Autor: Peter Josef Dickers

  • Was ich nicht vergessen werde

    Was ich nicht vergessen werde

    Eine nicht zu benennende Anzahl von Personen und Familien habe ich während meiner Dienstjahre besucht. Menschen habe ich zugehört, mir Ratschläge von ihnen erteilen lassen.

    Mit Vergnügen ist mir mein Spürsinn in Erinnerung geblieben, wenn es bei einer bestimmten Familie Reibekuchen zu essen gab. Zufällig stattete ich dann einen überfällig erscheinenden Besuch ab. Die Hausfrau hatte es geahnt und wegen des zu erwartenden Mitessers eine Portion mehr eingeplant.

    Kinder habe ich getauft. Mit etlichen von ihnen, die inzwischen erwachsen sind und selbst Kinder haben, pflege ich freundschaftliche Kontakte. Mit Kindern und Jugendlichen habe ich Ferien-Freizeiten durchgeführt, bin mit ihnen durch Felder und Wiesen gewandert, habe mit ihnen in Zelten übernachtet.

    Vielen Paaren, die für ihren gemeinsamen Weg den kirchlichen Segen erbaten, habe ich das Sakrament der Ehe gespendet.

    An Krankenbetten habe ich gestanden und Kranken Genesung gewünscht. Kranken und Sterbenden habe ich das Sakrament der Krankensalbung gespendet. Tote habe ich auf ihrem letzten Weg begleitet. Ich habe an ihren Gräbern gestanden und gebetet, manchmal mit  den Angehörigen geweint. Je jünger die Verstorbenen waren, desto betroffener machte mich ihr Tod. Das Schild „Scheiß Motorrad“ auf dem Grab einer tödlich verunglückten Schülerin verdränge ich nicht.

    Nicht vergessen habe ich die Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarch Athenagoras. Zusammen mit einer Jugendgruppe war ich in Istanbul unterwegs gewesen. Dort erhielten wir die Erlaubnis, den Patriarch besuchen, der sich wenige Wochen vorher  mit dem Oberhaupt der Römischen Katholischen Kirche, Papst Paul VI., getroffen hatte. Der römische Papst war nach Istanbul gepilgert.

    „Wir haben neunhundert Jahre lang unter einem Bruch, einem Schisma, gelitten. Jetzt hat Papst Paul die Versöhnung eingeleitet.“ Mit bewegter Stimme schilderte der Patriarch die Zusammenkunft mit dem Oberhaupt der Katholischen Kirche.

    Die Kirche Roms und die Orthodoxe Kirche des Ostens hatten die gegenseitige Exkommunikation aufgehoben und „Jahrhunderte des Schweigens“ beendet. Der Papst habe sich als Brückenbauer, als Pontifex erwiesen, betonte Athenagoras.

    Uns beeindruckte seine ehrliche Sprache. „Wir Schüler und Studenten wollen versuchen, die brüderliche Liebe der Großen in den kleinen Bereichen unseres täglichen Lebens aufblühen zu lassen“, antwortete der Sprecher der Jugendgruppe.

    Es waren Intensiv-Stationen für mich. Zwölf Jahre priesterlichen Wirkens sind nicht ohne Widerhall geblieben, nicht bei mir und nicht bei meinen Weg-Gefährten.

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  • 4. Advent-Sonntag

    4. Advent-Sonntag

    Zum 4. Advent: Windlichter

    Meine Windlichter können mit dem Gefunkel nicht konkurrieren. Hoffentlich war die Frau nicht enttäuscht, als sie die Lichter auspackte. Ich weiß nicht, wo sie die hingestellt hat. Ich weiß nicht, ob es dunkel genug ist, wenn sie leuchten. Aber das weiß ich: Meine Lichter machen es heller. Nicht taghell, aber hell. Mehr braucht sie vielleicht nicht.

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  • Tempi passati – Vorbei

    Tempi passati – Vorbei

    Ein kurzzeitiges Gefühl der Ausweglosigkeit habe ich überwunden. Meine Orientierung, die eine Weile aus dem Ruder gelaufen war, ist zurückgekehrt. Meine Konturen habe ich wieder gewonnen. Ich lebe anders, ich glaube anders als vor Jahren.

    Durch die Laisierung bin ich formal in den Laienstand versetzt worden. Im Notfall darf ich jedoch priesterliche Dienste verrichten, da ich mit der Priesterweihe meine Bereitschaft erklärt habe, den Dienst der Versöhnung auszuüben und der Eucharistiefeier vorzustehen.

    Ein Priester, der mit römischem Dispens geheiratet hat, darf, wenn er darum gebeten wird, laut Kirchenrecht priesterliche Tätigkeiten ausüben. Angeblich gibt es verheiratete Priester, die Eucharistiefeiern in kleinen „Hauskirchen“ oder Wohnzimmern zelebrieren. Das werde ich nicht praktizieren.

    Es gibt kein „Mach’s noch mal, Sam“ in Anlehnung an Woody Allens Spielfilm. Ich werde nicht wie der mythische Vogel Phönix aus der Asche auferstehen und  im Priestergewand am Altar stehen. Nichts wird sich wiederholen. Kein Ruf „Er ist wieder da“ wird ertönen. Vergangenes ist nicht wertlos für mich geworden, ich habe es nicht abgestreift, aber ich sehne mich nicht nach dem zurück, was hinter mir liegt.

    Es gibt Bereiche, zu denen ich keinen Zugang mehr habe und nicht haben will. Momente, in denen ich nicht wusste, ob mein aktives Priestersein noch andauerte oder ob ich in der Erinnerung daran lebte; ob ich mich im „Nicht mehr“ oder im „Noch nicht“ befand, gehören der Vergangenheit an.

    Tempi passati. Keine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Keine Sehnsucht nach dem Anfang. Ich bin woanders angekommen, und ich sehe keinen Anlass, auf verlassenes Terrain zurückzukehren.

    Ich lebe nicht im Jetzt, ohne mich auf das Gestern zu besinnen. Aber ich halte gebührenden Abstand zu dem, was gewesen ist. Ich weiß, woher ich komme. Ich weiß, wovon ich mich gelöst habe. Ich weiß, wohin ich gehe. Den veränderten Lebenswirklichkeiten trage ich Rechnung. Ich habe mich nicht in ein Niemandsland davonjagen lassen, fahre aber auch nicht als blinder Passagier auf dem Kirchenschiff mit.

