Autor: Peter Josef Dickers

  • Aphorismen über einen Jäger, der zum Gejagten wurde

    Aphorismen über einen Jäger, der zum Gejagten wurde

    wohin sich wenden?
    wie wird das enden?
    der Gejagte eilt durch die Republik
    viel Zeit hat er nicht, vielleicht auch kein Glück 

    er wollte sie nicht
    er mochte sie nicht
    die Groko am Ende
    er wollte die Wende 

    er setzte auf Einsicht
    bei andern natürlich
    die Einsicht blieb spärlich
    es wurde gefährlich 

    jetzt nur noch ein Bangen und Hoffen
    der Ausgang ist offen
    der Gejagte eilt durch die Republik
    Courage gefragt, nicht etwas Glück

    Peter Josef Dickers

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  • Melchior nennen sie mich

    Melchior nennen sie mich

    Woher ich komme, fragen sie. Ob ich Sterndeuter oder König bin. Warum ich mich auf den Weg machte. Welche Geschenke ich mitgebracht habe. Wie lange ich bleiben will. Mein Kamel, das mich her brachte, wartet vor der Hütte und möchte die Heimreise antreten. Aber ich will noch bleiben. Ich darf mich nicht davon machen. Je länger ich hier bin, desto mehr spüre ich, dass mich etwas hier hält.

    Melchior nennen sie mich. Ich fühlte mich wohl daheim, und ich war zufrieden. Eine große Familie sind wir, ehrbare Leute. Meine Mutter konnte es nicht verstehen, als ich ihr sagte, ich müsse aufbrechen. „Wo willst du hin?“ Ich konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen. „Bist du nicht mehr zufrieden mit unserem Leben? Hier hast du festen Boden unter den Füßen. Was willst du in der Fremde?“ Ihre Augen verrieten Enttäuschung. Bleibe im Land und nähre dich redlich, stand in ihnen geschrieben.

    Dem wollte ich nicht widersprechen. Unser Leben verlief in geordneten Bahnen. Unsere Welt war überschaubar. Warum sollte ich sie verlassen? Dennoch konnte ich mir mein Leben anders und woanders vorstellen. Wer sich nicht ändert, hat nicht gelebt – ein weiser Mensch hat das gesagt und hinzugefügt, das Leben bestehe aus Abschied und Aufbruch. „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“, warnten mich meine Brüder. „Gott wird bei mir sein“, entgegnete ich; „neue Erfahrungen will ich machen und sehen, wie ich damit fertig werde.“ Kein Weg war mir zu weit dazu.

    Meiner Mutter sagte ich nichts davon. Ich liebe sie, und ich wollte sie nicht verletzen. Aber ich musste sie los lassen. Auch sie will, dass sich einiges in meinem Leben ändert. Aber gleichzeitig soll möglichst viel so bleiben, wie es ist. „Warte auf bessere Zeiten“, schlug mein Vater vor. „Bist dahin kannst du noch träumen und Pläne schmieden.“ „Vater“, entgegnete ich, „besser als bisher muss es nicht werden. Jetzt ist es an der Zeit, mich auf den Weg zu machen. Wenn ich nur Pläne schmiede und träume, dann verschlafe ich sie. Wer heute etwas vorhat, soll nicht bis morgen warten, wird gesagt.“ „Dann wage dein Leben“, forderte er mich auf. „Mach dich auf den Weg.“ Er sagte es und segnete mich.

    Unterwegs traf ich Gefährten. Ich blieb nicht allein. Man muss aufbrechen, um zu erfahren, wer mit einem geht. Auch dass hat ein weiser Mensch gesagt. Ich hatte keine Wegweiser, aber ich fand Freunde. Zu dritt machten wir uns auf den Weg. Ich wusste jedoch, dass ich etwas von mir selbst fordern musste, ehe ich mich auf meine Freunde verlassen durfte. Dass wir unterwegs waren zu einem Kind und dass dieses Kind unser Leben verändern würde, merkten wir erst, als wir am Ziel waren.

    „Wo ist deine Krone“, fragen mich jene, die mich einen König nennen. Meine Krone sind die Menschen, die mir begegnet sind und mir Mut gemacht haben. Meine Krone gehört dem Kind, das mein Leben verändert hat. Meinem Vater, meiner Mutter gebührt eine Krone. Ohne sie hätte ich nicht aufbrechen können. Ohne sie wäre ich nicht hier.

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  • Das Gastgeschenk

    Das Gastgeschenk

    Ein Kamel sei ich, behaupten die Leute. Dabei heiße ich mit richtigem Namen Dromedar. Ich ärgere mich, wenn man mich mit meinen Verwandten, den Trampeltieren, verwechselt. Die haben zwei Höcker. Ich begnüge mich mit einem. Mein Herr hat nie einen zweiten Höcker vermisst, wenn ich mit ihm durch den Wüstensand galoppiere. Die schweren Lasten, die ich oft transportieren muss, verteilt mein Herr so gut auf meinem Rücken, dass sie nicht herunterfallen können.

    Die Reise, die wir bald antreten wollen, kommt überraschend für uns. Es soll ein Ereignis geben, das nicht alle Tage vorkommt. Ein neuer König ist geboren worden. Mein Herr will ihm seine Ehrerbietung erweisen und ihm persönlich Glück und Segen wünschen. Allerdings weiß er nicht, wo genau er auf die Welt kam. Nichts davon steht in der Zeitung; auch in den Nachrichten wurde nichts mitgeteilt. Wir können niemanden anrufen, um uns zu erkundigen. Selbst im Internet ist nichts zu finden, was auf ein außergewöhnliches Geschehen hindeutet. Es scheint so, als soll die Nachricht geheim gehalten werden. Dennoch haben wir beschlossen, uns auf den Weg zu machen. Nähere Anweisungen erhalten wir noch. Das wurde uns zugesagt.

    Mein Herr ist allerdings skeptisch, da er nicht weiß, wie lange wir unterwegs sein werden. Ich jedoch traue mir die Reise zu, selbst wenn sie lange dauern sollte. Ich komme, wenn es sein muss, mehrere Wochen ohne Wasser aus. Auch macht es mir nichts aus, harte oder dornige Pflanzen fressen zu müssen, um satt zu werden. Schnell und ausdauernd bin ich. Achtzig Kilometer schaffe ich am Tag – allerdings nur, wenn mein Herr nicht neben mir herlaufen muss, weil ich bis zum Höckerrand voll beladen bin.

    Das Gastgeschenk, das mein Herr für den jungen König mitnehmen will, ist zum Glück nicht sperrig. Er macht gute Geschäfte mit dem Harz, das von den Beeren eines großen Strauchs gewonnen wird. Es soll desinfizierend wirken und Schleim lösen. Das Zahnfleisch soll es stärken und Parodontose verhindern. Weinfässer sollen damit ausgeräuchert werden, um den Wein haltbar zu machen. Ich brauche so etwas nicht. Mein Herr weiß jedoch, wie begehrt es bei vielen Menschen ist. Frauen sollen die Myrrhe, so nennen sie das Harz, gegen unreine Haut benutzen. Sie beräuchern sich damit, wenn sie erkältet sind. Was der erst wenige Tage alte König mit dem Harz anfangen soll, weiß ich nicht. Wenn ich auch nichts sagen darf – merkwürdig finde ich es dennoch, das einem jungen König zu schenken.

