie es noch sind, nachdem sie in die Vergangenheit entrückt sind.

    Anderen begegne ich – Mitreisenden, alltäglichen Menschen, die zum ersten Mal mit mir auf dem Schiff unterwegs sind. Jede Reise führt zu solchen Begegnungen. Ich lasse sie zu. Unerwartetes, Überraschendes geschieht. Es öffnen sich neue Horizonte. Menschen kommen in meine Nähe, die weit entfernt schienen. Meine kleine Welt erlebt, dass sie Teil einer großen Welt ist. Wir leben nicht in geschlossenen Gesellschaften. Wir bereichern uns gegenseitig, wenn wir andere an uns heranlassen. Das Leben ist keine leere Wundertüte und ein Schiff kein Museum mit toten Exponaten.

    Wiesen, Wälder, Dörfer, Städte ziehen am Schiff vorüber. In Wirklichkeit ruhen sie und bewegen sich nicht. Ich bewege mich, das Schiff bewegt sich. Je länger das Schiff unterwegs ist, desto mehr verschwimmen die Konturen am Ufer. Perspektiven verwirren die Sinne. Die Orientierung droht auf der Strecke zu bleiben. War ich schon einmal hier? Wann? Wiederholung ist die Mutter der Weisheit – ein russisches Sprichwort. Um weise zu werden, muss ich noch etliche Male auf demselben Fluss unterwegs sein.

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  • Unter anderem Blickwinkel

    Unter anderem Blickwinkel

    In der Lounge des Flusskreuzfahrtschiffes sitzen mehr als hundert Reisende. Alle Blicke sind nach vorn gerichtet. Bald wird eine Brücke in Sichtweite kommen, welche die Flussufer verbindet. Es wird noch dauern, bis das Schiff die Brücke erreicht. Jeder hat sich einen günstigen Platz gesichert, von dem aus das Bauwerk zu sehen ist. In der Zwischenzeit hätte man Gelegenheit, andere Objekte wahrzunehmen, die am Ufer vorüberziehen. Man müsste den Kopf ein wenig wenden, vielleicht die Sitzposition ändern, um zu sehen, was man sonst nicht sieht. Die meisten unterlassen es. Dass in der Ferne die Silhouette einer Stadt auftaucht und auf der linken Fluss-Seite das Jagdschloss eines bekannten Herzogs, entgeht vielen. Würde man sie abends nach dem Schloss fragen, würden sie Stirne runzelnd fragen: „Welches Schloss?“

    Auf einer Anhöhe über dem Fluss grüßt die Kirche Maria Taferl mit ihren beiden Türmen zu den Fluss-Reisenden herüber. Schön wäre es, von dort oben einen Blick auf den Fluss und die Landschaft des Nibelungengaus zu werfen. Das Wesen der Dinge habe die Angewohnheit, sich zu verbergen, wusste Heraklit von Ephesus. Ich möchte die hoch gelegene Schöne entdecken. Von wunderbaren Heilungen und Rettungen erzählt die Schatzkammer. Mit Moos bewachsene Ruine ist die Kirche nicht. Aber das Schiff gleitet vorüber und lässt mir keine Zeit. Es duldet nicht die Abzweigung, die ich nehmen möchte. Es treibt mich fort. Eine Schiffsreise ist kein Sonntagausflug, bei dem ich nach Belieben Halt machen kann.

    Der Walzerkönig-Stadt Wien am viel besungenen, nicht blauen Strom steuert das Schiff zu. Alle wollen dorthin. Für Publizität muss sie nicht werben. Ob alle das Gleiche dort sehen und erleben wollen? Sachertorte und Palatschinken probieren? Einen Pfiff trinken? Ein Brathendl am Würstel-Stand essen? Was ist typisch für diese Stadt? Was sollte man unbedingt sehen? Unterschiedliche Ansichten und Antworten. Wer weder Hunger noch Durst verspürt, entscheidet sich vielleicht für das Ballett der weißen Lipizzaner-Hengste und schwärmt, an der Hohen Schule klassischer Reitkunst komme niemand vorbei.

    Dann ist die Stadt da. Nein, Häuser. Ist das die Stadt? Direkt am Fluss liegt sie nicht. Sie liegt neben ihm, sagen Spötter. Wer sie sehen will, muss sich auf den Weg zu ihr machen, obwohl sie da ist. Das große Schild mit der Ortsangabe muss er hinter sich lassen, um zu ihr zu gelangen. Dann erklingen Operetten und Walzer, dann wird der Blick frei für Schlösser und Riesenrad.

    Auch das sind Blickwinkel. Wer aus Norden oder Osten, Süden oder Westen kommend die Stadt betritt, erfährt sie je anders, erlebt sie anders. Die Stadt erzählt viele Geschichten, unterschiedliche Geschichten. Morgen fährt das Schiff weiter. Neue Blickwinkel kommen in Sicht.