    Meine religiöse Beheimatung habe ich nicht aufgegeben. Was Heimat war, wird nicht Fremde werden. Was heilig war, wird mir heilig bleiben. Nichts ist sinnlos, nichts ist nichtig geworden. Ich befinde mich nicht im Ausnahmezustand.

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  • Vergessene Umfrage

    Vergessene Umfrage

    Den Verantwortungsträgern im Bistum wird entgangen sein, dass sich einige Jahre zuvor der Vorgänger des Kardinals im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz an seine „lieben Mitbrüder im priesterlichen Dienst“ wandte. Er legte ihnen die Beantwortung einer „Umfrage unter allen katholischen Priestern in der Bundesrepublik“ ans Herz.

    Gemeinsam mit den anderen Bischöfen hielt er es für nützlich und notwendig, Meinungen und Ansichten der Priester zum Priesterbild und zu den Voraussetzungen des priesterlichen Dienstes zu erfragen. Die Priester sollten sich ehrlich und offen unter Wahrung der Diskretion äußern. Den Bischöfen und Ordensobern sei „an der unverschleierten Meinung des Einzelnen sehr gelegen“.

    „Würden Sie sagen, dass Sie mit Ihrer jetzigen Tätigkeit zufrieden sind?“

    „Worin sehen Sie die hauptsächlichen Hindernisse für Ihre Tätigkeit als Priester?“

    „Es ist vorgeschlagen worden, neben hauptamtlichen Priestern den Teilzeitpriester einzuführen. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag?“

    „Es wurden in letzter Zeit Änderungen diskutiert in der Zölibatsfrage. Wie stehen Sie zu folgenden Änderungs-Vorschlägen:

    Dass die Priesterweihe bewährten verheirateten Männern erteilt wird. Dass die Verpflichtung zum Zölibat in Zukunft aufgehoben und dem Einzelnen die Entscheidung überlassen wird? Welche Aufgaben sollen Priester übernehmen können, die ihr Amt niederlegen und mit kirchlicher Erlaubnis die Ehe eingehen?“

    Dass es die Umfrage gab und die Bischöfe bereit waren, sich den Fragen zu stellen, war ein paar Jahre später kein Herzensanliegen aller Bischöfe mehr.

    Das Zweite Vatikanische Konzil habe es versäumt, ein Priesterbild zu entwerfen, das uns heute gerecht wird, beklagte eine Ordensfrau. Wir müssten uns nicht den Herausforderungen früherer Jahrhunderts stellen, sondern Aufgaben der Gegenwart, sagte sie.

    Diesem Begehren mochten sich nicht alle Bischöfe anzuschließen. War es Blendwerk, was gefordert wurde? Blendwerk wie das neue Glasfenster im Hohen Dom? Während die Einen in dem Fenster eine „Herausforderung des Sehens“ erkannten, sahen Andere in dem Licht-Gefunkel hundert Quadratmeter Ratlosigkeit.

    Die Zeiten ändern sich.

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  • 3. Advent-Sonntag

    3. Advent-Sonntag

    Zum 3. Advent: Windlichter

    Die Frau schien davon nichts zu bemerken. Warum war sie hier? Wofür brauchte sie Windlichter? Richtig interessiert zeigte sie sich nicht. Wo wollte sie die aufstellen? Überall funkelt und leuchtet und blinkt es in diesen Tagen. Lichterketten an Türen und Fenstern. An Dächern und Häuserfronten strahlen und glitzern sie in buntem Licht. Wir lassen Sie nicht im Dunkeln stehen, verspricht die grelle Reklame. Auch ausgefallene Wünsche werden erfüllt. Alles soll ins rechte Licht gerückt werden.

     

    Ein unbekanntes Licht
    Es geschah zu jener Zeit, in der das Licht ratlos geworden war. Wenn es seinen Glanz auf die Erde ausgoss und seine Strahlen den letzten Winkel taghell ausleuchteten, stöhnten die Menschen über so viel unversöhnliches Licht. Vor lauter Licht konnten sie die Sterne nicht  sehen. Nirgendwo ein Platz, wo sie sich verbergen, kein Ort, an den sie sich unbeobachtet zurückziehen konnten. Das Licht vertrieb alle Dunkelheit. Es raubte den Menschen die Sinne und den Schlaf.

    Bedrohungsängste regten sich. Die Menschen ertrugen die gleißende Lichtfülle nicht. Sie schlossen Fenster und Türen, zogen die Bettdecke über den Kopf und hofften, dass es dunkler wurde. Hautärzte warnten vor dem Licht. Sonnenstudios begrenzten das Strahlenspektrum der Solarien. Frauen dachten über die Vorteile der Verschleierung nach.

    Das Licht verzweifelte an seiner strahlenden Größe. Es sah sich genötigt, weniger stark zu leuchten. Glücklich war es nicht darüber, da es sich nicht vor sich selbst verstecken wollte.

    Und es kam eine Zeit, in der statt Licht Dunkelheit auf der Erde herrschte. Alles Leben drohte zu ersticken. Das Leben misslang. Was groß werden wollte, blieb klein. Was sich nach Sonne und Licht sehnte, verkümmerte. Die Menschen sehnten sich nach etwas, das Licht in ihr Dunkel brachte.

    Eines Tages verbreitete sich eine Nachricht auf der Erde. Ein ungewöhnliches Licht sei am Himmel gesichtet worden. Von einem unbekannten Stern war die Rede. Da man nicht wusste, was es damit auf sich hatte, ob es Segen oder Fluch bedeuten konnte, machte sich Unsicherheit breit.

    Die Wetterpropheten hatten keine Erklärung für das unbekannte Licht. Wettersatelliten, welche die meteorologischen Vorgänge in der Erdatmosphäre beobachten, hatten das Licht bisher nicht registriert. Astrologen waren ratlos. Was konnte es mit einem Licht auf sich haben, von dem niemand wusste und das plötzlich da war? Ratsuchende und Ratgeber hatten Hochkonjunktur. Die Macht der Phantasie beflügelte die Gerüchte-Börse.

    Unheils- und Weltuntergangs-Propheten überboten sich mit Schreckensnachrichten. Das Ende der Menschheit sei gekommen, warnten einige. Sie verbreiteten Anweisungen, was zu tun sei. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, trösteten andere. Sie setzten darauf, dass es sich um eine vorübergehende Erscheinung handelte und sich das Leben wieder normalisieren werde.

