Kategorie: Esel haben keine Lobby
-
Ein Gaudi
Den Landgang hatte ich vor Antritt der Reise gebucht. Ich wollte Antoni Gaudis berühmte Architektur bewundern. Leider entfiel die Gaudi-Tour. Gaudi? Wer oder was war Gaudi? Dreihundert Passagiere des Kreuzfahrtschiffes hatten sich zwar für Gaudi entschieden, aber für das Gaudi einer Shopping-Tour. War ich auf dem richtigen Dampfer? Von einer Butterfahrt war in der Vorankündigung…
-
ich mag nicht
kein Land in Sicht, der Himmel grau nur Wasser draußen, windig, kalt was mache ich? wen treffe ich? ich sitze in der Bar weil ich gestern schon hier war Short-behoste Senioren, Badeschlappen Texas-Hüte ziehn vorbei draußen ist es mir zu kalt ich habe keine Lust zum Lesen walken bin ich schon gewesen ich bleibe lieber…
-
Atlantik genießen
Fünf Tage Atlantik. Zweitgrößter Ozean. Hundert Quadratkilometer Wasser, einschließlich der Nebenmeere. Nur Schiff. Und das bei diesem Wellengang? Nichts war mit „Liegestühle stehen Ihnen kostenlos zur Verfügung“. Die standen wie Fischstäbchen in Reih und Glied auf dem Sonnendeck. Regenschutz und Sturmhauben. Kein Sonnenbad. Aber Kickerspiele, Kostüme basteln, Spanisch-Kenntnisse auffrischen, Kinderlieder lernen. Wenn sich ein Schiff…
-
Richtung Süden – Antarktis
Wo geht’s zur Antarktis? Richtung Südpol, gegenüber dem Nordpol. Eisberge, kleine und haushohe. Farbenspiele. Blau-, Rot- und Grüntöne wetteifern im Sonnenlicht. Antarktis. Gegen-Arktis. Nur den kleinen Zipfel der Antarktischen Halbinsel können Kreuzfahrtschiffe im antarktischen Sommer anfahren. Im antarktischen Winter scheint die Sonne nicht, im antarktischen Sommer 24 Stunden am Tag. Ob das alle Passagiere wissen?…
-
Wunderbare Landschaft
Sie sei die schönste Landschaft der Welt, wird behauptet. Guilins Berge und Flüsse überträfen alle Schönheiten dieser Welt. Ich wollte mich von ihrer wundersamen Schönheit, von den unwirklich erscheinenden Kalksteinkegeln und nebelverhangenen Gipfeln, von der bizarren Formenvielfalt überzeugen. Die chinesische Landschaft am Li-Fluss zwischen Guilin und Yangshuo entstand, als vor 200 Millionen Jahren durch eine…
-
Verhüllt
Ich hatte von einem ägyptischen Topmodel gehört, das sich nach mehrjähriger Karriere im Modegeschäft für den Schleier entschloss und ihre Model-Karriere aufgab. Ihren exotisch-afrikanisch aussehenden Körper mit den perfekten Maßen vor aller Welt zu enthüllen, entsprach nicht mehr ihrer Lebensphilosophie. Männliches Offenbarungsbedürfnis und weibliche Hängepartien am Swimmingpool hätten das ebenfalls beherzigen sollen. Verhüllungstextilien der marokkanischen…
-
Ein Junge
Die Kronprinzessin litt an Anpassungsstörungen. Sie hatte ein Mädchen zur Welt gebracht. Kein männlicher Thronfolger. Die Monarchie drohte zu verweiblichen. Die Tochter hätte Kaiserin werden können. Eine Frau auf dem Kaiserthron – das Land ist in Gefahr. Japans Urmutter war eine Frau. Eine Sonnengöttin. Legende, sagen die Hofbeamten. Tradition ist männlich. Gebärfreudige Mätressen und Konkubinen…
-
Die Reise der Pinguine
Grandiose Eisberge hatte ich bei einer Antarktis-Kreuzfahrt gesehen. Auch Pinguine waren mir vertraut. Jetzt bewunderte ich Eisberge und Pinguine im Film. Kein Film über die Antarktis, sondern ein Film darüber, wie sie lebt und wie die Kaiserpinguine mit diesem Leben zurechtkommen. Sie brüten im Winter an den Küsten der Antarktis. Auch Lena wollte die Pinguine…
-
Nicht grübeln
immer grübeln fragen wollen wissen wollen begründen wollen es wird gegrübelt über die Welt über das Leben immer ich grüble nicht ich denke ich denke, wenn ich denken muss nur dann ich grüble nicht mir würde übel vom Grübeln daher sage ich Ruhe da oben 0 – 0 Thank You For Your Vote! Sorry You…