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  • Leichte Brise

    Leichte Brise

    Gestern war der Fluss spiegelglatt. Kein Lüftchen regte sich. Heute ist es anders. Das Wasser bewegt sich, nicht übermäßig, nicht stürmisch. Es ist nicht in Aufruhr, zeigt keine weißen Schaumflecken, bildet keine Wellenberge. Aber es regt sich.

    „Gestern war das Wetter besser“, sagt der Herr am Nebentisch. Ob er das mir oder sich sagt, kann ich nicht beurteilen. Den ganzen Tag habe er im Liegestuhl auf dem Sonnendeck gelegen. „Heute ist das vorbei.“ Der Tonfall in seiner Stimme verrät, dass sich seine Begeisterung über die Wetterlage in Grenzen hält.

    Jetzt registriert er, dass seine Unmutsäußerung zu mir herüber geschwappt ist. Er scheint zu erwarten, dass ich ihm beipflichte. Er sucht Verbündete. Aber ich reagiere nicht – jedenfalls nicht, wie von ihm erhofft. Stattdessen Wortstille. Keine Schaumkronen. Keine Wortberge.

    Mein Unmut-Nachbar hält mich wahrscheinlich für taubstumm. Der sich regende Fluss und die leichte Brise können einen nicht unbewegt lassen. An Land rascheln die Blätter an den Bäumen, dünne Zweige bewegen sich.     Bewegung gebiert Regung. Auch ich habe mich zu regen. Aber wir sind nicht an Land, sondern auf dem Fluss. Muss etwas überall gelten, was an einer bestimmten Stelle auf dem Globus geschieht? Muss jeder Wind Gegenwind erzeugen? Können Winde nicht verebben?

    Der Herr am Nebentisch versteht mich nicht. Er sagt es nicht, aber er deutet es an: Eine leichte Brise umspielt seine Mundwinkel. Ob sie schäumend, bedrohlich wird? Nein, sie entwickelt sich spielerisch. Sie bleibt es und verebbt. Auf der Wasseroberfläche kann sich die Brise nicht entscheiden, ob sie Brise bleibt oder nicht. Am Nebentisch hat sie sich entschieden – für Windstille.

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  • Fragen Sie den Katalog

    Fragen Sie den Katalog

    Nebelschwaden liegen über dem Fluss. Hatte die Wettervorhersage nicht anderes behauptet? Das stehe im Katalog, belehrte mich einer der freundlichen dienstbaren Geister an der Rezeption. In der Frühe sei es manchmal neblig. Warum ich so früh aufgestanden sei. Musste ich antworten? Darf ich nicht aufstehen, wann ich will? Wo ist der Katalog? Zu Hause in der Schublade. Niemand hat mir gesagt, ich müsse den Katalog befragen, um zu erfahren, wie das Wetter wird.

    Der Nebel fließt kunstvoll über den Fluss. Auch das sei im Katalog nachzulesen. Künstler habe ich an Bord nicht entdeckt. Dass der Nebel fließt und sich auflöst, davon ist auch nichts zu entdecken. Im Gegenteil. Als ich nachschaue, wie weit er geflossen ist, ist er immer noch da. Dickflüssig, nicht davon fließend. Wer schreibt die Kataloge?

    Seit einer Stunde liegt unser Schiff hinter dem Schlepper fest, der die Sandbank im Fluss übersehen hat. Auch ein Künstler, der Sand nicht von Wasser unterscheidet. Ich will nicht wissen, ob das auch im Katalog steht. Die Sonne wirft ihr wärmendes Licht über das dahingleitende Schiff. Soll auf Seite sechzehn stehen. Ob der Schreiber nie mit einem Schiff gefahren ist? Wahrscheinlich nur im Heißluftballon. Unser Schiff ruht; es gleitet nicht. Fest gemauert in der Erde; mitten in der Donau. Auch der Nebel ruht. Seit wann, weiß der an der Rezeption nicht. Wahrnehmung bewege sich manchmal an der Grenze der Wirklichkeit, weiß der Katalog. So handelt auch der an der Rezeption.

    Wann lösen sich die Nebelschwaden auf? Kann der Fluss nicht schneller fließen und den Nebel hinter sich lassen? Dem Kapitän werde ich das sagen. Auf der Kommandobrücke sehe ich ihn sagen. Das Schiff fährt ja nicht. Wo ist er? Beim Frühstück. Er kann sich Zeit nehmen, da wir nicht fahren. Die Sandbank tut es auch. Der Kapitän könnte sich um einen neuen Katalog kümmern und sich erkundigen, wann der Nebel sich auflöst. Weihnachten will ich zu Hause sein.

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  • Erlebnis Orgel mit Reinhold Richter

    Erlebnis Orgel mit Reinhold Richter

    Eine geheimnisvolle Welt mit eigenen Gesetzen scheint sich hinter Kirchenmauern zu verbergen. Wer sich auf sie einlässt, dem erschließen sich überraschende Perspektiven. „Orte zu erleben, die man so in Mönchengladbachs Kulturszene nicht zu sehen bekommt“, war Ziel des „Forum Kultur der SPD Mönchengladbach“, das auf die Orgelempore von St. Helena in Rheindahlen einlud.