    Wenn ich mich am Abend vor unserer Abreise im Sand schlafen lege, werde ich etwas Wüstensand zusammenscharren und ihn in einer Kokosschale verstecken. Den will ich dem Kind mitnehmen. „Aus einer Gegend mit diesem Sand komme ich“, werde ich ihm sagen. „In dem Sand lebe ich. Mehr brauche ich nicht zum Leben.“ Das Kind soll wissen, wie wenig ich benötige, um glücklich zu sein.

    Meinem Herrn sage ich nichts davon. Er will dem neuen König Myrrhe-Balsam schenken. Das sei ein alter Brauch, meinte er. Herrlichen Wohlgeruch soll er verbreiten. Die Toten würden damit einbalsamiert, damit sie im Grab Wohlbefinden verspüren. Das hat er gesagt. Ich will mich dazu nicht weiter äußern. Ich bleibe bei einer Portion Sand. Ich brauche nur Sand, und ich hoffe, dass der junge König das versteht.

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  • Die Jagd nach dem Glück – Perspektiven für 2018

    Die Jagd nach dem Glück – Perspektiven für 2018

    „Don’t worry be happy.“ „Sorge dich nicht, sei glücklich“, sang Bobby Mc Ferrin und eroberte mit seinem Song Spitzenplätze in der Beliebtheits-Skala. Wie „glücklich“, wie happy will er sein? Eine Aussage in den sozialen Netzwerken antwortet: „Wir in den Niederlanden haben verstanden, alles locker zu nehmen“? Der grantelnde, melancholisch-humoristische Gemütszustand des Wiener Schmäh würde dem zustimmen. Auch heiklen Themen begegnet er mit Leichtigkeit und einem Augenzwinkern.

    In seinem Song bekundet Ferrin: „In jedem Leben ergeben sich Probleme. Wer sich Sorgen macht, verdoppelt sie. Also sei glücklich.“ Besteht der Zweck des Lebens also darin, sich keine Sorgen zu machen und alles „locker zu nehmen“? Manche werden sich auch im neuen Jahr auf die Jagd nach solchem Glück machen. Andere halten es bei ihrer Glückssuche vielleicht mit dem Niederländer Johannes Heesters: „Man müsste Klavier spielen können. Wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen.“

    Laut Duden ist Glück „etwas, das Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist: günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals.“ Das bedeutet: Bewusst nach dem Glück zu suchen, führt ins Leere. Glück ereignet sich. Glück stellt sich ein. Es begegnet einem oder nicht. Es bleibt Ausnahme-Situation. Manchmal liegt das Glück unverbraucht vor einem. Das Märchen vom Aschenputtel, das einen Prinz findet und sich in ihn verliebt, wiederholt sich nicht regelmäßig. Inseln der Glückseligkeit gibt es nicht wie Sand am Meer. Nachbarn haben ein Hufeisen über ihrer Haustür hängen. Bei der letztjährigen Silvester-Party erhielt jeder Gast ein Glücksschwein aus Marzipan. Ob beides hilft bzw. geholfen hat?

    Die glücklichsten Menschen sollen hierzulande im Norden leben. Die Herausgeber eines Glücksatlas wollen herausgefunden haben, der deutsche Zufriedenheits-Level befinde sich auf einem historisch hohen Niveau. Dass es auch die Früher-war-alles-besser-Klagenden gibt, denen das Leben nicht jenen Halt gibt, den sie erhofft haben und die daher hadern, erwähnen die Statistiken nicht. Sie erwähnen allerdings auch nicht, dass vermutlich niemand sein ganzes Leben hindurch unglücklich ist.

    Die amerikanische Verfassung sieht im Streben nach Glück ein allgemein gültiges Menschenrecht. Wie dieses Recht in die Tat umzusetzen ist, verrät sie nicht. Pech gehabt, murmelte ein Freund, als der Lottoschein null Richtige statt der erhofften sechs Treffer anzeigte. Kein Glückspilz. Die Sterne hatte er nicht nach seinen Glücksaussichten befragt. Wenn das Glück anklopft, sollte man zu Hause sein, empfiehlt ein Sprichwort. Er war offenbar nicht daheim.

    Dennoch zeigte er sich erleichtert. Er müsse nicht überlegen, was er mit einem Millionengewinn hätte anfangen können, gestand er. Vielleicht hätte der Gewinn Bedürfnisse geweckt, die  nicht zu befriedigen gewesen wären.

    In Johann Wolfgang von Goethes „Leiden des jungen Werther“ klagt Werther über seine ungestillte Sehnsucht zu Lotte, die mit Albert verlobt ist. Werther meint, nicht ohne Lotte leben zu können. Schließlich bringt er sich um. Goethe beschreibt das tragische Geschick eines Menschen, der ausbrechen möchte aus der Herausforderung des Lebens mit dessen unscheinbaren Glücksmomenten. Kaum etwas Wertvolles scheint es darin zu geben, nur das Warten und Hoffen auf eine erfüllte Zukunft, die es nicht gibt.

    Auch in unseren Tagen ist mehr von Sorgen, als von möglichen Glücksmomenten die Rede. Zumindest klingen die Sorgen-Töne zuweilen so laut, dass sie die vielen zwischenmenschlichen Glücks-Botschaften übertönen.

    „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Der Beter eines Psalms im biblischen Alten Testament hat das formuliert. Mehr brauchte er nicht. Welch ein Glück. Ob es in unseren Zeiten zu schaffen ist, sich 365 kommende Tage lang auf eine solche Glücks-Perspektive einzulassen?

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  • Freude macht mir mein Hund

    Freude macht mir mein Hund

    Ich bin ohne festen Wohnsitz, weil ich als Hirte immer bei der Herde bleibe und sie woanders hinführe, wenn die Tiere das Gras abgeweidet haben. Selbst nachts kann ich meine Tiere nicht allein lassen, weil ich sie vor Räubern oder Raubtieren schützen muss. Einen großen Stock habe ich, um mich wehren zu können. Oft reicht er nicht aus, und ich bin machtlos. Ein paar Schafe und Ziegen gehören mir.

    Neulich ist mir ein Esel zugelaufen; er lahmte und sah ziemlich verkommen aus. Sein Herr wollte ihn wahrscheinlich loswerden, weil er zu alt für ihn war. Das Tier tat mir leid, daher habe ich es aufgenommen. Jetzt läuft mir der Esel nach, als sei er immer bei mir gewesen.

    Nomaden nennt man uns, nicht Sesshafte – Leute, die immer auf Achse sind und auf die man sich angeblich nicht verlassen kann. Ein wenig korrupt sollen wir sein, da wir uns anders als andere Menschen verhalten. Keiner traut uns über den Weg. Keiner will wirklich etwas mit uns zu tun haben.

    Neulich war es anders. Mitten in der Nacht wurde ich wach, da ich meinte, Diebe wollten über meine Tiere herfallen. Ich glaubte zu träumen, weil ich eine Stimme hörte: „Ich verkünde Euch eine große Freude.“ So etwas hatte uns noch niemand gesagt. Worüber sollen wir uns freuen? Dass man auf Leute, die ohne festen Wohnsitz sind, mit dem Finger zeigt? Dass viele uns nicht in ihrer Nähe haben wollen und uns behandeln, als hätten wir eine ansteckende Krankheit? „Ich verkünde Euch große Freude.“ Dass ich nicht lache. Benachteiligt werden wir. An den Rand werden wir gedrückt. Der Einzige, der mir Freude macht, ist mein Hund. Er hilft mir, meine Tiere zusammenzuhalten. Er wittert Gefahren. Er leistet mir Gesellschaft. Er ist mein Freund.