    Das unbekannte Licht zog seine Bahn. Und es kam eine Zeit, dass sich die Menschen an dieses Licht gewöhnten und sich mit ihm vertraut machten, obwohl sie immer noch rätselten, woher es kam und was es für sie bedeutete. Auf den Balkonen der Häuser leuchteten vereinzelt wieder bunte Ketten. Hier und da funkelten Lichter-Netze und Lichter-Ketten in Bäumen und Sträuchern. Lichter-Schmuck erleuchtete die Vorgärten. Hinter großen und kleinen Fensterscheiben strahlten große und kleine Sterne.

    Dem Licht gefiel es, von den Menschen wahrgenommen und angenommen zu werden. Es verschaffte ihnen neuen Lebensmut, ein neues Lebensgefühl. Ein Licht ging ihnen auf. Sie öffneten Türen und Fenster, um es hereinzulassen. Heller wurde es in der Welt. Die Menschen spürten, dass sie nicht in Dunkelheit und Angst zu leben brauchten.

    Aber sie mussten das Licht zulassen und ihm einen Platz in ihrem Leben einräumen. Wenn sie nur im Aufmerksamkeitsschatten der täglichen Ereignisse verharrten, konnte es wieder dunkel für sie werden. Wenn sie sich dem Licht verschlossen, das behutsam seine Strahlen aussandte,  liefen sie Gefahr, die Orientierung verlieren. Dann konnte das Licht leuchten, wie es wollte – es blieb dunkel auf der Erde und im Leben der Menschen.

    Hoffnung und Zuversicht, dass das Leben gelingen kann, haben eine Chance, wenn sich Menschen auf jenes Licht einlassen. Es gibt ihrem Leben einen Sinn. Weihnachten will daran erinnern.

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  • Ein Kardinal in Sorge

    Ein Kardinal in Sorge

    Einige Zeit später dachte man im Bistum darüber nach, wie es mit der konkreten Seelsorge weitergehen sollte. Strukturen müssten vereinfacht werden, hieß es.

    War es ein Fortschritt, wenn Strukturen überarbeitet und optimiert würden, aber grundsätzlich erhalten blieben? Ich bezog nicht Stellung und behielt meine Argumente für mich.

    Priester sollten von Aufgaben entpflichtet werden, die nichts mit ihrem Amt zu tun haben, lautete eine Forderung.

    Welche Aufgaben untypisch seien, hätte ich mich erkundigen können. Ohne unangemessen auf ein „Damals zu meiner Zeit“ zu verweisen, hätte ich daran erinnern können:

    Während meiner priesterlichen Dienstjahre war es typisch, dass ich jeden Samstagnachmittag mindestens drei Stunden lang im Beichtstuhl verbrachte.

    Typisch war es, wenn ich am zweiten Weihnachts-Feiertag froh war, die Dienst-Anforderungen der Adventszeit und an den beiden Feiertagen erledigt zu haben.

    Ich war froh über alles, was ich nicht mehr tun musste, obwohl ich meinen Dienst gern und aus Überzeugung verrichtete. Ich gestand mir aber nicht ein, dass ich  Feiertage zu hassen begann.

    Es war typisch, neben meinem Dienst in der Pfarre an verschiedenen Schulen mehrere Wochenstunden das Fach Religionsunterricht zu erteilen – unentgeltlich.

    Es war typisch, zuständig zu sein für die Beicht- und Kommunion-Vorbereitung der Kinder, die sich auf die Erstkommunion am Weißen Sonntag vorbereiteten.

    Auch die Firm-Vorbereitung gehörte zu meinen typischen Aufgaben.

    Sollte das wieder eingeführt werden? Sollten Laien-Katecheten, welche viele Aufgaben, die Beichte  ausgenommen, inzwischen weitgehend übernommen hatten, davon entpflichtet werden?

    Welche sonstigen Notreparaturen schwebten dem Bistum vor? Der Kardinal war in Sorge. Seine Sorge war nicht meine Sorge.

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  • Damnatur – Verdammt

    Damnatur – Verdammt

    Die kirchlichen Instanzen werden sich beim Durchforsten gängiger Empörungs-Rituale an den alten, kirchlichen Bannstrahl erinnert haben – eine Sanktions-Maßnahme in der Kirchengeschichte gegen Gläubige, die sich schwerer Vergehen schuldig gemacht hatten: Ausschluss vom Gottesdienst und vom kirchlichen Begräbnis trafen die Sünder sowie das Verbot, eine Kirche zu betreten oder Umgang mit anderen Christen zu pflegen.

    Sie waren verfemt wie feindliche Brüder aus Schurken-Staaten. Mittelalterliches System der Abschreckung, das den Überlegenheitsanspruch der „triumphierenden Kirche“ verdeutlichte.

    Vom großen Bann wurde ich verschont. Aber es gab ein weiteres Strafwerkzeug, um die existentielle Bedrohung bzw. das Sicherheitsrisiko auszuschließen, welches man in mir zu sehen glaubte: Den kleinen Bann-Strahl, der mich zum Mängelexemplar, zur unerwünschten Person erklärte und damit die Übernahme kirchlicher Ämter und Funktionen ausschloss.

    Aus den Augen, aus dem Sinn. Bollwerk-Rhetorik. Unbedenklichkeitssiegel abgelehnt. Ich wurde als Altlast gehandelt und war sanktionsbedürftig. Ich war mir zwar keiner Verfehlung bewusst, aber meine Laisierung musste einen stark sündhaften Charakter haben, einem Straftat-Bestand nicht unähnlich. Wie Vaterlandsverrat.

    „Sie müssen draußen bleiben.“ Aufenthalt nur an der kirchlichen Peripherie. Kirchliche Gemächer wurden zum  Sperrgebiet erklärt. Der am Hof Unerwünschte wurde auf die Wühltheke abgeschoben.

    „Damnatur – verdammt“ lautete die Zensur, durch die in früheren kirchlichen Zeiten der Druck eines Buches verboten wurde. „Damnatur“. Man untersagte mir den Vollzug von Diensten, die zum Selbstverständnis eines gültig geweihten Priesters gehören, der ich trotz Laisierung geblieben war. Die Priesterweihe, die ich empfing, war meines Wissens nicht für nichtig erklärt worden.