    Die Begegnung mit der Orgel, die wie ein Orchester fungiert, begann für die kleine Gruppe aber nicht auf der Empore, sondern unten im Kirchenraum.

    Musik und Raum gehören zusammen, erklärte Reinhold Richter, ehemals Schüler von Viktor Scholz und seit 1982 Kantor und Organist an St. Helena, seinen überraschenden Einstieg. Es ging ihm nicht in erster Linie darum, ihm über die Schulter zu schauen und der „Königin der Instrumente“ zu lauschen. Die Orgel in St. Helena erzählt Geschichten.

    Auch die Kirche, die aus ehemals zwei Kirchen besteht und in der die jetzige Seifert-Orgel ihren Platz fand, hat ihre z. T. leidvolle Geschichte. Der Organist verbindet diese Geschichten mit seiner eigenen Geschichte. Mit diesem Raum ist er verbunden. Er ist nicht sein Zuhause, aber er fühlt sich in ihm zuhause. Ihm war glaubhaft anzumerken, was der Geiger Isaac Stern von der Musik schlechthin sagt: Das kunstvoll vorgetragene Spiel an der Seifert-Orgel am Ende der fast zweistündigen Kirchen- und Orgel-Begegnung ist nicht einfach sein Beruf; er lebt und erlebt das, was er vorträgt. Die Zuhörer beeindruckte das.
    Die Gruppe traf sich zunächst mit ihm am Taufbecken im Osten des ehemaligen Langhauses der Kirche, dann an der Truhenorgel im Chorraum. Der weiche Klang dieser kleinen Orgel, den Reinhold Richter an Beispielen demonstrierte, überraschte die Zuhörer. Zu verdanken ist er den hölzernen Pfeifen dieses Orgel-Positivs. Wie aus heiterem Himmel ertönten unvermittelt intensivere Flötenklänge von der großen Orgel auf der Empore in den Kirchenraum. Nicht himmlische Heerscharen waren am Werk, sondern die Gattin des Organisten, die zusammen mit ihrem Mann das Lob der Orgel in St. Helena verkündet. In diese besondere Form der Verkündigung stimmt auch die beeindruckende Altar-Insel ein, die von dem Krefelder Bildhauer Klaus Simon geschaffen wurde.

    Die Internetseite „Helenamusik-Rheindahlen“ erwähnt eine Aussage des französischen Schriftstellers Victor Hugo: „Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann, worüber zu schweigen aber unmöglich ist.“ Etwas nicht in Worte fassen können und es dennoch kundtun, vergleichbar der wortlosen und dennoch tönenden Orgel, die „zur Ehre Gottes und zur Freude der Menschen“ erklingt. Die Zuhörenden spürten diese Spannung und folgten Martin Luthers Mahnung: „Wenn man lauscht, schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten.“ Vielleicht wurde ihnen bewusst, dass die Klangfülle und die unterschiedlichen Ausdrucksweisen dieser „Königin der Instrumente“ Eindrücke vermitteln, die in unserer lauten Alltagswelt im wahrsten Sinn des Wortes übertönt werden.

    Das SPD-Kulturforum hatte nicht zu einer religiösen Feierstunde eingeladen. Man musste nicht fromm oder religiös sozialisiert sein, um dabei sein zu dürfen. Einer der Teilnehmer flüsterte mir zu, er habe das Gefühl, an einem quasi liturgischen Akt teilzunehmen. Das Orgel-Erlebnis fand im Sakralraum Kirche statt. Nicht viele von denen, die an diesem Abend für einige Zeit am Altar standen, werden eine Kirche schon einmal von diesem Punkt aus erlebt haben.

    Nicht verhehlen konnte der Rheindahlener Organist, dass der Orgel in den Gottesdiensten der katholischen Kirche nicht jene eigenständige Bedeutung zukommt wie das in der evangelischen Kirche der Fall ist.
    An der Truhenorgel und auf der Orgelempore ging es nicht um eine Einführung in die verschiedenen Facetten der Orgel-Literatur. Reinhold Richter zeigte an den von ihm vorgetragenen Beispielen, dass die Orgel mit ihren vielen Registern eine Klangfülle zu vermitteln imstande ist, die Zuhörer in ihren Bann ziehen kann.

    Die Begegnung mit Reinhold Richter, mit seiner Kirche und seiner Orgel hinterließ an diesem frühen Abend unterschiedliche Emotionen. Es war nicht nur der krönende Abschluss auf der Orgelempore, der nachhaltig faszinierte. Nach dem Verlassen der Kirche wurde einem bewusst, dass sich die Welt draußen an anderen Klängen orientiert, denen sich manche nur ohrenbestöpselt aussetzen. Aber etwas von den Klängen und Emotionen auf der Orgelempore nahm vermutlich jeder mit auf den Heimweg.