    Aber ich hatte richtig gehört. Ich sollte mich freuen. Verstanden habe ich das anfangs nicht. Aber ich bin den anderen hinterher gelaufen. Sie hatten es auch gehört und waren losgegangen. An meine Tiere habe ich vor Aufregung nicht gedacht. Später fiel mir ein, dass sich mein Hund um sie kümmern werde. Einfach losgerannt bin ich. Alles habe ich stehen und liegen lassen, weil mir jemand eine Freude machen wollte. Sehr oft kommt das in meinem Leben nicht vor.

    Verstehen kann ich das bis heute nicht. Es konnte sein, dass ich wieder enttäuscht wurde wie so oft in der Vergangenheit. Aber vielleicht war es diesmal anders. Auf etwas freuen sollte ich mich. Nicht mein Hund war gemeint, sondern ich. Ich konnte mich nicht erinnern, wann das zuletzt der Fall gewesen war.

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  • Die lebende Krippe – zum 4. Advent-Sonntag

    Die lebende Krippe – zum 4. Advent-Sonntag

    Die  Tradition hatte sich bewährt. Weihnachtszeit war Krippenzeit. Nicht nur Lichterglanz-Folklore, in deren Glanz man sich sonnt. Nicht nur gefühlsselige Momente und Wochen kollektiver Ergriffenheit. Auf dem Marktplatz der Vorstadt-Gemeinde hatte die Krippe seit Jahren ihren angestammten Platz, inmitten von Marktständen und vorweihnachtlich hektischer Betriebsamkeit.

    Keine Krippe mit angestaubten Figuren, die das Jahr über ein Keller-Dasein fristeten, sondern eine lebende Krippe. Leibhaftige Personen, ehren- und weniger ehrenwerte Bürger der Stadt verwandelten sich in Maria und Josef, in Hirten und Sterndeuter. Ochs und Esel zogen vom Stadtrand auf den Marktplatz um. Ein Schäfer, hauptberuflich bei der städtischen Müllabfuhr beschäftigt, stellte einige Schafe zur Verfügung. Die wichtigste Person musste Jahr für Jahr neu bestimmt werden. Ein neugeborenes Kind konnte nur einmal als Kind in der Krippe liegen. Daher musste sich zur rechten Zeit männlicher Nachwuchs einstellen, der die verantwortungsvolle Rolle des Krippenkindes übernehmen konnte.

    Bisher hatte sich das als unproblematisch erwiesen. Aber in diesem Jahr schienen werdende Eltern bzw. gebärwillige Mütter nicht bedacht zu haben, dass eine Niederkunft kurz vor Weihnachten ins Krippen-Konzept der Stadt passen und den Krippenkind-Bedarf auf dem Marktplatz sichern musste. Woher ein Kind nehmen, wenn kein Kind geboren worden war? Es lag keines griffbereit im Schnäppchenregal. Pressevertreter entwarfen leserwirksame Schlagzeilen für den Fall des Falles, der nicht eintreten durfte. Wie konnte geschehen, was nicht zu geschehen hatte? Welche Fehlplanung war für ein mögliches Dilemma verantwortlich? Die Zeiten himmlischer Ruh waren vorbei.

    Eine Woche vor Heiligabend sickerte die Nachricht durch, ein junges Paar, das auf der Fluchtroute aus einem fernen Land in dieser Stadt gestrandet war, habe unterwegs die Geburt seines Sohnes erlebt. Zwei junge Menschen, auf dem Weg vom Heimatland nach Niemandsland, waren Eltern geworden, ohne zu wissen, wohin sie und ihr Kind gehörten und wo sie mit ihm ankommen würden.

    Auch den sich zuständig fühlenden städtischen Krippen-Planern kam die Nachricht, die sie für ein Gerücht hielten, zu Ohren. Sie konstatierten, dass der Neuankömmling ein Junge, aber kein amtlicher Bürger der Stadt war. An eine Krippe mit einem namenlosen, heimatlosen, nicht ortsansässigen Kind dachten höchstens realitätsferne Traumdeuter. Tradition blieb Tradition. Migranten, die in jenen Tagen in Wellen das Land überspülten, wollte man nicht abweisen; es musste eine Bleibe für sie gefunden werden. Aber ein Kind, dessen Zugehörigkeit und Identität erst noch zu klären war, kam als Krippenkind nicht in Betracht. Nach welcher Ausrede hätte man gesucht, wenn  Gäste aus Nachbar-Gemeinden erfuhren, dass ihnen ein Krippenkind untergeschoben wurde, das nicht in diese Stadt gehörte?

    Die Zeit drängte. Erste Besucher interessierten sich für das über die Stadt hinaus bekannte Ereignis. Eine lebende Krippe ohne Kind war  nicht zumutbar. Die Glaubwürdigkeit der Stadt, der Stadtväter und Stadtmütter stand auf dem Spiel. Was sich zur Bedrohung auszu-wachsen drohte, musste verhindert werden. Selbst wenn man alles falsch machte, was falsch zu machen war – ein neugeborenes Kind musste gefunden werden. Man war nicht nur der Wahrheit, sondern auch dem Ansehen der Stadt verpflichtet.

    Am Heiligen Abend, als die Glocken die Botschaft „Ein Kind ist uns geboren“ über den Dächern der Häuser verkündeten, strahlte ein Neugeborener in eine ihm fremde Welt, die ihn  nicht willkommen geheißen hatte, obwohl sie ihn erwartete. Alle, die sich verantwortlich fühlten; alle, die zwischen Abwehr und Fürsprache, zwischen Aufbruch und Verunsicherung geschwankt und mit Erschütterungen des eigenen Lebens zu tun hatten, waren stolz, gewohnte Planungs- und Gehwege verlassen zu haben. Für Flüchtiges und Flüchtende, für Geflüchtete und Angekommene, für Menschen ohne sichere Zukunft, die dennoch ein Recht auf Leben hatten, gab es Herberge in der Stadt, anders als damals in Bethlehem.

    Die Glocken trugen die Nachricht hinaus von der lebenden, am Leben orientierten Krippe. Ein unverhoffter göttlicher Lichtstrahl fiel in die von Menschen gestaltete  kleine Welt, in der sich bisher Unvereinbares miteinander versöhnt hatte.

    (Aus: Peter Josef Dickers, Du lieber Himmel – Nicht ganz alltägliche Geschichten)

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  • Krippengang

    Krippengang

    „Fahren wir wieder zu den Krippen?“ In der Weihnachtszeit mache ich Krippengänge, am liebsten zusammen mit Kindern. Auch einige Eltern der Kinder begleiten uns in der Regel. Meine Antwort auf die Frage ist eindeutig: „Ja“.

    Überall stehen Krippen in dieser Stadt. In Kirchen, auf Weihnachtsmärkten, im Bahnhof, in Schaufenstern, in Türeingängen. Romantisch oder abstrakt, liebevoll dekoriert oder in die Gegenwart versetzt.

    Eine Krippe im ehemaligen Hafenviertel der Stadt gefällt den Kindern besonders gut. Sie veranschaulicht, wie Menschen in diesem Bezirk einmal gelebt haben und was sie teilweise erlebt haben. Ein vor Jahren verstorbener Pfarrer der Kirchengemeinde gab die Initiative zu dieser ungewöhnlichen Krippe. Sie verkörpert das damalige „Milieu“ der Gemeinde in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Viele Not leidende Menschen lebten hier im Hafenviertel am Rhein. Ihre Not und manche leid-, aber auch liebevolle Erfahrung der Menschen  wurden in die Figuren der Krippe hinein projiziert.