    Ich hätte mich an die antike, mythologische Sage von Dädalus und Ikarus erinnern sollen. Ikarus, der Freude am Fliegen empfand, stieg immer höher in die Lüfte hinauf. In den heißen Strahlen der Sonne schmolz das Wachs der Flügel. Als er der Sonne zu nahe kam, stürzte er ab.

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  • 2. Advent-Sonntag

    2. Advent-Sonntag

    Zum 2.Advent: Windlichter

    Eine halbe Ewigkeit stand ich da. Fast hatte ich vergessen, dass ich Windlichter verkaufen wollte. Mir gefiel die Musik, obwohl ich die Lieder schon tausend Mal gehört hatte. Mir gefielen die Düfte, die um meine Nase wehten. Mir gefielen die Gesichter, die sich neugierig meinen Lichtern zuwandten. Ich genoss das. Schade, dass es so kalt war und ich nirgendwo meine kalten Füße wärmen konnte.

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  • Sie dürfen nicht

    Sie dürfen nicht

    Ein neuer Erzbischof stand an der Spitze des Erzbistums, der bald den Kardinalshut empfing. Er  initiierte für das Bistum ein Pastoral-Gespräch, das die Erneuerung von Seelsorge und Gemeinde zum Ziel hatte.

    Ich wurde hellhörig und registrierte einen Passus, in dem sich der Kardinal Meinungsbilder über die „Pastorale Tätigkeit für aus dem Amt ausgeschiedene Priester“ erbat.

    Sollte darüber diskutiert werden, laisierte Priester aus dem Halbschatten kirchlicher Illegalität zu holen? War ich potentieller Kandidat für pastorale Aufgaben? Lud das Bistum zum Dialog ein? Sollten Handlungs- und Denk-Tabus beseitigt werden? Erinnerte man sich an die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, die sich gegen Denktabus, Vorurteile und Ideologien wandte? Oder verbargen sich hinter der „Erneuerung von Seelsorge“ rhetorische Nebelkerzen in Gestalt einer Image-Kampagne?

    Ich richtete ein Schreiben an den Kardinal und bat  um Angaben darüber, von welchen pastoralen Tätigkeiten die Rede sei. Ich könne mir vorstellen mitzuarbeiten.

    Wochen vergingen. Ich hatte gehört von kontroversen Stellungnahmen beim Pastoral-Gespräch. Laisierung sei kein harmloser Vorgang, hatten die Einen gesagt und gewarnt, das Thema unnötig zu aktualisieren. Andere hatten angemahnt, das Potential an Können und Erfahrung laisierter Priester müsse man wahrnehmen und berücksichtigen.

    Ich wartete auf eine Antwort. Das Warten beendete der Generalvikar, Mitpriester meines Weihe-Jahrgangs. Sein Humor, sein Umgang mit dem „Kölschen Klüngel“, seine souveräne Art zu handeln schätze ich. Der Kardinal habe ihn beauftragt zu antworten, teilte er mir mit.

    Im Pastoral-Gespräch habe man unterschieden zwischen Fragen, die der Kardinal im Rahmen des geltenden Rechts im Erzbistum regeln könne, und anderen Fragen, die von der Bischofskonferenz bzw. von der Vatikanischen Behörde geregelt würden. Es seien in der betreffenden Angelegenheit Meinungs-Bilder erfragt worden. Es bedeute aber etwas, dass der Bischof die Meinung der Gläubigen zu bestimmten Fragen kennen lerne, auch wenn er persönlich nichts ändern könne.

    Das geschriebene Wort war Sprache des Generalvikars, der Inhalt des Schreibens die amtliche Stimme. Der Generalvikar drückte es so aus: Er glaube nicht, dass Gespräche im Augenblick zu weiterführenden Ergebnissen führen könnten. Er könne nicht beurteilen, ob die geltenden Richtlinien demnächst überarbeitet würden.

    Dann formulierte er „geltendes römisches Recht“ und stellte im Auftrag des Kardinals, der sich darauf berief, fest:

    Sie dürfen nicht predigen.

    Sie werden nicht zugelassen als außerordentlicher Kommunionspender.

    Sie dürfen kein Amt ausüben, das den pastoralen Bereich berührt.

    Sie dürfen kein Amt ausüben in Seminarien und gleichgestellten Einrichtungen.

    In anderen höheren kirchlichen Studieneinrichtungen dürfen Sie kein Leitungsamt und keine Lehrtätigkeit ausüben.

    Es klang wie eine nachträgliche Entschuldigung, dass der Generalvikar seiner Negativliste die Bemerkung anfügte, es stehe ein breites Feld ehrenamtlicher Mitarbeit für mich offen.

    Dass es für mich eine Ehre sein würde, mich ehren-amtlich einzubringen, wo ich „amtlich“ nicht in Frage kam, konnte er nicht annehmen. Ehe es zu konkreten Überlegungen kam, war ich in der Vorrunde ausgeschieden. Für den Kardinal und für die römisch-vatikanische Behörde Unvereinbares ließ sich nicht vereinbaren. Seifenblasen zerplatzten, ehe sie den bischöflichen Mund verlassen hatten.

    Ich hätte den Absendern des Schreibens versichern können: Lebenskrisen, dramatische Schockwirkungen löste die Antwort nicht bei mir aus. Mich zum Nicht-Handeln zu verurteilen durch ein „Sie-Dürfen-Nicht“ würde nicht gelingen.

    Es ehrte den Kardinal, dass er sich als Diener der Vatikanischen Kurie, als nicht selbst verantwortliche Erfüllungsperson einer höheren Instanz sah. So verstand er sein Amt.

    Im Gegensatz zu seiner erklärten Unzuständigkeit lassen sich Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils auch anders verstehen: Bischöfe üben eigene, unmittelbare Gewalt aus. Sie sind nicht Stellvertreter des Bischofs von Rom, sondern haben das Recht und die Pflicht, Regelungen zu treffen für die Ordnung des Gottesdienstes und der Seelsorge. Das ist ihre eigene Aufgabe. Sie wird ihnen nicht von Rom delegiert.

    Der Kardinal konnte sich auf seinen Eid berufen, mit dem er dem Papst Treue, Ergebenheit und Gehorsam zugesichert hatte. Er verstand das päpstliche Amt als Befehlsamt. Ordnung musste sein.

    Dass Bischöfe zur Loyalität nicht nur gegenüber dem Papst, sondern auch gegenüber den Gläubigen verpflichtet sind, dazu äußerte sich der Kardinal nicht.