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  • Fluss im Überfluss

    Fluss im Überfluss

    Seit Tagen regnete es, endlos. Der große Fluss bedankte sich und spielte mit den Fluten, die ihm von anderen Flüssen, von kleinen und großen Bächen zugeführt wurden. Der Fluss fühlte sich in seinem Element. Er berauschte sich an sich selbst. Man sah ihm an, dass er zum Strom werden wollte. Die Flusskreuzfahrt schickte sich an, Stromkreuzfahrt zu werden.

    Die Mitreisenden nahmen es gelassen hin – zunächst. Regen-Wald hatten sie nicht gebucht. Kein Grund, in Panik zu geraten. So viel Wasser hat ein Fluss nicht alle Tage, auch nicht, wenn der Fluss zum Strom wird. Man ergötzte sich am nassen Schauspiel. Der Fluss seufzte. Er tat sich schwer, die anschwellenden Wassermassen zu bändigen. Er floss über. Fluss im Überfluss. Noch bestand kein Anlass zur Sorge. Vorsorglich wurden die Reisenden aufgefordert, sich mit den Rettungswesten vertraut zu machen. Ich kann schwimmen. Als ich tauchen lernen sollte, tauchten Probleme auf. Ich bin keine wirkliche Wasserratte. Jeder könne es lernen, ermutigte mich der Bademeister. Ich müsse nur wollen. Ich wollte, aber es reichte nicht. Ob mir das zum Verhängnis würde?

    Dann die Nachricht, die Garage melde Land unter. Nicht meine Autogarage daheim. Mit dem Auto war ich zum Schiffsanleger gefahren und hatte es der großen Garage anvertraut. Mein Beschützerinstinkt sagte mir, dass es gut aufgehoben war. Garagen sind unverfügbare Zonen – vor Wasser gesichert, gegen Wasser versichert. Dass sich Ströme fließenden Wassers der Garage bemächtigen konnten – undenkbar. Realitätsverweigerung, wie sich herausstellte. Die Garage musste geräumt werden. Sie war zum Garagensee geworden. Um die Seetüchtigkeit der Karossen nicht über Gebühr zu testen, mussten sie ins Freie bugsiert werden. Die Wagenschlüssel hatten die Besitzer vor Ort deponiert.

    Wo war mein Schlüssel? Im Safe auf der Kabine. Vorschrift. Dort war er sicher. Wertgegenstand, sagt die Versicherung. Ich musste mich nicht entmutigen lassen. Mein Auto könne nicht aus der Garage geholt werden, hieß es jetzt. Ohne Schlüssel müsse es dort bleiben. Ich müsse den Schlüssel bringen, sonst könne es zu Komplikationen kommen. Mein Auto werde führerlos durch die Garage schwimmen. Platz habe es reichlich, weil es den Garagensee für sich allein nutzen könne. Es war nicht das größte Übel auf Erden, aber ein Übel.

    Wie konnte ich meines Autos habhaft werden? Hinschwimmen? Meine Schwimm- und Tauchkünste sind begrenzt. Gute Schwimmer kennen beide Ufer eines Flusses, aber muss man ein schwimmendes Auto besteigen können? Wie ich ein in den Fluten treibendes Auto fahrbereit machen konnte, überforderte mein Denkvermögen. Die Thematik war in der Fahrschule nicht behandelt worden. Wenn doch, war es zu lange her, als dass ich mich erinnerte. War ich verurteilt zu ambitionslosem Nichtstun? Musste ich warten, bis sich der See dahin zurückzog, von wo er kam? Das Gedanken-Karussell drehte sich.

    Auf Nikolaus, den Schutzpatron der Seefahrer, setzte ich meine Zuversicht. Schlimmstes würde nicht eintreten. Glauben versetzt Berge. Ob das auch galt für Autogaragen? Ich glaubte, dass mein Auto ohne Schlüssel den Weg ins Freie finden würde. Ich wusste nicht wie, aber ich glaubte. Zwischen glauben und nicht glauben lagen Wasser-Wüsten. Wer Schweres bewältigen will, sagt Berthold Brecht, muss es leicht angehen. Mein Auto habe ich wiedergefunden. Über seine weitere Verwendung habe ich noch nicht entschieden.

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  • Donau heiße ich

    Donau heiße ich

    Dunărea, Dunav, Duna, Donau nennt man mich. Deutsch und rumänisch, bulgarisch und serbisch, kroatisch ungarisch bin ich. Reizend und lieblich, manchmal eine wilde Schöne. Weiblich bin ich, eine Frau. Dass ein Mann, ein Flussgott, an meiner Wiege stand, erschreckt mich nicht. Ehe er kam, war ich da. An meiner Quelle saß kein Knabe.