    Die Kinder fragen nach der Frau in dem schwarzen Gewand – eine franziskanische Ordensfrau, die ein kleines Mädchen an der Hand hält. Die Franziskanerinnen betreuten damals sozial Schwache und unterhielten einen Kindergarten in diesem Stadtviertel. Uns wird bewusst, dass auch das Kind in der Krippe ein „Sozialfall“ war. „War Josef auch arbeitslos wie mein Vater?“ Die Frage eines Kindes aus der Gruppe ist sehr direkt. Der betroffene Vater steht dabei und schweigt.

    Je näher wir hinschauen, desto mehr sehen wir. Auch die Frau mit dem Matrosen fällt den Kindern auf. „War das seine Freundin?“ Die Frage beantwortete ich mit einem vorsichtigen „Ja“. Freundin für eine Stunde vielleicht. Die Familien- und Partnergeschichten von damals unterscheiden sich nicht viel von den heutigen.

    Die Krippenfiguren führen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Damals ist ein Teil von heute. Wie Weihnachten.

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  • Das Kinderfahrrad

    Das Kinderfahrrad

    Anja war stolz auf ihr Fahrrad. Opa hatte es ihr zum Geburtstag geschenkt. Mit dem neuen Kinderfahrrad konnte sie sogar bremsen, wenn sie an der roten Ampel anhalten musste. Vier Jahre war Anja alt. Sie konnte schon bis „zehn“ zählen. Opa konnte noch weiter zählen, obwohl auch er nur zehn Finger an seinen beiden Händen hatte. Das verstand sie nicht, aber Opa würde es ihr bestimmt erklären.

    Neben dem großen Haus mit dem hohen Turm wohnten sie. Das war die Kirche, in der Anja mit Opa manchmal eine Kerze anzündete. Jetzt fuhren sie von der Kirche aus bis zu dem Weg an der großen Straße. Auf ihm konnten sie ganz sicher fahren, weil man hier nur mit dem Fahrrad fahren durfte. Autos mussten auf der Straße bleiben.

    „Wo fahren wir hin?“ fragte Anja „Geradeaus“, rief Opa. Anja wusste nicht, wo das war. Aber bisher hatten sie immer den Weg zurück nach Hause gefunden. Außerdem konnten sie den hohen Turm neben der Kirche sehen; daneben wohnten sie.

    Ob Opa heute müde war? Bald waren sie wieder an der Kirche angekommen. Opa stellte das Fahrrad in den Ständer vor der Tür; Anja machte es genau so. „Warum sind wir wieder hier?“ fragte sie. Man merkte es ihrer Stimme an, dass sie enttäuscht war. „Wir wollen die Krippe besuchen“, erklärte Opa. Jetzt in der Weihnachtszeit hatten sie zu Hause auch eine Krippe unter dem Weihnachtsbaum stehen. Die Figuren in der Kirche waren jedoch viel größer, fast so groß wie Anja.

    Vor Freude klatschte sie in die Hände. Am liebsten hätte sie das Jesuskind, das in der Krippe lag, gestreichelt. Opa musste ihr die Geschichte erzählen, wie es Maria und Josef ergangen war, als sie in dem Ort ankamen, wo das Baby geboren wurde. Eine lange Reise hatten sie hinter sich. Meistens mussten sie zu Fuß gehen, weil es noch kein Auto und keinen Bus gab. Unfreundlich waren die Leute. Niemand bot ihnen ein Zimmer an. Eine Hütte fanden sie schließlich, die ähnlich aussah wie diese Krippe. „Wie lange sind sie da geblieben?“ wollte Anja wissen. „Das weiß ich nicht“, erwiderte Opa. „Sehr lange aber nicht, da sie den weiten Weg wieder zurückgehen mussten.“ „Zu Fuß?“ fragte Anja. Sie wusste, wie weit es vom Kindergarten bis nach Hause war. „Wahrscheinlich zu Fuß“, bestätigte Opa.  „Das Baby war natürlich auch dabei.“ Anja schwieg. Opa wunderte sich, dass sie keine ihrer vielen Fragen stellte wie sonst immer.

    Ein paar Tage später schellte es an der Haustür. Opa war da. Ziemlich aufgeregt war er. Anja schien sich heute nicht für Opa zu interessieren und wollte sich ins Kinderzimmer verdrücken. „Bleib du bitte hier und zeige mir dein Fahrrad.“ So hatte Opa noch nie mit ihr geredet. Das Fahrrad war nicht da. Gestern Nachmittag hatte sich Anja heimlich mit ihrem Fahrrad aus dem Haus geschlichen und war zur Kirche gefahren. Ohne, dass es jemand bemerkte, hatte sie das Rad an die Krippe gestellt und war schnell wieder nach Hause gelaufen.

    „Ist das dein Fahrrad, das an der Krippe in der Kirche steht?“ fragte Opa. Böse sah er  nicht aus. „Ich habe es der Maria gebracht, damit sie nicht zu Fuß nach Hause gehen muss.“

    Opa sagte nichts. Aber Anja glaubte bemerkt zu haben, dass er lächelte.

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  • Schön, dass ihr da seid – zum 3. Advent-Sonntag

    Schön, dass ihr da seid – zum 3. Advent-Sonntag

    Es kam die Zeit, dass sie kommen sollten, aber sie kamen nicht. Die Folkloregruppe mit Kindern aus Weißrussland sollte gegen 21 Uhr eintreffen. Der Bus sei unterwegs, wurde uns mitgeteilt. Auf dem großen Parkplatz erwarteten wir Jungen und Mädchen, die während der Adventszeit in Schulen und Kirchen unserer Stadt auftreten wollten. Zwei Wochen lang sollten sie unsere Gäste sein und bei einer Gastfamilie wohnen.

    Gegen 22 Uhr waren unsere Füße kalt geworden. Der Nieselregen trug nicht dazu bei, das Warten angenehm zu empfinden. „Wo bleiben die? Wir haben das Abendessen vorbereitet.“ Die Fragen wurden lauter. Hatte der Bus eine Panne? Stau auf der Autobahn? Die angewählte Handy-Nummer landete immer wieder in einem Funkloch. „Wie lange sollen wir noch warten?“ Unterschwelliges Missfallen über die Strapazen, die man den Kindern im Bus zumutete. Leises Murren über die eigene Bereitschaft, Stunden lang in der Kälte zu stehen.

    Gegen halb Elf eine Nachricht. Der Bus werde nicht vor Mitternacht eintreffen. Wir würden informiert. Und es kam die Zeit, dass man sich fragte, warum man jetzt noch warten sollte. Auf einen Bus warten, der in dieser Nacht nicht mehr kam? Je länger man wartete, desto mehr verpasste man woanders.

    Dennoch ging niemand weg. Vielleicht kamen sie doch eher als angenommen. Wir warteten nicht auf einen Bus, sondern auf Kinder in einem Bus. Wir kannten sie zwar nicht, aber sie hatten sich angekündigt, und wir erwarteten sie. Auch die Kinder wussten, dass sie erwartet wurden.

    Und es kam die Zeit, dass uns das Warten erträglich vorkam. Eine junge Mutter erzählte von der Behinderung ihrer mongoloiden Tochter. Oft hatte sie Kinder aufgenommen, die zu Besuch in unserer Stadt waren. Die Tochter schien jedes Mal wie verwandelt, wenn andere Kinder ins Haus kamen; sie wollte sie am liebsten nicht mehr gehen lassen. Der Sohn eines Ehepaares war an Strahlenkrebs gestorben. Da sich die von uns erwartete Gruppe zugunsten der Strahlenopfer von Tschernobyl engagierte, konnte dieses Paar in besonderer Weise nachempfinden, worum es hier ging.