-
De bello
Ich liege auf der Terrasse. Das Haus soll ich bewachen. Niemand zu sehen. Ignoriert man mich? Warum muss ich wachen, wenn sich niemand blicken lässt? Ich belle. Irgendeiner wird mich hören. Keine Antwort. Ich belle lauter. Nichts rührt sich. Wachen ist langweilig. Das werde ich laut hinausbellen. Alle sollen es hören. Ich fühle mich ungerecht…
-
Der Stimulator
„Ein intensives Gefühl bemächtigt sich Ihrer. Ein Prickeln durchläuft ihren Körper vom Scheitel bis zu den Fußsohlen.“ Die Anleitung stellte es in Aussicht. Ich hoffte vom Genuss solcher Glücksgefühle nicht ausgeschlossen zu werden. Mario war überzeugt, der Stimulator werde bei mir wirken. Außerdem war es ein therapeutisches Instrument. Jede Therapie ist von Nutzen, zumindest für…
-
Am Anfang war die Null
Die Geschichte ist wahr, mag man sie auch für eine Null-Nummer halten. Nullen geraten ins Hintertreffen, obwohl niemand an ihnen vorbeikommt. Null Bock haben viele auf die Null, obwohl sie wissen, dass jeder beim Nullpunkt begonnen hat. Man flieht vor der Null, als sei sie die schändlichste Erfindung der Zeitrechnung. Kann man untertauchen, bis die…
-
rund um die Uhr
Der Wecker klingelt. 3.45 Uhr. Um Vier will ich einkaufen gehen. Von Vier bis Sechs gibt es den Spät-in-der-Nacht, Früh-am-Morgen-Sonderrabatt. Nur heute Nacht. Hoffentlich wecke ich niemanden. Die Straßen sind frei. Endlich ohne Stau einkaufen fahren. Rund um die Uhr. Die hätten schon eher auf die Idee kommen sollen. Alle kaufen um 4 Uhr ein.…
-
romantisch frech emanzipiert
Er ist wieder im Programm. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Tschechisch-deutscher Märchenfilm. Kultfilm. Liebesgeschichte um Aschenbrödel und ihren Prinz. Märchengeschichte mit drei Zaubernüssen und der Eule Rosalie. Nicht nur Wintermärchen. Kinderfilm. Auch für Erwachsene. Aschenbrödel. Keine Groschenroman-Figur. Nicht Frau, die sich selbst verwirklicht. Nicht weibliches Wesen, das unter ihrem verkanntem Frau-Sein leidet und sich unverstanden fühlt.…
-
Drücken Sie die Zwei
Ich habe die richtige Nummer gewählt. Aber nicht die freundliche Dame aus dem Vorzimmer antwortet mir, sondern eine freundliche Stimme. „Sie haben richtig gewählt“, bestätigt sie mir. Dankbar warte ich darauf, verbunden zu werden. „Wenn Sie uns besuchen wollen, drücken Sie die Eins“, werde ich aufgefordert. „Wenn Sie eine Frage haben, drücken Sie die Zwei.…
-
Ich spare
Meine Mutter war sparsam. Am Wochenende saß sie auf der Küchenbank. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Stapel alter Zeitungen. Mit dem Brotmesser zerteilte sie Seite für Seite in kleine handliche Stücke und legte sie zu einem Block aufeinander. Mit der Schere bohrte sie ein Loch am oberen Ende durch den Stapel und zog…
-
Die Prämie
Die Schutzvereinigung macht mir Mut. Positiv denken soll ich, mehr Enthusiasmus für Angebote der Gegenwart aufbringen. Sich einschränken zeige Rückständigkeit. Die sei zu überwinden. Es sei Zeit zu handeln. Es sei wie beim Windhundrennen, wird versichert: Nur der Schnellste erhalte die Prämie. Eine Woge der Aufmerksamkeit werde mich antreiben. Wenn Stürme um die Hütte wehen,…
-
Das Ambiente
So angenehm wie möglich sollte mein Aufenthalt werden. Kein Luxusdomizil, aber ein schönes Ambiente wurde mir in Aussicht gestellt. Ein Ambiente ist wichtig. Ohne Ambiente kann ich nicht sein – nicht im Supermarkt, nicht am Gartenteich, nicht auf der Terrasse. Mein Nachbar spricht abschätzig vom Drumherum. Ambiente ist mehr, zumindest klingt es nach mehr. Das…