    Zwei jungfräulich weibliche Wesen fördern mich zu Tage. „Brigach und Breg bringen die Donau zu Weg“. „Hier entspringt der Hauptquellfluss der Donau“, behaupten einige. Sie zwängen mich in ein Steinbecken und wollen über mich verfügen. „Hier entspringt die Donau“, sagen andere und meinen die Rinnsale auf der Wiese.

    Woher ich komme, wohin ich gehe? Ich antworte nicht und hüte mein Geheimnis. Von mehreren Eltern stamme ich ab. Ich öffne mich, werde Bach, Fluss, Strom. Ich kreuze auf, ändere meinen Lauf und meine Meinung. Ich lasse mir Zeit. Nirgendwo halte ich mich lange auf.

    Wer will, kann sich meinem Lauf anschließen. Ich nehme jeden auf, der mit mir auf die Reise gehen will. Iller und Lech, Isar und Inn fließen rechts zu mir hin. Als sie Ansprüche stellen, mir meinen Namen streitig machen wollten, zeigte ich ihnen die nasse Schulter. Ich bin die Donau, habe ich gesagt. Eure Wasser sind meine Wasser.

    Dann pirschen sich Gewässer von der anderen Seite heran. Altmühl, Naab und Regen kommen mir von links entgegen. Mein Bett teile ich mit ihnen; denn ich lege Wert auf gute Gemeinschaft. Zum mächtigen Strom wachsen wir an, fließen vereint zum weit entfernten Ziel. Dort wird nicht Ende sein, sondern Neubeginn im großen Meer.

    Die blaue Farbe des Himmels spiegelt sich in mir. Sie lässt mich zur schönen blauen Donau werden, zum Donauwalzer. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bin ich. Silbernes Band. Segen spendender. Völker verbindender Strom. Ich trenne und verbinde Völker und Staaten.

    Mal fließe ich breit dahin, durchquere Landschaften und Ebenen. Mal bin ich Gebirgs- oder Tieflandfluss. Mal unterspüle und umspüle ich Bäume und Inseln, überschwemme Wälder. Gefräßig und unvorhersehbar bin ich, unberechenbar. Menschen nehmen meine Launen gelassen. Sie bauen Hütten und Häuser an meinen Ufern. Ich bin mit ihnen auf dem Weg, mit Lebenden und Toten.

    Legenden ranken sich um mich. Märchen, Sagen und Kulturen, Lebensentwürfe und Religionen treffen sich an meinem Weg. Sie fordern auf zu Toleranz und Verständnis. Brücke bin ich, Vermittlerin und Versöhnerin zwischen Ost und West. Völker verbinde ich, die sich kennen und doch einander fremd sind.

    Ich fühle mich geschmeichelt, wenn Schiffe sich von mir tragen lassen. Gäste sind sie auf meinem Rücken. Ich flüstere ihnen zu: Über-lasst euch der Strömung, die euch fort trägt und irgendwo ans Ufer führt. Lasst euch treiben von meinen Wellen. Nehmt euch Zeit auf dem Weg zum Ziel. Entdeckt euren langen Atem. Flieht nicht davon. Nur eine gemächliche Reise ist eine Reise.

    Keine Reise ist ohne Klippen. Nur dann erreicht ihr das Ziel, wenn ihr die Klippen kennt und sie bezwingt. Nikolaus, der Schutz-patron der Seefahrer, wird euch behüten, wenn ihr euch ihm anvertraut. Er lässt euch sicher wieder heimkehren.

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  • Unser Jupp

    Unser Jupp

    Kolumne von Peter Josef Dickers

    Ich habe es befürchtet. Sie haben dich aus unseren Archiven geholt – einfach so. Ohne uns zu fragen, ob Borussia dich noch einmal brauchen kann. Jetzt willst du wieder die Lederhose anziehen. Die kann dir unmöglich noch passen nach all den Jahren, in denen sie in weiß-blauen Schränken eingemottet war. Jupp muss Bayern retten, nicht der Horst. Kann ich verstehen nach dem Wahl-Debakel. Aber bist du nicht überfordert, wenn du aus einer drohenden Minderheit wieder eine Mehrheit machen sollst?

    Dass die Bayern sich auf Vorrechte berufen, weiß ich. Als Bayern 1870 ein Teil des neuen Deutschen Reichs wurde, behielt es eine eigene Armee, eine eigene Post und eine eigene Eisenbahn.  Jetzt wollen sie, immer noch von sich selbst beeindruckt, dich, unseren Jupp, vereinnahmen, statt sich in Bußfertigkeit zu üben und die eigene Unzulänglichkeit einzugestehen. Offenbar sind sie nicht verzweifelt genug, um einzusehen, was sie selbst falsch gemacht haben. Schändlich nenne ich das.