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  • Dialogfähigkeit

    Dialogfähigkeit

    Wie wurde die Nachricht von meiner Laisierung von denen aufgenommen, die mit mir geweiht worden waren? Von ihrer Reaktion habe ich nichts erfahren. Über gemeinsame Begegnungen und Veranstaltungen wurde ich nicht mehr informiert. Vor fünfzig Jahren wurden wir zusammen zu Priestern geweiht. Heute leben wir aneinander vorbei, nicht in unterschiedlichen Welten, sondern in der gleichen Welt, in derselben Kirche. Wer versteht das?

    Warum soll es mir anders ergehen als jenem Pfarrer, der  seine „lieben Mitbrüder“ über sein Ausscheiden aus dem Dienst informiert hatte: „Die meisten von Euch werden vermutlich meinen Schritt nicht billigen; ich bitte aber, ihn zu respektieren.“

    Es kam, wie vorhergesehen. Nur einer reagierte auf die Ankündigung. Liebe Mitbrüder. Gemeinschaft des Verstehensund der Toleranz? Oder Ergebnis mit hohem Peinlichkeits-Faktor? Jeder für sich. Keiner für alle.

    Ähnliches wiederholte sich, als ein Mitpriester plötzlich von der Bildfläche verschwand. Der Vorgang kam bei einem priesterlichen Treffen zur Sprache. Wo ließ sich  vertrauter miteinander umgehen als in zwangloser, mitbrüderlicher Atmosphäre? Vage Andeutungen über seine Absichten und Nöte machten die Runde. Viele wussten etwas, rückten aber nicht mit der Sprache heraus. Nichts war zu spüren von Gesprächsbereitschaft oder Gesprächsfähigkeit.

    Hatten wir das Miteinander-Sprechen nicht geübt? Warum gelang uns keine Konflikt-Kommunikation? Warum blieb unser Zusammengehörigkeitsgefühl auf Sparflamme? Warum erwies sich „Solidarität“ zuweilen als leere Worthülse?

    „Auch unter uns Priestern ist das Einander-Verstehen schwerer geworden“, hatte der Erzbischof gesagt und ergänzt, das chinesische Sprichwort „Menschen, die nicht miteinander sprechen, werden einander Feind“ spreche eine deutliche Warnung aus.

    Jeder trat seine eigene Reise an. Wir waren Einzelkämpfer. Wir scheuten das Risiko, uns eine Blöße zu geben. „Der Mut zum Risiko wird belohnt“, lautete eine Schlagzeile in der Tageszeitung. In unserem Fall machte uns das Schutzbedürfnis gegenüber eventuellen feindlichen Einwirkungen von außen mundtot für das, was sich innerhalb der eigenen Bannmeile abspielte.

    Eine Unterstützungsgemeinschaft, die bewusst gemacht hätte, dass wir aufeinander angewiesen waren, hätte anders ausgesehen.

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  • 1. Advent-Sonntag

    1. Advent-Sonntag

    Zum 1. Advent: Windlichter

    Im Gedränge musste ich auf meine Windlichter achten, damit sie nicht zertreten wurden.
    Kein einziges hatte ich verkauft.
    Einpacken wollte ich, um nicht länger in der Kälte ausharren zu müssen. Dann stand die Frau vor mir. Gesehen hatte ich sie nicht. Alle fünf Lichter wollte sie haben. Sie drückte mir einen Geldschein in die Hand; fort war sie. Ich wollte ihr noch erklären, wie man die Lichter vor Wind und Regen schützt. Außerdem bekam sie noch Geld zurück. Ich sah sie nicht mehr.
    Einen Hauch von Mitleid spürte ich. Warum war sie verschwunden?

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  • Kommen und Gehen

    Kommen und Gehen

    „Abschied nehmen von Zurückbleibenden ist das Los derer, die vorangehen wollen“, tröstet eine chinesische Lebensweisheit. „An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser“, ergänzt Charly Chaplin.

    Es gibt Beziehungen und Kontakte, die sich selbst beenden. Man braucht sie nicht für beendet erklären, wenn der gegenseitige Respekt verloren gegangen ist. wenn Widersprüche Gemeinsamkeiten überwuchert haben. Nicht jeder Wackelkontakt ist reparabel. In der Vergangenheit war mir das nicht immer bewusst geworden.

    Menschen wurden mir wichtig, welche die entstandene Leere füllten und kein Verlassenheits-Gefühl in mir aufkommen ließen – Menschen, welche mich nicht allein ließen mit meiner Entscheidung. Auf das Gehen der Einen folgte das Kommen der Anderen. Ich traf  Verbündete und war nicht gezwungen, unbegleitet neue Wege zu gehen.

    Wann ist man auf der Höhe seiner Zeit? Wann steht man im Zenit seines Lebens? Ich kann das für mich nicht eindeutig beantworten. Es gibt viele Höhepunkte; keinen möchte ich missen. Meinen Beruf habe ich als Berufung gesehen, meine Aktivitäten nicht als bloße Aufgaben eines Pflichten zu erfüllenden Gottesmanns verstanden.

    Im Verlauf der Jahre, der persönlichen und beruflichen Erfahrungen, habe ich Prioritäten gewechselt. Verändert haben sich Erlebnisfähigkeit und Erlebnisbereitschaft. Wünsche und Fragen, wie ich leben wollte, habe ich mal lauter, mal leiser geäußert. Die Antworten waren so verschieden wie die Fragen. Wichtig war nicht nur, was ich erreicht hatte, sondern auch, welche Konsequenzen ich daraus ziehen musste.

    Aus Zügen, in die ich eingestiegen war, stieg ich aus, wenn Wege in mein Blickfeld kamen, die mich besser ans Ziel bringen konnten. Lebensentwürfe revidierte ich, wenn ich anders leben und mich nicht an alte Kategorien klammern wollte.

    Davon habe ich mich nicht abbringen lassen, obwohl es Etappen in meiner Geschichte gab mit der berechtigten Erwartung, dass Zukunft daraus werden konnte.

    Ich bin immer noch unterwegs. Keine Umwege, keine Irrwege, keine Irrfahrten waren und sind es, sondern Wege in der Widersprüchlichkeit des Lebens, auch meines Lebens. Oft machten andere mich auf neue Wegstrecken aufmerksam und gingen ein Stück des Weges mit. Allen bin ich dankbar.