    Die kalten Füße spürten wir nicht mehr. Jeder erzählte eine Geschichte, seine Geschichte. Die Jungen und Mädchen, die irgendwo im Bus auf der Autobahn hockten, ließen uns auf dem Parkplatz an der Schule zusammenrücken. Als ein Bus mit fremden Kennzeichen vorfuhr, waren wir überrascht, dass er schon da war. Niemand schaute auf die Uhr. Niemand beklagte die endlose Verspätung. „Schön, dass ihr da seid“, sagten die meisten.

    (Aus: Peter Josef Dickers, Ein bisschen Sehnsucht)

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  • Sterne lügen nicht

    Sterne lügen nicht

    Seit undenklichen Zeiten ziehe ich meine Bahn. Ich bin einer von vielen. Man weiß nicht, wie viel Sternlein ziehen, wird gesagt. Mich kennen nicht viele. Tagsüber ist es zu hell, um mich sehen zu können. Nachts bin ich zu klein, um mich gegen das Gefunkel am Himmel und gegen die Lichter auf der Erde behaupten zu können. Wer mich jedoch entdeckt, dem zeige ich den Weg, selbst in tiefster Nacht.

    In jener Nacht konnte man mich nicht übersehen. So hell hatte ich noch nie geschienen. Ansonsten übersieht man mich meistens. „Sterne lügen“, sagte mir einer. Von denen lasse er sich nicht den Weg zeigen. Er wisse selbst, wo es lang gehe. Er sei seines eigenen Glückes Schmied.

    „Wir suchen den Superstar“, sagen andere und quälen sich von einer Ausscheidungsrunde in die nächste. Ihr Stern erscheint nicht am Himmel, sondern vorne auf der Bühne. Grelles Scheinwerferlicht richtet sich auf den Kandidaten. Er soll im Rampenlicht stehen und leuchten. Dagegen komme ich nicht an.

    „Sterne?“ fragte mich jemand. Die seien als Taler vom Himmel gefallen, habe man ihm erzählt. „Wer nach den Sternen greift, wird bald auf der Nase liegen“, fügte er hinzu. Er verlasse sich lieber auf sich selbst.

    Ich hatte mich damit abgefunden, noch eine Ewigkeit unbeachtet meine Bahn zu ziehen. Dann aber entdeckte mich einer. Er hatte seinen Blick nach oben gerichtet. Aus alten Gewohnheiten wollte er aufbrechen; aus Verletzungen, die ihn lähmten und ihn nicht das Schöne im Leben erkennen ließen. Er nahm sich vor, nicht mehr allabendlich den Fernseher einzuschalten, um abschalten zu können. Er wollte nicht jeden Frust mit Alkohol oder Tabletten herunter spülen. Er suchte neue Perspektiven für sein Leben.

    Ich machte ihm keine falschen Versprechungen und ließ ihn nicht im Ungewissen, wie lang der Weg sein könne, den er gehen müsse. Aber er machte sich auf den Weg. Seitdem ziehe ich vor ihm her, weit über ihm und dennoch ihm nahe. Ich bin der Stern über seinem Leben und wünsche ihm, dass er ans Ziel kommt.

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  • Windlichter

    Windlichter

    Im Gedränge musste ich auf meine Windlichter achten, damit sie nicht zertreten wurden. Kein einziges hatte ich verkauft. Einpacken wollte ich, um nicht länger in der Kälte ausharren zu müssen.

    Dann stand die Frau vor mir. Gesehen hatte ich sie nicht. Alle fünf Lichter wollte sie haben. Sie drückte mir einen Geldschein in die Hand; fort war sie. Ich wollte ihr noch erklären, wie man die Lichter vor Wind und Regen schützt. Außerdem bekam sie noch Geld zurück. Ich sah sie nicht mehr. Einen Hauch von Mitleid spürte ich. Warum war sie verschwunden?

    Eine halbe Ewigkeit stand ich schon da. Fast hatte ich vergessen, dass ich Windlichter verkaufen wollte. Mir gefiel die Musik, obwohl ich die Lieder schon tausend Mal gehört hatte. Mir gefielen die Düfte, die um meine Nase wehten. Mir gefielen die Gesichter, die sich neugierig meinen Lichtern zuwandten. Ich genoss das. Schade, dass es so kalt war und ich nirgendwo meine kalten Füße wärmen konnte.

    Die Frau schien davon nichts zu bemerken. Warum war sie hier? Wofür brauchte sie Windlichter? Richtig interessiert zeigte sie sich nicht. Wo wollte sie die aufstellen? Überall funkelt und leuchtet und blinkt es in diesen Tagen. Lichterketten an Türen und Fenstern. An Dächern und Häuserfronten strahlen und glitzern sie in buntem Licht. Wir lassen Sie nicht im Dunkeln stehen, verspricht die grelle Reklame. Auch ausgefallene Wünsche werden erfüllt. Alles soll ins rechte Licht gerückt werden.

    Meine Windlichter können mit dem Gefunkel nicht konkurrieren. Hoffentlich war die Frau nicht enttäuscht, als sie die Lichter auspackte. Ich weiß nicht, wo sie die hingestellt hat. Ich weiß nicht, ob es dunkel genug ist, wenn sie leuchten. Aber das weiß ich: Meine Lichter machen es heller. Nicht taghell, aber hell. Mehr braucht man vielleicht nicht.

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  • Käme doch der Engel zurück – zum 2. Advent-Sonntag

    Käme doch der Engel zurück – zum 2. Advent-Sonntag

    Gestern war der Engel da. Ich habe mir nicht bewusst gemacht, was geschehen ist. Zu plötzlich kam alles für mich. Schwanger werden soll ich, ein Kind bekommen. Spontan habe ich Ja gesagt. Wahrscheinlich war ich zu überrascht, um mir Gedanken zu machen. Heute sehe ich klarer. Woher wusste der Engel das? Wer hatte ihn geschickt? Fragte er mich, ob ich das wirklich will?

    Ein Kind zu bekommen, ist nichts Ungewöhnliches. In meiner Situation aber doch. Ich bin jung, ohne abgeschlossene Ausbildung. Ich wohne noch bei meinen Eltern. Soll ich meine Freundin um Rat bitten? Sie hat Kinder und weiß, wovon sie spricht. Kürzlich hat sie an einem Workshop über Lebenskraft und Energie des Menschen, vor allem der Frau, teilgenommen. Sie weiß Bescheid. Das Mädchen Maria warf einen Blick in die Tageszeitung. „Gestresste Väter, gestresste Mütter“ prangte eine Überschrift in dicken Buchstaben auf der ersten Seite. „Ein Kind verändert Ihr Leben. Die Beziehung leidet. Die romantische Beziehung zu zweit können Sie vergessen.“

    Warum stand das nicht in der Zeitung, ehe der Engel kam? Maria wollte nicht weiterlesen, tat es aber doch. „Das Leben ist anstrengend genug. Was soll erst werden, wenn man sich in  unsicheren Zeiten zusätzlich um ein Kind kümmern muss? Wie soll eine Beziehung zum Kind entstehen, wenn man keine Zeit hat?“ Einen Augenblick lang verschlug es ihr die Sprache. Beruf und Familie, Beruf und Karriere – das zusammen geht nicht. Das stand da. Haushalt, Job und Kinder – das geht erst recht nicht. Burnout die Folge. Zu wenige Kindertagesplätze, zu wenig Ganztagsschulen. Von der Geburt bis zur Volljährigkeit Hunderttausend Euro Durchschnittskosten. Überforderte Mütter, gestresste Väter.