    Sei auf der Hut, Jupp. Nimm keine Verpflichtung an, die du nicht zurücknehmen kannst. Du weißt nicht, was du bekommen wirst, sondern nur das, was du willst, aber vielleicht nicht erreichen wirst. Ehe du deinen gesicherten Platz in hiesigen Andenken-Läden aufgibst und eintauschst gegen glitschige ober- und niederbayerische Alm- und Wiesen-Äcker, bedenke, was du dir und uns antust. Soll aus „unser Jupp“  wirklich „unser Sepp“ werden? Willst du dich dort womöglich als „unser Depp“ in Jahresfrist wieder zurücksehnen in unsere Andenkenläden und Vitrinen?

    Unser Jupp, du hast dich um dich und uns verdient gemacht. Neue Karrierestiegen musst du nicht erklimmen. Verdient hast du auch genug. Auf ein paar lumpige Bayern-Taler kannst du nicht angewiesen sein.

    Wenn du wirklich gehen solltest, nimm unsere Vitrinen-Schlüssel mit. Es kann sein, dass du bei Nacht und Nebel wieder auftauchst und niemand dich hereinlässt. Oder weck mich. Wir werden das dann regeln.

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  • Ich will brennen

    Ich will brennen

    Ich liege im Karton. Es ist eng hier; die Luft ist schlecht. Über einander, neben einander, wild durch einander liegen wir.  Ein ganzes Jahr lang warte ich darauf, dass mich jemand herausholt und mich anzündet. Warten soll ich, bis ich an der Reihe bin, hat man gesagt. Warum muss ich warten? Wenn es dunkel wird, braucht man Licht. Oder soll es dunkel bleiben? Ich habe das Warten satt. Vom langen Warten und Liegen werde ich krumm. Niemand mag eine krumme Kerze. Krumme Kerzen werfen krumme Schatten. Behaglich einrichten kann ich mich hier nicht; es ist viel zu eng. Sehen kann ich auch nichts. Stockdunkel ist es.

    Brennen möchte ich. Wer zündet mich an? Wer es hell haben will, braucht Licht. Mein Licht kann nicht die ganze Welt hell machen; das weiß ich. Aber für das, was jemand sehen muss, reicht es aus. Und je dunkler es ist, desto heller scheine ich. Wer sich an mein Licht gewöhnt hat, wird staunen, was er alles sehen kann. Er wird erkennen, wie viele Lichtblicke es in seinem Leben gibt – viel mehr, als er vermutet hat.

    Beklagt euch nicht, wenn es dunkel wird. Zündet ein Licht an. Dann ist es mit der Dunkelheit vorbei. Aber beeilt euch. Mein Licht brennt nur für kurze Zeit. Mir geht es so wie euch: Es gibt mich nicht für immer. Wenn mein Licht zu flackern beginnt, dann erlischt es bald.

    Auch ihr seid froh, wenn Ihr jemandem Licht in sein Leben bringt. Euer Licht hinterlässt Spuren. Aber wartet nicht, bis ihr nicht mehr leuchten könnt; dann könnt ihr anderen nicht von eurem Licht weitergeben.

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  • Vorsätze

    Vorsätze

    ich nehme mir nicht vor, mein Leben zu ändern
    dann wäre bisher vieles falsch gewesen

    ich nehme mir nicht für jeden Tag eine gute Tat vor
    das schaffe ich nicht

    ich nehme mir nicht vor, immer die Ruhe zu bewahren
    oft war das die Ruhe vor dem Sturm

    ich nehme mir nicht vor, nur nach Gesundheit zu streben
    sie ist nicht mein einziges Gut

    ich nehme mir nicht vor, mir alles Mögliche vorzunehmen
    dazu reicht nicht die Zeit

    ich nehme mir vor, gelegentlich gegen den Trend zu leben

    ich nehme mir vor, hin und wieder nichts zu tun und nur zu träumen

    ich nehme mir vor, Neues auf mich zukommen zu lassen

    ich nehme mir vor, Altes nicht zu vergessen

    ich nehme mir vor, dankbar zurück zu schauen

    ich nehme mir vor, anzunehmen, was kommt

    ich nehme es mir vor

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  • verwählt

    verwählt

    zwei Kreuze gemacht
    alles bedacht
    richtig gemacht

    Kreuze gemacht
    an Deutschland gedacht
    richtig gedacht

    der Kandidat
    hat nicht gewonnen
    Kreuze zerronnen

    Kreuze gemacht
    richtig gemacht
    aber zerronnen

    richtig gedacht
    richtig gemacht
    an Deutschland gedacht

    Deutschland hat anders gedacht

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  • Glasscherben

    Glasscherben

    Strahlende Pixel-Landschaft aus farbigen Glasquadraten überflutet mich. Sie blendet mich. Schade um das einhundertdreizehn Quadratmeter große funkelnde Glasfenster. Meine Meinung haben sie ignoriert. Dringend habe ich abgeraten, Glasscherben zu verewigen. Personen hätte man im neuen Fenster zum Leuchten bringen sollen. Heilige. Die hätten den Dom erstrahlen lassen. Ich habe Namen genannt. Meinen Namen nicht.