    „Menschen, die sich rühmen, ihre Ansicht niemals zu wechseln, sind Toren, die an ihre Unfehlbarkeit glauben.“ Auf den französischen Schriftsteller Honoré de Balzac berufe ich mich nicht. Aber seine Aussage bedeutet mir etwas.

     

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  • Bruchlinien

    Bruchlinien

    Wahrheit ist obdachlos, beklagt ein dänisches Sprichwort und widerspricht der biblischen Erfahrung, Wahrheit mache frei.

    Wahrheit sei dem Menschen zumutbar, betont die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Dann schränkt sie ein, man könne an der Wahrheit auch verzweifeln.

    „Wer sagt, was wahr ist, muss damit rechnen, im Regen zu stehen“, warnt eine Volksweisheit.

    Welche Interpretation kommt der Wirklichkeit am nächsten? Ich will weder darüber reflektieren, noch  moralische Aufrüstung leisten. Mich verteidigen muss ich nicht. Anderen, die sich im Kollektiv-Trauma wähnen, Wege aus ihrer Agonie aufzeigen, sah und sehe ich mich nicht verpflichtet.

    Ich nahm mir die Freiheit, mein Leben neu zu planen und an der richtigen Kreuzung abzubiegen. Um Betroffene bzw. um jene, die ratlos zurück bleiben, kann man sich kümmern und ihnen Mut machen. Legten alle darauf Wert, auch jene, die auf den Zug der Empörung aufgesprungen waren? Ich hatte nicht den Eindruck.

    Einige packten ihre Feldstecher aus und beobachteten mich mit den Augen des mythologischen Ungeheuers Argus. Wie in der Geschichte von der Prinzessin im Märchen suchten sie nach der Erbse, die ihr Unbehagen hervorrief.

    Urteil und Vorurteil fielen zusammen. Es fiel nicht allen leicht, mit der neuen Zeitrechnung umzugehen, die ich ihnen aufgezwungen hatte und die jenseits ihres Begreifen-Wollens lag. Sicher war ihre Unsicherheit.Manchen hatte es Sprache und Gesprächsbereitschaft verschlagen.

    Sie gehörten zu mir und waren plötzlich nicht mit mir. Entfremdung zwischen Personen, die sich lange wohlgesonnen und jetzt fern voneinander waren. Freunde und Bekannte, die nichts mehr von sich hören  ließen.

    An gewissen Türen wurde signalisiert: Bitte nicht stören. Türen schienen verriegelt, als ob feindliche Mächte ins Haus dringen wollten. Wurde geöffnet, hatte ich den Eindruck, von einem anderen Stern zu kommen und ein Gast zu sein, der sich eingeladen hatte, aber nicht willkommen war.

    Störungen im Personen-Nahverkehr. Ich war nicht jemand, mit dem sie, sondern über den sie reden wollten. Vor Häme war ich nicht gefeit.

    Ich schien mich in der Fremde aufzuhalten. Vertrautes war nicht mehr vertraut. Dass Vertrauen ein solch zerbrechliches Gut ist und auf Miniaturgröße schrumpfen kann, hatte ich nicht bedacht. Einiges, einige musste ich zurücklassen, ohne Abschied nehmen zu können.

    Mich ließ das nicht gleichgültig. Fürchtete man sich vor etwas, wusste aber nicht wovor? Wer hatte sich von wem entfernt – sie von mir, ich von ihnen? Wer hatte sich wem entfremdet? Ich war unter empörungsbereite Blicke geraten, unter Augen, die Abneigung und Abwehr signalisierten.

    Es begann das Vergessen. Orte, mit denen sich konkrete Ereignisse verbanden, drohten zum Niemandsland zu werden. Ich passte nicht mehr hierher. Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes verblassten.

    Sollte ich das ignorieren oder Klartext reden? „Wiedererkannt hat ihn nur sein alter Hund.“ Das beklagt der in der DDR aufgewachsene Schriftsteller Günter Kunert in einem Gedicht, in dem er die Beziehungen der Menschen im wiedervereinigten Deutschland beschreibt.

    Bruchlinien zeigten sich, die Ressentiments aufdeckten. Sie offenbarten, wie wenig belastbar unser Verhältnis gewesen war. Vergangenes lieben, Gegenwart nicht wahrhaben wollen – eine beklemmende Erfahrung. Es waren jene da, die zu mir hielten, und andere, die mich fallen ließen.

    „Kennen wir uns nicht?“ hätte ich fragen können. Fluch und Segen lagen dicht beieinander. Erfahrungen, die sich nicht weg wünschen ließen. Der Neubeginn hatte seinen Preis.

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  • Beredtes Schweigen

    Beredtes Schweigen

    Fast vierzig Jahre sind vergangen, seit ich Verwandte, Bekannte und Freunde wissen ließ: „Unser Erzbischof wird mich in diesen Tagen von den Aufgaben des priesterlichen Dienstes entpflichten. Ich teile es mit, ehe es offiziell verlautet. Meine Bitte ist es, mein Ausscheiden aus dem Amt als Gewissensentscheidung zu akzeptieren.“ Ich wollte sie informieren, wenn auch nur mit ein paar Worten.

    Vielen war mein bisheriger Lebens- und Berufsweg vertraut. Einige hatten Stationen zusammen mit mir erlebt. Der eine oder andere mochte geahnt haben, dass dieser Schritt kommen würde, hatte Vermutungen geäußert und Schlussfolgerungen gezogen.

    Jetzt sollten sie „aus erster Hand“ erfahren, wie ich mir meine Zukunft vorstellte. Sie brauchten nicht zu spekulieren oder Getuscheltes zurecht interpretieren. Sie sollten keine Cocktails aus Halbwahrheiten und Spekulationen mixen, aus Nachrede und Gerüchten. Kollektiven Phantasien wollte ich den Nährboden entziehen. Dennoch war nicht zu verhindern, dass die Nachricht  mit etlichen Zutaten aus der Gerüchteküche angereichert wurde.

    Man gewöhnt sich an alles: An Kälte und Hitze, an Sonnenschein und Regen, an die Ungereimtheiten des Lebens.“ Der Naturforscher Alexander von Humboldt schrieb das einer Freundin. Gewöhnten sich Verwandte, Bekannte, Freunde an meine Entscheidung?