    Käme doch der Engel zurück, damit ich ihn noch einmal fragen kann, dachte Maria. Habe ich ihm gesagt, dass ich nicht den Vater kenne? Alleinerziehende werde ich sein. Zum Schein einen Mann heiraten, der die Vaterschaft für mein Kind übernimmt, will ich nicht. Dann bleibe ich lieber allein mit dem Kind.

    Aber welches Recht haben andere, über mein Leben zu bestimmen? Muss es so perfekt sein, wie behauptet wird? Warum soll ich in Panik geraten und schlaflose Nächte haben? Ich soll keine Angst haben, hat der Engel gesagt. Ja, habe ich ihm geantwortet.

    (aus: Peter Josef Dickers, Du lieber Himmel – Nicht ganz alltägliche Geschichten)

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  • Ein bisschen Glückseligkeit

    Ein bisschen Glückseligkeit

    Sonderzüge nach Nürnberg und Dresden. Glühwein und Reibekuchen. Original Erzgebirge und Frankfurter Würstchen. Frömmelnde Krippenfiguren. Weihnachtsmänner. Weihnachtsfrauen. Duftströme. Es riecht und klingelt. Glöckchen klingeln. Kassen klingeln. Lichter auf dem Markt, über dem Markt. Lichterglanz und Lichterketten. Geschiebe und Gedränge. Taschen und Tüten. Schnickschnack und Shoppingwelt. Weihnachten?

    Weihnachtsmarkt ist Leben, weckt Emotionen. Man geht nicht über den Markt, man lässt sich schieben. Keine verklärten Nächte mit Sternenhimmel. Zu „Weihnachten im Untergeschoss“ lädt ein Angebots-Allerlei ins Tiefparterre ein. Verlockende Idee? Wahrscheinlich nicht. Weihnachten geschieht oberirdisch, ebenerdig; zwischen Anderem, mit Anderen.

    Die junge Frau kommt sich verloren vor. Ein Bürotag liegt hinter ihr – Telefon und Faxgerät, Computer und Bildschirm. Jetzt der Abstecher über den Weihnachtsmarkt. Das soll sie auf andere Gedanken bringen. Eigentlich graut ihr vor Tannengrün und Lametta, vor Friede und Freude, vor Stille Nacht-Familienszenen, vor verordnetem Weihnachtsfrieden. Endlich die Last der Regeln abschütteln; keine Geschenke, keine Gans, kein Baum, keine Lieder.

    Wenn man sich sonst nichts zu sagen hat, dann auch nicht zu Weihnachten.

    Seit einem halben Jahr ist sie allein. Wem soll sie etwas sagen? Was sucht sie hier? Glückseligkeit? Sie weiß es nicht. „Mama, guck mal, der Stern“, ruft ein Kind. „Zwei Stück für drei Euro“, ruft jemand. Sie will nichts hören. Hört dennoch. „Drei Euro für zwei Windlichter.“ Braucht sie nicht. Nicht für den Garten, nicht für den Balkon. „Drei Euro.“ Hat sie nicht Nein gesagt? Sie sieht die Lichter. „Weihnachten braucht man Licht“, sagt der Verkäufer. Sie reagiert nicht. Dann doch.

    Sie wollte nichts kaufen. Jetzt muss sie die Windlichter durch das Gedränge bugsieren. Wo soll sie die hinstellen? Mal sehen. Ein bisschen Licht braucht man vielleicht. Lebensfreude, hat der Mann gesagt, als er ihr die Tüte mit den Lichtern in die Hand drückte. Lebensfreude? Im Büro hat sie davon nichts gespürt. Lebensfreude vom Weihnachtsmarkt. Fahler Dezemberhimmel, aber sie hat die Lichter. Einen Tannenbaum wird sie nicht aufstellen.

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  • Wundersame Verwandlung

    Wundersame Verwandlung

    Die Kinder in der Kindergartengruppe kannten mich, und ich kannte sie.
    Oft spielte ich mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten oder hörte ihnen zu. Am 6. Dezember sollte das Nikolausfest gefeiert werden. Die Erzieherinnen trafen alle möglichen Vorbereitungen mit den Kindern.
    Auch die Eltern sollten eingeladen werden. Nur die Rolle des Nikolaus stand noch zur Disposition. Die Erzieherinnen wollten sie nicht übernehmen. Die Eltern hielten sich unsicher zurück.
    Ob ich das nicht übernehmen könne, wurde ich gefragt. Ich spielte den Nikolaus.

    Es wurde ein fröhliches Fest. Wir sangen und erzählten. Wir hockten zusammen und warteten auf den Nikolaus. Aber der war längst da. Ich saß ja dabei.
    Ich erzählte Geschichten über den heiligen Nikolaus. Geschichten beschreiben. Aber sie beschreiben nicht so, wie etwas genau war. Sie berichten, wie Menschen Gegebenheiten oder Personen erlebten, wie diese auf sie wirkten und welchen Eindruck sie bei ihnen hinterlassen haben. Legenden sind daraus entstanden. Nikolaus war ein Mann, der andere Menschen beschenkte. Fast alle Geschichten haben damit zu tun. Nikolaus schenkte heimlich. Er prahlte nicht mit seinen Geschenken. Immer schenkte er etwas von sich. Er schenkte etwas, das ihm selbst wichtig war. Das spürten die Menschen. Daher verehrten sie ihn und machten ihn eines Tages zum Bischof.

    Während ich erzählte, zog ich das Bischofsgewand und die Bischofsmütze an. Die Kinder erlebten, wie der schenkende Nikolaus zum Bischof wurde. Wir erzählten, was wir jemandem schenken konnten.
    Ein Junge hatte sich kürzlich ein Bein gebrochen und lag im Krankenhaus. „Du Nikolaus, ich will ihm mein Kuscheltier schenken. Er ist dann nicht so allein.“ Unversehens war ich „Du Nikolaus“ geworden.
    „Trägst du immer dieses Gewand?“ Ich hatte es gerade erst im Beisein aller Kinder und Erwachsenen angezogen. Jetzt war ich ein Anderer. Jemand, der schenkt, schlüpft in eine andere Rolle. Er merkt es selbst nicht immer. Schenken verwandelt. Die Kinder spielten diese Verwandlung mit.

    „Ich möchte auch Nikolaus sein“ rief das Mädchen, das sein Kuscheltier abgeben wollte. Ich hatte vorgesorgt. Einige Eltern hatten Bischofsgewänder für kleine Nikoläuse genäht. Nach und nach verwandelten sich viele Kinder in jenen Bischof, der die Menschen beschenkte.
    Die Nikolausfeier wurde zu einem Fest der wundersamen Verwandlung. Vergessen war ein Nikolaus, der die Braven belohnt und den Bösen mit der Rute droht.
    Das Nikolaus-Fest ist ein Fest des Schenkens. Schenken verwandelt. Es verwandelt den, der schenkt, und den, der beschenkt wird. Man braucht keinen Zauberstab. Schenken und Verwandeln kann jeder, der Anfänger und der Fortgeschrittene. Das Nikolaus-Fest ist ein schönes Fest.