    Ein Dom ist kein Museum. Der Verherrlichung Gottes dient er. Wer ruft dazu auf? Ich. Es werde Licht, soll einer gerufen haben, als die hundert Quadratmeter Glas eingeweiht wurden. Eine Symphonie des Lichtes sei es. Der Dom sei Kathedrale des Lichtes. Blendwerk, antworte ich. Kathedrale war der Dom immer. Immer stand er im Licht. Hundert Quadratmeter Ratlosigkeit haben sie hinzugefügt.

    Die vibrierende Farbdichte zwinge keine Deutung auf, soll man gesagt haben. Richtig. Ein Glasscherben-Torso muss man nicht deuten. Vollendete Utopie. Abstrakt, nicht sakral. Wie Brauhaus-Fenster. Entartet. Gottlos. Ich bin nicht hingegangen. Ich wollte keine Glasquadrate segnen.

    Aber fragen werde ich. Wer darf Kirchen ausstatten? Glasscherbenspieler? Gottlose?  Ein Atheist soll eine bekannte Wallfahrtskapelle gebaut haben.  Gottesleugner sollten keine Kirchen bauen. Wer kann darin beten?

    Hundert Quadratmeter Glasscherben werde ich ignorieren. Ich will beten können. Schließlich bin ich der Kardinal.

     

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  • Der Leichenschmaus

    Der Leichenschmaus

    Beate hat die Bank entdeckt. Beate hat Realitätssinn. Wenn wir uns vor dem Fußball-Klassiker noch stärken wollen, dann hier, erklärt sie. Was Beate sagt, ist so. Marlene stimmt zu. Hendrik findet es cool. Papa holt die Marschverpflegung aus dem Auto.

    Nudelauflauf in Tomatensauce, Lasagne bolognese, Pizza Margherita, Geschnetzeltes aus der Gemüsepfanne – es ist vorgesorgt. Invitare a mangiare – Beate lädt zum Essen ein. Benvenuto. Herzlich willkommen. Dass die edlen Gerichte in Plastikschalen serviert werden, findet sie praktisch. Wir müssen nicht spülen. Dass die Speisegaststätte aus einer Sitzbank besteht, hält Beate für unproblematisch. Dass Bänke kein typisches Möbelstück für ein Essvergnügen sind, schmälert die Gaumenfreuden nicht. Beate ist nicht wählerisch. Sitzbank, Parkbank, Küchenbank, Esszimmerbank – Essen hält Leib und Seele zusammen, auch auf einer Bank. Die Bank kommt gelegen. Sie steht auf dem Friedhof, unweit vom Stadion. Prima, sagt Beate. In fünf Minuten sind wir im Stadion. Mahlzeit! Si metta a suo agio. Macht es euch bequem. Catering auf der Friedhofsbank. Zwischen Kränzen und Kreuzen, neben Grabsteinen und Grablaternen Leichenschmaus beim Italiener.

    Ungewohnt, sagt Papa. Kontaktpflege mit Verstorbenen, erklärt Beate. Wir leisten ihnen Gesellschaft. Sinti und Roma treffen sich an den Gräbern der Verwandten, besuchen die Ahnen, trinken einen Schnaps, essen ein Schnitzel. Familientreff auf dem Friedhof, sagt Beate. Lebende und Tote tauschen Nachrichten aus. Keine tröstliche Friedhofsruhe, betont Beate. Die Gräber der Lieben sind zubetoniert. Mobiltelefone und andere Gegenstände, die mit ins Grab gelegt wurden, sollen nicht gestohlen werden. Schande über die Grabräuber, ärgert sich Beate. Il menu, per favore.

    Die  Speisekarte, Marlene. Come antipasti prendo. Was gibt es als Vorspeise? Beate ist für Nudelauflauf. Lies mal, was auf dem Grabstein steht, fordert sie Hendrik auf und rollt die Nudeln um die Gabel. Hendrik entfernt die Schlingpflanzen, die den Stein überwuchern. „Wir werden dich nie vergessen, Oma“, buchstabiert er. An Omas Grab ist lange niemand gewesen. Das hat Oma nicht verdient, ärgert sich Beate und lobt die Nudelsauce. Eccellente.

    Der Wind weht Fanfarenklänge zur Friedhofsbank hinüber. Die Fangemeinde drängt zum Stadion. Es ist Zeit, die Fan-Klamotten überzuziehen. Bald betreten die Mannschaften das Spielfeld, mahnt Papa. Beate drängt zum Hauptgericht. Cosa ci consiglia. Was ist zu empfehlen? Papa und  Hendrik wählen Pizza, Mama ist für Geschnetzeltes, Marlene steht auf Lasagne. Bene, grazie. Danke. Die Nachspeise essen wir im Stadion, entscheidet Beate. Salute! Prost! Gut, dass wir nicht spülen müssen. Beate will dabei sein, wenn das erste Tor fällt.