    Sie sprechen nicht mehr darüber, zumindest nicht in meiner Gegenwart. Wenn ich in ihren Gesichtern blättere, ist darin zu lesen, dass sie sich von meiner Entscheidung immer noch betroffen fühlen. Sie reden wenig. Desto eindringlicher schweigen sie.

    Soll der Mantel des Schweigens ihre Unsicherheit bedecken? Beredtes Schweigen? Ob sie sich sorgen, dass zu viel geredet wird und dass zu viele Worte neue Empfindlichkeiten hervorrufen? Verbirgt sich hinter Gesprächsverweigerung Misstrauen oder Zustimmung? Schweigen kann tödlich sein, beunruhigender als das, was gesagt wird. Eindeutiger wäre ein Ja oder Nein.

    Andererseits muss ich akzeptieren, dass aus ihrer Verwunderung nicht immer Bewunderung geworden ist. Auch Schweigen ist eine Antwort, wenn auch eine interpretationsbedürftige.

    „Ich ziehe es vor zu schweigen, wo mir das Verständnis fehlt.“ Der antike griechische Dichter Sophokles hat den Satz dem König Ödipus in den Mund gelegt. Gilt  er immer noch?

    Schweigen sei besser, als zur Unzeit Worte verlieren, sagen einige. Schweigen schaffe Frieden, meinen andere. Wenn jemand schweigt, der einem nahe steht, zwingt sein Schweigen zum Nachdenken. Wenn Schweigen zum Grab für bisherige Freundschaft zu werden droht und man in leere Gesichter blickt, ist es dann nicht an der Zeit zu reden und Gründe zu benennen für ein plötzliches Kommunikationsdefizit? Wie soll man sich verhalten, wenn man sich für sein Gegenüber scheinbar in Luft aufgelöst hat, obwohl man leibhaftig vor ihm steht?

    Ich nötige niemanden zum Reden, sondern habe gelernt, jedem sein Schweigen zu belassen, seine Sprachlosigkeit zu respektieren. Das hilft ihm vielleicht, mit mir umzugehen. Schweigend bieten mir manche Paroli und finden so einen Weg, sich mir gegenüber zu behaupten.

    Ich will ihnen diesen Weg nicht verbauen. Wir werden schweigend kommunizieren, wenn sie das möchten. Leicht fällt mir das nicht. Manchmal verlangt das Leben jedoch, sich so zu verhalten, wie man es bis dahin nicht gewollt hatte.

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  • Das  musst du wissen

    Das musst du wissen

    Wenn man eine Entscheidung treffen will und sie dann nicht trifft, hat man sich auch entschieden. So ging ich nicht vor. Ich wollte mich nicht dispensieren von meinem Handeln-Müssen.

    Meine priesterliche Tätigkeit, die ich zwölf Jahre lang ausgeübt hatte, wollte und konnte ich nicht fortsetzen. Ich war jedoch bestrebt, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten und mir nicht vorwerfen bzw. vorwerfen zu lassen, unentschieden zu sein. Wenn sich später herausstellen sollte, dass ich besser nicht so gehandelt hätte, würde ich zu meiner Entscheidung stehen.

    Meine Eltern lebten nicht mehr. Mein Vater war in Russland gefallen. Meine Mutter begleitete bis zu ihrem Tod einige Stationen meines priesterlichen Weges und versorgte vorübergehend meinen Haushalt. Wie hätte sie die Rücknahme der von mir getroffenen Entscheidung, Priester zu werden, aufgenommen? Ich glaube annehmen zu können, so wie sie auf mein Ja zum Priestertum reagiert hatte: „Das musst du selbst wissen.“

    Als sie starb, war ich ein gestandener Mann und bereits etliche Jahre in Pfarreien und Schulen tätig. Dennoch ging mit ihrem Tod ein Lebensabschnitt auch von mir zu Ende. Ich habe mich nicht gescheut, oft ihre Meinung einzuholen. Ihre Bemerkung aus früheren Jahren „Ich denke selbst“ war haften geblieben. Er ermutigte mich, ihren Rat anzuhören.

    „Was meinst du, wenn ich . . .“ Wenn ich so fragte, antwortete sie gelegentlich: „Frag mich morgen noch einmal.“ Dann wusste ich, dass ich nicht mehr zu fragen brauchte. Sie kannte meine Fähigkeiten, wusste um meine Grenzen. Ohne viele Worte trug sie dazu bei, dass ich Realist blieb und mir ein Gespür für das Machbare bewahrte.

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  • Katholisches Profil

    Katholisches Profil

    Wie kam die Nachricht bei denen an, die sich im Laufe meiner Dienstjahre gelegentlich kritisch geäußert hatten?

    „Ich möchte heute auf die hl. Messe zurückkommen, die Sie mit uns feierten.“ Ich hatte mit jungen Ehepaaren ein Wochenende verbracht und Gottesdienst mit ihnen gefeiert. Der Briefschreiber gehörte mit seiner Familie dazu. Er wolle mich nicht verletzen oder entmutigen, versicherte er. Dennoch zählte er Vergehen auf, derer ich mich schuldig gemacht hatte. Sein Brief sei „ von der Sorge getragen, unseren katholischen Glauben und die Einheit der Kirche zu erhalten.“ Er wolle mir in meinem Priesteramt helfen.

    Nicht im Namen der Kirche oder einer kirchlichen Kommission wandte er sich an mich. Es war sein Brief. Mehr als ein Brief.

    Der Vorgang, auf den er sich berief, lag Monate zurück. „Sie haben die Wandlung von Brot und Wein nicht nacheinander, wie vorgeschrieben, sondern gemeinsam vorgenommen,“ Ein liturgischer Traktat begann – verbindlich, aber unmissverständlich. Die Konsekration von Brot und Wein müsse nacheinander vorgenommen werden. Ein erster Befreiungsschlag.

    „Sie haben die Kommunion evangelischen Christen gereicht.“ Das war nicht erlaubt. Der Erzbischof hatte dem Schreiber in einer Schrift zur „Interkommunion“ eine Steilvorlage geliefert. Auf sie konnte er sich erstens, zweitens, drittens berufen. Evangelischen Christen durfte die Kommunion nur gereicht werden, „wenn der betreffende evangelische Christ im Hinblick auf die Eucharistie katholisch denkt“, hatte der Erzbischof formuliert.

    Einige Teilnehmer, auf die sich der Briefschreiber bezog, waren evangelischen Bekenntnisses; ihre Partner waren katholisch. Wie katholisch oder evangelisch sie dachten und lebten, entschied jeder für sich.