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  • In Erwartung – zum 1. Advent-Sonntag

    In Erwartung – zum 1. Advent-Sonntag

    Irgendetwas war anders als bisher. Sie spürte es, konnte es aber nicht beschreiben. Wenn sie am Brunnen Wasser holte, schienen die Frauen sie zu beobachten. „Bist du schwanger?“ Die Frage überraschte sie. Was sollte sie antworten? „Nein, natürlich nicht.“ Das Gerede im Dorf wäre groß gewesen. Dennoch wuchs ihre Sorge. Es bahnte sich etwas an. Es war etwas im Werden. Aber sie wusste nicht, was es sein konnte. Würde es eine Last werden, die auf sie zukam, oder ein Segen, der sich unverhofft einstellte?

    Furcht und Unsicherheit überfielen sie. Worauf wartete sie? Auf Unerwartetes? Unerhörtes? Konnte eine junge Frau wie sie Erwartungen oder Wünsche haben? Wünsche durfte ein Mann äußern. Frauen waren wunschlos glücklich. So war es üblich. So verkündeten es die gesellschaftlichen Normen.

    Was hatte der Engel gesagt? Eine Kraft von oben werde über sie kommen. Das hatte sie nicht verstanden. Erzählt hatte sie niemandem davon. Wer hätte ihr glauben sollen? Keine Kraft von oben beglücke einen Menschen; jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Das hätte man ihr geantwortet. Aber war sie nicht, als sie krank war, dankbar gewesen für die Hilfe der Nachbarin? „Du allein schaffst das nicht“, hatte die Freundin gesagt. Daher behielt sie die Worte des Engels für sich.

    Jemand hatte etwas mit ihr vor. Sie ließ sich auf das ein, was der Engel gesagt hatte. Seine Worte waren bei ihr angekommen. Sie war bereit, offen für Neues. Mit den Worten des Engels ging sie schwanger. Sie trug sie mit sich herum. Bald würde sich zeigen, was sich daraus ergab.

    Sie hatte warten gelernt. Am Brunnen musste sie warten, wenn sie Wasser holte. Sie wartete. Noch war nicht die Zeit da, sich mitzuteilen. Sie hatte jetzt Zeit für sich. Sie hatte sich entschieden, sich auf die Kraft von oben einzulassen. Sie war nicht allein, nicht hilflos. Alles würde gut werden. Darauf vertraute sie voller Zuversicht, in guter Hoffnung.

    (Aus: P.J. Dickers, Esel haben keine Lobby – Manchmal wie im richtigen Leben)

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  • Wo wohnt das Christkind?

    Wo wohnt das Christkind?

    Das Mädchen hatte gefragt, wo das Christkind wohnt. Irgendwo musste es zu Hause sein und sich ausruhen können, wenn es den ganzen Tag unterwegs gewesen war. „Im Himmel“, hatte die Tante geantwortet. „Wo ist der Himmel?“ wollte das Mädchen fragen. Aber die Tante hatte es eilig. Für eine Antwort fehlte die Zeit. Vielleicht wusste sie es auch nicht. „Es kann so weit nicht sein“, tröstete ich das Mädchen. „Wenn du willst, machen wir uns zusammen auf den Weg.“

    Das hätte ich nicht sagen sollen; denn inzwischen waren wir schon lange unterwegs. Wo war der Himmel? Viele Menschen waren uns begegnet. „Wissen Sie, wo der Himmel ist? Das Christkind soll dort wohnen.“ Immer wieder hatte das Mädchen gefragt. Statt einer Antwort ein Achselzucken. Niemand schien es zu wissen. Vielleicht da oder dort oder da oben – die Leute zeigten in alle Himmelsrichtungen. Niemand konnte es genau sagen. Der Himmel war nicht in Sicht.

    “Wo ist der Himmel?“ fragte das Mädchen den Mann, der Zuckerwatte verkaufte. „Bei mir nicht“, sagte er missmutig. Den ganzen Tag stand er schon auf dem Weihnachtsmarkt. Seine Hände waren kalt geworden, und das Mädchen merkte ihm an, wie unzufrieden er war. „Die Leute nerven mich“, murrte der Zuckerwattenverkäufer. Meine Zuckerwatte ist den einen zu süß, den anderen zu weich, wieder anderen zu klebrig. Mal sind die Portionen zu groß, mal sind sie zu klein. Ich werde nach Hause fahren, damit ich nichts mehr davon höre.“ „Bestellst du die Zuckerwatte beim Christkind?“ wollte das Mädchen wissen. „Es soll hier wohnen. Oder ist hier nicht der Himmel?“ „Der Himmel ist hier bestimmt nicht.“ Die Antwort des Zuckerwattenverkäufers klang nicht sehr freundlich. „Der Weihnachtsmarkt ist hier. Außerdem habe ich selbst die Zuckerwatte mit meiner Zuckerwattenmaschine hergestellt, nicht das Christkind. Schön weich ist meine Zuckerwatte, aus reinem Zucker.“

    Das Mädchen war enttäuscht. Das Christkind wohnte nicht auf dem Weihnachtsmarkt. Die Zuckerwatte stammte nicht vom Christkind. Hier war nicht der Himmel. Der Mann hatte ihr zwar eine Portion Zuckerwatte geschenkt, aber glücklich war sie nicht. Außerdem musste sie dringend auf die Toilette. Die Dame an der Eingangstür zählte Geldstücke. „Hast du Geld dabei? Du kannst sonst hier nicht aufs Klo gehen.“ Die Frage nach dem Himmel und nach dem Christkind wagte das Mädchen nicht zu stellen. Außerdem roch es eigenartig. Der Himmel konnte hier nicht sein. Wahrscheinlich gab es ihn nicht und das Christkind auch nicht.

    Fast wäre sie über den langen weißen Stab gestolpert. Ein blinder Mann tastete sich mit ihm über den Weg. „Können Sie mit dem Stab sehen?“ fragte das Mädchen. „Nein“, sagte der Blinde. „Aber der Stab macht mich sicher. Auf ihn kann ich mich verlassen, wenn ich unterwegs bin.“ „Weißt du, wo der Himmel ist?“ fragte sie ihn unvermittelt. Das Christkind soll dort wohnen. Oder weißt du das nicht, weil du nicht sehen kannst?“ „Das kann ich dir natürlich nicht genau sagen. Ich glaube aber, dass der Himmel da ist, wo ich mich sicher fühle, wenn mir niemand den Weg abschneidet und wenn ich an der roten Ampel sicher über die Straße komme. Dann fühle ich mich wie im Himmel.“

    Das Mädchen war überrascht. So hatte sie sich den Himmel nicht vorgestellt. Oben über den Wolken hatte sie ihn vermutet. Jetzt aber konnte er auch woanders sein, sogar ganz in seiner Nähe. Wenn das Christkind im Himmel zu Hause war, dann wohnte es vielleicht gar nicht weit von hier.

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  • Unterwegs zum Nullpunkt

    Unterwegs zum Nullpunkt

    Der Donau-Arm, auf dem wir den Nullpunkt ansteuern, ist zur fast schnurgeraden Wasser-Straße ausgebaut geworden. Der Strom entwickelt sich zum immer befahrbaren Transportweg. Auf ihm erreichen wir Sulina, an der Mündung des Wasserweges ins Schwarze Meer gelegen.