    Die Bank wird wieder zur Friedhofsbank. Kränze und Kreuze, Grabsteine und Grablaternen sind unter sich. A presto. Bis bald. Beate, komm bald wieder, raunt es von irgendwo her. Das Catering auf der Friedhofsbank lässt sich wiederholen.

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  • Die Mainau und Bettina Gräfin Bernadotte – Eine deutsch-schwedische Geschichte

    Bettina Gräfin Bernadotte kommt nach Mönchengladbach. Unsere Stadt hat ihr die „Goldene Blume“ zugedacht. Die Gräfin weiß dies zu schätzen. Auf dem Schloss der Insel Mainau im Bodensee mit ihren Geschwistern aufgewachsen, entdeckte sie nicht nur ihre Leidenschaft für Kunst und Fremdsprachen. Den Kontakt mit Menschen liebt sie – bis heute ihr besonderes Anliegen. Sie lebt nicht zurückgezogen in ihrer Komfort-Zone am Bodensee, sondern möchte, wie sie einmal erzählte, mit unterschiedlichen Menschen zusammenkommen und mit ihnen gemeinsam tätig sein.

    Sie erwarb früh ein Diplom für Tourismus-Betriebswirtschaft und absolvierte ein Praktikum im Europa-Park Rust. Das förderte ihr Interesse, die Blumeninsel Mainau mitzugestalten, zunächst als Assistentin ihrer Mutter Sonja Gräfin Bernadotte. Im Jahre 2007 übernahm sie die Geschäftsführung.

    Seit 1974 besteht die Lennart-Bernadotte-Stiftung mit Sitz auf der Mainau. Deren Motto: Gärtnern um des Menschen und um der Natur willen. Das Wirken in und mit der Natur war noch nicht im Bewusstsein der Menschen verankert, da wurde auf der Mainau bereits die Verbindung von botanischem Garten, historischem Schlosspark und internationalen Begegnungen erprobt.

    Die „Goldene Blume“ wird die Gräfin mit auf die Mainau nehmen zum Ansporn dafür, weiterhin Heranwachsende und Familien für das Blumen-Paradies zu interessieren. Das praktiziert die Gräfin wie ihre Vorfahren auch in ihrer eigenen Familie: Für jedes Kind wird ein Baum gepflanzt. Bei Bettina Bernadotte war es eine Magnolie, ebenso 2007 bei ihrer Tochter. Die heranwachsende Generation wird auf diese Weise Natur-nah eingebunden.

    Die Mainau soll nicht zum ausschließlichen Senioren-Reiseziel verkommen. „Lust auf Natur“, wie Bernadotte es formuliert, soll auch bei jungen Menschen geweckt und gefördert werden. Das Schmetterlingshaus schätzt die Gräfin in diesem Zusammenhang ganz besonders. Mit sichtlicher Genugtuung berichtete sie in einem Interview von Familien und Kindern, welche die Insel besuchen und ihre positiven Erfahrungen von dort mit nach Hause nehmen. So steht sie im wahrsten Sinn mit der Zukunft im Bunde und gehört zu denen, die unser Denken in Sachen Natur in positive Bahnen lenken.

    Goldene Blumen sind auf der Mainau nicht zu bewundern. Die Gräfin will auch nicht Blumenkönigin sein. Aber es ist ja vorstellbar, dass irgendwann wieder eine Bernadotte mit einer Goldenen Blume geehrt wird. Es gibt bereits die von einer französischen Gärtnerei gezüchtete Edelrose “Gräfin Bettina Bernadotte”. Man kann deren große, rosafarbene Blüten, die intensiv duften, auf der Mainau, einer Oase des Friedens, bewundern.

    Gräfin Bernadotte lebt mit ihrem Mann, der aus einer Winzerfamilie in Lindau stammt, und ihren Kindern in Konstanz. Ihr ist aber nicht nur die Welt am und im Bodensee vertraut. Sie besitzt auch die schwedische Staatsbürgerschaft. Die Mainau befindet sich aus geschichtlichen Gründen im Besitz der aus Schweden stammenden Adelsfamilie Bernadotte. Wer die Insel besucht, kann in der Schwedenschänke einkehren oder sich in der Vorweihnachtszeit das Schweden-Menü munden lassen.

    Bewunderungswürdig ist ihr Sprachen-Repertoire: Deutsch, Schwedisch, Englisch, Französisch und Spanisch beherrscht sie. Vielleicht kommen bald  Mönchengladbacher Laute hinzu. Dass der Dalai Lama in Mönchengladbach zu Gast war, wird sie interessieren. Sie bezeichnet ihn als ihr persönliches Vorbild und schätzt sein „Buch der Menschlichkeit“. In ihren gräflichen Lieblings-Song der Beatles „All My Loving“ würde sie ihn sofort einbeziehen, auch in der Hoffnung, dass er ihr kleines „Laster“ Schokolade mit Nachsicht behandelt.

    Gräfin Bettina Bernadotte ist eine würdige Preisträgerin. Mönchengladbach heißt sie herzlich willkommen.

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