    „Ein katholischer Priester, der evangelischen Christen die heilige Kommunion reicht, verstößt gegen die kirchliche Ordnung, auf deren Anerkennung er sich feierlich verpflichtet hat.“ Der Schreiber vermisste mein katholisches Profil. Am bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, wie ihn die Kirche verkündet, hatte ich gerüttelt.

    Ich fühlte mich getroffen, betroffen von den Aussagen, mit denen ich konfrontiert wurde. Eine Empfehlung des Briefschreibers mobilisierte besonders meinen inneren Widerstand: Ich möge doch prüfen, ob bei den betreffenden Personen der Wunsch einer zur Konversion zum katholischen Glauben bestehe. In Mischehen werde das Schwierigkeiten beseitigen und irreguläres Verhalten verhindern.

    Ich sah mich nicht veranlasst, eine Debatte zu führen. Den angesprochenen Zumutungen verweigerte ich mich. Ein bekannter Dogmatiker hatte sich anerkennend geäußert, wenn Christen verschiedenen Bekenntnisses sich zu offenen Kommunion-Feiern trafen. Ihr mache den Kirchen den Skandal der Trennung bewusst.

    Dem Teilnehmerkreis blieb der Briefschreiber von da ab fern. Das aus seiner Sicht Gott wohlgefällige Leben, welches in Beruf und Familie zu führen war, konnte mit dem Leben eines Priesters nicht kompatibel sein, der sich nicht an kirchliche Normen hielt.

    Wie der Schreiber zwei Jahre später meine Laisierung beurteilte, teilte er mir mit. „Wir akzeptieren diesen Schritt, wenngleich wir sehr traurig sind.“ Seine Familie stand einer Organisation nahe, deren Gründer von Papst Johannes Paul II. zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Sie nennen sich Christen „mitten in der Welt“ und vergleichen sich mit geistlichen Tankstellen, die über das Land verstreut sind.

    Das nahm ich zur Kenntnis und respektierte es. Ich tanke woanders.

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  • Verwirrung

    Verwirrung

    Die Gemeinde, in der ich aufgewachsen war, und die Familie, die meinen Weg zum Priestertum unterstützt hatte, schwebten nicht im siebten Himmel, als die Nachricht von meiner Laisierung von Mund zu Mund durch das Dorf gereicht wurde.

    Das durfte nicht wahr sein. Ein Ereignis, mit dem nicht zu rechnen war. Eine Enttäuschung, auf die man nicht vorbereitet war. Es war, als habe aufbrausender Wind die Kronen der Bäume in Unruhe versetzt. Kollektives Jammern und Aufschrei Kirchentreuer. Vormalige Bewunderer verstummten.

    Manche fragten sich, ob sie einer Fehleinschätzung oder dem Irrtum ihrer Faszination erlegen waren und ergingen sich in Fassungslosigkeit. Ein aus ihrer Sicht gescheiterter Gottesmann, der Regelverletzungen in Kauf nahm und bedenkenlos kirchliche Grundsätze über den Haufen warf.

    Hatte er nicht Prinzipientreue gepredigt? Warum wurde er eigenen Kriterien nicht gerecht? Das passte nicht in ihre Vorstellungen. Eine Mischung aus schlimmen Enttäuschungen und hohen Erwartungen.

    Ihr Bild vom vollkommenen Priester zerbröselte. Dass ich losließ, was ich für sie gewesen war, hatte meinen Sturz aus dem Götterhimmel zur Folge. Ich bot  Angriffsflächen. Der Zustand der Gnade, den sie mir zugebilligt hatten, und die wunderbare Welt von damals fanden ein jähes Ende. Der Wegweiser, auf den sie sich verlassen hatten, ging selbst nicht den Weg, den er gewiesen hatte. Welches Bild von mir blieb? Welches Bild rückte an seine Stelle?

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  • Verständnis

    Verständnis

    Es würden sich keine Abgründe auftun, wenn ich den priesterlichen Dienst quittierte. Ich vertraute darauf, auf meinem künftigen Weg Begleiter zu haben.

    Ein Kreis junger Familien gehörte dazu. Da wir uns seit vielen Jahren in einer Gesprächsrunde trafen, wussten wir voneinander, vertrauten einander. Ihre Briefe, ihre Worte machten mir Mut:

    „Der von Ihnen gefasste Entschluss kam für uns nicht völlig überraschend. Wir möchten Ihnen alles Gute und Schöne wünschen. Vor allem möge sich unsere Freundschaft vertiefen.“

    „Ich wünsche Ihnen Freunde, hilfreiche und störende. Sie brauchen Freunde. Andere brauchen Sie als Freund.“

    „Unser Wunsch ist es, dass unsere freundschaftliche Beziehung durch Ihre Entscheidung gefestigt wird. Wir sind dankbar für alles, was uns verbindet.“

    „Ich wünsche mir, dass der Geist, den Sie in unseren Kreis und in unsere Familien getragen haben, bei uns bleiben möge.“

    „Wechselnde Pfade, Schatten und Licht. Alles ist Gnade, fürchte dich nicht.“

    Wer ins Rutschen gekommen ist, kann sich an nichts klammern – die Negativ-Prophezeiung traf nicht zu. Das galt auch für die Frau, die ich heiraten wollte. „Viel sehen und hören, aber wenig sagen, ist gut und nützlich an allen Tagen.“ Das hatten viele beherzigt, die uns nahe standen. Wir durften zuversichtlich unsere Zukunft planen und auf eine zumindest schweigende Zustimmung derer hoffen, die uns kannten. Ein Wunschdenken, wie sich herausstellte.

    „Was man wünscht, glaubt man gern“, soll Cäsar gesagt haben. Verstanden zu werden, lässt sich erhoffen, nicht einfordern. Das Wünschen hat, wird behauptet, immer schon geholfen. Dennoch brechen sich Wünsche oft an Wirklichkeiten, die eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Jede noch so ehrliche Gewissensentscheidung muss von jenen angenommen werden, mit denen man in Kontakt kommen oder bleiben möchte.

    Nicht allen fiel es leicht, meinen Entschluss  zu akzeptieren. Hätte ich mich vergewissern sollen, wie andere reagieren würden? Hätte ich prüfen müssen, welche gesellschaftlichen Zwänge meinen Plänen entgegenstanden?

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