    „Wo ist der Nullpunkt?“ frage nicht nur ich. „Wo ist das Meer?“ Auf einem Schild, leicht zu übersehen, steht eine unscheinbare Null. Täuschen wir uns? Wo Null steht, ist noch nicht bzw. ist nicht mehr die Null. Die Mündung liegt Meilen-weit von Sulina entfernt, weil der Strom immer mehr Land im Meer angeschwemmt hat. Geröll und Schlamm führt er mit sich. Die schweren Brocken bleiben am Grund hängen, das Feinmaterial wird ins Delta transportiert. So entstand und entsteht neues Schwemmland, das ins Meer hinaus wächst. Der Leuchtturm steht nicht an der Küste, sondern mitten im Land. Seine Funktion ist nicht mehr Leuchtturm, sondern Museum. Er wirkt wie jemand, der nicht dazugehört.

    Der Ort Sulina, früher Sitz der Europäischen Donau-Kommission und bedeutende Hafenstadt, erweckt den Eindruck, am Nullpunkt zu sein. Ein Ort wie am Ende der Welt – stolze Vergangenheit, trostlose Gegenwart. Verkommene Jugendstil-Bauten ähneln einem Gruselkabinett. Auf Wiederkehr einer vergangenen Zeit und auf neue Heldengeschichten kann Sulina nicht hoffen, auch nicht mit Fürsprache der Göttin Selene, die der Stadt ihren Namen gab. Sulina kann Gute-Nacht-Geschichten erzählen. Zukunftsweisende Perspektiven sind nicht in Sicht.

    Besuchens wert, und das besagt viel, ist der Friedhof mit einem vorsintflutlichen Leichenwagen. Christliche, jüdische und muslimische Grabstätten gibt es. Die letzte Ruhe haben viele Tote nicht gefunden. Auf manchen Gräbern steht ein Kreuz, eine Stele oder eine Marmorsäule. Aber die Angehörigen haben die sterblichen Überreste ihrer Verwandten und Freunde heimgeholt nach dort, wo sie selbst zu Hause sind.

    Für den Friedhof und für Sulina gilt: „Sic transit gloria mundi – So vergeht der Ruhm der Welt.“ Wenn im Petersdom in Rom ein neuer Papst gewählt worden ist, spricht der Zeremoniar diesen Satz – mahnende Erinnerung an irdische Vergänglichkeit und daran, dass jeder einmal am Nullpunkt ankommen wird.

    Ende der Donaugeschichten

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  • Im Donaudelta

    Im Donaudelta

    Das Flusskreuzfahrtschiff hat Tulcea, ehemals die Stadt der Mühlen, erreicht. Viele Getreide-Mühlen sollen hier Getreide gemahlen haben. Sie haben die Zeiten nicht überdauert. Wir sind nicht ihretwegen gekommen. Drei Donau-Arme führen von hier zum Schwarzen Meer, zum Kilometer Null des großen Stroms. Es ist ungewöhnlich, dass gezählte Kilometer gegen Null gehen, obwohl die Fluten des Stroms eine fast dreitausend Kilometer lange Reise hinter sich haben.

    Kann man die Bedeutung des Stroms erst ermessen, wenn er ans Ende gekommen ist und im Meer ertrinkt? Es soll im Himalaja ein Kloster geben, in dem Nachrichten aus aller Welt gespeichert werden, wenn sie mindestens zwei Jahre alt sind. Wer sich dann noch für sie interessiert, kann sich auf den Weg zu ihren Anfängen machen. Gilt Vergleichbares für die Donau?

    Von Tulcea aus wollen wir einen Eindruck bekommen von Europas einzigartiger, unberührter Weite des Donau-Deltas mit seiner Flora und Fauna. Durch ein Gewirr von Seen, Teichen und schmalen Fluss-Läufen winden sich Flussarme zum Meer. Täglich zeigt das Gewirr ein anderes Gesicht. Wo heute ein See ist, schwimmt Tage später eine Schilf-Insel. Die Natur folgt eigenen Gesetzen und Rhythmen. Sie widersetzt sich berechenbaren Regeln. Ein Improvisations-Künstler. Lebensbereiche ändern sich unablässig. Ein Kaleidoskop aus Biotopen und Lagunen, Auwäldern und Feuchtwiesen entsteht und vergeht. Nichts entzieht sich der Vergänglichkeit. Labyrinthe aus Seen und Nebenarmen, aus Seerosen-Teppichen und Schilf-Zonen bilden ein nicht überschaubares Ganzes.

    Die einzigartige Vogelwelt im Biotop wird gerühmt. Leider trägt unser Boot, mit dem wir zwei Stunden lang auf Erkundungsfahrt gehen, mit dazu bei, dass wir von der großen Vogel-Familie, von den Reihern und Pelikanen nur aufgescheuchte Exemplare zu Gesicht und vor die Kamera bekommen. Während die hier lebenden Fischer im Frühjahr nicht fischen dürfen, um die Vogelbrut nicht zu stören, heulen Motorboote auf und lassen Vögel, Reiher und Pelikane davonfliegen. Ich genieße dennoch das Naturschauspiel, in dem nichts Aufregendes geschieht und das deswegen nachhaltig auf mich wirkt. Einige Mitreisende streicheln ihre Seele und fühlen sich ins Paradies versetzt. Sie lassen Astrid Lindgrens „Sehnsucht nach Bullerbü“, wo alles stimmig zu sein schien, gegenwärtig werden.

    Diesen Lebensraum als Paradies zu bezeichnen, in dem Menschen ihre Sehnsucht nach dem Schönen, Glücklichen und Friedlichen erfüllt sehen, bleibt wahrscheinlich denen vorbehalten, die nur kurz hier verweilen. Das Leben spielt sich nicht ab in romantischen Wald- und Märchenlandschaften. Die Bewohner üben sich in der Strategie der Pelikane: Sie schlängeln sich durch. Im Sommer sind ihre kleinen Dörfer per Schiff erreichbar. Im Herbst und Frühjahr setzt der hohe Wasserstand des Stroms ihnen zu. Wenn er im Winter zugefroren ist, sind sie abgeschlossen von der Außenwelt. Ein längerer Aufenthalt statt eines kurzweiligen Besuchs in diesem Überlebensraum würde uns Bescheidenheit lehren.

    Auch die rumänische Studentin, die uns auf dem Boot begleitet, äußert sich zurückhaltend zu Paradies-Garten und Paradies-Gefühlen. Das Delta sei kein immerwährendes Hochdruck-gebiet, mahnt sie. Wenn im Winter der Fluss zufriere, versorge ein Hubschrauber die Bewohner von Zeit zu Zeit mit Nahrungsmitteln. Erkranke jemand, könne eventuell eine Krankenschwester aus dem Nachbardorf helfen, die ebenfalls per Hubschrauber angefordert werde.

    Für junge Leute gebe es kaum Arbeit. Die gottverlassene Gegend, in der sie unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit groß würden, sowie das entbehrungsreiche Leben ließen sie in die Städte außerhalb des Deltas abwandern – oft mit Zustimmung der Eltern. So sei es auch bei ihr gewesen „Die Kinder sollen es besser haben“, laute die Devise. Eine Aussage, die uns bekannt vorkommt.

    Problematisch sei immer noch die Versorgung mit Trinkwasser. Ihr Heimatdorf liege am Wasser. Ihr Vater habe vor Jahren einen Brunnen im Garten angelegt, von dem aus er Wasser ins Haus pumpe. Wirklich trinkbares Wasser sei das aber nicht. Wenn er mit dem Hausboot nach Tulcea fahre, decke er sich im „Magazin Mixt“ mit abgefülltem Trinkwasser ein.

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